{"id":251,"date":"2026-06-23T22:40:45","date_gmt":"2026-06-23T22:40:45","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?page_id=251"},"modified":"2026-06-23T22:42:52","modified_gmt":"2026-06-23T22:42:52","slug":"ein-landhaus-bei-new-york","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/der-verschollene\/ein-landhaus-bei-new-york\/","title":{"rendered":"III &#8211; Ein Landhaus bei New York"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wir sind angekommen&#8221;, sagte Herr Pollunder gerade in einem von Karls verlorenen Momenten. Das Automobil stand vor einem Landhaus, das, nach der Art von Landh\u00e4usern reicher Leute in der Umgebung Newyorks, umfangreicher und h\u00f6her war, als es sonst f\u00fcr ein Landhaus n\u00f6tig ist, das blo\u00df einer Familie dienen soll. Da nur der untere Teil des Hauses beleuchtet war, konnte man gar nicht bemessen, wie weit es in die H\u00f6he reichte. Vorne rauschten Kastanienb\u00e4ume, zwischen denen \u2013 das Gitter war schon ge\u00f6ffnet \u2013 ein kurzer Weg zur Freitreppe des Hauses f\u00fchrte. An seiner M\u00fcdigkeit beim Aussteigen glaubte Karl zu bemerken, da\u00df die Fahrt doch ziemlich lang gedauert hatte. Im Dunkel der Kastanienallee h\u00f6rte er eine M\u00e4dchenstimme neben sich sagen: &#8220;Da ist ja endlich der Herr Jakob. &#8221; &#8220;Ich hei\u00dfe Ro\u00dfmann&#8221;, sagte Karl und fa\u00dfte die ihm hingereichte Hand eines M\u00e4dchens, das er jetzt in Umrissen erkannte. &#8220;Er ist ja nur Jakobs Neffe&#8221;, sagte Herr Pollunder erkl\u00e4rend, &#8220;und hei\u00dft selbst Karl Ro\u00dfmann. &#8221; &#8220;Das \u00e4ndert nichts an unserer Freude, ihn hierzuhaben&#8221;, sagte das M\u00e4dchen, dem an Namen nicht viel lag. Trotzdem fragte Karl noch, w\u00e4hrend er zwischen Herrn Pollunder und dem M\u00e4dchen auf das Haus zuschritt: &#8220;Sie sind das Fr\u00e4ulein Klara?&#8221; &#8220;Ja&#8221;, sagte sie und schon fiel ein wenig unterscheidendes Licht vom Hause her auf ihr Gesicht, das sie ihm zuneigte, &#8220;ich wollte mich aber hier in der Finsternis nicht vorstellen. &#8221; Ja hat sie uns denn am Gitter erwartet? dachte Karl, der im Gehen allm\u00e4hlich aufwachte. &#8220;Wir haben \u00fcbrigens noch einen Gast heute abend&#8221;, sagte Klara. &#8220;Nicht m\u00f6glich! &#8221; rief Pollunder \u00e4rgerlich. &#8220;Herrn Green&#8221;, sagte Klara. &#8220;Wann ist er gekommen?&#8221; fragte Karl wie in einer Ahnung befangen. &#8220;Vor einem Augenblick. Habt Ihr denn sein Automobil nicht vor dem Eueren geh\u00f6rt?&#8221; Karl sah zu Pollunder auf, um zu erfahren, wie er die Sache beurteile, aber der hatte die H\u00e4nde in den Hosentaschen und stampfte blo\u00df etwas st\u00e4rker im Gehn. &#8220;Es n\u00fctzt nichts nur knapp au\u00dferhalb Newyorks zu wohnen, von St\u00f6rungen bleibt man nicht verschont. Wir werden unsern Wohnsitz unbedingt noch weiter verlegen m\u00fcssen. Und sollte ich die halbe Nacht durchfahren m\u00fcssen ehe ich nachhause komme. &#8221; Sie blieben an der Freitreppe stehn. &#8220;Aber Herr Green war doch schon sehr lange nicht hier&#8221;, sagte Klara, die offenbar mit ihrem Vater g\u00e4nzlich einverstanden war, ihn aber \u00fcber sich heraus beruhigen wollte. &#8220;Warum kommt er dann gerade heute abend&#8221;, sagte Pollunder und die Rede rollte schon w\u00fctend \u00fcber die wulstige Unterlippe, die als loses schweres Fleisch leicht in gro\u00dfe Bewegung kam. &#8220;Allerdings!&#8221; sagte Klara. &#8220;Vielleicht wird er bald wieder weggehn&#8221;, bemerkte Karl und staunte selbst \u00fcber das Einverst\u00e4ndnis, in welchem er sich mit diesen noch gestern ihm g\u00e4nzlich fremden Leuten befand. &#8220;Oh nein&#8221;, sagte Klara, &#8220;er hat irgend ein gro\u00dfes Gesch\u00e4ft f\u00fcr Papa, dessen Besprechung wahrscheinlich lange dauern wird, denn er hat mir schon im Spa\u00df gedroht, da\u00df ich wenn ich eine h\u00f6fliche Hauswirtin sein will, bis zum Morgen werde zuh\u00f6ren m\u00fcssen. &#8221; &#8220;Also auch das noch. Dann bleibt er \u00fcber Nacht&#8221;, rief Pollunder, als sei damit endlich das Schlimmste erreicht. &#8220;Ich h\u00e4tte wahrhaftig Lust&#8221;, sagte er und wurde freundlicher durch den neuen Gedanken, &#8220;ich h\u00e4tte wahrhaftig Lust, Sie Herr Ro\u00dfmann wieder ins Automobil zu nehmen und zu Ihrem Onkel zur\u00fcckzubringen. Der heutige Abend ist schon von vornherein gest\u00f6rt und wer wei\u00df wann Sie uns n\u00e4chstens Ihr Herr Onkel wieder \u00fcberl\u00e4\u00dft. Bringe ich Sie aber heute schon wieder zur\u00fcck, so wird er Sie uns n\u00e4chstens doch nicht verweigern k\u00f6nnen. &#8221; Und er fa\u00dfte Karl schon bei der Hand, um seinen Plan auszuf\u00fchren. Aber Karl r\u00fchrte sich nicht und Klara bat, ihn hierzulassen, denn zumindestens sie und Karl w\u00fcrden von Herrn Green nicht im geringsten gest\u00f6rt werden k\u00f6nnen und schlie\u00dflich merkte auch Pollunder, da\u00df selbst sein Entschlu\u00df nicht der festeste war. \u00dcberdies \u2013 und dies war vielleicht das Entscheidende \u2013 h\u00f6rte man pl\u00f6tzlich Herrn Green vom obersten Treppenaufsatz in den Garten hinunterrufen: &#8220;Wo bleibt ihr denn?&#8221; &#8220;Kommt&#8221;, sagte Pollunder und bog auf die Freitreppe ein. Hinter ihm giengen Karl und Klara, die einander jetzt im Licht studierten. &#8220;Die roten Lippen die sie hat&#8221;, sagte sich Karl und dachte an die Lippen des Herrn Pollunder und wie sch\u00f6n sie sich in der Tochter verwandelt hatten. &#8220;Nach dem Nachtmahl&#8221;, so sagte sie, &#8220;werden wir wenn es Ihnen recht ist gleich in meine Zimmer gehn, damit wir wenigstens diesen Herrn Green los sind, wenn schon Papa sich mit ihm besch\u00e4ftigen mu\u00df. Und Sie werden dann so freundlich sein mir Klavier vorzuspielen, denn Papa hat schon erz\u00e4hlt, wie gut Sie das treffen, ich aber bin leider ganz unf\u00e4hig Musik auszu\u00fcben und r\u00fchre mein Klavier nicht an, so sehr ich die Musik eigentlich liebe. &#8221; Mit dem Vorschlag Klaras war Karl ganz einverstanden, wenn er auch gern Herrn Pollunder mit in ihre Gesellschaft h\u00e4tte ziehen wollen. Vor der riesigen Gestalt Greens \u2013 an Pollunders Gr\u00f6\u00dfe hatte sich Karl eben schon gew\u00f6hnt \u2013 die sich vor ihnen, wie sie die Stufen hinaufstiegen, langsam entwickelte, wich allerdings von Karl jede Hoffnung, diesem Manne den Herrn Pollunder heute abend irgendwie zu entlocken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herr Green empfieng sie sehr eilig, als sei vieles einzuholen, nahm Herrn Pollunders Arm und schob Karl und Klara vor sich in das Speisezimmer, das besonders infolge der Blumen auf dem Tische, die sich aus Streifen frischen Laubes halb aufrichteten, sehr festlich aussah und doppelt die Anwesenheit des st\u00f6renden Herrn Green bedauern lie\u00df. Gerade freute sich noch Karl, der beim Tische wartete, bis die andern sich setzten, da\u00df die gro\u00dfe Glast\u00fcre zum Garten hin offen bleiben w\u00fcrde, denn ein starker Duft wehte herein wie in eine Gartenlaube, da machte sich gerade Herr Green unter Schnaufen daran, diese Glast\u00fcre zuzumachen, b\u00fcckte sich nach den untersten Riegeln, streckte sich nach den obersten und alles so jugendlich rasch, da\u00df der herbeieilende Diener nichts mehr zu tun fand. Die ersten Worte des Herrn Green bei Tische waren Ausdr\u00fccke des Staunens dar\u00fcber, da\u00df Karl die Erlaubnis des Onkels zu diesem Besuche bekommen hatte. Einen gef\u00fcllten Suppenl\u00f6ffel nach dem andern hob er zum Mund und erkl\u00e4rte rechts zu Klara, links zu Herrn Pollunder warum er so staune und wie der Onkel \u00fcber Karl wache und wie die Liebe des Onkels zu Karl zu gro\u00df sei, als da\u00df man sie noch die Liebe eines Onkels nennen k\u00f6nne. &#8220;Nicht genug, da\u00df er sich hier unn\u00f6tig einmischt, mischt er sich noch gleichzeitig zwischen mich und den Onkel ein&#8221;, dachte Karl und konnte keinen Schluck der goldfarbigen Suppe hinunterbringen. Dann wollte er sich aber wieder nicht anmerken lassen, wie gest\u00f6rt er sich f\u00fchlte und begann die Suppe stumm in sich hineinzusch\u00fctten. Das Essen vergieng langsam wie eine Plage. Nur Herr Green und h\u00f6chstens noch Klara waren lebhaft und fanden mitunter Gelegenheit zu einem kurzen Lachen. Herr Pollunder verfieng sich nur einigemal in die Unterhaltung, wenn Herr Green von Gesch\u00e4ften zu sprechen anfieng. Doch zog er sich auch von solchen Gespr\u00e4chen bald zur\u00fcck und Herr Green mu\u00dfte ihn nach einiger Zeit wieder unvermutet damit \u00fcberraschen. Er legte \u00fcbrigens Gewicht darauf \u2013 und da war es,. da\u00df Karl, der aufhorchte, als drohe etwas, von Klara darauf aufmerksam gemacht werden mu\u00dfte, da\u00df der Braten vor ihm stand und er bei einem Abendessen war \u2013 da\u00df er von vornherein nicht die Absicht gehabt habe, diesen unerwarteten Besuch zu machen. Denn wenn auch das Gesch\u00e4ft, von dem noch gesprochen werden solle, von besonderer Dringlichkeit sei, so h\u00e4tte wenigstens das Wichtigste heute in der Stadt verhandelt und das Nebens\u00e4chlichere f\u00fcr morgen oder sp\u00e4ter aufgespart werden k\u00f6nnen. Und so sei er auch tats\u00e4chlich noch lange vor Gesch\u00e4ftsschlu\u00df bei Herrn Pollunder gewesen, habe ihn aber nicht angetroffen, so da\u00df er gezwungen gewesen sei, nachhause zu telephonieren, da\u00df er \u00fcber Nacht ausbleibe, und heraus zu fahren. &#8220;Dann mu\u00df ich um Entschuldigung bitten&#8221;, sagte Karl laut und ehe jemand Zeit zur Antwort hatte, &#8220;denn ich bin daran schuld, da\u00df Herr Pollunder sein Gesch\u00e4ft heute fr\u00fcher verlie\u00df und es tut mir sehr leid. &#8221; Herr Pollunder bedeckte den gr\u00f6\u00dfern Teil seines Gesichtes mit der Serviette, w\u00e4hrend Klara Karl zwar anl\u00e4chelte, doch war es kein teilnehmendes L\u00e4cheln sondern eines, das ihn irgendwie beeinflussen sollte. &#8220;Da braucht es keine Entschuldigung&#8221;, sagte Herr Green der gerade eine Taube mit scharfen Schnitten zerlegte, &#8220;ganz im Gegenteil, ich bin ja froh, den Abend in so angenehmer Gesellschaft zu verbringen, statt das Nachtmahl allein zuhause einzunehmen, wo mich meine alte Wirtschafterin bedient, die so alt ist, da\u00df ihr schon der Weg von der T\u00fcr zu meinen Tisch schwer f\u00e4llt und ich mich f\u00fcr lange in meinem Sessel zur\u00fccklehnen kann, wenn ich sie auf diesem Gang beobachten will. Erst vor Kurzem habe ich durchgesetzt, da\u00df der Diener die Speisen bis zur T\u00fcr des Speisezimmers bringt, der Weg aber von der T\u00fcr zu meinem Tisch geh\u00f6rt ihr, soweit ich sie verstehe.&#8221; &#8220;Mein Gott&#8221;, rief Klara, &#8220;ist das eine Treue!