{"id":252,"date":"2026-06-23T22:41:23","date_gmt":"2026-06-23T22:41:23","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?page_id=252"},"modified":"2026-06-23T22:43:04","modified_gmt":"2026-06-23T22:43:04","slug":"der-marsch-nach-ramses","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/der-verschollene\/der-marsch-nach-ramses\/","title":{"rendered":"IV &#8211; Der Marsch nach Ramses"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dem kleinen Wirtshaus, in das Karl nach kurzem Marsche kam, und das eigentlich nur eine kleine letzte Station des Newyorker Fuhrwerkverkehrs bildete und deshalb kaum f\u00fcr Nachtlager ben\u00fctzt zu werden pflegte, verlangte Karl die billigste Bettstelle, die zu haben war, denn er glaubte mit dem Sparen sofort anfangen zu m\u00fcssen. Er wurde seiner Forderung entsprechend vom Wirt mit einem Wink, als sei er ein Angestellter, die Treppe hinaufgewiesen, wo ihn ein zerrauftes altes Frauenzimmer, \u00e4rgerlich \u00fcber den gest\u00f6rten Schlaf, empfieng und fast ohne ihn anzuh\u00f6ren mit ununterbrochenen Ermahnungen leise aufzutreten, in ein Zimmer f\u00fchrte, dessen T\u00fcr sie, nicht ohne ihn vorher mit einem Pst! angehaucht zu haben, schlo\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl wu\u00dfte zuerst nicht recht, ob die Fenstervorh\u00e4nge blo\u00df herabgelassen waren oder ob vielleicht das Zimmer \u00fcberhaupt keine Fenster habe, so finster war es; schlie\u00dflich bemerkte er eine kleine verh\u00e4ngte Luke, deren Tuch er wegzog, wodurch einiges Licht hereinkam. Das Zimmer hatte zwei Betten, die aber beide schon besetzt waren. Karl sah dort zwei junge Leute, die in schwerem Schlafe dalagen und vor allem deshalb wenig vertrauensw\u00fcrdig erschienen, weil sie ohne verst\u00e4ndlichen Grund angezogen schliefen, der eine hatte sogar seine Stiefel an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dem Augenblick, als Karl die Luke freigelegt hatte, hob einer der Schl\u00e4fer die Arme und Beine ein wenig in die H\u00f6he, was einen derartigen Anblick bot, da\u00df Karl trotz seiner Sorgen in sich hineinlachte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er sah bald ein, da\u00df er, abgesehen davon, da\u00df auch keine andere Schlafgelegenheit, weder Kanapee noch Sopha, vorhanden war, zu keinem Schlafe werde kommen k\u00f6nnen, denn er durfte seinen erst wiedergewonnenen Koffer und das Geld, das er bei sich trug, keiner Gefahr aussetzen. Weggehn aber wollte er auch nicht, denn er getraute sich nicht, an der Zimmerfrau und dem Wirt vor\u00fcber das Haus wieder gleich zu verlassen. Schlie\u00dflich war es ja hier doch vielleicht nicht unsicherer als auf der Landstra\u00dfe. Auffallend war freilich, da\u00df im ganzen Zimmer, soweit sich das bei dem halben Licht feststellen lie\u00df, kein einziges Gep\u00e4ckst\u00fcck zu entdecken war. Aber vielleicht und h\u00f6chstwahrscheinlich waren die zwei jungen Leute die Hausdiener, die der G\u00e4ste wegen bald aufstehn mu\u00dften und deshalb angezogen schliefen. Dann war es allerdings nicht besonders ehrenvoll mit ihnen zu schlafen, aber desto ungef\u00e4hrlicher. Nur durfte er sich aber, solange das wenigstens nicht au\u00dfer jedem Zweifel war, auf keinen Fall zum Schlafe niederlegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unten