{"id":250,"date":"2026-06-23T22:40:51","date_gmt":"2026-06-23T22:40:51","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?page_id=250"},"modified":"2026-06-23T22:42:40","modified_gmt":"2026-06-23T22:42:40","slug":"der-onkel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/der-verschollene\/der-onkel\/","title":{"rendered":"II &#8211; Der Onkel"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Hause des Onkels gew\u00f6hnte sich Karl bald an die neuen Verh\u00e4ltnisse. Der Onkel kam ihm aber auch in jeder Kleinigkeit freundlich entgegen und niemals mu\u00dfte Karl sich erst durch schlechte Erfahrungen belehren lassen, wie dies meist das erste Leben im Ausland so verbittert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karls Zimmer lag im sechsten Stockwerk eines Hauses, dessen f\u00fcnf untere Stockwerke, an welche sich in der Tiefe noch drei unterirdische anschlossen, von dem Gesch\u00e4ftsbetrieb des Onkels eingenommen wurden. Das Licht, das in sein Zimmer durch zwei Fenster und eine Balkont\u00fcre eindrang, brachte Karl immer wieder zum Staunen, wenn er des Morgens aus seiner kleinen Schlafkammer hier eintrat. Wo h\u00e4tte er wohl wohnen m\u00fcssen, wenn er als armer kleiner Einwanderer ans Land gestiegen w\u00e4re? Ja vielleicht h\u00e4tte man ihn, was der Onkel nach seiner Kenntnis der Einwanderungsgesetze sogar f\u00fcr sehr wahrscheinlich hielt, gar nicht in die Vereinigten Staaten eingelassen sondern ihn nach Hause geschickt, ohne sich weiter darum zu k\u00fcmmern, da\u00df er keine Heimat mehr hatte. Denn auf Mitleid durfte man hier nicht hoffen und es war ganz richtig, was Karl in dieser Hinsicht \u00fcber Amerika gelesen hatte; nur die Gl\u00fccklichen schienen hier ihr Gl\u00fcck zwischen den unbek\u00fcmmerten Gesichtern ihrer Umgebung wahrhaft zu genie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein schmaler Balkon zog sich vor dem Zimmer seiner ganzen L\u00e4nge nach hin. Was aber in der Heimatstadt Karls wohl der h\u00f6chste Aussichtspunkt gewesen w\u00e4re, gestattete hier nicht viel mehr als den \u00dcberblick \u00fcber eine Stra\u00dfe, die zwischen zwei Reihen f\u00f6rmlich abgehackter H\u00e4user gerade und darum wie fliehend in die Ferne sich verlief, wo aus vielem Dunst die Formen einer Kathedrale ungeheuer sich erhoben. Und morgen wie abend und in den Tr\u00e4umen der Nacht vollzog sich auf dieser Stra\u00dfe ein immer dr\u00e4ngender Verkehr, der von oben gesehn sich als eine aus immer neuen Anf\u00e4ngen ineinandergestreute Mischung von verzerrten menschlichen Figuren und von D\u00e4chern der Fuhrwerke aller Art darstellte, von der aus sich noch eine neue vervielf\u00e4ltigte wildere Mischung von L\u00e4rm, Staub und Ger\u00fcchen erhob, und alles dieses wurde erfa\u00dft und durchdrungen von einem m\u00e4chtigen Licht, das immer wieder von der Menge der Gegenst\u00e4nde zerstreut, fortgetragen und wieder eifrig herbeigebracht wurde und das dem bet\u00f6rten Auge so k\u00f6rperlich erschien, als werde \u00fcber dieser Stra\u00dfe eine alles bedeckende Glasscheibe jeden Augenblick immer wieder mit aller Kraft zerschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vorsichtig wie der Onkel in allem war, riet er Karl sich vorl\u00e4ufig ernsthaft nicht auf das Geringste einzulassen. Er sollte wohl alles pr\u00fcfen und anschauen, aber sich nicht gefangen nehmen lassen. Die ersten Tage eines Europ\u00e4ers in Amerika seien ja einer Geburt vergleichbar und wenn man sich hier auch, damit nur Karl keine unn\u00f6tige Angst habe, rascher eingew\u00f6hne als wenn man vom Jenseits in die menschliche Welt eintrete, so m\u00fcsse man sich doch vor Augen halten, da\u00df das erste Urteil immer auf schwachen F\u00fc\u00dfen stehe und da\u00df man sich dadurch nicht vielleicht alle k\u00fcnftigen Urteile, mit deren Hilfe man ja hier sein Leben weiterf\u00fchren wolle, in Unordnung bringen lassen d\u00fcrfe. Er selbst habe Neuank\u00f6mmlinge gekannt, die z. B. statt nach diesen guten Grunds\u00e4tzen sich zu verhalten, tagelang auf ihrem Balkon gestanden und wie verlorene Schafe auf die Stra\u00dfe heruntergesehen h\u00e4tten. Das m\u00fcsse unbedingt verwirren! Diese einsame Unt\u00e4tigkeit, die sich in einen arbeitsreichen Newyorker Tag verschaut, k\u00f6nne einem Vergn\u00fcgungsreisenden gestattet und vielleicht, wenn auch nicht vorbehaltlos