&#8221; &#8220;Ja es giebt noch Treue auf der Welt&#8221;, sagte Herr Green und f\u00fchrte einen Bissen in den Mund, wo die Zunge, wie Karl zuf\u00e4llig bemerkte, mit einem Schwunge die Speise ergriff. Ihm wurde fast \u00fcbel und er stand auf. Fast gleichzeitig griffen Herr Pollunder und Klara nach seinen H\u00e4nden. &#8220;Sie m\u00fcssen noch sitzen bleiben&#8221;, sagte Klara. Und als er sich wieder gesetzt hatte, fl\u00fcsterte sie ihm zu: &#8220;Wir werden bald zusammen verschwinden. Haben Sie Geduld. &#8221; Herr Green hatte sich inzwischen ruhig mit seinem Essen besch\u00e4ftigt, als sei es Herrn Pollunders und Klaras nat\u00fcrliche Aufgabe, Karl zu beruhigen, wenn er ihm \u00dcbelkeiten verursachte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Essen zog sich besonders durch die Genauigkeit in die L\u00e4nge, mit der Herr Green jeden Gang behandelte, wenn er auch immer bereit war, jeden neuen Gang ohne Erm\u00fcdung zu empfangen, es bekam wirklich den Anschein, als wolle er sich von seiner alten Wirtschafterin gr\u00fcndlich erholen. Hin und wieder lobte er Fr\u00e4ulein Klaras Kunst in der F\u00fchrung des Hauswesens, was ihr sichtlich schmeichelte, w\u00e4hrend Karl versucht war ihn abzuwehren, als greife er sie an. Aber Herr Green begn\u00fcgte sich nicht einmal mit ihr, sondern bedauerte \u00f6fters, ohne vom Teller aufzusehn, die auffallende Appetitlosigkeit Karls. Herr Pollunder nahm Karls Appetit in Schutz, trotzdem er als Gastgeber Karl auch zum Essen h\u00e4tte aufmuntern sollen. Und tats\u00e4chlich f\u00fchlte sich Karl durch den Zwang, unter dem er w\u00e4hrend des ganzen Nachtmahls litt, so empfindlich, da\u00df er gegen die eigene bessere Einsicht diese \u00c4u\u00dferung Herrn Pollunders als Unfreundlichkeit auslegte. Und es entsprach nur diesem seinem Zustand, da\u00df er einmal ganz unpassend rasch und viel a\u00df und dann wieder f\u00fcr lange Zeit m\u00fcde Gabel und Messer sinken lie\u00df und der unbeweglichste der Gesellschaft war, mit dem der Diener, der die Speisen reichte, oft nichts anzufangen wu\u00dfte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich werde schon morgen dem Herrn Senator erz\u00e4hlen, wie Sie das Fr\u00e4ulein Klara durch Ihr Nichtessen gekr\u00e4nkt haben&#8221;, sagte Herr Green und beschr\u00e4nkte sich darauf, die spa\u00dfige Absicht dieser Worte durch die Art, wie er mit dem Besteck hantierte auszudr\u00fccken. &#8220;Sehen Sie nur das M\u00e4dchen an, wie traurig es ist&#8221;, fuhr er fort und griff Klara unters Kinn. Sie lie\u00df es geschehn und schlo\u00df die Augen. &#8220;Du Dingsehen&#8221;, rief er, lehnte sich zur\u00fcck und lachte hochrot im Gesicht mit der Kraft des Ges\u00e4ttigten. Vergebens suchte sich Karl das Benehmen Herrn Pollunders zu erkl\u00e4ren. Der sa\u00df vor seinem Teller und sah in ihn, als geschehe dort das eigentlich Wichtige. Er zog Karls Sessel nicht n\u00e4her zu sich und wenn er einmal sprach so sprach er zu allen, aber zu Karl hatte er nichts besonderes zu reden. Dagegen duldete er, da\u00df Green, dieser alte ausgepichte Newyorker Junggeselle, mit deutlicher Absicht Klara ber\u00fchrte, da\u00df er Karl, Pollunders Gast, beleidigte oder wenigstens als Kind behandelte und wer wei\u00df zu welchen Taten sich st\u00e4rkte und vordrang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Aufhebung der Tafel \u2013 als Green die allgemeine Stimmung merkte, war er der erste der aufstand und gewisserma\u00dfen alle mit sich erhob \u2013 gieng Karl allein abseits zu einem der gro\u00dfen durch schmale wei\u00dfe Leisten geteilten Fenster, die zur Terasse f\u00fchrten und die eigentlich, wie er beim N\u00e4hertreten merkte, richtige T\u00fcren waren. Was war von der Abneigung \u00fcbrig geblieben, die Herr Pollunder und seine Tochter anfangs gegen\u00fcber Green gef\u00fchlt hatten und die damals Karl etwas unverst\u00e4ndlich vorgekommen war. Jetzt standen sie mit Green beisammen und nickten ihm zu. Der Rauch aus Herrn Greens Cigarre, einem Geschenk Pollunders, die von jener Dicke war, von der der Vater zuhause hie und da als von einer Tatsache zu erz\u00e4hlen pflegte, die er wahrscheinlich selbst mit eigenen Augen niemals gesehen hatte, verbreitete sich in dem Saal und trug Greens Einflu\u00df auch in Winkel und Nischen, die er pers\u00f6nlich niemals betreten w\u00fcrde. Soweit entfernt Karl auch stand, noch er sp\u00fcrte von dem Rauch einen Kitzel in der Nase und das Benehmen Herrn Greens, nach welchem er sich von seinem Platz aus nur einmal schnell umsah, erschien ihm infam. Jetzt hielt er es gar nicht mehr f\u00fcr ausgeschlossen, da\u00df ihm der Onkel die Erlaubnis zu diesem Besuch nur deshalb so lange verweigert hatte, weil er den schwachen Charakter Herrn Pollunders kannte und infolgedessen eine Kr\u00e4nkung Karls bei diesem Besuch wenn auch nicht genau voraussah, so doch im Bereich der M\u00f6glichkeit erblickte. Auch das amerikanische M\u00e4dchen gefiel ihm nicht, trotzdem er sich sie durchaus nicht etwa viel sch\u00f6ner vorgestellt hatte. Seitdem sich Herr Green mit ihr abgegeben hatte, war er sogar \u00fcberrascht von der Sch\u00f6nheit, deren ihr Gesicht f\u00e4hig war, und besonders von dem Glanz ihrer unb\u00e4ndig bewegten Augen. Einen Rock, der so fest wie der ihre den K\u00f6rper umschlossen h\u00e4tte, hatte er noch niemals gesehn, kleine Falten in dem gelblichen, zarten und festen Stoff zeigten die St\u00e4rke der Spannung. Und doch lag Karl gar nichts an ihr und er h\u00e4tte gern darauf verzichtet, auf ihre Zimmer gef\u00fchrt zu werden, wenn er statt dessen die T\u00fcr auf deren Klinke er f\u00fcr jeden Fall die H\u00e4nde gelegt hatte, h\u00e4tte \u00f6ffnen, ins Automobil steigen oder wenn der Chauffeur schon schlief, nach Newyork allein h\u00e4tte spazieren d\u00fcrfen. Die klare Nacht mit dem ihm zugeneigten vollen Mond stand frei f\u00fcr jedermann und drau\u00dfen im Freien vielleicht Furcht zu haben, schien Karl sinnlos. Er stellte sich vor \u2013 und zum erstenmal wurde ihm in diesem Saale wohl \u2013 wie er am Morgen \u2013 fr\u00fcher d\u00fcrfte er kaum zufu\u00df nachhause kommen \u2013 den Onkel \u00fcberraschen wollte. Er war zwar noch niemals in seinem Schlafzimmer gewesen, wu\u00dfte auch gar nicht, wo es lag, aber er wollte es schon erfragen. Dann wollte er anklopfen und auf das f\u00f6rmliche &#8220;Herein! &#8221; ins Zimmer laufen und den lieben Onkel, den er bisher immer nur bis hoch hinauf angezogen und zugekn\u00f6pft kannte, aufrecht im Bette sitzend, die Augen erstaunt zur T\u00fcr gerichtet, im Nachthemd \u00fcberraschen. Das war ja an und f\u00fcr sich vielleicht noch nicht viel, aber man mu\u00dfte nur ausdenken, was das zur Folge haben konnte! Vielleicht w\u00fcrde er zum erstenmal gemeinsam mit seinem Onkel fr\u00fchst\u00fccken, der Onkel im Bett, er auf einem Sessel, das Fr\u00fchst\u00fcck auf einem Tischchen zwischen ihnen, vielleicht w\u00fcrde dieses gemeinsame Fr\u00fchst\u00fcck zu einer st\u00e4ndigen Einrichtung werden, vielleicht w\u00fcrden sie in Folge dieser Art Fr\u00fchst\u00fcck, was sogar kaum zu vermeiden war, \u00f6fters als wie bisher blo\u00df einmal w\u00e4hrend des Tages \u2018 zusammenkommen und dann nat\u00fcrlich auch offener mit einander reden k\u00f6nnen. Es lag ja schlie\u00dflich nur an dem Mangel dieser offenen Aussprache, wenn er heute dem Onkel gegen\u00fcber etwas unfolgsam oder besser starrk\u00f6pfig gewesen war. Und wenn er auch heute \u00fcber Nacht hierbleiben mu\u00dfte \u2013 es sah leider ganz darnach aus, trotzdem man ihn hier beim Fenster stehn und auf eigene Faust sich unterhalten lie\u00df \u2013 vielleicht wurde dieser ungl\u00fcckliche Besuch der Wendepunkt zum Bessern in dem Verh\u00e4ltnis zum Onkel, vielleicht hatte der Onkel in seinem Schlafzimmer heute abend \u00e4hnliche Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein wenig getr\u00f6stet wendete er sich um. Klara stand vor ihm und sagte: &#8221; Gef\u00e4llt es Ihnen denn gar nicht bei uns? Wollen Sie sich hier nicht ein wenig heimisch f\u00fchlende Kommen Sie, ich will den letzten Versuch machen. &#8221; Sie f\u00fchrte ihn quer durch den Saal zur T\u00fcre. An einem Seitentisch sa\u00dfen die beiden Herren bei leicht sch\u00e4umenden, in hohe Gl\u00e4ser gef\u00fcllten Getr\u00e4nken, die Karl unbekannt waren und die er zu verkosten Lust gehabt h\u00e4tte. Herr Green hatte einen Elbogen auf dem Tisch und sein ganzes Gesicht Herrn Pollunder m\u00f6glichst nahe ger\u00fcckt; wenn man Herrn Pollunder nicht gekannt h\u00e4tte, h\u00e4tte man ganz gut annehmen k\u00f6nnen, es werde hier etwas Verbrecherisches besprochen und kein Gesch\u00e4ft. W\u00e4hrend Herr Pollunder mit freundlichem Blick Karl zur T\u00fcre folgte, sah sich Green, trotzdem man doch schon unwillk\u00fcrlich sich den Blicken seines Gegen\u00fcbers anzuschlie\u00dfen pflegt, auch nicht im geringsten nach Karl um, welchem in diesem Benehmen der Ausdruck einer Art \u00dcberzeugung Greens zu liegen schien, jeder, Karl f\u00fcr sich, und Green f\u00fcr sich solle hier mit seinen F\u00e4higkeiten auszukommen versuchen, die notwendige gesellschaftliche Verbindung zwischen ihnen werde sich schon mit der Zeit durch den Sieg oder die Vernichtung eines von beiden herstellen. &#8220;Wenn er das meint&#8221;, sagte sich Karl, &#8220;dann ist er ein Narr. Ich will wahrhaftig nichts von ihm und er soll mich auch in Ruhe lassen. &#8221; Kaum war er auf den Gang getreten, fiel ihm ein, da\u00df er sich wahrscheinlich unh\u00f6flich benommen hatte, denn mit seinen auf Green gehefteten Augen hatte er sich von Klara aus dem Zimmer fast schleppen lassen. Desto williger gieng er jetzt neben ihr her. Auf dem Wege durch die G\u00e4nge traute er zuerst seinen Augen nicht, als er alle zwanzig Schritte einen reich livrierten Diener mit einem Armleuchter stehen sah, dessen dicken Schaft jener mit beiden H\u00e4nden umschlossen hielt. &#8220;Die neue elektrische Leitung ist bisher nur im Speisezimmer eingef\u00fchrt&#8221;, erkl\u00e4rte Klara. &#8220;Wir haben dieses Haus erst vor kurzem gekauft und es g\u00e4nzlich umbauen lassen, soweit sich ein altes Haus mit seiner eigensinnigen Bauart \u00fcberhaupt umbauen l\u00e4\u00dft. &#8221; &#8220;Da gibt es also auch schon in Amerika alte H\u00e4user&#8221;, sagte Karl. &#8220;Nat\u00fcrlich&#8221;, sagte Klara lachend und zog ihn weiter. &#8220;Sie haben merkw\u00fcrdige Begriffe von Amerika. &#8221; &#8220;Sie sollen mich nicht auslachen&#8221;, sagte er \u00e4rgerlich. Schlie\u00dflich kannte er schon Europa und Amerika, sie aber nur Amerika.