Verbetes com a letra

Projeto Franz Kafka

  • “Unter meinen Mitschülern…” (1909)

    Unter meinen Mitschülern war ich dumm, doch nicht der dümmste. Und wenn trotzdem das Letztere von einigen meiner Lehrer meinen Eltern und mir gegenüber nicht selten behauptet worden ist, so haben sie es nur in dem Wahne vieler Leute getan, welche glauben, sie hätten die halbe Welt erobert, wenn sie ein so äußerstes Urteil wagen.

    Daß ich aber dumm sei, glaubte man allgemein und wirklich man hatte gute Beweise dafür, die leicht mitgeteilt werden konnten, wenn vielleicht ein Fremder über mich zu belehren war, der anfangs einen nicht üblen Eindruck von mir bekommen hatte und dies vor andern nicht verschwieg.

    Darüber mußte ich oft mich ärgern und auch weinen. Und es sind dies damals die einzigen Augenblicke gewesen, wo ich mich unsicher im gegenwärtigen Gedränge und verzweifelt vor dem zukünftigen fühlte, theoretisch unsicher, theoretisch verzweifelt allerdings, denn kam es zu einer Arbeit gleich darauf war ich sicher und zweifellos, fast also wie der Schauspieler, der aus der Koulisse im Anlauf stürmt, weit von der Bühnenmitte einen Augenblick stehen bleibt, die Hände meinetwegen an die Stirne gelegt, während die Leidenschaft die gleich darauf notwendig werden soll, in ihm so groß geworden ist, daß er sie nicht verbergen kann, trotzdem er mit verkniffenen Augen sich die Lippen zerbeißt. Die gegenwärtige, halb vergangene Unsicherheit erhebt die aufgehende Leidenschaft und die Leidenschaft stärkt die Unsicherheit. Unaufhaltsam bildet sich eine Unsicherheit von neuem, die beide und uns umschließt.

    Darum machte es mich verdrießlich mit fremden Leuten bekannt zu werden. Ich war schon unruhig, wenn mich manche so entlang der Nasenwände ansahn wie man aus einem kleinen Hause durch das Fernrohr über den See schaut oder gar in das Gebirge und die bloße Luft. Da wurden lächerliche Behauptungen vorgebracht, statistische Lügen, geographische Irrthümer, Irrlehren, ebenso verboten wie unsinnig, oder tüchtige politische Ansichten, achtbare Meinungen über actuelle Ereignisse, lobenswerte Einfälle, den Sprecher wie die Gesellschaft fast gleich überraschend und alles wurde bewiesen wieder durch den Blick der Augen, einen Griff an die Tischkante oder indem man vom Sessel sprang. Sobald sie so anfiengen, hörten sie gleich auf dauernd und streng einen anzusehn, denn von selbst beugte sich ihr Oberkörper aus seiner gewöhnlichen Haltung vor oder zurück. Einige vergaßen geradezu an ihre Kleider (knickten die Beine scharf in den Knien ein, um sich nur auf die Fußspitzen zu stützen oder preßten den Rock in Falten mit großer Kraft an die Brust), andere nicht, viele hielten sich mit ihren Fingern an einem Zwicker, an einem Fächer, an einem Bleistift, an einem Lorgnon, an einer Cigarette fest und den meisten, hatten sie auch eine feste Haut, erhitzte sich doch ihr Gesicht. Ihr Blick glitt von uns ab, wie ein erhobener Arm niederfällt.

    Ich wurde in meinen natürlichen Zustand eingelassen, es stand mir frei, zu warten und dann zuzuhören, oder wegzugehn und mich ins Bett zu legen, worauf ich mich immer freute, denn ich war oft schläfrig, da ich schüchtern war. Es war wie eine große Tanzpause, in der nur wenige sich für das Weggehn entscheiden, die meisten wartend hier und dort stehen oder sitzen während die Musiker, an die niemand denkt, sich irgendwo zum Weiterspielen stärken. Nur war es nicht so ruhig und es mußte nicht jeder die Pause bemerken, sondern es waren viele Bälle zu gleicher Zeit im Saal.

    Durch dies alles spürte ich noch meine Furcht, diese Furcht vor einem Manne, dem ich ganz ohne Gefühl die Hand gereicht hatte, dessen Namen ich nicht kannte, wenn nicht vielleicht einer seiner Freunde seinen Vornamen ausgerufen hatte und dem ich am Ende stundenlang gegenübergesessen war, vollkommen ruhig, nur ein wenig ermattet, wie es junge Leute sind, durch selbst selten nur mir zugewendete Blicke dieser erwachsenen Person.

    Ich hatte, nehmen wir das an, einigemal meine Blicke den seinen begegnen lassen und hatte unbeschäftigt wie ich war, da doch niemand mit mir rechnete, länger in seine guten blauen Augen zu schauen versucht, sei es daß man damit förmlich die Gesellschaft verläßt. Und wenn dies nicht gelungen war, so bewies dies ebenso nichts wie die Tatsache des Versuches. Gut, es gelang mir nicht, ich zeigte diese Unfähigkeit gleich beim Beginn und konnte sie auch später keinen Augenblick verbergen, doch auch die Füße ungeschickter Schlittschuhläufer wollen jeder nach einer andern Richtung und beide vom Eise weg. Bestünde ein sonst tüchtig ……………..

    ….schen und einen Klugen, der aber weder vor oder neben oder hinter diesem Hundert war, so daß man ihn gleich und leicht hätte bemerken können, sondern der mitten unter den andern war, so daß man nur von einem sehr erhöhten Platz ihn sehen konnte und auch dann sah man nur, wie er verschwand. So hat mein Vater über mich geurteilt, der ein besonders in der politischen Welt meines Vaterlandes sehr angesehener und erfolgreicher Mann gewesen ist. Ich habe diesen Ausspruch zufällig gehört, als ich vielleicht siebzehn Jahre alt bei offener Tür im Zimmer neben meines Vaters Zimmer in einem Indianerbuch gelesen habe. Die Worte fielen mir damals auf, ich merkte sie mir, aber Eindruck haben sie nicht im kleinsten auf mich gemacht. Wie es meist geschieht, daß auf junge Leute allgemeine Urteile über sie selbst keine Wirkung machen. Denn entweder noch völlig in sich ruhend oder doch immerfort in sich zurückgeworfen fühlen sie ihr Wesen laut und stark, wie eine Regimentsmusik. Das allgemeine Urteil aber hat ihnen unbekannte Voraussetzungen, unbekannte Absichten, wodurch es von allen Seiten unzugänglich ist; es gibt sich als Spaziergänger auf der Insel im Teich, wo nicht Boote noch Brücken sind, hört die Musik, wird aber nicht gehört.

    Damit will ich aber nicht die Logik junger Leute angegriffen

  • “Beschreibung eines Kampfes” (1904-1911)

    “Fassung A”

    Und die Menschen gehn in Kleidern
    schwankend auf dem Kies spazieren
    unter diesem großen Himmel,
    der von Hügeln in der Ferne
    sich zu fernen Hügeln breitet.

    Gegen zwölf Uhr standen schon einige Leute auf, verbeugten sich, reichten einander die Hände, sagten, es wäre sehr schön gewesen und giengen dann durch den großen Thürrahmen ins Vorzimmer, sich anzukleiden. Die Hausfrau stand mitten in dem Zimmer und machte bewegliche Verbeugungen, während ihr Kleid gezierte Falten warf.

    Ich saß an einem kleinen Tischchen – es hatte drei gespannte dünne Beine – nippte gerade an dem dritten Gläschen Benediktiner und übersah im Trinken zugleich meinen kleinen Vorrath von Backwerk, das ich selbst ausgesucht und aufgeschichtet hatte, denn es hatte einen feinen Geschmack.

    Da kam mein neuer Bekannter zu mir und ein wenig zerstreut über meine Beschäftigung lächelnd sagte er mit zitternder Stimme: “Verzeihen Sie, daß ich zu Ihnen komme. Aber ich saß bis jetzt mit meinem Mädchen allein in einem Nebenzimmer. Von halb elf an, das ist noch gar nicht lange her. Verzeihen Sie, daß ich es Ihnen sage. Wir kennen ja einander nicht. Nicht wahr, auf der Treppe trafen wir einander und erzählten einander ein paar höfliche Worte und jetzt rede ich zu Ihnen schon von meinem Mädchen, aber Sie müssen mir – ich bitte – verzeihen, das Glück hält es nicht in mir aus, ich konnte mir nicht helfen. Und da ich sonst keine Bekannten hier habe, denen ich vertraue – “

    So redete er. Ich aber sah ihn traurig an, – denn das Stück Fruchtkuchen, das ich im Munde hatte, schmeckte nicht gut – und sagte in sein hübsch geröthetes Gesicht: “Ich bin froh darüber, daß ich Ihnen vertrauenswürdig scheine, aber traurig darüber, daß Sie es mir erzählten. Und Sie selbst – wären Sie nicht so verwirrt – würden es fühlen, wie unpassend es ist, einem der allein sitzt und Schnaps trinkt, von einem liebenden Mädchen zu erzählen. “

    Als ich das gesagt hatte, setzte er sich mit einem Ruck nieder, legte sich zurück und ließ seine Arme hängen. Dann drückte er sie mit gespitztem Ellbogen zurück und begann mit ziemlich lauter Stimme vor sich hinzusprechen: “Wir sind dort ganz allein im Zimmer – gesessen – mit der Annerl und ich habe sie geküßt – geküßt – habe ich – sie – auf – ihren Mund, ihr Ohr, ihre Schultern – “

    Einige Herren, die in der Nähe standen und ein lebhaftes Gespräch vermutheten, kamen gähnend zu uns. Daher stand ich auf und sagte laut: “Gut, wenn Sie wollen, so gehe ich, aber es ist thöricht, jetzt auf den Laurenziberg zu gehn, denn das Wetter ist noch kühl und da ein wenig Schnee gefallen ist, sind die Wege wie Schlittschuhbahnen. Aber wenn Sie wollen, gehe ich mit. “

    Zuerst sah er mich staunend an und öffnete seinen Mund mit den breiten und rothen nassen Lippen. Dann aber, als er die Herren sah, die schon ganz in der Nähe waren, lachte er, stand auf und sagte: “0 doch, die Kühle wird gut thun, unsere Kleider sind voll Hitze und Rauch, ich bin vielleicht auch ein wenig betrunken, ohne viel getrunken zu haben, ja, wir werden uns verabschieden und dann werden wir gehn. “

    Also giengen wir zur Hausfrau und als er ihr die Hand küßte, sagte sie: “Wirklich, ich bin froh, daß Ihr Gesicht heute so glücklich ist, sonst ist es immer so ernst und gelangweilt. ” Die Güte dieser Worte rührte ihn und er küßte noch einmal ihre Hand; da lächelte sie.

    Im Vorzimmer stand ein Stubenmädchen, wir sahen sie jetzt zum erstenmal. Sie half uns in die Überröcke und nahm dann eine kleine Handlampe, um uns über die Treppe zu leuchten. Ja, das Mädchen war schön. Ihr Hals war nackt und nur unter dem Kinn von einem schwarzen Sammtband umbunden und ihr lose bekleideter Körper war schön gebeugt, als sie vor uns die Treppe hinunterstieg die Lampe niederhaltend. Ihre Wangen waren geröthet, denn sie hatte Wein getrunken und ihre Lippen waren halbgeöffnet.

    Unten an der Treppe stellte sie die Lampe auf eine Stufe nieder, gieng ein wenig taumelnd auf meinen Bekannten zu und umarmte ihn und küßte ihn und blieb in der Umarmung. Erst als ich ihr ein Geldstück in die Hand legte, löste sie schläfrig ihre Arme von ihm, öffnete langsam das kleine Hausthor und ließ uns in die Nacht.

    Über der leeren, gleichmäßig erhellten Straße stand ein großer Mond in einem leicht bewölkten und dadurch weiter ausgebreiteten Himmel. Auf dem Boden lag ein zarter Schnee. Die Füße glitten aus beim Gehn, daher mußte man kleine Schritte thun.

    Kaum waren wir ins Freie getreten, als ich offenbar in große Munterkeit gerieth. Ich hob die Beine übermüthig und ließ die Gelenke lustig knacken, ich rief über die Gasse einen Namen hin, als sei mir ein Freund um die Ecke entwischt, ich warf den Hut im Sprunge hoch und fieng ihn prahlerisch auf.

    Mein Bekannter aber gieng unbekümmert neben mir her. Er hielt den Kopf geneigt. Er redete auch nicht.

    Das wunderte mich, denn ich hatte erwartet, seine Freude würde ihn toll machen, wenn die Gesellschaft nicht mehr um ihn wäre; ich wurde stiller. Gerade hatte ich ihm einen aufmunternden Schlag über den Rücken gegeben, als mich Scham ergriff, so daß ich meine Hand ungeschickt zurückzog. Da sie mir unnöthig war, steckte ich sie in die Tasche meines Rockes.

    Wir giengen also schweigend. Ich achtete darauf, wie unsere Schritte klangen und konnte nicht begreifen, daß es mir unmöglich war in gleichem Schritt mit meinem Bekannten zu bleiben. Es erregte mich ein wenig. Der Mond war klar, man konnte deutlich sehn. Hie und da lehnte jemand in einem Fenster und betrachtete uns.

    Als wir in die Ferdinandsstraße kamen, bemerkte ich, daß mein Bekannter eine Melodie zu summen begann; es war ganz leise, aber ich hörte es. Ich fand, daß es für mich beleidigend sei. Warum sprach er nicht mit mir? Wenn er mich aber nicht nöthig hatte, warum hatte er mich nicht in meiner Ruhe gelassen. Ich erinnerte mich ärgerlich an das gute süße Zeug, das ich seinetwegen auf meinem Tischchen liegen gelassen hatte. Ich erinnerte mich auch an den Benediktiner und wurde ein wenig lustiger, fast hochmüthig kann man sagen. Ich stemmte die Hände in die Hüften und bildete mir ein, ich gienge selbstständig spazieren. Ich war in Gesellschaft gewesen, hatte einen undankbaren jungen Menschen vor Beschämung gerettet und gieng jetzt im Mondlicht spazieren. Eine in ihrer Natürlichkeit grenzenlose Lebensweise. Den Tag über im Amt, Abends in Gesellschaft, in der Nacht auf den Gassen und nichts übers Maß.

    Doch, mein Bekannter gieng noch hinter mir, ja er beschleunigte sogar seinen Gang, als er merkte, daß er zurückgeblieben war und that, als wäre das etwas Natürliches. Ich aber überlegte, ob es nicht vielleicht passend wäre, in eine Seitengasse einzubiegen, da ich doch zu einem gemeinsamen Spaziergang nicht verpflichtet war. Ich konnte allein nachhause gehn und keiner durfte mich hindern. In meinem Zimmer würde ich die Stehlampe anzünden, welche in dem eisernen Gestelle auf dem Tische ist, ich würde mich in meinen Armstuhl setzen, der auf dem zerrissenen morgenländischen Teppich steht. – Als ich soweit war, überfiel mich die Schwäche, die immer über mich kommt, sobald ich daran denken muß, wieder in meine Wohnung zu gehn und wieder Stunden allein zwischen den bemalten Wänden zu verbringen und auf dem Fußboden, welcher in dem an der Rückwand aufgehängten Goldrahmenspiegel schräg abfallend erscheint. Meine Beine wurden müde und schon war ich entschlossen auf jeden Fall nachhause zu gehn und mich in mein Bett zu legen, als mir der Zweifel kam, ob ich jetzt beim Weggehn meinen Bekannten grüßen solle oder nicht. Aber ich war zu furchtsam, um ohne Gruß wegzugehn und zu schwach, um laut rufend zu grüßen, daher blieb ich wieder stehn, stützte mich an eine mondbeschienene Häusermauer und wartete.

    Mein Bekannter kam in fröhlichem Schritt und wohl auch ein wenig besorgt. Er machte große Anstalten, zwinkerte jetzt mit seinen Augenlidern, streckte die Arme wagrecht in die Luft, reckte heftig seinen Kopf, auf dem ein harter schwarzer Hut war, zu mir empor und schien mit alledem zeigen zu wollen, er verstehe den Scherz sehr gut zu würdigen, den ich zu seiner Belustigung hier vorführte.

    Ich war hilflos und sagte leise: “Heute ist ein lustiger Abend. ” Dabei gab ich ein mißlungenes Lachen von mir. Er antwortete: “Ja, und haben Sie gesehn, wie auch das Stubenmädchen mich küßte. ” Ich konnte nicht reden, denn mein Hals war voll Thränen, daher versuchte ich, wie ein Posthorn zu blasen, um nicht stumm zu bleiben. Er hielt sich zuerst die Ohren zu, dann schüttelte er freundlich dankend meine rechte Hand. Die muß sich kalt angefühlt haben, denn er ließ sie gleich los und sagte: “Ihre Hand ist sehr kalt, die Lippen des Stubenmädchens waren wärmer, o ja. ” Ich nickte verständig. Während ich aber den lieben Gott bat, mir Standhaftigkeit zu geben, sagte ich: “Ja, Sie haben recht, wir werden nachhause gehn, es ist spät und morgen früh habe ich Amt; bedenken Sie, man kann ja dort schlafen, aber es ist nicht das Rechte. Sie haben recht, wir werden nachhause gehn. ” Dabei reichte ich ihm die Hand, als sei die Sache endgiltig erledigt. Er aber gieng lächelnd auf meine Redeweise ein: “Ja, Sie haben Recht, eine solche Nacht will nicht im Bette verschlafen sein. Bedenken Sie doch, wieviele glückliche Gedanken man mit der Bettdecke erstickt, wenn man allein in seinem Bette schläft und wieviel unglückliche Träume man mit ihr wärmt. ” Und aus Freude über diesen Einfall, faßte er vorn an der Brust – höher reichte er nicht – kräftig meinen Rock, und schüttelte mich mit Laune; dann kniff er seine Augen zusammen und sagte vertraulich: “Wissen Sie, wie Sie sind, komisch sind Sie. ” Dabei begann er weiter zu gehn und ich folgte ihm, ohne es zu merken, denn mich beschäftigte sein Ausspruch.

    Zuerst freute es mich, denn es schien zu zeigen, daß er etwas in mir vermuthete, was zwar nicht in mir war, aber mich bei ihm in Beachtung brachte dadurch, daß er es vermuthete. Ein solches Verhältnis macht mich glücklich. Ich war zufrieden, nicht nachhause gegangen zu sein und mein Bekannter wurde für mich sehr wertvoll als einer, der mir vor den Menschen Wert gibt, ohne daß ich ihn erst erwerben muß! Ich sah meinen Bekannten mit liebevollen Augen an. In Gedanken schützte ich ihn gegen Gefahren, besonders gegen Nebenbuhler und eifersüchtige Männer. Sein Leben wurde mir theuerer als meines. Ich fand sein Gesicht schön, ich war stolz auf sein Glück bei den Frauenzimmern und ich nahm an den Küssen theil, die er an diesem Abend von den zwei Mädchen bekommen hatte. Oh, dieser Abend war lustig! Morgen wird mein Bekannter mit Fräulein Anna reden; gewöhnliche Dinge zuerst, wie es natürlich ist, aber dann wird er plötzlich sagen: “Gestern in der Nacht war ich mit einem Menschen beisammen, wie Du ihn liebes Annerl, sicher noch nie gesehen hast. Er sieht aus, – wie soll ich es beschreiben – wie eine Stange in baumelnder Bewegung auf die ein gelbhäutiger und schwarzbehaarter Schädel ein wenig ungeschickt aufgespießt ist. Sein Körper ist mit vielen, ziemlich kleinen, grellen, gelblichen Stoffstücken behängt, die ihn gestern vollständig bedeckten, denn in der Windstille dieser Nacht lagen sie glatt an. Er gieng schüchtern neben mir. Du mein liebes Annerl, die Du so gut küssen kannst, ich weiß, Du hättest ein wenig gelacht und ein wenig Dich gefürchtet, ich aber, dessen Seele ganz zerflogen ist vor Liebe zu Dir, freute mich seiner Gegenwart. Er ist vielleicht unglücklich und darum schweigt er still und doch ist man neben ihm in einer glücklichen Unruhe, die nicht aufhört. Ich war ja gestern gebeugt von eigenem Glück, aber fast vergaß ich an Dich. Es war mir als höbe sich mit den Athemzügen seiner platten Brust die harte Wölbung des gestirnten Himmels. Der Horizont brach auf und unter entzündeten Wolken wurden Landschaften sichtbar endlos, so wie sie uns glücklich machen. – Mein Himmel, wie liebe ich Dich Annerl und Dein Kuß ist mir lieber als eine Landschaft. Reden wir nicht mehr von ihm und haben wir einander lieb. “

    Als wir dann mit langsamen Schritten den Quai betraten, beneidete ich zwar meinen Bekannten um die Küsse, aber ich empfand auch mit Fröhlichkeit die innere Beschämung, die er mir gegenüber, so wie ich ihm erschien, wohl fühlen mußte.

    So dachte ich. Aber meine Gedanken verwirrten sich damals, denn die Moldau und die Stadtviertel am andern Ufer lagen in einem Dunkel. Nur einige Lichter brannten und spielten mit den schauenden Augen.

    Wir standen am Geländer. Ich zog meine Handschuhe an, denn vom Wasser wehte es kalt; dann seufzte ich ohne Grund auf, wie man es vor einem Fluß in der Nacht wohl thun mag, und wollte weiter gehn. Aber mein Bekannter schaute ins Wasser und rührte sich gar nicht. Dann trat er noch näher an das Geländer, stützte die Arme mit den Ellenbogen auf das Eisen nieder und legte die Stirne in seine Hände. Das schien mir thöricht. Ich fror und stülpte meinen Rockkragen in die Höhe. Mein Bekannter streckte sich und legte den Oberkörper, der jetzt auf seinen gespannten Armen ruhte, über das Geländer. Beschämt beeilte ich mich zu reden, um mein Gähnen zu unterdrücken: “Nicht wahr, es ist doch merkwürdig daß gerade die Nacht nur imstande ist, uns ganz in Erinnerungen zu tauchen. Jetzt zum Beispiel erinnere ich mich an dieses: Einmal saß ich auf einer Bank am Ufer eines Flusses am Abend in verrenkter Haltung. Ich sah, den Kopf auf den Arm gelegt, der auf der hölzernen Lehne der Bank auflag, die wolkenhaften Berge des andern Ufers und hörte eine zarte Geige, die jemand im Strandhotel spielte. Auf beiden Ufern fuhren hin und wieder schiebende Züge mit erglänzendem Rauch. ” – So redete ich und suchte krampfhaft hinter den Worten Liebesgeschichten mit merkwürdigen Lagen zu erfinden; auch ein wenig Roheit und feste Nothzucht brauchte nicht zu fehlen.

    Aber ich brachte kaum die ersten Worte vor, als mein Bekannter gleichgültig und bloß überrascht darüber, mich noch hier zu sehn – so schien es mir – sich zu mir wandte und sagte: “Sehen Sie, so kommt es immer. Als ich heute die Treppe hinunterstieg, um noch einen Abendspaziergang zu machen, ehe ich in die Gesellschaft gehen mußte, wunderte ich mich, wie meine röthlichen Hände in den weißen Manschetten hin und herschlenkerten und wie sie es mit ungewohnter Munterkeit thaten. Da erwartete ich Abenteuer. So kommt es immer.” Dieses sagte er schon im Gehn, nur beiläufig, als eine kleine Beobachtung.

    Mich aber rührte es sehr und es wurde mir schmerzlich, daß ihm vielleicht meine lange Gestalt unangenehm sein könnte, neben der er vielleicht zu klein erschien. Und dieser Umstand quälte mich, trotzdem es doch Nacht war und wir fast niemandem begegneten, doch so sehr, daß ich meinen Rücken so gebückt machte, daß meine Hände im Gehn meine Knie berührten. Damit aber mein Bekannter meine Absicht nicht merke, veränderte ich meine Haltung nur ganz allmählich mit großer Vorsicht und suchte seine Aufmerksamkeit von mir abzulenken durch Bemerkungen über die Bäume der Schützeninsel und über die Spiegelung der Brückenlampen im Flusse. Aber mit plötzlicher Wendung drehte er sein Gesicht mir zu und sagte nachsichtig: “Warum gehen Sie denn so? Sie sind ja jetzt ganz gebückt und fast so klein, wie ich. “

    Da er das gütig gesagt hatte, antwortete ich: “Das mag sein. Aber mir ist diese Haltung angenehm. Ich bin ziemlich schwächlich, wissen Sie, und es kommt mir zu schwer an, meinen Körper aufrecht zu erhalten. Das ist keine Kleinigkeit; ich bin sehr lang – “

    Er sagte ein wenig mißtrauisch: “Das ist doch bloß eine Laune. Sie giengen doch früher ganz aufrecht, glaube ich und auch in der Gesellschaft hielten Sie sich doch leidlich. Sie tanzten sogar oder nicht? Nein? Aber aufrecht giengen Sie doch und das werden Sie jetzt auch noch können. “

    Ich antwortete beharrlich und mit der Hand abwehrend: “Ja, ja ich gieng aufrecht. Aber Sie unterschätzen mich. Ich weiß, was gutes Benehmen ist und darum gehe ich gebückt. “

    Aber ihm schien es nicht einfach, sondern verwirrt von seinem Glück verstand er den Zusammenhang meiner Worte nicht und sagte nur: “Nun, wie Sie wollen” und schaute zur Uhr des Mühlenthurmes auf, die schon fast ein Uhr zeigte.

    Ich aber sagte zu mir: “Wie herzlos ist dieser Mensch! Wie bezeichnend und deutlich ist seine Gleichgültigkeit gegen meine demüthigen Worte! Er ist eben glücklich und das ist die Art der Glücklichen, alles natürlich zu finden, was um sie geschieht. Ihr Glück stellt einen glanzvollen Zusammenhang her. Und wenn ich jetzt ins Wasser gesprungen wäre oder wenn mich jetzt vor ihm Krämpfe zerreißen hier auf dem Pflaster unter diesem Bogen immer würde ich mich friedlich seinem Glück einfügen. Ja, wenn er in die Laune käme – ein Glücklicher ist so gefährlich, das ist unzweifelhaft – würde er mich auch todtschlagen wie ein Straßenmörder. Das ist sicher und da ich feig bin, würde ich vor Schrecken nicht einmal zu schreien wagen. – Um Gotteswillen! ” – Ich sah mich in Angst um. Vor einem entfernten Kaffeehaus mit rechteckigen schwarzen Scheiben ließ sich ein Schutzmann über das Pflaster gleiten. Sein Säbel behinderte ihn ein wenig, er nahm ihn in die Hand und nun gieng es viel hübscher. Und als ich ihn bei der mäßigen Entfernung auch noch schwach juchzen hörte, da war ich überzeugt, daß er mich nicht retten würde, wenn mich mein Bekannter totschlagen wollte.

    Aber jetzt wußte ich auch, was ich thun mußte, denn gerade vor schrecklichen Ereignissen überkommt mich große Entschlossenheit. Ich mußte weglaufen. Es war ganz leicht. Jetzt beim Einbug zur Karlsbrücke nach links konnte ich nach rechts in die Karlsgasse springen. Sie war winklig, es gab dort dunkle Hausthore und Weinstuben die noch offen waren; ich mußte nicht verzweifeln.

    Als wir unter dem Bogen am Ende des Quais hervortraten, rannte ich mit erhobenen Armen in die Gasse; doch als ich gerade zu einer kleinen Thüre der Kirche kam, fiel ich, denn dort war eine Stufe die ich nicht gesehen hatte. Es krachte. Die nächste Laterne war entfernt, ich lag im Dunkel. Aus einer Weinstube gegenüber kam ein dickes Weib mit einem rauchigen Lämpchen heraus, um nachzusehn was auf der Gasse geschehen war. Das Klavierspiel hörte auf und ein Mann öffnete die jetzt halboffene Thür völlig. Er spie großartig auf eine Stufe und während er das Frauenzimmer zwischen den Brüsten kitzelte, sagte er, das was geschehen sei, sei jedenfalls ohne Bedeutung. Sie drehten sich darauf um und die Thüre wurde wieder zugemacht.

    Als ich aufzustehn versuchte, fiel ich wieder. “Es ist Glatteis”, sagte ich und verspürte einen Schmerz im Knie. Aber doch freute es mich, daß die Leute aus der Weinstube mich nicht sehen konnten und es schien mir daher das Bequemste hier bis zur Dämmerung liegen zu bleiben.

    Mein Bekannter war wohl allein bis zur Brücke gegangen, ohne meinen Abschied bemerkt zu haben, denn er kam erst nach einer Weile zu mir. Ich sah nicht, daß er erstaunt war, als er sich mitleidig zu mir bückte und mich mit weicher Hand streichelte. Er fuhr an meinen Wangenknochen auf und nieder und legte dann zwei dicke Finger an meine niedrige Stirn: “Sie haben sich weh gethan, nicht? Es ist Glatteis und man muß vorsichtig sein – der Kopf schmerzt Sie? Nein? ach das Knie, so. ” Er sprach in einem singenden Ton, als ob er eine Geschichte erzähle und eine sehr angenehme Geschichte überdies von einem sehr entfernten Schmerz in einem Knie. Er bewegte auch seine Arme, aber er dachte nicht daran mich aufzuheben. Ich stützte den Kopf auf meine rechte Hand – der Ellbogen lag auf einem Pflasterstein – und sagte schnell, damit ich es nicht vergäße: “Ich weiß nicht eigentlich, warum ich nach rechts lief. Doch ich sah unter den Lauben dieser Kirche – ich weiß nicht, wie sie heißt, oh, bitte, verzeihen Sie – eine Katze laufen. Eine kleine Katze und sie hatte ein helles Fell. Daher bemerkte ich sie. – Oh nein, das war es nicht, entschuldigen Sie, aber es ist genügende Mühe sich den Tag über zu beherrschen. Man schläft eben um sich zu dieser Mühe zu kräftigen, schläft man aber nicht, dann geschehn nicht selten zwecklose Dinge mit uns, aber es wäre unhöflich von unsern Begleitern sich darüber laut zu wundern. “

    Mein Bekannter hatte die Hände in den Taschen und sah über die leere Brücke hin, dann zur Kreuzherrenkirche und dann auf zum Himmel, der klar war. Da er mir nicht zugehört hatte, sagte er dann ängstlich: “Ja, warum reden Sie denn nicht mein Lieber; ist Ihnen schlecht – ja warum stehn Sie denn eigentlich nicht auf – es ist doch kalt hier, Sie werden sich verkühlen und dann wollten wir doch auf den Laurenziberg. “

    “Natürlich”, sagte ich, “verzeihen Sie” und ich stand allein auf, aber mit starkem Schmerz. Ich schwankte und mußte das Standbild Karl des Vierten fest ansehn um meines Standpunktes sicher zu sein. Aber das Mondlicht war ungeschickt und brachte auch Karl den Vierten in Bewegung. Ich staunte darüber und meine Füße wurden viel kräftiger aus Angst, Karl der Vierte möchte umstürzen, wenn ich nicht in beruhigender Haltung wäre. Später schien mir meine Anstrengung nutzlos, denn Karl der Vierte fiel doch herunter, gerade als es mir einfiel, daß ich geliebt würde von einem Mädchen in einem schönen weißen Kleid.

    Unnützes thue ich und versäume viel. Wie glücklich war dieser Einfall, das Mädchen betreffend! – Und lieb war es da vom Mond, daß er auch mich beschien und ich wollte aus Bescheidenheit mich unter die Wölbung des Brückenthurmes stellen, als ich einsah, daß es doch bloß natürlich sei, daß der Mond alles bescheine. Daher breitete ich mit Freude meine Arme aus, um den Mond ganz zu genießen. – Da fiel mir der Vers ein:

    Ich sprang durch die Gassen wie ein betrunkener Läufer stampfend durch Luft

    und es wurde mir leicht, als ich Schwimmbewegungen mit den lässigen Armen machend ohne Schmerz und Mühe vorwärtskam. Mein Kopf lag gut in kühler Luft und die Liebe des weißgekleideten Mädchens brachte mich in trauriges Entzücken, denn es schien mir als schwimme ich von der Verliebten und auch von den wolkenhaften Bergen ihrer Gegend weg. – Und ich erinnerte mich, daß ich einmal einen glücklichen Bekannten, der jetzt noch vielleicht neben mir gieng, gehaßt hatte und es freute mich, daß mein Gedächtnis so gut war, daß es selbst so nebensächliche Dinge bewahrte. Denn das Gedächtnis hat viel zu tragen. So kannte ich mit einem Male alle die vielen Sterne bei Namen, trotzdem ich es niemals gelernt hatte. Ja, es waren merkwürdige Namen, schwer zu behalten, aber ich wußte sie alle und sehr genau. Ich gab meinen Zeigefinger in die Höhe und nannte die Namen der einzelnen laut. – Ich kam aber nicht weit mit dem Nennen der Sterne, denn ich mußte weiterschwimmen, wollte ich nicht zusehr untertauchen. Aber damit man mir später nicht sagen könnte, über dem Pflaster könnte jeder schwimmen und es sei nicht des Erzählens wert, erhob ich mich durch ein Tempo über das Geländer und umkreiste schwimmend jede Heiligenstatue, der ich begegnete. – Bei der fünften, als ich mich gerade mit überlegenen Schlägen über dem Pflaster hielt, faßte mein Bekannter meine Hand. Da stand ich wieder auf dem Pflaster und fühlte einen Schmerz im Knie. Ich hatte die Namen der Sterne vergessen und von dem lieben Mädchen wußte ich nur, daß sie ein weißes Kleid getragen hatte, aber ich konnte mich gar nicht mehr erinnern, welche Gründe ich gehabt hatte, an die Liebe des Mädchens zu glauben. Es erhob sich in mir ein großer und so begründeter Zorn gegen mein Gedächtnis und Angst, ich könnte das Mädchen verlieren. Und so wiederholte ich angestrengt und unaufhörlich “weißes Kleid, weißes Kleid” um wenigstens durch dieses eine Zeichen mir das Mädchen zu erhalten. Aber das hat nichts geholfen. Mein Bekannter drängte sich mit seinen Reden immer näher zu mir und in dem Augenblick, als ich anfieng seine Worte zu verstehn, hüpfte ein weißer Schimmer zierlich am Brückengeländer entlang, strich durch den Brückenthurm und sprang in die dunkle Gasse.

    “Immer liebte ich”, sagte mein Bekannter auf die Statue der heiligen Ludmila zeigend, “die Hände dieses Engels, links. Ihre Zartheit ist ohne Grenzen und die Finger, die sich aufspannen, zittern. Aber von heute abend an sind mir diese Hände gleichgültig, das kann ich sagen, denn ich küßte Hände – ” Da umarmte er mich küßte meine Kleider und stieß mit seinem Kopf gegen meinen Leib.

    Ich sagte: “Ja, ja. Ich glaube das. Ich zweifle nicht” und dabei zwickte ich ihn mit meinen Fingern soweit er sie freiließ in seine Waden. Aber er spürte es nicht. Da sagte ich zu mir: “Warum gehst Du mit diesem Menschen Du liebst ihn nicht und Du hassest ihn auch nicht, denn sein Glück besteht nur in einem Mädchen und es ist nicht einmal sicher, daß sie ein weißes Kleid trägt. Also ist Dir dieser Mensch gleichgültig – wiederhole es – gleichgültig. Er ist aber auch ungefährlich, wie es sich erwiesen hat. Also geh mit ihm zwar weiter auf den Laurenziberg, denn Du bist schon auf dem Wege in schöner Nacht, aber laß ihn reden und vergnüge Dich auf Deine Weise, dadurch – sage es leise – schützt Du Dich auch am besten. “

    II

    Belustigungen oder

    Beweis dessen, daß es unmöglich ist zu leben.

    1 Ritt

    Schon sprang ich mit ungewohnter Geschicklichkeit meinem Bekannten auf die Schultern und brachte ihn dadurch, daß ich meine Fäuste in seinen Rücken stieß in einen leichten Trab. Als er aber noch ein wenig widerwillig stampfte und manchmal sogar stehen blieb, hackte ich mehrmals mit meinen Stiefeln in seinen Bauch, um ihn munterer zu machen. Es gelang und wir kamen mit guter Schnelligkeit immer weiter in das Innere einer großen, aber noch unfertigen Gegend, in der es Abend war.

    Die Landstraße, auf der ich ritt, war steinig und stieg bedeutend, aber gerade das gefiel mir und ich ließ sie noch steiniger und steiler werden. Sobald mein Bekannter stolperte, riß ich ihn an seinen Haaren in die Höhe und sobald er seufzte, boxte ich ihn in den Kopf. Dabei fühlte ich, wie gesund mir dieser Abendritt in dieser guten Laune war und, um ihn noch wilder zu machen, ließ ich einen starken Gegenwind in langen Stößen in uns blasen. Jetzt übertrieb ich auch noch auf den breiten Schultern meines Bekannten die springende Bewegung des Reitens und, während ich mich mit beiden Händen fest an seinem Halse hielt, beugte ich weit meinen Kopf zurück und betrachtete die mannigfaltigen Wolken, die schwächer als ich schwerfällig mit dem Winde flogen. Ich lachte und zitterte vor Muth. Mein Rock breitete sich aus und gab mir Kraft. Dabei preßte ich meine Hände kräftig in einander und that, als wüßte ich nicht, daß ich dadurch meinen Bekannten würgte.

    Zum Himmel aber, der mir allmählich durch die gekrümmten Äste der Bäume, die ich am Rande der Straße wachsen ließ, verdeckt wurde, rief ich in der erhitzten Bewegung des Reitens: “Ich habe doch anderes zu thun, als immer verliebtes Gerede zu hören. Warum ist er zu mir gekommen, dieser geschwätzige Verliebte? Sie alle sind glücklich und werden es besonders, wenn es ein anderer weiß. Sie glauben einen glücklichen Abend zu haben und schon deshalb freuen sie sich des künftigen Lebens. “

    Da fiel mein Bekannter, und als ich ihn untersuchte fand ich, daß er am Knie schwer verwundet war. Da er mir nicht mehr nützlich sein konnte, ließ ich ihn auf den Steinen und pfiff nur einige Geier aus der Höhe herab, die sich gehorsam und mit ernstem Schnabel auf ihn setzten, um ihn zu bewachen.

    2 Spaziergang

    Unbekümmert gieng ich weiter. Weil ich aber als Fußgänger die Anstrengung der bergigen Straße fürchtete, ließ ich den Weg immer flacher werden und sich in der Entfernung endlich zu einem Thale senken.

    Die Steine verschwanden nach meinem Willen und der Wind wurde still und verlor sich im Abend. Ich gieng in gutem Marsch und da ich bergab gieng, hatte ich den Kopf erhoben und den Körper gesteift und die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Da ich Fichtenwälder liebe, gieng ich durch Fichtenwälder und, da ich gerne stumm in den ausgesternten Himmel schaue, so giengen mir auf dem großausgebreiteten Himmel die Sterne langsam und ruhig auf, wie es auch sonst ihre Art ist. Nur wenige gestreckte Wolken sah ich, die ein Wind, der nur in ihrer Höhe wehte, durch die Luft zog.

    Ziemlich weit meiner Straße gegenüber, wahrscheinlich durch einen Fluß von mir getrennt, ließ ich einen hohen Berg aufstehn, dessen Höhe mit Buschwerk bewachsen an den Himmel grenzte. Noch die kleinen Verzweigungen und Bewegungen der höchsten Äste konnte ich deutlich sehn. Dieser Anblick, wie gewöhnlich er auch sein mag, freute mich so, daß ich als ein kleiner Vogel auf den Ruten dieser entfernten struppigen Sträucher schaukelnd daran vergaß, den Mond aufgehn zu lassen, der schon hinter dem Berge lag, wahrscheinlich zürnend wegen der Verzögerung.

    Jetzt aber breitete sich der kühle Schein, der dem Mondaufgang vorhergeht, auf dem Berge aus und plötzlich hob der Mond selbst sich hinter einem der unruhigen Sträucher. Ich jedoch hatte indessen in einer andern Richtung geschaut und als ich jetzt vor mich hin blickte und ihn mit einem Male sah, wie er schon fast mit seiner ganzen Rundung leuchtete, blieb ich mit trüben Augen stehn, denn meine abschüssige Straße schien gerade in diesen erschreckenden Mond zu führen.

    Aber nach einem Weilchen gewöhnte ich mich an ihn und betrachtete mit Besonnenheit, wie schwer ihm der Aufstieg wurde, bis ich endlich, nachdem ich und er einander ein großes Stück entgegengegangen waren, eine angenehme Schläfrigkeit verspürte, die wie ich glaubte, wegen der Anstrengungen des Tages über mich kam, an die ich mich freilich nicht mehr erinnern konnte. Ich gieng eine kleine Zeit mit geschlossenen Augen, indem ich mich nur dadurch wachend erhielt, daß ich laut und regelmäßig die Hände zusammenschlug.

    Dann aber, als der Weg mir unter den Füßen zu entgleiten drohte und alles müde wie ich zu entschwinden begann, beeilte ich mich den Abhang an der rechten Seite der Straße mit aufgeregter Bewegung zu erklettern, um noch rechtzeitig in den hohen verwirrten Fichtenwald zu kommen, in dem ich die Nacht verschlafen wollte. Die Eile war nöthig. Die Sterne dunkelten schon und der Mond versank schwächlich im Himmel, wie in einem bewegten Gewässer. Der Berg war schon ein Stück der Nacht, die Landstraße endete beängstigend dort, wo ich zum Abhang mich gewendet hatte und aus dem Innern des Waldes hörte ich das näherkommende Krachen fallender Stämme. Nun hätte ich mich gleich auf das Moos zum Schlaf werfen können, aber da ich die Ameisen fürchte, kroch ich mit um den Stamm gewundenen Beinen auf einen Baum, der auch schon baumelte ohne Wind, legte mich auf einen Ast, den Kopf an den Stamm gelegt und schlief hastig ein, indeß ein Eichhörnchen meiner Laune mit steilem Schwanz auf dem bebenden Ende des Astes saß und sich wiegte.

    Der Fluß war breit und seine kleinen lauten Wellen waren beschienen. Auch am andern Ufer waren Wiesen, die dann in Gesträuch übergiengen, hinter dem man in großer Fernsicht helle Obstalleen sah, die zu grünen Hügeln führten.

    Erfreut über diesen Anblick legte ich mich nieder und dachte, während ich mir die Ohren gegen gefürchtetes Weinen zuhielt, hier könnte ich zufrieden werden. “Denn hier ist es einsam und schön. Es braucht nicht viel Muth, hier zu leben. Man wird sich hier quälen müssen wie anderswo auch, aber man wird sich dabei nicht schön bewegen müssen. Das wird nicht nöthig sein. Denn es sind nur Berge da und ein großer Fluß und ich bin noch klug genug, sie für leblos zu halten. Ja, wenn ich am Abend allein auf den steigenden Wiesenwegen stolpern werde, so werde ich nicht verlassener sein, als der Berg, nur daß ich es fühlen werde. Aber ich glaube, auch das wird noch vergehn. “

    So spielte ich mit meinem künftigen Leben und versuchte hartnäckig zu vergessen. Ich sah dabei blinzelnd in jenen Himmel, der in einer ungewöhnlich glücklichen Färbung war. Ich hatte ihn schon lange nicht so gesehn, ich wurde gerührt und an einzelne Tage erinnert, an denen ich auch geglaubt hatte, ihn so zu sehn. Ich gab die Hände von meinen Ohren, breitete meine Arme aus und ließ sie in die Gräser fallen.