angeraten werden, f\u00fcr einen der hier bleiben wird sei sie ein Verderben, man k\u00f6nne in diesem Fall ruhig dieses Wort anwenden, wenn es auch eine \u00dcbertreibung ist. Und tats\u00e4chlich verzog der Onkel immer \u00e4rgerlich das Gesicht, wenn er bei einem seiner Besuche, die immer nur einmal t\u00e4glich undzwar immer zu den verschiedensten Tageszeiten erfolgten, Karl auf dem Balkone antraf. Karl merkte das bald und versagte sich infolgedessen das Vergn\u00fcgen, auf dem Balkon zu stehn, nach M\u00f6glichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war ja auch beiweitem nicht das einzige Vergn\u00fcgen, das er hatte. In seinem Zimmer stand ein amerikanischer Schreibtisch bester Sorte, wie sich ihn sein Vater seit Jahren gew\u00fcnscht und auf den verschiedensten Versteigerungen um einen ihm erreichbaren billigen Preis zu kaufen gesucht hatte, ohne da\u00df es ihm bei seinen kleinen Mitteln jemals gelungen w\u00e4re. Nat\u00fcrlich war dieser Tisch mit jenen angeblich amerikanischen Schreibtischen, wie sie sich auf europ\u00e4ischen Versteigerungen herumtreiben nicht zu vergleichen. Er hatte z. B. in seinem Aufsatz hundert F\u00e4cher verschiedenster Gr\u00f6\u00dfe und selbst der Pr\u00e4sident der Union h\u00e4tte f\u00fcr jeden seiner Akten einen passenden Platz gefunden, aber au\u00dferdem war an der Seite ein Regulator und man konnte durch Drehen an der Kurbel die verschiedensten Umstellungen und Neueinrichtungen der F\u00e4cher nach Belieben und Bedarf erreichen. D\u00fcnne Seitenw\u00e4ndchen senkten sich langsam und bildeten den Boden neu sich erhebender oder die Decke neu aufsteigender F\u00e4cher; schon nach einer Umdrehung hatte der Aufsatz ein ganz anderes Aussehen und alles gieng je nachdem man die Kurbel drehte langsam oder unsinnig rasch vor sich. Es war eine neueste Erfindung, erinnerte aber Karl sehr lebhaft an die Krippenspiele die zuhause auf dem Christmarkt den staunenden Kindern gezeigt wurden und auch Karl war oft in seine Winterkleider eingepackt davor gestanden und hatte ununterbrochen die Kurbeldrehung, die ein alter Mann ausf\u00fchrte, mit den Wirkungen im Krippenspiel verglichen, mit dem stockenden Vorw\u00e4rtskommen der heiligen drei K\u00f6nige, dem Aufgl\u00e4nzen des Sternes und dem befangenen Leben im heiligen Stall. Und immer war es ihm erschienen, als ob die Mutter die hinter ihm stand nicht genau genug alle Ereignisse verfolge, er hatte sie zu sich hingezogen, bis er sie an seinem R\u00fccken f\u00fchlte, und hatte ihr solange mit lauten Ausrufen verborgenere Erscheinungen gezeigt, vielleicht ein H\u00e4schen, das vorn im Gras abwechselnd M\u00e4nnchen machte und sich dann wieder zum Lauf bereitete, bis die Mutter ihm den Mund zuhielt und wahrscheinlich in ihre fr\u00fchere Unachtsamkeit verfiel. Der Tisch war freilich nicht dazu gemacht um an solche Dinge zu erinnern, aber in der Geschichte der Erfindungen bestand wohl ein \u00e4hnlich undeutlicher Zusammenhang wie in Karls Erinnerungen. Der Onkel war zum Unterschied von Karl mit diesem Schreibtisch durchaus nicht einverstanden, nur hatte er eben f\u00fcr Karl einen ordentlichen Schreibtisch kaufen wollen und solche Schreibtische waren jetzt s\u00e4mtlich mit dieser Neueinrichtung versehn, deren Vorzug n\u00e4mlich auch darin bestand, bei \u00e4lteren Schreibtischen ohne gro\u00dfe Kosten angebracht werden zu k\u00f6nnen. Immerhin unterlie\u00df der Onkel nicht, Karl zu raten, den Regulator m\u00f6glichst gar nicht zu verwenden; um die Wirkung des Rates zu verst\u00e4rken behauptete der Onkel, die Maschinerie sei sehr empfindlich, leicht zu verderben und die Wiederherstellung sehr kostspielig. Es war nicht schwer einzusehn, da\u00df solche Bemerkungen nur Ausfl\u00fcchte waren, wenn man sich auch andererseits sagen mu\u00dfte, da\u00df der Regulator sehr leicht zu fixieren war, was der Onkel jedoch nicht tat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den ersten Tagen, an denen selbstverst\u00e4ndlich zwischen Karl und dem Onkel h\u00e4ufigere Aussprachen stattgefunden hatten, hatte Karl auch erz\u00e4hlt, da\u00df er zu hause wenig zwar, aber gern Klavier gespielt habe, was er allerdings lediglich mit den Anfangskenntnissen hatte bestreiten k\u00f6nnen, die ihm die Mutter beigebracht hatte. Karl war sich dessen wohl bewu\u00dft, da\u00df eine solche Erz\u00e4hlung gleichzeitig