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Vor\u00fcbergehn stie\u00df Klara mit leicht ausgestreckter Hand eine T\u00fcr auf und sagte ohne anzuhalten: &#8220;Hier werden Sie schlafen. &#8221; Karl wollte nat\u00fcrlich das Zimmer sich gleich anschauen, aber Klara erkl\u00e4rte ungeduldig und fast schreiend, das habe doch Zeit und er solle nur vorher mitkommen. Sie zogen sich auf dem Gang ein wenig hin und her, schlie\u00dflich meinte Karl, er m\u00fcsse sich nicht in allem nach Klara richten, ri\u00df sich los und trat in das Zimmer. Ein \u00fcberraschendes Dunkel vor dem Fenster erkl\u00e4rte sich durch einen Baumwipfel, der sich dort in seinem vollen Umfang wiegte. Man h\u00f6rte V\u00f6gelgesang. Im Zimmer selbst, das vom Mondlicht noch nicht erreicht war, konnte man allerdings fast gar nichts unterscheiden. Karl bedauerte die elektrische Taschenlampe, die er vom Onkel geschenkt bekommen hatte, nicht mitgenommen zu haben. In diesem Hause war ja eine Taschenlampe unentbehrlich, h\u00e4tte man ein paar solcher Lampen gehabt, h\u00e4tte man die Diener schlafen schicken k\u00f6nnen. Er setzte sich aufs Fensterbrett und sah und horchte hinaus. Ein aufgest\u00f6rter Vogel schien sich durch das Laubwerk des alten Baumes zu dr\u00e4ngen. Die Pfeife eines Newyorker Vorortzuges erklang irgendwo im Land. Sonst war es still.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber nicht lange, denn Klara kam eilends herein. Sichtlich b\u00f6s rief sie: &#8220;Was soll denn das?&#8221; und klatschte auf ihren Rock. Karl wollte erst antworten, bis sie h\u00f6flicher war. Aber sie gieng mit gro\u00dfen Schritten auf ihn zu, rief: &#8220;Also wollen Sie mit mir kommen oder nicht?&#8221; und stie\u00df ihn mit Absicht oder blo\u00df in der Erregung derartig an die Brust, da\u00df er aus dem Fenster gest\u00fcrzt w\u00e4re, h\u00e4tte er nicht noch im letzten Augenblick vom Fensterbrett gleitend mit den F\u00fc\u00dfen den Zimmerboden ber\u00fchrt. &#8220;Jetzt w\u00e4re ich bald herausgefallen&#8221;, sagte er vorwurfsvoll. &#8220;Schade da\u00df es nicht geschehen ist. Warum sind Sie so unartig. Ich sto\u00dfe Sie noch einmal hinunter. &#8221; Und wirklich umfa\u00dfte sie ihn und trug ihn, der verbl\u00fcfft sich zuerst schwer zu machen verga\u00df, mit ihrem vom Sport gest\u00e4hlten K\u00f6rper fast bis zum Fenster. Aber dort besann er sich, machte sich mit einer Wendung der H\u00fcften los und umfa\u00dfte nun sie. &#8220;Ach Sie tun mir weh&#8221;, sagte sie gleich. Aber nun glaubte sie Karl nicht mehr loslassen zu d\u00fcrfen. Er lie\u00df ihr zwar Freiheit, Schritte nach Belieben zu machen, folgte ihr aber und lie\u00df sie nicht los. Es war auch so leicht sie in ihrem engen Kleid zu umfassen. &#8220;Lassen Sie mich&#8221;, fl\u00fcsterte sie, das erhitzte Gesicht eng an seinem, er mu\u00dfte sich anstrengen sie zu sehn, so nahe war sie ihm, &#8220;lassen Sie mich, ich werde Ihnen etwas Sch\u00f6nes geben.&#8221; &#8220;Warum seufzt sie so&#8221;, dachte Karl, &#8220;es kann ihr nicht wehtun, ich dr\u00fccke sie ja nicht&#8221;, und er lie\u00df sie noch nicht los. Aber pl\u00f6tzlich nach einem Augenblick unachtsamen schweigenden Dastehns f\u00fchlte er wieder ihre wachsende Kraft an seinem Leib und sie hatte sich ihm entwunden, fa\u00dfte ihn mit gut ausgen\u00fctztem Obergriff, wehrte seine Beine mit Fu\u00dfstellungen einer fremdartigen Kampftechnik ab und trieb ihn vor sich mit gro\u00dfartiger Regelm\u00e4\u00dfigkeit Athem holend gegen die Wand. Dort war aber ein Kanapee, auf das legte. sie Karl hin und sagte, ohne sich allzusehr zu ihm hinabzubeugen: &#8220;Jetzt r\u00fchr Dich wenn Du kannst. &#8221; &#8220;Katze, tolle Katze&#8221;, konnte Karl gerade noch aus dem Durcheinander von Wut und Scham rufen, in dem er sich befand. &#8220;Du bist ja wahnsinnig, Du tolle Katze.&#8221; &#8220;Gib acht auf Deine Worte&#8221;, sagte sie und lie\u00df die eine Hand zu seinem Halse gleiten, den sie so stark zu w\u00fcrgen anfieng, da\u00df Karl ganz unf\u00e4hig war, etwas anderes zu tun, als Luft zu schnappen, w\u00e4hrend sie mit der andern Hand an seine Wange fuhr, wie probeweise sie ber\u00fchrte, sie wieder undzwar immer weiter in die Luft zur\u00fcckzog und jeden Augenblick mit einer Ohrfeige niederfahren lassen konnte. &#8220;Wie w\u00e4re es&#8221;, fragte sie dabei, &#8220;wenn ich Dich zur Strafe f\u00fcr Dein Benehmen einer Dame gegen\u00fcber mit einer t\u00fcchtigen Ohrfeige nachhause schicken wollte. Vielleicht w\u00e4re es Dir n\u00fctzlich f\u00fcr Deinen k\u00fcnftigen Lebensweg, wenn es auch keine sch\u00f6ne Erinnerung abgeben w\u00fcrde. Du tust mir ja leid und bist ein ertr\u00e4glich h\u00fcbscher Junge und h\u00e4ttest Du Jiu-Jitsu gelernt, h\u00e4ttest Du wahrscheinlich mich durchgepr\u00fcgelt. Trotzdem, trotzdem \u2013 es verlockt mich geradezu riesig Dich zu ohrfeigen so wie Du jetzt daliegst. Ich werde es wahrscheinlich bedauern, wenn ich es aber tun sollte, so wisse schon jetzt, da\u00df ich es fast gegen meinen Willen tun werde. Und ich werde mich dann nat\u00fcrlich nicht mit einer Ohrfeige begn\u00fcgen, sondern rechts und links schlagen, bis Dir die Backen anschwellen. Und vielleicht bist Du ein Ehrenmann \u2013 ich m\u00f6chte es fast glauben \u2013 und wirst mit den Ohrfeigen nicht weiterleben wollen und Dich aus der Welt schaffen. Aber warum bist Du auch so gegen mich gewesen. Gefalle ich Dir vielleicht nicht? Lohnt es sich nicht auf mein Zimmer zu kommen? Achtung! jetzt h\u00e4tte ich Dir schon fast unversehens die Ohrfeige aufgepelzt. Wenn Du heute also noch so loskommen solltest, benimm Dich n\u00e4chstens feiner. Ich bin nicht Dein Onkel, mit dem Du trotzen kannst. Im \u00fcbrigen will ich Dich noch darauf aufmerksam machen, da\u00df wenn ich Dich ungeohrfeigt loslasse Du nicht glauben mu\u00dft, da\u00df Deine jetzige Lage und wirkliches Geohrfeigtwerden vom Standpunkt der Ehre aus das Gleiche sind, solltest Du das glauben wollen, so w\u00fcrde ich es doch vorziehn, Dich wirklich zu ohrfeigen. Was wohl Mack sagen wird, wenn ich ihm das alles erz\u00e4hle. &#8221; Bei der Erinnerung an Mack lie\u00df sie Karl los, in seinen undeutlichen Gedanken erschien ihm Mack wie ein Befreier. Er f\u00fchlte noch ein Weilchen Klaras Hand an seinem Hals, wand sich daher noch ein wenig und lag dann still.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie forderte ihn auf aufzustehn, er antwortete nicht und r\u00fchrte sich nicht. Sie entz\u00fcndete irgendwo eine Kerze, das Zimmer bekam Licht, ein blaues Zickzackmuster erschien auf dem Plafond, aber Karl lag, den Kopf auf Sophapolster aufgest\u00fctzt, so wie ihn Klara gebettet hatte, und wendete ihn nicht einen Fingerbreit. Klara gieng im Zimmer herum, ihr Rock rauschte um ihre Beine, wahrscheinlich beim Fenster blieb sie eine lange Weile stehn. &#8220;Ausgetrotzt?&#8221; h\u00f6rte man sie dann fragen. Karl empfand es schwer, in diesem Zimmer, das ihm doch von Herrn Pollunder f\u00fcr diese Nacht zugedacht war, keine Ruhe bekommen zu k\u00f6nnen. Da wanderte dieses M\u00e4dchen herum, blieb stehn und redete und er hatte sie doch so unaussprechlich satt. Rasch schlafen und von hier fortgehn war sein einziger Wunsch. Er wollte gar nicht mehr ins Bett, sondern nur hier auf dem Kanapee bleiben. Er lauerte nur darauf da\u00df sie weggienge, um hinter ihr her zur T\u00fcr zu springen, sie zu verriegeln und dann wieder zur\u00fcck auf das Kanapee sich zu werfen. Er hatte ein solches Bed\u00fcrfnis sich zu strecken und zu g\u00e4hnen, aber vor Klara wollte er das nicht tun. Und so lag er, starrte hinauf, f\u00fchlte sein Gesicht immer unbeweglicher werden und eine ihn umkreisende Fliege flimmerte ihm vor den Augen, ohne da\u00df er recht wu\u00dfte, was es war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klara trat wieder zu ihm, beugte sich in die Richtung seiner Blicke und h\u00e4tte er sich nicht bezwungen, h\u00e4tte er sie schon anschauen m\u00fcssen. &#8220;Ich gehe jetzt&#8221;, sagte sie. &#8220;Vielleicht bekommst Du sp\u00e4ter Lust zu mir zu kommen. Die T\u00fcr zu meinen Zimmern ist die vierte von dieser T\u00fcr aus gerechnet, auf dieser Seite des Ganges. Du gehst also an drei weiteren T\u00fcren vor\u00fcber und die, zu welcher Du dann kommst ist die richtige. Ich gehe nicht mehr hinunter in den Saal, sondern bleibe schon in meinem Zimmer. Du hast mich aber auch ordentlich m\u00fcde gemacht. Ich werde nicht gerade auf Dich warten, aber wenn Du kommen willst so komm. Erinnere Dich, da\u00df Du versprochen hast, mir auf dem Klavier vorzuspielen. Aber vielleicht habe ich Dich ganz entnervt und Du kannst Dich nicht mehr r\u00fchren, dann bleib und schlaf Dich aus. Dem Vater sage ich vorl\u00e4ufig von unserer Rauferei kein Wort; ich bemerke das f\u00fcr den Fall, da\u00df Dir das Sorge machen sollte. &#8221; Darauf lief sie trotz ihrer angeblichen M\u00fcdigkeit mit zwei Spr\u00fcngen aus dem Zimmer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sofort setzte sich Karl aufrecht, dieses Liegen war schon unertr\u00e4glich geworden. Um ein wenig Bewegung zu machen, gieng er zur T\u00fcr und sah auf den Gang hinaus. War dort aber eine Finsternis! Er war froh, als er die T\u00fcr zugemacht und abgesperrt hatte, und wieder bei seinem Tisch im Schein der Kerze stand. Sein Entschlu\u00df war, nicht l\u00e4nger in diesem Haus zu bleiben, sondern hinunter zu Herrn Pollunder zu gehn, ihm offen zu sagen, wie ihn Klara behandelt hatte \u2013 am Eingest\u00e4ndnis seiner Niederlage lag ihm gar nichts \u2013 und mit dieser wohl gen\u00fcgenden Begr\u00fcndung um die Erlaubnis zu bitten, nachhause fahren oder gehn zu d\u00fcrfen. Sollte Herr Pollunder etwas gegen diese sofortige Heimkehr einzuwenden haben, dann wollte ihn Karl wenigstens bitten, ihn durch einen Diener zum n\u00e4chsten Hotel f\u00fchren zu lassen. In dieser Weise, wie sie Karl plante gieng man zwar sonst in der Regel nicht mit freundlichen Gastgebern um, aber noch seltener gieng man mit einem Gaste derartig um wie es Klara getan hatte. Sie hatte sogar noch ihr Versprechen, dem Herrn Pollunder von der Rauferei vorl\u00e4ufig nichts zu sagen, f\u00fcr eine<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00b7 Freundlichkeit gehalten, das war aber schon himmelschreiend. Ja war denn Karl zu einem Ringkampf eingeladen worden, so da\u00df es f\u00fcr ihn besch\u00e4mend gewesen w\u00e4re, von einem M\u00e4dchen geworfen zu werden, das wahrscheinlich den gr\u00f6\u00dften Teil ihres Lebens mit dem Lernen von Ringk\u00e4mpferkniffen verbracht hatte. Am Ende hatte sie gar von Mack Unterricht bekommen. Mochte sie ihm nur alles erz\u00e4hlen, der war sicher einsichtig, das wu\u00dfte Karl, trotzdem er niemals Gelegenheit gehabt hatte, das im einzelnen zu erfahren. Karl wu\u00dfte aber auch, da\u00df wenn Mack ihn unterrichten w\u00fcrde, er noch viel gr\u00f6\u00dfere Fortschritte als Klara machen w\u00fcrde; dann k\u00e4me er eines Tages wieder hierher, h\u00f6chstwahrscheinlich uneingeladen, untersuchte nat\u00fcrlich zuerst die \u00d6rtlichkeit, deren