    Ich hörte jemand weit und schwach schluchzen. Es wurde windig und große Mengen trockener Blätter, die ich früher nicht gesehen hatte, flogen rauschend auf. Von den Obstbäumen schlugen unreife Früchte irrsinnig auf den Boden. Hinter einem Berg kamen häßliche Wolken herauf. Die Flußwellen knarrten und wichen vor dem Wind zurück.

    Ich stand rasch auf. Mich schmerzte mein Herz, denn jetzt schien es unmöglich aus meinen Leiden hinauszukommen. Schon wollte ich umkehren, um diese Gegend zu verlassen und in meine frühere Lebensart zurückzukehren, als ich diesen Einfall bekam: “Wie merkwürdig ist es, daß noch in unserer Zeit vornehme Personen in dieser schwierigen Weise über einen Fluß befördert werden. Es giebt keine andere Erklärung dafür, als daß es ein alter Brauch ist. ” Ich schüttelte den Kopf, denn ich war verwundert.

    3

    Der Dicke

    a

    Ansprache an die Landschaft

    Aus den Gebüschen des andern Ufers traten gewaltig vier nackte Männer, die auf ihren Schultern eine hölzerne Tragbahre hielten. Auf dieser Tragbahre saß in orientalischer Haltung ein ungeheuerlich dicker Mann. Trotzdem er durch Gebüsche auf ungebahntem Weg getragen wurde, schob er die dornigen Zweige doch nicht auseinander, sondern durchstieß sie ruhig mit seinem unbeweglichen Körper. Seine faltigen Fettmassen waren so sorgfältig ausgebreitet, daß sie zwar die ganze Tragbahre bedeckten und noch an den Seiten gleich dem Saume eines gelblichen Teppichs hinunterhiengen, und ihn dennoch nicht störten. Sein haarloser Schädel war klein und glänzte gelb. Sein Gesicht trug den einfältigen Ausdruck eines Menschen der nachdenkt und sich nicht bemüht es zu verbergen. Bisweilen schloß er seine Augen; öffnete er sie wieder, verzerrte sich sein Kinn.

    “Die Landschaft stört mich in meinem Denken”, sagte er leise, “sie läßt meine Überlegungen schwanken, wie Kettenbrücken bei zorniger Strömung. Sie ist schön und will deshalb betrachtet sein. “

    “Ich schließe meine Augen und sage: Du grüner Berg am Flusse, der Du gegen das Wasser rollendes Gestein hast, Du bist schön. “

    “Aber er ist nicht zufrieden, er will, daß ich die Augen zu ihm öffne. “

    “Wenn ich aber mit geschlossenem Auge sage: Berg, ich liebe Dich nicht, denn Du erinnerst mich an die Wolken, an die Abendröthe und an den steigenden Himmel und das sind Dinge, die mich fast weinen machen, denn man kann sie niemals erreichen, wenn man sich auf einer kleinen Sänfte tragen läßt. Während Du mir aber dieses zeigst, hinterlistiger Berg, verdeckst Du mir die Fernsicht, die mich erheitert, denn sie zeigt Erreichbares in schönem Überblick. Darum liebe ich Dich nicht, Berg am Wasser, nein, ich liebe Dich nicht. “

    “Aber diese Rede wäre ihm so gleichgültig, wie meine frühere, wenn ich nicht mit geöffneten Augen redete. Sonst ist er nicht zufrieden. “

    “Und müssen wir nicht ihn uns freundlich erhalten, damit wir überhaupt ihn nur aufrecht erhalten, ihn, der eine so launische Vorliebe für den Brei unserer Gehirne hat. Er würde seinen gezackten Schatten auf mich niederschlagen, er würde stumm schrecklich kahle Wände mir vorschieben und meine Träger würden über die kleinen Steinchen am Wege stolpern. “

    “Aber nicht nur der Berg ist so eitel, so zudringlich und so rachsüchtig dann, alles andere ist es auch. So muß ich mit kreisrunden Augen – oh sie schmerzen – immer wiederholen: “

    “Ja, Berg Du bist schön und die Wälder auf Deinem westlichen Abhang freuen mich. – Auch mit Dir, Blume, bin ich zufrieden und Dein Rosa macht meine Seele fröhlich. – Du Gras auf den Wiesen bist schon hoch und stark und kühlst. – Und Du fremdartiges Buschwerk stichst so unerwartet, so daß unsere Gedanken in Sprünge kommen. – An Dir aber Fluß habe ich so großes Gefallen, daß ich mich durch Dein biegsames Wasser werde tragen lassen. “

    Nachdem er diese Lobpreisung zehnmal laut ausgerufen hatte unter einigem demüthigen Rücken seines Körpers, ließ er seinen Kopf sinken und sagte mit geschlossenen Augen:

    “Jetzt aber – ich bitte Euch – Berg Blume Gras, Buschwerk und Fluß, gebt mir ein wenig Raum, damit ich athmen kann. “

    Da entstand ein eilfertiges Verschieben in den umliegenden Bergen, die sich hinter hängende Nebel stießen. Die Alleen standen zwar fest und hüteten ziemlich die Straßenbreite, aber frühzeitig verschwammen sie: Am Himmel lag vor der Sonne eine feuchte Wolke mit leise durchleuchtetem Rand, in deren Beschattung das Land sich tiefer senkte, während alle Dinge ihre schöne Begrenzung verloren.

    Die Tritte der Träger wurden bis zu meinem Ufer hörbar und doch konnte ich in dem dunklen Viereck ihrer Gesichter nichts genaues unterscheiden. Ich sah nur, wie sie ihre Köpfe zur Seite neigten und wie sie ihren Rücken krümmten, denn die Last war ungewöhnlich. Ich hatte Sorge ihretwegen, denn ich bemerkte, daß sie müde waren. Daher sah ich mit Spannung zu, als sie in das Ufergras traten, dann in noch ebenmäßigem Tritt durch den nassen Sand giengen, bis sie endlich in das schlammige Schilf sanken, wo die beiden rückwärtigen Träger sich noch tiefer bückten, um die Sänfte in ihrer wagrechten Lage zu erhalten. Ich preßte die Hände in einander. Jetzt mußten sie bei jedem Schritt ihre Füße hochheben, so daß ihr Körper in der kühlen Luft dieses veränderlichen Nachmittags vor Schweiß glänzte.

    Der Dicke saß ruhig, die Hände auf seinen Schenkeln; die langen Spitzen des Schilfrohres streiften ihn, wenn sie hinter den vordern Trägern aufschnellten.

    Die Bewegungen der Träger wurden unregelmäßiger, je näher sie zum Wasser kamen. Bisweilen schwankte die Sänfte, als sei sie schon auf den Wellen. Kleine Pfützen im Schilf mußten übersprungen oder umgangen werden, denn vielleicht waren sie tief.

    Einmal erhoben sich Wildenten schreiend und stiegen steil in die Regenwolke. Da sah ich in einer kurzen Bewegung das Gesicht des Dicken; es war ganz unruhig. Ich stand auf und eilte in eckigen Sprüngen über den steinigen Abhang, der mich vom Wasser trennte. Ich achtete nicht darauf, daß es gefährlich war, sondern ich dachte nur daran, dem Dicken zu helfen, wenn seine Diener ihn nicht mehr tragen könnten. Ich lief so unbesonnen, daß ich mich unten beim Wasser nicht einhalten konnte, sondern ein Stück in das aufspritzende Wasser laufen mußte und erst stehen blieb, bis das Wasser mir bis an die Knie reichte.

    Drüben aber hatten die Diener unter Verrenkungen die Sänfte ins Wasser gebracht und während sie mit der einen Hand sich über dem unruhigen Wasser hielten, stemmten sie mit vier behaarten Armen die Sänfte in die Höhe, so daß man die ungewöhnlich erhobenen Muskeln sah.

    Das Wasser schlug zuerst ans Kinn, stieg dann zum Mund, der Kopf der Träger beugte sich zurück und die Traghölzer fielen auf die Schultern. Das Wasser umspielte schon den Nasenrücken und noch immer gaben sie die Mühe nicht auf, trotzdem sie kaum in der Mitte des Flusses waren. Da schlug eine niedrige Welle auf die Köpfe der Vordern nieder und die vier Männer ertranken schweigend, indem sie mit ihren wilden Händen die Sänfte mit sich hinunter zogen. Wasser schoß im Sturze nach.

    Da brach aus den Rändern der großen Wolke der flache Schein der abendlichen Sonne und verklärte die Hügel und Berge an der Grenze des Gesichtskreises, während der Fluß und die Gegend unter der Wolke in undeutlichem Lichte war.

    Der Dicke drehte sich langsam in der Richtung des strömenden Wassers und wurde flußabwärts getragen, wie ein Götterbild aus hellem Holz, das überflüssig geworden war und das man daher in den Fluß geworfen hatte. Er fuhr auf der Spiegelung der Regenwolke hin. Längliche Wolken zogen ihn und kleine gebückte schoben, so daß es bedeutenden Aufruhr gab, den man noch am Anschlagen des Wassers an meinen Knien und an den Ufersteinen merken konnte.

    Ich kroch rasch die Böschung wieder hinauf, um auf dem Weg den Dicken begleiten zu können, denn wahrhaftig ich liebte ihn. Und vielleicht konnte ich etwas erfahren über die Gefährlichkeit dieses scheinbar sichern Landes. So gieng ich auf einem Sandstreifen, an dessen Schmalheit man sich erst gewöhnen mußte, die Hände in den Taschen und das Gesicht im rechten Winkel zum Fluß gewendet, so daß das Kinn fast auf der Schulter lag.

    Auf den Ufersteinen saßen zarte Schwalben.

    Der Dicke sagte: “Lieber Herr am Ufer, versuchen Sie es nicht, mich zu retten. Das ist die Rache des Wassers und des Windes; nun bin ich verloren. Ja, Rache ist es, denn wie oft haben wir diese Dinge angegriffen, ich und mein Freund der Beter, beim Singen unserer Klinge, unter dem Aufglanz der Cymbeln, der weiten Pracht der Posaunen und dem springenden Leuchten der Pauken. “

    Eine kleine Möwe mit gestreckten Flügeln flog durch seinen Bauch, ohne daß ihre Schnelligkeit vermindert wurde.

    Der Dicke erzählte weiter:

    b

    Begonnenes Gespräch mit dem Beter.

    Es gab eine Zeit, in der ich Tag um Tag in eine Kirche gieng, denn ein Mädchen in das ich mich verliebt hatte betete dort kniend eine halbe Stunde am Abend, unterdessen ich sie in Ruhe betrachten konnte.

    Als einmal das Mädchen nicht gekommen war und ich unwillig auf die Betenden blickte fiel mir ein junger Mensch auf, der sich mit seiner ganzen magern Gestalt auf den Boden geworfen hatte. Von Zeit zu Zeit packte er mit der ganzen Kraft seines Körpers seinen Schädel und schmetterte ihn seufzend in seine Handflächen, die auf den Steinen auflagen.

    In der Kirche waren nur einige alte Weiber, die oft ihr eingewickeltes Köpfchen mit seitlicher Neigung drehten, um nach dem Betenden hinzusehn. Diese Aufmerksamkeit schien ihn glücklich zu machen, denn vor jedem seiner frommen Ausbrüche ließ er seine Augen umgehn, ob die zuschauenden Leute zahlreich wären.

    Ich fand das ungebührlich und beschloß, ihn anzureden, wenn er aus der Kirche gienge und ihn auszufragen, warum er in dieser Weise bete. Ja, ich war ärgerlich, weil mein Mädchen nicht gekommen war.

    Aber erst nach einer Stunde stand er auf, schlug ein ganz sorgfältiges Kreuz und gieng stoßweise zum Becken. Ich stellte mich auf dem Wege zwischen Becken und Thüre auf und wußte, daß ich ihn nicht ohne Erklärung durchlassen würde. Ich verzerrte meinen Mund, wie ich es immer als Vorbereitung thue, wenn ich mit Bestimmtheit reden will. Ich trat mit dem rechten Beine vor und stützte mich darauf, während ich das linke nachlässig auf der Fußspitze hielt; auch das giebt mir Festigkeit.

    Nun ist es möglich, daß dieser Mensch schon auf mich schielte, als er das Weihwasser in sein Gesicht spritzte, vielleicht auch hatte er mich schon früher mit Besorgnis bemerkt, denn jetzt unerwartet rannte er zur Thüre und hinaus. Die Glasthür schlug zu. Und als ich gleich nachher aus der Thüre trat, sah ich ihn nicht mehr, denn dort gab es einige schmale Gassen und der Verkehr war mannigfaltig.

    In den nächsten Tagen blieb er aus, aber mein Mädchen kam. Sie war in dem schwarzen Kleide, welches auf den Schultern durchsichtige Spitzen hatte, – der Halbmond des Hemdrandes lag unter ihnen – von deren unterem Rande die Seide in einem wohlgeschnittenen Kragen niederhieng. Und da das Mädchen kam vergaß ich an den jungen Mann und selbst dann kümmerte ich mich nicht um ihn, als er später wieder regelmäßig kam und nach seiner Gewohnheit betete. Aber immer gieng er mit großer Eile an mir vorüber, mit abgewendetem Gesichte. Vielleicht lag es daran, daß ich mir ihn immer nur in Bewegung denken konnte, so daß es mir, selbst wenn er stand, schien, als schleiche er.

    Einmal verspätete ich mich in meinem Zimmer. Trotzdem gieng ich noch in die Kirche. Ich fand das Mädchen nicht mehr dort und wollte nachhause gehn. Da lag dort wieder dieser junge Mensch. Die alte Begebenheit fiel mir jetzt ein und machte mich neugierig.

    Auf den Fußspitzen glitt ich zum Thürgang, gab dem blinden Bettler, der dort saß eine Münze und drückte mich neben ihn hinter den geöffneten Thürflügel. Dort saß ich eine Stunde lang und machte vielleicht ein listiges Gesicht. Ich fühlte mich dort wohl und beschloß öfters herzukommen. In der zweiten Stunde aber fand ich es unsinnig hier wegen des Beters zu sitzen. Und dennoch ließ ich noch eine dritte Stunde schon zornig die Spinnen über meine Kleider kriechen, während die letzten Menschen lautathmend aus dem Dunkel der Kirche traten.

    Da kam er auch. Er gieng vorsichtig und seine Füße betasteten zuerst leichthin den Boden ehe sie auftraten.

    Ich stand auf, machte einen großen und geraden Schritt und ergriff den jungen Menschen beim Kragen. “Guten Abend”, sagte ich und stieß ihn, meine Hand an seinem Kragen die Stufen hinunter auf den beleuchteten Platz.

    Als wir unten waren sagte er mit einer völlig unbefestigten Stimme: “Guten Abend, lieber lieber Herr, zürnen Sie mir nicht Ihrem höchst ergebenen Diener. “

    “Ja”, sagte ich, “ich will Sie einiges fragen mein Herr, voriges Mal entkamen Sie mir, das wird Ihnen heute kaum gelingen. “

    “Sie sind mitleidig, mein Herr, und Sie werden mich nachhause gehen lassen. Ich bin bedauernswert, das ist die Wahrheit. “

    “Nein”, schrie ich in den Lärm der vorüberfahrenden Straßenbahn, “ich lasse Sie nicht. Gerade solche Geschichten gefallen mir. Sie sind ein Glücksfang. Ich beglückwünsche mich. “

    Da sagte er: “Ach, Gott, Sie haben ein lebhaftes Herz und einen Kopf aus einem Block. Sie nennen mich einen Glücksfang, wie glücklich müssen Sie sein! Denn mein Unglück ist ein schwankendes Unglück, ein auf einer dünnen Spitze schwankendes Unglück und berührt man es, so fällt es auf den Frager. Gute Nacht, mein Herr. “

    “Gut”, sagte ich und hielt seine rechte Hand fest, “wenn Sie mir nicht antworten werden, werde ich hier auf der Gasse zu rufen anfangen. Und alle Ladenmädchen, die jetzt aus den Geschäften kommen und alle ihre Liebhaber, die sich auf sie freuen werden zusammenlaufen, denn sie werden glauben, ein Droschkenpferd sei gestürzt oder etwas dergleichen sei geschehn. Dann werde ich Sie den Leuten zeigen. “

    Da küßte er weinend abwechselnd meine beiden Hände. “Ich werde Ihnen sagen, was Sie wissen wollen, aber bitte, gehn wir lieber in die Seitengasse drüben. ” Ich nickte und wir giengen hin.

    Aber er begnügte sich nicht mit dem Dunkel der Gasse, in der nur weit von einander gelbe Laternen waren, sondern er führte mich in den niedrigen Flurgang eines alten Hauses unter ein Lämpchen, das vor der Holztreppe tropfend hieng.

    Dort nahm er wichtig sein Taschentuch und sagte es auf einer Stufe breitend: “Setzt Euch doch lieber Herr, da könnt Ihr besser fragen, ich bleibe stehn, da kann ich besser antworten. Quält mich aber nicht. “

    Da setzte ich mich und sagte, indem ich mit schmalen Augen zu ihm aufblickte: “Ihr seid ein gelungener Tollhäusler, das seid Ihr! Wie benehmt Ihr Euch doch in der Kirche! Wie lächerlich ist das und wie unangenehm den Zuschauern! Wie kann man andächtig sein, wenn man Euch anschauen muß.”

    Er hatte seinen Körper an die Mauer gepreßt, nur den Kopf bewegte er frei in der Luft. “Ärgert Euch nicht – warum sollt Ihr Euch ärgern über Sachen, die Euch nicht angehören. Ich ärgere mich, wenn ich mich ungeschickt benehme; benimmt sich aber nur ein anderer schlecht, dann freue ich mich. Also ärgert Euch nicht, wenn ich sage, daß es der Zweck meines Betens ist von den Leuten angeschaut zu werden. “

    “Was sagtet Ihr da”, rief ich viel zu laut für den niedrigen Gang, aber ich fürchtete mich dann, die Stimme zu schwächen, “wirklich, was sagtet Ihr da. Ja, ich ahne schon, ja ich ahnte es schon, seit ich Euch zum erstenmal sah, in welchem Zustande Ihr seid. Ich habe Erfahrung und es ist nicht scherzend gemeint, wenn ich sage, daß es eine Seekrankheit auf festem Lande ist. Deren Wesen ist so, daß Ihr den wahrhaftigen Namen der Dinge vergessen habt und über sie jetzt in einer Eile zufällige Namen schüttet. Nur schnell, nur schnell! Aber kaum seid Ihr von ihnen weggelaufen, habt Ihr wieder ihre Namen vergessen. Die Pappel in den Feldern, die Ihr den >Thurm von Babel< genannt habt, denn Ihr wußtet nicht oder wolltet nicht wissen, daß es eine Pappel war, schaukelt wieder namenlos und Ihr müßt sie nennen >Noah, wie er betrunken war<. “

    Ich war ein wenig bestürzt, als er sagte: “Ich bin froh, daß ich das, was Ihr sagtet, nicht verstanden habe. “

    Aufgeregt sagte ich rasch: “Dadurch daß Ihr froh seid darüber, zeigt Ihr, daß Ihr es verstanden habt. “

    “Freilich habe ich es gezeigt, gnädiger Herr, aber auch Ihr habt merkwürdig gesprochen. “

    Ich legte meine Hände auf eine obere Stufe, lehnte mich zurück und sagte in dieser fast unangreifbaren Haltung, welche die letzte Rettung der Ringkämpfer ist: “Ihr habt eine lustige Art Euch zu retten, indem Ihr Eueren Zustand bei den andern voraussetzt. “

    Daraufhin wurde er muthig. Er legte die Hände in einander, um seinem Körper eine Einheit zu geben und sagte unter leichtem Widerstreben: “Nein, ich thue das doch nicht gegen alle, zum Beispiel auch gegen Euch nicht, weil ich es nicht kann. Aber ich wäre froh, wenn ich es könnte, denn dann hätte ich die Aufmerksamkeit der Leute in der Kirche nicht mehr nöthig. Wisset Ihr, warum ich sie nöthig habe? “

    Diese Frage machte mich unbeholfen. Sicherlich, ich wußte es nicht und ich glaube ich wollte es auch nicht wissen. Ich hatte ja auch nicht hierherkommen wollen, sagte ich mir damals, aber der Mensch hat mich gezwungen, ihm zuzuhören. So brauchte ich ja jetzt bloß meinen Kopf zu schütteln, um ihm zu zeigen, daß ich es nicht wußte, aber ich konnte in meinen Kopf keine Bewegung bringen.

    Der Mensch, welcher mir gegenüber stand, lächelte. Dann duckte er sich auf seine Knie nieder und erzählte mit schläfriger Grimasse: “Es hat niemals eine Zeit gegeben, in der ich durch mich selbst von meinem Leben überzeugt war. Ich erfasse nämlich die Dinge um mich nur in so hinfälligen Vorstellungen, daß ich immer glaube, die Dinge hätten einmal gelebt, jetzt aber seien sie versinkend. Immer, lieber Herr, habe ich eine so quälende Lust, die Dinge so zu sehn, wie sie sich geben mögen, ehe sie sich mir zeigen. Sie sind da wohl schön und ruhig. Es muß so sein, denn ich höre oft Leute in dieser Weise von ihnen reden. “

    Da ich schwieg und nur durch unwillkürliche Zuckungen in meinem Gesichte zeigte, wie unbehaglich mir war, fragte er: “Sie glauben nicht daran, daß die Leute so reden?”

    Ich glaubte nicken zu müssen, konnte es aber nicht.

    “Wirklich, Sie glauben nicht daran Ach, hören Sie doch; als ich als Kind einmal nach einem kurzen Nachmittagsschlaf die Augen öffnete hörte ich noch ganz im Schlaf befangen meine Mutter in natürlichem Ton vom Balkon hinunterfragen: >Was machen Sie meine Liebe. Es ist so heiß.< Eine Frau antwortete aus dem Garten: >Ich jause im Grünen.< Sie sagten es ohne Nachdenken und nicht allzu deutlich, als müßte es jeder erwartet haben. “

    Ich glaubte ich sei gefragt. Daher griff ich in die hintere Hosentasche und that, als suche ich dort etwas. Aber ich suchte nichts, sondern ich wollte nur meinen Anblick verändern, um meine Theilnahme am Gespräch zu zeigen. Dabei sagte ich, daß dieser Vorfall so merkwürdig sei und daß ich ihn keineswegs begreife. Ich fügte auch hinzu, daß ich an dessen Wahrheit nicht glaube und daß er zu einem bestimmten Zweck, den ich gerade nicht einsehe, erfunden sein müsse. Dann schloß ich die Augen, denn sie schmerzten mich.

    “Oh, das ist doch gut daß Ihr meiner Meinung seid und es war uneigennützig, daß Ihr mich angehalten habt, um mir das zu sagen.

    Nicht wahr, warum sollte ich mich schämen – oder warum sollten wir uns schämen – daß ich nicht aufrecht und schwer gehe, nicht mit dem Stock auf das Pflaster schlage und nicht die Kleider der Leute streife, welche laut vorübergehn. Sollte ich nicht vielmehr mit Recht trotzig klagen dürfen, daß ich als Schatten mit eckigen Schultern die Häuser entlang hüpfe, manchmal in den Scheiben der Auslagsfenster verschwindend.

    Was sind das für Tage die ich verbringe! Warum ist alles so schlecht gebaut, daß bisweilen hohe Häuser einstürzen, ohne daß man einen äußern Grund finden könnte. Ich klettere dann über die Schutthaufen und frage jeden, dem ich begegne: >Wie konnte das nur geschehn! In unserer Stadt. – Ein neues Haus – Das ist heute schon das fünfte. – Bedenken Sie doch. < Da kann mir keiner antworten.

    Oft fallen Menschen auf der Gasse und bleiben tot liegen. Da öffnen alle Geschäftsleute ihre mit Waren verhangenen Thüren, kommen gelenkig herbei, schaffen den Toten in ein Haus, kommen dann Lächeln in Mund und Augen heraus und reden: >Guten Tag – Der Himmel ist blaß – Ich verkaufe viele Kopftücher – Ja, der Krieg. < Ich hüpfe ins Haus und nachdem ich mehreremale die Hand mit dem gebogenen Finger furchtsam gehoben habe, klopfe ich endlich an dem Fensterchen des Hausmeisters. >Lieber Mann<, sage ich freundlich, >es wurde ein toter Mensch zu Ihnen gebracht. Zeigen Sie mir ihn, ich bitte Sie.< Und als er den Kopf schüttelt als wäre er unentschlossen, sage ich bestimmt: >Lieber Mann. Ich bin Geheimpolizist. Zeigen Sie mir gleich den Toten. < >Einen Toten<, fragt er jetzt und ist fast beleidigt. >Nein wir haben keinen Toten hier. Es ist ein anständiges Haus. < Ich grüße und gehe.

    Dann aber wenn ich einen großen Platz zu durchqueren habe, vergesse ich an alles. Die Schwierigkeit dieses Unternehmens verwirrt mich und ich denke oft bei mir: >Wenn man so große Plätze nur aus Übermuth baut, warum baut man nicht auch ein Steingeländer, das durch den Platz führen könnte. Heute bläst ein Südwestwind. Die Luft auf dem Platz ist aufgeregt. Die Spitze des Rathhausthurmes beschreibt kleine Kreise. Warum macht man nicht Ruhe in dem Gedränge? Was ist das doch für ein Lärm! Alle Fensterscheiben lärmen und die Laternenpfähle biegen sich wie Bambus. Der Mantel der heiligen Maria auf der Säule rundet sich und die stürmische Luft reißt an ihm. Sieht es denn niemand? Die Herren und Damen, die auf den Steinen gehen sollten, schweben. Wenn der Wind Athem holt, bleiben sie stehn, sagen einige Worte zu einander und verneigen sich grüßend, stößt aber der Wind wieder, können sie ihm nicht widerstehn und alle heben gleichzeitig ihre Füße. Zwar müssen sie fest ihre Hüte halten, aber ihre Augen schauen lustig, als wäre milde Witterung. Nur ich fürchte mich.<“

    Mißhandelt, wie ich war sagte ich: “Die Geschichte die Sie früher erzählt haben von Ihrer Mutter und der Frau im Garten, finde ich gar nicht merkwürdig. Nicht nur daß ich viele derartige Geschichten gehört und erlebt habe, so habe ich sogar bei manchen mitgewirkt. Diese Sache ist doch ganz natürlich. Meinen Sie ich hätte, wenn ich am Balkon gewesen wäre, nicht dasselbe sagen können und aus dem Garten dasselbe antworten können? Ein so einfacher Vorfall.”

    Als ich das gesagt hatte schien er sehr beglückt. Er sagte, daß ich hübsch gekleidet sei, und daß ihm meine Halsbinde sehr gefalle. Und was für eine feine Haut ich hätte. Und Geständnisse würden am klarsten, wenn man sie widerriefe.

    C

    Geschichte des Beters.

    Dann setzte er sich neben mich, denn ich war schüchtern geworden, ich hatte ihm Platz gemacht mit seitwärts geneigtem Kopfe. Trotzdem aber entgieng es mir nicht, daß auch er mit einer gewissen Verlegenheit dasaß, immer eine kleine Entfernung von mir zu bewahren suchte und mit Mühe sprach:

    Was sind das für Tage, die ich verbringe!

    Am gestrigen Abend war ich in einer Gesellschaft. Gerade verbeugte ich mich im Gaslicht vor einem Fräulein mit den Worten: “Ich freue mich thatsächlich, daß wir uns schon demri Winter nähern” – gerade verbeugte ich mich mit diesen Worten als ich mit Unwillen bemerkte, daß sich mir der rechtefen Oberschenkel aus dem Gelenk gekugelt hatte. Auch die Kniescheibe hatte sich ein wenig gelockert.H

    Daher setzte ich mich und sagte, da ich immer einen Überblick über meine Sätze zu bewahren suche: “Denn der Winter

    ist viel müheloser; man kann sich leichter benehmen, man braucht sich mit seinen Worten nicht so anstrengen. Nicht wahr, liebes Fräulein? Ich habe hoffentlich Recht in dieser Sache.” Dabei machte mir mein rechtes Bein viel Ärger. Denn anfangs schien es ganz auseinandergefallen zu sein und erst allmählich brachte ich es durch Quetschen und sinngemäßes Verschieben halbwegs in Ordnung.

    Da hörte ich das Mädchen, das sich aus Mitgefühl auchgesetzt hatte, leise sagen: “Nein Sie imponieren mir gar nicht, denn – “

    “Warten Sie”, sagte ich zufrieden und erwartungsvoll, “Sie sollen, liebes Fräulein, auch nicht fünf Minuten bloß dazu aufwenden, mit mir zu reden. Essen Sie doch zwischen den Worten, ich bitte Sie. “

    Da streckte ich meinen Arm aus, nahm eine dickhängende Weintraube von der durch einen bronzenen Flügelknaben erhöhten Schüssel, hielt sie ein wenig in der Luft und legte sie dann auf einen kleinen blaurandigen Teller, den ich dem Mädchen vielleicht nicht ohne Zierlichkeit reichte.

    “Sie imponieren mir gar nicht”, sagte sie, “alles was Sie sagen ist langweilig und unverständlich, aber deshalb noch nicht wahr. Ich glaube nämlich, mein Herr – warum nennen Sie mich immer liebes Fräulein – ich glaube, Sie geben sich nur deshalb nicht mit der Wahrheit ab, weil sie zu anstrengend ist.”

    Gott, da kam ich in gute Lust! “Ja, Fräulein, Fräulein”, so rief ich fast, “wie recht haben Sie! Liebes Fräulein, verstehn Sie das, es ist eine aufgerissene Freude, wenn man so begriffen wird, ohne es darauf abgezielt zu haben. “

    “Die Wahrheit ist nämlich zu anstrengend für Sie, mein Herr, denn wie sehn Sie doch aus! Sie sind Ihrer ganzen Länge nach aus Seidenpapier herausgeschnitten, aus gelbem Seidenpapier, so silhuettenartig und wenn Sie gehn, so muß man Sie knittern hören. Daher ist es auch unrecht sich über Ihre Haltung oder Meinung zu ereifern, denn Sie müssen sich nach dem Luftzug biegen, der gerade im Zimmer ist. “

    “Ich verstehe das nicht. Es stehen ja einige Leute hier im Zimmer herum. Sie legen ihre Arme um die Rückenlehnen der Stühle oder sie lehnen sich ans Klavier oder sie heben ein Glas zögernd zum Munde oder sie gehn furchtsam ins Nebenzimmer und nachdem sie ihre rechte Schulter im Dunkel an einem Kasten verletzt haben, denken sie athmend bei dem geöffneten Fenster: Dort ist Venus, der Abendstern. Ich aber bin in dieser Gesellschaft. Wenn das einen Zusammenhang hat, so verstehe ich ihn nicht. Aber ich weiß nicht einmal, ob das einen Zusammenhang hat. – Und sehn Sie, liebes Fräulein, von allen diesen Leuten, die ihrer Unklarheit gemäß sich so unentschieden, ja lächerlich benehmen, scheine ich allein würdig ganz Klares über mich zu hören. Und damit auch das noch mit Angenehmem gefüllt sei, sagen sie es spöttisch, so daß merklich noch etwas übrig bleibt, wie es auch durch die wichtigen Mauern eines im Innern ausgebrannten Hauses geschieht. Der Blick wird jetzt kaum gehindert, man sieht bei Tag durch die großen Fensterlöcher die Wolken des Himmels und bei Nacht die Sterne. Aber noch sind die Wolken oft von grauen Steinen abgehauen und die Sterne bilden unnatürliche Bilder. – Wie wäre es, wenn ich Ihnen zum Dank dafür anvertraute, daß einmal alle Menschen, die leben wollen, so aussehn werden, wie ich; aus gelbem Seidenpapier, so silhuettenartig, herausgeschnitten, – wie Sie bemerkten – und wenn sie gehn, so wird man sie knittern hören. Sie werden nicht anders sein, als jetzt, aber sie werden so aussehn. Selbst Sie, liebes – “

    Da bemerkte ich, daß das Mädchen nicht mehr neben mir saß. Sie mußte bald nach ihren letzten Worten weggegangen sein, denn sie stand jetzt weit von mir an einem Fenster umstellt von drei jungen Leuten, die aus hohen, weißen Krägen lachend redeten.

    Ich trank darauf froh ein Glas Wein und gieng zu dem Klavierspieler, der ganz abgesondert gerade ein trauriges Stück nickend spielte. Ich beugte mich vorsichtig zu seinem Ohr, damit er nur nicht erschrecke und sagte leise in der Melodie des Stückes:

    “Haben Sie die Güte, geehrter Herr, und lassen Sie jetzt mich spielen, denn ich bin im Begriffe, glücklich zu sein. “

    Da er auf mich nicht hörte, stand ich eine Zeitlang verlegen, gieng dann aber meine Schüchternheit unterdrückend von einem der Gäste zum andern und sagte beiläufig: “Heute werde ich Klavier spielen. Ja. “

    Alle schienen zu wissen, daß ich es nicht konnte, lachten aber freundlich wegen der angenehmen Unterbrechung ihrer Gespräche. Aber völlig aufmerksam wurden sie erst, als ich ganz laut zum Klavierspieler sagte: “Haben Sie die Güte, geehrter Herr und lassen Sie jetzt mich spielen. Ich bin nämlich im Begriffe glücklich zu sein. Es handelt sich um einen Triumph. “

    Der Klavierspieler hörte zwar auf, aber er verließ seine braune Bank nicht und schien mich auch nicht zu verstehn. Er seufzte und verdeckte mit seinen langen Fingern sein Gesicht.

    Schon war ich ein wenig mitleidig und wollte ihn wieder zum Spiel aufmuntern, als die Hausfrau mit einer Gruppe herbeikam.

    “Das ist ein komischer Einfall”, sagten sie und lachten laut, als ob ich etwas Unnatürliches unternehmen wolle.

    Das Mädchen kam auch hinzu, sah mich verächtlich an und sagte: “Bitte, gnädige Frau, lassen Sie ihn doch spielen. Er will vielleicht irgendwie zur Unterhaltung beitragen. Das ist zu loben. Bitte, gnädige Frau. “

    Alle freuten sich laut, denn sie glaubten offenbar ebenso wie ich, das sei ironisch gemeint. Nur der Klavierspieler war stumm. Er hielt den Kopf gesenkt und strich mit dem Zeigefinger seiner linken Hand über das Holz der Bank, als zeichne er im Sande. Ich zitterte und steckte, um es zu verbergen, meine Hände in die Hosentaschen. Auch konnte ich nicht mehr deutlich reden, denn mein ganzes Gesicht wollte weinen. Daher mußte ich die Worte so wählen, daß den Zuhörern der Gedanke, ich wolle weinen, lächerlich vorkommen mußte.

    “Gnädige Frau”, sagte ich, “ich muß jetzt spielen, denn – ” Da ich die Begründung vergessen hatte, setzte ich mich unvermuthet zum Klavier. Da verstand ich wieder meine Lage. Der Klavierspieler stand auf und stieg zartfühlend über die Bank, denn ich versperrte ihm den Weg. “Löschen Sie das Licht, bitte, ich kann nur im Dunkel spielen. ” Ich richtete mich auf.

    Da faßten zwei Herren die Bank und trugen mich sehr weit vom Piano weg zum Speisetisch hin, ein Lied pfeifend und mich ein wenig schaukelnd.

    Alle sahen beifällig aus und das Fräulein sagte: “Sehn Sie, gnädige Frau, er hat ganz hübsch gespielt. Ich wußte es. Und Sie haben sich so gefürchtet. “

    Ich begriff und bedankte mich durch eine Verbeugung, die ich gut ausführte.

    Man goß mir Citronenlimonade ein und ein Fräulein mit rothen Lippen hielt mir das Glas beim Trinken. Die Hausfrau reichte mir Schaumgebäck auf einem silbernen Teller und ein Mädchen in ganz weißem Kleid steckte es mir in den Mund. Ein üppiges Fräulein mit viel blondem Haar hielt eine Weintraube über mir und ich brauchte nur abzupfen, während sie mir dabei in meine zurückweichenden Augen sah.

    Da mich alle so gut behandelten, wunderte ich mich freilich darüber, daß sie mich einmüthig zurückhielten, als ich wieder zum Piano wollte.

    “Nun ist es genug”, sagte der Hausherr, den ich bisher nicht bemerkt hatte. Er gieng hinaus und kam gleich zurück mit einem ungeheuern Zylinderhut und einem geblümten kupferbraunen Überzieher. “Da sind Ihre Sachen. “

    Es waren zwar nicht meine Sachen, aber ich wollte ihm nicht die Mühe bereiten, noch einmal nachzusehn. Der Hausherr selbst zog mir den Überzieher an, der genau paßte, indem er sich knapp an meinen dünnen Körper anpreßte. Eine Dame mit gütigem Gesicht knöpfte, sich allmählich bückend, den Rock der ganzen Länge nach zu.

    “Also leben Sie wohl”, sagte die Hausfrau, “und kommen Sie bald wieder. Sie sind immer gerne gesehn, das wissen Sie. ” Da verbeugte sich die ganze Gesellschaft, als ob das so nöthig wäre. Ich versuchte es auch, aber mein Rock war zu anliegend. So nahm ich meinen Hut und gieng wohl zu linkisch aus der Thüre.

    Aber als ich aus dem Hausthor mit kleinem Schritte trat, wurde ich von dem Himmel mit Mond und Sternen und großer Wölbung und von dem Ringplatz mit Rathhaus, Mariensäule und Kirche überfallen.

    Ich gieng ruhig aus dem Schatten ins Mondlicht, knöpfte den Überzieher auf und wärmte mich; dann ließ ich durch Erheben der Hände das Sausen der Nacht schweigen und fieng zu überlegen an:

    “Was ist es doch, daß Ihr thut, als wenn Ihr wirklich wäret. Wollt Ihr mich glauben machen, daß ich unwirklich bin, komisch auf dem grünen Pflaster stehend. Aber doch ist es schon lange her, daß Du wirklich warst, Du Himmel und Du Ringplatz bist niemals wirklich gewesen. “

    “Es ist ja wahr noch immer seid Ihr mir überlegen, aber doch nur dann, wenn ich Euch in Ruhe lasse. “

    “Gott sei Dank, Mond, Du bist nicht mehr Mond, aber vielleicht ist es nachlässig von mir daß ich Dich Mondbenannten noch immer Mond nenne. Warum bist Du nicht mehr so übermüthig, wenn ich Dich nenne >vergessene Papierlaterne in merkwürdiger Farbe<. Und warum ziehst Du Dich fast zurück, wenn ich Dich >Mariensäule< nenne und ich erkenne Deine drohende Haltung nicht mehr Mariensäule, wenn ich Dich nenne >Mond, der gelbes Licht wirft<. “

    “Es scheint nun wirklich, daß es Euch nicht gut thut, wenn man über Euch nachdenkt; Ihr nehmet ab an Muth und Gesundheit. “

    “Gott, wie zuträglich muß es erst sein, wenn Nachdenkender vom Betrunkenen lernt! “

    “Warum ist alles still geworden. Ich glaube es ist kein Wind mehr. Und die Häuschen, die oft wie auf kleinen Rädern über den Platz rollen, sind ganz festgestampft – Still – still – man sieht gar nicht den dünnen schwarzen Strich, der sie sonst vom Boden trennt.”

    Und ich setzte mich in Lauf. Ich lief ohne Hindernis dreimal um den großen Platz herum und da ich keinen Betrunkenen traf, lief ich ohne die Schnelligkeit zu unterbrechen und ohne Anstrengung zu verspüren gegen die Karlsgasse. Mein Schatten lief oft kleiner als ich neben mir an der Wand, wie in einem Hohlweg zwischen Mauer und Straßengrund.

    Als ich bei dem Haus der Feuerwehr vorüberkam, hörte ich vom kleinen Ring her Lärm und als ich dort einbog, sah ich einen Betrunkenen am Gitterwerk des Brunnens stehn, die Arme wagrecht haltend und mit den Füßen, die in Holzpantoffeln staken auf die Erde stampfend.

    Ich blieb zuerst stehn, um meine Athmung ruhig werden zu lassen, dann gieng ich zu ihm, nahm meinen Cylinder vom Kopfe und stellte mich vor:

    “Guten Abend, zarter Edelmann, ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, aber ich habe noch keinen Namen. Sie aber kommen sicher mit erstaunlichen, ja mit singbaren Namen aus dieser großen Stadt Paris. Der ganz unnatürliche Geruch des ausgleitenden Hofes von Frankreich umgibt Sie. “

    “Sicher haben Sie mit Ihren gefärbten Augen jene großen Damen gesehn, die schon auf der hohen und lichten Terasse stehn, sich in schmaler Taille ironisch umwendend, während das Ende ihrer auch auf der Treppe ausgebreiteten bemalten Schleppe noch über dem Sand des Gartens liegt. – Nicht wahr auf lange Stangen, überall vertheilt, steigen Diener in grauen frech geschnittenen Fräcken und weißen Hosen, die Beine um die Stange gelegt, den Oberkörper aber oft nach hinten und zur Seite gebogen, denn sie müssen an dicken Stricken riesige graue Leinwandtücher von der Erde heben und in der Höhe spannen, weil die große Dame einen nebligen Morgen wünscht. “

    Da er sich rülpste, sagte ich fast erschrocken: “Wirklich, ist es wahr, Sie kommen Herr aus unserem Paris, aus dem stürmischen Paris, ach, aus diesem schwärmerischen Hagelwetter? “

    Als er sich wieder rülpste, sagte ich verlegen: “Ich weiß, es widerfährt mir eine große Ehre. “

    Und ich knöpfte mit raschen Fingern meinen Überzieher zu, dann redete ich inbrünstig und schüchtern:

    “Ich weiß, Sie halten mich einer Antwort nicht für würdig, aber ich müßte ein verweintes Leben führen, wenn ich Sie heute nicht fragte. “

    “Ich bitte Sie, so geschmückter Herr, ist das wahr, was man mir erzählt hat. Giebt es in Paris Menschen, die nur aus verzierten Kleidern bestehn und giebt es dort Häuser die bloß Portale haben und ist es wahr, daß an Sommertagen der Himmel über der Stadt fliehend blau ist, nur verschönt durch angepreßte weiße Wölkchen, die alle die Form von Herzen haben? Und giebt es dort ein Panoptikum mit großem Zulauf, in dem bloß Bäume stehn mit den Namen der berühmtesten Helden, Verbrecher und Verliebten auf kleinen angehängten Tafeln. “

    “Und dann noch diese Nachricht! Diese offenbar lügnerische Nachricht! “

    “Nicht wahr, diese Straßen von Paris sind plötzlich verzweigt; sie sind unruhig, nicht wahr? Es ist nicht immer alles in Ordnung, wie könnte das auch sein! Es geschieht einmal ein Unfall, Leute sammeln sich, aus den Nebenstraßen kommend mit dem großstädtischen Schritt, der das Pflaster nur wenig berührt; alle sind zwar in Neugierde, aber auch in Furcht vor Enttäuschung; sie athmen schnell und strecken ihre kleinen Köpfe vor. Wenn sie aber einander berühren, so verbeugen sie sich tief und bitten um Verzeihung: >Es thut mir sehr leid – es geschah ohne Absicht – das Gedränge ist groß, verzeihen Sie, ich bitte – es war sehr ungeschickt von mir – ich gebe das zu. Mein Name ist – mein Name ist Jerome Faroche, Gewürzkrämer bin ich in der rue de Cabotin–gestatten Sie,daß ich Sie für morgen zum Mittagessen einlade – auch meine Frau würde so große Freude haben.< So reden sie, während doch die Gasse betäubt ist und der Rauch der Schornsteine zwischen die Häuser fällt. So ist es doch. Und wäre es möglich, daß da einmal auf einem belebten Boulevard eines vornehmen Viertels zwei Wagen halten. Diener öffnen ernst die Thüren. Acht edle sibirische Wolfshunde tänzeln hinunter und jagen bellend über die Fahrbahn in Sprüngen. Und da sagt man, daß es verkleidete, junge Pariser Stutzer sind. “

    Er hatte die Augen fast geschlossen. Als ich schwieg, steckte er beide Hände in den Mund und riß am Unterkiefer. Sein Kleid war ganz beschmutzt. Man hatte ihn vielleicht aus einer Weinstube hinausgeworfen und er war darüber noch nicht im Klaren.