vor dem einen Bett stand eine Kerze mit Z\u00fcndh\u00f6lzchen, die sich Karl mit schleichenden Schritten holte. Er hatte keine Bedenken Licht zu machen, denn das Zimmer geh\u00f6rte nach Auftrag des Wirtes ihm ebenso gut wie den zwei andern, die \u00fcberdies den Schlaf der halben Nacht schon genossen hatten und durch den Besitz der Betten ihm gegen\u00fcber in unvergleichlichem Vorteil waren. Im \u00fcbrigen gab er sich nat\u00fcrlich durch Vorsicht beim Herumgehn und Hantieren alle M\u00fche, sie nicht zu wecken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zun\u00e4chst wollte er seinen Koffer untersuchen um einmal einen \u00dcberblick \u00fcber seine Sachen zu bekommen, an die er sich schon nur undeutlich erinnerte und von denen sicher das Wertvollste schon verlorengegangen sein d\u00fcrfte. Denn wenn der Schubal seine Hand auf etwas legt, dann ist wenig Hoffnung, da\u00df man es unbesch\u00e4digt zur\u00fcckbekommt. Allerdings hatte er vom Onkel ein gro\u00dfes Trinkgeld erwarten k\u00f6nnen, w\u00e4hrend er aber anderseits wieder beim Fehlen einzelner Objekte sich auf den eigentlichen Kofferw\u00e4chter, den Herrn Butterbaum hatte ausreden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber den ersten Anblick beim \u00d6ffnen des Koffers war Karl entsetzt. Wieviele Stunden hatte er w\u00e4hrend der \u00dcberfahrt darauf verwendet, den Koffer zu ordnen und wieder neu zu ordnen und jetzt war alles so wild durcheinander hineingestopft, da\u00df der Deckel beim \u00d6ffnen des Schlosses von selbst in die H\u00f6he sprang. Bald aber erkannte Karl zu seiner Freude, da\u00df diese Unordnung nur darin ihren Grund hatte, da\u00df man seinen Anzug den er w\u00e4hrend der Fahrt getragen hatte, und f\u00fcr den der Koffer nat\u00fcrlich nicht mehr berechnet gewesen war, nachtr\u00e4glich mit eingepackt hatte. Nicht das geringste fehlte. In der Geheimtasche des Rockes befand sich nicht nur der Pa\u00df sondern auch das von zuhause mitgenommene Geld, soda\u00df Karl, wenn er jenes, das er bei sich hatte, dazu legte, mit Geld f\u00fcr den Augenblick reichlich versehen war. Auch die W\u00e4sche, die er bei seiner Ankunft auf dem Leib getragen hatte, fand sich vor, rein gewaschen und geb\u00fcgelt. Er legte auch sofort Uhr und Geld in die bew\u00e4hrte Geheimtasche. Das einzig Bedauerliche war, da\u00df die Veroneser Salami, die auch nicht fehlte, allen Sachen ihren Geruch mitgeteilt hatte. Wenn sich das nicht durch irgendein Mittel beseitigen lie\u00df, hatte Karl die Aussicht monatelang in diesen Geruch eingeh\u00fcllt herumzugehn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Hervorsuchen einiger Gegenst\u00e4nde die zu unterst lagen, es waren dies eine Taschenbibel, Briefpapier und die Photographien der Eltern, fiel ihm die M\u00fctze vom Kopf und in den Koffer. In ihrer alten Umgebung erkannte er sie sofort, es war seine M\u00fctze, die M\u00fctze, die ihm die Mutter als Reisem\u00fctze mitgegeben hatte. Er hatte jedoch aus Vorsicht diese M\u00fctze auf dem Schiff nicht getragen, da er wu\u00dfte, da\u00df man in Amerika allgemein M\u00fctzen statt H\u00fcte tr\u00e4gt, weshalb er die seine nicht schon vor der Ankunft hatte abn\u00fctzen wollen. Nun hatte sie allerdings Herr Green dazu ben\u00fctzt um sich