genaue Kenntnis ein gro\u00dfer Vorteil Klaras gewesen war, packte dann diese gleiche Klara und klopfte mit ihr das gleiche Kanapee aus, auf das sie ihn heute geworfen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt handelte es sich nur darum den Weg zum Saal zur\u00fcckzufinden, wo er ja wahrscheinlich auch seinen Hut in der ersten Zerstreutheit auf einen unpassenden Platz gelegt hatte. Die Kerze wollte er nat\u00fcrlich mitnehmen, aber selbst bei Licht war es nicht leicht sich auszukennen. Er wu\u00dfte z. B. nicht einmal, ob dieses Zimmer in der gleichen Ebene, wie der Saal gelegen war. Klara hatte ihn auf dem Herweg immer so gezogen, da\u00df er sich gar nicht hatte umsehn k\u00f6nnen, Herr Green und die Leuchter tragenden Diener hatten ihm auch zu denken gegeben, kurz, er wu\u00dfte jetzt tats\u00e4chlich nicht einmal ob sie eine oder zwei oder vielleicht gar keine Treppe passiert hatten. Nach der Aussicht zu schlie\u00dfen lag das Zimmer ziemlich hoch und er suchte sich deshalb einzubilden, da\u00df sie \u00fcber Treppen gekommen waren, aber schon zum Hauseingang hatte man ja \u00fcber Treppen steigen m\u00fcssen, warum konnte nicht auch diese Seite des Hauses erh\u00f6ht sein. Aber wenn wenigstens auf dem Gang irgendwo ein Lichtschein aus einer T\u00fcr zu sehen oder eine Stimme aus der Ferne auch noch so leise zu h\u00f6ren gewesen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine Taschenuhr, ein Geschenk des Onkels zeigte elf Uhr, er nahm die Kerze und gieng auf den Gang hinaus. Die T\u00fcr lie\u00df er offen, um f\u00fcr den Fall da\u00df sein Suchen vergeblich w\u00e4re, wenigstens sein Zimmer wiederzufinden und danach f\u00fcr den \u00e4u\u00dfersten Notfall die T\u00fcr zu Klaras Zimmer. Zur Sicherheit, damit sich die T\u00fcre nicht von selbst schlie\u00dfe, verstellte er sie mit einem Sessel. Auf dem Gange zeigte sich der \u00dcbelstand, da\u00df gegen Karl \u2013 er gieng nat\u00fcrlich von Klaras T\u00fcre weg nach links zu \u2013 ein Luftzug strich, der zwar ganz schwach war, aber immerhin leicht die Kerze h\u00e4tte ausl\u00f6schen k\u00f6nnen, so da\u00df Karl die Flamme mit der Hand sch\u00fctzen und \u00fcberdies \u00f6fters stehen bleiben mu\u00dfte, damit die niedergedr\u00fcckte Flamme sich erhole. Es war ein langsames Vorw\u00e4rtskommen und der Weg schien dadurch doppelt lang. Karl war schon an gro\u00dfen Strecken der W\u00e4nde vor\u00fcbergekommen, die g\u00e4nzlich ohne T\u00fcren waren, man konnte sich nicht vorstellen was dahinter war. Dann kam wieder T\u00fcr an T\u00fcr, er versuchte mehrere zu \u00f6ffnen, sie waren versperrt und die R\u00e4ume offenbar unbewohnt. Es war eine Raumverschwendung sondergleichen und Karl dachte an die \u00f6stlichen Newyorker Quartiere, die ihm der Onkel zu zeigen versprochen hatte, wo angeblich in einem kleinen Zimmer mehrere Familien wohnten und das Heim einer Familie in einem Zimmerwinkel bestand, in dem sich die Kinder um ihre Eltern scharten. Und hier standen so viele Zimmer leer und waren nur dazu da, um hohl zu klingen, wenn man an die T\u00fcre schlug. Herr Pollunder schien Karl irregef\u00fchrt zu sein von falschen Freunden, und vernarrt in seine Tochter und dadurch verdorben. Der Onkel hatte ihn sicher richtig beurteilt und nur sein Grundsatz, auf die Menschenbeurteilung Karls keinen Einflu\u00df zu nehmen, war schuld an diesem Besuch und an diesen Wanderungen auf den G\u00e4ngen. Karl wollte das morgen dem Onkel ohne weiters sagen, denn nach seinem Grundsatz w\u00fcrde der Onkel auch das Urteil des Neffen \u00fcber ihn gerne und ruhig anh\u00f6ren. \u00dcberdies war dieser Grundsatz vielleicht das einzige, was Karl an seinem Onkel nicht gefiel und selbst dieses Nichtgefallen war nicht unbedingt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pl\u00f6tzlich h\u00f6rte die Wand an der einen Gangseite auf und ein eiskaltes marmornes Gel\u00e4nder trat an ihre Stelle. Karl stellte die Kerze neben sich und beugte sich vorsichtig hin\u00fcber. Dunkle Leere wehte ihm entgegen. Wenn das die Haupthalle des Hauses war \u2013 im Schimmer der Kerze erschien ein St\u00fcck einer gew\u00f6lbeartig gef\u00fchrten Decke \u2013 warum war man nicht durch diese Halle eingetreten? Wozu diente nur dieser gro\u00dfe tiefe Raum? Man stand ja hier oben wie auf der Gallerie einer Kirche. Karl bedauerte fast, nicht bis morgen in diesem Hause bleiben zu k\u00f6nnen, er h\u00e4tte gern bei Tageslicht von Herrn Pollunder sich \u00fcberall herumf\u00fchren und \u00fcber alles unterrichten lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gel\u00e4nder war \u00fcbrigens nicht lang und bald wurde Karl wieder vom geschlossenen Gang aufgenommen. Bei einer pl\u00f6tzlichen Wendung des Ganges stie\u00df Karl mit ganzer Wucht an die Mauer und nur die ununterbrochene Sorgfalt mit der er die Kerze krampfhaft hielt, bewahrte sie gl\u00fccklicherweise vor dem Fallen und Ausl\u00f6schen. Da der Gang kein Ende nehmen wollte, nirgends ein Fenster einen Ausblick gab, weder in der H\u00f6he noch in der Tiefe sich etwas r\u00fchrte, dachte Karl schon daran, er gehe immerfort im gleichen Kreisgang in der Runde und hoffte schon, die offene T\u00fcre seines Zimmers vielleicht wieder zu finden, aber weder sie noch das Gel\u00e4nder kehrte wieder. Bis jetzt hatte sich Karl von lautem Rufen zur\u00fcckgehalten, denn er wollte in einem fremden Haus zu so sp\u00e4ter Stunde keinen L\u00e4rm machen, aber jetzt sah er ein, da\u00df es in diesem unbeleuchteten Hause kein Unrecht war und machte sich gerade daran, nach beiden Seiten des Ganges ein lautes Halloh zu schreien, als er in der Richtung aus der er gekommen war, ein kleines sich n\u00e4herndes Licht bemerkte. Jetzt konnte er erst die L\u00e4nge des geraden Ganges absch\u00e4tzen, das Haus war eine Festung, keine Villa. Karls Freude \u00fcber dieses rettende Licht war so gro\u00df, da\u00df er alle Vorsicht verga\u00df, und darauf zulief, schon bei den ersten Spr\u00fcngen l\u00f6schte seine Kerze aus. Er achtete nicht darauf, denn er brauchte sie nicht mehr, hier kam ihm ein alter Diener mit einer Laterne entgegen, der ihm den richtigen Weg schon zeigen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wer sind Sie?&#8221; fragte der Diener und hielt Karl die Laterne ans Gesicht, wodurch er gleichzeitig sein eigenes beleuchtete. Sein Gesicht erschien etwas steif durch einen gro\u00dfen wei\u00dfen Vollbart der erst auf der Brust in seidenartige Ringel ausgieng. Es mu\u00df ein treuer Diener sein, dem man das Tragen eines solchen Bartes erlaubt, dachte Karl und sah diesen Bart unverwandt der L\u00e4nge und Breite nach an, ohne sich dadurch behindert zu f\u00fchlen, da\u00df er selbst beobachtet wurde. Im \u00fcbrigen antwortete er sofort, da\u00df er der Gast des Herrn Pollunder sei, aus seinem Zimmer in das Speisezimmer gehen wolle und es nicht finden k\u00f6nne. &#8220;Ach so&#8221;, sagte der Diener, &#8220;wir haben das elektrische Licht noch nicht eingef\u00fchrt.&#8221; &#8220;Ich wei\u00df&#8221;, sagte Karl. &#8220;Wollen Sie sich nicht Ihre Kerze an meiner Lampe anz\u00fcnden?&#8221; fragte der Diener. &#8220;Bitte&#8221;, sagte Karl und tat es. &#8220;Es zieht hier so auf den G\u00e4ngen&#8221;, sagte der Diener, &#8220;die Kerze l\u00f6scht leicht aus, darum habe ich eine Laterne. &#8221; &#8220;Ja eine Laterne ist viel praktischer&#8221;, sagte Karl. &#8220;Sie sind auch schon von der Kerze ganz betropft&#8221;, sagte der Diener und leuchtete mit der Kerze Karls Anzug ab. &#8220;Das habe ich ja gar nicht bemerkt&#8221;, rief Karl und es tat ihm sehr leid, da es ein schwarzer Anzug war, von dem der Onkel gesagt hatte, er passe ihm am besten von allen. Die Rauferei mit Klara d\u00fcrfte dem Anzug auch nicht gen\u00fctzt haben, erinnerte er sich jetzt. Der Diener war gef\u00e4llig genug, den Anzug zu reinigen so gut es in der Eile gieng; immer wieder drehte sich Karl vor ihm herum und zeigte ihm noch hier und dort einen Flecken, den der Diener folgsam entfernte. &#8220;Warum zieht es denn hier eigentlich so?&#8221; fragte Karl, als sie schon weitergiengen. &#8220;Es ist hier eben noch viel zu bauen&#8221;, sagte der Diener, &#8220;man hat zwar mit dem Umbau schon angefangen, aber es geht sehr langsam. Jetzt streiken auch noch die Bauarbeiter wie Sie vielleicht wissen. Man hat viel \u00c4rger mit so einem Bau. Jetzt sind da paar gro\u00dfe Durchbr\u00fcche gemacht worden, die niemand vermauert und die Zugluft geht durch das ganze Haus. Wenn ich nicht die Ohren voll Watte h\u00e4tte, k\u00f6nnte ich nicht bestehn. &#8221; &#8220;Da mu\u00df ich wohl lauter reden?&#8221; fragte Karl. &#8220;Nein, Sie haben eine klare Stimme&#8221;, sagte der Diener. &#8220;Aber um auf diesen Bau zur\u00fcckzukommen, besonders hier in der N\u00e4he der Kapelle, die sp\u00e4ter unbedingt von dem \u00fcbrigen Haus abgesperrt werden mu\u00df, ist die Zugluft gar nicht auszuhalten. &#8221; &#8220;Die Br\u00fcstung, an der man in diesem Gang vor\u00fcberkommt geht also in eine Kapelle hinaus?&#8221; &#8220;Ja.&#8221; &#8220;Das habe ich mir gleich gedacht&#8221;, sagte Karl. &#8221; Sie ist sehr sehenswert&#8221;, sagte der Diener, &#8220;w\u00e4re sie nicht gewesen, h\u00e4tte wohl Herr Mack das Haus nicht gekauft.&#8221; &#8220;Herr Mack?&#8221; fragte Karl, &#8220;ich dachte, das Haus geh\u00f6re Herrn Pollunder. &#8221; &#8220;Allerdings&#8221;, sagte der Diener, &#8220;aber Herr Mack hat doch bei diesem Kauf den Ausschlag gegeben. Sie kennen Herrn Mack nicht?&#8221; &#8220;0 ja&#8221;, sagte Karl. &#8220;Aber in welcher Verbindung ist er denn mit Herrn Pollunder?&#8221; &#8220;Er ist der Br\u00e4utigam des Fr\u00e4uleins&#8221;, sagte der Diener. &#8220;Das wu\u00dfte ich freilich nicht&#8221;, sagte Karl und blieb stehn. &#8220;Setzt Sie das in solches Erstaunen?