    Es war vielleicht diese kleine, ganz ruhige Pause zwischen Tag und Nacht, wo uns der Kopf, ohne daß wir es erwarten im Genicke hängt und wo alles, ohne daß wir es merken, still steht, da wir es nicht betrachten und dann verschwindet. Während wir mit gebogenem Leib allein bleiben, uns dann umschaun, aber nichts mehr sehn, auch keinen Widerstand der Luft mehr fühlen, aber innerlich uns an der Erinnerung halten, daß in gewissem Abstand von uns Häuser stehn mit Dächern und glücklicherweise eckigen Schornsteinen, durch die das Dunkel in die Häuser fließt, durch die Dachkammern in die verschiedenartigen Zimmer. Und es ist ein Glück, daß morgen ein Tag sein wird, an dem, so unglaublich es ist, man alles wird sehen können.

    Da riß der Betrunkene seine Augenbrauen hoch, so daß zwischen ihnen und den Augen ein Glanz entstand und erklärte in Absätzen: “Das ist so nämlich – ich bin nämlich schläfrig, daher werde ich schlafen gehn – Ich habe nämlich einen Schwager am Wenzelsplatz – dorthin geh ich, denn dort wohne ich, denn dort habe ich mein Bett – so geh ich jetzt – Ich weiß nämlich nur nicht wie er heißt und wo er wohnt – mir scheint, das habe ich vergessen – aber das macht nichts, denn ich weiß ja nicht einmal, ob ich überhaupt einen Schwager habe – Jetzt gehe ich nämlich – Glauben Sie, daß ich ihn finden werde?”

    Darauf sagte ich ohne Bedenken: “Das ist sicher. Aber Sie kommen aus der Fremde und Ihre Dienerschaft ist zufällig nicht bei Ihnen. Gestatten Sie, daß ich Sie führe. “

    Er antwortete nicht. Da reichte ich ihm meinen Arm, damit er sich einhänge.

    d

    Fortgesetztes Gespräch zwischen dem Dicken und dem Beter.

    Ich aber versuchte schon eine Zeitlang mich aufzumuntern. Ich rieb meinen Körper und sagte zu mir:

    “Es ist Zeit, daß Du sprichst. Du bist ja schon verlegen. Fühlst Du Dich bedrängt? Warte doch! Du kennst ja diese Lagen. Überlege es ohne Eile! Auch die Umgebung wird warten. “

    “Es ist so wie in der Gesellschaft der vorigen Woche. Jemand liest aus einer Abschrift etwas vor. Eine Seite habe ich auf seine Bitte selbst abgeschrieben. Wie ich die Schrift unter den von ihm geschriebenen Seiten lese, erschrecke ich. Es ist haltlos. Die Leute beugen sich darüber von den drei Seiten des Tisches her. Ich schwöre weinend, es sei nicht meine Schrift. “

    “Aber warum sollte das dem Heutigen ähnlich sein. Es liegt doch nur an Dir daß ein eingezäuntes Gespräch entsteht. Alles ist friedlich. Strenge Dich doch an, mein Lieber! – Du wirst doch einen Einwand finden. – Du kannst sagen: >Ich bin schläfrig. Ich habe Kopfschmerzen. Adieu. < Rasch, also rasch. Mach Dich bemerkbar! – Was ist das? Wieder Hindernisse und Hindernisse Woran erinnerst Du Dich? – Ich erinnere mich an eine Hochebene die sich gegen den großen Himmel als ein Schild der Erde hob. Ich sah sie von einem Berge und machte mich bereit sie zu durchwandern. Ich fieng zu singen an. “

    Meine Lippen waren trocken und ungehorsam, als ich sagte:

    “Sollte man nicht anders leben können? “

    “Nein”, sagte er fragend, lächelnd.

    “Aber warum beten Sie am Abend in der Kirche”, fragte ich dann, indem alles zwischen mir und ihm zusammenfiel, was ich bis dahin wie schlafend gestützt hatte.

    “Nein, warum sollten wir darüber reden. Am Abend trägt niemand, der allein lebt Verantwortung. Man fürchtet manches. Daß vielleicht die Körperlichkeit entschwindet, daß die Menschen wirklich so sind wie sie in der Dämmerung scheinen, daß man ohne Stock nicht gehen dürfe, daß es vielleicht gut wäre in die Kirche zu gehn und schreiend zu beten um angeschaut zu werden und Körper zu bekommen. “

    Da er so redete und dann schwieg, zog ich mein rothes Taschentuch aus der Tasche und weinte gebückt.

    Er stand auf, küßte mich und sagte:

    “Warum weinst Du? Du bist groß, das liebe ich, Du hast lange Hände, die sich fast nach Deinem Willen aufführen; warum freust Du Dich nicht darüber. Trage immer dunkelfarbige Ärmelränder, das rathe ich Dir. – Nein – ich schmeichle Dir und dennoch weinst Du? Diese Schwierigkeit des Lebens trägst Du doch ganz vernünftig. “

    “Wir bauen eigentlich unbrauchbare Kriegsmaschinen, Thürme, Mauern, Vorhänge aus Seide und wir könnten uns viel darüber wundern, wenn wir Zeit dazu hätten. Und erhalten uns in Schwebe, wir fallen nicht, wir flattern, wenn wir auch häßlicher sind als Fledermäuse. Und schon kann uns kaum jemand an einem schönen Tage hindern zu sagen: >Ach Gott heute ist ein schöner Tag.< Denn schon sind wir auf unserer Erde eingerichtet und leben auf Grund unseres Einverständnisses. “

    “Wir sind nämlich so wie Baumstämme im Schnee. Sie liegen doch scheinbar nur glatt auf und man sollte sie mit kleinem Anstoß wegschieben können. Aber nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist bloß scheinbar. “

    Nachdenken hinderte mich am Weinen: “Es ist Nacht und niemand wird mir morgen vorhalten, was ich jetzt sagen könnte, denn es kann ja im Schlaf gesprochen sein. “

    Dann sagte ich: “Ja, das ist es, aber wovon redeten wir doch. Wir konnten doch nicht von der Beleuchtung des Himmels reden da wir doch in der Tiefe einer Hausflur stehn. Nein – doch wir hätten davon reden können, denn sind wir in unserem Gespräch nicht ganz unabhängig, da wir nicht Zweck noch Wahrheit erreichen wollen, sondern nur Scherz und Unterhaltung. Aber könnten Sie mir nicht dennoch die Geschichte von der Frau im Garten noch einmal erzählen. Wie bewunderungswürdig, wie klug ist diese Frau! Wir müssen uns nach ihrem Beispiel benehmen. Wie gern habe ich sie! Und dann ist es auch gut, daß ich Sie getroffen und so abgefangen habe. Es war für mich ein großes Vergnügen mit Ihnen gesprochen zu haben. Ich habe einiges mir bisher vielleicht absichtlich unbekannte gehört – ich freue mich. “

    Er sah zufrieden aus. Trotzdem mir die Berührung mit einem menschlichen Körper immer peinlich ist, mußte ich ihn umarmen.

    Dann traten wir aus dem Gang unter den Himmel. Einige zerstoßene Wölkchen blies mein Freund weg, so daß sich jetzt die ununterbrochene Fläche der Sterne uns darbot. Mein Freund gieng mühsam.

    4

    Untergang des Dicken

    Da wurde alles von Schnelligkeit ergriffen und fiel in die Ferne. Das Wasser des Flusses wurde an einem Absturz hinabgezogen, wollte sich zurückhalten, schwankte auch noch an der zerbröckelten Kante, aber dann fiel es in Klumpen und Rauch.

    Der Dicke konnte nicht weiterreden, sondern er mußte sich drehn und in dem lauten raschen Wasserfall verschwinden.

    Ich, der soviele Belustigungen erfahren hatte, stand am Ufer und sah es. “Was sollen unsere Lungen thun”, schrie ich, schrie, “athmen sie rasch, ersticken sie an sich, an innern Giften; athmen sie langsam ersticken sie an nicht athembarer Luft, an den empörten Dingen. Wenn sie aber ihr Tempo suchen wollen, gehn sie schon am Suchen zugrunde. “

    Dabei dehnten sich die Ufer dieses Flusses ohne Maß und doch berührte ich das Eisen eines in der Entfernung winzigen Wegzeigers mit der Fläche meiner Hand. Das war mir nun nicht ganz begreiflich. Ich war doch klein, fast kleiner als gewöhnlich und ein Strauch mit weißen Hagebutten, der sich ganz schnell schüttelte überragte mich. Ich sah das, denn er war vor einem Augenblick nahe bei mir.

    Aber trotzdem hatte ich mich geirrt, denn meine Arme waren so groß, wie die Wolken eines Landregens, nur waren sie hastiger. Ich weiß nicht, warum sie meinen armen Kopf zerdrücken wollten.

    Der war doch so klein, wie ein Ameisenei, nur war er ein wenig beschädigt, daher nicht mehr vollkommen rund. Ich führte mit ihm bittende Drehungen aus, denn der Ausdruck meiner Augen hätte nicht bemerkt werden können, so klein waren sie.

    Aber meine Beine, doch meine unmöglichen Beine lagen über den bewaldeten Bergen und beschatteten die dörflichen Thäler. Sie wuchsen, sie wuchsen! Schon ragten sie in den Raum der keine Landschaft mehr besaß, längst schon reichte ihre Länge aus der Sehschärfe meiner Augen.

    Aber nein, das ist es nicht – ich bin doch klein, vorläufig klein – ich rolle – ich rolle – ich bin eine Lawine im Gebirge! Bitte, vorübergehende Leute, seid so gut, sagt mir wie groß ich bin, messet mir diese Arme, diese Beine.

    III

    “Wie ist das doch”, sagte mein Bekannter, der mit mir aus der Gesellschaft gekommen war und ruhig neben mir auf einem Wege des Laurenziberges gieng. “Bleiben Sie endlich ein wenig stehn, damit ich mir darüber klar werde. – Wissen Sie, ich habe eine Sache zu erledigen. Das ist so anstrengend – diese wohl kalte und auch bestrahlte Nacht, aber dieser unzufriedene Wind, der sogar bisweilen die Stellung jener Akazien zu verändern scheint. “

    Der Mondschatten des Gärtnerhauses war über den ein wenig gewölbten Weg gespannt und mit dem geringen Schnee verziert. Als ich die Bank erblickte, die neben der Thüre stand, zeigte ich mit erhobener Hand auf sie, denn ich war nicht muthig und erwartete Vorwürfe, legte daher meine linke Hand auf meine Brust.

    Er setzte sich überdrüssig, ohne Rücksicht gegen seine schönen Kleider und brachte mich in Staunen, als er seine Ellbogen gegen seine Hüften drückte und seine Stirn in die durchgebogenen Fingerspitzen legte.

    “Ja, jetzt will ich dieses sagen. Wissen Sie, ich lebe regelmäßig, es ist nichts auszusetzen, alles was nothwendig und anerkannt ist, geschieht. Das Unglück, an das man in der Gesellschaft, in der ich verkehre, gewöhnt ist, hat mich nicht verschont, wie meine Umgebung und ich befriedigt sahen, und auch dieses allgemeine Glück hielt sich nicht zurück und ich selbst durfte in kleinem Kreise von ihm reden. Gut, ich war noch niemals wirklich verliebt gewesen. Ich bedauerte das bisweilen, aber benutzte jene Redensart, wenn ich sie nöthig hatte. Jetzt nun muß ich sagen: Ja ich bin verliebt und wohl aufgeregt vor Verliebtheit. Ich bin ein Liebhaber von Glut, wie ihn die Mädchen sich wünschen. Aber hätte ich nicht bedenken sollen, daß gerade dieser frühere Mangel eine ausnahmsweise und lustige, besonders lustige Drehung meinen Verhältnissen gab?”

    “Nur Ruhe, Ruhe”, sagte ich theilnahmslos und nur an mich denkend, “Ihre Geliebte ist doch schön, wie ich hören mußte. “

    “Ja, sie ist schön. Als ich neben ihr saß dachte ich immer nur: >Dieses Wagnis – und ich bin so kühn – da unternehme ich eine Seefahrt – trinke Wein in Galonen. < Aber wenn sie lacht, zeigt sie ihre Zähne nicht, wie man doch erwarten sollte, sondern man kann bloß die dunkle schmale gebogene Mundöffnung sehn. Das nun schaut listig und greisenhaft aus, wenn sie auch beim Lachen den Kopf nach rückwärts beugt. “

    “Ich kann das nicht leugnen”, sagte ich mit Seufzern, “wahrscheinlich habe ich das auch gesehn, denn es muß auffallend sein. Aber es ist nicht nur das. Mädchenschönheit überhaupt! Oft wenn ich Kleider mit vielfachen Falten, Rüschen und Behängen sehe, die über schönen Körper schön sich legen, so denke ich, daß sie nicht lange so erhalten bleiben, sondern Falten bekommen, nicht mehr gerade zu glätten, Staub bekommen, der dick in der Verzierung nicht mehr zu entfernen ist und daß niemand so traurig und so lächerlich sich wird machen wollen, täglich dasselbe kostbare Kleid früh anzulegen und abends auszuziehn. Doch sehe ich Mädchen, die wohl schön sind und vielfache reizende Muskeln und Knöchelchen und gespannte Haut und Massen dünner Haare zeigen und doch täglich in diesem einen natürlichen Maskenanzug erscheinen, immer dasselbe Gesicht in ihre gleiche Handfläche legen und von ihrem Spiegel widerscheinen lassen. Nur manchmal am Abend, wenn sie spät von einem Feste kommen, scheint es ihnen im Spiegel abgenützt, gedunsen, verstaubt, von allen schon gesehen und kaum mehr tragbar. “

    “Doch habe ich Sie öfters während des Weges danach gefragt, ob Sie das Mädchen schön finden, aber Sie haben immer nach der andern Seite sich gedreht, ohne mir zu antworten. Sagen Sie, haben Sie etwas Böses vor? Warum trösten Sie mich nicht?”

    Ich bohrte meine Füße in den Schatten und sagte aufmerksam: “Sie müssen nicht getröstet werden. Sie werden doch geliebt. ” Dabei hielt ich mein mit blauen Weintrauben gemustertes Taschentuch vor den Mund, um mich nicht zu erkälten.

    Jetzt wendete er sich zu mir und lehnte sein dickes Gesicht an die niedrige Lehne der Bank: “Wissen Sie, im allgemeinen habe ich noch Zeit, ich kann noch immer diese beginnende Liebe gleich beenden durch eine Schandthat oder durch Untreue oder durch Abreise in ein entferntes Land. Denn wirklich, ich bin sehr im Zweifel, ob ich mich in diese Aufregung begeben soll. Da ist nichts sicheres, niemand kann Richtung und Dauer bestimmt angeben. Gehe ich in eine Weinstube mit der Absicht mich zu betrinken, so weiß ich, ich werde diesen einen Abend betrunken sein, aber in meinem Fall! In einer Woche wollen wir einen Ausflug mit einer befreundeten Familie machen, gibt das nicht im Herzen Gewitter für vierzehn Tage. Die Küsse dieses Abends machen mich schläfrig, um Raum für ungezähmte Träume zu bekommen. Ich trotze dem und mache einen Nachtspaziergang, da geschieht es, daß ich unaufhörlich bewegt bin, mein Gesicht kalt und warm ist wie nach Windstößen, daß ich immer ein rosa Band in meiner Tasche berühren muß, höchste Befürchtungen für mich habe, ihnen aber nicht nachgehn kann und sogar Sie, mein Herr vertrage, während ich sonst sicher nie solange mit Ihnen reden würde. “

    Mir war sehr kalt und schon neigte sich der Himmel ein wenig in weißlicher Farbe. “Da wird keine Schandthat helfen, keine Untreue oder Abreise in ein entferntes Land. Sie werden sich morden müssen”, sagte ich und lächelte außerdem.

    Uns gegenüber am andern Rande der Allee standen zwei Büsche und hinter diesen Büschen unten war die Stadt. Sie war noch ein wenig beleuchtet.

    “Gut”, rief er und schlug die Bank mit seiner kleinen festen Faust, die er aber gleich liegen ließ, “Sie leben aber. Sie töten sich nicht. Niemand liebt Sie. Sie erreichen nichts. Den nächsten Augenblick können Sie nicht beherrschen. Da reden Sie so zu mir, Sie gemeiner Mensch. Lieben können Sie nicht, nichts erregt Sie außer Angst. Schauen Sie doch, meine Brust. “

    Da öffnete er rasch seinen Rock und seine Weste und sein Hemd. Seine Brust war wirklich breit und schön.

    Ich begann zu erzählen: “Ja, solche trotzige Zustände überkommen uns bisweilen. So war ich diesen Sommer in einem Dorfe. Das lag an einem Flusse. Ich erinnere mich ganz genau. Oft saß ich in verrenkter Haltung auf einer Bank am Ufer. Es war ein Strandhotel auch dort. Da hörte man oft Geigenspiel. Junge kräftige Leute redeten im Garten an Tischen vor Bier von Jagd und Abenteuern. Und dann waren am andern Ufer so wolkenhafte Berge. “

    Ich stand da auf mit matt verzogenem Munde, trat in den Rasen hinter der Bank, zerbrach auch einige beschneite Ästchen und sagte dann meinem Bekannten ins Ohr: “Ich bin verlobt, ich gestehe es. “

    Mein Bekannter wunderte sich nicht darüber, daß ich aufgestanden war: “Sie sind verlobt?” Er saß wirklich ganz schwach da, nur durch die Lehne gestützt. Dann nahm er den Hut ab und ich sah sein Haar, das wohlriechend und schön gekämmt den runden Kopf auf dem Fleisch des Halses in einer scharf gerundeten Linie abschloß, wie man es in diesem Winter liebte.

    Ich freute mich, daß ich ihm so klug geantwortet hatte. “Ja”, sagte ich zu mir, “wie er doch in der Gesellschaft umhergeht mit gelenkigem Hals und freien Armen. Er kann eine Dame mit gutem Gespräch mitten durch einen Saal führen und es macht ihn gar nicht unruhig, daß vor dem Hause Regen fällt oder daß dort ein Schüchterner steht oder sonst etwas Jämmerliches geschieht. Nein, er neigt sich gleichartig hübsch vor den Damen. Aber da sitzt er nun. “

    Mein Bekannter strich mit einem Tuche aus Battist über die Stirn. “Bitte”, sagte er, “legen Sie mir Ihre Hand ein wenig auf die Stirn. Ich bitte Sie. ” Als ich es nicht gleich that, faltete er seine Hände.

    Als ob unsere Sorge alles verdunkelt hätte, saßen wir oben auf dem Berg, wie in einem kleinen Zimmer, trotzdem wir doch schon früher Licht und Wind des Morgens bemerkt hatten. Wir waren nahe beisammen, trotzdem wir einander gar nicht gerne hatten, aber wir konnten uns nicht weit von einander entfernen, denn die Wände waren förmlich und fest gezogen. Aber wir durften uns lächerlich und ohne menschliche Würde benehmen, denn wir mußten uns nicht schämen vor den Zweigen über uns und vor den Bäumen, die uns gegenüber standen.

    Da zog mein Bekannter ohne Umstände aus seiner Tasche ein Messer, öffnete es nachdenklich und stieß es dann wie im Spiele in seinen linken Oberarm und entfernte es nicht. Gleich rann Blut. Seine runden Wangen waren blaß. Ich zog das Messer heraus, zerschnitt den Ärmel des Winterrocks und des Fracks, riß den Hemdärmel auf. Lief dann eine kurze Strecke des Weges hinunter und aufwärts, um zu sehn, ob niemand da sei, der mir helfen könnte. Alles Gezweige war fast grell sichtbar und unbewegt. Dann saugte ich ein wenig an der tiefen Wunde. Da erinnerte ich mich an das Gärtnerhäuschen. Ich lief die Stiegen aufwärts, die zu dem erhöhten Rasen an der linken Seite des Hauses führten, ich untersuchte die Fenster und Thüren in Eile, ich läutete wüthend und stampfend, trotzdem ich gleich gesehen hatte, daß das Haus unbewohnt war. Dann sah ich nach der Wunde, die in dünnem Strom blutete. Ich näßte sein Tuch im Schnee und umband ungeschickt seinen Arm.

    “Du Lieber, Du Lieber”, sagte ich, “meinetwegen hast Du Dich verletzt. Du bist so schön gestellt, von Freundlichen umgeben, am hellen Tag kannst Du spazieren gehn, wenn viele Menschen sorgfältig gekleidet weit und nah zwischen Tischen oder auf Hügelwegen zu sehen sind. Denke nur, im Frühjahr, da werden wir in den Baumgarten fahren, nein nicht wir werden fahren, das ist schon leider wahr aber Du mit dem Annerl wirst fahren in Freude und Trab. O ja, glaube mir, ich bitte Dich, und die Sonne wird Euch schönstens allen Leuten zeigen. Oh, da ist Musik, man hört die Pferde weit, es ist keine Sorge nöthig, da ist Geschrei und Leierkästen spielen in den Alleen. “

    “Ach Gott”, sagte er, stand auf, lehnte sich an mich und wir giengen, “da ist ja keine Hilfe. Das könnte mich nicht freuen. Verzeihen Sie. Ist es schon spät? Vielleicht sollte ich morgen früh etwas thun. Ach Gott. “

    Eine Laterne nahe an der Mauer oben brannte und legte den Schatten der Stämme über Weg und weißen Schnee, während der Schatten des vielfältigen Astwerkes umgebogen wie zerbrochen auf dem Abhang lag.

    “Fassung B”

    Gegen zwölf Uhr standen schon einige Leute auf, verbeugten sich, reichten einander die Hände, sagten es wäre sehr schön gewesen und giengen dann durch den großen Türrahmen ins Vorzimmer, sich anzukleiden. Die Hausfrau stand mitten in dem Zimmer und machte bewegliche Verbeugungen, während in ihrem Rock gezierte Falten sich schaukelten.

    Ich saß an einem kleinen Tischchen – es hatte drei gespannte dünne Beine – nippte gerade an dem dritten Gläschen Benediktiner und übersah im Trinken zugleich meinen kleinen Vorrat von Backwerk, das ich selbst ausgesucht und aufgeschichtet hatte.

    Da sah ich meinen neuen Bekannten ein wenig zerrauft und aus der Ordnung geraten an dem Türpfosten eines Nebenzimmers erscheinen, aber ich wollte wegsehn, denn es gieng mich nichts an. Er dagegen kam auf mich zu und zerstreut über meine Beschäftigung lächelnd sagte er:

    “Verzeihen Sie, daß ich zu Ihnen komme. Aber ich bin bis jetzt mit meinem Mädchen allein in einem Nebenzimmer gesessen. Von halb elf an. Sie Mensch, das war einmal ein Abend. Ich weiß schon, es ist nicht recht, daß ich Ihnen das erzähle, denn wir kennen ja einander kaum. Nicht wahr, auf der Treppe sind wir heute abend einander begegnet und haben als Gäste des gleichen Hauses ein paar Worte gesprochen. Und jetzt – Aber Sie müssen mir – ich bitte – verzeihen, das Glück hält es einfach nicht in mir aus, ich konnte mir nicht helfen. Und da ich sonst keine Bekannten hier habe, denen ich vertraue – “

    Ich sah ihn traurig an – das Stück Fruchtkuchen, das ich im Munde hatte, schmeckte nicht besonders – und sagte in sein hübsch gerötetes Gesicht hinauf:

    “Ich bin natürlich froh darüber, daß ich Ihnen vertrauenswürdig scheine, aber unzufrieden damit, daß Sie sich mir anvertraut haben. Und Sie selbst, wären Sie nicht so verwirrt, müßten es fühlen, wie unpassend es ist, einem, der allein sitzt und Schnaps trinkt, von einem liebenden Mädchen zu erzählen. “

    Als ich dieses gesagt hatte, setzte er sich mit einem Ruck nieder, legte sich zurück und ließ seine Arme hängen. Dann drückte er sie mit gespitzten Ellbogen zurück und begann mit ziemlich lauter Stimme vor sich hinzusprechen:

    “Noch vor einem Weilchen dort in dem Zimmer waren wir allein, das Annerl mit mir. Und ich habe sie geküßt, geküßt – habe – ich – sie auf ihren Mund, ihre Ohren, ihre Schultern. Mein Gott und Herr!”

    Einige Gäste, die hier ein etwas lebhafteres Gespräch vermutheten, rückten gähnend näher zu uns. Ich stand daher auf und sagte, daß es alle hören konnten:

    “Also gut, wenn Sie wollen, dann gehe ich mit, aber ich bleibe dabei, daß es ein Unsinn ist, jetzt im Winter und in der Nacht auf den Laurenziberg zu gehn. Überdies ist es kalt geworden und da ein wenig Schnee gefallen ist, sind die Wege draußen wie Schlittschuhbahnen. Nun wie Sie wollen – “

    Er sah mich zuerst staunend an und öffnete seinen Mund mit den nassen Lippen; dann aber, als er die Herren sah, die schon ganz in der Nähe waren, lachte er, stand auf und sagte:

    “0 doch, die Kühle wird gut tun; unsere Kleider sind voll Hitze und Rauch; dann bin ich auch ein wenig betrunken, ohne gerade viel getrunken zu haben; ja, wir werden uns verabschieden und dann werden wir gehn. “

    Wir giengen also zur Hausfrau und als er ihr die Hand küßte, sagte sie:

    “Nein, ich bin froh, daß Sie heute so glücklich aussehn. “

    Die Güte dieser Worte rührte ihn und er küßte noch einmal ihre Hand; da lächelte sie. Ich mußte ihn fortziehn.

    Im Vorzimmer stand ein Stubenmädchen, wir sahen sie jetzt zum erstenmal. Sie half uns in die Überröcke und nahm dann eine kleine Handlampe, um uns über die Treppe zu leuchten. Ihr Hals war nackt und nur unter dem Kinn von einem schwarzen Sammtband umbunden und ihr lose bekleideter Körper war gebeugt und dehnte sich immer wieder, als sie vor uns die Treppe hinunterstieg, die Lampe niederhaltend. Ihre Wangen waren gerötet, denn sie hatte Wein getrunken und in dem schwachen, das ganze Stiegenhaus erfüllenden Lampenschein zitterten ihr die Lippen.

    Unten an der Treppe stellte sie die Lampe auf eine Stufe nieder, gieng einen Schritt auf meinen Bekannten zu und umarmte ihn und küßte ihn und blieb in der Umarmung. Erst als ich ihr ein Geldstück in die Hand legte, löste sie schläfrig ihre Arme von ihm, öffnete langsam das kleine Haustor und ließ uns in die Nacht.

    Über der leeren, gleichmäßig erhellten Straße stand ein großer Mond im leicht bewölkten und dadurch weiter ausgebreiteten Himmel. Auf dem gefrorenen Schnee durfte man nur kleine Schritte tun.

    Kaum waren wir ins Freie getreten, als ich offenbar in bedeutende Munterkeit geriet. Ich hob die Beine, ließ die Gelenke knacken, ich rief über die Gasse einen Namen hin, als sei mir ein Freund um die Ecke entwischt, ich warf den Hut im Sprunge hoch und fieng ihn prahlerisch auf.

    Mein Bekannter aber gieng unbekümmert neben mir her. Er hielt den Kopf geneigt. Er redete auch nicht.

    Das wunderte mich, denn ich hatte mir ausgerechnet, seine Freude würde ihn toll machen, wenn ich ihn aus der Gesellschaft hinausbrächte. Nun konnte auch ich stiller werden. Gerade hatte ich ihm einen aufmunternden Schlag über den Rücken gegeben, als ich seinen Zustand plötzlich nicht mehr begriff und meine Hand zurückzog. Da ich sie nicht brauchte, steckte ich sie in die Tasche meines Rockes.

    Wir giengen also schweigend. Ich achtete darauf, wie unsere Schritte klangen und konnte nicht begreifen, daß es mir unmöglich war, mit meinem Bekannten im gleichen Schritt zu bleiben. Dabei war klare Luft, ich konnte seine Beine deutlich sehn. Hie und da lehnte auch jemand in einem Fenster und betrachtete uns.

    Als wir in die Ferdinandstraße kamen, bemerkte ich, daß mein Bekannter eine Melodie aus der “Dollarprinzessin” zu summen begann; es war leise, aber ich hörte es ganz gut. Was sollte das? Wollte er mich beleidigen? Nun ich war sofort bereit, auf diese Musik zu verzichten und auf den ganzen Spaziergang überdies. Ja warum sprach er denn nicht mit mir? Wenn er mich aber nicht nötig hatte, warum hatte er mich dann nicht in meiner Ruhe gelassen, dort in der Wärme bei Benediktiner und süßem Zeug. Ich war es wahrhaftig nicht gewesen, der sich um diesen Spaziergang gerissen hatte. Im übrigen konnte ich auch selbstständig spazieren gehn. Ich war eben in Gesellschaft gewesen, hatte einen undankbaren jungen Menschen vor Beschämung gerettet und spazierte nun im Mondlicht herum. Auch das gieng. Den Tag über im Amt, abends in Gesellschaft, in der Nacht auf den Gassen und nichts übers Maß. Eine in ihrer Natürlichkeit schon grenzenlose Lebensweise!

    Doch mein Bekannter gieng noch hinter mir, ja er beschleunigte seinen Gang, als er merkte, daß er zurückgeblieben war. Es wurde nichts gesprochen, man konnte auch nicht sagen, daß wir liefen. Ich aber überlegte, ob es nicht gut es wäre, in eine Seitengasse einzubiegen, da ich doch im Grunde zu einem gemeinsamen Spaziergang nicht verpflichtet war. Ich konnte allein nachhause gehn und keiner durfte mich hindern. Ich würde dann sehn, wie mein Bekannter an der Öffnung meiner Gasse unwissend vorüberkommt. Adieu, mein lieber Bekannter! In meinem Zimmer wird mir bei der Ankunft warm sein, ich werde auf meinem Tisch die Stehlampe in ihrem eisernen Gestell entzünden und, bin ich damit fertig, werde ich mich in meinen Armstuhl legen, der auf dem zerrissenen morgenländischen Teppich steht. Schöne Aussichten! Warum denn nicht?Aber dann?. Kein dann. Die Lampe wird im warmen Zimmer leuchten, mir im Armstuhl auf die Brust. Nun, dann werde ich auskühlen und Stunden allein zwischen den bemalten Wanden verbringen auf dem Fußboden, welcher in den an der Rückwand aufgehangten Goldrahmenspiegel schräg abfällt.

    Meine Beine wurden müde und schon war ich entschlossen auf jeden Fall nachhause zu gehn und mich in mein Bett zu legen, als ich in Zweifel geriet, ob ich jetzt beim Weggehn meinen Bekannten grußen solle oder nicht. Aber ich war zu furchtsam, um ohne Gruß wegzugehn, und zu schwach, um laut rufend zu grüßen. Ich blieb daher stehn, stützte mich an eine mondbeschienene Häusermauer und wartete.

    Mein Bekannter kam iiber die Trottoirflache weg auf mich zu, rasch, als sollte ich ihn auffangen. Er zwinkerte mit den Augen wegen irgendeines Einverständnisses, an das ich offenbar vergessen hatte.

    »Was denn, was denn?« fragte ich.

    »Aber nichts«, sagte er, »ich wollte Sie nur um Ihre Meinung über jenes Stubenmadchen fragen, das mich im Flur geküßt hat. Wer ist das Mädchen? Haben Sie sie früher schon gesehen? Nein? Ich auch nicht. War es überhaupt ein Stubenmädchen? Schon wie sie die Treppe vor uns hinunter gieng, wollte ich Sie darnach fragen. «

    »Daß sie ein Stubenmädchen war und nicht einmal das erste Stubenmädchen, habe ich gleich an ihren roten Händen gesehn, und als ich ihr das Geld in die Hand gab, spürte ich die harte Haut. «

    »Aber das beweist nur, daß sie schon einige Zeit im Dienst steht, das glaube ich ja auch. «

    »Sie können darin recht haben. In der Beleuchtung dort konnte man ja nicht alles unterscheiden, aber auch mich erinnerte ihr Gesicht an eine ältere Offizierstochter meiner Bekanntschaft. «

    »Mich nicht«, sagte er.

    »Das soll mich nicht hindern nachhause zu gehn; es ist spät und morgen früh habe ich Amt; man kann ja auch dort schlafen, aber es ist nicht das Richtige. « Dabei reichte ich ihm die Hand zum Abschied hin.

    »Pfui die kalte Hand«, rief er, »mit einer solchen Hand mochte ich nicht nachhause gehn. Sie hatten sich mein Lieber auch küssen lassen sollen, das war ein Versäumnis, nun Sie konnen es ja nachholen. Aber schlafen? In dieser Nacht? Was fällt Ihnen denn ein? Bedenken Sie doch, wieviel glückliche Gedanken man mit der Decke erstickt, wenn man allein in seinem Bette schläft, und wieviel unglückliche Träume man mit ihr wärmt. «

    »Ich ersticke nichts und wärme nichts«, sagte ich.

    »Aber lassen Sie mich, Sie sind ein Komiker«, schloß er. Gleichzeitig begann er weiter zu gehn und ich folgte ihm, ohne es zu bemerken, denn mich beschäftigte sein Ausspruch.

    Ich glaubte aus diesem Ausspruch zu erkennen, daß mein Bekannter etwas in mir vermutete, was zwar nicht in mir war, mich aber bei ihm in Beachtung brachte dadurch, daß er vermutete. Gut also, daß ich nicht nachhause gegangen war. Wer weiß, dieser Mensch, der jetzt neben mir mit in der Kälte rauchendem Mund an Stubenmädchensachen dachte, war vielleicht imstande, mir vor den Leuten Wert zu geben, ohne daß ich ihn erst erwerben mußte. Daß mir ihn nur die Mädchen nicht verderben! Mögen sie ihn küssen und drücken, das ist ja ihre Pflicht und sein Recht, aber entführen sollen sie mir ihn nicht. Wenn sie ihn küssen, küssen sie mich ja auch ein wenig, wenn man will; mit dem Mundwinkel gewissermaßen; wenn sie ihn aber entführen, dann stehlen sie mir ihn. Und er soll immer bei mir bleiben, immer, wer soll ihn beschützen wenn nicht ich. Er ist ja so dumm. Im Februar sagt man ihm: Du komm auf den Laurenziberg, und er lauft mit. Und wie wenn er jetzt fällt, wie, wenn er sich verkühlt, wie, wenn ein Eifersüchtiger aus der Postgasse heraus ihn überfällt? Was soll dann mit mir geschehn, soll ich dann aus der Welt herausgeworfen werden? Das möchte ich doch sehn, nein, mich wird er nicht mehr los werden.

    Morgen wird er mit Fräulein Anna reden, gewöhnliche Dinge zuerst, wie es natürlich ist, aber plötzlich wird er es nicht mehr verschweigen können: Gestern, Annerl, in der Nacht, nach unserer Gesellschaft, weißt Du, war ich mit einem Menschen beisammen, wie Du ihn ganz bestimmt noch nie gesehen hast. Er sieht aus – wie soll ich ihn beschreiben – wie eine Stange in baumelnder Bewegung sieht er aus, mit einem schwarzbehaarten Schädel oben. Sein Körper ist mit vielen, kleinen mattgelben Stoffstückchen behängt, die ihn vollständig bedeckten, denn bei der gestrigen Windstille lagen sie glatt an. Wie, Annerl, Dir vergeht der Appetit? Ja dann ist es meine Schuld, dann habe ich das Ganze schlecht erzählt. Wenn Du ihn nur gesehen hättest, wie schüchtern er neben mir gieng, wie er mir meine Verliebtheit ansah, was ja kein Kunststück war, und um mich in ihr nicht zu stören, eine große Strecke allein vorausgieng. Ich glaube, Annerl, Du hättest ein wenig gelacht und ein wenig Dich gefürchtet, mich aber freute seine Gegenwart. Denn wo warst Du, Annerl? In Deinem Bett warst Du und Afrika war nicht entfernter als Dein Bett. Manchmal aber war mir wahrhaftig, als höbe sich mit den Athemzügen seiner platten Brust der gestirnte Himmel. Du glaubst, ich übertreibe? Nein, Annerl; bei meiner Seele, nein; bei meiner Seele, die Dir gehört, nein.

    Und ich erließ meinem Bekannten – wir machten gerade die ersten Schritte auf dem Franzensquai – nicht den geringsten Teil der Beschämung, die er bei solcher Rede fühlen mußte. Nur giengen damals meine Gedanken in einander über, denn die Moldau und die Stadtviertel am andern Ufer lagen in gemeinsamem Dunkel. Einige Lichter brannten dort und spielten mit den schauenden Augen.

    Wir kreuzten die Fahrbahn, um zum Flußgeländer zu kommen, dort blieben wir stehn. Ich fand einen Baum, um mich anzulehnen. Da es vom Wasser her kalt wehte, zog ich meine Handschuhe an, seufzte grundlos, wie man es in der Nacht vor einem Flusse wohl tun mag, dann aber wollte ich weiter. Doch mein Bekannter schaute ins Wasser und rührte sich nicht. Dann trat er näher an das Geländer, hatte schon die Beine an dem Eisen, stützte die Elienbogen auf und legte die Stirn in die Hände. Was denn noch? Ich fror ja und mußte den Rockkragen in die Höhe stülpen. Mein Bekannter streckte sich, den Rücken, die Schultern, den Hals und hielt den Oberkörper, der auf seinen gespannten Armen ruhte, über das Geländer vorgebeugt.

    “Die Erinnerungen, nicht wahr?” sagte ich, “ja, schon das Erinnern ist traurig, wie erst sein Gegenstand! Geben Sie sich solchen Sachen nicht hin, das ist nichts für Sie und nichts für mich. Man schwächt ja dadurch – nichts ist klarer – seine gegenwärtige Position, ohne die frühere zu stärken, abgesehen davon daß die Frühere Stärkung nicht mehr nötig hat. Glauben Sie denn, ich hätte keine Erinnerungen? Oh zehn für jede der Ihrigen. Jetzt zum Beispiel könnte ich mich erinnern, wie ich in L. auf einer Bank gesessen bin. Es war am Abend, auch am Flußufer. Natürlich im Sommer. Und es ist meine Gewohnheit, an so einem Abend die Beine zu mir heraufzuziehn und zu umschlingen. Den Kopf hatte ich gegen die hölzerne Lehne der Bank gelegt, von wo ich die wolkenhaften Berge des andern Ufers ansah. Eine Geige spielte zart im Strandhotel. Auf beiden Ufern fuhren hin und wieder schiebende Züge mit erglänzendem Rauch. “

    Mein Bekannter unterbrach mich, er wandte sich plötzlich um, es sah fast aus, als sei er erstaunt, mich noch hier zu sehn. “Ach, ich könnte noch viel mehr erzählen”, sagte ich, nichts weiter.

    “Denken Sie nur und immer kommt es so”, begann er. “Als ich heute meine Treppe hinunterstieg, um vor der Abendgesellschaft noch einen kleinen Spaziergang zu machen, mußte ich mich wundern, wie meine Hände in den Manschetten hin- und herschlenkerten und so lustig haben sie das gemacht. Da dachte ich mir gleich: Wart, heut kommt was. Und es ist auch gekommen. ” Dieses sagte er schon im Gehn und sah mich lächelnd mit großen Augen an.

    Soweit hatte ich es also gebracht. Er durfte mir solche Sachen erzählen, dabei lächeln und große Augen auf mich machen. Und ich, ich mußte mich zurückhalten, daß ich meinen Arm nicht um seine Schultern legte und ihn in seine Augen küßte zur Belohnung dafür, daß er mich so gar nicht brauchen konnte. Das Schlimmste aber war, daß auch das nicht mehr schaden konnte, weil es nichts ändern konnte, denn weg mußte ich nun, weg auf jeden Fall.

    Als ich noch rasch nach einem Mittel suchte, um wenigstens ein Weilchen bei meinem Bekannten bleiben zu dürfen, fiel mir ein, daß ihm vielleicht meine lange Gestalt unangenehm sein könnte, neben der er seiner Meinung nach zu klein erschien. Und dieser Umstand quälte mich – es war freilich späte Nacht und wir begegneten fast niemandem – doch so sehr, daß ich meinen Rücken gebückt machte, bis meine Hände im Gehn meine Knie berührten. Damit aber mein Bekannter die Absicht nicht bemerke, veränderte ich meine Haltung nur ganz allmählich, suchte seine Aufmerksamkeit von mir abzulenken, drehte ihn sogar einmal zum Flusse hin und zeigte ihm mit ausgestreckter Hand die Bäume der Schützeninsel und wie die Brückenlampen im Flusse sich spiegelten.

    Aber mit plötzlicher Wendung sah er mich an – ich war noch nicht ganz fertig – und sagte: “Ja was ist denn das? Sie sind ja ganz krumm! Was treiben Sie da? “

    “Ganz richtig”, sagte ich, den Kopf an seiner Hosennaht, weshalb ich auch nicht ordentlich aufschauen konnte, “Sie scharfes Auge! “

    “Also hopla! Stehen Sie doch auf! Solche Dummheiten! “

    “Nein”, sagte ich und schaute auf die nahe Erde, “ich bleibe, wie ich bin. “

    “Das muß ich aber sagen, ärgern können Sie einen. Dieser unnütze Aufenthalt! Also machen Sie endlich Schluß! “

    “Wie Sie schreien! In der ruhigen Nacht”, sagte ich.