auf Karls Kosten zu belustigen. Ob ihm dazu vielleicht der Onkel auch den Auftrag gegeben hatte? Und in einer unabsichtlichen w\u00fctenden Bewegung fa\u00dfte er den Kofferdeckel, der laut zuklappte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun war keine Hilfe mehr, die beiden Schl\u00e4fer waren geweckt. Zuerst streckte sich und g\u00e4hnte der eine, ihm folgte gleich der andere. Dabei war fast der ganze Kofferinhalt auf dem Tisch ausgesch\u00fcttet, wenn es Diebe waren, brauchten sie nur heranzutreten und auszuw\u00e4hlen. Nicht nur um dieser M\u00f6glichkeit zuvorzukommen sondern um auch sonst gleich Klarheit zu schaffen, gieng Karl mit der Kerze in der Hand zu den Betten und erkl\u00e4rte, mit welchem Rechte er hier sei. Sie schienen diese Erkl\u00e4rung gar nicht erwartet zu haben, denn noch viel zu verschlafen, um reden zu k\u00f6nnen, sahen sie ihn blo\u00df ohne jedes Erstaunen an. Sie waren beide sehr junge Leute, aber schwere Arbeit oder Not hatten ihnen vorzeitig die Knochen aus den Gesichtern vorgetrieben, unordentliche B\u00e4rte hiengen ihnen ums Kinn, ihr schon lange nicht geschnittenes Haar lag ihnen zerfahren auf dem Kopf und ihre tiefliegenden Augen rieben und dr\u00fcckten sie nun noch vor Verschlafenheit mit den Fingerkn\u00f6cheln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl wollte ihren augenblicklichen Schw\u00e4chezustand ausn\u00fctzen und sagte deshalb: &#8220;Ich hei\u00dfe Karl Ro\u00dfmann und bin ein Deutscher. Bitte sagen Sie mir, da wir doch ein gemeinsames Zimmer haben, auch Ihren Namen und Ihre Nationalit\u00e4t. Ich erkl\u00e4re nur noch gleich, da\u00df ich keinen Anspruch auf ein Bett erhebe, da ich so sp\u00e4t gekommen bin und \u00fcberhaupt nicht die Absicht habe zu schlafen. Au\u00dferdem m\u00fcssen Sie sich nicht an meinem sch\u00f6nen Kleid sto\u00dfen, ich bin vollst\u00e4ndig arm und ohne Aussichten. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kleinere von beiden \u2013 es war jener der die Stiefel anhatte \u2013 deutete mit Armen, Beinen und Mienen an, da\u00df ihn das alles gar nicht interessiere und da\u00df jetzt \u00fcberhaupt keine Zeit f\u00fcr derartige Redensarten sei, legte sich nieder und schlief sofort; der andere, ein dunkelh\u00e4utiger Mann, legte sich auch wieder nieder, sagte aber noch vor dem Einschlafen mit l\u00e4ssig ausgestreckter Hand: &#8220;Der da hei\u00dft Robinson und ist Irl\u00e4nder, ich hei\u00dfe Delamarche, bin Franzose und bitte jetzt um Ruhe.&#8221; Kaum hatte er das gesagt, blies er mit gro\u00dfem Atemaufwand Karls Kerze aus und fiel auf das Kissen zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Diese Gefahr ist also vorl\u00e4ufig abgewehrt&#8221;, sagte sich Karl und kehrte zum Tisch zur\u00fcck. Wenn ihre Schl\u00e4frigkeit nicht Vorwand war, war ja alles gut. Unangenehm war blo\u00df, da\u00df der eine ein Irl\u00e4nder war. Karl wu\u00dfte nicht mehr genau, in was f\u00fcr einem Buch er einmal zuhause gelesen hatte, da\u00df man sich in Amerika vor den Irl\u00e4ndern h\u00fcten solle. W\u00e4hrend seines Aufenthaltes beim Onkel h\u00e4tte er freilich die beste Gelegenheit gehabt, der Frage nach der Gef\u00e4hrlichkeit der Irl\u00e4nder auf den Grund zu gehn, hatte dies aber, weil er sich f\u00fcr immer gut aufgehoben