&#8221; fragte der Diener. &#8220;Ich will es nur mir zurechtlegen. Wenn man solche Beziehungen nicht kennt, kann man ja die gr\u00f6\u00dften Fehler machen&#8221;, antwortete Karl. &#8220;Es wundert mich nur, da\u00df man Ihnen davon nichts gesagt hat&#8221;, sagte der Diener. &#8220;Ja wirklich&#8221;, sagte Karl besch\u00e4mt. &#8220;Wahrscheinlich dachte man, Sie w\u00fc\u00dften es&#8221;, sagte der Diener, &#8220;es ist ja keine Neuigkeit. Hier sind wir \u00fcbrigens&#8221;, und er \u00f6ffnete eine T\u00fcr, hinter der sich eine Treppe zeigte, die senkrecht zu der Hintert\u00fcre des ebenso wie bei der Ankunft hell beleuchteten Speisezimmers f\u00fchrte. Ehe Karl in das Speisezimmer eintrat, aus dem man die Stimmen Herrn Pollunders und Herrn Greens unver\u00e4ndert wie vor nun wohl schon zwei Stunden h\u00f6rte, sagte der Diener: &#8220;Wenn Sie wollen, erwarte ich Sie hier und f\u00fchre Sie dann in Ihr Zimmer. Es macht immerhin Schwierigkeiten, sich gleich am ersten Abend hier auszukennen. &#8221; &#8220;Ich werde nicht mehr in mein Zimmer zur\u00fcckgehn&#8221;, sagte Karl und wu\u00dfte nicht warum er bei dieser Auskunft traurig wurde. &#8220;Es wird nicht so arg sein&#8221;, sagte der Diener ein wenig \u00fcberlegen l\u00e4chelnd und klopfte ihm auf den Arm. Er hatte sich wahrscheinlich Karls Worte dahin erkl\u00e4rt, da\u00df Karl beabsichtige, w\u00e4hrend der ganzen Nacht im Speisezimmer zu bleiben, sich mit den Herren zu unterhalten und mit ihnen zu trinken. Karl wollte jetzt keine Bekenntnisse machen, au\u00dferdem dachte er, der Diener, der ihm besser gefiel als die andern hiesigen Diener, k\u00f6nne ihm ja dann die Wegrichtung nach New York zeigen und sagte deshalb: &#8220;Wenn Sie hier warten wollen, so ist das sicherlich eine gro\u00dfe Freundlichkeit von Ihnen und ich nehme sie dankbar an. Jedenfalls werde ich in einer kleinen Weile herauskommen und Ihnen dann sagen, was ich weiter tun werde. Ich denke schon, da\u00df mir Ihre Hilfe noch n\u00f6tig sein wird. &#8221; &#8220;Gut&#8221;, sagte der Diener, stellte die Laterne auf den Boden und setzte sich auf ein niedriges Postament, dessen Leere wahrscheinlich auch mit dem Umbau des Hauses zusammenhieng, &#8220;ich werde also hier warten. &#8221; &#8220;Die Kerze k\u00f6nnen Sie auch bei mir lassen&#8221;, sagte der Diener noch, als Karl mit der brennenden Kerze in den Saal gehen wollte. &#8220;Ich bin aber zerstreut&#8221;, sagte Karl und reichte die Kerze dem Diener hin, welcher ihm blo\u00df zunickte, ohne da\u00df man wu\u00dfte, ob er es mit Absicht tat oder ob es eine Folge dessen war, da\u00df er mit der Hand seinen Bart strich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl \u00f6ffnete die T\u00fcr, die ohne seine Schuld laut erklirrte, denn sie bestand aus einer einzigen Glasplatte die sich fast bog, wenn die T\u00fcr rasch ge\u00f6ffnet und nur an der Klinke festgehalten wurde. Karl lie\u00df die T\u00fcr erschrocken los, denn er hatte gerade besonders still eintreten wollen. Ohne sich mehr umzudrehn, merkte er noch, wie hinter ihm der Diener, der offenbar von seinem Postament herabgestiegen war, vorsichtig und ohne das geringste Ger\u00e4usch die T\u00fcre schlo\u00df. &#8220;Verzeihen Sie da\u00df ich st\u00f6re&#8221;, sagte er zu den beiden Herren, die ihn mit ihren gro\u00dfen erstaunten Gesichtern ansahen. Gleichzeitig aber \u00fcberflog er mit einem Blick den Saal, ob er nicht irgendwo schnell seinen Hut finden k\u00f6nne. Er war aber nirgends zu sehn, der E\u00dftisch war v\u00f6llig abger\u00e4umt, vielleicht war der Hut unangenehmer Weise irgendwie in die K\u00fcche fortgetragen worden. &#8220;Wo haben Sie denn Klara gelassene&#8221; fragte Herr Pollunder, dem \u00fcbrigens die St\u00f6rung nicht unlieb schien, denn er setzte sich gleich anders in seinem Fauteuil und kehrte Karl seine ganze Front zu. Herr Green spielte den Unbeteiligten, zog eine Brieftasche heraus, die an Gr\u00f6\u00dfe und Dicke ein Ungeheuer ihrer Art war, schien in den vielen Taschen ein bestimmtes St\u00fcck zu suchen, las aber w\u00e4hrend des Suchens auch andere Papiere, die ihm gerade in die Hand kamen. &#8220;Ich h\u00e4tte eine Bitte, die Sie nicht mi\u00dfverstehen d\u00fcrfen&#8221;, sagte Karl, gieng eiligst zu Herrn Pollunder hin und legte, um ihm recht nahe zu sein, die Hand auf die Armlehne des Fauteuils. &#8220;Was soll denn das f\u00fcr eine Bitte sein?&#8221; fragte Herr Pollunder und sah Karl mit offenem r\u00fcckhaltlosem Blicke an. &#8220;Sie ist nat\u00fcrlich schon erf\u00fcllt. &#8221; Und er legte den Arm um Karl und zog ihn zu sich zwischen seine Beine. Karl duldete das gerne, trotzdem er sich im allgemeinen doch f\u00fcr eine solche Behandlung allzu erwachsen f\u00fchlte. Aber das Aussprechen seiner Bitte wurde nat\u00fcrlich schwieriger. &#8220;Wie gef\u00e4llt es Ihnen denn eigentlich bei uns?&#8221; fragte Herr Pollunder. &#8220;Scheint es Ihnen nicht auch, da\u00df man auf dem Lande sozusagen befreit wird, wenn man aus der Stadt herkommt. Im allgemeinen&#8221; \u2013 und ein nicht mi\u00dfzuverstehender, durch Karl etwas verdeckter Seitenblick gieng auf Herrn Green \u2013 &#8220;im allgemeinen habe ich dieses Gef\u00fchl immer wieder, jeden Abend. &#8221; &#8220;Er spricht&#8221;, dachte Karl, &#8220;als w\u00fc\u00dfte er nicht von dem gro\u00dfen Haus, den endlosen G\u00e4ngen, der Kapelle, den leeren Zimmern, dem Dunkel \u00fcberall.&#8221; &#8220;Nun!&#8221; sagte Herr Pollunder. &#8220;Die Bitte!&#8221; und er sch\u00fcttelte Karl freundschaftlich, der stumm dastand. &#8220;Ich bitte&#8221;, sagte Karl und so sehr er die Stimme d\u00e4mpfte, es lie\u00df sich nicht vermeiden, da\u00df der daneben sitzende Green alles h\u00f6rte, vor dem Karl die Bitte, die m\u00f6glicherweise als eine Beleidigung Pollunders aufgefa\u00dft werden konnte, so gern verschwiegen h\u00e4tte \u2013 &#8220;ich bitte, lassen Sie mich noch jetzt, in der Nacht, nachhause. &#8221; Und da das \u00c4rgste ausgesprochen war, dr\u00e4ngte alles andere umso schneller nach, er sagte, ohne die geringste L\u00fcge zu gebrauchen, Dinge an die er gar nicht eigentlich vorher gedacht hatte. &#8220;Ich m\u00f6chte um alles gerne nachhause. Ich werde gerne wiederkommen, denn wo Sie Herr Pollunder sind, dort bin ich auch gerne. Nur heute kann ich nicht hier bleiben. Sie wissen, der Onkel hat mir die Erlaubnis zu diesem Besuch nicht gerne gegeben. Er hat sicher daf\u00fcr seine guten Gr\u00fcnde gehabt, wie f\u00fcr alles was er tut, und ich habe es mir herausgenommen, gegen seine bessere Einsicht die Erlaubnis f\u00f6rmlich zu erzwingen. Ich habe seine Liebe zu mir einfach mi\u00dfbraucht. Was f\u00fcr Bedenken er gegen diesen Besuch hatte, ist ja jetzt gleichg\u00fcltig, ich wei\u00df blo\u00df ganz bestimmt, da\u00df nichts in diesen Bedenken war, was Sie Herr Pollunder kr\u00e4nken k\u00f6nnte, der Sie der beste, der allerbeste Freund meines Onkels sind. Kein anderer kann sich in der Freundschaft meines Onkels auch nur im Entferntesten mit Ihnen vergleichen. Das ist ja auch die einzige Entschuldigung f\u00fcr meine Unfolgsamkeit, aber keine gen\u00fcgende. Sie haben vielleicht keinen genauen Einblick in das Verh\u00e4ltnis zwischen meinem Onkel und mir, ich will daher nur von dem Einleuchtendsten sprechen. Solange meine Englischstudien nicht abgeschlossen sind und ich mich im praktischen Handel nicht gen\u00fcgend umgesehen habe, bin ich g\u00e4nzlich auf die G\u00fcte meines Onkels angewiesen, die ich allerdings als Blutsverwandter genie\u00dfen darf. Sie d\u00fcrfen nicht glauben, da\u00df ich schon jetzt irgendwie mein Brot anst\u00e4ndig \u2013 und vor allem andern soll mich Gott bewahren \u2013 verdienen k\u00f6nnte. Dazu ist leider meine Erziehung zu unpraktisch gewesen. Ich habe vier Klassen eines europ\u00e4ischen Gymnasiums als Durchschnittssch\u00fcler durchgemacht und das bedeutet f\u00fcr den Gelderwerb viel weniger als nichts, denn unsere Gymnasien sind im Lehrplan sehr r\u00fcckschrittlich. Sie w\u00fcrden lachen, wenn ich Ihnen erz\u00e4hlen wollte, was ich gelernt habe. Wenn man weiterstudiert, das Gymnasium zu Ende macht, an die Universit\u00e4t geht, dann gleicht sich ja wahrscheinlich alles irgendwie aus und man hat zum Schlu\u00df eine geordnete Bildung, mit der sich etwas anfangen l\u00e4\u00dft und die einem die Entschlossenheit zum Gelderwerb gibt. Ich aber bin aus diesem zusammenh\u00e4ngenden Studium leider herausgerissen worden, manchmal glaube ich, ich wei\u00df gar nichts, und schlie\u00dflich w\u00e4re auch alles was ich wissen k\u00f6nnte f\u00fcr Amerika noch immer zu wenig. Jetzt werden in meiner Heimat neuestens hie und da Reformgymnasien eingerichtet, wo man auch moderne Sprachen und vielleicht auch Handelswissenschaften lernt, als ich aus der Volksschule trat, gab es das noch nicht. Mein Vater wollte mich zwar im Englischen unterrichten lassen, aber erstens konnte ich damals nicht ahnen was f\u00fcr ein Ungl\u00fcck \u00fcber mich kommen wird und wie ich das Englische brauchen werde, und zweitens mu\u00dfte ich f\u00fcr das Gymnasium viel lernen, so da\u00df ich f\u00fcr andere Besch\u00e4ftigungen nicht besonders viel Zeit hatte. \u2013 Ich erw\u00e4hne das alles, um Ihnen zu zeigen, wie abh\u00e4ngig ich von meinem Onkel bin und wie verpflichtet infolgedessen ich ihm gegen\u00fcber auch bin. Sie werden sicher zugeben, da\u00df ich es mir bei solchen Verh\u00e4ltnissen nicht erlauben darf auch nur das geringste gegen seinen auch nur geahnten Willen zu tun. Und darum mu\u00df ich, um den Fehler den ich ihm gegen\u00fcber begangen habe, nur halbwegs wieder gut zu machen, sofort nachhause gehn. &#8221; W\u00e4hrend dieser langen Rede Karls hatte Herr Pollunder aufmerksam zugeh\u00f6rt, \u00f6fters, besonders wenn der Onkel erw\u00e4hnt wurde, Karl wenn auch unmerklich an sich gedr\u00fcckt und einigemale ernst und wie erwartungsvoll zu Green hin\u00fcbergesehn, der sich weiterhin mit seiner Brieftasche besch\u00e4ftigte. Karl aber war, je deutlicher ihm seine Stellung zum Onkel im Laufe seiner Rede zu Bewu\u00dftsein kam, immer unruhiger geworden, hatte sich unwillk\u00fcrlich aus dem Arm Pollunders zu dr\u00e4ngen gesucht, alles beengte ihn hier, der Weg zum Onkel durch die Glast\u00fcre, \u00fcber die Treppe, durch die Allee, \u00fcber die Landstra\u00dfen, durch die Vorst\u00e4dte zur gro\u00dfen Verkehrsstra\u00dfe, einm\u00fcndend in des Onkels Haus, erschien ihm als etwas streng zusammengeh\u00f6riges, das leer, glatt und f\u00fcr ihn vorbereitet dalag und mit einer starken Stimme nach ihm verlangte. Herrn Pollunders G\u00fcte und Herrn Greens Abscheulichkeit verschwammen und er wollte aus diesem rauchigen Zimmer nichts anderes f\u00fcr sich haben als die Erlaubnis zum Abschiednehmen. Zwar f\u00fchlte er sich gegen Herrn Pollunder abgeschlossen, gegen Herrn Green kampfbereit und doch erf\u00fcllte ihn ringsherum eine unbestimmte Furcht, deren St\u00f6\u00dfe seine Augen tr\u00fcbten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er trat einen Schritt zur\u00fcck und stand nun gleich weit von Herrn Pollunder und von Herrn Green entfernt. &#8220;Wollten Sie ihm nicht etwas sagen?&#8221; fragte Herr Pollunder Herrn Green und fa\u00dfte wie bittend Herrn Greens Hand. &#8220;Ich w\u00fc\u00dfte nichts, was ich ihm sagen sollte?