die Bitte um ein Klavier war, aber er hatte sich schon gen\u00fcgend umgesehn, um zu wissen, da\u00df der Onkel auf keine Weise zu sparen brauchte. Trotzdem wurde ihm diese Bitte nicht gleich gew\u00e4hrt, aber etwa acht Tage sp\u00e4ter sagte der Onkel fast in der Form eines widerwilligen Eingest\u00e4ndnisses, das Klavier sei eben angelangt und Karl k\u00f6nne, wenn er wolle den Transport \u00fcberwachen. Das war allerdings eine leichte Arbeit, aber dabei nicht einmal viel leichter als der Transport selbst, denn im Haus war ein eigener M\u00f6belaufzug, in welchem ohne Gedr\u00e4nge ein ganzer M\u00f6belwagen Platz finden konnte und in diesem Aufzug schwebte auch das Piano zu Karls Zimmer hinauf. Karl selbst h\u00e4tte zwar in dem gleichen Aufzug mit dem Piano und den Transportarbeitern fahren k\u00f6nnen, aber da gleich daneben ein Personenaufzug zur Ben\u00fctzung freistand, fuhr er in diesem, hielt sich mittelst eines Hebels stets in gleicher H\u00f6he mit dem andern Aufzug und betrachtete unverwandt durch die Glasw\u00e4nde das sch\u00f6ne Instrument das jetzt sein Eigentum war. Als er es in seinem Zimmer hatte und die ersten T\u00f6ne anschlug, bekam er eine so n\u00e4rrische Freude, da\u00df er statt weiterzuspielen aufsprang und aus einiger Entfernung die H\u00e4nde in den H\u00fcften das Klavier lieber anstaunte. Auch die Akustik des Zimmers war ausgezeichnet und sie trug dazu bei sein anf\u00e4ngliches kleines Unbehagen, in einem Eisenhause zu wohnen, g\u00e4nzlich verschwinden zu lassen. Tats\u00e4chlich merkte man auch im Zimmer, so eisenm\u00e4\u00dfig das Geb\u00e4ude von au\u00dfen erschien, von eisernen Baubestandteilen nicht das geringste und niemand h\u00e4tte auch nur eine Kleinigkeit in der Einrichtung aufzeigen k\u00f6nnen, welche die vollst\u00e4ndigste Gem\u00fctlichkeit irgendwie gest\u00f6rt h\u00e4tte. Karl erhoffte in der ersten Zeit viel von seinem Klavierspiel und sch\u00e4mte sich nicht wenigstens vor dem Einschlafen an die M\u00f6glichkeit einer unmittelbaren Beeinflussung der amerikanischen Verh\u00e4ltnisse durch dieses Klavierspiel zu denken. Es klang ja allerdings sonderbar, wenn er vor den in die l\u00e4rmerf\u00fcllte Luft ge\u00f6ffneten Fenstern ein altes Soldatenlied seiner Heimat spielte, das die Soldaten am Abend, wenn sie in den Kasernenfenstern liegen und auf den finstern Platz hinausschauen, von Fenster zu Fenster einander zusingen \u2013 aber sah er dann auf die Stra\u00dfe, so war sie unver\u00e4ndert und nur ein kleines St\u00fcck eines gro\u00dfen Kreislaufes, das man nicht an und f\u00fcr sich anhalten konnte, ohne alle Kr\u00e4fte zu kennen, die in der Runde wirkten. Der Onkel duldete das Klavierspiel, sagte auch nichts dagegen, zumal Karl sich auch ohne Mahnung nur selten das Vergn\u00fcgen des Spieles g\u00f6nnte, ja er brachte Karl sogar Noten amerikanischer M\u00e4rsche und nat\u00fcrlich auch der Nationalhymne, aber allein aus der Freude an der Musik war es wohl nicht zu erkl\u00e4ren, als er. eines Tages ohne allen Scherz Karl fragte, ob er nicht auch das Spiel auf der Geige oder auf dem Waldhorn lernen wolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich war das Lernen des Englischen Karls erste und wichtigste Aufgabe. Ein junger Professor einer Handelshochschule erschien morgens um sieben Uhr in Karls Zimmer und fand ihn schon an seinem Schreibtisch bei den Heften sitzen oder memorierend im Zimmer auf und ab gehn. Karl sah wohl ein da\u00df zur Aneignung des Englischen keine Eile gro\u00df genug sei und da\u00df er hier au\u00dferdem die beste Gelegenheit habe seinem Onkel eine au\u00dferordentliche Freude durch rasche Fortschritte zu machen. Und tats\u00e4chlich gelang es bald, w\u00e4hrend zuerst das Englische in den Gespr\u00e4chen mit dem Onkel sich auf Gru\u00df und Abschiedsworte beschr\u00e4nkt hatte, immer gr\u00f6\u00dfere Teile der Gespr\u00e4che ins Englische hin\u00fcberzuspielen, wodurch gleichzeitig vertraulichere Themen sich einzustellen begannen. Das erste amerikanische Gedicht, die Darstellung einer Feuersbrunst, das Karl seinem Onkel an einem Abend recitieren konnte, machte diesen tiefernst vor Zufriedenheit. Sie standen damals beide an einem Fenster in Karls Zimmer, der Onkel sah hinaus, wo alle Helligkeit des Himmels schon vergangen war und schlug im Mitgef\u00fchl der Verse langsam und