    “Übrigens, ganz nach Ihrem Belieben”, fügte er noch hinzu und nach einem Weilchen: “Es ist dreiviertel auf eins. ” Er las die Zeit offenbar von der Uhr des Mühlenturmes ab.

    Schon stand ich wie an den Haaren in die Höhe gerissen. Ein Weilchen lang hielt ich den Mund offen, damit mich die Aufregung durch den Mund verlasse. Ich verstand ihn, er schickte mich fort. Bei ihm sei kein Platz für mich, und wenn vielleicht doch einer hier ist, so sei er wenigstens nicht zu finden. Warum ich nebenbei gesagt so darauf versessen sei, bei ihm zu bleiben. Nein, ich möchte nur weggehn – und dies sofort – zu meinen Verwandten und Freunden, die schon auf mich warten. Hätte ich aber keine Verwandte und Freunde, dann müßte ich mir allerdings allein forthelfen (was hilft die Klage!) nur dürfte ich nicht weniger schnell von hier weggehn. Denn bei ihm könne mir nichts mehr helfen, nicht meine Länge, nicht mein Appetit, nicht meine kalte Hand. Wenn es aber meine Meinung sei, daß ich bei ihm bleiben müsse, dann sei das eine gefährliche Meinung.

    “Ich habe Ihre Mitteilung nicht gebraucht”, sagte ich, wie es auch der Wahrheit entsprach.

    “Gottseidank daß Sie endlich geradestehn. Ich habe doch nur gesagt, daß es dreiviertel eins ist. “

    “Es ist schon gut”, sagte ich und steckte zwei Fingernägel in die Lücken meiner schauernden Zähne. “Wenn ich schon Ihre Mitteilung nicht brauchte, um wie viel weniger brauche ich eine Erklärung. Ich brauche nämlich nichts als Ihre Gnade. Bitte, bitte nehmen Sie das zurück, was Sie gesagt haben! “

    “Daß dreiviertel eins ist Aber mit Vergnügen, umsomehr als dreiviertel längst vorüber ist. “

    Er hob den rechten Arm, zuckte mit der Hand und horchte auf den Kastagnettenklang des Manschettenkettchens.

    Jetzt kam offenbar der Mord. Ich werde bei ihm bleiben und er wird das Messer, dessen Griff er in der Tasche schon hält, an seinem Rock in die Höhe führen und dann gegen mich. Es ist unwahrscheinlich, daß er sich wundern wird, wie einfach die Sache ist, aber vielleicht doch, wer kann das wissen. Ich werde nicht schrein, ich werde ihn nur anschauen, solange die Augen es aushalten.

    “Nun?” sagte er.

    Vor einem entfernten Kaffeehaus mit schwarzen Scheiben ließ sich ein Polizeimann wie ein Eisläufer über das Pflaster gleiten. Sein Säbel behinderte ihn, er nahm ihn in die Hand, fuhr jetzt eine lange Strecke hin und beim Abschluß drehte er sich fast in einem Bogen. Endlich juchzte er noch schwach und, Melodien im Kopfe, fieng er wieder zu schleifen an.

    Erst dieser Polizeimann, der zweihundert Schritte von einem baldigen Mord nur sich selbst sah und hörte, machte mir eine Art von Angst. Ich stellte fest, daß es mit mir auf jeden Fall zuende war, ob ich mich erstechen ließ oder weglief. War es aber dann nicht besser wegzulaufen und mich damit der umständlichen, also schmerzlicheren Todesart auszusetzen. Die Gründe für die Vorzüge dieser Todesart hatte ich nicht gleich bei der Hand, aber ich durfte den letzten Augenblick, der mir blieb, nicht mit dem Suchen von Gründen verbringen. Dazu war später Zeit, wenn ich nur den Entschluß hatte, und den Entschluß hatte ich.

    Ich mußte weglaufen, es war ganz leicht. Jetzt beim Einbug zur Karlsbrücke nach links konnte ich nach rechts in die Karlsgasse springen. Sie war winklig, es gab dort dunkle Haustore und Weinstuben, die noch offen waren; ich mußte nicht verzweifeln.

    Als wir unter dem Bogen am Ende des Quais auf den Kreuzherrenplatz hervortraten, rannte ich mit erhobenen Armen in jene Gasse. Doch vor einer kleinen Türe der Seminarkirche fiel ich, denn dort war eine Stufe, die ich nicht erwartet hatte. Es machte ein wenig Lärm, die nächste Laterne war entfernt genug, ich lag im Dunkel.

    Aus einer Weinstube gegenüber kam ein dickes Weib mit einem Lämpchen, um nachzusehn, was auf der Gasse geschehen war. Das Klavierspiel drinnen wurde schwächer fortgesetzt, nur mit einer Hand, denn der Klavierspieler hatte sich zur Türe gewendet, die bis jetzt halb offen von einem Mann in hochzugeknöpftem Rocke völlig geöffnet wurde. Er spie aus und drückte dann das Weib so fest an sich, daß sie das Lämpchen heben mußte, um es zu schützen. “Es ist ja gar nichts geschehn”, rief er ins Zimmer hinein, darauf drehten sich beide um, giengen ins Innere und die Türe wurde wieder zugemacht.

    Als ich aufzustehn versuchte, fiel ich wieder. “Es ist Glatteis”, sagte ich und verspürte einen Schmerz im Knie. Aber doch freute es mich, daß mich die Leute aus der Weinstube nicht gesehen hatten und daß ich hier ruhig bis zur Dämmerung liegen bleiben konnte.

    Mein Bekannter war wohl bis zur Brücke gegangen, ohne meinen Abschied bemerkt zu haben, denn er kam erst nach einer Weile zu mir. Ich merkte nicht, daß er überrascht war, als er sich zu mir bückte – er senkte fast nur den Hals ganz wie eine Hyäne – und mich mit weicher Hand streichelte. Er fuhr an meinen Wangenknochen auf und nieder und legte dann die Handfläche an meine Stirn: “Sie haben sich wehgetan, nicht wahr? Nun es ist Glatteis und man muß vorsichtig sein – haben Sie mir das nicht selbst gesagt? Der Kopf schmerzt Sie? Nein? Ach das Knie. So. Das ist eine böse Sache. “

    Aber er dachte nicht daran, mich aufzuheben. Ich stützte den Kopf auf meine rechte Hand – der Elbogen lag auf einem Pflasterstein – und sagte: “Da sind wir also wieder einmal beisammen. ” Und da ich wieder jene Angst bekam, drückte ich beide Hände gegen seine Schienbeine, um ihn so wegzuschieben. “Geh doch, geh doch”, sagte ich dabei.

    Er hatte die Hände in den Taschen und sah über die leere Gasse hin, dann zur Seminarkirche und dann auf zum Himmel. Endlich, als in einer der umliegenden Gassen ein Wagen laut sich herumtrieb, erinnerte er sich an mich: “Ja, warum reden Sie denn nicht, mein Lieber? Ist Ihnen schlecht? Ja warum stehn Sie denn eigentlich nicht auf? Soll ich einen Wagen suchen? Wenn Sie wollen, bringe ich Ihnen ein bißchen Wein da aus der Weinstube. Aber liegen bleiben dürfen Sie hier in der Kälte nicht. Und dann wollten wir doch auf den Laurenziberg. “

    “Natürlich”, sagte ich und stand allein auf, aber mit starkem Schmerz. Ich schwankte gleich und mußte das Standbild Karl des Vierten streng ansehn, um meines Standpunktes sicher zu sein. Aber nicht einmal das hätte mir geholfen, wäre mir nicht eingefallen, daß ich von einem Mädchen mit schwarzem Samtband um den Hals geliebt würde, zwar nicht hitzig aber treu. Und lieb war es da vom Mond, daß er auch mich beschien und ich wollte aus Bescheidenheit mich unter die Wölbung des Brückenturmes stellen, als ich einsah, daß es bloß natürlich sei, daß der Mond alles bescheine. Daher breitete ich mit Freude meine Arme aus, um den Mond ganz zu genießen. Und es wurde mir leicht, als ich Schwimmbewegungen mit den lässigen Armen machend ohne Schmerz und Mühe vorwärtskam. Daß ich das früher nie versucht hatte! Mein Kopf lag in der kühlen Luft und gerade mein rechtes Knie flog am besten, ich lobte es durch Beklopfen. Und ich erinnerte mich, daß ich einmal einen Bekannten, der wahrscheinlich noch immer unter mir gieng, nicht recht hatte leiden können, und an der ganzen Sache freute mich nur, daß mein Gedächtnis so gut war, daß es selbst solche Dinge bewahrte. Doch ich durfte nicht viel denken, denn ich mußte weiterschwimmen, wollte ich nicht zu sehr untertauchen. Aber damit man mir später nicht sagen dürfe, über dem Pflaster könne jeder schwimmen und es sei nicht des Erzählens wert, erhob ich mich durch ein Tempo über das Geländer und umkreiste schwimmend jede Heiligenstatue, der ich begegnete.

    Bei der fünften – gerade hielt ich mich mit unmerklichen Schlägen über dem Trottoir – faßte mein Bekannter meine Hand. Da stand ich wieder auf dem Pflaster und fühlte einen Schmerz im Knie.

    “Immer”, sagte mein Bekannter mit einer Hand mich festhaltend, mit der andern auf die Statue der heiligen Ludmila zeigend, “immer habe ich die Hände dieses Engels links bewundert. Schauen Sie nur, wie zart sie sind! Wirkliche Engelshände! Haben Sie schon etwas ähnliches gesehn? Sie nicht, aber ich ja, denn ich habe heute abend Hände geküßt – “

    Für mich aber gab es jetzt eine dritte Möglichkeit zugrundezugehn. Ich mußte mich nicht erstechen lassen, ich mußte nicht weglaufen, ich konnte mich einfach in die Luft werfen. Er soll nur auf seinen Laurenziberg gehn, ich werde ihn nicht stören, nicht einmal durch Weglaufen werde ich ihn stören.

    Und nun schrie ich: “Los mit den Geschichten! Ich will nichts mehr in Brocken hören. Erzählen Sie mir alles, von Anfang bis zu Ende. Weniger höre ich nicht an, das sage ich Ihnen. Aber auf das Ganze brenne ich. “

    Als er mich ansah, schrie ich nicht mehr so. “Und auf meine Verschwiegenheit können Sie bauen! Erzählen Sie nur alles, was Sie auf dem Herzen haben. Einen so verschwiegenen Zuhörer wie mich haben Sie noch nicht gehabt. “

    Und ziemlich leise, nah an seinem Ohr, sagte ich: “Und fürchten müssen Sie sich vor mir nicht, das ist wirklich überflüssig. “

    Ich hörte ihn noch lachen.

    I

    Schon sprang ich – im Schwung, als sei es nicht das erste Mal – meinem Bekannten auf die Schultern und brachte ihn dadurch, daß ich meine Fäuste in seinen Rücken stieß, in einen leichten Trab. Als er aber noch ein wenig widerwillig stampfte und manchmal sogar stehen blieb, hackte ich mehrmals mit meinen Stiefeln in seinen Bauch, um ihn munterer zu machen. Es gelang und wir kamen schnell genug in das Innere einer großen, aber noch unfertigen Gegend.

    Die Landstraße, auf der ich ritt, war steinig und stieg bedeutend, aber gerade das gefiel mir und ich ließ sie noch steiniger und steiler werden. Sobald mein Bekannter stolperte, riß ich ihn an seinem Kragen in die Höhe und sobald er seufzte, boxte ich ihn in den Kopf. Dabei fühlte ich, wie gesund mir der Ausritt in dieser guten Luft war und um ihn noch wilder zu machen, ließ ich einen starken Gegenwind in langen Stößen in uns blasen.

    Jetzt übertrieb ich auch auf den breiten Schultern meines Bekannten die springende Bewegung und während ich mich mit beiden Händen fest an seinem Halse hielt, beugte ich weit meinen Kopf zurück und betrachtete die mannigfaltigen Wolken, die schwächer als ich schwerfällig mit dem Winde flogen. Ich lachte und zitterte vor Muth. Mein Rock breitete sich aus und gab mir Kraft. Dabei preßte ich meine Hände kräftig in einander, wodurch ich allerdings meinen Bekannten würgte.

    Erst als mir der Himmel allmählich durch die Äste der Bäume, die ich an der Straße wachsen ließ, verdeckt wurde, besann ich mich.

    “Ich weiß nicht”, rief ich ohne Klang, “ich weiß ja nicht. Wenn niemand kommt, dann kommt eben niemand. Ich habe niemandem etwas Böses getan, niemand hat mir etwas Böses getan, niemand aber will mir helfen, lauter niemand. Aber so ist es doch nicht. Nur daß mir niemand hilft, sonst wäre lauter niemand hübsch, ich würde ganz gerne, (was sagen Sie dazu?) einen Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter niemand machen. Natürlich ins Gebirge, wohin denn sonst? Wie sich diese Niemand aneinander drängen, diese vielen quergestreckten oder eingehängten Arme, diese vielen Füße durch winzige Schritte getrennt! Versteht sich, daß alle im Frack sind. Wir gehen so lala, ein vorzüglicher Wind fährt durch die Lücken, die wir und unsere Gliedmaßen offen lassen. Die Hälse werden im Gebirge frei. Es ist ein Wunder, daß wir nicht singen. “

    Da fiel mein Bekannter und als ich ihn untersuchte, fand ich, daß er am Knie schwer verwundet war. Da er mir nicht mehr nützlich sein konnte, ließ ich ihn nicht ungern auf den Steinen und pfiff nur einige Geier aus der Höhe herab, die sich gehorsam mit ernstem Schnabel auf ihn setzten, um ihn zu bewachen.

    II

    Unbesorgt gieng ich weiter. Weil ich aber als Fußgänger die Anstrengung der bergigen Straße fürchtete, ließ ich den Weg immer flacher werden und sich in der Entfernung endlich zu einem Tale senken. Die Steine verschwanden nach meinem Willen und der Wind verlor sich.

    Ich gieng in gutem Marsch und da ich bergab gieng, hatte ich den Kopf erhoben, den Körper gesteift und hinter dem Kopf die Arme verschränkt. Da ich Fichtenwälder liebe, gieng ich durch solche Wälder und da ich gerne stumm zu den Sternen schaue, so giengen mir auf dem Himmel die Sterne langsam auf, wie es ihre Art ist. Nur wenige gestreckte Wolken sah ich, die ein Wind, der nur in ihrer Höhe wehte, zur Überraschung des Spaziergängers durch die Luft zog.

    Ziemlich weit meiner Straße gegenüber, wahrscheinlich auch noch durch einen Fluß von mir getrennt, ließ ich einen mäßig hohen Berg aufstehn, dessen Plateau mit Buschwerk bewachsen an den Himmel grenzte. Noch die kleinen Verzweigungen der höchsten Äste und ihre Bewegungen konnte ich deutlich sehn. Dieser Anblick, wie gewöhnlich er auch sein mag, freute mich so, daß ich als ein kleiner Vogel auf den Ruten dieser fernen struppigen Sträucher schaukelnd daran vergaß, den Mond aufgehn zu lassen, der schon hinter dem Berge lag, wahrscheinlich zürnend wegen der Verzögerung.

    Jetzt aber breitete sich der kühle Schein, der dem Mondaufgang vorhergeht, auf dem Berge aus und plötzlich hob der Mond selbst sich hinter einem der unruhigen Sträucher. Ich jedoch hatte indessen in einer anderen Richtung geschaut und als ich jetzt vor mich hin blickte und ihn mit einem Male sah, wie er schon fast mit seiner ganzen Rundung leuchtete, blieb ich mit trüben Augen stehn, denn meine abschüssige Straße schien gerade in diesen erschreckenden Mond zu führen.

    Aber nach einem Weilchen gewöhnte ich mich an ihn und betrachtete mit Besonnenheit, wie schwer ihm der Aufstieg wurde, bis ich endlich, nachdem wir einander ein großes Stück entgegen gegangen waren, eine starke Schläfrigkeit verspürte, die, wie ich glaubte, eine Folge der Ermüdung durch den ungewohnten Spaziergang war. Ich gieng eine kleine Zeit mit geschlossenen Augen, indem ich mich nur dadurch wachend erhielt, daß ich laut und regelmäßig die Hände an einander schlug.

    Dann aber, als der Weg mir unter den Füßen zu entgleiten drohte und alles müde wie ich zu entschwinden begann, beeilte ich mich den Abhang an der rechten Straßenseite mit allen Kräften zu erklettern, um noch rechtzeitig in den hohen verwirrten Fichtenwald zu kommen, in dem ich die Nacht, die uns wahrscheinlich bevorstand, verschlafen wollte.

    Die Eile war nötig. Die Sterne dunkelten schon unbewölkt und ich sah den Mond schwächlich im Himmel, wie in einem bewegten Gewässer, versinken. Der Berg gehörte schon der Finsternis, die Landstraße endete zerbröckelnd dort, wo ich zum Abhang mich gewendet hatte, und aus dem Innern des Waldes hörte ich das sich nähernde Krachen stürzender Bäume. Nun hätte ich mich gleich auf das Moos zum Schlafe werfen können, aber da ich mich fürchte auf Waldboden zu schlafen, kroch ich – rasch glitt der Stamm zwischen den Ringen der Arme und Beine hinab – auf einen Baum, der auch schon taumelte ohne Wind, legte mich auf einen Ast, den Kopf an den Stamm gelehnt und schlief hastig ein, indeß ein Eichhörnchen meiner Laune mit steilem Schwanz auf dem bebenden Ende des Astes saß und sich wiegte.

    III

    Ich schlief und fuhr mit meinem ganzen Wesen in den ersten Traum hinein. Ich warf mich in ihm so in Angst und Schmerz herum, daß er es nicht ertrug, mich aber auch nicht wecken durfte, denn ich schlief doch nur, weil die Welt um mich zuende war. Und so lief ich durch den in seiner Tiefe gerissenen Traum und kehrte wie gerettet – dem Schlaf und dem Traum entflohn – in die Dörfer meiner Heimat zurück.

    Ich hörte die Wagen an dem Gartengitter vorüberfahren, manchmal sah ich sie auch durch die schwach bewegten Lücken im Laub. Wie krachte in dem heißen Sommer das Holz in ihren Speichen und Deichseln! Arbeiter kamen von den Feldern und lachten, daß es eine Schande war.

    Ich saß auf unserer kleinen Schaukel, ich ruhte mich gerade aus zwischen den Bäumen im Garten meiner Eltern.

    Vor dem Gitter hörte es nicht auf. Kinder im Laufschritt waren im Augenblick vorüber; Getreidewagen mit Männern und Frauen auf den Garben und rings herum verdunkelten die Blumenbeete; gegen Abend sah ich einen Herrn mit einem Stock langsam spazieren gehn und paar Mädchen, die Arm in Arm ihm entgegen kamen, traten grüßend ins seitliche Gras.

    Dann flogen Vögel wie sprühend auf, ich folgte ihnen mit den Blicken, sah, wie sie in einem Athemzug stiegen, bis ich nicht mehr glaubte, daß sie stiegen, sondern daß ich falle und fest mich an den Seilen haltend aus Schwäche ein wenig zu schaukeln anfieng. Bald schaukelte ich stärker, als die Luft schon kühler wehte und statt der fliegenden Vögel zitternde Sterne erschienen.

    Bei Kerzenlicht bekam ich mein Nachtmahl. Oft hatte ich beide Arme auf der Holzplatte und schon müde biß ich in mein Butterbrot. Die stark durchbrochenen Vorhänge bauschten sich im warmen Wind und manchmal hielt sie einer, der draußen vorübergieng mit seinen Händen fest, wenn er mich besser sehen und mit mir reden wollte. Meistens verlöschte die Kerze bald und in dem dunklen Kerzenrauch trieben sich noch eine Zeit lang die versammelten Mücken umher. Fragte mich einer vom Fenster aus, so sah ich ihn an, als schaue ich ins Gebirge oder in die bloße Luft und auch ihm war an einer Antwort nicht viel gelegen.

    Sprang dann einer über die Fensterbrüstung und meldete, die andern seien schon vor dem Haus, so stand ich freilich seufzend auf.

    “Nein, warum seufzt Du so? Was ist denn geschehn? Ist es ein besonderes, nie gut zu machendes Unglück? Werden wir uns nie davon erholen können? Ist wirklich alles verloren? “

    Nichts war verloren. Wir liefen vor das Haus. “Gottseidank, da seid Ihr endlich! – Du kommst halt immer zu spät! – Wieso denn ich? – Gerade Du, bleib zuhause, wenn Du nicht mitwillst. – Keine Gnaden! – Was, keine Gnaden? Wie redest Du? “

    Wir durchstießen den Abend mit dem Kopf. Es gab keine Tages- und keine Nachtzeit. Bald rieben sich unsere Westenknöpfe aneinander wie Zähne, bald liefen wir in gleichbleibender Entfernung Feuer im Mund wie Tiere in den Tropen. Wie Kurassiere in alten Kriegen stampfend und hoch in der Luft trieben wir einander die kurze Gasse hinunter und mit diesem Anlauf in den Beinen die Landstraße weiter hinauf. Einzelne traten in den Straßengraben, kaum verschwanden sie vor der dunklen Böschung, standen sie schon wie fremde Leute oben auf dem Feldweg und schauten herab.

    “Kommt doch herunter! – Kommt zuerst herauf! – Damit Ihr uns herunterwerfet, fällt uns nicht ein, so gescheit sind wir noch. – So feig seid Ihr, wollt Ihr sagen. Kommt nur, kommt! – Wirklich Ihr? Gerade Ihr werdet uns hinunterwerfen? Wie müßtet Ihr aussehn?”

    Wir machten den Angriff, wurden vor die Brust gestoßen und legten uns in das Gras des Straßengrabens, fallend und freiwillig. Alles war gleichmäßig erwärmt, wir spürten nicht Wärme, nicht Kälte im Gras, nur müde wurde man.

    Wenn man sich auf die rechte Seite drehte, die Hand unters Ohr gab, da wollte man gerne einschlafen. Zwar wollte man sich noch einmal aufraffen mit erhobenem Kinn, dafür aber in einen tieferen Graben fallen. Dann wollte man, den Arm quer vorgehalten, die Beine schiefgeweht, sich gegen die Luft werfen und wieder bestimmt in einen noch tieferen Graben fallen. Und damit wollte man gar nicht aufhören.

    Wie man sich im letzten Graben richtig zum Schlafen aufs äußerste strecken würde, besonders in den Knien, daran dachte man noch kaum und lag zum Weinen aufgelegt wie krank auf dem Rücken. Man zwinkerte wenn einmal ein Junge, die Ellbogen bei den Hüften, mit dunklen Sohlen über uns von der Böschung auf die Straße sprang.

    Den Mond sah man schon in einiger Höhe, ein Postwagen fuhr in seinem Licht vorbei. Ein schwacher Wind erhob sich allgemein, auch im Graben fühlte man ihn und in der Nähe fieng der Wald zu rauschen an. Da lag einem nicht mehr soviel daran, allein zu sein.

    “Wo seid Ihr? – Kommt her! – Alle zusammen! – Was versteckst Du Dich, laß den Unsinn! – Wißt Ihr nicht, daß die Post schon vorüber ist – Aber nein! Schon vorüber? – Natürlich, während Du geschlafen hast, ist sie vorübergefahren. – Ich habe geschlafen? Nein so etwas! – Schweig nur, man sieht es Dir doch an. – Aber ich bitte Dich. – Kommt! “

    Wir liefen enger beisammen, manche reichten einander die Hände, den Kopf konnte man nicht genug hoch haben, weil es abwärts gieng. Einer schrie einen indianischen Kriegsruf heraus, wir bekamen in die Beine einen Galopp wie niemals, bei den Sprüngen hob uns in den Hüften der Wind. Nichts hätte uns aufhalten können; wir waren so im Laufe, daß wir selbst beim Überholen die Arme verschränken und ruhig uns umsehn konnten.

    Auf der Wildbachbrücke blieben wir stehn; die weiter gelaufen waren, kehrten zurück. Das Wasser unten schlug an Steine und Wurzeln, als wäre es nicht schon spät abend. Es gab keinen Grund dafür, warum nicht einer auf das Geländer der Brücke sprang.

    Hinter Gebüschen in der Ferne fuhr ein Eisenbahnzug heraus, alle Coupees waren beleuchtet, die Glasfenster sicher herabgelassen. Einer von uns begann einen Gassenhauer zu singen, aber wir alle wollten singen. Wir sangen viel rascher als der Zug fuhr, wir schaukelten die Arme, weil die Stimme nicht genügte, wir kamen mit unseren Stimmen in ein Gedränge, in dem uns wohl war. Wenn man seine Stimme unter andere mischt, ist man wie mit einem Angelhaken gefangen.

    So sangen wir den Wald im Rücken den fernen Reisenden in die Ohren. Die Erwachsenen wachten noch im Dorfe, die Mütter richteten die Betten für die Nacht.

    Es war schon Zeit. Ich küßte den, der bei mir stand, reichte den drei nächsten nur so die Hände, begann den Weg zurückzulaufen, keiner rief mich. Bei der ersten Kreuzung, wo sie mich nicht mehr sehen konnten, bog ich ein, lief auf Feldwegen wieder in den Wald und weiter. Ich eilte durch die großen Wälder, einmal das Licht der Sonne, einmal das des Mondes, einmal auf dem Rücken, einmal im Gesicht. Ich strebte zu der Stadt im Süden hin, von der es in unserem Dorfe hieß:

    “Dort sind Leute! Denkt Euch, die schlafen nicht! “

    “Und warum denn nicht?”

    “Weil sie nicht müde werden. “

    “Und warum denn nicht?”

    “Weil sie Narren sind. “

    “Werden denn Narren nicht müde?”

    “Wie könnten Narren müde werden! “

    IV

    Dort gab es eine Zeit, in der ich Tag um Tag in eine Kirche gieng, denn ein Mädchen, in das ich mich verliebt hatte, betete hier knieend eine halbe Stunde am Abend, unterdessen ich sie in Ruhe betrachten konnte.

    Als einmal das Mädchen nicht gekommen war und ich unwillig auf die Betenden blickte, fiel mir ein junger Mensch auf, der sich mit seiner ganzen mageren Gestalt auf den Boden geworfen hatte. Von Zeit zu Zeit packte er mit der ganzen Kraft des Körpers seinen Schädel und schmetterte ihn seufzend in die Handflächen, die auf den Steinen auflagen.

    In der Kirche waren nur einige alte Weiber, die hie und da ihr eingewickeltes Köpfchen mit seitlicher Neigung drehten, um nach dem Betenden hinzusehn. Diese Aufmerksamkeit schien ihn glücklich zu machen, denn vor jedem seiner frommen Ausbrüche ließ er seine Augen umgehn, ob die zuschauenden Leute zahlreich wären.

    Das nun fand ich ungebührlich und beschloß, ihn anzureden, wenn er aus der Kirche gienge und einfach auszufragen, warum er in dieser Weise bete. Denn seit meiner Ankunft in dieser Stadt gieng mir Klarheit über alles, wenn ich auch jetzt mich eigentlich nur darüber ärgerte, daß mein Mädchen nicht gekommen war.

    Aber erst nach einer Stunde stand er auf, putzte seine Hosen so lange ab, daß ich schon rufen wollte: “Genug, genug, wir alle sehen, daß Sie Hosen haben”, schlug ein ganz sorgfältiges Kreuz und gieng zum Weihwasserbecken schwer wie ein Matrose.

    Ich stellte mich auf dem Wege zwischen Becken und Thüre auf und wußte genau, daß ich ihn nicht ohne Erklärung durchlassen würde. Ich verzerrte meinen Mund, weil das die beste Vorbereitung für bestimmte Rede ist, und stützte mich auf das vorgestreckte rechte Bein, während ich das linke auf der Fußspitze hielt, weil mir das Festigkeit giebt, wie ich oft erfahren habe.

    Nun ist es möglich, daß dieser Mensch schon auf mich schielte, als er sich das Weihwasser ins Gesicht spritzte, vielleicht hatte ihn mein Blick schon früher besorgt gemacht, denn jetzt unerwartet rannte er zur Türe und hinaus. Unwillkürlich machte ich noch einen Sprung, um ihn zu halten. Die Glastüre schlug zu. Und als ich gleich nachher aus der Türe trat, konnte ich ihn nicht mehr finden, denn dort gab es einige schmale Gassen und der Verkehr war mannigfaltig.

    In den nächsten Tagen blieb er aus, aber das Mädchen kam und betete wieder in dem Winkel einer Seitenkapelle. Sie trug ein schwarzes Kleid, welches auf Schultern und Nacken aus durchsichtigen Spitzen bestand – der Halbmond des Hemdrandes lag unter ihnen – von deren unterem Rande die Seide in einem wohlgeschnittenen Kragen niederhieng. Und da das Mädchen kam, vergaß ich gern an jenen Menschen und kümmerte mich anfangs selbst dann nicht mehr um ihn, als er später wieder regelmäßig kam und nach seiner Gewohnheit betete.

    Aber immer gieng er mit plötzlicher Eile an mir vorüber, mit abgewendetem Gesichte. Dagegen schaute er beim Beten viel auf mich. Es sah fast aus, als sei er böse auf mich, weil ich ihn damals nicht angesprochen hatte und als meine er, durch jenen Versuch, ihn anzureden, hätte ich die Pflicht auf mich genommen, es endlich auch wirklich zu tun. Und als ich nach einer Predigt immer jenem Mädchen folgend im Halbdunkel mit ihm zusammenstieß, glaubte ich, ihn lächeln zu sehn.

    Eine solche Pflicht ihn anzureden, bestand natürlich nicht, aber ich hatte kaum mehr ein Verlangen danach, ihn anzureden. Selbst als ich einmal auf dem Kirchplatz laufend ankam, während die Uhr schon sieben schlug, das Mädchen also längst nicht mehr in der Kirche war und nur jener Mensch vor dem Geländer des Altars sich abarbeitete, zögerte ich noch.

    Endlich glitt ich auf den Fußspitzen zum Türgang, gab dem blinden Bettler, der dort saß, eine Münze und drückte mich neben ihn hinter den geöffneten Türflügel. Dort freute ich mich vielleicht eine halbe Stunde lang auf die Überraschung, die ich dem Beter bereiten wollte. Das hielt aber nicht an. Bald ließ ich nur noch sehr verdrießlich die Spinnen über meine Kleider kriechen und es war lästig, daß ich mich jedesmal vorbeugen mußte, wenn immer noch einer lautatmend aus dem Dunkel der Kirche trat.

    Da kam er auch. Das Läuten der großen Glocken, das vor einem Weilchen eingesetzt hatte, tat ihm nicht gut, wie ich merkte. Er mußte mit den Fußspitzen zuerst leichthin den Boden betasten, ehe er eigentlich auftrat.

    Ich stand auf, machte einen großen Schritt und hielt ihn schon. “Guten Abend”, sagte ich und stieß ihn, meine Hand an seinem Kragen, die Stufen hinunter auf den beleuchteten Platz.

    Als wir unten waren, drehte er sich zu mir um, während ich ihn immer noch hinten hielt, so daß wir jetzt Brust an Brust standen. “Wenn Sie mich nur hinten loslassen würden! ” sagte er. “Ich weiß ja nicht, in welchem Verdachte Sie mich haben, aber unschuldig bin ich. ” Dann wiederholte er noch einmal: “Ich weiß natürlich nicht, in welchem Verdachte Sie mich haben. “

    “Hier kann ja weder von Verdacht noch von Unschuld die Rede sein. Ich bitte Sie, davon nicht mehr zu reden. Wir sind einander fremd, unsere Bekanntschaft ist nicht älter als die Kirchtreppe hoch ist. Wohin kämen wir, wenn wir gleich von unserer Unschuld zu reden anfiengen. “

    “Ganz meine Meinung”, sagte er. “Im übrigen sagten Sie >unsere Unschuld<, meinten Sie damit, daß Sie, wenn ich meine Unschuld nachgewiesen hätte, ebenso die Ihrige nachweisen müßten. Meinten Sie das?”

    “Entweder das oder etwas anderes”, sagte ich. “Angesprochen aber habe ich Sie nur deshalb, weil ich Sie etwas fragen wollte, merken Sie sich das! “

    “Ich möchte gern nachhause gehn”, sagte er und machte eine schwache Wendung.

    “Das glaube ich. Hätte ich Sie denn sonst angesprochen? Sie dürfen nicht glauben, daß ich Sie um Ihrer schönen Augen willen angesprochen habe. “

    “Ob Sie nicht zu aufrichtig sind? Wie?”

    >>Muß ich Ihnen noch einmal sagen, daß hier von solchen Dingen nicht die Rede ist? Was soll hier Aufrichtigkeit oder Nichtaufrichtigkeit? Ich frage, Sie antworten und dann adieu. Dann können Sie meinetwegen auch nachhause und so schnell Sie wollen. “

    “Wäre es nicht besser, wir kämen ein nächstes Mal zusammen? Zu gelegener Zeit? In einem Kaffeehaus vielleicht? Überdies ist Ihr Fräulein Braut erst vor paar Minuten weggegangen, Sie könnten sie noch gut einholen, sie hat solange gewartet. “

    “Nein”, schrie ich in den Lärm der vorüberfahrenden Straßenbahn, “Sie entkommen mir nicht. Sie gefallen mir immer besser. Sie sind ein Glücksfang. Ich beglückwünsche mich. “

    Da sagte er: “Ach Gott, Sie haben, wie man sagt, ein gesundes Herz und einen Kopf aus einem Block. Sie nennen mich einen Glücksfang, wie glücklich müssen Sie sein! Denn mein Unglück ist ein schwankendes Unglück, ein auf seiner Spitze schwankendes Unglück und berührt man es, so fällt es auf den Frager. Und deshalb: Gute Nacht. “

    “Schön”, sagte ich, überraschte ihn und faßte seine rechte Hand. “Antworten Sie nicht freiwillig, werde ich Sie zwingen. Ich werde Ihnen folgen, rechts und links, wohin Sie gehn, auch die Treppe zu Ihrem Zimmer hinauf und in Ihrem Zimmer werde ich mich setzen, wo Platz sein wird. Ganz gewiß, schauen Sie mich nur an, ich halte es schon aus. Wie aber werden Sie – ” ich trat ganz zu ihm und weil er um einen Kopf größer war, als ich, redete ich in seinen Hals hinein – “wie aber werden Sie den Muth aufbringen, mich daran zu hindern?”

    Da küßte er zurücktretend abwechselnd meine beiden Hände und machte sie mit Tränen naß, “Ihnen kann man nichts verweigern. Ebenso wie Sie wußten, daß ich gern nachhause gienge, wußte ich schon früher, daß ich Ihnen nichts verweigern kann. Nur bitte ich, gehen wir lieber in die Seitengasse drüben. ” Ich nickte und wir giengen hin. Als uns ein Wagen trennte und ich zurückblieb, winkte er mir mit beiden Händen, damit ich mich beeile.

    Dort aber begnügte er sich nicht mit dem Dunkel der Gasse, in der Laternen nur weit voneinander und fast bis in der Höhe der ersten Stockwerke angebracht waren, sondern er führte mich in den niedrigen Flurgang eines alten Hauses unter ein Lämpchen, das vor der Holztreppe tropfend hieng.

    Über die Mulde einer eingetretenen Stufe breitete er sein Taschentuch und lud mich zum Sitzen ein: “Sitzend können Sie besser fragen, ich bleibe stehn, da kann ich besser antworten. Aber nicht quälen! “

    Ich setzte mich, weil er die Sache so ernst nahm, mußte aber doch sagen: “Sie führen mich in dieses Loch, als wären wir Verschwörer, während ich mit Ihnen nur durch Neugier, Sie mit mir nur durch Angst verbunden sind. Im Grunde will ich Sie ja nur fragen, warum Sie in der Kirche so beten. Wie benehmen Sie sich dort! Wie ein vollkommener Narr! Wie lächerlich ist das, wie unangenehm den Zuschauern und den Frommen unerträglich! “

    Er hatte seinen Körper an die Mauer gepreßt, nur den Kopf bewegte er frei in der Luft: “Nichts als Irrtum, denn die Frommen halten mein Benehmen für natürlich und die übrigen halten es für fromm. “

    “Mein Ärger ist eine Widerlegung dessen. “

    “Ihr Ärger – angenommen daß es ein wirklicher Ärger ist – beweist nur, daß Sie weder zu den Frommen noch zu den Übrigen gehören. “

    “Sie haben recht, es war ein wenig übertrieben, wenn ich sagte, Ihr Benehmen habe mich geärgert; nein, etwas neugierig hat es mich gemacht, wie ich anfangs richtig gesagt habe. Aber Sie, zu wem gehören Sie?”

    “Ach, mir macht es nur Spaß, von den Leuten angeschaut zu werden, sozusagen von Zeit zu Zeit einen Schatten auf den Altar zu werfen. “

    “Spaß?” fragte ich und mein Gesicht zog sich zusammen.

    “Nein, wenn Sie es wissen wollen. Seien Sie mir nicht böse, daß ich es falsch ausgedrückt habe. Nicht Spaß, Bedürfnis ist es für mich, Bedürfnis, von diesen Blicken mich für eine kleine Stunde festhämmern zu lassen, während die ganze Stadt um mich herum – “

    “Was sagt Ihr da”, rief ich viel zu laut für die kleine Bemerkung und den niedrigen Gang, aber ich fürchtete mich dann zu verstummen oder die Stimme zu schwächen, “wirklich was sagtet Ihr da. Jetzt merke ich bei Gott, daß ich von allem Anfang an ahnte, in welchem Zustande Ihr seid. Ist es nicht dieses Fieber, diese Seekrankheit auf festem Lande, eine Art Aussatz? Ist Euch nicht so, daß Ihr vor lauter Hitze mit dem wahrhaftigen Namen der Dinge Euch nicht begnügen könnt, davon nicht satt werdet und über sie jetzt in einer einzigen Eile zufällige Namen schüttet. Nur schnell, nur schnell! Aber kaum seid Ihr von ihnen weggelaufen, habt Ihr wieder ihre Namen vergessen. Die Pappel in den Feldern, die Ihr den >Turm von Babel< genannt habt, denn Ihr wolltet nicht wissen, daß es eine Pappel war, schaukelt wieder namenlos und Ihr müßt sie nennen >Noah, wie er betrunken war<. “

    Er unterbrach mich: “Ich bin froh, daß ich das, was Ihr sagtet, nicht verstanden habe. “

    Aufgeregt sagte ich rasch: “Dadurch, daß Ihr darüber froh seid, zeigt Ihr, daß Ihr es verstanden habt. “

    “Sagte ich es nicht schon? Euch kann man nichts verweigern. “

    Ich legte meine Hände auf eine obere Stufe, lehnte mich zurück und fragte in dieser fast unangreifbaren Haltung, welche die letzte Rettung der Ringkämpfer ist: “Verzeiht, aber das ist Unaufrichtigkeit, wenn Ihr eine Erklärung, die ich Euch gebe, auf mich zurückwerfet. “

    Daraufhin wurde er mutig. Er legte die Hände in einander, um seinem Körper eine Einheit zu geben, und sagte unter leichtem Widerstreben: “Streitigkeiten über Aufrichtigkeit habet Ihr gleich anfangs ausgeschlossen. Und wirklich, mich kümmert nichts anderes mehr, als Euch meine Art zu beten ganz verständlich zu machen. Wisset Ihr also, warum ich so bete? “

    Er prüfte mich. Nein, ich wußte es nicht und ich wollte es auch nicht wissen. Ich hatte ja auch nicht hierher kommen wollen, sagte ich mir damals, aber dieser Mensch hatte mich geradezu gezwungen, ihm zuzuhören. Ich brauchte also bloß meinen Kopf zu schütteln und alles war gut, aber gerade das konnte ich im Augenblicke nicht.

    Der Mensch mir gegenüber lächelte. Dann duckte er sich auf seine Knie nieder und erzählte mit schläfriger Grimasse: “Jetzt endlich kann ich es Ihnen auch verraten, warum ich mich von Ihnen habe ansprechen lassen. Aus Neugierde, aus Hoffnung. Ihr Blick tröstet mich schon eine lange Zeit. Und ich hoffe von Ihnen zu erfahren, wie es sich mit den Dingen eigentlich verhält, die um mich wie ein Schneefall versinken, während vor andern schon ein kleines Schnapsglas auf dem Tisch fest wie ein Denkmal steht. “

    Da ich schwieg und nur eine unwillkürliche Zuckung mein Gesicht durchfuhr, fragte er: “Sie glauben nicht daran, daß es andern Leuten so geht? Wirklich nicht Ach hören Sie doch! Als ich, ein kleines Kind, nach einem kurzen Mittagsschlaf die Augen öffnete, hörte ich, meines Lebens noch nicht ganz sicher, meine Mutter in natürlichem Ton vom Balkon hinunterfragen: >Was machen Sie meine Liebe? Ist das aber eine Hitze! < Eine Frau antwortete aus dem Garten: >Ich jause so im Grünen. < Sie sagten es ohne Nachdenken und nicht besonders deutlich, als hätte jene Frau die Frage, meine Mutter die Antwort erwartet. “

    Ich glaubte, ich sei gefragt, daher griff ich in die hintere Hosentasche und tat, als suchte ich dort etwas. Aber ich suchte nichts, sondern ich wollte nur meinen Anblick verändern, um meine Teilnahme am Gespräch zu zeigen. Dabei sagte ich, daß dieser Vorfall überaus merkwürdig sei und daß ich ihn keineswegs begreife. Ich fügte auch hinzu, daß ich an dessen Wahrheit nicht glaube und daß er zu einem bestimmten Zweck, den ich gerade nicht durchschaue, erfunden sein müsse. Dann schloß ich die Augen, um das schlechte Licht los zu werden.

    “Seht doch nur, faßt Mut, da seid Ihr z. B. einmal meiner Meinung und aus Uneigennützigkeit habt Ihr mich angehalten, mir das zu sagen. Ich verliere eine Hoffnung und bekomme eine andere.

    Nicht wahr, warum sollte ich mich schämen, daß ich nicht aufrecht und in Schritten gehe, nicht mit dem Stock auf das Pflaster schlage und nicht die Kleider der Leute streife, welche laut vorübergehn. Sollte ich nicht vielmehr mit Recht trotzig klagen dürfen, daß ich als Schatten ohne rechte Grenzen die Häuser entlang hüpfe, manchmal in den Scheiben der Auslagsfenster verschwindend.

    Was sind das für Tage, die ich verbringe! Warum ist alles so schlecht gebaut, daß bisweilen hohe Häuser einstürzen, ohne daß man einen äußern Grund finden könnte. Ich klettere dann über die Schutthaufen und frage jeden, dem ich begegne: >Wie konnte das nur geschehn! In unserer Stadt – ein neues Haus – das wievielte ist es heute schon! – bedenken Sie doch. < Da kann mir keiner antworten.