geglaubt hatte, v\u00f6llig vers\u00e4umt. Nun wollte er wenigstens mit der Kerze, die er wieder angez\u00fcndet hatte, diesen Irl\u00e4nder genauer ansehn, wobei er fand, da\u00df gerade dieser ertr\u00e4glicher aussah, als der Franzose. Er hatte sogar noch eine Spur von runden Wangen und l\u00e4chelte im Schlaf ganz freundlich, soweit das Karl aus einiger Entfernung, auf den Fu\u00dfspitzen stehend feststellen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz allem fest entschlossen, nicht zu schlafen, setzte sich Karl auf den einzigen Sessel des Zimmers, verschob vorl\u00e4ufig das Packen des Koffers, da er ja daf\u00fcr die ganze Nacht noch verwenden konnte und bl\u00e4tterte ein wenig in der Bibel, ohne etwas zu lesen. Dann nahm er die Photographie der Eltern zur Hand, auf der der kleine Vater hoch aufgerichtet stand, w\u00e4hrend die Mutter in dem Fauteuil vor ihm ein wenig eingesunken dasa\u00df. Die eine Hand hielt der Vater auf der R\u00fcckenlehne des Fauteuils, die andere zur Faust geballt, auf einem illustrierten Buch, das aufgeschlagen auf einem schwachen Schmucktischchen ihm zur Seite lag. Es gab auch eine Photographie, auf welcher Karl mit seinen Eltern abgebildet war, Vater und Mutter sahen ihn dort scharf an, w\u00e4hrend er nach dem Auftrag des Photographen den Apparat hatte anschauen m\u00fcssen. Diese Photographie hatte er aber auf die Reise nicht mitbekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Desto genauer sah er die vor ihm liegende an und suchte von verschiedenen Seiten den Blick des Vaters aufzufangen. Aber der Vater wollte, wie er auch den Anblick durch verschiedene Kerzenstellungen \u00e4nderte, nicht lebendiger werden, sein wagrechter starker Schnurrbart sah der Wirklichkeit auch gar nicht \u00e4hnlich, es war keine gute Aufnahme. Die Mutter dagegen war schon besser abgebildet, ihr Mund war so verzogen, als sei ihr ein Leid angetan worden und als zwinge sie sich zu l\u00e4cheln. Karl schien es, als m\u00fcsse dies jedem der das Bild ansah, so sehr auffallen, da\u00df es ihm im n\u00e4chsten Augenblick wieder schien, die Deutlichkeit dieses Eindrucks sei zu stark und fast widersinnig. Wie k\u00f6nne man von einem Bild so sehr die unumst\u00f6\u00dfliche \u00dcberzeugung eines verborgenen Gef\u00fchls des Abgebildeten erhalten. Und er sah vom Bild ein Weilchen lang weg. Als er mit den Blicken wieder zur\u00fcckkehrte, fiel ihm die Hand der Mutter auf, die ganz vorn an der Lehne des Fauteuils herabhieng, zum K\u00fcssen nahe. Er dachte ob es nicht vielleicht doch gut w\u00e4re, den Eltern zu schreiben, wie sie es ja tats\u00e4chlich beide und der Vater zuletzt sehr streng in Hamburg von ihm verlangt hatten. Er hatte sich freilich, damals, als ihm die Mutter am Fenster an einem schrecklichen Abend die Amerika-Reise angek\u00fcndigt hatte, unab\u00e4nderlich zugeschworen, niemals zu schreiben, aber was galt ein solcher Schwur eines unerfahrenen Jungen hier in den neuen Verh\u00e4ltnissen. Ebenso gut h\u00e4tte er damals schw\u00f6ren k\u00f6nnen, da\u00df er nach zwei Monaten amerikanischen Aufenthaltes General der amerikanischen Miliz sein werde, w\u00e4hrend er tats\u00e4chlich in einer Dachkammer mit zwei Lumpen beisammen war, in einem Wirtshaus vor Newyork und au\u00dferdem zugeben mu\u00dfte, da\u00df