gleichm\u00e4\u00dfig in die H\u00e4nde, w\u00e4hrend Karl aufrecht neben ihm stand und mit starren Augen das schwierige Gedicht sich entrang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je besser Karls Englisch wurde, desto gr\u00f6\u00dfere Lust zeigte der Onkel ihn mit seinen Bekannten zusammenzuf\u00fchren und ordnete nur f\u00fcr jeden Fall an, da\u00df bei solchen Zusammenk\u00fcnften vorl\u00e4ufig der Englischprofessor sich immer in Karls N\u00e4he zu halten habe. Der allererste Bekannte, dem Karl eines Vormittags vorgestellt wurde, war ein schlanker, junger, unglaublich biegsamer Mann, den der Onkel mit besondern Komplimenten in Karls Zimmer f\u00fchrte. Es war offenbar einer jener vielen vom Standpunkt der Eltern aus gesehen mi\u00dfratenen Million\u00e4rss\u00f6hne, dessen Leben so verlief, da\u00df ein gew\u00f6hnlicher Mensch auch nur einen beliebigen Tag im Leben dieses jungen Mannes nicht ohne Schmerz verfolgen konnte. Und als wisse oder ahne er dies, und als begegne er dem,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">soweit es in seiner Macht stand, war um seine Lippen und Augen ein unaufh\u00f6rliches L\u00e4cheln des Gl\u00fcckes, das ihm selbst, seinem Gegen\u00fcber und der ganzen Welt zu gelten schien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit diesem jungen Mann, einem Herrn Mak wurde unter unbedingter Zustimmung des Onkels, besprochen gemeinsam um halb sechs Uhr fr\u00fch, sei es in der Reitschule, sei es ins Freie zu reiten. Karl z\u00f6gerte zwar zuerst seine Zusage zu geben, da er doch noch niemals auf einem Pferd gesessen war und das Reiten zuerst ein wenig lernen wolle, aber da ihm der Onkel und Mack so sehr zuredeten und das Reiten als blo\u00dfes Vergn\u00fcgen und als gesunde \u00dcbung aber gar nicht als Kunst darstellten, sagte er schlie\u00dflich zu. Nun mu\u00dfte er allerdings schon um halb f\u00fcnf aus dem Bett und das tat ihm oft sehr leid, denn er litt hier, wohl infolge der steten Aufmerksamkeit, die er w\u00e4hrend des Tages aufwenden mu\u00dfte, geradezu an Schlafsucht, aber in seinem Badezimmer verlor sich das Bedauern bald. \u00dcber die ganze Wanne der L\u00e4nge und Breite nach spannte sich das Sieb der Douche \u2013 welcher Mitsch\u00fcler zuhause und war er noch so reich, besa\u00df etwas derartiges und gar noch allein f\u00fcr sich \u2013 und da lag nun Karl ausgestreckt, in dieser Wanne konnte er die Arme ausbreiten, und lie\u00df die Str\u00f6me des lauen, hei\u00dfen, wieder lauen und endlich eisigen Wassers, nach Belieben teilweise oder \u00fcber die ganze Fl\u00e4che hin auf sich herab. Wie in dem noch ein wenig fortlaufenden Genusse des Schlafes lag er da und fieng besonders gern mit den geschlossenen Augenlidern die letzten einzeln fallenden Tropfen auf, die sich dann \u00f6ffneten und \u00fcber das Gesicht hinflossen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Reitschule, wo ihn das hoch sich aufbauende Automobil des Onkels absetzte, erwartete ihn bereits der Englischprofessor, w\u00e4hrend Mak ausnahmslos erst sp\u00e4ter kam. Er konnte aber auch unbesorgt erst sp\u00e4ter kommen, denn das eigentliche lebendige Reiten fieng erst an, wenn er da war. B\u00e4umten sich nicht die Pferde aus ihrem bisherigen Halbschlaf auf, wenn er eintrat, knallte die Peitsche nicht lauter durch den Raum, erschienen nicht pl\u00f6tzlich auf der umlaufenden Gallerie einzelne Personen, Zuschauer, Pferdew\u00e4rter, Reitsch\u00fcler oder was sie sonst sein mochten? Karl aber n\u00fctzte die Zeit vor der Ankunft Maks dazu aus, um doch ein wenig wenn auch nur die primitivsten Vor\u00fcbungen des Reitens zu betreiben. Es war ein langer Mann da, der auf den h\u00f6chsten pferder\u00fccken mit kaum erhobenem Arm hinaufreichte und der Karl diesen immer kaum eine Viertelstunde dauernden Unterricht erteilte. Die Erfolge die Karl hiebei hatte, waren nicht \u00fcbergro\u00df und er konnte sich viele englische Klagerufe dauernd aneignen, die er w\u00e4hrend dieses Lernens zu seinem Englischprofessor atemlos ausstie\u00df, der immer am gleichen T\u00fcrpfosten meist sehr schlafbed\u00fcrftig lehnte. Aber fast alle Unzufriedenheit mit dem Reiten h\u00f6rte auf, wenn Mak kam. Der lange Mann wurde weggeschickt und bald h\u00f6rte man in dem noch immer halbdunklen Saal nichts anderes, als die Hufe der gallopierenden Pferde und man sah kaum etwas