    Oft fallen Menschen auf der Gasse und bleiben tot liegen. Da öffnen alle Geschäftsleute ihre mit Waren verhangenen Türen, kommen gelenkig herbei, schaffen den Toten in ein Haus, kehren zurück, Lächeln um Mund und Augen, und das Gerede fängt an: >Guten Tag – der Himmel ist blaß – ich verkaufe viele Kopftücher – ja, der Krieg.< Ich eile ins Haus und nachdem ich mehrere Male die Hand mit dem gebogenen Finger furchtsam gehoben habe, klopfe ich endlich an das Fensterchen des Hausmeisters. >Guter Mann<, sage ich, >mir ist, als wäre vor kurzem ein toter Mensch zu Ihnen gebracht worden. Wären Sie nicht so freundlich, mir ihn zu zeigen?< Und da er den Kopf schüttelt, als könne er sich nicht entschließen, füge ich hinzu: >Nehmen Sie sich in Acht! Ich bin Geheimpolicist und will sofort den Toten sehn. < Jetzt ist er nicht mehr unentschlossen: >Hinaus! < schreit er. >Gewöhnt sich dieses Gesindel schon daran, hier jeden Tag herumzukriechen! Hier ist kein Toter, vielleicht im Nebenhaus. < Ich grüße und gehe.

    Dann aber, wenn ich einen großen Platz zu durchqueren habe, vergesse ich an alles. Wenn man schon so große Plätze aus Übermuth baut, warum baut man nicht auch ein Geländer quer über den Platz? Heute bläst einmal ein Südwestwind. Die Spitze des Rathausturmes macht kleine Kreise. Alle Fensterscheiben lärmen und die Laternenpfähle biegen sich wie Bambus. Der Mantel der heiligen Maria auf der Säule windet sich und die Luft reißt an ihm. Sieht es denn niemand? Die Herren und Damen, die auf den Steinen gehen sollten, schweben. Wenn der Wind einhält, bleiben sie stehn, sagen einige Worte zueinander und verneigen sich grüßend, stößt er aber wieder, können sie ihm nicht widerstehn und alle heben gleichzeitig ihre Füße. Zwar müssen sie fest ihre Hüte halten, aber sie machen lustige Augen und haben an der Witterung nicht das geringste auszusetzen. Nur ich fürchte mich. “

    Daraufhin konnte ich sagen: “Die Geschichte, die Sie früher erzählt haben von Ihrer Frau Mutter und der Frau im Garten finde ich eigentlich gar nicht merkwürdig. Nicht nur, daß ich viele derartige Geschichten gehört und erlebt habe, ich habe sogar selbst bei manchen mitgewirkt. Diese Sache ist doch ganz natürlich. Meinen Sie denn wirklich, ich hätte, wenn ich im Sommer auf jenem Balkon gewesen wäre, nicht dasselbe fragen und aus dem Garten dasselbe antworten können? Ein so gewöhnlicher Vorfall!.”

    Als ich das gesagt hatte, schien er endlich beruhigt. Er sagte, daß ich hübsch gekleidet sei und daß ihm meine Halsbinde sehr gefalle. Und was für eine feine Haut ich hätte. Und Geständnisse würden am klarsten, wenn man sie widerriefe.

    Ich aber versuchte schon eine Zeitlang mich aufzumuntern. Ich wollte rasch paar Worte sagen, wenn auch nur, um sein Gesicht von meinem etwas zu entfernen. War es doch schon so nahe über mir, daß ich mich zurückbeugen mußte, sonst wäre ich mit seiner Stirn zusammengestoßen. Vorläufig aber lachte ich ihm stumm mit offenem Munde ins Gesicht, schaute dann solange weg, bis das Lachen nachgelassen hatte, brachte die Augen noch einmal zurück, konnte mir aber nicht helfen, mußte gleich von neuem lachen und wandte mich wieder ab. Und bei dem allen wollte ich nichts anderes, als schon zuhause in meinem Bett sein, vor mir die Wand und alles andere hinter dem Rücken.

    Auch war es jetzt in diesem Flurgang heiß, mein Gesicht fieng davon zu glühen an. Um mir eine kleine Erleichterung zu verschaffen, beugte ich mich noch weiter zurück, bis mir der Hut vom Kopfe fiel. Das Stiegengewölbe war oben mit rötlichen Engeln und Blumen ausgemalt. Ich sah das an und wischte mit der bloßen Hand den Schweiß von Stirn und Wangen ab.

    Noch wollte ich aufstehn, den Menschen vor mir mit meinem ganzen Gewicht wegschieben, das Tor aufmachen und in der Luft draußen atmen, wie ich es brauchte. Ich stand auch auf, stieß hart mit den Absätzen auf den Boden, er sprang hinter den vorgehaltenen Handflächen ein klein wenig zurück, ich umfaßte das Holzgeländer und turnte dort ein Weilchen, um mich ans Stehen zu gewöhnen, er aber lang, wie er war, legte sich auf die Treppe nieder, bog sich im Kreuz durch, senkte sich wieder, gab die Beine von sich und streckte seine Arme auf einer oberen Stufe völlig aus, so daß die Finger seiner linken Hand an der Wand sich aufrichteten, die seiner rechten gegen den Unterbau der Treppe klopften.

    Ich stellte mich außen an das Geländer und versperrte meinen Mund mit den verschlungenen Händen. Er drehte langsam seinen Kopf auf der Kante einer Stufe, bis er mir gerade ins Gesicht sehn konnte und sagte dann: “Wie ein Faulpelz auf dem Quai stehst Du dort und ich liege da wie ertrunken. “

    “Das wäre nicht so schlecht”, dachte ich, erhob den Kopf und sagte: “Du hast es Dir aber wirklich bequem gemacht.” Meine Lippen waren so trocken, daß ich es nicht glaubte und hingriff.

    Er schüttelte meine Bemerkung ab und sagte: “Früher war es umgekehrt, nur bin ich nicht so teilnahmslos dagestanden, wie Du jetzt. “

    Ich blieb bei meinem: “Ich sagte, daß Du es Dir hier bequem machst” und gezwungen durch die Worte lächelte ich.

    ” Tut es Dir vielleicht leid? ” sagte er und schloß auf einmal die Augen, “wenn es Dir leid tut, mach doch das Tor auf und atme draußen in der Luft wie Du es brauchst. “

    “Du! ” rief ich – das war ein Vorwurf –, umlief blind wie im Gefecht mit kleinen Schritten das Geländer und neben

    ihn fallend fieng ich erst auf seiner Brust zu weinen an.

    “Aber! aber!” sagte er und streichelte mein Haar, “Du Narr, ich kann ja nicht aufstehn! Willst Du mich denn um

    jeden Preis erdrücken! Nein, wenn Du kein Narr bist! “

    Aber ich wußte in der Schnelligkeit des Weinens keinen bessern Platz für mein Gesicht und so ließ ich es, wo es war.

    “Daß Du das nicht bemerkt hast! ” sagte er weiter. “Von allem Anfang an wollte ich Dich ja zum Weinen bringen.

    Kein Wort habe ich ohne diese Absicht gesagt, bis ich endlich fast die Hoffnung aufgegeben hatte, daß es mir noch gelingen wird. Da mach ich noch einen Spaß zum Schluß und wirklich Du machst mir das Vergnügen und fängst zu weinen an. Geh! Schäm Dich! “

    “Ich weine ja nicht mehr”, sagte ich und schaute ihn an, wobei ich das Kinn auf ihn stützte, ” wenn ich so einen Freund habe, wie Dich, werde ich doch nicht weinen. ” Ich weinte aber noch weiter, denn ich konnte nicht gleich aufhören.

    “Das wäre aber auch dumm”, sagte er, verrenkte sich fast den Hals, um mich sehn zu können, nahm mir das Taschentuch aus der Hand und trocknete meine Augen ab, “Unzufriedenheit wäre ja noch lange kein Grund zum Weinen, wo aber wäre in der Welt auch nur für die Unzufriedenheit ein Grund zu finden! Genau so wie es ist, so soll es bleiben. Die Angst, daß es sich ändern könnte, wäre mein äußerstes Zugeständnis. “

    “Denn schau – Dir sag ich’s – wir bauen eigentlich unbrauchbare Kriegsmaschinen, Türme, Mauern, Vorhänge aus Seide und wir könnten uns viel darüber wundern, wenn wir Zeit dazu hätten. Und wir erhalten uns in Schwebe, wir fallen nicht, wir flattern, wenn wir auch schon fast häßlicher sind als Fledermäuse. Dafür kann uns aber kaum jemand hindern, an einem schönen Tage zu sagen: >Nein, dieser schöne Tag! < Denn schon sind wir auf unserer Erde eingerichtet und leben auf Grund unseres Einverständnisses. “

    Dabei gab er mir einen solchen Schlag auf den Rücken, daß ich erschrak, mich erhob und lieber über ihn gebeugt blieb, die Hände an seinen Achseln. “Mußt besser aufpassen”, sagte er, lachte und schüttelte mich mit. “Weißt Du denn schon, daß wir so sind, wie Baumstämme im Schnee? Die liegen doch scheinbar nur glatt auf und man sollte sie mit kleinem Anstoß wegschieben können. Aber nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Schon gut, aber selbst das ist bloß scheinbar. “

    “No siehst Du”, sagte ich. Da schob er mit einem Ruck meine Hände zur Seite, ich fiel mit dem Mund auf seinen

    Mund und bekam sofort einen Kuß.

    “So, und jetzt gehn wir”, sagte er und wir standen beide auf.

    “Aber Deine Mutter! ” sagte ich noch. “Das muß eine Frau gewesen sein! Wenn ich so eine Mutter gehabt hätte! “

    “Was hat sie mir denn genützt? Vergiß an die Geschichte!” sagte er und staubte mir den Rock mit meinem Taschentuch ab.

    “Ja, verbiete mir auch das noch! ” sagte ich und gieng einen Schritt weiter, so daß er mir mit dem Taschentuch nachgehen mußte.

    “Was willst Du?” sagte er. “Es ist doch eine erfundene Geschichte. Die Erfindung sieht man ihr doch aus der Ferne

    an.”

    “Ich weiß schon”, sagte ich.

    “Nichts weißt Du! ” sagte er. “Und die Gesellschaft, in die Du heute abend gehen sollst?”

    “Wirklich, diese Gesellschaft! Denk Dir, ich hätte an die Gesellschaft ganz vergessen! Diese Vergeßlichkeit! Diese Vergeßlichkeit ist übrigens etwas ganz neues an mir. “

    “Mein Verdienst!”

    “Wird schon sein! Wirst Du mich dafür wenigstens hinbegleiten? Es ist nicht weit. Ja?”

    ” Selbstverständlich. “

    “Und mit hinaufgehn? Bitte! “

    “Das wieder nicht.”

    “Warum nicht Und wenn ich Dich schön bitte? Dann ja, nicht wahr?”

    “Vorläufig komm nur! Es ist ja schon spät! “

    “Ich weiß gar nicht, ob ich ohne Dich überhaupt in die Gesellschaft geh. “

    “Also komm nur! Komm! Für Dich ist eben keine Hilfe, da es Dir hier am besten zu gefallen scheint. “

    “Fast”, sagte ich, nagte an der Unterlippe und sah ihn an. Er umfaßte meinen Rücken mit einem Arm, öffnete das Tor und schob mich vor sich hinaus.

    So traten wir aus dem Gang unter den Himmel. Einige zerstoßene Wölkchen blies mein Freund weg, so daß sich jetzt die ununterbrochene Fläche der Sterne uns darbot. Er gieng doch ziemlich mühsam, machte aber keinen feinen Eindruck, sah eher wie ein kranker Bauer aus. Er legte seine Hand auf meine Schulter, wie um mir ganz nahe zu sein, aber eigentlich wollte er sich stützen; ich duldete es und zog sogar seine Hand an den Fingerspitzen weiter die Achsel hinauf.

    Vor dem Hause, in das ich geladen war, blieb ich mit ihm stehn.

    “Also adieu”, sagte ich.

    “Hier ist es also”

    “Ja, hier. “

    “Es war nicht weit. “

    “Ich sagte es ja. “

    “Du”, sagte ich

    “Du”, sagte ich und gab ihm einen kurzen Stoß mit dem Knie, “schlaf nicht ein.” Als er die Augen aufschlug, glitten meine Blicke von seinem Gesicht überall hinab; wie ich mich auch anstrengte sie oben zu halten, ich sah immerfort nur seinen Hals. “Du wärst fast eingeschlafen”, sagte ich und weil ich mein zerfahrendes Gesicht nicht anrühren und doch irgendwie fest machen wollte, lächelte ich, so daß es schien, ich hielte, das was ich gesagt hatte, für einen Scherz. Das merkte ich gleich und fror unter meinem Mantel, ohne daß ich das Gefühl für die mäßige Kühle der Nacht und die Wärme des Mantels verlor. So wollte mir die nächste Welt in dem Augenblick in dem ich sie erkannte wegmarschieren oder über den Kopf wegfliegen und ich sollte glauben, mit dem Stoß des Knies hätte ich sie eigentlich erweckt.

    “Du bist wirklich roh”, sagte er, ein wenig hielt er die untere Lippe hinter der oberen vielleicht noch vom Schlaf her, “da weckt er mich mit dem Knie. Und überhaupt bist Du gegen mich roh. “

    “Du bist aber empfindlich! Warst denn so schlimme Jetzt hast Du Dich also vor der Öffentlichkeit über mich beklagt. Da muß ich mich ihr aber auch zeigen. ” Ich drehte mich zur Gasse und nahm den Hut vor ihr ab.

    “Du sollst mich aber nicht stoßen. “

    “Natürlich soll ich das nicht. Aber Du wärst doch eingeschlafen, wenn ich Dich nicht geweckt.”

    “Ich hab doch wirklich geschlafen, erkennst Du das nicht einmal mehr. “

  • “Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande” (1906-1909)

    “Fassung A”

    Als Eduard Raban durch den Flurgang kommend, in die Öffnung des Thores trat sah er, daß es regnete. Es regnete wenig.

    Auf dem Trottoir gleich vor ihm gab es viele Menschen in verschiedenartigem Schritt. Manchmal trat einer vor und durchquerte die Fahrbahn. Ein kleines Mädchen hielt in den vorgestreckten Händen ein müdes Hündchen. Zwei Herren machten einander Mittheilungen, der eine hielt die Hände mit der innern Fläche nach oben und bewegte sie gleichmäßig als halte er eine Last in Schwebe. Da erblickte man eine Dame, deren Hut viel beladen war mit Bändern, Spangen und Blumen. Und es eilte ein junger Mensch mit dünnem Stock vorüber, die linke Hand als wäre sie gelähmt platt auf der Brust. Ab und zu kamen Männer welche rauchten und kleine aufrechte längliche Wolken vor sich her trugen. Drei Herren – zwei hielten leichte Überröcke auf dem geknickten Unterarm – giengen oft von der Häusermauer zum Rande des Trottoirs vor, betrachteten das was sich dort ereignete und zogen dann sprechend sich wieder zurück.

    Durch die Lücken zwischen den Vorübergehenden sah man die regelmäßig gefügten Steine der Fahrbahn. Da wurden Wagen auf zarten hohen Rädern von Pferden mit gestreckten Hälsen gezogen. Die Leute, welche in den gepolsterten Sitzen lehnten sahen schweigend die Fußgänger, die Läden, die Balkone und den Himmel. Sollte ein Wagen einem andern vorfahren, dann preßten sich die Pferde aneinander und das Riemenzeug hieng baumelnd. Die Tiere rissen an der Deichsel, der Wagen rollte eilig schaukelnd, bis der Bogen um den vordern Wagen vollendet war und die Pferde wieder auseinander traten, nur die schmalen ruhigen Köpfe einander zugeneigt.

    Einige Leute kamen rasch auf das Hausthor zu, auf dem trockenen Mosaik blieben sie stehn, wandten sich langsam um. Und schauten dann in den Regen der eingezwängt in diese enge Gasse verworren fiel.

    Raban fühlte sich müde. Seine Lippen waren so blaß wie das ausgebleichte Roth seiner dicken Kravatte, die ein maurisches Muster zeigte. Die Dame bei dem Thürstein drüben sah jetzt auf ihn. Sie that es gleichgültig und außerdem sah sie vielleicht nur auf den Regenfall vor ihm oder auf die kleinen Firmaschildchen, die über seinem Haar an der Thür befestigt waren. Raban glaubte sie schaue verwundert. “Also”, dachte er, wenn ich es ihr erzählen könnte würde sie gar nicht staunen. Man arbeitet so übertrieben im Amt, daß man dann sogar zu müde ist, um seine Ferien gut zu genießen. Aber durch alle Arbeit erlangt man noch keinen Anspruch darauf, von allen mit Liebe behandelt zu werden, vielmehr ist man allen gänzlich fremd. Und solange Du “man” sagst an Stelle von “ich”, ist es nichts und man kann diese Geschichte aufsagen, sobald Du aber Dir eingestehst daß Du selbst es bist, dann wirst Du förmlich durchbohrt und bist entsetzt.

    Er stellte den mit gewürfeltem Tuch benähten Handkoffer nieder und beugte dabei die Knie ein. Schon rann das Regenwasser an der Kante der Fahrbahn in Streifen, die sich zu den tiefer gelegenen Kanälen fast spannten.

    Wenn ich aber selbst unterscheide zwischen “man” und “ich”, wie darf ich mich dann über die andern beklagen. Sie sind wahrscheinlich nicht ungerecht, aber ich bin zu müde um alles einzusehn. Ich bin sogar zu müde, um ohne Anstrengung den Weg zum Bahnhof zu gehn, der doch kurz ist. Warum bleibe ich also diese kleinen Ferien über nicht in der Stadt, um mich zu erholen. Ich bin doch unvernünftig. – Diese Reise wird mich krank machen, ich weiß es wohl. Mein Zimmer wird nicht genügend bequem sein, das ist auf dem Land nicht anders möglich. Kaum sind wir auch in der ersten Hälfte des Juni, die Luft auf dem Lande ist oft noch sehr kühl. Zwar bin ich vorsichtig gekleidet, aber ich werde mich selbst Leuten anschließen müssen, die spät am Abend spazieren. Es sind dort Teiche, man wird entlang der Teiche spazieren gehn. Da werde ich mich sicher erkälten. Dagegen werde ich mich bei den Gesprächen wenig hervorthun. Ich werde den Teich nicht mit andern Teichen in einem entfernten Land vergleichen können, denn ich bin nie gereist und um vom Mond zu reden und Seligkeit zu empfinden und schwärmend auf Schutthaufen zu steigen, dazu bin ich doch zu alt, um nicht ausgelacht zu werden.

    Die Leute giengen mit etwas tief gehaltenen Köpfen vorüber, über denen sie lose die dunklen Schirme trugen. Ein Lastwagen fuhr auch vorüber, auf dessen mit Stroh gefülltem Kutschersitz ein Mann so nachlässig die Beine streckte, daß ein Fuß fast die Erde berührte, während der andere gut auf Stroh und Fetzen lag. Es sah aus, als sitze er bei schönem Wetter in einem Felde. Doch hielt er aufmerksam die Zügel, daß sich der Wagen, auf dem Eisenstangen an einander schlugen, gut durch das Gedränge drehte. Auf der Erde sah man in der Nässe den Widerschein des Eisens von Steinreihen zu Steinreihen in Windungen und langsam gleiten. Der kleine Junge bei der Dame gegenüber war gekleidet wie ein alter Weinbauer. Sein faltiges Kleid machte unten einen großen Kreis und war nur fast schon unter den Achseln von einem Lederriemen umfaßt. Seine halbkugelige Mütze reichte bis zu den Brauen und ließ von der Spitze aus eine Quaste bis zum linken Ohr hinunterhängen. Der Regen freute ihn. Er lief aus dem Thor und schaute mit offenen Augen zum Himmel, um mehr Regen abzufangen. Er sprang oft hoch, so daß das Wasser viel spritzte und Vorübergehende ihn sehr tadelten. Da rief ihn die Dame und hielt ihn fortan mit der Hand; doch weinte er nicht.

    Raban erschrak da. War es nicht schon spät? Da er Überzieher und Rock offen trug, griff er rasch nach seiner Uhr. Sie gieng nicht. Verdrießlich fragte er einen Nachbarn, der ein wenig tiefer im Flur stand, nach der Zeit. Der führte ein Gespräch und noch in dem Gelächter das dazu gehörte sagte er: “Bitte, vier Uhr vorüber” und wandte sich ab.

    Raban spannte schnell sein Schirmtuch auf und nahm seinen Koffer in die Hand. Als er aber auf die Straße treten wollte, wurde ihm der Weg versperrt durch einige eilende Frauen, die er also noch vorüberließ. Er sah dabei auf den Hut eines kleinen Mädchens nieder, der aus rothgefärbtem Stroh geflochten auf dem gewellten Rande ein grünes Kränzchen trug.

    Noch hatte er es in der Erinnerung, als er schon auf der Straße war, die ein wenig anstieg in der Richtung in die er gehen wollte. Dann vergaß er es, denn er mußte sich jetzt ein wenig bemühn; das Köfferchen war ihm nicht leicht und der Wind blies ihm ganz entgegen, machte den Rock wehen und drückte die Schirmdrähte vorne ein.

    Er mußte tiefer athmen; eine Uhr auf einem nahen Platz schlug ein viertel auf fünf in der Tiefe; er sah unter dem Schirm die leichten kurzen Schritte der Leute, die ihm entgegen kamen, gebremste Wagenräder knirschten, sich langsamer drehend, die Pferde streckten ihre dünnen Vorderbeine gewagt wie Gemsen im Gebirge.

    Da schien es Raban, er werde auch noch die lange schlimme Zeit der nächsten vierzehn Tage überstehn. Denn es sind nur vierzehn Tage, also eine begrenzte Zeit und wenn auch die Ärgernisse immer größer werden, so vermindert sich doch die Zeit, während welcher man sie ertragen muß. Dafür wächst der Muth ohne Zweifel. Alle die mich quälen wollen und die jetzt den ganzen Raum um mich besetzt haben, werden ganz allmählich durch den gütigen Ablauf dieser Tage zurückgedrängt, ohne daß ich ihnen auch nur im geringsten helfen müßte. Und ich kann, wie es sich als natürlich ergeben wird, schwach und still sein und alles mit mir ausführen lassen und doch muß alles gut werden nur durch die verfließenden Tage.

    Und überdies kann ich es nicht machen, wie ich es immer als Kind bei gefährlichen Geschäften machte. Ich brauche nicht einmal selbst aufs Land fahren, das ist nicht nöthig. Ich schicke meinen angekleideten Körper nur. Also ich schicke diesen angekleideten Körper. Wankt er zur Thür meines Zimmers hinaus, so zeigt das Wanken nicht Furcht sondern seine Nichtigkeit. Es ist auch nicht Aufregung, wenn er über die Treppen stolpert, wenn er schluchzend aufs Land fährt und weinend dort sein Nachtmahl ißt. Denn ich, ich liege inzwischen in meinem Bett, glatt zugedeckt mit gelbbrauner Decke, ausgesetzt der Luft, die durch das wenig geöffnete Fenster weht.

    Ich habe wie ich im Bett liege die Gestalt eines großen Käfers, eines Hirschkäfers oder eines Maikäfers glaube ich.

    Vor einer Auslage, in der auf Stäbchen kleine Herrenhüte hinter einer nassen gläsernen Scheibe hiengen, blieb er stehn und schaute, die Lippen gespitzt, in sie. Nun, mein Hut wird für die Ferien noch reichen, dachte er und gieng weiter, und wenn mich niemand meines Hutes halber leiden kann, dann ist es desto besser.

    Eines Käfers große Gestalt, ja. Ich stellte es dann so an als handle es sich um einen Winterschlaf und ich preßte meine Beinchen an meinen gebauchten Leib. Und ich lisple eine kleine Zahl Worte, das sind Anordnungen an meinen traurigen Körper, der knapp bei mir steht und gebeugt ist. Bald bin ich fertig, er verbeugt sich, er geht flüchtig und alles wird er aufs beste vollführen, während ich ruhe.

    Er erreichte ein freistehendes, sich rundwölbendes Thor, das auf der Höhe der steilen Gasse auf einen kleinen Platz führte, der von vielen, schon beleuchteten Geschäften umgeben war. In der Mitte des Platzes, durch das Licht am Rande etwas verdunkelt, stand das niedrige Denkmal eines sitzenden nachdenklichen Mannes. Die Leute bewegten sich wie schmale Blendscheiben vor den Lichtern und da die Pfützen allen Glanz weit und tief ausbreiteten, änderte sich der Anblick des Platzes unaufhörlich.

    Raban drang wohl weit im Platze vor, wich aber den treibenden Wagen zuckend aus, sprang vom vereinzelten trockenen Stein wieder zu trockenen Steinen und hielt den offenen Schirm in der hocherhobenen Hand, um alles rund herum zu sehn. Bis er bei einer Laternenstange – einer Haltestelle der elektrischen Bahn – die auf einen kleinen viereckigen Pflasteraufbau gestellt war, stehen blieb.

    Auf dem Lande erwartet man mich doch. Macht man sich nicht schon Gedanken? Aber ich habe ihr die Woche über, seit sie auf dem Lande ist, nicht geschrieben, nur heute früh. Da stellt man sich schon mein Aussehen am Ende anders vor. Man glaubt vielleicht daß ich losstürze wenn ich einen anspreche, doch das ist nicht meine Gewohnheit, oder daß ich umarme wenn ich ankomme, auch das thue ich nicht gern. Ich werde sie böse machen, wenn ich versuchen werde, sie zu begütigen. Wenn ich sie durchaus böse machen könnte, beim Versuch sie zu begütigen.

    Da fuhr ein offener Wagen nicht schnell vorüber, hinter seinen zwei brennenden Laternen waren zwei Damen auf dunklem Lederbänkchen. Die eine war zurückgelehnt und hatte das Gesicht durch einen Schleier und den Schatten ihres Hutes verdeckt. Doch der Oberkörper der andern Dame war aufrecht; ihr Hut war klein, ihn begrenzten dünne Federn. Jeder konnte sie sehn. Ihre Unterlippe war ein wenig in den Mund gezogen.

    Gleich als der Wagen an Raban vorüber war verstellte irgend eine Stange den Anblick des Handpferdes dieses Wagens, dann wurde irgend ein Kutscher – der trug einen großen Cylinderhut – auf einem ungewöhnlich hohen Bock vor die Damen geschoben – das war schon viel weiter – dann fuhr ihr Wagen selbst um die Ecke eines kleinen Hauses, das jetzt auffallend wurde und verschwand dem Blick.

    Raban sah ihm nach mit geneigtem Kopfe, lehnte den Schirmstock an die Schulter, um besser zu sehn. Den Daumen der rechten Hand hatte er in den Mund gesteckt und rieb die Zähne daran. Sein Koffer lag neben ihm mit einer Seitenfläche auf der Erde.

    Wagen eilten von Gasse zu Gasse über den Platz, die Leiber der Pferde flogen wagrecht wie geschleudert, aber das Nicken des Kopfes und des Halses zeigte Schwung und Mühe der Bewegung an.

    Ringsum auf den Trottoirkanten aller drei hier zusammentreffenden Straßen standen viele Nichtsthuer, die mit kleinen Stöckchen auf das Pflaster klopften. Zwischen ihren Gruppen waren Thürmchen, in denen Mädchen Limonade ausschenkten, dann schwere Straßenuhren auf dünnen Stäben, dann Männer, die auf Brust und Rücken große Tafeln trugen, auf welchen in vielfarbigen Buchstaben Vergnügungen angekündigt waren, dann Dienstmänner, auf gelblichen Sesseln mit einer Abend-

    (Es fehlt 1 Blatt)

    eine kleine Gesellschaft. Zwei herrschaftliche Wagen, die quer durch den Platz in die abfallende Gasse fuhren, hielten einige Herren dieser Gesellschaft zurück, doch hinter dem zweiten Wagen – schon hinter dem ersten hatten sie es ängstlich versucht – vereinigten sich diese Herren wieder zu einem Haufen mit den andern, mit denen sie dann in einer langen Reihe das Trottoir betraten und sich in die Thüre eines Kaffeehauses drängten, überstürzt von den Lichtern der Glühbirnen, die über dem Eingang hiengen.

    Wagen der elektrischen Straßenbahn fuhren groß in der Nähe vorüber, andere standen weit in den Straßen undeutlich still.

    “Wie gebückt sie ist”, dachte Raban, als er das Bild jetzt ansah, “niemals ist sie eigentlich aufrecht und vielleicht ist ihr Rücken rund. Ich werde viel darauf achten müssen. Und ihr Mund ist so breit und die Unterlippe ragt ohne Zweifel hier vor, ja ich erinnere mich jetzt auch daran. Und das Kleid. Natürlich ich verstehe nichts von Kleidern, aber diese ganz knapp genähten Ärmel sind sicher häßlich, wie ein Verband sehn sie aus. Und der Hut, dessen Rand an jeder Stelle mit anderer Biegung in die Höhe aus dem Gesichte gehoben ist. Aber ihre Augen sind schön, sie sind braun, wenn ich nicht irre. Alle sagen, daß ihre Augen schön sind. “

    Als nun ein elektrischer Wagen vor Raban hielt, schoben sich um ihn viele Leute der Wagentreppe zu mit wenig geöffneten spitzigen Schirmen, die sie aufrecht in den an die Schulter gepreßten Händen hielten. Raban, der den Koffer unter dem Arm hielt, wurde vom Trottoir hinuntergezogen und trat stark in eine unsichtbare Pfütze. Im Wagen kniete auf der Bank ein Kind und drückte die Fingerspitzen beider Hände an die Lippen, als nähme es Abschied von jemandem der jetzt davongieng. Einige Passagiere stiegen herunter und mußten einige Schritte entlang des Wagens gehn, um aus dem Gedränge zu kommen. Dann stieg eine Dame auf die erste Stufe, ihre Schleppe, die sie mit beiden Händen hielt, lag knapp über ihren Beinen. Ein Herr hielt sich an einer Messingstange des Wagens fest und erzählte, den Kopf gehoben, einiges der Dame. Alle die einsteigen wollten, waren ungeduldig. Der Kondukteur schrie.

    Raban, der jetzt am Rande der wartenden Gruppe stand, wandte sich um, denn jemand hatte seinen Namen gerufen.

    “Ach, Lement”, sagte er langsam und reichte einem herankommenden jungen Mann den kleinen Finger der Hand, in der er den Schirm hielt.

    “Da ist also der Bräutigam, der zu seiner Braut fährt. Er sieht schrecklich verliebt aus”, sagte Lement und lachte dann mit geschlossenem Munde.

    “Ja Du mußt verzeihn, daß ich heute fahre”, sagte Raban. “Ich habe Dir auch nachmittag geschrieben. Ich wäre natürlich sehr gerne morgen mit Dir gefahren, aber morgen ist Samstag, alles wird überfüllt sein, die Fahrt ist lang. “

    “Das macht ja nichts. Du hast es mir zwar versprochen; aber wenn man verliebt ist – Ich werde eben allein fahren müssen. ” Lement hatte einen Fuß auf das Trottoir, den andern auf das Pflaster gestellt und stützte den Oberkörper bald auf das eine bald auf das andere Bein. – “Du wolltest jetzt in die Elektrische steigen; gerade fährt sie weg. Komm wir gehn zufuß, ich begleite Dich. Es ist noch Zeit genug. “

    “Ist nicht schon spät, ich bitte Dich. “

    “Es ist kein Wunder, daß Du ängstlich bist, aber Du hast wirklich noch Zeit. Ich bin nicht so in der Zeit, deshalb habe ich auch jetzt Gillemann verfehlt. “

    “Gillemann? Wird er nicht auch draußen wohnen?”

    “Ja, er mit seiner Frau, nächste Woche wollen sie hinausfahren und deshalb hatte ich eben Gillemann versprochen, ihn heute, wenn er aus dem Bureau kommt zu treffen. Er wollte mir einige Anweisungen betreffs ihrer Wohnungseinrichtung geben, deshalb sollte ich ihn treffen. Nun habe ich mich aber irgendwie verspätet, ich hatte Besorgungen. Und gerade als ich nachdachte ob ich nicht in ihre Wohnung gehen sollte, sah ich Dich, war zuerst über den Koffer erstaunt und sprach Dich an. Nun ist es aber schon zu sehr abend, um Besuche zu machen, es ist ziemlich unmöglich noch zu Gillemann hinzugehn. “

    “Natürlich, aber das sind also gleich doch Bekannte die ich draußen haben werde. Die Frau Gillemann habe ich übrigens nie gesehn. “

    “Und die ist sehr schön. Sie ist blond und jetzt nach ihrer Krankheit blaß. Sie hat die schönsten Augen, die ich je gesehen habe. “

    “Ich bitte Dich, wie sehn schöne Augen aus, nicht wahr, das Auge selbst kann doch nicht schön sein. Ist es der Blick? Ich habe Augen niemals schön gefunden. “

    “Gut, ich habe vielleicht ein wenig übertrieben. Sie ist aber eine hübsche Frau. “

    Durch die Scheibe eines ebenerdigen Kaffeehauses sah man eng beim Fenster um einen dreiseitigen Tisch lesende und essende Herren sitzen; einer hatte eine Zeitung auf den Tisch gesenkt, ein Täßchen hielt er erhoben, aus den Augenwinkeln sah er mit großen Augen in die Gasse. Hinter diesen Fenstertischen war in dem großen Saale jedes Möbel und Geräth durch die Gäste verdeckt, die in kleinen Kreisen nebeneinander saßen. Sie saßen noch gebückt in der Tiefe des Saales wo

    (Es fehlt 1 Blatt)

    Zufällig ist es aber kein unangenehmes Geschäft, nicht wahr. Viele würden diese Last auf sich nehmen, meine ich. “

    Sie betraten einen ziemlich dunklen Platz, der auf ihrer Straßenseite früher begann, denn die gegenüberliegende ragte weiter. Auf der Seite des Platzes, an der entlang sie weitergiengen, stand ein ununterbrochener Häuserzug, von dessen Ecken aus zwei von einander zuerst weit entfernte Häuserreihen in die unkenntliche Ferne rückten, in der sie sich zu vereinigen schienen. Das Trottoir war schmal an den meist kleinen Häusern, man sah keine Geschäftsläden, hier fuhr kein Wagen. Ein eiserner Ständer, verziert mit Karyatiden in Gräsern und unter Blättern, nahe dem Ende der Gasse aus der sie kamen, trug einige Lampen, die in zwei wagrecht übereinander hängenden Ringen befestigt waren. Die trapezförmige Flamme brannte zwischen aneinandergefügten Glasplatten unter thurmartigem breiten Deckel wie in einem Zimmerchen und ließ wenige Schritte entferntes Dunkel bestehn.

    “Nun aber ist es sicher schon zu spät, Du hast es mir verheimlicht und ich versäume den Zug. Warum”

    (2 Blätter fehlen)

    Ja höchstens den Pirkershofer, na und der. “

    “Der Name kommt glaube ich in den Briefen der Betty vor, er ist Bahnaspirant, nicht”

    “Ja, Bahnaspirant und unangenehmer Mensch. Du wirst mir recht geben, bis Du diese kleine dicke Nase gesehen hast. Ich sage Dir, wenn man mit dem durch die langweiligen Felder geht. Übrigens ist er schon versetzt und geht, glaube und hoffe ich, nächste Woche von dort weg. “

    “Warte, Du hast früher gesagt, Du rathest mir, heute nacht noch hier zu bleiben. Ich habe es überlegt, das würde nicht gut gehn. Ich habe doch geschrieben, daß ich heute abend komme, sie werden mich erwarten. “

    “Das ist doch einfach, Du telegraphierst. “

    “Ja, das gienge – aber es wäre nicht hübsch, wenn ich nicht fahren würde – auch bin ich müde, ich werde doch schon fahren – wenn ein Telegramm käme, würden sie noch erschrecken – Und wozu das, wohin würden wir auch gehn?”

    “Dann ist es wirklich besser wenn Du fährst – Ich dachte nur – Auch könnte ich heute nicht mit Dir gehn, da ich verschlafen bin, das habe ich Dir zu sagen vergessen. Ich werde mich auch schon verabschieden, denn durch den nassen Park will ich Dich nicht mehr begleiten, da ich doch noch zu Gillemanns schauen möchte. Es ist dreiviertel sechs, da kann man doch noch Besuche bei guten Bekannten machen. Also Addio, glückliche Reise und grüße mir alle.”

    Lement wendete sich nach rechts und reichte die rechte Hand zum Abschied hin, so daß er während eines Augenblicks gegen seinen ausgestreckten Arm gieng.

    “Adieu”, sagte Raban.

    Aus einer kleinen Entfernung rief noch Lement: “Du, Eduard, hörst Du mich, mach doch Deinen Schirm zu, es regnet ja längst nicht mehr. Ich kam nicht dazu es Dir zu sagen. “

    Raban antwortete nicht, zog den Schirm zusammen und der Himmel schloß sich bleich verdunkelt über ihm.

    Wenn ich wenigstens, dachte Raban, in einen falschen Zug einsteigen würde. Dann würde es mir doch scheinen, als sei das Unternehmen schon begonnen und wenn ich später nach Aufklärung des Irrthums zurückfahrend wieder in diese Station käme, dann wäre mir schon viel wohler. Ist aber endlich die Gegend dort langweilig, wie Lement sagt, so muß das keineswegs ein Nachtheil sein. Sondern man wird sich mehr in den Zimmern aufhalten und eigentlich niemals bestimmt wissen, wo alle andern sind, denn ist eine Ruine in der Umgebung, so macht man wohl einen gemeinsamen Spaziergang zu dieser Ruine, wie man es schon einige Zeit vorher sicher verabredet hat. Dann aber muß man sich darauf freuen, deshalb darf man es nicht versäumen. Giebt es aber keine solche Sehenswürdigkeit, dann gibt es vorher auch keine Besprechung, denn man erwartet, es werden sich schon alle leicht zusammenfinden, wenn man plötzlich gegen aller Gewohnheit einen größern Ausflug für gut hält, denn man braucht nur das Mädchen in die Wohnung der andern schicken, wo sie vor einem Brief oder vor Büchern sitzen und entzückt durch diese Nachricht werden. Nun, gegen solche Einladungen sich zu schützen ist nicht schwer. Und doch weiß ich nicht ob ich es können werde, denn es ist nicht so leicht, wie ich es mir denke, da ich noch allein bin und noch alles thun kann, noch zurückgehen kann wenn ich will. Denn ich werde dort niemanden haben dem ich Besuche machen könnte, wann ich will und niemanden mit dem ich beschwerlichere Ausflüge machen könnte, der mir dort den Stand seines Getreides zeigte oder einen Steinbruch, den er dort betreiben läßt. Denn selbst alter Bekannter ist man gar nicht sicher. War nicht Lement heute freundlich zu mir, er hat mir doch einiges erklärt und er hat alles so dargestellt wie es mir erscheinen wird. Er hat mich angesprochen und mich dann begleitet, trotzdem er nichts von mir erfahren wollte und selbst ein anderes Geschäft noch hatte. Jetzt aber ist er unversehens weggegangen, und doch habe ich ihn mit keinem Worte kränken können. Ich habe mich zwar geweigert den Abend in der Stadt zu verbringen, aber das war doch natürlich, das kann ihn nicht beleidigt haben, denn er ist ein vernünftiger Mensch.

    Die Bahnhofsuhr schlug, es war dreiviertel sechs. Raban blieb stehn, weil er Herzklopfen verspürte, dann gieng er rasch den Parkteich entlang, kam in einen schmalen, schlecht beleuchteten Weg zwischen großen Sträuchern, stürzte in einen Platz, auf dem viele leere Bänke an Bäumchen gelehnt standen, lief dann langsamer durch eine Öffnung im Gitter auf die Straße, durchquerte sie, sprang in die Bahnhofsthüre, fand den Schalter nach einem Weilchen und mußte ein wenig an den Blechverschluß klopfen. Dann sah der Beamte heraus, sagte es sei doch höchste Zeit, nahm die Banknote und warf laut die verlangte Karte und kleines Geld auf das Brett. Nun wollte Raban rasch nachrechnen, da er dachte er müsse mehr herausbekommen, aber ein Diener, der in der Nähe gieng, trieb ihn durch eine gläserne Thür auf den Bahnsteig. Raban sah sich dort um, während er dem Diener “danke danke” zurief und da er keinen Kondukteur fand, stieg er allein die nächste Waggontreppe hinauf, indem er den Koffer immer auf die höhere Stufe stellte und dann selbst nachkam, mit der einen Hand auf den Schirm gestützt und die andere am Griff des Koffers. Der Waggon, den er betrat, war hell durch das viele Licht der Bahnhofshalle in der er stand; vor mancher Scheibe, alle waren bis in die Höhe geschlossen, hieng nahe sichtbar eine rauschende Bogenlampe und die vielen Regentropfen am Fensterglase waren weiß, oft bewegten sich einzelne. Raban hörte den Lärm vom Bahnsteig her, auch als er die Waggonthüre geschlossen hatte und sich auf das letzte freie Stückchen einer hellbraunen Holzbank setzte. Er sah viele Rücken und Hinterköpfe und zwischen ihnen immer die zurückgelehnten Gesichter auf der gegenüberliegenden Bank. An einigen Stellen drehte sich Rauch aus Pfeifen und Zigarren und zog einmal schlaff am Gesichte eines Mädchens vorüber. Oft änderten die Passagiere ihren Sitz und besprachen diese Änderung mit einander oder sie übertrugen ihr Gepäck, das in einem schmalen blauen Netz über einer Bank lag, in ein anderes. Ragte ein Stock oder die beschlagene Kante eines Koffers vor, dann wurde der Besitzer darauf aufmerksam gemacht. Er gieng dann hin und stellte die Ordnung wieder her. Auch Raban besann sich und schob seinen Koffer unter seinen Sitz.

    Zu seiner linken Seite bei dem Fenster saßen einander gegenüber zwei Herren und sprachen über Warenpreise. “Das sind Geschäftsreisende”, dachte Raban und regelmäßig athmend sah er sie an. Der Kaufmann schickt sie auf das Land, sie folgen, sie fahren mit der Eisenbahn und in jedem Dorf gehn sie von Geschäft zu Geschäft. Manchmal fahren sie im Wagen zwischen den Dörfern. Nirgends müssen sie sich lange aufhalten, denn alles soll rasch geschehn und immer müssen sie nur von Waren reden. Mit welcher Freude kann man sich dann anstrengen in einem Berufe, der so angenehm ist.