er hier wirklich an seinem Platze war. Und l\u00e4chelnd pr\u00fcfte er die Gesichter der Eltern, als k\u00f6nne man aus ihnen erkennen, ob sie noch immer das Verlangen hatten, eine Nachricht von ihrem Sohn zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Anschauen merkte er bald, da\u00df er doch sehr m\u00fcde war und kaum die Nacht werde durchwachen k\u00f6nnen. Das Bild entfiel seinen H\u00e4nden, dann legte er das Gesicht auf das Bild, dessen K\u00fchle seiner Wange wohltat und mit einem angenehmen Gef\u00fchle schlief er ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geweckt wurde er fr\u00fch durch ein Kitzeln unter der Achsel. Es war der Franzose, der sich diese Zudringlichkeit erlaubte. Aber auch der Irl\u00e4nder stand schon vor Karls Tisch und beide sahen ihn mit keinem geringern Interesse an, als es Karl in der Nacht ihnen gegen\u00fcber getan hatte. Karl wunderte sich nicht dar\u00fcber, da\u00df ihn ihr Aufstehn nicht schon geweckt hatte; sie mu\u00dften durchaus nicht aus b\u00f6ser Absicht besonders leise aufgetreten sein, denn er hatte tief geschlafen und au\u00dferdem hatte ihnen das Anziehn und offenbar auch das Waschen nicht viel Arbeit gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun begr\u00fc\u00dften sie einander ordentlich und mit einer gewissen F\u00f6rmlichkeit und Karl erfuhr, da\u00df die zwei Maschinenschlosser waren, die in Newyork schon lange Zeit keine Arbeit hatten bekommen k\u00f6nnen und infolgedessen ziemlich heruntergekommen waren. Robinson \u00f6ffnete zum Beweise dessen seinen Rock und man konnte sehn, da\u00df kein Hemd da war, was man allerdings auch schon an dem lose sitzenden Kragen h\u00e4tte erkennen k\u00f6nnen, der hinten am Rock befestigt war. Sie hatten die Absicht in das zwei Tagereisen von Newyork entfernte St\u00e4dtchen Butterford zu marschieren, wo angeblich Arbeitsstellen frei waren. Sie hatten nichts dagegen, da\u00df Karl mitkomme und versprachen ihm erstens zeitweilig seinen Koffer zu tragen und zweitens, falls sie selbst Arbeit bekommen sollten, ihm eine Lehrlingsstelle zu verschaffen, was wenn nur \u00fcberhaupt Arbeit vorhanden sei, eine Leichtigkeit w\u00e4re. Karl hatte noch kaum zugestimmt als sie ihm schon freundschaftlich den Rat gaben, das sch\u00f6ne Kleid auszuziehn, da es ihm bei jeder Bewerbung um eine Stelle hinderlich sein werde. Gerade in diesem Hause sei eine gute Gelegenheit das Kleid los zu werden, denn die Zimmerfrau betreibe einen Kleiderhandel. Sie halfen Karl, der auch r\u00fccksichtlich des Kleides noch nicht ganz entschlossen war, aus dem Kleid heraus und trugen es davon. Als Karl, allein gelassen und noch ein wenig schlaftrunken, sein altes Reisekleid langsam anzog, machte er sich Vorw\u00fcrfe das Kleid verkauft zu haben, das ihm vielleicht bei der Bewerbung um eine Lehrlingsstelle schaden, um einen bessern Posten aber nur n\u00fctzen konnte und er \u00f6ffnete die T\u00fcr, um die zwei zur\u00fcck zu rufen, stie\u00df aber schon mit ihnen zusammen, die einen halben Dollar als Erl\u00f6s auf den Tisch legten, dabei aber so fr\u00f6hliche Gesichter machten, da\u00df man sich unm\u00f6glich dazu \u00fcberreden konnte, sie h\u00e4tten bei dem Verkauf nicht auch ihren Verdienst gehabt undzwar einen \u00e4rgerlich