anderes als Maks erhobenen Arm, mit dem er Karl ein Kommando gab. Nach einer halben Stunde solchen wie Schlaf vergehenden Vergn\u00fcgens, wurde Halt gemacht, Mak war in gro\u00dfer Eile, verabschiedete sich von Karl, klopfte ihm manchmal auf die Wange, wenn er mit seinem Reiten besonders zufrieden gewesen war und verschwand, ohne vor gro\u00dfer Eile mit Karl auch nur gemeinsam durch die T\u00fcr herauszugehn. Karl nahm dann den Professor mit ins Automobil und sie fuhren zu ihrer Englischstunde meist auf Umwegen, denn bei der Fahrt durch das Gedr\u00e4nge der gro\u00dfen Stra\u00dfe, die eigentlich direkt von dem Hause des Onkels zur Reitschule f\u00fchrte, w\u00e4re zuviel Zeit verloren gegangen. Im \u00fcbrigen h\u00f6rte wenigstens diese Begleitung des Englischprofessors bald auf, denn Karl der sich Vorw\u00fcrfe machte, den m\u00fcden Mann nutzlos in die Reitschule zu bem\u00fchn, zumal die englische Verst\u00e4ndigung mit Mak eine sehr einfache war, bat den Onkel den Professor von dieser Pflicht zu entheben. Nach einiger \u00dcberlegung gab der Onkel dieser Bitte auch nach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig lange dauerte es, ehe sich der Onkel entschlo\u00df, Karl auch nur einen kleinen Einblick in sein Gesch\u00e4ft zu erlauben, trotzdem Karl \u00f6fters darum ersucht hatte. Es war eine Art Kommissions- und Speditionsgesch\u00e4ftes, wie sie, soweit sich Karl erinnern konnte, in Europa vielleicht gar nicht zu finden war. Das Gesch\u00e4ft bestand n\u00e4mlich in einem Zwischenhandel, der aber die Waren nicht etwa von den Producenten zu den Konsumenten oder vielleicht zu den H\u00e4ndlern vermittelte, sondern welcher die Vermittlung aller Waren und Urprodukte f\u00fcr die gro\u00dfen Fabrikskartelle und zwischen ihnen besorgte. Es war daher ein Gesch\u00e4ft, welches in einem K\u00e4ufe, Lagerungen, Transporte und Verk\u00e4ufe riesenhaften Umfangs umfa\u00dfte und ganz genaue unaufh\u00f6rliche telephonische und telegraphische Verbindungen mit den Klienten unterhalten mu\u00dfte. Der Saal der Telegraphen war nicht kleiner, sondern gr\u00f6\u00dfer als das Telegraphenamt der Vaterstadt, durch das Karl einmal an der Hand eines dort bekannten Mitsch\u00fclers gegangen war. Im Saal der Telephone giengen wohin man schaute die T\u00fcren der Telephonzellen auf und zu und das L\u00e4uten war sinnverwirrend. Der Onkel \u00f6ffnete die n\u00e4chste dieser T\u00fcren und man sah dort im spr\u00fchenden elektrischen Licht einen Angestellten gleichg\u00fcltig gegen jedes Ger\u00e4usch der T\u00fcre, den Kopf eingespannt in ein Stahlband, das ihm die H\u00f6rmuscheln an die Ohren dr\u00fcckte. Der rechte Arm lag auf einem Tischchen, als w\u00e4re er besonders schwer und nur die Finger, welche den Bleistift hielten, zuckten unmenschlich gleichm\u00e4\u00dfig und rasch. In den Worten, die er in den Sprechtrichter sagte, war er sehr sparsam und oft sah man sogar, da\u00df er vielleicht gegen den Sprecher etwas einzuwenden hatte, ihn etwas genauer fragen wollte, aber gewisse Worte, die er h\u00f6rte zwangen ihn, ehe er seine Absicht ausf\u00fchren konnte, die Augen zu senken und zu schreiben. Er mu\u00dfte auch nicht reden, wie der Onkel Karl leise erkl\u00e4rte, denn die gleichen Meldungen, wie sie dieser Mann aufnahm, wurden noch von zwei andern Angestellten gleichzeitig aufgenommen und dann verglichen, so da\u00df Irrt\u00fcmer m\u00f6glichst ausgeschlossen waren. In dem gleichen Augenblick als der Onkel und Karl aus der T\u00fcr getreten waren, schl\u00fcpfte ein Praktikant hinein und kam mit dem inzwischen beschriebenen Papier heraus. Mitten durch den Saal war ein best\u00e4ndiger Verkehr von hin und her gejagten Leuten. Keiner gr\u00fc\u00dfte, das Gr\u00fc\u00dfen war abgeschafft, jeder schlo\u00df sich den Schritten des ihm vorhergehenden an und sah auf den Boden auf dem er m\u00f6glichst rasch vorw\u00e4rtskommen wollte oder fieng mit den Blicken wohl nur einzelne Worte oder Zahlen von Papieren ab, die er in der Hand hielt und die bei seinem Laufschritt flatterten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du hast es wirklich weit gebracht&#8221;, sagte Karl einmal auf einem dieser G\u00e4nge durch den Betrieb, auf dessen Durchsicht man viele Tage verwenden mu\u00dfte, selbst wenn man jede Abteilung gerade nur gesehen haben wollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Und alles habe ich vor drei\u00dfig Jahren selbst eingerichtet, mu\u00dft Du wissen. Ich hatte damals im Hafenviertel ein kleines Gesch\u00e4ft und wenn dort im Tag f\u00fcnf Kisten abgeladen waren, so war es viel und ich gieng aufgeblasen nachhause. Heute habe ich die drittgr\u00f6\u00dften Lagerh\u00e4user im Hafen und jener Laden ist das E\u00dfzimmer und die Ger\u00e4tkammer der f\u00fcnfundsechzigsten Gruppe meiner Packtr\u00e4ger. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das grenzt ja ans Wunderbare&#8221;, sagte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Alle Entwicklungen gehn hier so schnell vor sich&#8221;, sagte der Onkel das Gespr\u00e4ch abbrechend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eines Tages kam der Onkel knapp vor der Zeit des Essens, das Karl wie gew\u00f6hnlich allein einzunehmen gedachte und forderte ihn auf, sich gleich schwarz anzuziehn und mit ihm zum Essen zu kommen, an welchem zwei Gesch\u00e4ftsfreunde teilnehmen w\u00fcrden. W\u00e4hrend Karl sich im Nebenzimmer umkleidete, setzte sich der Onkel zum Schreibtisch und sah die gerade beendete Englischaufgabe durch, schlug mit der Hand auf den Tisch und rief laut: &#8220;Wirklich ausgezeichnet! &#8221; Zweifellos gelang das Anziehen besser, als Karl dieses Lob h\u00f6rte, aber er war auch wirklich seines Englischen schon ziemlich sicher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Speisezimmer des Onkels, das er vom ersten Abend seiner Ankunft noch in Erinnerung hatte, erhoben sich zwei gro\u00dfe dicke Herren zur Begr\u00fc\u00dfung, ein gewisser Green der eine, ein gewisser Pollunder der zweite, wie sich w\u00e4hrend des Tischgespr\u00e4ches herausstellte. Der Onkel pflegte n\u00e4mlich kaum ein fl\u00fcchtiges Wort \u00fcber irgendwelche Bekannten auszusprechen und \u00fcberlie\u00df es immer Karl durch eigene Beobachtung das Notwendige oder Interessante herauszufinden. Nachdem w\u00e4hrend des eigentlichen Essens nur intime gesch\u00e4ftliche Angelegenheiten besprochen worden waren, was f\u00fcr Karl eine gute Lektion hinsichtlich kaufm\u00e4nnischer Ausdr\u00fccke bedeutete, und man Karl still mit seinem Essen sich hatte besch\u00e4ftigen lassen, als sei er ein Kind, das sich vor allem ordentlich sattessen m\u00fcsse, beugte sich Herr Green zu Karl hin und fragte in dem unverkennbaren Bestreben ein m\u00f6glichst deutliches Englisch zu sprechen, im allgemeinen nach Karls ersten amerikanischen Eindr\u00fccken. Karl antwortete unter einer Sterbensstille ringsherum mit einigen Seitenblicken auf den Onkel ziemlich ausf\u00fchrlich und suchte sich zum Dank durch eine etwas newyorkisch gef\u00e4rbte Redeweise angenehm zu machen. Bei einem Ausdruck lachten sogar alle drei Herren durcheinander und Karl f\u00fcrchtete schon einen groben Fehler gemacht zu haben, jedoch nein, er hatte wie ihm Herr Pollunder erkl\u00e4rte, sogar etwas sehr Gelungenes gesagt. Dieser Herr Pollunder schien \u00fcberhaupt an Karl ein besonderes Gefallen zu finden und w\u00e4hrend der Onkel und Herr Green wieder zu den gesch\u00e4ftlichen Besprechungen zur\u00fcckkehrten, lie\u00df Herr Pollunder Karl seinen Sessel nahe zu sich hin schieben, fragte ihn zuerst vielerlei \u00fcber seinen Namen, seine Herkunft und seine Reise aus, bis er dann schlie\u00dflich um Karl wieder ausruhn zu lassen, lachend, hustend und eilig selbst von sich und seiner Tochter erz\u00e4hlte, mit der er auf einem kleinen Landgut in der N\u00e4he von Newyork wohnte, wo er aber allerdings nur die Abende verbringen konnte, denn er war Bankier und sein Beruf hielt ihn in Newyork den ganzen Tag. Karl wurde auch gleich herzlichst eingeladen, auf dieses Landgut herauszukommen, ein so frischgebackener Amerikaner wie Karl habe ja auch sicher das Bed\u00fcrfnis sich von Newyork manchmal zu erholen. Karl bat den Onkel sofort um die Erlaubnis, diese Einladung annehmen zu d\u00fcrfen und der Onkel gab auch scheinbar freudig diese Erlaubnis, ohne aber ein bestimmtes Datum zu nennen oder auch nur in Erw\u00e4gung ziehen zu lassen, wie es Karl und Herr Pollunder erwartet hatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber schon am n\u00e4chsten Tag wurde Karl in ein Bureau des Onkels beordert \u2013 der Onkel hatte zehn verschiedene Bureaux allein in diesem Hause \u2013 wo er den Onkel und Herrn Pollunder beide ziemlich einsilbig in den Fauteuils liegend antraf. &#8220;Herr Pollunder&#8221;, sagte der Onkel, er war in der Abendd\u00e4mmerung des Zimmers kaum zu erkennen, &#8220;Herr Pollunder ist gekommen, um Dich auf sein Landgut mitzunehmen, wie wir es gestern besprochen haben. &#8221; &#8220;Ich wu\u00dfte nicht da\u00df es schon heute sein sollte&#8221;, antwortete Karl, &#8220;sonst w\u00e4re ich schon vorbereitet.