    Der Jüngere hatte ein Notizbuch aus der hintern Hosentasche mit einem Ruck gezogen, blätterte darin mit rasch an der Zunge befeuchtetem Zeigefinger und las dann eine Seite durch, während er den Rücken des Fingernagels an ihr hinunterzog. Er sah Raban an, als er aufblickte und drehte auch, als er jetzt über Zwirnpreise redete, das Gesicht von Raban nicht ab, wie man irgendwohin fest blickt, um nichts von dem zu vergessen, was man sagen will. Er preßte dabei die Brauen gegen seine Augen. Das halbgeschlossene Notizbuch hielt er in der linken Hand, den Daumen auf der gelesenen Seite, um leicht nachschauen zu können, wenn er es nöthig hätte. Dabei zitterte das Notizbuch, denn er stützte diesen Arm nirgends auf und der fahrende Wagen schlug auf die Schienen wie ein Hammer.

    Der andere Reisende hatte seinen Rücken angelehnt, hörte zu und nickte in ungleichen Pausen mit dem Kopfe. Es war zu sehen, daß er keineswegs mit allem übereinstimmte und später seine Meinung sagen würde.

    Raban legte die gehöhlten Handflächen auf seine Knie und sich vorbeugend sah er zwischen den Köpfen der Reisenden das Fenster und durch das Fenster Lichter die vorüber und andere die zurück in die Ferne flogen. Von der Rede des Reisenden verstand er nichts, auch die Antwort des andern würde er nicht verstehn. Da wäre erst große Vorbereitung nöthig, denn hier sind Leute die von ihrer Jugend an mit Waren sich beschäftigt haben. Hat man aber eine Zwirnspule so oft schon in der Hand gehabt und sie so oft der Kundschaft überreicht, dann kennt man den Preis und kann darüber reden. Kann darüber reden, während Dörfer uns entgegenkommen und vorübereilen, während sie zugleich sich in die Tiefe des Landes wenden, wo sie für uns verschwinden müssen. Und doch sind diese Dörfer bewohnt und vielleicht gehn dort Reisende von Geschäft zu Geschäft.

    Vor der Waggonecke am andern Ende stand ein großer Mann auf, in der Hand hielt er Spielkarten und rief: “Du, Marie, hast Du auch die Zefierhemden miteingepackt?” “Aber ja”, sagte das Weib das gegenüber Raban saß. Sie hatte ein wenig geschlafen und als die Frage sie jetzt weckte, antwortete sie so vor sich hin, als ob sie es Raban sagte. “Sie fahren auf den Markt nach Jungbunzlau, nicht? ” fragte sie der lebhafte Reisende. “Ja, nach Jungbunzlau. ” “Diesmal ist es ein großer Markt, nicht wahr. ” “Ja, ein großer Markt. ” Sie war schläfrig, sie stützte den linken Ellbogen auf ein blaues Bündel und ihr Kopf legte sich schwer gegen ihre Hand, die sich durch das Fleisch der Wange bis an den Wangenknochen drückte. “Wie jung sie ist”, sagte der Reisende.

    Raban nahm das Geld, das er vom Kassier erhalten hatte, aus der Westentasche und überzählte es. Er hielt jedes Geldstück lange aufrecht zwischen Daumen und Zeigefinger fest und drehte es auch mit der Spitze des Zeigefingers auf der Innenseite des Daumens hin und her. Er sah lange das Bild des Kaisers an, dann fiel ihm der Lorbeerkranz auf und wie er mit Knoten und Schleifen eines Bandes am Hinterkopf befestigt war. Endlich fand er, daß die Summe richtig sei und legte das Geld in ein großes schwarzes Portemonnaie. Als er aber nun dem Reisenden sagen wollte: “Das ist ein Ehepaar, meinen Sie nicht” hielt der Zug, der Lärm der Fahrt hörte auf, Schaffner riefen den Namen eines Ortes und Raban sagte nichts.

    Der Zug fuhr so langsam an, daß man sich die Umdrehung der Räder vorstellen konnte, gleich aber jagte er eine Senkung hinab und ohne Vorbereitung wurden vor dem Fenster die langen Geländerstangen einer Brücke auseinandergerissen und aneinandergepreßt, wie es schien.

    Raban gefiel es jetzt, daß der Zug so eilte, denn er hätte nicht in dem letzten Orte bleiben wollen. Wenn es dort so dunkel ist, wenn man niemanden dort kennt, wenn es so weit nachhause ist. Dann muß es bei Tag aber dort schrecklich sein. Und ist es in der nächsten Station anders, oder in den frühern oder spätern oder in dem Dorf nach dem ich fahre?

    Der Reisende redete plötzlich lauter. Es ist ja noch weit, dachte Raban. “Herr, Sie wissen es ja so gut wie ich, in den kleinsten Nestern lassen diese Fabrikanten reisen, zum dreckigsten Krämer kriechen sie und glauben Sie, daß sie ihnen andere Preise machen als uns Großkaufleuten? Herr, lassen Sie es sich gesagt sein, ganz dieselben Preise, gestern erst habe ich es schwarz auf weiß gesehn. Ich nenne das Schufterei. Man erdrückt uns, bei den heutigen Verhältnissen ist es für uns einfach überhaupt unmöglich Geschäfte zu machen; man erdrückt uns. ” Wieder sah er Raban an; er schämte sich der Thränen in seinen Augen nicht; die Fingergelenke der linken Hand drückte er an seinen Mund, weil seine Lippen zitterten. Raban lehnte sich zurück und zog mit der linken Hand schwach an seinem Schnurrbart.

    Die Krämerin gegenüber erwachte und strich mit den Händen lächelnd über die Stirne. Der Reisende redete leiser. Noch einmal rückte sich die Frau wie zum Schlafen zurecht, lehnte sich halb liegend an ihr Bündel und seufzte. Über ihrer rechten Hüfte spannte sich der Rock.

    Hinter ihr saß ein Herr mit einer Reisemütze auf dem Kopfe und las in einer großen Zeitung. Das Mädchen ihm gegenüber, das wahrscheinlich seine Verwandte war, bat ihn – und neigte dabei den Kopf gegen die rechte Schulter – er möchte doch das Fenster öffnen, denn es wäre sehr heiß. Er sagte ohne aufzuschauen er wolle es gleich thun, nur müsse er noch vorher einen Abschnitt in der Zeitung zuende lesen und er zeigte ihr welchen Abschnitt er meinte.

    Die Krämerin konnte nicht mehr einschlafen, sie setzte sich aufrecht und sah aus dem Fenster, dann sah sie lange die Petroleumflamme an, die gelb an der Waggondecke brannte. Raban schloß die Augen für ein Weilchen.

    Als er aufblickte, biß gerade die Krämerin in ein Stück Kuchen, das mit brauner Marmelade bedeckt war. Das Bündel neben ihr war offen. Der Reisende rauchte schweigend eine Cigarre und that fortwährend so, als klopfe er die Asche vom Ende ab. Der andere fuhr mit der Spitze eines Messers im Räderwerk einer Taschenuhr hin und her, so daß man es hörte.

    Mit fast geschlossenen Augen sah Raban noch undeutlich, wie der Herr mit der Reisemütze am Fensterriemen zog. Kühle Luft schlug herein, ein Strohhut fiel von einem Haken. Raban glaubte, er erwache und deshalb seien seine Wangen so erfrischt oder man öffne die Thür und ziehe ihn ins Zimmer oder er täusche sich irgendwie und schnell schlief er ein.

    Es zitterte die Waggontreppe noch ein wenig, als Raban jetzt auf ihr hinunterstieg. An sein Gesicht, das aus der Waggonluft kam, stieß der Regen und er schloß die Augen. – Auf das Blechdach vor dem Stationsgebäude regnete es lärmend, aber in das weite Land fiel der Regen nur so, daß man einen regelmäßig wehenden Wind zu hören glaubte. Ein barfüßiger Junge kam herbeigelaufen – Raban hatte nicht gesehn von wo – und bat außer Athem, Raban möchte ihn den Koffer tragen lassen, denn es regne, doch Raban sagte: Ja es regne, deshalb werde er mit dem Omnibus fahren. Er brauche ihn nicht. Darauf machte der Junge eine Grimasse, als halte er es für vornehmer im Regen zu gehn und sich den Koffer tragen zu lassen als zu fahren, drehte sich gleich um und lief so weg. Da war es schon zu spät, als Raban ihn rufen wollte.

    Zwei Laternen sah man brennen und ein Stationsbeamter trat aus einer Thür. Er gieng ohne zu zögern durch den Regen zur Lokomotive, stand dort mit verschränkten Armen still und wartete, bis der Lokomotivführer sich über sein Geländer beugte und mit ihm sprach. Ein Diener wurde gerufen, kam und wurde zurückgeschickt. An manchen Fenstern des Zuges standen Passagiere und da sie ein gewöhnliches Stationsgebäude ansehen mußten, so war wohl ihr Blick trübe, die Augenlider waren einander genähert, wie während der Fahrt. Ein Mädchen, das von der Landstraße her unter einem Sonnenschirm mit Blumenmuster auf den Perron eilig kam, stellte den offenen Schirm auf den Boden, setzte sich und preßte die Beine auseinander, damit ihr Rock besser trockne, und mit den Fingerspitzen fuhr sie über den gespannten Rock. Es brannten nur zwei Laternen, ihr Gesicht war undeutlich. Der Diener, der einmal vorüber kam, beklagte es, daß Pfützen unter dem Schirm entstanden, rundete vor sich die Arme um die Größe dieser Pfützen zu zeigen und führte dann die Hände hintereinander durch die Luft, wie Fische, die in tieferes Wasser sinken, um klar zu machen, daß durch diesen Schirm auch der Verkehr gehindert sei.

    Der Zug fuhr an, verschwand wie eine lange Schiebethür und hinter den Pappeln jenseits der Geleise war die Masse der Gegend daß es den Athem störte. War es ein dunkler Durchblick oder war es ein Wald, war es ein Teich oder ein Haus, in dem die Menschen schon schliefen, war es ein Kirchthurm oder eine Schlucht zwischen den Hügeln; niemand durfte sich dorthin wagen, wer aber konnte sich zurückhalten.

    Und als Raban den Beamten noch erblickte – er war schon vor der Stufe zu seinem Bureau – lief er vor ihn und hielt ihn auf: “Ich bitte schön, ist es weit ins Dorf, ich will nämlich dorthin. “

    “Nein, eine Viertelstunde, aber mit dem Omnibus – es regnet ja – sind Sie in fünf Minuten dort. Ich bitte. “

    “Es regnet. Es ist kein schönes Frühjahr”, sagte Raban darauf.

    Der Beamte hatte die rechte Hand an die Hüfte gelegt und durch das Dreieck, das zwischen dem Arm und dem Körper entstand, sah Raban das Mädchen, das den Schirm schon geschlossen hatte, auf ihrer Bank.

    “Wenn man jetzt in die Sommerfrische fährt und dort bleiben soll, so muß man es bedauern. Eigentlich dachte ich, daß man mich erwarten würde. ” Er blickte umher, damit es glaubhaft scheine.

    “Sie werden den Omnibus versäumen, fürchte ich. Er wartet nicht solange. Keinen Dank. Der Weg geht dort zwischen den Hecken. “

    Die Straße vor dem Bahnhof war nicht beleuchtet, nur aus drei ebenerdigen Fenstern des Gebäudes kam ein dunstiger Schein, er reichte aber nicht weit. Raban gieng auf den Fußspitzen durch den Koth und rief “Kutscher” und “Halloh” und “Omnibus” und “Hier bin ich” viele Male. Als er aber in kaum unterbrochene Pfützen auf der dunklen Straßenseite gerieth, mußte er mit ganzen Sohlen weiterstampfen bis plötzlich eine Pferdeschnauze seine Stirn [erfrischend] berührte. Da war der Omnibus, rasch stieg er in die leere Kammer, setzte sich bei der Glasscheibe hinter dem Kutschbock nieder und beugte den Rücken in den Winkel, denn er hatte alles gethan was nöthig war. Denn schläft der Kutscher, so wird er gegen Morgen aufwachen, ist er tot, so wird ein neuer Kutscher kommen oder der Wirt, geschieht aber auch das nicht, so werden mit dem Frühzug Passagiere kommen, eilige Leute, die Lärm machen. Jedenfalls darf man ruhig sein, durfte selbst die Vorhänge vor den Fenstern zusammenziehn, und auf den Ruck warten, mit dem dieser Wagen anfahren muß.

    Ja es ist nach dem vielen was ich schon unternommen habe, sicher daß ich morgen zu Betty und zu Mama kommen werde, das kann niemand hindern. Nur ist es richtig und es war auch vorauszusehn, daß mein Brief erst morgen ankommen wird, ich hätte recht gut also noch in der Stadt bleiben und bei Elvy eine angenehme Nacht verbringen können ohne mich vor der Arbeit des nächsten Tages fürchten zu müssen, was mir sonst jedes Vergnügen verdirbt. Aber schau, ich habe nasse Füße.

    Er zündete einen Kerzenstumpf an, den er aus der Westentasche genommen hatte, und stellte ihn auf die Bank gegenüber. Es war genügend hell, die Dunkelheit draußen machte, daß man schwarz getünchte Omnibuswände ohne Scheiben sah. Man mußte nicht gleich daran denken, daß unter dem Boden Räder waren und vorne das angespannte Pferd.

    Raban rieb seine Füße gründlich auf der Bank, zog frische Socken an und setzte sich aufrecht. Da hörte er jemanden der vom Bahnhof her rief. “He”, wenn ein Passagier im Omnibus sei, dann könne er sich melden.

    “Ja, ja und er möchte schon gerne fahren”, antwortete Raban aus der geöffneten Thür geneigt, mit der rechten Hand am Pfosten sich festhaltend, die linke geöffnet nahe dem Munde. Stürmisch floß ihm das Regenwasser zwischen Kragen und Hals.

    Eingewickelt in die Leinwand zweier zerschnittener Säcke kam der Kutscher herüber, der Widerschein seiner Stallaterne hüpfte durch die Pfützen unter ihm. Verdrießlich begann er eine Erklärung. Aufgepaßt, er habe mit dem Lebeda Karten gespielt und sie wären gerade sehr in Schwung gewesen, wie der Zug gekommen ist. Da wäre es eigentlich für ihn unmöglich gewesen nachzuschaun, doch wolle er den der es nicht begreife nicht beschimpfen. Übrigens sei das hier ein Dreckort ohne Einschränkung und es sei nicht einzusehn, was ein solcher Herr hier zu thun haben könnte und er komme noch bald genug hinein, so daß er sich nirgends beklagen müsse. Es sei eben erst jetzt Herr Pirkershofer – ich bitte, das ist der Herr Adjunkt – hineingekommen und habe gesagt, er glaube ein kleiner Blonder hätte mit dem Omnibus fahren wollen. Nun da habe er gleich nachgefragt oder habe er vielleicht nicht gleich nachgefragt.

    Die Laterne wurde an der Deichselspitze befestigt, das Pferd dumpf angerufen zog an und das jetzt aufgerührte Wasser oben auf dem Omnibus tropfte durch eine Ritze langsam in den Wagen.

    Der Weg konnte gebirgig sein, sicher sprang der Koth in die Speichen, Fächer von Pfützenwasser entstanden rauschend rückwärts an den sich drehenden Rädern, mit meist lockeren Zügeln hielt der Kutscher das Pferd. Konnte man das alles nicht als Vorwürfe gegen Raban gebrauchen? Viele Pfützen wurden unerwartet erhellt von der an der Deichsel zitternden Laterne, ertrugen den Hufschlag und zertheilten sich Wellen treibend unter dem Rad. Das geschah nur deshalb, weil Raban zu seiner Braut fuhr, zu Betty, einem ältlichen hübschen Mädchen. Und wer würde, wenn man schon davon reden wollte, würdigen, was für Verdienste Raban hier hatte, und seien es nur die, daß er jene Vorwürfe ertrug, die ihm allerdings niemand offen machen konnte. Natürlich er that es gern, Betty war seine Braut, er hatte sie lieb, es wäre ekelhaft, wenn sie ihm auch dafür danken würde, aber immerhin. Ohne Willen schlug er oft mit dem Kopf an die Wand, an der er lehnte, dann sah er ein Weilchen zur Decke auf. Einmal glitt seine rechte Hand vom Oberschenkel, auf den er sie gelehnt hatte, hinab. Aber der Ellbogen blieb in dem Winkel zwischen dem Bauch und dem Bein.

    Schon fuhr der Omnibus zwischen Häusern, hie und da nahm das Wageninnere am Licht eines Zimmers theil, eine Treppe – um ihre ersten Stufen zu sehn hätte Raban sich aufstellen müssen – war zu einer Kirche hingebaut, vor einem Parkthor brannte eine Lampe mit großer Flamme, aber eine Heiligenstatue trat nur durch das Licht eines Kramladens schwarz hervor, jetzt sah Raban seine niedergebrannte Kerze, deren geronnenes Wachs von der Bank unbeweglich herunterhieng.

    Als der Wagen vor dem Gasthaus stehen blieb, der Regen stark zu hören war und – wahrscheinlich war ein Fenster offen – auch die Stimmen der Gäste, da fragte sich Raban, was besser sei, gleich auszusteigen oder zu warten bis der Wirt zum Wagen komme. Wie der Gebrauch in diesem Städtchen war, das wußte er nicht, aber sicherlich hatte Betty schon von ihrem Bräutigam gesprochen und nach seinem prächtigen oder schwachen Auftreten würde ihr Ansehen hier größer oder kleiner werden und damit wieder sein eigenes auch. Nun wußte er aber weder in welchem Ansehen sie jetzt stand noch was sie über ihn verbreitet hatte, desto unangenehmer und schwieriger. Schöne Stadt und schöner Nachhauseweg. Regnet es dort fährt man mit der Elektrischen über nasse Backsteine nach Hause, hier in dem Karren durch Morast zu einem Wirtshaus. – Die Stadt ist weit von hier und würde ich jetzt aus Heimweh zu sterben drohn, hinbringen könnte mich heute niemand mehr. – Nun ich würde auch nicht sterben – aber dort bekomme ich das für diesen Abend erwartete Gericht auf den Tisch gestellt, rechts hinter den Teller die Zeitung, links die Lampe, hier wird man mir eine unheimliche fette Speise geben – man weiß nicht, daß ich einen schwachen Magen habe und wenn man es wüßte – eine fremde Zeitung, viele Leute die ich schon höre werden dabei sein und eine Lampe wird für alle brennen. Was für ein Licht kann das geben, zum Kartenspiel genug aber zum Zeitungslesen?

    Der Wirt kommt nicht, ihm liegt nichts an Gästen, er ist wahrscheinlich ein unfreundlicher Mann. Oder weiß er daß ich Bettys Bräutigam bin und giebt ihm das einen Grund nicht um mich zu kommen, dazu würde es auch passen, daß mich am Bahnhof der Kutscher solange warten ließ. Betty hat ja öfters erzählt, wie viel sie von lüsternen Männern zu leiden hatte und wie sie ihr Drängen zurückweisen mußte, vielleicht ist das auch hier

    “Fassung B”

    Als Eduard Raban durch den Flurgang kommend in die Öffnung des Tores trat, da konnte er sehn, wie es regnete. Es regnete wenig.

    Auf dem Trottoir gleich vor ihm nicht höher, nicht tiefer giengen trotz des Regens viele Passanten. Manchmal trat einer vor und durchquerte die Fahrbahn.

    Ein kleines Mädchen trug auf den vorgestreckten Armen einen grauen Hund. Zwei Herren machten einander gegenseitig Mitteilungen in irgend einer Sache, sie wandten sich zuweilen mit der ganzen Vorderseite einander zu und kehrten sich dann langsam wieder ab; es erinnerte an im Wind geöffnete Türen. Der eine hielt die Hände mit der innern Fläche nach oben und bewegte sie gleichmäßig auf und ab, als halte er eine Last in Schwebe, um das Gewicht zu prüfen. Dann erblickte man eine schlanke Dame, deren Gesicht leicht zuckte, wie das Licht der Sterne und deren flacher Hut mit unkenntlichen Dingen bis zum Rande und hoch beladen war; sie erschien zu allen Vorübergehenden ohne Absicht fremd, wie durch ein Gesetz. Und es eilte ein junger Mensch mit dünnem Stock vorüber, die linke Hand als wäre sie gelähmt, platt auf der Brust. Viele hatten Geschäftswege; trotzdem sie schnell giengen, sah man sie länger als andere, bald auf dem Trottoir, bald unten, die Röcke paßten ihnen schlecht, an der Haltung lag ihnen nichts, sie ließen sich von den Leuten stoßen und stießen auch. Drei Herren – zwei hielten leichte Überröcke auf dem geknickten Unterarm – giengen von der Häusermauer zum Rande des Trottoirs, um zu sehen, wie es auf der Fahrbahn zugieng und auf dem jenseitigen Trottoir.

    Durch die Lücken zwischen den Vorübergehenden sah man einmal flüchtig, dann bequem, die regelmäßig gefügten Steine der Fahrbahn, auf denen Wagen, schwankend auf den Rädern, von Pferden mit gestreckten Hälsen rasch gezogen wurden. Die Leute, welche in den gepolsterten Sitzen lehnten sahen schweigend die Fußgänger an, die Läden, die Balkone und den Himmel. Sollte ein Wagen einem andern vorfahren, dann preßten sich die Pferde aneinander und das Riemenzeug hieng baumelnd. Die Tiere rissen an der Deichsel, der Wagen rollte eilig schaukelnd, bis der Bogen um den vordernWagen vollendet war und die Pferde wieder auseinandertraten, noch die schmalen Köpfe einander zugeneigt.

    Ein älterer Herr kam rasch auf das Haustor zu, blieb auf dem trockenen Mosaik stehn, wandte sich um. Und schaute dann in den Regen, der eingezwängt in diese enge Gasse verworren fiel.

    Raban stellte den mit schwarzem Tuch benähten Handkoffer nieder und beugte dabei ein wenig das rechte Knie. Schon rann das Regenwasser an den Kanten der Fahrbahn in Streifen, die zu den tiefer gelegenen Kanälen sich fast spannten.

    Der ältere Herr stand frei nahe bei Raban, der sich ein wenig gegen den hölzernen Torflügel stützte, und sah von Zeit zu Zeit gegen Raban hin, wenn er auch hiezu scharf den Hals drehen mußte. Doch tat er dies nur aus dem natürlichen Bedürfnis, da er nun einmal unbeschäftigt war alles in seiner Umgebung wenigstens genau zu beobachten. Die Folge dieses zwecklosen Hin- und Herschauens war, daß er sehr vieles nicht bemerkte. So entgieng es ihm, daß Rabans Lippen sehr bleich waren und nicht viel dem ganz ausgebleichten Rot seiner Kravate nachstanden, die ein ehemals auffallendes maurisches Muster zeigte. Hätte er das aber bemerkt, dann hätte er in seinem Innern sicherlich geradezu ein Geschrei hierüber angefangen, was aber wieder nicht das Richtige gewesen wäre, denn Raban war immer bleich, wenn ihn auch allerdings in letzter Zeit einiges besonders müde gemacht haben konnte.

    “Das ist ein Wetter”, sagte der Herr leise und schüttelte zwar bewußt und doch ein wenig greisenhaft den Kopf.

    “Ja, ja und wenn man da reisen soll”, sagte Raban und stellte sich schnell aufrecht.

    “Und das ist kein Wetter, das sich bessern wird”, sagte der Herr und sah um alles noch im letzten Augenblick zu überprüfen, sich vorbeugend einmal die Gasse aufwärts, dann abwärts, dann zum Himmel, “das kann Tage, das kann Wochen dauern. Soweit ich mich erinnere, ist auch für Juni und Anfang Juli nichts besseres vorhergesagt. Nun das macht keinem Freude, ich z. B. werde auf meine Spaziergänge verzichten müssen, die für meine Gesundheit äußerst wichtig sind. “

    Darauf gähnte er und schien erschlafft, da er nun die Stimme Rabans gehört hatte und mit diesem Gespräch beschäftigt an nichts mehr Interesse hatte, nicht einmal an dem Gespräch.

    Dies machte auf Raban ziemlichen Eindruck, da ihn doch der Herr zuerst angesprochen hatte, und er versuchte daher sich ein wenig zu rühmen, selbst wenn es nicht einmal bemerkt werden sollte. “Richtig”, sagte er, “in der Stadt kann man sehr gut auf das verzichten was einem nicht zuträglich ist. Verzichtet man nicht, dann kann man wegen der schlechten Folgen nur sich selbst Vorwürfe machen. Man wird bereuen und dadurch erst recht klar sehn, wie man sich das nächste Mal verhalten soll. Und wenn das schon im einzelnen

    (Es fehlt 1 Blatt)

    “Nichts meine ich damit. Ich meine gar nichts”, beeilte sich Raban zu sagen, bereit wie es nur angieng, die Zerstreutheit des Herrn zu entschuldigen, da er sich ja noch ein wenig rühmen wollte. “Alles ist nur aus dem vorerwähnten Buche, das ich eben wie andere auch am Abend in der letzten Zeit gelesen habe. Ich war meist allein. Da sind so Familienverhältnisse gewesen. Aber abgesehen von allem andern, ein gutes Buch ist mir nach dem Nachtmahl das Liebste. Schon seit jeher. Letzthin las ich in einem Prospekte als Citat aus irgendeinem Schriftsteller: >Ein gutes Buch ist der beste Freund< und das ist wirklich wahr, so ist es, ein gutes Buch ist der beste Freund. “

    “Ja wenn man jung ist – “, sagte der Herr und meinte nichts besonderes damit, sondern wollte damit nur ausdrücken wie es regne, daß der Regen wieder stärker sei und daß es nun gar nicht aufhören wolle, aber es klang für Raban so, als halte sich der Herr noch mit sechzig Jahren für frisch und jung und schätze dagegen die dreißig Jahre Rabans für nichts und wolle damit außerdem soweit es erlaubt sei, sagen, mit dreißig Jahren sei er allerdings vernünftiger gewesen, als Raban. Und er glaube, selbst wenn man sonst nichts zu tun habe, wie z. B. er, ein alter Mann, so heiße es doch seine Zeit verschwenden, wenn man hier im Flur so vor dem Regen stehe; verbringe man die Zeit aber außerdem mit Geschwätz, so verschwende man sie doppelt.

    Nun glaubte Raban, seit einiger Zeit könne ihn nichts berühren, was andere über seine Fähigkeiten oder Meinungen sagten; vielmehr habe er eben förmlich jene Stelle verlassen, wo er ganz hingegeben auf alles gehorcht hatte, so daß Leute jetzt doch nur ins Leere redeten, ob sie nun gegen oder für ihn waren. Darum sagte er: “Wir reden von verschiedenen Dingen, da Sie nicht darauf gewartet haben, was ich sagen will. “

    “Bitte, bitte”, sagte der Herr.

    “Nun es ist nicht so wichtig”, sagte Raban, “ich meinte nur, Bücher sind nützlich in jedem Sinn und ganz besonders, wo man es nicht erwarten sollte. Denn, wenn man eine Unternehmung vorhat, so sind gerade die Bücher, deren Inhalt mit der Unternehmung gar nichts Gemeinschaftliches hat, die nützlichsten. Ja, die nützlichsten. Denn der Leser, der doch jene Unternehmung beabsichtigt, also irgendwie (und wenn förmlich auch nur die Wirkung des Buches bis zu jener Hitze dringen kann) erhitzt ist, wird durch das Buch zu lauter Gedanken gereizt, die seine Unternehmung betreffen. Da nun aber der Inhalt des Buches ein gerade ganz gleichgültiger ist, wird der Leser in jenen Gedanken gar nicht gehindert und er zieht mit ihnen mitten durch das Buch wie einmal die Juden durch das rote Meer, möchte ich sagen. “

    Die ganze Person des alten Herrn bekam jetzt für Raban einen unangenehmen Ausdruck. Es schien ihm, als sei er besonders näher gekommen, – es war aber nur unbedeutend (1 Blatt fehlt)

    Auch die Zeitung. – Aber ich wollte noch sagen, ich fahre ja nur auf das Land, für vierzehn Tage nur, ich habe mir Urlaub genommen, seit langer Zeit zum erstenmal, es ist ja auch sonst nötig, und trotzdem hat mich z. B. ein Buch, das ich wie erwähnt letzthin gelesen habe, mehr belehrt über meine kleine Reise, als Sie sich vorstellen könnten. “

    “Ich höre”, sagte der Herr. Raban war still und steckte, wie er so aufrecht stand, die Hände in die etwas zu hohen Taschen seines Überziehers.

    Erst nach einer Weile sagte der alte Herr: “Diese Reise scheint für Sie eine besondere Wichtigkeit zu haben. “

    “Nun sehn Sie, sehn Sie”, sagte Raban und stützte sich wieder gegen das Tor. Jetzt erst sah er, wie sich der Gang mit Menschen gefüllt hatte. Sogar vor der Haustreppe standen sie und ein Beamter, der auch bei derselben Frau wie Raban ein Zimmer hatte, mußte, als er die Treppe herunterkam, die Leute bitten, ihm Platz zu machen. Er rief Raban, der nur mit der Hand auf den Regen zeigte, über einige Köpfe, die sich jetzt alle zu Raban wandten, “Glückliche Reise” zu und erneuerte ein offenbar früher gegebenes Versprechen, nächsten Sonntag bestimmt Raban zu besuchen.

    (Es fehlt 1 Blatt)

    angenehmen Posten hat, mit dem er auch zufrieden ist und der ihn seit jeher erwartete. Er ist so ausdauernd und innerlich lustig, daß er zu seiner Unterhaltung keinen Menschen braucht, aber alle ihn. Immer war er gesund. Ach reden Sie nicht. “

    “Ich werde nicht streiten”, sagte der Herr.

    “Sie werden nicht streiten aber auch Ihren Irrtum nicht zugeben, warum bestehn Sie denn so darauf. Und wenn Sie sich jetzt noch so scharf daran erinnern, Sie würden, ich wette, alles vergessen, wenn Sie mit ihm reden würden. Sie würden mir Vorwürfe machen daß ich Sie jetzt nicht besser widerlegt habe. Wenn er nur über ein Buch spricht. Für alles Schöne ist er gleich begeistert. “

    “Fassung C”

    Als Eduard Raban in bläulich grauem Überzieher durch den Flurgang kommend in die Öffnung des Tores trat, konnte er sehn, wie es regnete. Es regnete wenig.

    Raban schaute auf die Uhr eines scheinbar nahen, ziemlich hohen Turmes, der in einer tiefer gelegenen Gasse stand. Eine kleine dort oben befestigte Fahne wurde, für einen Augenblick nur, vor das Zifferblatt geweht. Eine Menge kleiner Vögel flog herab, fest aneinander geschlossen und auseinander gespannt. Es war fünf Uhr vorüber.

    Raban stellte seinen mit schwarzem Tuch benähten Handkoffer nieder, lehnte den Schirm an einen Türstein und brachte seine Taschenuhr, eine Damenuhr, die an einem schmalen, schwarzen um den Hals gelegten Band befestigt war, in Übereinstimmung mit jener Turmuhr, wobei er einige Male von einer Uhr zur andern sah. Eine Weile war er völlig damit beschäftigt und dachte das Gesicht bald gesenkt, bald gehoben an gar nichts anderes in der Welt.

    Schließlich steckte er die Uhr ein und leckte seine Lippen aus Freude darüber, daß er genug Zeit hatte, also nicht in den Regen mußte.

    Auf dem Trottoir gleich vor ihm nicht höher nicht tiefer giengen noch viele Passanten, nahe beisammen die Häuser entlang oder unter Schirmen in Abständen. Ein kleines Mädchen trug auf ihren vorgestreckten Armen einen grauen Hund, der ins Gesicht des Mädchens blickte.

    Zwei Herren machten einander Mitteilungen, sie wandten sich mit flatternden Überziehern zuweilen mit der ganzen Vorderseite einander zu, der eine hielt die Hände mit der innern Fläche nach oben und bewegte sie – die Finger blieben unbeweglich – auf und ab, als halte er eine Last in Schwebe, um ihr Gewicht zu prüfen.

    Dann erblickte man eine Dame, deren Gesicht leicht zuckte wie das Licht der Sterne und deren flacher Hut mit unkenntlichen Dingen bis zum Rande und hoch beladen war; sie erschien zu allen Vorübergehenden ohne Absicht fremd, wie durch ein Gesetz.

    Und es eilte ein junger Mensch mit dünnem Stock vorüber die linke Hand als wäre sie gelähmt, platt auf der Brust.

    Viele hatten Geschäftswege; trotzdem sie den Rücken vorwärts gestreckt, schnell giengen, sah man sie länger als andere, denn sie giengen bald auf dem Trottoir, bald liefen sie abspringend wie von einem Wagentritt in der Fahrbahn weiter, sie wurden, da sie überall drängten und niemandem den Vortritt ließen, viel gestoßen und stießen auch.

    Raban sah Bekannte und grüßte einige Male, einmal wollte er jemanden ansprechen, doch der bemerkte es nicht und gieng vorüber, ohne seine Eile zu vermindern.

    Drei Herren – zwei hielten leichte Überröcke auf dem geknickten Unterarm, zu beiden Seiten eines großen weißbärtigen Herrn – giengen von der Häusermauer zum Rande des Trottoirs, um zu sehn, wie es auf der Fahrbahn zugieng und auf dem jenseitigen Trottoir.

    Von der Gouvernante gezogen lief mit kurzen Schritten den freien Arm ausgebreitet ein Kind vorüber, dessen Hut, wie jeder sehen konnte, aus rotgefärbtem Stroh geflochten auf dem gewellten Rande ein grünes Kränzchen trug.

    Raban zeigte ihn mit beiden Händen einem alten Herrn, der neben ihm im Flur stand, um sich vor dem Regen zu schützen, der von einem unregelmäßigen Wind beherrscht einmal gesammelt niederschlug, dann aber verlassen schwebte und unsicher fiel.

    Raban lachte. Kindern passe alles, er habe Kinder gerne. Nun wenn man selten mit ihnen zusammenkommt, sei das kein Wunder. Er komme selten mit Kindern zusammen.

    Auch der alte Herr lachte. Die Gouvernante hätte keine solche Freude gehabt. Wenn man älter sei, sei man auch nicht gleich begeistert. In der Jugend war man begeistert und es hat, wie man im Alter sieht keinen Gewinn gebracht, darum ist man sogar

  • “Man darf nicht sagen:…” (1906)

    Man darf nicht sagen: Nur die neue Vorstellung erweckt ästhetische Freude, sondern jede Vorstellung, die nicht in die Sphäre des Willens fällt, erweckt ästhetische Freude. Sagt man es aber doch dann würde es bedeuten nur eine neue Vorstellung können wir derart aufnehmen, daß unsere Willenssphäre nicht berührt wird, nun ist es aber sicher, daß es neue Vorstellungen gibt welche wir nicht ästhetisch werten, welchen Theil der neuen Vorstellungen werten wir also ästhetisch? Die Frage bleibt. b Es wäre nothwendig, die “ästhetische Apperception” einen bisher vielleicht nicht eingeführten Ausdruck ausführlicher oder eigentlich überhaupt zu erklären. Wie entsteht jenes Lustgefühl und worin besteht seine Eigenart, wodurch unterscheidet es sich von der Freude über eine neue Entdeckung oder über Nachrichten aus einem fremden Land oder Wissensgebiet. c Der hauptsächliche Beweis für die neue Ansicht ist eine allgemeine physiologische nicht nur ästhetische Thatsache und das ist die Ermüdung. Nun ergiebt sich einerseits aus Deinen vielen Einschränkungen des Begriffes “neu” daß eigentlich alles neu ist, denn da alle Gegenstände in immer wechselnder Zeit und Beleuchtung stehn und wir Zuschauer nicht anders, so müssen wir ihnen immer an einem andern Orte begegnen. Anderseits aber ermüden wir nicht nur beim Genießen der Kunst sondern auch beim Lernen und Bergsteigen und Mittagessen ohne daß wir sagen dürften, Kalbfleisch sei keine uns entsprechende Speise mehr, weil wir heute ihrer müde sind. Vor allem aber wäre es unrecht zu sagen, daß es nur dieses doppelte Verhältnis zur Kunst gebe. Lieber also: der Gegenstand schwebt über der ästhetischen Kante und Müdigkeit (die es eigentlich nur zur Liebhaberei der knapp vorhergehenden Zeit giebt), also: der Gegenstand hat das Gleichgewicht verloren undzwar im üblen Sinn. Und doch drängt Deine Folgerung zum Arrangieren dieses Gegensatzes, denn Apperception ist kein Zustand, sondern eine Bewegung also muß sie sich vollenden. Es entsteht ein wenig Lärm, dazwischen dieses bedrängte Lustgefühl, aber bald muß allesin seinen gehöhlten Lagern ruhen. d giebt es einen Unterschied zwischen ästhetischen und wissenschaftlichen Menschen. e Das Unsichere bleibt der Begriff “Apperception”. So wie wir ihn kennen, ist es kein Begriff der Ästhetik. Vielleicht läßt es sich so darstellen. Wir sagen ich bin ein Mensch ganz ohne Ortsgefühl und komme nach Prag als einer fremden Stadt. Ich will Dir nun schreiben, kenne aber Deine Adresse nicht, ich frage Dich, Du sagst sie mir, ich appercipiere das und brauche Dich niemals mehr zu fragen, Deine Adresse ist für mich etwas “Altes”, so appercipieren wir die Wissenschaft. Will ich Dich aber besuchen so muß ich bei jeder Ecke und Kreuzung immer, immer fragen, niemals werde ich die Passanten entbehren können, eine Apperception ist hier überhaupt unmöglich. Natürlich ist es möglich daß ich müde werde und ins Kaffeehaus eintrete, das am Wege liegt um mich dort auszuruhn und es ist auch möglich, daß ich den Besuch überhaupt aufgebe, deshalb aber habe ich immer noch nicht appercipiert. “So erklärt sich zwanglos…” das darf nicht wundern denn schon vom Anfang an wird vorgreifend alles gezwungen sich an die Apperception zu halten wie an ein Geländer. “Aus derselben Theorie erklärt..” das ist ein Kunststückchen. Auf diesen Satz folgt nämlich soweit ich es überblicke ihr einziger Beweis, den Du also zuerst und nicht als Folgerung erfahren mußtest. “Man hütet sich instinktiv – ” der Satz ist ein Verräther

  • “Wie viel Worte…” (1900)

    Wie viel Worte in dem Buche stehn! Erinnern sollen sie! Als ob Worte erinnern könnten!

    Denn Worte sind schlechte Bergsteiger und schlechte Bergmänner. Sie holen nicht die Schätze von den Bergeshöhn und nicht die von den Bergestiefen.

    Aber es gibt ein lebendiges Gedenken das über alles Erinnerungswerte sanft hinfuhr wie mit kosender Hand. Und wenn aus dieser Asche die Lohe aufsteigt, glühend und heiß, gewaltig und stark und Du hineinstarrst, wie vom magischen Zauber gebannt, dann – – – –

    Aber in dieses keusche Gedenken, da kann man sich nicht hineinschreiben mit ungeschickter Hand und grobem Handwerkszeug, das kann man nur in diese weißen, anspruchslosen Blätter. Das that ich am 4. September 1900

  • “Es gibt…” (1897)

    Es gibt ein Kommen und ein Gehn
    Ein Scheiden und oft kein – Wiedersehn

    Prag, den 20. November.

  • «Sie fuhren zwei Tage…»

    Sie fuhren zwei Tage und zwei Nächte. Jetzt erst begriff Karl die Größe Amerikas. Unermüdlich sah er aus dem Fenster und Giacomo drängte sich solange mit heran, bis die Burschen gegenüber die sich viel mit Kartenspiel beschäftigten dessen überdrüssig wurden und ihm freiwillig den Fensterplatz einräumten. Karl dankte ihnen – Giacomos Englisch war nicht jedem verständlich – und sie wurden im Laufe der Zeit, wie es unter Coupeegenossen nicht anders sein kann, viel freundlicher, doch war auch ihre Freundlichkeit oft lästig, da sie z. B. immer wenn ihnen eine Karte auf den Boden fiel und sie den Boden nach ihr absuchten, Karl oder Giacomo mit aller Kraft ins Bein zwickten. Giacomo schrie dann, immer von neuem überrascht, und zog das Bein in die Höhe, Karl versuchte manchmal mit einem Fußtritt zu antworten, duldete aber im übrigen alles schweigend. Alles was sich in dem kleinen, selbst bei offenem Fenster von Rauch überfüllten Coupee ereignete vergieng vor dem was draußen zu sehen war.

    Am ersten Tag fuhren sie durch ein hohes Gebirge. Bläulichschwarze Steinmassen giengen in spitzen Keilen bis an den Zug heran, man beugte sich aus dem Fenster und suchte vergebens ihre Gipfel, dunkle schmale zerrissene Täler öffneten sich, man beschrieb mit dem Finger die Richtung, in der sie sich verloren, breite Bergströme kamen eilend als große Wellen auf dem hügeligen Untergrund und in sich tausend kleine Schaumwellen treibend, sie stürzten sich unter die Brücken über die der Zug fuhr und sie waren so nah daß der Hauch ihrer Kühle das Gesicht erschauern machte.

  • «Karl sah an einer Straßenecke…»

    Karl sah an einer Straßenecke ein Plakat mit folgender Aufschrift: “Auf dem Rennplatz in Clayton wird heute von sechs Uhr früh bis Mitternacht Personal für das Teater in Oklahama aufgenommen! Das große Teater von Oklahama ruft Euch! Es ruft nur heute, nur einmal! Wer jetzt die Gelegenheit versäumt, versäumt sie für immer! Wer an seine Zukunft denkt, gehört zu uns! Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will melde sich! Wir sind das Teater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort! Wer sich für uns entschieden hat, den beglückwünschen wir gleich hier! Aber beeilt Euch, damit Ihr bis Mitternacht vorgelassen werdet! Um zwölf wird alles geschlossen und nicht mehr geöffnet! Verflucht sei wer uns nicht glaubt! Auf nach Clayton!”

    Es standen zwar viele Leute vor dem Plakat, aber es schien nicht viel Beifall zu finden. Es gab soviel Plakate, Plakaten glaubte niemand mehr. Und dieses Plakat war noch unwahrscheinlicher als Plakate sonst zu sein pflegen. Vor allem aber hatte es einen großen Fehler, es stand kein Wort von der Bezahlung darin. Wäre sie auch nur ein wenig erwähnenswert gewesen, das Plakat hätte sie gewiß genannt; es hätte das Verlockendste nicht vergessen. Künstlerwerden wollte niemand, wohl aber wollte jeder für seine Arbeit bezahlt werden.

    Für Karl stand aber doch in dem Plakat eine große Verlockung. “Jeder war willkommen”, hieß es. Jeder, also auch Karl. Alles was er bisher getan hatte, war vergessen, niemand wollte ihm daraus einen Vorwurf machen. Er durfte sich zu einer Arbeit melden, die keine Schande war, zu der man vielmehr öffentlich einladen konnte! Und ebenso öffentlich wurde das Versprechen gegeben, daß man auch ihn annehmen würde. Er verlangte nichts besseres, er wollte endlich den Anfang einer anständigen Laufbahn finden und hier zeigte er sich vielleicht. Mochte alles Großsprecherische, was auf dem Plakate stand, eine Lüge sein, mochte das große Teater von Oklahama ein kleiner Wandercirkus sein, es wollte Leute aufnehmen, das war genügend. Karl las das Plakat nicht zum zweitenmale, suchte aber noch einmal den Satz: “Jeder ist willkommen” hervor.