gro\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war \u00fcbrigens keine Zeit sich dar\u00fcber auszusprechen, denn die Zimmerfrau kam herein, genau so verschlafen, wie in der Nacht, und trieb alle drei auf den Gang hinaus mit der Erkl\u00e4rung, da\u00df das Zimmer f\u00fcr neue G\u00e4ste hergerichtet werden m\u00fcsse. Davon war aber nat\u00fcrlich keine Rede, sie handelte nur aus Bosheit. Karl der seinen Koffer gerade hatte ordnen wollen, mu\u00dfte zusehn, wie die Frau seine Sachen mit beiden H\u00e4nden packte und mit einer Kraft in den Koffer warf, als seien es irgendwelche Tiere, die man zum Kuschen bringen mu\u00dfte. Die beiden Schlosser machten sich zwar um sie zu schaffen, zupften sie an ihrem Rock, beklopften ihren R\u00fccken, aber wenn sie die Absicht hatten Karl damit zu helfen, so war das ganz verfehlt. Als die Frau den Koffer zugeklappt hatte, dr\u00fcckte sie Karl den Halter in die Hand, sch\u00fcttelte die Schlosser ab, und jagte alle drei mit der Drohung aus dem Zimmer, da\u00df sie, wenn sie nicht folgten, keinen Kaffee bekommen w\u00fcrden. Die Frau mu\u00dfte offenbar g\u00e4nzlich daran vergessen haben, da\u00df Karl nicht von allem Anfang an zu den Schlossern geh\u00f6rt hatte, denn sie behandelte sie als eine einzige Bande. Allerdings hatten die Schlosser Karls Kleid ihr verkauft und damit eine gewisse Gemeinsamkeit erwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Gange mu\u00dften sie lange hin und her gehn und besonders der Franzose, der sich in Karl eingeh\u00e4ngt hatte, schimpfte ununterbrochen, drohte den Wirt, wenn er sich vorwagen sollte, niederzuboxen und es schien eine Vorbereitung dazu zu sein, da\u00df er die geballten F\u00e4uste rasend an einander rieb. Endlich kam ein unschuldiger kleiner Junge, der sich strecken mu\u00dfte als er dem Franzosen die Kaffeekanne reichte. Leider war nur eine Kanne vorhanden und man konnte dem Jungen nicht begreiflich machen, da\u00df noch Gl\u00e4ser erw\u00fcnscht w\u00e4ren. So konnte immer nur einer trinken und die zwei andern standen vor ihm und warteten. Karl hatte keine Lust zu trinken, wollte aber die andern nicht kr\u00e4nken und stand also, wenn er an der Reihe war unt\u00e4tig da, die Kanne an den Lippen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Abschied warf der Irl\u00e4nder die Kanne auf die steinernen Fliesen hin, sie verlie\u00dfen von niemandem gesehn das Haus und traten in den dichten gelblichen Morgennebel. Sie marschierten im allgemeinen still nebeneinander am Rande der Stra\u00dfe, Karl mu\u00dfte seinen Koffer tragen, die andern w\u00fcrden ihn wahrscheinlich erst auf seine Bitte abl\u00f6sen, hie und da scho\u00df ein Automobil aus dem Nebel und die drei drehten ihre K\u00f6pfe nach den meist riesenhaften Wagen, die so auff\u00e4llig in ihrem Bau und so kurz in ihrer Erscheinung waren, da\u00df man nicht Zeit hatte, auch nur das Vorhandensein von Insassen zu bemerken. Sp\u00e4ter begannen die Kolonnen der Fuhrwerke, welche Lebensmittel nach New York brachten, und die in f\u00fcnf die ganze Breite der Stra\u00dfe einnehmenden Reihen so ununterbrochen dahinzogen, da\u00df niemand die Stra\u00dfe h\u00e4tte \u00fcberqueren k\u00f6nnen. Von Zeit zu Zeit verbreiterte sich die Stra\u00dfe zu einem Platz, in dessen Mitte auf einer turmartigen