&#8221; &#8220;Wenn Du nicht vorbereitet bist, dann verschieben wir vielleicht den Besuch besser f\u00fcr n\u00e4chstens&#8221;, meinte der Onkel. &#8220;Was f\u00fcr Vorbereitungen!&#8221; rief Herr Pollunder. &#8220;Ein junger Mann ist immer vorbereitet. &#8221; &#8220;Es ist nicht seinetwegen&#8221;, sagte der Onkel zu seinem Gaste gewendet, &#8220;aber er m\u00fc\u00dfte immerhin noch in sein Zimmer hinaufgehn und Sie w\u00e4ren aufgehalten.&#8221; &#8220;Es ist auch dazu reichlich Zeit&#8221;, sagte Herr Pollunder, &#8220;ich habe auch eine Verz\u00f6gerung vorbedacht und fr\u00fcher Gesch\u00e4ftsschlu\u00df gemacht.&#8221; &#8220;Du siehst&#8221;, sagte der Onkel, &#8220;was f\u00fcr Unannehmlichkeiten Dein Besuch schon jetzt veranla\u00dft. &#8221; &#8220;Es tut mir leid&#8221;, sagte Karl, &#8220;aber ich werde gleich wieder da sein&#8221;, und wollte schon wegspringen. &#8220;\u00dcbereilen Sie sich nicht&#8221;, sagte Herr Pollunder. &#8220;Sie machen mir nicht die geringsten Unannehmlichkeiten, dagegen macht mir Ihr Besuch eine reine Freude.&#8221; &#8220;Du vers\u00e4umst morgen Deine Reitstunde, hast Du sie schon abgesagt&#8221; &#8220;Nein&#8221;, sagte Karl, dieser Besuch, auf den er sich gefreut hatte, fieng an eine Last zu werden, &#8220;ich wu\u00dfte ja nicht \u2013 &#8220;. &#8220;Und trotzdem willst Du wegfahrend&#8221; fragte der Onkel weiter. Herr Pollunder, dieser freundliche Mensch kam zur Hilfe. &#8220;Wir werden auf der Fahrt bei der Reitschule halten und die Sache in Ordnung bringen. &#8221; &#8220;Das l\u00e4\u00dft sich h\u00f6ren&#8221;, sagte der Onkel. &#8220;Aber Mak wird Dich doch erwarten. &#8221; &#8220;Erwarten wird er mich nicht&#8221;, sagte Karl, &#8220;aber er wird allerdings hinkommen. &#8221; &#8220;Nun also?&#8221; sagte der Onkel, als w\u00e4re Karls Antwort nicht die geringste Rechtfertigung gewesen. Wieder sagte Herr Pollunder das Entscheidende: &#8220;Aber Klara&#8221; \u2013 sie war Herrn Pollunders Tochter \u2013 &#8220;erwartet ihn auch und schon heute abend und sie hat wohl den Vorzug vor Mak?&#8221; &#8220;Allerdings&#8221;, sagte der Onkel. &#8220;Also lauf schon in Dein Zimmer&#8221;, und er schlug mehrmals wie ohne Willen gegen die Armlehne des Fauteuils. Karl war schon bei der T\u00fcr, als ihn der Onkel noch mit der Frage zur\u00fcckhielt: &#8220;Zur Englischstunde bist Du doch wohl morgen fr\u00fch wieder hier? &#8221; &#8220;Aber! &#8221; rief Herr Pollunder und drehte sich, soweit es seine Dicke erlaubte, in seinem Fauteuil vor Erstaunen. &#8220;Ja darf er denn nicht wenigstens den morgigen Tag drau\u00dfen bleiben? Ich br\u00e4chte ihn dann \u00fcbermorgen fr\u00fch wieder zur\u00fcck. &#8221; &#8220;Das geht auf keinen Fall&#8221;, erwiderte der Onkel. &#8220;Ich kann sein Studium nicht so in Unordnung kommen lassen. Sp\u00e4ter bis er in einem an und f\u00fcr sich geregelten Berufsleben sein wird, werde ich ihm sehr gern auch f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit erlauben, einer so freundlichen und ehrenden Einladung zu folgen. &#8221; &#8220;Was das f\u00fcr Widerspr\u00fcche sind! &#8221; dachte Karl. Herr Pollunder war traurig geworden. &#8220;F\u00fcr einen Abend und eine Nacht steht es aber wirklich fast nicht daf\u00fcr. &#8221; &#8220;Das war auch meine Meinung&#8221;, sagte der Onkel. &#8220;Man mu\u00df nehmen was man bekommt&#8221;, sagte Herr Pollunder und lachte schon wieder. &#8220;Also ich warte&#8221;, rief er Karl zu, welcher, da der Onkel nichts mehr sagte, davoneilte. Als er bald reisefertig zur\u00fcckkehrte, traf er im Bureau nur noch Herrn Pollunder, der Onkel war fortgegangen. Herr Pollunder sch\u00fcttelte Karl ganz gl\u00fccklich beide H\u00e4nde, als wolle er sich so stark als m\u00f6glich dessen vergewissern, da\u00df Karl nun doch mitfahre. Karl war noch ganz erhitzt von der Eile und sch\u00fcttelte auch seinerseits Herrn Pollunders H\u00e4nde, er freute sich, den Ausflug machen zu k\u00f6nnen. &#8220;Hat sich der Onkel nicht dar\u00fcber ge\u00e4rgert, da\u00df ich fahre?