&#8221; sagte Herr Green, der endlich einen Brief aus seiner Tasche gezogen und vor sich auf den Tisch gelegt hatte. &#8220;Es ist recht lobenswert, da\u00df er zu seinem Onkel zur\u00fcckkehren will und nach menschlicher Voraussicht sollte man glauben, da\u00df er dem Onkel eine besondere Freude damit machen wird. Es m\u00fc\u00dfte denn sein, da\u00df er durch seine Unfolgsamkeit den Onkel schon allzu b\u00f6se gemacht hat, was ja auch m\u00f6glich ist. Dann allerdings w\u00e4re es besser, er bliebe hier. Es ist eben schwer etwas bestimmtes zu sagen, wir sind zwar beide Freunde des Onkels und es d\u00fcrfte M\u00fche machen zwischen meiner und Herrn Pollunders Freundschaft Rangunterschiede zu erkennen, aber in das Innere des Onkels k\u00f6nnen wir nicht hineinschauen und ganz besonders nicht \u00fcber die vielen Kilometer hinweg, die uns hier von New York trennen. &#8221; &#8220;Bitte Herr Green&#8221;, sagte Karl und n\u00e4herte sich mit Selbst\u00fcberwindung Herrn Green, &#8220;ich h\u00f6re aus Ihren Worten heraus, da\u00df Sie es auch f\u00fcr das Beste halten, wenn ich gleich zur\u00fcckkehre. &#8221; &#8220;Das habe ich durchaus nicht gesagt&#8221;, meinte Herr Green und vertiefte sich in das Anschauen des Briefes, an dessen R\u00e4ndern er mit zwei Fingern hin und her fuhr. Er schien damit andeuten zu wollen, da\u00df er von Herrn pollunder gefragt worden sei, ihm auch geantwortet habe, w\u00e4hrend er mit Karl eigentlich nichts zu tun habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inzwischen war Herr Pollunder zu Karl getreten und hatte ihn sanft von Herrn Green weg zu einem der gro\u00dfen Fenster gezogen. &#8220;Lieber Herr Ro\u00dfmann&#8221;, sagte er zu Karls Ohr herabgebeugt und wischte zur Vorbereitung mit dem Taschentuch \u00fcber sein Gesicht und bei der Nase innehaltend schneuzte er, &#8220;Sie werden doch nicht glauben, da\u00df ich Sie gegen Ihren Willen hier zur\u00fcckhalten will. Davon ist ja keine Rede. Das Automobil kann ich Ihnen zwar nicht zur Verf\u00fcgung stellen, denn es steht weit von hier in einer \u00f6ffentlichen Garage, da ich noch keine Zeit hatte, hier, wo alles erst im Werden ist, eine eigene Garage einzurichten. Der Chauffeur wiederum schl\u00e4ft nicht hier im Haus, sondern in der N\u00e4he der Garage, ich wei\u00df wirklich selbst nicht wo. Au\u00dferdem ist es gar nicht seine Pflicht jetzt zuhause zu sein, seine Pflicht ist es nur, fr\u00fch zur rechten Zeit hier vorzufahren. Aber das alles w\u00e4ren keine Hindernisse f\u00fcr Ihre augenblickliche Heimkehr, denn wenn Sie darauf bestehn, begleite ich Sie sofort zur n\u00e4chsten Station der Stadtbahn, die allerdings so weit entfernt ist, da\u00df Sie nicht viel fr\u00fcher zuhause ankommen d\u00fcrften, als wenn Sie fr\u00fch \u2013 wir fahren ja schon um sieben Uhr \u2013 mit mir in meinem Automobil fahren wollen. &#8221; &#8220;Da m\u00f6chte ich, Herr Pollunder, doch lieber mit der Stadtbahn fahren&#8221;, sagte Karl. &#8220;An die Stadtbahn habe ich gar nicht gedacht. Sie sagen selbst da\u00df ich mit der Stadtbahn fr\u00fcher ankomme, als fr\u00fch mit dem Automobil. &#8221; &#8220;Es ist aber ein ganz kleiner Unterschied.&#8221; &#8220;Trotzdem, trotzdem Herr Pollunder&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich werde in Erinnerung an Ihre Freundlichkeit immer gerne herkommen, vorausgesetzt nat\u00fcrlich da\u00df Sie mich nach meinem heutigen Benehmen noch einladen wollen, und vielleicht werde ich es n\u00e4chstens besser ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, warum heute jede Minute, um die ich meinen Onkel fr\u00fcher sehe, f\u00fcr mich so wichtig ist. &#8221; Und als h\u00e4tte er bereits die Erlaubnis zum Weggehn erhalten, f\u00fcgte er hinzu: &#8220;Aber keinesfalls d\u00fcrfen Sie mich begleiten. Es ist auch ganz unn\u00f6tig. Drau\u00dfen ist ein Diener der mich gern zur Station begleiten wird. Jetzt mu\u00df ich nur noch meinen Hut suchen. &#8221; Und bei den letzten Worten durchschritt er schon das Zimmer, um noch in Eile einen letzten Versuch zu machen, ob sein Hut doch vielleicht zu finden w\u00e4re. &#8220;K\u00f6nnte ich Ihnen nicht mit einer M\u00fctze aushelfen&#8221;, sagte Herr Green und zog eine M\u00fctze aus der Tasche, &#8220;vielleicht pa\u00dft sie Ihnen zuf\u00e4llig.&#8221; Verbl\u00fcfft blieb Karl stehn und sagte: &#8220;Ich werde Ihnen doch nicht Ihre M\u00fctze wegnehmen. Ich kann ja ganz gut mit unbedecktem Kopf gehn. Ich brauche gar nichts. &#8221; &#8220;Es ist nicht meine M\u00fctze. Nehmen Sie nur!&#8221; &#8220;Dann danke ich&#8221;, sagte Karl um sich nicht aufzuhalten und nahm die M\u00fctze. Er zog sie an und lachte zuerst, da sie ganz genau pa\u00dfte, nahm sie wieder in die Hand und betrachtete sie, konnte aber das Besondere das er an ihr suchte, nicht finden; es war eine vollkommen neue M\u00fctze. &#8220;Sie pa\u00dft so gut!&#8221; sagte er. &#8220;Also sie pa\u00dft! &#8221; rief Herr Green und schlug auf den Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl gieng schon zur T\u00fcr zu, um den Diener zu holen, da erhob sich Herr Green, streckte sich nach dem reichlichen Mahl und der vielen Ruhe, klopfte stark gegen seine Brust und sagte in einem Ton zwischen Rat und Befehl: &#8220;Ehe Sie weggehn m\u00fcssen Sie von Fr\u00e4ulein Klara Abschied nehmen. &#8221; &#8220;Das m\u00fcssen Sie&#8221;, sagte auch Herr Pollunder der ebenfalls aufgestanden war. Ihm h\u00f6rte man es an, da\u00df die Worte nicht aus seinem Herzen kamen, schwach lie\u00df er die H\u00e4nde an die Hosennaht schlagen und kn\u00f6pfte immer wieder seinen Rock auf und zu, der nach der augenblicklichen Mode ganz kurz war und kaum zu den H\u00fcften gieng, was so dicke Leute wie Herrn Pollunder schlecht kleidete. \u00dcbrigens hatte man, wenn er so neben Herrn Green stand, den deutlichen Eindruck, da\u00df es bei Herrn Pollunder keine gesunde Dicke war, der R\u00fccken war in seiner ganzen Masse etwas gekr\u00fcmmt, der Bauch sah weich und unhaltbar aus, eine wahre Last, und das Gesicht erschien bleich und geplagt. Dagegen stand hier Herr Green, vielleicht noch etwas dicker als Herr Pollunder, aber es war eine zusammenh\u00e4ngende, einander gegenseitig tragende Dicke, die F\u00fc\u00dfe waren soldatisch zusammengeklappt, den Kopf trug er aufrecht und schaukelnd, er schien ein gro\u00dfer Turner, ein Vorturner, zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Gehen Sie also vorerst&#8221;, fuhr Herr Green fort, &#8220;zu Fr\u00e4ulein Klara. Das d\u00fcrfte Ihnen sicher Vergn\u00fcgen machen und pa\u00dft auch sehr gut in meine Zeiteinteilung. Ich habe Ihnen n\u00e4mlich tats\u00e4chlich ehe Sie von hier fortgehn etwas Interessantes zu sagen, was wahrscheinlich auch f\u00fcr Ihre R\u00fcckkehr entscheidend sein kann. Nur bin ich leider durch h\u00f6heren Befehl gebunden, Ihnen vor Mitternacht nichts zu verraten. Sie k\u00f6nnen sich vorstellen, da\u00df mir das selbst leid tut, denn es st\u00f6rt meine Nachtruhe, aber ich halte mich an meinen Auftrag. Jetzt ist viertel zw\u00f6lf, ich kann also meine Gesch\u00e4fte noch mit Herrn Pollunder zu Ende besprechen, wobei Ihre Gegenwart nur st\u00f6ren w\u00fcrde und Sie k\u00f6nnen ein h\u00fcbsches Weilchen mit Fr\u00e4ulein Klara verbringen. Punkt zw\u00f6lf Uhr stellen Sie sich dann hier ein, wo Sie das N\u00f6tige erfahren werden. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Konnte Karl diese Forderung ablehnen, die von ihm wirklich nur das Geringste an H\u00f6flichkeit und Dankbarkeit gegen\u00fcber Herrn Pollunder verlangte und die \u00fcberdies ein sonst unbeteiligter roher Mann stellte, w\u00e4hrend Herr Pollunder, den es angieng, sich mit Worten und Blicken m\u00f6glichst zur\u00fcckhielt? Und was war jenes Interessante, das er erst um Mitternacht erfahren durfte? Wenn es seine Heimkehr nicht wenigstens um die dreiviertel Stunde beschleunigte, um die es sie jetzt verschob, interessierte es ihn wenig. Aber sein gr\u00f6\u00dfter Zweifel war, ob er \u00fcberhaupt zu Klara gehn konnte, die doch seine Feindin war. Wenn er wenigstens das Schlageisen bei sich gehabt h\u00e4tte, das ihm sein Onkel als Briefbeschwerer geschenkt hatte. Das Zimmer Klaras mochte ja eine recht gef\u00e4hrliche H\u00f6hle sein. Aber nun war es ja ganz und gar unm\u00f6glich, hier gegen Klara das geringste zu sagen, da sie Pollunders Tochter und wie er jetzt geh\u00f6rt hatte gar Macks Braut war. Sie h\u00e4tte ja nur um eine Kleinigkeit anders sich zu ihm verhalten m\u00fcssen und er h\u00e4tte sie wegen ihrer Beziehungen offen bewundert. Noch \u00fcberlegte er das alles, aber schon merkte er, da\u00df man keine \u00dcberlegungen von ihm verlangte, denn Green \u00f6ffnete die T\u00fcr und sagte zum Diener, der vom Postamente sprang: &#8220;F\u00fchren Sie diesen jungen Mann zu Fr\u00e4ulein Klara. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;So f\u00fchrt man Befehle aus&#8221;, dachte Karl als ihn der Diener fast laufend, st\u00f6hnend vor Altersschw\u00e4che, auf einem besonders kurzen Weg zu Klaras Zimmer zog. Als Karl an seinem Zimmer vor\u00fcber kam, dessen T\u00fcr noch immer offenstand, wollte er, vielleicht zu seiner Beruhigung, f\u00fcr einen Augenblick eintreten. Der Diener lie\u00df das aber nicht zu. &#8220;Nein&#8221;, sagte er, &#8220;Sie m\u00fcssen zu Fr\u00e4ulein Klara. Sie haben es ja selbst geh\u00f6rt. &#8221; &#8220;Ich w\u00fcrde mich nur einen Augenblick drin aufhalten&#8221;, sagte Karl und er dachte daran, sich zur Abwechslung ein wenig auf das Kanapee zu werfen, damit ihm die Zeit rascher gegen Mitternacht vorr\u00fccke. &#8220;Erschweren Sie mir die Ausf\u00fchrung meines Auftrages nicht&#8221;, sagte der Diener. &#8220;Er scheint es f\u00fcr eine Strafe zu halten, da\u00df ich zu Fr\u00e4ulein Klara gehn mu\u00df&#8221;, dachte Karl und machte ein paar Schritte, blieb aber aus Trotz wieder stehn. &#8220;Kommen Sie doch junger Herr&#8221;, sagte der Diener, &#8220;wenn Sie nun schon einmal hier sind. Ich wei\u00df, Sie wollten noch in der Nacht weggehn, es geht eben nicht alles nach Wunsch, ich habe es Ihnen ja gleich gesagt, da\u00df es kaum m\u00f6glich sein wird. &#8221; &#8220;Ja, ich will weggehn und werde auch weggehn&#8221;, sagte Karl, &#8220;und will jetzt nur von Fr\u00e4ulein Klara Abschied nehmen.&#8221; &#8220;So&#8221;, sagte der Diener und Karl sah ihm wohl an, da\u00df er kein Wort davon glaubte, &#8220;warum z\u00f6gern Sie also Abschied zu nehmen, kommen Sie doch. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wer ist auf dem Gang?&#8221; ert\u00f6nte Klaras Stimme und man sah sie aus einer nahen T\u00fcr sich vorbeugen, eine gro\u00dfe Tischlampe mit rotem Schirm in der Hand. Der Diener eilte zu ihr hin und erstattete die Meldung, Karl gieng ihm langsam nach. &#8220;Sie kommen sp\u00e4t&#8221;, sagte Klara. Ohne ihr vorl\u00e4ufig zu antworten, sagte Karl zum Diener leise, aber, da er seine Natur schon kannte, im Ton strengen Befehles: &#8220;Sie warten auf mich knapp vor dieser T\u00fcr! &#8221; &#8220;Ich wollte schon schlafen gehn&#8221;, sagte Klara und stellte die Lampe auf den Tisch. Wie unten im Speisezimmer schlo\u00df auch hier wieder der Diener vorsichtig von au\u00dfen die T\u00fcr. &#8220;Es ist ja schon halb zw\u00f6lf vor\u00fcber.