Erh\u00f6hung ein Polizist auf und ab schritt, um alles \u00fcbersehen und mit einem St\u00f6ckchen den Verkehr auf der Hauptstra\u00dfe sowie den von den Seitenstra\u00dfen hier einm\u00fcndenden Verkehr ordnen zu k\u00f6nnen, der dann bis zum n\u00e4chsten Platze und zum n\u00e4chsten Policisten unbeaufsichtigt blieb, aber von den schweigenden und aufmerksamen Kutschern und Chauffeuren freiwillig in gen\u00fcgender Ordnung gehalten wurde. \u00dcber die allgemeine Ruhe staunte Karl am meisten. W\u00e4re nicht das Geschrei der sorglosen Schlachttiere gewesen, man h\u00e4tte vielleicht nichts geh\u00f6rt als das Klappern der Hufe und das Sausen der Antiderapants. Dabei war die Fahrtschnelligkeit nat\u00fcrlich nicht immer die gleiche. Wenn auf einzelnen Pl\u00e4tzen infolge allzu gro\u00dfen Andranges von den Seiten gro\u00dfe Umstellungen vorgenommen werden mu\u00dften, stockten die ganzen Reihen und fuhren nur Schritt f\u00fcr Schritt, dann aber kam es auch wieder vor, da\u00df f\u00fcr ein Weilchen alles blitzschnell vorbeijagte, bis es wie von einer einzigen Bremse regiert sich wieder bes\u00e4nftigte. Dabei stieg von der Stra\u00dfe nicht der geringste Staub auf, alles bewegte sich in der klarsten Luft. Fu\u00dfg\u00e4nger gab es keine, hier wanderten keine einzelnen Marktweiber zur Stadt, wie in Karls Heimat, aber doch erschienen hie und da gro\u00dfe flache Automobile, auf denen an zwanzig Frauen mit R\u00fcckenk\u00f6rben, also doch vielleicht Marktweiber, standen und die H\u00e4lse streckten, um den Verkehr zu \u00fcberblicken und sich Hoffnung auf raschere Fahrt zu holen. Dann sah man \u00e4hnliche Automobile, auf denen einzelne M\u00e4nner die H\u00e4nde in den Hosentaschen herumspazierten. Auf einem dieser Automobile die verschiedene Aufschriften trugen, las Karl unter einem kleinen Aufschrei &#8220;Hafenarbeiter f\u00fcr die Spedition Jakob aufgenommen&#8221;. Der Wagen fuhr gerade ganz langsam und ein auf der Wagentreppe stehender kleiner geb\u00fcckter lebhafter Mann lud die drei Wanderer zum Einsteigen ein. Karl fl\u00fcchtete sich hinter die Schlosser, als k\u00f6nne sich auf dem Wagen der Onkel befinden und ihn sehn. Er war froh, da\u00df auch die zwei die Einladung ablehnten, wenn ihn auch der hochm\u00fctige Gesichtsausdruck gewisserma\u00dfen kr\u00e4nkte, mit dem sie das taten. Sie mu\u00dften durchaus nicht glauben, da\u00df sie zu gut waren, um in die Dienste des Onkels zu treten. Er gab es ihnen, wenn auch nat\u00fcrlich nicht ausdr\u00fccklich, sofort zu verstehn. Darauf bat ihn Delamarche sich gef\u00e4lligst nicht in Sachen einzumischen, die er nicht verstehe, diese Art Leute aufzunehmen sei ein sch\u00e4ndlicher Betrug und die Firma Jakob sei ber\u00fcchtigt in den ganzen Vereinigten Staaten. Karl antwortete nicht, hielt sich aber von nun an mehr an den Irl\u00e4nder, er bat ihn auch ihm jetzt ein wenig den Koffer zu tragen, was dieser nachdem Karl seine Bitte mehrmals wiederholt hatte, auch tat. Nur klagte er ununterbrochen \u00fcber die Schwere des Koffers, bis es sich zeigte, da\u00df er nur die Absicht hatte, den Koffer um die Veroneser Salami zu erleichtern, die ihm wohl schon im Hotel angenehm aufgefallen war. Karl mu\u00dfte sie auspacken, der Franzose nahm sie zu sich, um sie mit seinem dolchartigen