    Zuerst dachte er daran zufuß nach Clayton zu gehn, aber das wären drei Stunden angestrengten Marsches gewesen, und er wäre dann möglicherweise gerade zurechtgekommen, um zu erfahren, daß man schon alle verfügbaren Stellen besetzt hätte. Nach dem Plakat war allerdings die Zahl der Aufzunehmenden unbegrenzt, aber so waren immer alle derartigen Stellenangebote abgefaßt. Karl sah ein, daß er entweder auf die Stelle verzichten oder fahren mußte. Er überrechnete sein Geld, es hätte ohne diese Fahrt für acht Tage gereicht, er schob die kleinen Münzen auf der flachen Hand hin und her. Ein Herr der ihn beobachtet hatte, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: “Viel Glück zur Fahrt nach Clayton. ” Karl nickte stumm und rechnete weiter. Aber er entschloß sich bald, teilte das für die Fahrt notwendige Geld ab und lief zur Untergrundbahn.

    Als er in Clayton ausstieg, hörte er gleich den Lärm vieler Trompeten. Es war ein wirrer Lärm, die Trompeten waren nicht gegeneinander abgestimmt, es wurde rücksichtslos geblasen. Aber das störte Karl nicht, es bestätigte ihm vielmehr daß das Teater von Oklahama ein großes Unternehmen war. Aber als er aus dem Stationsgebäude trat und die ganze Anlage vor sich überblickte, sah er, daß alles noch größer war, als er nur irgendwie hatte denken können, und er begriff nicht wie ein Unternehmen nur zu dem Zweck um Personal zu erhalten derartige Aufwendungen machen konnte. Vor dem Eingang zum Rennplatz war ein langes niedriges Podium aufgebaut, auf dem hunderte Frauen als Engel gekleidet in weißen Tüchern mit großen Flügeln am Rücken auf langen goldglänzenden Trompeten bliesen. Sie waren aber nicht unmittelbar auf dem Podium, sondern jede stand auf einem Postament, das aber nicht zu sehen war, denn die langen wehenden Tücher der Engelkleidung hüllten es vollständig ein. Da nun die Postamente sehr hoch, wohl bis zwei Meter hoch waren, sahen die Gestalten der Frauen riesenhaft aus, nur ihre kleinen Köpfe störten ein wenig den Eindruck der Größe, auch ihr gelöstes Haar hieng zu kurz und fast lächerlich zwischen den großen Flügeln und an den Seiten hinab. Damit keine Einförmigkeit entstehe, hatte man Postamente in der verschiedensten Größe verwendet, es gab ganz niedrige Frauen, nicht weit über Lebensgröße, aber neben ihnen schwangen sich andere Frauen in solche Höhe hinauf, daß man sie beim leichtesten Windstoß in Gefahr glaubte. Und nun bliesen alle diese Frauen.

    Es gab nicht viele Zuhörer. Klein im Vergleich zu den großen Gestalten giengen etwa zehn Burschen vor dem Podium hin und her und blickten zu den Frauen hinauf. Sie zeigten einander diese oder jene, sie schienen aber nicht die Absicht zu haben einzutreten und sich aufnehmen zu lassen. Nur ein einziger älterer Mann war zu sehn, er stand ein wenig abseits. Er hatte gleich auch seine Frau und ein Kind im Kinderwagen mitgebracht. Die Frau hielt mit der einen Hand den Wagen, mit der andern stützte sie sich auf die Schulter des Mannes. Sie bewunderten zwar das Schauspiel, aber man erkannte doch, daß sie enttäuscht waren. Sie hatten wohl auch erwartet eine Arbeitsgelegenheit zu finden, dieses Trompetenblasen aber beirrte sie.

    Karl war in der gleichen Lage. Er trat in die Nähe des Mannes, hörte ein wenig den Trompeten zu und sagte dann: “Hier ist doch die Aufnahmestelle für das Teater von Oklahama?” “Ich glaubte es auch”, sagte der Mann, “aber wir warten hier schon seit einer Stunde und hören nichts als die Trompeten. Nirgends ist ein Plakat zu sehn, nirgends ein Ausrufer, nirgends jemand, der Auskunft geben könnte. ” Karl sagte: “Vielleicht wartet man, bis mehr Leute zusammenkommen. Es sind wirklich noch sehr wenig hier. ” “Möglich”, sagte der Mann und sie schwiegen wieder. Es war auch schwer im Lärm der Trompeten etwas zu verstehn. Aber dann flüsterte die Frau etwas ihrem Manne zu, er nickte und sie rief gleich Karl an: “Könnten Sie nicht in die Rennbahn hinübergehn und fragen wo die Aufnahme stattfindet. ” “Ja”, sagte Karl, “aber ich müßte über das Podium gehn, zwischen den Engeln durch.” “Ist das so schwierig?” fragte die Frau. Für Karl erschien ihr der Weg leicht, ihren Mann aber wollte sie nicht ausschicken. “Nun ja”, sagte Karl, “ich werde gehn.” “Sie sind sehr gefällig”, sagte die Frau und sie wie auch ihr Mann drückten Karl die Hand. Die Burschen liefen zusammen, um aus der Nähe zu sehn wie Karl auf das Podium stieg. Es war als bliesen die Frauen stärker, um den ersten Stellensuchenden zu begrüßen. Diejenigen aber, an deren Postament Karl gerade vorübergieng, gaben sogar die Trompeten vom Munde und beugten sich zur Seite um seinen Weg zu verfolgen. Karl sah auf dem andern Ende des Podiums einen unruhig auf und abgehenden Mann, der offenbar nur auf Leute wartete, um ihnen alle Auskunft zu geben, die man nur wünschen konnte. Karl wollte schon auf ihn zugehn, da hörte er über sich seinen Namen rufen: “Karl”, rief ein Engel. Karl sah auf und fieng vor freudiger Überraschung zu lachen an; es war Fanny. “Fanny”, rief er und grüßte mit der Hand hinauf. “Komm doch her”, rief Fanny, “Du wirst doch nicht an mir vorüberlaufen. ” Und sie schlug die Tücher auseinander so daß das Postament und eine schmale Treppe die hinaufführte, frei gelegt wurde. “Ist es erlaubt, hinaufzugehn?” fragte Karl. “Wer will es uns verbieten, daß wir einander die Hand drücken”, rief Fanny und blickte sich erzürnt um, ob nicht etwa schon jemand mit dem Verbote käme. Karl lief aber schon die Treppe hinauf. “Langsamer”, rief Fanny, “das Postament und wir beide stürzen um.” Aber es geschah nichts, Karl kam glücklich bis zur letzten Stufe. “Sieh nur”, sagte Fanny nachdem sie einander begrüßt hatten, “sieh nur was für eine Arbeit ich bekommen habe.” “Es ist ja schön”, sagte Karl und sah sich um. Alle Frauen in der Nähe hatten schon Karl bemerkt und kicherten. “Du bist fast die höchste”, sagte Karl und streckte die Hand aus, um die Höhe der andern abzumessen. “Ich habe Dich gleich gesehn”, sagte Fanny, “als Du aus der Station kamst, aber ich bin leider hier in der letzten Reihe, man sieht mich nicht und rufen konnte ich auch nicht. Ich habe zwar besonders laut geblasen, aber Du hast mich nicht erkannt. ” “Ihr blast ja alle schlecht”, sagte Karl. “Laß mich einmal blasen. ” “Aber gewiß”, sagte Fanny und reichte ihm die Trompete, “aber verdirb den Chor nicht, sonst entläßt man mich. ” Karl fieng zu blasen an, er hatte gedacht, es sei eine grob gearbeitete Trompete, nur zum Lärmmachen bestimmt, aber nun zeigte sich daß es ein Instrument war, das fast jede Feinheit ausführen konnte. Waren alle Instrumente von gleicher Beschaffenheit, so wurde ein großer Mißbrauch mit ihnen getrieben. Karl blies, ohne sich vom Lärm der andern stören zu lassen, mit voller Brust ein Lied das er irgendwo in einer Kneipe einmal gehört hatte. Er war froh, eine alte Freundin getroffen zu haben, hier vor allen bevorzugt die Trompete blasen zu dürfen und möglicherweise bald eine gute Stellung bekommen zu können. Viele Frauen hörten zu blasen auf und hörten zu; als er plötzlich abbrach, war kaum die Hälfte der Trompeten in Tätigkeit, erst allmählich kam wieder der vollständige Lärm zustande. “Du bist ein Künstler”, sagte Fanny als Karl ihr die Trompete wieder reichte. “Laß Dich als Trompeter aufnehmen. ” “Werden denn auch Männer aufgenommen?” fragte Karl. “Ja”, sagte Fanny, “wir blasen zwei Stunden. Dann werden wir von Männern, die als Teufel angezogen sind, abgelöst. Die Hälfte bläst, die Hälfte trommelt. Es ist sehr schön, wie überhaupt die ganze Ausstattung sehr kostbar ist. Ist nicht auch unser Kleid sehr schön? Und die Flügel?” Sie sah an sich hinab. “Glaubst Du”, fragte Karl, “daß auch ich noch eine Stelle bekommen werde?” “Ganz bestimmt”, sagte Fanny, “es ist ja das größte Teater der Welt. Wie gut es sich trifft, daß wir wieder beisammen sein werden. Allerdings kommt es darauf an, was für eine Stelle Du bekommst. Es wäre nämlich auch möglich, daß wir, auch wenn wir beide hier angestellt sind uns doch gar nicht sehn. ” “Ist denn das Ganze wirklich so große” fragte Karl. “Es ist das größte Teater der Welt”, sagte Fanny nochmals, “ich habe es allerdings selbst noch nicht gesehn, aber manche meiner Kolleginnen, die schon in Oklahama waren, sagen, es sei fast grenzenlos. ” “Es melden sich aber wenig Leute”, sagte Karl und zeigte hinunter auf die Burschen und die kleine Familie. “Das ist wahr”, sagte Fanny. “Bedenke aber, daß wir in allen Städten Leute aufnehmen, daß unsere Werbetruppe immerfort reist und daß es noch viele solche Truppen gibt. ” “Ist denn das Teater noch nicht eröffnet?” fragte Karl. “Oja”, sagte Fanny, “es ist ein altes Teater, aber es wird immerfort vergrößert. ” “Ich wundere mich”, sagte Karl, “daß sich nicht mehr Leute dazu drängen. ” “Ja”, sagte Fanny, “es ist merkwürdig. ” “Vielleicht”, sagte Karl, “schreckt dieser Aufwand an Engeln und Teufeln mehr ab, als er anzieht. ” ” Wie Du das herausfinden kannst”, sagte Fanny. “Es ist aber möglich. Sag es unserem Führer, vielleicht kannst Du ihm dadurch nützen.” “Wo ist er?” fragte Karl. “In der Rennbahn”, sagte Fanny, “auf der Schiedsrichtertribüne.” “Auch das wundert mich”, sagte Karl, “warum geschieht denn die Aufnahme auf der Rennbahn?” “Ja”, sagte Fanny, “wir machen überall die größten Vorbereitungen für den größten Andrang. Auf der Rennbahn ist eben viel Platz. Und in allen Ständen, wo sonst die Wetten abgeschlossen werden, sind die Aufnahmskanzleien eingerichtet. Es sollen zweihundert verschiedene Kanzleien sein. ” “Aber”, rief Karl, “hat denn das Teater von Oklahama so große Einkünfte, um derartige Werbetruppen erhalten zu können?” “Was kümmert uns denn das”, sagte Fanny, “aber nun, Karl, geh, damit Du nichts versäumst, ich muß auch wieder blasen. Versuche auf jeden Fall einen Posten bei dieser Truppe zu bekommen und komm gleich zu mir es melden. Denke daran, daß ich in großer Unruhe auf die Nachricht warte. ” Sie drückte ihm die Hand, ermahnte ihn zur Vorsicht beim Hinabsteigen, setzte wieder die Trompete an die Lippen, blies aber nicht früher, ehe sie Karl unten auf dem Boden in Sicherheit sah. Karl legte wieder die Tücher über die Treppe so wie sie früher gewesen waren, Fanny dankte durch Kopfnicken, und Karl gieng, das eben Gehörte nach verschiedenen Richtungen hin überlegend auf den Mann zu, der schon Karl oben bei Fanny gesehen und sich dem Postament genähert hatte, um ihn zu erwarten.

    “Sie wollen bei uns eintreten?” fragte der Mann. “Ich bin der Personalchef dieser Truppe und heiße Sie willkommen. ” Er war ständig wie aus Höflichkeit ein wenig vorgebeugt, tänzelte, trotzdem er sich nicht von der Stelle rührte und spielte mit seiner Uhrkette. “Ich danke”, sagte Karl, “ich habe das Plakat Ihrer Gesellschaft gelesen und melde mich wie es dort verlangt wird.” “Sehr richtig”, sagte der Mann anerkennend, “leider verhält sich hier nicht jeder so richtig.” Karl dachte daran, daß er jetzt den Mann darauf aufmerksam machen könnte, daß möglicherweise die Lockmittel der Werbetruppe gerade wegen ihrer Großartigkeit versagten. Aber er sagte es nicht, denn dieser Mann war gar nicht der Führer der Truppe und außerdem wäre es wenig empfehlend gewesen, wenn er der noch gar nicht aufgenommen war, gleich Verbesserungsvorschläge gemacht hätte. Darum sagte er nur: “Es wartet draußen noch einer, der sich auch anmelden will und der mich nur vorausgeschickt hat. Darf ich ihn jetzt holen?” “Natürlich”, sagte der Mann, “je mehr kommen, desto besser. ” “Er hat auch eine Frau bei sich und ein kleines Kind im Kinderwagen. Sollen die auch kommen?” “Natürlich”, sagte der Mann und schien über Karls Zweifel zu lächeln. “Wir können alle brauchen. ” “Ich bin gleich wieder zurück”, sagte Karl und lief wieder zurück an den Rand des Podiums. Er winkte dem Ehepaar zu und rief daß alle kommen dürften. Er half den Kinderwagen auf das Podium heben und sie giengen nun gemeinsam. Die Burschen die das sahen, berieten sich miteinander, stiegen dann langsam, bis zum letzten Augenblick noch zögernd, die Hände in den Taschen auf das Podium hinauf und folgten schließlich Karl und der Familie. Eben kamen aus dem Stationsgebäude der Untergrundbahn neue Passagiere hervor, die angesichts des Podiums mit den Engeln staunend die Arme erhoben. Immerhin schien es als ob die Bewerbung um Stellen nun doch lebhafter werden solle. Karl war sehr froh so früh, vielleicht als erster gekommen zu sein, das Ehepaar war ängstlich und stellte verschiedene Fragen darüber, ob große Anforderungen gestellt würden. Karl sagte, er wisse noch nichts Bestimmtes, er hätte aber wirklich den Eindruck erhalten, daß jeder ohne Ausnahme genommen würde. Er glaube, man dürfe getrost sein.

    Der Personalchef kam ihnen schon entgegen, war sehr zufrieden, daß soviele kamen, rieb sich die Hände, grüßte jeden einzelnen durch eine kleine Verbeugung und stellte sie alle in eine Reihe. Karl war der erste, dann kam das Ehepaar und dann erst die andern. Als sie sich alle aufgestellt hatten, die Burschen drängten sich zuerst durcheinander und es dauerte ein Weilchen ehe bei ihnen Ruhe eintrat, sagte der Personalchef, während die Trompeten verstummten: “Im Namen des Teaters von Oklahama begrüße ich Sie. Sie sind früh gekommen (es war aber schon bald mittag) das Gedränge ist noch nicht groß, die Formalitäten Ihrer Aufnahme werden daher bald erledigt sein. Sie haben natürlich alle Ihre Legitimationspapiere bei sich. ” Die Burschen holten gleich irgendwelche Papiere aus den Taschen und schwenkten sie gegen den Personalchef hin, der Ehemann stieß seine Frau an, die unter dem Federbett des Kinderwagens ein ganzes Bündel Papiere hervorzog, Karl allerdings hatte keine. Sollte das ein Hindernis für seine Aufnahme werden? Es war nicht unwahrscheinlich. Immerhin wußte Karl aus Erfahrung, daß sich derartige Vorschriften wenn man nur ein wenig entschlossen ist, leicht umgehen lassen. Der Personalchef überblickte die Reihe, vergewisserte sich daß alle Papiere hatten und da auch Karl die Hand, allerdings die leere Hand erhob, nahm er an, auch bei ihm sei alles in Ordnung. “Es ist gut”, sagte dann der Personalchef und winkte den Burschen ab, die ihre Papiere gleich untersucht haben wollten, “die Papiere werden jetzt in den Aufnahmskanzleien überprüft werden. Wie Sie schon aus unserm Plakat gesehn haben, können wir jeden brauchen. Wir müssen aber natürlich wissen, was für einen Beruf er bisher ausgeübt hat, damit wir ihn an den richtigen Ort stellen können, wo er seine Kenntnisse verwerten kann.” “Es ist ja ein Teater”, dachte Karl zweifelnd und hörte sehr aufmerksam zu. “Wir haben daher”, fuhr der Personalchef fort, “in den Buchmacherbuden Aufnahmskanzleien eingerichtet, je eine Kanzlei für eine Berufsgruppe. Jeder von Ihnen wird mir also jetzt seinen Beruf angeben, die Familie gehört im allgemeinen zur Aufnahmskanzlei des Mannes, ich werde Sie dann zu den Kanzleien führen, wo zuerst Ihre Papiere und dann Ihre Kenntnisse von Fachmännern überprüft werden sollen – es wird nur eine ganz kurze Prüfung sein, niemand muß sich fürchten. Dort werden Sie dann auch gleich aufgenommen werden und die weitern Weisungen erhalten. Fangen wir also an. Hier die erste Kanzlei ist wie schon die Aufschrift sagt, für Ingenieure bestimmt. Ist vielleicht ein Ingenieur unter Ihnen?” Karl meldete sich. Er glaubte, gerade weil er keine Papiere hatte, müsse er bestrebt sein alle Formalitäten möglichst rasch durchzujagen, eine kleine Berechtigung sich zu melden hatte er auch, denn er hatte ja Ingenieur werden wollen. Aber als die Burschen sahen, daß sich Karl meldete, wurden sie neidisch und meldeten sich auch, alle meldeten sich. Der Personalchef streckte sich in die Höhe und sagte zu den Burschen: “Sie sind Ingenieure?” Da senkten sie alle langsam die Hände, Karl dagegen bestand auf seiner ersten Meldung. Der Personalchef sah ihn zwar ungläubig an, denn Karl schien ihm zu kläglich angezogen und auch zu jung, um Ingenieur sein zu können, aber er sagte doch nichts weiter, vielleicht aus Dankbarkeit, weil Karl ihm, wenigstens seiner Meinung nach, die Bewerber hereingeführt hatte. Er zeigte bloß einladend nach der Kanzlei und Karl gieng hin, während sich der Personalchef den andern zuwendete.

    In der Kanzlei für Ingenieure saßen an den zwei Seiten eines rechtwinkligen Pultes zwei Herren und verglichen zwei große Verzeichnisse, die vor ihnen lagen. Der eine las vor, der andere strich in seinem Verzeichnis die vorgelesenen Namen an. Als Karl grüßend vor sie hintrat, legten sie sofort die Verzeichnisse fort und nahmen andere große Bücher vor, die sie aufschlugen. Der eine, offenbar nur ein Schreiber, sagte: ” Ich bitte um Ihre Legitimationspapiere. ” ” Ich habe sie leider nicht bei mir”, sagte Karl. “Er hat sie nicht bei sich”, sagte der Schreiber zu dem andern Herrn und schrieb die Antwort gleich in sein Buch ein. “Sie sind Ingenieur?” fragte dann der andere, der der Leiter der Kanzlei zu sein schien. “Ich bin es noch nicht”, sagte Karl schnell, “aber – ” “Genug”, sagte der Herr noch viel schneller, “dann gehören Sie nicht zu uns. Ich bitte die Aufschrift zu beachten. ” Karl biß die Zähne zusammen, der Herr mußte es bemerkt haben, denn er sagte: “Es ist kein Grund zur Unruhe. Wir können alle brauchen. ” Und er winkte einem der Diener, die beschäftigungslos zwischen den Barrieren herumgiengen: “Führen Sie diesen Herrn zu der Kanzlei für Leute mit technischen Kenntnissen.” Der Diener faßte den Befehl wörtlich auf und faßte Karl bei der Hand. Sie giengen zwischen vielen Buden durch, in einer sah Karl schon einen der Burschen der bereits aufgenommen war und den Herren dort dankend die Hand drückte. In der Kanzlei, in die Karl jetzt gebracht wurde, war, wie Karl vorausgesehen hatte, der Vorgang ähnlich wie in der ersten Kanzlei. Nur schickte man ihn von hier, da man hörte, daß er eine Mittelschule besucht hatte, in die Kanzlei für gewesene Mittelschüler. Als Karl dort aber sagte, er hätte eine europäische Mittelschule besucht, erklärte man sich auch dort für unzuständig und ließ ihn in die Kanzlei für europäische Mittelschüler führen. Es war eine Bude am äußersten Rand, nicht nur kleiner sondern sogar niedriger als alle andern. Der Diener, der ihn hierher gebracht hatte, war wütend über die lange Führung und die vielen Abweisungen, an denen seiner Meinung nach Karl allein die Schuld tragen mußte. Er wartete nicht mehr die Fragen ab, sondern lief gleich fort. Diese Kanzlei war wohl auch die letzte Zuflucht. Als Karl den Kanzleileiter erblickte, erschrak er fast über die Ähnlichkeit, die dieser mit einem Professor hatte, der wahrscheinlich noch jetzt an der Realschule zuhause unterrichtete. Die Ähnlichkeit bestand allerdings, wie sich gleich herausstellte nur in Einzelheiten, aber die auf der breiten Nase ruhende Brille, der blonde wie ein Schaustück gepflegte Vollbart, der sanft gebeugte Rücken und die immer unerwartet hervorbrechende laute Stimme hielten Karl noch einige Zeit in Staunen. Glücklicherweise mußte er auch nicht sehr aufmerken, denn es gieng hier einfacher zu als in den andern Kanzleien. Es wurde zwar auch hier eingetragen, daß seine Legitimationspapiere fehlten und der Kanzleileiter nannte es eine unbegreifliche Nachlässigkeit, aber der Schreiber, der hier die Oberhand hatte, gieng schnell darüber hinweg und erklärte nach einigen kurzen Fragen des Leiters, während sich dieser gerade zu einer größern Frage anschickte, Karl für aufgenommen. Der Leiter wandte sich mit offenem Mund gegen den Schreiber, dieser aber machte eine abschließende Handbewegung, sagte: “Aufgenommen” und trug auch gleich die Entscheidung ins Buch ein. Offenbar war der Schreiber der Meinung, ein europäischer Mittelschüler zu sein, sei schon etwas so schmähliches daß man es jedem, der es von sich behaupte, ohne weiteres glauben könne. Karl für seinen Teil hatte nichts dagegen einzuwenden, er gieng zu ihm hin und wollte ihm danken. Es gab aber noch eine kleine Verzögerung, als man ihn jetzt nach seinem Namen fragte. Er antwortete nicht gleich, er hatte eine Scheu, seinen wirklichen Namen zu nennen und aufschreiben zu lassen. Bis er hier auch nur die kleinste Stelle erhalten und zur Zufriedenheit ausfüllen würde, dann mochte man seinen Namen erfahren, jetzt aber nicht, allzulang hatte er ihn verschwiegen, als daß er ihn jetzt hätte verraten sollen. Er nannte daher, da ihm im Augenblick kein anderer Name einfiel, nur den Rufnamen aus seinen letzten Stellungen: “Negro”. “Negro” fragte der Leiter, drehte den Kopf und machte eine Grimasse, als hätte Karl jetzt den Höhepunkt der Unglaubwürdigkeit erreicht. Auch der Schreiber sah Karl eine Weile prüfend an, dann aber wiederholte er “Negro” und schrieb den Namen ein. “Sie haben doch nicht Negro aufgeschrieben”, fuhr ihn der Leiter an. “Ja, Negro”, sagte der Schreiber ruhig und machte eine Handbewegung, als habe nun der Leiter das Weitere zu veranlassen. Der Leiter bezwang sich auch, stand auf und sagte: “Sie sind also für das Teater von Oklahama – “. Aber weiter kam er nicht, er konnte nichts gegen sein Gewissen tun, setzte sich und sagte: “Er heißt nicht Negro.” Der Schreiber zog die Augenbrauen in die Höhe, stand nun selbst auf und sagte: “Dann teile also ich Ihnen mit, daß Sie für das Teater in Oklahama aufgenommen sind und daß man Sie jetzt unserm Führer vorstellen wird. ” Wieder wurde ein Diener gerufen, der Karl zur Schiedsrichtertribüne führte.

    Unten an der Treppe sah Karl den Kinderwagen und gerade kam auch das Ehepaar herunter, die Frau mit dem Kind auf dem Arm. ” Sind Sie aufgenommen?” fragte der Mann, er war viel lebhafter als früher, auch die Frau sah ihm lachend über die Schulter. Als Karl antwortete, eben sei er aufgenommen worden und gehe zur Vorstellung, sagte der Mann: “Dann gratuliere ich. Auch wir sind aufgenommen worden, es scheint ein gutes Unternehmen zu sein, allerdings kann man sich nicht gleich in alles einfinden, so ist es aber überall. ” Sie sagten einander noch “Auf Wiedersehn” und Karl stieg zur Tribüne hinauf. Er gieng langsam, denn der kleine Raum oben schien von Leuten überfüllt zu sein und er wollte sich nicht eindrängen. Er blieb sogar stehn und überblickte das große Rennfeld das auf allen Seiten bis an ferne Wälder reichte. Ihn erfaßte Lust einmal ein Pferderennen zu sehn, er hatte in Amerika noch keine Gelegenheit dazu gefunden. In Europa war er einmal als kleines Kind zu einem Rennen mitgenommen worden, konnte sich aber an nichts anderes erinnern als daß er von der Mutter zwischen vielen Menschen die nicht auseinanderweichen wollten, durchgezogen worden war. Er hatte also eigentlich überhaupt noch kein Rennen gesehn. Hinter ihm fieng eine Maschinerie zu schnarren an, er drehte sich um und sah auf dem Apparat, auf dem beim Rennen die Namen der Sieger veröffentlicht werden, jetzt folgende Aufschrift in die Höhe ziehn: “Kaufmann Kalla mit Frau und Kind”. Hier wurden also die Namen der Aufgenommenen den Kanzleien mitgeteilt.

    Gerade liefen einige Herren lebhaft miteinander sprechend, Bleistifte und Notizblätter in den Händen die Treppe herunter, Karl drückte sich ans Geländer um sie vorbeizulassen und stieg, da nun oben Platz geworden war hinauf. In einer Ecke der mit Holzgeländern versehenen Platform – das ganze sah wie das flache Dach eines schmalen Turmes aus – saß, die Arme entlang der Holzgeländer ausgestreckt, ein Herr, dem ein breites weißes Seidenband mit der Aufschrift: Führer der 10ten Werbetruppe des Teaters von Oklahama quer über die Brust gieng. Neben ihm stand auf einem Tischchen ein gewiß auch bei den Rennen verwendeter telephonischer Apparat, durch den der Führer offenbar alle notwendigen Angaben über die einzelnen Bewerber noch vor der Vorstellung erfuhr, denn er stellte an Karl zunächst gar keine Fragen, sondern sagte zu einem Herrn, der mit gekreuzten Beinen, die Hand am Kinn neben ihm lehnte: “Negro, ein europäischer Mittelschüler.” Und als sei damit der sich tief verneigende Karl für ihn erledigt sah er die Treppe hinunter, ob nicht wieder jemand käme. Aber da niemand kam, hörte er manchmal dem Gespräch, das der andere Herr mit Karl führte zu, blickte aber meistens über das Rennfeld hin und klopfte mit den Fingern auf das Geländer. Diese zarten und doch kräftigen, langen und schnell bewegten Finger lenkten zeitweilig Karls Aufmerksamkeit auf sich trotzdem ihn der andere Herr genug in Anspruch nahm.

    “Sie sind stellungslos gewesen?” fragte dieser Herr zunächst. Diese Frage sowie fast alle andern Fragen, die er stellte, waren sehr einfach, ganz unverfänglich und die Antworten wurden überdies nicht durch Zwischenfragen nachgeprüft, trotzdem aber wußte ihnen der Herr durch die Art wie er sie mit großen Augen aussprach, wie er ihre Wirkung mit vorgebeugtem Oberkörper beobachtete, wie er die Antworten mit auf die Brust gesenktem Kopfe aufnahm und hie und da laut wiederholte, eine besondere Bedeutung zu geben, die man zwar nicht verstand, deren Ahnung aber vorsichtig und befangen machte. Es kam öfters vor, daß es Karl drängte die gegebene Antwort zu widerrufen und durch eine andere, die vielleicht mehr Beifall finden würde, zu ersetzen, aber er hielt sich doch immer noch zurück, denn er wußte, einen wie schlechten Eindruck ein derartiges Schwanken machen mußte und wie überdies die Wirkung der Antworten eine meist unberechenbare war. Überdies aber schien ja seine Aufnahme schon entschieden zu sein, dieses Bewußtsein gab ihm Rückhalt.

    Die Frage ob er stellungslos gewesen sei, beantwortete er mit einem einfachen “Ja”. “Wo waren Sie zuletzt angestellt?” fragte dann der Herr. Karl wollte schon antworten, da hob der Herr den Zeigefinger und sagte noch einmal: “Zuletzt! ” Karl hatte auch schon die erste Frage richtig verstanden, unwillkürlich schüttelte er die letzte Bemerkung als beirrend mit dem Kopfe ab und antwortete: “In einem Bureau. ” Das war noch die Wahrheit, würde aber der Herr eine nähere Auskunft über die Art des Bureaus verlangen, so mußte er lügen. Aber das tat der Herr nicht, sondern stellte die überaus leicht ganz wahrheitsgemäß zu beantwortende Frage: “Waren Sie dort zufrieden?” “Nein”, rief Karl ihm fast in die Rede fallend. Bei einem Seitenblick bemerkte Karl, daß der Führer ein wenig lächelte, Karl bereute die unbedachte Art seiner letzten Antwort, aber es war zu verlockend gewesen, das Nein hinauszuschrein, denn während seiner ganzen letzten Dienstzeit hatte er nur den großen Wunsch gehabt, irgendein fremder Dienstgeber möge einmal eintreten und diese Frage an ihn richten. Seine Antwort konnte aber noch einen andern Nachteil bringen, denn der Herr konnte nun fragen, warum er nicht zufrieden gewesen sei. Statt dessen fragte er jedoch: “Zu was für einem Posten fühlen Sie sich geeignet?” Diese Frage enthielt möglicherweise wirklich eine Falle, denn wozu wurde sie gestellt, da Karl doch schon als Schauspieler aufgenommen war; trotzdem er das aber erkannte, konnte er sich dennoch nicht zu der Erklärung überwinden, er fühle sich für den Schauspielerberuf besonders geeignet. Er wich daher der Frage aus und sagte auf die Gefahr hin trotzig zu erscheinen: “Ich habe das Plakat in der Stadt gelesen und da dort stand, daß man jeden brauchen kann, habe ich mich gemeldet.” “Das wissen wir”, sagte der Herr, schwieg und zeigte dadurch daß er auf seiner frühern Frage beharre. “Ich bin als Schauspieler aufgenommen”, sagte Karl zögernd, um den Herren die Schwierigkeit, in die ihn die letzte Frage gebracht hatte, begreiflich zu machen. “Das ist richtig”, sagte der Herr und verstummte wieder. “Nun”, sagte Karl und die ganze Hoffnung einen Posten gefunden zu haben, kam ins Wanken, “ich weiß nicht, ob ich zum Teaterspielen geeignet bin. Ich will mich aber anstrengen und alle Aufträge auszuführen suchen. ” Der Herr wandte sich dem Leiter zu, beide nickten, Karl schien richtig geantwortet zu haben, er faßte wieder Mut und erwartete aufgerichtet die nächste Frage. Die lautete: “Was wollten Sie denn ursprünglich studieren?” Um die Frage genau zu bestimmen – an der genauen Bestimmung lag dem Herrn immer sehr viel – fügte er hinzu: “In Europa, meine ich. ” Hiebei nahm er die Hand vom Kinn und machte eine schwache Bewegung, als wolle er damit gleichzeitig andeuten wie ferne Europa und wie bedeutungslos die dort einmal gefaßten Pläne seien. Karl sagte: “Ich wollte Ingenieur werden.” Diese Antwort widerstrebte ihm zwar, es war lächerlich im vollen Bewußtsein seiner bisherigen Laufbahn in Amerika die alte Erinnerung, daß er einmal habe Ingenieur werden wollen, hier wieder aufzufrischen – wäre er es denn selbst in Europa jemals geworden? – aber er wußte gerade keine andere Antwort und sagte deshalb diese. Aber der Herr nahm es ernst, wie er alles ernst nahm. “Nun Ingenieur”, sagte er, “können Sie wohl nicht gleich werden, vielleicht würde es Ihnen aber vorläufig entsprechen, irgendwelche niedrige technische Arbeiten auszuführen.” “Gewiß”, sagte Karl, er war sehr zufrieden, er wurde zwar, wenn er das Angebot annahm, aus dem Schauspielerstand unter die technischen Arbeiter geschoben, aber er glaubte tatsächlich sich bei dieser Arbeit besser bewähren zu können. Übrigens, dies wiederholte er sich immer wieder, es kam nicht so sehr auf die Art der Arbeit an, als vielmehr darauf sich überhaupt irgendwo dauernd festzuhalten. “Sind Sie denn kräftig genug für schwerere Arbeit?” fragte der Herr. “Oja”, sagte Karl. Hierauf ließ der Herr Karl näher zu sich herankommen und befühlte seinen Arm. “Es ist ein kräftiger Junge”, sagte er dann, indem er Karl am Arm zum Führer hinzog. Der Führer nickte lächelnd, reichte ohne sich übrigens aus seiner Ruhelage aufzurichten Karl die Hand und sagte: “Dann sind wir also fertig. In Oklahama wird alles noch überprüft werden. Machen Sie unserer Werbetruppe Ehre! ” Karl verbeugte sich zum Abschied, er wollte sich dann auch von dem andern Herren verabschieden, dieser aber spazierte schon, als sei er mit seiner Arbeit vollständig fertig, das Gesicht in die Höhe gerichtet auf der Platform auf und ab. Während Karl hinunterstieg wurde zur Seite der Treppe auf der Anzeigetafel die Aufschrift hochgezogen: “Negro, technischer Arbeiter”. Da alles hier seinen ordentlichen Gang nahm, hätte es Karl nicht mehr so sehr bedauert, wenn auf der Tafel sein wirklicher Name zu lesen gewesen wäre. Es war alles sogar überaus sorgfältig eingerichtet, denn am Fuß der Treppe wurde Karl schon von einem Diener erwartet, der ihm eine Binde um den Arm festmachte. Als Karl dann den Arm hob, um zu sehn was auf der Binde stand, war dort der ganz richtige Aufdruck “technischer Arbeiter”.

    Wohin Karl nun aber geführt werden mochte, zuerst wollte er doch Fanny melden wie glücklich alles abgelaufen war. Aber zu seinem Bedauern erfuhr er vom Diener, daß die Engel ebenso wie auch die Teufel bereits nach dem nächsten Bestimmungsort der Werbetruppe abgereist seien, um dort die Ankunft der Truppe für den nächsten Tag bekanntzumachen. “Schade”, sagte Karl, es war die erste Enttäuschung, die er in diesem Unternehmen erlebte, “ich hatte eine Bekannte unter den Engeln. ” ” Sie werden sie in Oklahama wiedersehn”, sagte der Diener, “nun aber kommen Sie, Sie sind der letzte. ” Er führte Karl an der hintern Seite des Podiums entlang, auf dem früher die Engel gestanden waren, jetzt waren dort nur noch die leeren Postamente. Karls Annahme aber, daß ohne die Musik der Engel mehr Stellensuchende kommen würden, erwies sich nicht als richtig, denn vor dem Podium standen jetzt überhaupt keine Erwachsenen mehr, nur paar Kinder kämpften um eine lange weiße Feder, die wahrscheinlich aus einem Engelsflügel gefallen war. Ein Junge hielt sie in die Höhe, während die andern Kinder mit einer Hand seinen Kopf niederdrücken wollten und mit der andern nach der Feder langten.

    Karl zeigte auf die Kinder, der Diener aber sagte ohne hinzusehn: “Kommen Sie rascher, es hat sehr lange gedauert, ehe Sie aufgenommen wurden. Man hatte wohl Zweifel?” “Ich weiß nicht”, sagte Karl erstaunt, er glaubte es aber nicht. Immer, selbst bei den klarsten Verhältnissen fand sich doch irgendjemand der seinem Mitmenschen Sorgen machen wollte. Aber vor dem freundlichen Anblick der großen Zuschauertribüne, zu der sie jetzt kamen, vergaß Karl bald an die Bemerkung des Dieners. Auf dieser Tribüne war nämlich eine ganze lange Bank mit einem weißen Tuch gedeckt, alle Aufgenommenen saßen mit dem Rücken zur Rennbahn auf der nächsttieferen Bank und wurden bewirtet. Alle waren fröhlich und aufgeregt, gerade als sich Karl unbemerkt als letzter auf die Bank setzte, standen viele mit erhobenen Gläsern auf und einer hielt einen Trinkspruch auf den Führer der zehnten Werbetruppe, den er den “Vater der Stellungsuchenden” nannte. Jemand machte darauf aufmerksam, daß man ihn auch von hier aus sehen könne und tatsächlich war die Schiedsrichtertribüne mit den zwei Herren in nicht allzugroßer Entfernung sichtbar. Nun schwenkten alle ihre Gläser in dieser Richtung, auch Karl faßte das vor ihm stehende Glas, aber so laut man auch rief und so sehr man sich bemerkbar zu machen suchte, auf der Schiedsrichtertribüne deutete nichts darauf hin, daß man die Ovation bemerkte oder wenigstens bemerken wolle. Der Führer lehnte in der Ecke wie früher und der andere Herr stand neben ihm, die Hand am Kinn.

    Ein wenig enttäuscht setzte man sich wieder, hie und da drehte sich noch einer nach der Schiedsrichtertribüne um, aber bald beschäftigte man sich nur mit dem reichlichen Essen, großes Geflügel, wie es Karl noch nie gesehen hatte, mit vielen Gabeln in dem knusprig gebratenen Fleisch, wurde herumgetragen, Wein wurde immer wieder von den Dienern eingeschenkt – man merkte es kaum, man war über seinen Teller gebückt und in den Becher fiel der Strahl des roten Weines – und wer sich an der allgemeinen Unterhaltung nicht beteiligen wollte, konnte Bilder von Ansichten des Teaters von Oklahama besichtigen, die an einem Ende der Tafel aufgestapelt waren und von Hand zu Hand gehen sollten. Doch kümmerte man sich nicht viel um die Bilder und so geschah es daß bei Karl, der der Letzte war nur ein Bild ankam. Nach diesem Bild zu schließen mußten aber alle sehr sehenswert sein. Dieses Bild stellte die Loge des Präsidenten der Vereinigten Staaten dar. Beim ersten Anblick konnte man denken, es sei nicht eine Loge, sondern die Bühne, so weit geschwungen ragte die Brüstung in den freien Raum. Diese Brüstung war ganz aus Gold in allen ihren Teilen. Zwischen den wie mit der feinsten Scheere ausgeschnittenen Säulchen waren nebeneinander Medaillons früherer Präsidenten angebracht, einer hatte eine auffallend gerade Nase, aufgeworfene Lippen und unter gewölbten Lidern starr gesenkte Augen. Rings um die Loge, von den Seiten und von der Höhe kamen Strahlen von Licht; weißes und doch mildes Licht enthüllte förmlich den Vordergrund der Loge, während ihre Tiefe hinter rotem, unter vielen Tönungen sich faltendem Sammt der an der ganzen Umrandung niederfiel und durch Schnüre gelenkt wurde, als eine dunkle rötlich schimmernde Leere erschien. Man konnte sich in dieser Loge kaum Menschen vorstellen, so selbstherrlich sah alles aus. Karl vergaß das Essen nicht, sah aber doch oft die Abbildung an, die er neben seinen Teller gelegt hatte.

    Schließlich hätte er doch noch sehr gern wenigstens eines der übrigen Bilder angesehn, selbst holen wollte er es sich aber nicht, denn ein Diener hatte die Hand auf den Bildern liegen und die Reihenfolge mußte wohl gewahrt werden, er suchte also nur die Tafel zu überblicken und festzustellen, ob sich nicht doch noch ein Bild nähere. Da bemerkte er staunend – zuerst glaubte er es gar nicht – unter den am tiefsten zum Essen gebeugten Gesichtern ein gut bekanntes – Giacomo. Gleich lief er zu ihm hin. “Giacomo”, rief er. Dieser, schüchtern wie immer wenn er überrascht wurde, erhob sich vom Essen, drehte sich in dem schmalen Raum zwischen den Bänken, wischte mit der Hand den Mund, war dann aber sehr froh Karl zu sehn, bat ihn sich neben ihn zu setzen oder bot sich an zu Karls Platz hinüberzukommen, sie wollten einander alles erzählen und immer beisammen bleiben. Karl wollte die andern nicht stören, jeder sollte deshalb vorläufig seinen Platz behalten, das Essen werde bald zuende sein und dann wollten sie natürlich immer zu einander halten. Aber Karl blieb doch noch bei Giacomo, nur um ihn anzusehn. Was für Erinnerungen an vergangene Zeiten! Wo war die Oberköchin Was machte Therese? Giacomo selbst hatte sich in seinem Äußern fast gar nicht verändert, die Voraussage der Oberköchin, daß er in einem halben Jahr ein knochiger Amerikaner werden müsse, war nicht eingetroffen, er war zart wie früher, die Wangen eingefallen wie früher, augenblicklich allerdings waren sie gerundet, denn er hatte im Mund einen übergroßen Bissen Fleisch, aus dem er die überflüssigen Knochen langsam herauszog, um sie dann auf den Teller zu werfen. Wie Karl an seiner Armbinde ablesen konnte, war auch Giacomo nicht als Schauspieler sondern als Liftjunge aufgenommen, das Teater von Oklahama schien wirklich jeden brauchen zu können.