&#8221; &#8220;Halb zw\u00f6lf vor\u00fcber&#8221;, wiederholte Karl fragend, wie erschrocken \u00fcber diese Zahlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Dann mu\u00df ich mich aber sofort verabschieden&#8221;, sagte Karl, &#8220;denn punkt zw\u00f6lf mu\u00df ich schon unten im Speisesaal sein. &#8221; &#8220;Was Sie f\u00fcr eilige Gesch\u00e4fte haben&#8221;, sagte Klara und ordnete zerstreut die Falten ihres losen Nachtkleides, ihr Gesicht gl\u00fchte und immerfort l\u00e4chelte sie. Karl glaubte zu erkennen, da\u00df keine Gefahr bestand, mit Klara wieder in Streit zu geraten. &#8220;K\u00f6nnten Sie nicht doch noch ein wenig Klavier spielen, wie es mir gestern Papa und heute Sie selbst versprochen haben?&#8221; &#8220;Ist nicht aber schon zu sp\u00e4t?&#8221; fragte Karl. Er h\u00e4tte ihr gern gef\u00e4llig sein wollen, denn sie war ganz anders als vorher, so als w\u00e4re sie irgendwie aufgestiegen in die Kreise Pollunders und weiterhin Macks. &#8220;Ja sp\u00e4t ist es schon&#8221;, sagte sie und es schien ihr die Lust zur Musik schon vergangen zu sein. &#8220;Dann wiederhallt hier auch jeder Ton im ganzen Hause, ich bin \u00fcberzeugt, wenn Sie spielen, wacht noch oben in den Dachkammern die Dienerschaft auf. &#8221; &#8220;Dann lasse ich also das Spiel, ich hoffe ja bestimmt noch wiederzukommen, \u00fcbrigens, wenn es Ihnen keine besondere M\u00fche macht, besuchen Sie doch einmal meinen Onkel und schauen bei der Gelegenheit auch in mein Zimmer. Ich habe ein prachtvolles Piano. Der Onkel hat es mir geschenkt. Dann spiele ich Ihnen, wenn es Ihnen recht ist, alle meine St\u00fcckchen vor, es sind leider nicht viele, und sie passen auch gar nicht zu so einem gro\u00dfen Instrument, auf dem nur Virtuosen sich h\u00f6ren lassen sollten. Aber auch dieses Vergn\u00fcgen werden Sie haben k\u00f6nnen, wenn Sie mich von Ihrem Besuch vorher verst\u00e4ndigen, denn der Onkel will n\u00e4chstens einen ber\u00fchmten Lehrer f\u00fcr mich engagieren \u2013 Sie k\u00f6nnen sich denken wie ich mich darauf freue \u2013 und dessen Spiel wird allerdings daf\u00fcr stehn, mir w\u00e4hrend der Unterrichtsstunde einen Besuch zu machen. Ich bin, wenn ich ehrlich sein soll, froh, da\u00df f\u00fcr das Spiel schon zu sp\u00e4t ist, denn ich kann noch gar nichts, Sie w\u00fcrden staunen, wie wenig ich kann. Und nun erlauben Sie da\u00df ich mich verabschiede, schlie\u00dflich ist ja doch schon Schlafenszeit. &#8221; Und weil ihn Klara g\u00fctig ansah und ihm wegen der Rauferei gar nichts nachzutragen schien, f\u00fcgte er l\u00e4chelnd hinzu, w\u00e4hrend er ihr die Hand reichte: &#8220;In meiner Heimat pflegt man zu sagen: Schlafe wohl und tr\u00e4ume s\u00fc\u00df. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Warten Sie&#8221;, sagte sie, ohne seine Hand anzunehmen, &#8220;vielleicht sollten Sie doch spielen.&#8221; Und sie verschwand durch eine kleine Seitent\u00fcr, neben der das Piano stand. &#8220;Was ist denn?&#8221; dachte Karl, &#8220;lange kann ich nicht warten, so lieb sie auch ist. &#8221; Es klopfte an die Gangt\u00fcre und der Diener, der die T\u00fcre nicht ganz zu \u00f6ffnen wagte, fl\u00fcsterte durch einen kleinen Spalt: &#8220;Verzeihen Sie, ich wurde soeben abberufen und kann nicht mehr warten. &#8221; &#8220;Gehen Sie nur&#8221;, sagte Karl, der sich nun getraute, den Weg ins Speisezimmer allein zu finden, &#8220;lassen Sie mir nur die Laterne vor der T\u00fcr. Wie sp\u00e4t ist es \u00fcbrigens?&#8221; &#8220;Bald dreiviertel zw\u00f6lf&#8221;, sagte der Diener. &#8220;Wie langsam die Zeit vergeht&#8221;, sagte Karl. Der Diener wollte schon die T\u00fcre schlie\u00dfen, da erinnerte sich Karl, da\u00df er ihm noch kein Trinkgeld gegeben hatte, nahm einen Schilling aus der Hosentasche \u2013 er trug jetzt immer M\u00fcnzengeld nach amerikanischer Sitte lose klingelnd in der Hosentasche, Banknoten dagegen in der Westentasche \u2013 und reichte ihn dem Diener mit den Worten: &#8220;F\u00fcr Ihre guten Dienste. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klara war schon wieder eingetreten, die H\u00e4nde an ihrer festen Frisur, als es Karl einfiel, da\u00df er den Diener doch nicht h\u00e4tte wegschicken sollen, denn wer w\u00fcrde ihn jetzt zur Station der Stadtbahn f\u00fchren? Nun, da w\u00fcrde wohl schon Herr Pollunder einen Diener noch auftreiben k\u00f6nnen, vielleicht war \u00fcbrigens dieser Diener ins Speisezimmer gerufen worden und w\u00fcrde dann zur Verf\u00fcgung stehn. &#8220;Ich bitte Sie also doch ein wenig zu spielen. Man h\u00f6rt hier so selten Musik, da\u00df man sich keine Gelegenheit sie zu h\u00f6ren, entgehen lassen will.&#8221; &#8220;Dann ist aber h\u00f6chste Zeit&#8221;, sagte Karl ohne weitere \u00dcberlegung und setzte sich gleich zum Klavier. &#8220;Wollen Sie Notenhaben?&#8221; fragte Klara. &#8220;Danke, ich kann ja Noten nicht einmal vollkommen lesen&#8221;, antwortete Karl und spielte schon. Es war ein kleines Lied, das wie Karl wohl wu\u00dfte ziemlich langsam h\u00e4tte gespielt werden m\u00fcssen, um besonders f\u00fcr Fremde auch nur verst\u00e4ndlich zu sein, aber er hudelte es im \u00e4rgsten Marschtempo hinunter. Nach der Beendigung fuhr die gest\u00f6rte Stille des Hauses wie in gro\u00dfem Gedr\u00e4nge wieder an ihren Platz. Man sa\u00df wie benommen da und r\u00fchrte sich nicht. &#8220;Ganz sch\u00f6n&#8221;, sagte Klara, aber es gab keine H\u00f6flichkeitsformel, die Karl nach diesem Spiel h\u00e4tte schmeicheln k\u00f6nnen. &#8220;Wie sp\u00e4t ist es?&#8221; fragte er. &#8220;Dreiviertel zw\u00f6lf.&#8221; &#8220;Dann habe ich noch ein Weilchen Zeit&#8221;, sagte er und dachte bei sich: &#8220;Entweder oder. Ich mu\u00df ja nicht alle zehn Lieder spielen, die ich kann, aber eines kann ich nach M\u00f6glichkeit gut spielen. &#8221; Und er fieng sein geliebtes Soldatenlied an. So langsam, da\u00df das aufgest\u00f6rte Verlangen des Zuh\u00f6rers sich nach der n\u00e4chsten Note streckte, die Karl zur\u00fcckhielt und nur schwer hergab. Er mu\u00dfte ja tats\u00e4chlich wie bei jedem Lied die n\u00f6tigen Tasten mit den Augen erst zusammensuchen, aber au\u00dferdem f\u00fchlte er in sich ein Leid entstehn, das \u00fcber das Ende des Liedes hinaus, ein anderes Ende suchte und es nicht finden konnte. &#8220;Ich kann ja nichts&#8221;, sagte Karl nach Schlu\u00df des Liedes und sah Klara mit Tr\u00e4nen in den Augen an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ert\u00f6nte aus dem Nebenzimmer lautes H\u00e4ndeklatschen. &#8220;Es h\u00f6rt noch jemand zu! &#8221; rief Karl aufger\u00fcttelt. &#8220;Mack&#8221;, sagte Klara leise. Und schon h\u00f6rte man Mack rufen: &#8220;Karl Ro\u00dfmann, Karl Ro\u00dfmann! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl schwang sich mit beiden F\u00fc\u00dfen zugleich \u00fcber die Klavierbank und \u00f6ffnete die T\u00fcr. Er sah dort Mack in einem gro\u00dfen Himmelbett halb liegend sitzen, die Bettdecke war lose \u00fcber die Beine geworfen. Der Baldachin aus blauer Seide war die einzige ein wenig m\u00e4dchenhafte Pracht des sonst einfachen, aus schwerem Holz eckig gezimmerten Bettes. Auf dem Nachttischchen brannte nur eine Kerze, aber die Bettw\u00e4sche und Macks Hemd waren so wei\u00df, da\u00df das auf sie fallende Kerzenlicht in fast blendendem Widerschein von ihnen strahlte; auch der Baldachin leuchtete wenigstens am Rande mit seiner leicht gewellten, nicht ganz fest gespannten Seide. Gleich hinter Mack versank aber das Bett und alles in vollst\u00e4ndigem Dunkel. Klara lehnte sich an den Bettpfosten und hatte nur noch Augen f\u00fcr Mack.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Servus&#8221;, sagte Mack und reichte Karl die Hand. &#8220;Sie spielen ja recht gut, bisher habe ich blo\u00df Ihre Reitkunst gekannt. &#8221; &#8220;Ich kann das eine so schlecht wie das andere&#8221;, sagte Karl. &#8220;Wenn ich gewu\u00dft h\u00e4tte, da\u00df Sie zuh\u00f6ren, h\u00e4tte ich bestimmt nicht gespielt. Aber Ihr Fr\u00e4ulein&#8221; \u2013 er unterbrach sich, er z\u00f6gerte &#8220;Braut&#8221; zu sagen, da Mack und Klara offenbar schon mit einander schliefen. &#8220;Ich ahnte es ja&#8221;, sagte Mack, &#8220;darum mu\u00dfte Sie Klara aus NewYork hierherlokken, sonst h\u00e4tte ich Ihr Spiel gar nicht zu h\u00f6ren bekommen. Es ist ja reichlich anf\u00e4ngerhaft und selbst in diesen Liedern, die Sie doch einge\u00fcbt hatten und die sehr primitiv gesetzt sind, haben Sie einige Fehler gemacht, aber immerhin hat es mich sehr gefreut, ganz abgesehen davon, da\u00df ich das Spiel keines Menschen verachte. Wollen Sie sich aber nicht setzen und noch ein Weilchen bei uns bleiben. Klara gib ihm doch einen Sessel. &#8221; &#8220;Ich danke&#8221;, sagte Karl stockend. &#8220;Ich kann nicht bleiben, so gern ich hier bliebe. Zu sp\u00e4t erfahre ich, da\u00df es so wohnliche Zimmer in diesem Hause gibt. &#8221; &#8220;Ich baue alles in dieser Art um&#8221;, sagte Mack.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Augenblick erklangen zw\u00f6lf Glockenschl\u00e4ge, rasch hintereinander, einer in den L\u00e4rm des andern dreinschlagend, Karl f\u00fchlte das Wehen der gro\u00dfen Bewegung dieser Glocken an den Wangen. Was war das f\u00fcr ein Dorf, das solche Glocken hatte!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;H\u00f6chste Zeit&#8221;, sagte Karl, streckte Mack und Klara nur die H\u00e4nde hin ohne sie zu fassen und lief auf den Gang hinaus. Dort fand er die Laterne nicht und bedauerte dem Diener zu bald das Trinkgeld gegeben zu haben. Er wollte sich an der Wand zu der offenen T\u00fcre seines Zimmers hintasten, war aber kaum in der H\u00e4lfte des Weges, als er Herrn Green mit erhobener Kerze eilig heranschwanken sah. In der Hand, in der er die Kerze hielt, trug er auch einen Brief.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ro\u00dfmann warum kommen Sie denn nicht? Warum lassen Sie mich warten? Was haben Sie denn bei Fr\u00e4ulein Klara getrieben?&#8221; &#8220;Viele Fragen!&#8221; dachte Karl, &#8220;und jetzt dr\u00fcckt er mich noch an die Wand&#8221;, denn tats\u00e4chlich stand er dicht vor Karl, der mit dem R\u00fccken an der Wand lehnte. Green nahm in diesem Gang eine schon l\u00e4cherliche Gr\u00f6\u00dfe an und Karl stellte sich zum Spa\u00df die Frage, ob er nicht etwa den guten Herrn Pollunder aufgefressen habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie sind tats\u00e4chlich kein Mann von Wort. Versprechen um zw\u00f6lf Uhr hinunterzukommen und umschleichen statt dessen die T\u00fcr Fr\u00e4ulein Klaras. Ich dagegen habe Ihnen f\u00fcr Mitternacht etwas Interessantes versprochen und bin damit schon da. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und damit reichte er Karl den Brief. Auf dem Umschlag stand &#8220;An Karl Ro\u00dfmann. Um Mitternacht pers\u00f6nlich abzugeben, wo immer er angetroffen wird. &#8221; &#8220;Schlie\u00dflich&#8221;, sagte Herr Green w\u00e4hrend Karl den Brief \u00f6ffnete, &#8220;ist es, glaube ich, schon anerkennenswert da\u00df ich Ihretwegen aus Newyork hierhergefahren bin, so da\u00df Sie mich durchaus nicht noch auf den G\u00e4ngen Ihnen nachlaufen lassen m\u00fc\u00dften. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Vom Onkel!&#8221; sagte Karl kaum, da\u00df er in den Brief hineingeschaut hatte. &#8220;Ich habe es erwartet&#8221;, sagte er zu Herrn Green gewendet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ob Sie es erwartet haben oder nicht, ist mir kolossal gleichgiltig. Lesen Sie nur schon&#8221;, sagte dieser und hielt Karl die Kerze hin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl las bei ihrem Licht: Geliebter Neffe! Wie Du w\u00e4hrend unseres leider viel zu kurzen Zusammenlebens schon erkannt haben wirst, bin ich durchaus ein Mann von Principien. Das ist nicht nur f\u00fcr meine Umgebung sondern auch f\u00fcr mich sehr unangenehm und traurig, aber ich verdanke meinen Principien alles was ich bin und niemand darf verlangen da\u00df ich mich vom Erdboden wegleugne, niemand, auch Du nicht, mein geliebter Neffe, wenn auch Du gerade der erste in der Reihe w\u00e4rest, wenn es mir einmal einfallen sollte, jenen allgemeinen Angriff gegen mich zuzulassen. Dann w\u00fcrde ich am liebsten gerade Dich mit diesen beiden H\u00e4nden mit denen ich das Papier halte und beschreibe, auffangen und hochheben. Da aber vorl\u00e4ufig gar nichts darauf hindeutet da\u00df dies einmal geschehen k\u00f6nnte, mu\u00df ich Dich nach dem heutigen Vorfall unbedingt von mir fortschicken und ich bitte Dich dringend, mich weder selbst aufzusuchen, noch brieflich oder durch Zwischentr\u00e4ger Verkehr mit mir zu suchen. Du hast Dich gegen meinen Willen daf\u00fcr entschieden, heute Abend von mir fortzugehn, dann bleibe aber auch bei diesem Entschlu\u00df Dein Leben lang, nur dann war es ein m\u00e4nnlicher Entschlu\u00df. Ich erw\u00e4hlte zum \u00dcberbringer dieser Nachricht Herrn Green, meinen besten Freund, der sicherlich f\u00fcr Dich genug schonende Worte finden wird, die mir im Augenblick tats\u00e4chlich nicht zur Verf\u00fcgung stehn. Er ist ein einflu\u00dfreicher Mann und wird Dich schon mir zu Liebe in Deinen ersten selbst\u00e4ndigen Schritten mit Rat und Tat unterst\u00fctzen. Um unsere Trennung zu begreifen, die mir jetzt am Schlusse dieses Briefes wieder unfa\u00dflich scheint, mu\u00df ich mir immer wieder neuerlich sagen: Von Deiner Familie, Karl, kommt nichts Gutes. Sollte Herr Green vergessen, Dir Deinen Koffer und Deinen Regenschirm auszuh\u00e4ndigen, so erinnere ihn daran. Mit besten W\u00fcnschen f\u00fcr Dein weiteres Wohlergehn<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dein treuer Onkel Jakob.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sind Sie fertig?&#8221; fragte Green. &#8220;Ja&#8221;, sagte Karl, &#8220;haben Sie mir den Koffer und den Regenschirm mitgebracht?&#8221; fragte Karl. &#8220;Hier ist er&#8221;, sagte Green und stellte Karls alten Reisekoffer, den er bisher mit der linken Hand hinter dem R\u00fccken versteckt hatte, neben Karl auf den Roden. &#8220;Und den Regenschirm&#8221; fragte Karl weiter. &#8220;Alles hier&#8221;, sagte Green und zog auch den Regenschirm hervor, den er in einer Hosentasche h\u00e4ngen hatte. &#8220;Die Sachen hat ein gewisser Schubal, ein Obermaschinist der Hamburg-Amerikalinie gebracht, er hat behauptet sie auf dem Schiff gefunden zu haben. Sie k\u00f6nnen ihm bei Gelegenheit danken. &#8221; &#8220;Nun habe ich wenigstens meine alten Sachen wieder&#8221;, sagte Karl und legte den Schirm auf den Koffer. &#8221; Sie sollen aber besser in Zukunft auf sie achtgeben, l\u00e4\u00dft Ihnen der Herr Senator sagen&#8221;, bemerkte Herr Green und fragte dann offenbar aus privater Neugierde: &#8220;Was ist das eigentlich f\u00fcr ein merkw\u00fcrdiger Koffer?&#8221; &#8220;Es ist ein Koffer, mit dem die Soldaten in meiner Heimat zum Milit\u00e4r einr\u00fccken&#8221;, antwortete Karl, &#8220;es ist der alte Milit\u00e4rkoffer meines Vaters. Er ist sonst ganz praktisch. &#8221; L\u00e4chelnd f\u00fcgte er hinzu: &#8220;Vorausgesetzt da\u00df man ihn nicht irgendwo stehn l\u00e4\u00dft.&#8221; &#8220;Schlie\u00dflich sind Sie ja belehrt genug&#8221;, sagte Herr Green, &#8220;und einen zweiten Onkel haben Sie in Amerika wohl nicht. Hier gebe ich Ihnen noch eine Karte Dritter nach San Francisko. Ich habe diese Reise f\u00fcr Sie beschlossen, weil erstens die Erwerbsm\u00f6glichkeiten im Osten f\u00fcr Sie viel bessere sind und weil zweitens hier in allen Dingen die f\u00fcr Sie in Betracht kommen k\u00f6nnten, Ihr Onkel seine H\u00e4nde im Spiele hat und ein Zusammentreffen unbedingt vermieden werden mu\u00df. In Frisco k\u00f6nnen Sie ganz ungest\u00f6rt arbeiten, fangen Sie nur ruhig ganz unten an und versuchen Sie sich allm\u00e4hlich heraufzuarbeiten. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl konnte keine Bosheit aus diesen Worten heraush\u00f6ren, die schlimme Nachricht, welche den ganzen Abend in Green gesteckt hatte, war \u00fcberbracht und von nun an schien Green ein ungef\u00e4hrlicher Mann, mit dem man vielleicht offener reden konnte, als mit jedem andern. Der beste Mensch, der ohne eigene Schuld zum Roten einer so geheimen und qu\u00e4lenden Entschlie\u00dfung auserw\u00e4hlt wird, mu\u00df, solange er sie bei sich h\u00e4lt, verd\u00e4chtig scheinen. &#8220;Ich werde&#8221;, sagte Karl, die Best\u00e4tigung eines erfahrenen Mannes erwartend, &#8220;dieses Haus sofort verlassen, denn ich bin nur als Neffe meines Onkels aufgenommen, w\u00e4hrend ich als Fremder hier nichts zu suchen habe. W\u00fcrden Sie so liebensw\u00fcrdig sein, mir den Ausgang zu zeigen und mich dann auf den Weg zu f\u00fchren, auf dem ich zur n\u00e4chsten Gastwirtschaft komme. &#8221; &#8220;Aber rasch&#8221;, sagte Green. &#8220;Sie machen mir nicht wenig Scherereien. &#8221; Beim Anblick des gro\u00dfen Schrittes, den Green gleich gemacht hatte, stockte Karl, das war doch eine verd\u00e4chtige Eile und er fa\u00dfte Green unten beim Rock und sagte in einem pl\u00f6tzlichen Erkennen des wahren Sachverhaltes: &#8220;Eines m\u00fcssen Sie mir noch erkl\u00e4ren. Auf dem Umschlag des Briefes, den Sie mir zu \u00fcbergeben hatten, steht blo\u00df, da\u00df ich ihn um Mitternacht erhalten soll, wo immer ich angetroffen werde. Warum haben Sie mich also mit Berufung auf diesen Brief hier zur\u00fcckgehalten, als ich um viertel zw\u00f6lf von hier fort wollte? Sie giengen dabei \u00fcber Ihren Auftrag hinaus. &#8221; Green leitete seine Antwort mit einer Handbewegung ein, welche das Unn\u00fctze von Karls Bemerkung \u00fcbertrieben darstellte, und sagte dann: &#8220;Steht vielleicht auf dem Umschlag da\u00df ich mich Ihretwegen zu Tode hetzen soll und l\u00e4\u00dft vielleicht der Inhalt des Briefes darauf schlie\u00dfen, da\u00df die Aufschrift so aufzufassen ist? H\u00e4tte ich Sie nicht zur\u00fcckgehalten, h\u00e4tte ich Ihnen den Brief eben um Mitternacht auf der Landstra\u00dfe \u00fcbergeben m\u00fcssen.&#8221; &#8220;Nein&#8221;, sagte Karl unbeirrt, &#8220;es ist nicht ganz so. Auf dem Umschlag steht &gt;zu \u00fcbergeben nach Mitternacht&lt;. Wenn Sie zu m\u00fcde waren, h\u00e4tten Sie mir vielleicht gar nicht folgen k\u00f6nnen, oder ich w\u00e4re, was allerdings selbst Herr Pollunder geleugnet hat, schon um Mitternacht bei meinem Onkel angekommen oder es w\u00e4re schlie\u00dflich Ihre Pflicht gewesen, mich in Ihrem Automobil, von dem pl\u00f6tzlich nicht mehr die Rede war, zu meinem Onkel zur\u00fcckzubringen, da ich so danach verlangte, zur\u00fcckzukehren. Besagt nicht die \u00dcberschrift ganz deutlich, da\u00df die Mitternacht f\u00fcr mich noch der letzte Termin sein soll? Und Sie sind es, der die Schuld tr\u00e4gt, da\u00df ich ihn vers\u00e4umt habe. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl sah Green mit scharfen Augen an und erkannte wohl wie in Green die Besch\u00e4mung \u00fcber diese Entlarvung mit der Freude \u00fcber das Gelingen seiner Absicht k\u00e4mpfte. Endlich nahm er sich zusammen, sagte in einem Tone, als w\u00e4re er Karl, der doch schon lange schwieg, mitten in die Rede gefallen: &#8220;Kein Wort weiter!&#8221; und schob ihn, der den Koffer und Schirm wieder aufgenommen hatte, durch eine kleine T\u00fcr, die er vor ihm aufstie\u00df, hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl stand erstaunt im Freien. Eine an das Haus angebaute Treppe ohne Gel\u00e4nder f\u00fchrte vor ihm hinab. Er mu\u00dfte nur hinunter gehn und dann sich ein wenig rechts zur Allee wenden, die auf die Landstra\u00dfe f\u00fchrte. In dem hellen Mondschein konnte man sich gar nicht verirren. Unten im Garten h\u00f6rte er das vielfache Bellen von Hunden, die losgelassen ringsherum im Dunkel der B\u00e4ume liefen. Man h\u00f6rte in der sonstigen Stille ganz genau wie sie nach ihren gro\u00dfen Spr\u00fcngen ins Gras schlugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ohne von diesen Hunden bel\u00e4stigt zu werden, kam Karl gl\u00fccklich aus dem Garten. Er konnte nicht mit Bestimmtheit feststellen, in welcher Richtung Newyork lag, er hatte bei der Herfahrt zu wenig auf die Einzelheiten geachtet, die ihm jetzt h\u00e4tten n\u00fctzlich sein k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich sagte er sich, da\u00df er ja nicht unbedingt nach NewYork m\u00fcsse, wo ihn niemand erwarte und einer sogar mit Bestimmtheit nicht erwarte. Er w\u00e4hlte also eine beliebige Richtung und machte sich auf den Weg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Wir sind angekommen&#8221;, sagte Herr Pollunder gerade in einem von Karls verlorenen Momenten. Das Automobil stand vor einem Landhaus, das, nach der Art von Landh\u00e4usern reicher Leute in der Umgebung Newyorks, umfangreicher und h\u00f6her war, als es sonst f\u00fcr ein Landhaus n\u00f6tig ist, das blo\u00df einer Familie dienen soll. Da nur der untere Teil des [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":248,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"pagelayer_contact_templates":[],"_pagelayer_content":"","footnotes":""},"class_list":["post-251","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/251","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=251"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/251\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":271,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/251\/revisions\/271"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/248"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=251"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}