&#8221; &#8220;Aber nein! Das hat er ja alles nicht so ernst gemeint. Ihre Erziehung liegt ihm eben am Herzen. &#8221; &#8220;Hat er es Ihnen selbst gesagt, da\u00df er das fr\u00fchere nicht so ernst gemeint hat?&#8221; &#8220;0 ja&#8221;, sagte Herr Pollunder gedehnt und bewies damit, da\u00df er nicht l\u00fcgen konnte. &#8220;Es ist merkw\u00fcrdig wie ungern er mir die Erlaubnis gegeben hat, Sie zu besuchen, trotzdem Sie doch sein Freund sind. &#8221; Auch Herr Pollunder konnte, trotzdem er dies nicht offen eingestand, keine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr finden und beide dachten, als sie in Herrn Pollunders Automobil durch den warmen Abend fuhren, noch lange dar\u00fcber nach, trotzdem sie gleich von andern Dingen sprachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sa\u00dfen eng beieinander und Herr Pollunder hielt Karls Hand in der seinen, w\u00e4hrend er erz\u00e4hlte. Karl wollte vieles \u00fcber das Fr\u00e4ulein Klara h\u00f6ren, als sei er ungeduldig \u00fcber die lange Fahrt und k\u00f6nne mit Hilfe der Erz\u00e4hlungen fr\u00fcher ankommen als in Wirklichkeit. Trotzdem er am Abend noch niemals durch die Newyorker Stra\u00dfen gefahren war, und \u00fcber Trottoir und Fahrbahn, alle Augenblicke die Richtung wechselnd wie in einem Wirbelwind, der L\u00e4rm jagte, nicht wie von Menschen verursacht sondern wie ein fremdes Element, k\u00fcmmerte sich Karl, w\u00e4hrend er Herrn Pollunders Worte genau aufzunehmen suchte, um nichts anderes als um Herrn Pollunders dunkle Weste, \u00fcber die quer eine goldene Kette ruhig hieng. Aus den Stra\u00dfen, wo das Publikum in gro\u00dfer unverh\u00fcllter Furcht vor Versp\u00e4tung im fliegenden Schritt und in Fahrzeugen, die zu m\u00f6glichster Eile gebracht waren, zu den Teatern dr\u00e4ngte, kamen sie durch \u00dcbergangsbezirke in die Vorst\u00e4dte, wo ihr Automobil durch Polizeileute zu Pferd immer wieder in Seitenstra\u00dfen gewiesen wurde, da die gro\u00dfen Stra\u00dfen von den demonstrierenden Metallarbeitern, die im Streik standen besetzt waren, und nur der notwendigste Wagenverkehr an den Kreuzungsstellen gestattet werden konnte. Durchquerte dann das Automobil aus dunkleren, dumpfhallenden Gassen kommend, eine dieser ganzen Pl\u00e4tzen gleichenden Stra\u00dfen, dann erschienen nach beiden Seiten hin in Perspektiven, denen niemand bis zum Ende folgen konnte, die Trottoire angef\u00fcllt mit einer in winzigen Schritten sich bewegenden Masse, deren Gesang einheitlicher war, als der einer einzigen Menschenstimme. In der freigehaltenen Fahrbahn aber sah man hie und da einen Polizisten auf unbeweglichem Pferd oder Tr\u00e4ger von Fahnen oder beschriebenen \u00fcber die Stra\u00dfe gespannten T\u00fcchern oder einen von Mitarbeitern und Ordonanzen umgebenen Arbeiterf\u00fchrer oder einen Wagen der Elektrischen Stra\u00dfenbahn, der sich nicht rasch genug gefl\u00fcchtet hatte, und nun leer und dunkel dastand, w\u00e4hrend der F\u00fchrer und der Schaffner auf der Platform sa\u00dfen. Kleine Trupps von Neugierigen standen weit entfernt von den wirklichen Demonstranten und verlie\u00dfen ihre Pl\u00e4tze nicht trotzdem sie \u00fcber die eigentlichen Ereignisse im Unklaren blieben. Karl aber lehnte froh in dem Arm, den Herr Pollunder um ihn gelegt hatte, die \u00dcberzeugung, da\u00df er bald in einem beleuchteten, von Mauern umgebenen, von Hunden bewachten Landhause ein willkommener Gast sein werde, tat ihm \u00fcber alle Ma\u00dfen wohl, und wenn er auch wegen einer beginnenden Schl\u00e4frigkeit, nicht mehr alles was Herr Pollunder sagte fehlerlos oder wenigstens nicht ohne Unterbrechungen auffa\u00dfte, so raffte er sich doch von Zeit zu Zeit auf und wischte sich die Augen, um wieder f\u00fcr eine Weile festzustellen, ob Herr Pollunder seine Schl\u00e4frigkeit bemerke, denn das wollte er um jeden Preis vermieden wissen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Hause des Onkels gew\u00f6hnte sich Karl bald an die neuen Verh\u00e4ltnisse. Der Onkel kam ihm aber auch in jeder Kleinigkeit freundlich entgegen und niemals mu\u00dfte Karl sich erst durch schlechte Erfahrungen belehren lassen, wie dies meist das erste Leben im Ausland so verbittert. 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