    In den Anblick Giacomos verloren, blieb aber Karl allzulange von seinem Platze fort, eben wollte er zurückkehren, da kam der Personalchef, stellte sich auf eine der höher gelegenen Bänke, klatschte in die Hände und hielt eine kleine Ansprache, während die meisten aufstanden und die Sitzengebliebenen die sich nicht vom Essen trennen konnten, durch Stöße der andern schließlich auch zum Aufstehn gezwungen wurden. “Ich will hoffen”, sagte er, Karl war inzwischen schon auf den Fußspitzen zu seinem Platz zurückgelaufen, “daß Sie mit unserm Empfangsessen zufrieden waren. Im allgemeinen lobt man das Essen unserer Werbetruppe. Leider muß ich die Tafel bereits aufheben, denn der Zug, der Sie nach Oklahama bringen soll, fährt in fünf Minuten. Es ist zwar eine lange Reise, Sie werden aber sehn, daß für Sie gut gesorgt ist. Hier stelle ich Ihnen den Herrn vor, der Ihren Transport führen wird und dem Sie Gehorsam schulden. ” Ein magerer kleiner Herr erkletterte die Bank auf welcher der Personalchef stand, nahm sich kaum Zeit eine flüchtige Verbeugung zu machen, sondern begann sofort mit ausgestreckten nervösen Händen zu zeigen, wie sich alle sammeln, ordnen und in Bewegung setzen sollten. Aber zunächst folgte man ihm nicht, denn derjenige aus der Gesellschaft der schon früher eine Rede gehalten hatte, schlug mit der Hand auf den Tisch und begann eine längere Dankrede, trotzdem – Karl wurde ganz unruhig – eben gesagt worden war, daß der Zug bald abfahre. Aber der Redner achtete nicht einmal darauf, daß auch der Personalchef nicht zuhörte sondern dem Transportleiter verschiedene Anweisungen gab, er legte seine Rede groß an, zählte alle Gerichte auf, die aufgetragen worden waren, gab über jedes sein Urteil ab und schloß dann zusammenfassend mit dem Ausruf: “Geehrte Herren, so gewinnt man uns. ” Alle außer den Angesprochenen lachten, aber es war doch mehr Wahrheit als Scherz.

    Diese Rede büßte man überdies damit, daß jetzt der Weg zur Bahn im Laufschritt gemacht werden mußte. Das war aber auch nicht sehr schwer, denn – Karl bemerkte es erst jetzt – niemand trug ein Gepäckstück – das einzige Gepäckstück war eigentlich der Kinderwagen, der jetzt an der Spitze der Truppe vom Vater gelenkt wie haltlos auf und nieder sprang. Was für besitzlose verdächtige Leute waren hier zusammengekommen und wurden doch so gut empfangen und behütet! Und dem Transportleiter mußten sie geradezu ans Herz gelegt sein. Bald faßte er selbst mit einer Hand die Lenkstange des Kinderwagens und erhob die andere um die Truppe aufzumuntern, bald war er hinter der letzten Reihe, die er antrieb, bald lief er an den Seiten entlang, faßte einzelne langsamere aus der Mitte ins Auge und suchte ihnen mit schwingenden Armen darzustellen, wie sie laufen müßten.

    Als sie auf dem Bahnhof ankamen, stand der Zug schon bereit. Die Leute auf dem Bahnhof zeigten einander die Truppe, man hörte Ausrufe wie “Alle diese gehören zum Teater von Oklahama”, das Teater schien viel bekannter zu sein, als Karl angenommen hatte, allerdings hatte er sich um Teaterdinge niemals gekümmert. Ein ganzer Waggon war eigens für die Truppe bestimmt, der Transportleiter drängte zum Einsteigen mehr als der Schaffner. Er sah zuerst in jede einzelne Abteilung, ordnete hie und da etwas und erst dann stieg er selbst ein. Karl hatte zufällig einen Fensterplatz bekommen und Giacomo neben sich gezogen. So saßen sie aneinandergedrängt und freuten sich im Grunde beide auf die Fahrt, so sorgenlos hatten sie in Amerika noch keine Reise gemacht. Als der Zug zu fahren begann winkten sie mit den Händen aus dem Fenster, während die Burschen ihnen gegenüber einander anstießen und es lächerlich fanden.

  • Ausreise Bruneldas

    Eines Morgens schob Karl den Krankenwagen, in dem Brunelda saß, aus dem Haustor. Es war nicht mehr so früh, wie er gehofft hatte. Sie waren übereingekommen, die Auswanderung noch in der Nacht zu bewerkstelligen, um in den Gassen kein Aufsehen zu erregen, das bei Tag unvermeidlich gewesen wäre, so bescheiden auch Brunelda mit einem großen grauen Tuch sich bedecken wollte. Aber der Transport über die Treppe hatte zu lange gedauert, trotz der bereitwilligsten Mithilfe des Studenten, der viel schwächer als Karl war, wie sich bei dieser Gelegenheit herausstellte. Brunelda hielt sich sehr tapfer, seufzte kaum und suchte ihren Trägern die Arbeit auf alle Weise zu erleichtern. Aber es gieng doch nicht anders, als daß man sie auf jeder fünften Treppenstufe niedersetzte, um sich selbst und ihr die Zeit zum notwendigsten Ausruhen zu gönnen. Es war ein kühler Morgen, auf den Gängen wehte kalte Luft wie in Kellern, aber Karl und der Student waren ganz in Schweiß und mußten während der Ruhepausen jeder ein Zipfel von Bruneldas Tuch, das sie ihnen übri-gens freundlich reichte, nehmen, um das Gesicht zu trocknen. So kam es, daß sie erst nach zwei Stunden unten anlangten, wo schon vom Abend her das Wägelchen stand. Das Hineinheben Bruneldas gab noch eine gewisse Arbeit, dann aber durfte man das Ganze für gelungen ansehn, denn das Schieben des Wagens mußte dank den hohen Rädern nicht schwer sein und es blieb nur die Befürchtung, daß der Wagen unter Brunelda aus den Fugen gehen würde. Diese Gefahr mußte man allerdings auf sich nehmen, man konnte nicht einen Ersatzwagen mitführen, zu dessen Bereitstellung und Führung der Student halb im Scherz sich angeboten hatte. Es erfolgte nun die Verabschiedung vom Studenten, die sogar sehr herzlich war. Alle Nichtübereinstimmung zwischen Brunelda und dem Studenten schien vergessen, er entschuldigte sich sogar wegen der alten Beleidigung Bruneldas die er sich bei ihrer Krankheit hatte zu schulden kommen lassen, aber Brunelda sagte, alles sei längst vergessen und mehr als gutgemacht. Schließlich bat sie den Studenten, er möge zum Andenken an sie einen Dollar freundlichst annehmen, den sie mühselig aus ihren vielen Röcken hervorsuchte. Dieses Geschenk war bei Bruneldas bekanntem Geiz sehr bedeutungsvoll, der Student hatte auch wirklich große Freude davon und warf vor Freude die Münze hoch in die Luft. Dann allerdings mußte er sie auf dem Boden suchen und Karl mußte ihm helfen, schließlich fand sie auch Karl unter dem Wagen Bruneldas. Der Abschied zwischen dem Studenten und Karl war natürlich viel einfacher, sie reichten einander nur die Hand und sprachen die Überzeugung aus, daß sie einander wohl noch einmal sehen würden und daß dann wenigstens einer von ihnen – der Student behauptete es von Karl, Karl vom Studenten – etwas Rühmenswertes erreicht haben würde, was bisher leider nicht der Fall war. Dann faßte Karl mit gutem Mut den Griff des Wagens und schob ihn aus dem Tor. Der Student sah ihnen solange nach, als sie noch zu sehen waren und winkte mit einem Tuch. Karl nickte oft grüßend zurück, auch Brunelda hätte sich gerne umgewendet, aber solche Bewegungen waren für sie zu anstrengend. Um ihr doch noch einen letzten Abschied zu ermöglichen, führte Karl am Ende der Straße den Wagen in einem Kreis herum, so daß auch Brunelda den Studenten sehen konnte, der diese Gelegenheit ausnützte, um mit dem Tuch besonders eifrig zu winken.

    Dann aber sagte Karl, jetzt dürften sie sich keinen Aufenthalt mehr gönnen, der Weg sei lang und sie seien viel später ausgefahren, als es beabsichtigt war. Tatsächlich sah man schon hie und da Fuhrwerke und, wenn auch sehr vereinzelt Leute, die zur Arbeit giengen. Karl hatte mit seiner Bemerkung nichts weiter sagen wollen, als was er wirklich gesagt hatte, Brunelda aber faßte es in ihrem Zartgefühl anders auf und bedeckte sich ganz und gar mit ihrem grauen Tuch. Karl wendete nichts dagegen ein; der mit einem grauen Tuch bedeckte Handwagen war zwar sehr auffällig, aber unvergleichlich weniger auffällig als die unbedeckte Brunelda gewesen wäre. Er fuhr sehr vorsichtig; ehe er um eine Ecke bog, beobachtete er die nächste Straße, ließ sogar wenn es nötig schien, den Wagen stehn und gieng allein paar Schritte voraus, sah er irgend eine vielleicht unangenehme Begegnung voraus, so wartete er, bis sie sich vermeiden ließ oder wählte sogar den Weg durch eine ganz andere Straße. Selbst dann kam er, da er alle möglichen Wege vorher genau studiert hatte, niemals in die Gefahr einen bedeutenden Umweg zu machen. Allerdings erschienen Hindernisse, die zwar zu befürchten gewesen waren, sich aber im einzelnen nicht hatten vorhersehn lassen. So trat plötzlich in einer Straße, die leicht ansteigend, weit zu überblicken und erfreulicherweise vollständig leer war, ein Vorteil, den Karl durch besondere Eile auszunützen suchte, aus dem dunklen Winkel eines Haustors ein Polizeimann und fragte Karl, was er denn in dem so sorgfältig verdeckten Wagen führe. So streng er aber Karl angesehen hatte, so mußte er doch lächeln, als er die Decke lüftete und das erhitzte ängstliche Gesicht Bruneldas erblickte. “Wie?” sagte er. “Ich dachte Du hättest hier zehn Kartoffelsäcke und jetzt ist es ein einziges Frauenzimmer? Wohin fahrt Ihr denn? Wer seid Ihr?” Brunelda wagte gar nicht den Polizeimann anzusehn, sondern blickte nur immer auf Karl mit dem deutlichen Zweifel, daß selbst er sie nicht werde erretten können. Karl hatte aber schon genug Erfahrungen mit Policisten, ihm schien das ganze nicht sehr gefährlich. “Zeigen Sie doch Fräulein”, sagte er, “das Schriftstück, das Sie bekommen haben. ” “Ach ja”, sagte Brunelda und begann in einer so hoffnungslosen Weise zu suchen, daß sie wirklich verdächtig erscheinen mußte. “Das Fräulein”, sagte der Polizeimann mit zweifelloser Ironie, “wird das Schriftstück nicht finden. ” “Oja”, sagte Karl ruhig, “sie hat es bestimmt, sie hat es nur verlegt. ” Er begann nun selbst zu suchen und zog es tatsächlich hinter Bruneldas Rücken hervor. Der Polizeimann sah es nur flüchtig an. “Das ist es also”, sagte der Polizeimann lächelnd, “so ein Fräulein ist das Fräulein? Und Sie, Kleiner, besorgen die Vermittlung und den Transport? Wissen Sie wirklich keine bessere Beschäftigung zu finden?” Karl zuckte bloß die Achseln, das waren wieder die bekannten Einmischungen der Polizei. “Na, glückliche Reise”, sagte der Polizeimann, als er keine Antwort bekam. In den Worten des Polizeimanns lag wahrscheinlich Verachtung, dafür fuhr auch Karl ohne Gruß weiter, Verachtung der Polizei war besser als ihre Aufmerksamkeit.

    Kurz darauf hatte er eine womöglich noch unangenehmere Begegnung. Es machte sich nämlich an ihn ein Mann heran, der einen Wagen mit großen Milchkannen vor sich herschob und äußerst gern erfahren hätte, was unter dem grauen Tuch auf Karls Wagen lag. Es war nicht anzunehmen, daß er den gleichen Weg wie Karl hatte, dennoch aber blieb er ihm zur Seite, so überraschende Wendungen Karl auch machte. Zuerst begnügte er sich mit Ausrufen, wie z. B. “Du mußt eine schwere Last haben” oder “Du hast schlecht aufgeladen, oben wird etwas herausfallen. ” Später aber fragte er geradezu: “Was hast Du denn unter dem Tuch?” Karl sagte: “Was kümmert’s Dich?” Aber da das den Mann noch neugieriger machte, sagte Karl schließlich: “Es sind Äpfel. ” “So viel Äpfel”, sagte der Mann staunend und hörte nicht auf, diesen Ausruf zu wiederholen. “Das ist ja eine ganze Ernte”, sagte er dann. “Nun ja”, sagte Karl. Aber sei es daß er Karl nicht glaubte, sei es daß er ihn ärgern wollte, er gieng noch weiter, begann – alles während der Fahrt – die Hand wie zum Scherz nach dem Tuch auszustrecken und wagte es endlich sogar an dem Tuch zu zupfen. Was mußte Brunelda leiden! Aus Rücksicht auf sie wollte sich Karl in keinen Streit mit dem Mann einlassen und fuhr in das nächste offene Tor ein, als sei dies sein Ziel gewesen. “Hier bin ich zuhause”, sagte er, “Dank für die Begleitung. ” Der Mann blieb erstaunt vor dem Tor stehn und sah Karl nach, der ruhig darangieng wenn es sein mußte den ganzen ersten Hof zu durchqueren. Der Mann konnte nicht mehr zweifeln, aber um seiner Bosheit ein letztes Mal zu genügen, ließ er seinen Wagen stehn, lief Karl auf den Fußspitzen nach und riß so stark an dem Tuch, daß er Bruneldas Gesicht fast entblößt hätte. “Damit Deine Äpfel Luft bekommen”, sagte er und lief zurück. Auch das nahm Karl noch hin, da es ihn endgültig von dem Mann befreite. Er führte dann den Wagen in einen Hofwinkel, wo einige große leere Kisten standen in deren Schutz er unter dem Tuch Brunelda einige beruhigende Worte sagen wollte. Aber er mußte lange auf sie einreden, denn sie war ganz in Tränen und flehte ihn allen Ernstes an, hier hinter den Kisten den ganzen Tag zu bleiben und erst in der Nacht weiterzufahren. Vielleicht hätte er allein sie gar nicht davon überzeugen können, wie verfehlt das gewesen wäre, als aber jemand am andern Ende des Kistenhaufens eine leere Kiste unter ungeheuerem im leeren Hof wiederhallenden Lärm zu Boden warf, erschrak sie so, daß sie ohne ein Wort mehr zu wagen, das Tuch über sich zog und wahrscheinlich glückselig war, als Karl kurz entschlossen sofort zu fahren begann.

    Die Straßen wurden jetzt zwar immer belebter, aber die Aufmerksamkeit, die der Wagen erregte, war nicht so groß wie Karl befürchtet hatte. Vielleicht wäre es überhaupt klüger gewesen, eine andere Zeit für den Transport zu wählen. Wenn eine solche Fahrt wieder nötig werden sollte, wollte sich Karl getrauen sie in der Mittagstunde auszuführen. Ohne schwerer belästigt worden zu sein, bog er endlich in die schmale dunkle Gasse ein, in der das Unternehmen Nr. 25 sich befand. Vor der Tür stand der schielende Verwalter mit der Uhr in der Hand. “Bist Du immer so unpünktlich?” fragte er. “Es gab verschiedene Hindernisse”, sagte Karl. “Die gibt es bekanntlich immer”, sagte der Verwalter. “Hier im Haus gelten sie aber nicht. Merk Dir das!” Auf solche Reden hörte Karl kaum mehr hin, jeder nützte seine Macht aus und beschimpfte den Niedrigen. War man einmal daran gewöhnt, klang es nicht anders als das regelmäßige Uhrenschlagen. Wohl aber erschreckte ihn, als er jetzt den Wagen in den Flur schob, der Schmutz, der hier herrschte und den er allerdings erwartet hatte. Es war, wenn man näher zusah, kein faßbarer Schmutz. Der Steinboden des Flurs war fast rein gekehrt, die Malerei der Wände nicht alt, die künstlichen Palmen nur wenig verstaubt, und doch war alles fettig und abstoßend, es war, als wäre von allem ein schlechter Gebrauch gemacht worden und als wäre keine Reinlichkeit mehr imstande, das wieder gut zu machen. Karl dachte gern, wenn er irgendwohin kam, darüber nach, was hier verbessert werden könne und welche Freude es sein müßte, sofort einzugreifen, ohne Rücksicht auf die vielleicht endlose Arbeit die es verursachen würde. Hier aber wußte er nicht, was zu tun wäre. Langsam nahm er das Tuch von Brunelda ab. “Willkommen Fräulein”, sagte der Verwalter geziert, es war kein Zweifel, daß Brunelda einen guten Eindruck auf ihn machte. Sobald Brunelda dies merkte, verstand sie das, wie Karl befriedigt sah, gleich auszunützen. Alle Angst der letzten Stunden verschwand. Sie

  • «Auf! Auf! rief Robinson…»

    “Auf! Auf! ” rief Robinson, kaum daß Karl früh die Augen öffnete. Der Türvorhang war noch nicht weggezogen, aber man merkte an dem durch die Lücken einfallenden gleichmäßigen Sonnenlicht, wie spät am Vormittag es schon war. Robinson lief eilfertig mit besorgten Blicken hin und her, bald trug er ein Handtuch, bald einen Wasserkübel, bald Wäsche-und Kleidungsstücke und immer wenn er an Karl vorüberkam, suchte er ihn durch Kopfnicken zum Aufstehn aufzumuntern und zeigte durch Hochheben dessen was er gerade in der Hand hielt, wie er sich heute noch zum letzten mal für Karl plage, der natürlich am ersten Morgen von den Einzelheiten des Dienstes nichts verstehen konnte.

    Aber bald sah Karl, wen Robinson eigentlich bediente. In einem durch zwei Kästen vom übrigen Zimmer abgetrennten Raum, den Karl bisher noch nicht gesehen hatte, fand eine große Waschung statt. Man sah den Kopf Bruneldas, den freien Hals – das Haar war gerade ins Gesicht geschlagen – und den Ansatz ihres Nackens über den Kasten ragen und die hie und da gehobene Hand des Delamarche hielt einen weit herumspritzenden Badeschwamm, mit dem Brunelda gewaschen und gerieben wurde. Man hörte die kurzen Befehle des Delamarche die er dem Robinson erteilte, der nicht durch den jetzt verstellten eigentlichen Zugang des Raumes die Dinge reichte, sondern auf eine kleine Lücke zwischen einem Kasten und einer spanischen Wand angewiesen war, wobei er überdies bei jeder Handreichung den Arm weit ausstrecken und das Gesicht abgewendet halten mußte. “Das Handtuch! Das Handtuch”, rief Delamarche. Und kaum erschrak Robinson, der gerade unter dem Tisch etwas anderes suchte, über diesen Auftrag und zog den Kopf unter dem Tisch hervor, hieß es schon: “Wo bleibt das Wasser, zum Teufel”, und über dem Kasten erschien hochgereckt das wütende Gesicht des Delamarche. Alles was man sonst nach Karls Meinung zum Waschen und Anziehn nur einmal brauchte, wurde hier in jeder möglichen Reihenfolge viele Male verlangt und gebracht. Auf einem kleinen elektrischen Ofen stand immer ein Kübel mit Wasser zum Wärmen und immer wieder trug Robinson die schwere Last zwischen den weit auseinandergestellten Beinen zum Waschraum hin. Bei der Fülle seiner Arbeit war es zu verstehn, wenn er sich nicht immer genau an die Befehle hielt und einmal, als wieder ein Handtuch verlangt wurde einfach ein Hemd von der großen Schlafstätte in der Zimmermitte nahm und in einem großen Knäuel über die Kästen hinüberwarf.

    Aber auch Delamarche hatte schwere Arbeit und war vielleicht nur deshalb gegen Robinson so gereizt – in seiner Gereiztheit übersah er Karl glattwegs – weil er selbst Brunelda nicht zufrieden stellen konnte. “Ach”, schrie sie auf und selbst der sonst unbeteiligte Karl zuckte zusammen, “wie Du mir weh tust! Geh weg! Ich wasch mich lieber selbst, statt so zu leiden! Jetzt kann ich schon wieder den Arm nicht heben. Mir ist ganz übel wie Du mich drückst. Auf dem Rücken muß ich lauter blaue Flecke haben. Natürlich, Du wirst es mir nicht sagen. Warte, ich werde mich von Robinson anschauen lassen oder von unserem Kleinen. Nein, ich tu es ja nicht, aber sei nur ein wenig zarter. Nimm Rücksicht, Delamarche, aber das kann ich jeden Morgen wiederholen, Du nimmst und nimmst keine Rücksicht. Robinson”, rief sie dann plötzlich und schwenkte ein Spitzenhöschen über ihrem Kopf, “komm mir zur Hilfe, schau wie ich leide, diese Tortur nennt er Waschen, dieser Delamarche. Robinson, Robinson, wo bleibst Du, hast auch Du kein Herz?” Karl machte schweigend dem Robinson ein Zeichen mit dem Finger, daß er doch hingehen möge, aber Robinson schüttelte mit gesenkten Augen überlegen den Kopf, er wußte es besser. “Was fällt Dir ein?” sagte Robinson zu Karls Ohr gebeugt, “das ist nicht so gemeint. Nur einmal bin ich hingegangen und nicht wieder. Sie haben mich damals beide gepackt und in die Wanne getaucht, daß ich fast ertrunken wäre. Und tagelang hat mir die Brunelda vorgeworfen, daß ich schamlos bin und immer wieder hat sie gesagt: >Jetzt warst Du aber schon lange nicht im Bad bei mir< oder >wann wirst Du mich denn wieder im Bade anschauen kommen?< Erst bis ich ihr einigemal auf den Knien abgebeten habe, hat sie aufgehört. Das werde ich nicht vergessen. ” Und während Robinson das erzählte, rief Brunelda immer wieder: “Robinson! Robinson! Wo bleibt denn dieser Robinson! “

    Trotzdem aber niemand ihr zur Hilfe kam und nicht einmal eine Antwort erfolgte – Robinson hatte sich zu Karl gesetzt und beide sahen schweigend zu den Kästen hin, über denen hie und da die Köpfe Bruneldas oder Delamarches erschienen – trotzdem hörte Brunelda nicht auf laut über Delamarche Klage zu führen. “Aber Delamarche”, rief sie, “jetzt spüre ich ja wieder gar nicht, daß Du mich wäschst. Wo hast Du den Schwamm Also greif doch zu! Wenn ich mich nur bücken, wenn ich mich nur bewegen könnte! Ich wollte Dir schon zeigen, wie man wäscht. Wo sind die Mädchenzeiten, als ich dort drüben auf dem Gut der Eltern jeden Morgen im Kolorado schwamm, die beweglichste von allen meinen Freundinnen. Und jetzt! Wann wirst Du denn lernen mich zu waschen, Delamarche, Du schwenkst den Schwamm herum, strengst Dich an und ich spür nichts. Wenn ich sagte, daß Du mich nicht wund drücken sollst, so meinte ich doch nicht, daß ich da stehen und mich erkälten will. Daß ich aus der Wanne spring und weglaufe so wie ich bin. “

    Aber dann führte sie diese Drohung nicht aus – was sie ja auch an und für sich gar nicht imstande gewesen wäre – Delamarche schien sie aus Furcht sie könnte sich erkälten, erfaßt und in die Wanne gedrückt zu haben, denn mächtig klatschte es ins Wasser.

    “Das kannst Du Delamarche”, sagte Brunelda ein wenig leiser, “schmeicheln und immer wieder schmeicheln wenn Du etwas schlecht gemacht hast. ” Dann war es ein Weilchen still. “Jetzt küßt er sie”, sagte Robinson und hob die Augenbrauen.

    “Was kommt jetzt für eine Arbeit?” fragte Karl. Da er sich nun einmal entschlossen hatte, hier zu bleiben, wollte er auch gleich seinen Dienst versehn. Er ließ Robinson, der nicht antwortete allein auf dem Kanapee und begann das große von der Last der Schläfer während der langen Nacht noch immer zusammengepreßte Lager auseinanderzuwerfen, um dann jedes einzelne Stück dieser Masse ordentlich zusammenzulegen, was wohl schon seit Wochen nicht geschehen war.

    “Schau nach, Delamarche”, sagte da Brunelda, “ich glaube, sie zerwerfen unser Bett. An alles muß man denken, niemals hat man Ruhe. Du mußt gegen die zwei strenger sein, sie machen sonst, was sie wollen. ” “Das ist gewiß der Kleine mit seinem verdammten Diensteifer”, rief Delamarche und wollte wahrscheinlich aus dem Waschraum hervorstürzen, Karl warf schon alles aus der Hand, aber glücklicherweise sagte Brunelda: “Nicht weggehn Delamarche, nicht weggehn. Ach, wie ist das Wasser heiß, man wird so müde. Bleib bei mir Delamarche.” Erst jetzt merkte Karl eigentlich, wie der Wasserdampf hinter den Kästen unaufhörlich emporstieg. Robinson legte erschrocken die Hand an die Wange, als habe Karl etwas Schlimmes angerichtet. “Alles in dem gleichen Zustand lassen, in dem es war”, erklang die Stimme des Delamarche, “wißt Ihr denn nicht, daß Brunelda nach dem Bade immer noch eine Stunde ruht? Elende Mißwirtschaft! Wartet bis ich über Euch komme. Robinson, Du träumst wahrscheinlich schon wieder. Dich, Dich allein mache ich für alles verantwortlich was geschieht. Du hast den Jungen im Zaum zu halten, hier wird nicht nach seinem Kopf gewirtschaftet. Wenn man etwas will kann man nichts von Euch bekommen, wenn nichts zu tun ist, seid Ihr fleißig. Verkriecht Euch irgendwohin und wartet, bis man Euch braucht. “

    Aber gleich war alles vergessen, denn Brunelda flüsterte ganz müde, als werde sie von dem heißen Wasser überflutet: “Das Parfüm! Bringt das Parfüm! ” “Das Parfüm! ” schrie Delamarche. “Rührt Euch. “Ja aber wo war das Parfum? Karl sah Robinson an, Robinson sah Karl an. Karl merkte, daß er hier alles allein in die Hand nehmen müsse, Robinson hatte keine Ahnung wo das Parfüm war, er legte sich einfach auf den Boden, fuhr immerfort mit beiden Armen unter dem Kanapee herum, beförderte aber nichts anderes als Knäuel von Staub und Frauenhaaren heraus. Karl eilte zuerst zum Waschtisch, der gleich bei der Türe stand, aber in seinen Schubladen fanden sich nur alte englische Romane, Zeitschriften und Noten vor und alles war so überfüllt, daß man die Schubladen nicht schließen konnte, wenn man sie einmal aufgemacht hatte. “Das Parfüm”, seufzte unterdessen Brunelda. “Wie lange das dauert! Ob ich heute noch mein Parfum bekomme! ” Bei dieser Ungeduld Bruneldas durfte natürlich Karl nirgends gründlich suchen, er mußte sich auf den oberflächlichen ersten Eindruck verlassen. Im Waschkasten war die Flasche nicht, auf dem Waschkasten standen überhaupt nur alte Fläschchen mit Medizinen und Salben, alles andere war jedenfalls schon in den Waschraum getragen worden. Vielleicht war die Flasche in der Schublade des Eßtisches. Auf dem Weg zum Eßtisch aber – Karl dachte nur an das Parfüm, sonst an nichts – stieß er heftig mit Robinson zusammen, der das Suchen unter dem Kanapee endlich aufgegeben hatte und in einer aufdämmernden Ahnung vom Standort des Parfüms wie blind Karl entgegenlief. Man hörte deutlich das Zusammenschlagen der Köpfe, Karl blieb stumm, Robinson hielt zwar im Lauf nicht ein, schrie aber um sich den Schmerz zu erleichtern, andauernd und übertrieben laut.

    “Statt das Parfum zu suchen, kämpfen sie”, sagte Brunelda. “Ich werde krank von dieser Wirtschaft, Delamarche, und werde ganz gewiß in Deinen Armen sterben. Ich muß das Parfüm haben”, rief sie dann sich aufraffend, “ich muß es unbedingt haben. Ich gehe nicht früher aus der Wanne ehe man es mir bringt und müßte ich hier bis Abend bleiben.” Und sie schlug mit der Faust ins Wasser, man hörte es aufspritzen.

    Aber auch in der Schublade des Eßtisches war das Parfüm nicht, zwar waren dort ausschließlich Toilettengegenstände Bruneldas wie alte Puderquasten, Schminktöpfchen, Haarbürsten, Löckchen und viele verfitzte und zusammengeklebte Kleinigkeiten, aber das Parfum war dort nicht. Und auch Robinson, der noch immer schreiend in einer Ecke von etwa hundert dort aufgehäuften Schachteln und Kassetten, eine nach der andern öffnete und durchkramte, wobei immer die Hälfte des Inhalts, meist Nähzeug und Briefschaften, auf den Boden fiel und dort liegen blieb, konnte nichts finden, wie er zeitweise Karl durch Kopfschütteln und Achselzucken anzeigte.

    Da sprang Delamarche in Unterkleidung aus dem Waschraum hervor, während man Brunelda krampfhaft weinen hörte. Karl und Robinson ließen vom Suchen ab und sahen den Delamarche an, der ganz und gar durchnäßt, auch vom Gesicht und von den Haaren rann ihm das Wasser, ausrief: “Jetzt also fangt gefälligst zu suchen an. ” “Hier! ” befahl er zuerst Karl zu suchen und dann “dort! ” dem Robinson. Karl suchte wirklich und überprüfte auch noch die Plätze, zu denen Robinson schon kommandiert worden war, aber er fand ebensowenig das Parfum, wie Robinson, der eifriger, als er suchte, seitlich nach Delamarche ausschaute, der soweit der Raum reichte stampfend im Zimmer auf- und abgieng und gewiß am liebsten sowohl Karl wie Robinson durchgeprügelt hätte.

    “Delamarche”, rief Brunelda, “komm mich doch wenigstens abtrocknen. Die zwei finden ja das Parfum doch nicht und bringen nur alles in Unordnung. Sie sollen sofort mit dem Suchen aufhören. Aber gleich! Und alles aus der Hand legen! Und nichts mehr anrühren! Sie möchten wohl aus der Wohnung einen Stall machen. Nimm sie beim Kragen Delamarche, wenn sie nicht aufhören! Aber sie arbeiten ja noch immer, gerade ist eine Schachtel gefallen. Sie sollen sie nicht mehr aufheben, alles liegen lassen und aus dem Zimmer heraus! Riegel hinter ihnen die Tür zu und komm zu mir. Ich liege ja schon viel zu lange im Wasser, die Beine habe ich schon ganz kalt. “

    “Gleich Brunelda gleich”, rief Delamarche und eilte mit Karl und Robinson zur Tür. Ehe er sie aber entließ, gab er ihnen den Auftrag das Frühstück zu holen und womöglich von jemandem ein gutes Parfüm für Brunelda auszuborgen.

    “Das ist eine Unordnung und ein Schmutz bei Euch”, sagte Karl draußen auf dem Gang, “gleich wie wir mit dem Frühstück zurückkommen, müssen wir zu ordnen anfangen.”

    “Wenn ich nur nicht so leidend wäre”, sagte Robinson. “Und diese Behandlung! ” Gewiß kränkte sich Robinson darüber, daß Brunelda zwischen ihm, der sie doch schon monatelang bediente und Karl, der erst gestern eingetreten war, nicht den geringsten Unterschied machte. Aber er verdiente es nicht besser und Karl sagte: “Du mußt Dich ein wenig zusammennehmen. ” Um ihn aber nicht gänzlich seiner Verzweiflung zu überlassen, fügte er hinzu: “Es wird ja nur eine einmalige Arbeit sein. Ich werde Dir hinter den Kästen ein Lager machen, und wenn nur einmal alles ein wenig geordnet ist, wirst Du dort den ganzen Tag liegen können, Dich um gar nichts kümmern müssen und sehr bald gesund werden. “

    “Jetzt siehst Du es also selbst ein wie es mit mir steht”, sagte Robinson und wandte das Gesicht von Karl ab, um mit sich und seinem Leid allein zu sein. “Aber werden sie mich denn jemals ruhig liegen lassen? “

    “Wenn Du willst, werde ich darüber selbst mit Delamarche und Brunelda reden. “

    “Nimmt denn Brunelda irgend eine Rücksicht?” rief Robinson aus und stieß, ohne daß er Karl darauf vorbereitet hätte, mit der Faust eine Tür auf, zu der sie eben gekommen waren.

    Sie traten in eine Küche ein, von deren Herd, der reparaturbedürftig schien, geradezu schwarze Wölkchen aufstiegen. Vor der Herdtüre kniete eine der Frauen, die Karl gestern auf dem Korridor gesehen hatte und legte mit den bloßen Händen große Kohlenstücke in das Feuer, das sie nach allen Richtungen hin prüfte. Dabei seufzte sie in ihrer für eine alte Frau unbequemen knieenden Stellung.

    “Natürlich, da kommt auch noch diese Plage”, sagte sie beim Anblick Robinsons, erhob sich mühselig, die Hand auf der Kohlenkiste, und schloß die Herdtüre, deren Griff sie mit ihrer Schürze umwickelt hatte. “Jetzt um vier Uhr nachmittags” – Karl staunte die Küchenuhr an – “müßt ihr noch frühstücken? Bande! “

    “Setzt Euch”, sagte sie dann, “und wartet bis ich für Euch Zeit habe. “

    Robinson zog Karl auf ein Bänkchen in der Nähe der Türe nieder und flüsterte ihm zu: “Wir müssen ihr folgen. Wir sind nämlich von ihr abhängig. Wir haben unser Zimmer von ihr gemietet und sie kann uns natürlich jeden Augenblick kündigen. Aber wir können doch nicht die Wohnung wechseln, wie sollen wir denn wieder alle die Sachen wegschaffen und vor allem ist doch Brunelda nicht transportabel. “

    “Und hier auf dem Gang ist kein anderes Zimmer zu bekommen?” fragte Karl.

    “Es nimmt uns ja niemand auf”, antwortete Robinson, “im ganzen Haus nimmt uns niemand auf. “

    So saßen sie still auf ihrem Bänkchen und warteten. Die Frau lief immerfort zwischen zwei Tischen, einem Waschbottich und dem Herd hin und her. Aus ihren Ausrufen erfuhr man, daß ihre Tochter unwohl war und sie deshalb alle Arbeit, nämlich die Bedienung und Verpflegung von dreißig Mietern allein besorgen mußte. Nun war noch überdies der Ofen schadhaft, das Essen wollte nicht fertig werden, in zwei riesigen Töpfen wurde eine dicke Suppe gekocht und wie oft die Frau auch sie mit Schöpflöffeln untersuchte und aus der Höhe herabfließen ließ, die Suppe wollte nicht gelingen, es mußte wohl das schlechte Feuer daran schuld sein und so setzte sie sich vor der Herdtüre fast auf den Boden und arbeitete mit dem Schürhaken in der glühenden Kohle herum. Der Rauch von dem die Küche erfüllt war, reizte sie zum Husten der sich manchmal so verstärkte, daß sie nach einem Stuhl griff und minutenlang nichts anderes tat als hustete. Öfters machte sie die Bemerkung, daß sie das Frühstück heute überhaupt nicht mehr liefern werde, weil sie dazu weder Zeit noch Lust habe. Da Karl und Robinson einerseits den Befehl hatten, das Frühstück zu holen, andererseits aber keine Möglichkeit es zu erzwingen, antworteten sie auf solche Bemerkungen nicht, sondern blieben still sitzen wie zuvor.

    Ringsherum auf Sesseln und Fußbänkchen, auf und unter den Tischen, ja selbst auf der Erde in einen Winkel zusammengedrängt stand noch das ungewaschene Frühstücksgeschirr der Mieter. Da waren Kännchen in denen sich noch ein wenig Kaffee oder Milch vorfinden würde, auf manchen Tellerchen gab es noch Überbleibsel von Butter, aus einer umgefallenen großen Blechbüchse war Cakes weit herausgerollt. Es war schon möglich aus dem allen ein Frühstück zusammenzustellen, an dem Brunelda, wenn sie seinen Ursprung nicht erfuhr, nicht das geringste hätte aussetzen können. Als Karl das bedachte und ein Blick auf die Uhr ihm zeigte, daß sie nun schon eine halbe Stunde hier warteten und Brunelda vielleicht wütete und Delamarche gegen die Dienerschaft aufhetzte, rief gerade die Frau aus einem Husten heraus – während dessen sie Karl anstarrte –: “Ihr könnt hier schon sitzen, aber das Frühstück bekommt ihr nicht. Dagegen bekommt ihr in zwei Stunden das Nachtmahl. “

    “Komm Robinson”, sagte Karl, “wir werden uns das Frühstück selbst zusammenstellen. ” “Wie? ” rief die Frau mit geneigtem Kopf. “Seien Sie doch bitte vernünftig”, sagte Karl, “warum wollen Sie uns denn das Frühstück nicht geben? Nun warten wir schon eine halbe Stunde, das ist lang genug. Man bezahlt Ihnen doch alles und gewiß zahlen wir bessere Preise als alle andern. Daß wir so spät frühstücken ist gewiß für Sie lästig, aber wir sind Ihre Mieter, haben die Gewohnheit spät zu frühstücken und Sie müssen sich eben auch ein wenig für uns einrichten. Heute wird es Ihnen natürlich wegen der Krankheit Ihres Fräulein Tochter besonders schwer, aber dafür sind wir wieder bereit uns das Frühstück hier aus den Überbleibseln zusammenzustellen, wenn es nicht anders geht und Sie uns kein frisches Essen geben. “

    Aber die Frau wollte sich mit niemanden in eine freundschaftliche Aussprache einlassen, für diese Mieter schienen ihr auch noch die Überbleibsel des allgemeinen Frühstücks zu gut; aber andererseits hatte sie die Zudringlichkeit der zwei Diener schon satt, packte deshalb eine Tasse und stieß sie Robinson gegen den Leib, der erst nach einem Weilchen mit wehleidigem Gesicht begriff, daß er die Tasse halten sollte, um das Essen, das die Frau aussuchen wollte in Empfang zu nehmen. Sie belud nun die Tasse in größter Eile zwar mit einer Menge von Dingen, aber das Ganze sah eher wie ein Haufen schmutzigen Geschirrs, nicht wie ein eben zu servierendes Frühstück aus. Noch während die Frau sie hinausdrängte und sie gebückt als fürchteten sie Schimpfwörter oder Stöße zur Türe eilten, nahm Karl die Tasse Robinson aus den Händen, denn bei Robinson schien sie ihm nicht genug sicher.

    Auf dem Gang setzte sich Karl, nachdem sie weit genug von der Tür der Vermieterin waren, mit der Tasse auf den Boden, um vor allem die Tasse zu reinigen, die zusammengehörigen Dinge zu sammeln, also die Milch zusammenzugießen, die verschiedenen Butterüberbleibsel auf einen Teller zu kratzen, dann alle Anzeichen des Gebrauches zu beseitigen, also die Messer und Löffel zu reinigen, die angebissenen Brötchen geradezuschneiden und so dem ganzen ein besseres Ansehen zu geben. Robinson hielt diese Arbeit für unnötig und behauptete, das Frühstück hätte schon oft noch viel ärger ausgesehn, aber Karl ließ sich durch ihn nicht abhalten und war noch froh, daß sich Robinson mit seinen schmutzigen Fingern an der Arbeit nicht beteiligen wollte. Um ihn in Ruhe zu halten, hatte ihm Karl gleich, allerdings ein für alle mal, wie er ihm dabei sagte, einige Cakes und den dicken Bodensatz eines früher mit Chokolade gefüllten Töpfchens zugewiesen.

    Als sie vor ihre Wohnung kamen und Robinson ohne weiters die Hand an die Klinke legte, hielt ihn Karl zurück, da es doch nicht sicher war, ob sie eintreten durften. “Aber ja”, sagte Robinson, “jetzt frisiert er sie ja nur. ” Und tatsächlich saß in dem noch immer ungelüfteten und verhängten Zimmer Brunelda mit weit auseinandergestellten Beinen im Lehnstuhl und Delamarche, der hinter ihr stand, kämmte mit tief herabgebeugtem Gesicht ihr kurzes wahrscheinlich sehr verfitztes Haar. Brunelda trug wieder ein ganz loses Kleid, diesmal aber von blaßrosa Farbe, es war vielleicht ein wenig kürzer als das gestrige, wenigstens sah man die weißen grob gestrickten Strümpfe fast bis zum Knie. Ungeduldig über die lange Dauer des Kämmens, fuhr Brunelda mit der dicken roten Zunge zwischen den Lippen hin und her, manchmal riß sie sich sogar mit dem Ausruf “Aber Delamarche! ” gänzlich von Delamarche los, der mit erhobenem Kamm ruhig wartete, bis sie den Kopf wieder zurücklegte.

    “Es hat lange gedauert”, sagte Brunelda im allgemeinen und zu Karl insbesondere sagte sie: “Du mußt ein wenig flinker sein, wenn Du willst, daß man mit Dir zufrieden ist. An dem faulen und gefräßigen Robinson darfst Du Dir kein Beispiel nehmen. Ihr habt wohl schon inzwischen irgendwo gefrühstückt, ich sage Euch, nächstens dulde ich das nicht.”

    Das war sehr ungerecht und Robinson schüttelte auch den Kopf und bewegte, allerdings lautlos, die Lippen, Karl jedoch sah ein, daß man auf die Herrschaft nur dadurch einwirken könne, daß man ihr zweifellose Arbeit zeige. Er zog daher ein niedriges japanisches Tischchen aus einem Winkel, überdeckte es mit einem Tuch und stellte die mitgebrachten Sachen auf. Wer den Ursprung des Frühstücks gesehen hatte, konnte mit dem Ganzen zufrieden sein, sonst aber war, wie sich Karl sagen mußte, manches daran auszusetzen.

    Glücklicherweise hatte Brunelda Hunger. Wohlgefällig nickte sie Karl zu, während er alles vorbereitete und öfters hinderte sie ihn, indem sie vorzeitig mit ihrer weichen fetten womöglich gleich alles zerdrückenden Hand irgendeinen Bissen für sich hervorholte. “Er hat es gut gemacht”, sagte sie schmatzend und zog Delamarche, der den Kamm in ihrem Haar für die spätere Arbeit stecken ließ, neben sich auf einen Sessel nieder. Auch Delamarche wurde im Anblick des Essens freundlich, beide waren sehr hungrig, ihre Hände eilten kreuz und quer über das Tischchen. Karl erkannte, daß man hier um zu befriedigen nur immer möglichst viel bringen mußte und in Erinnerung daran, daß er in der Küche noch verschiedene brauchbare Eßware auf dem Boden liegen gelassen hatte, sagte er: “Zum erstenmal habe ich nicht gewußt, wie alles eingerichtet werden soll, nächstes Mal werde ich es besser machen. ” Aber noch während des Redens erinnerte er sich, zu wem er sprach, er war zusehr von der Sache selbst befangen gewesen. Brunelda nickte Delamarche befriedigt zu und reichte Karl zum Lohn eine Handvoll Keks.