Messer zu behandeln und fast ganz allein aufzuessen. Robinson bekam nur hie und da eine Schnitte, Karl dagegen, der wieder den Koffer tragen mu\u00dfte, wenn er ihn nicht auf der Landstra\u00dfe stehen lassen wollte, bekam nichts, als h\u00e4tte er seinen Anteil schon im Voraus sich genommen. Es schien ihm zu kleinlich, um ein St\u00fcckchen zu betteln, aber die Galle regte sich ihm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aller Nebel war schon verschwunden, in der Ferne ergl\u00e4nzte ein hohes Gebirge, das mit welligem Kamm in noch ferneren Sonnendunst f\u00fchrte. An der Seite der Stra\u00dfe lagen schlecht bebaute Felder, die sich um gro\u00dfe Fabriken hinzogen, die dunkel angeraucht im freien Lande standen. In den wahllos hingestellten einzelnen Mietskasernen zitterten die vielen Fenster in der mannigfaltigsten Bewegung und Beleuchtung und auf allen den kleinen schwachen Balkonen hatten Frauen und Kinder vielerlei zu tun, w\u00e4hrend um sie herum, sie verdeckend und enth\u00fcllend, aufgeh\u00e4ngte und hingelegte T\u00fccher und W\u00e4schest\u00fccke im Morgenwind flatterten und m\u00e4chtig sich bauschten. Glitten die Blicke von den H\u00e4usern ab, dann sah man Lerchen hoch am Himmel fliegen und unten wieder die Schwalben nicht allzuweit \u00fcber den K\u00f6pfen der Fahrenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vieles erinnerte Karl an seine Heimat und er wu\u00dfte nicht, ob er gut daran tue, New-York zu verlassen und in das Innere des Landes zu gehn. In New-York war das Meer und zu jeder Zeit die M\u00f6glichkeit der R\u00fcckkehr in die Heimat. Und so blieb er stehn und sagte zu seinen beiden Begleitern, er habe doch wieder Lust in New York zu bleiben. Und als Delamarche ihn einfach weitertreiben wollte, lie\u00df er sich nicht treiben und sagte, da\u00df er doch wohl noch das Recht habe \u00fcber sich zu entscheiden. Der Irl\u00e4nder mu\u00dfte erst vermitteln und erkl\u00e4ren, da\u00df Butterford viel sch\u00f6ner als Newyork sei und beide mu\u00dften ihn noch sehr bitten, ehe er wieder weiter gieng. Und selbst dann w\u00e4re er noch nicht gegangen, wenn er sich nicht gesagt h\u00e4tte, da\u00df es f\u00fcr ihn vielleicht besser sei, an einen Ort zu kommen, wo die M\u00f6glichkeit der R\u00fcckkehr in die Heimat keine so leichte sei. Gewi\u00df werde er dort besser arbeiten und vorw\u00e4rtskommen, da ihn keine unn\u00fctzen Gedanken hindern werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und nun war er es, der die beiden andern zog und sie freuten sich so sehr \u00fcber seinen Eifer, da\u00df sie ohne sich erst bitten zu lassen, den Koffer abwechselnd trugen und Karl gar nicht recht verstand, womit er ihnen eigentlich diese gro\u00dfe Freude verursache. Sie kamen in eine ansteigende Gegend und wenn sie hie und da stehen blieben, konnten sie beim R\u00fcckblick das Panorama New Yorks und seines Hafens immer ausgedehnter sich entwickeln sehn. Die Br\u00fccke, die New York mit Boston verbindet hieng zart \u00fcber den Hudson und sie erzitterte, wenn man die Augen klein machte. Sie schien ganz ohne Verkehr zu sein und unter ihr spannte sich das unbelebte glatte Wasserband. Alles in beiden Riesenst\u00e4dten schien leer und nutzlos aufgestellt. Unter den H\u00e4usern gab es kaum einen Unterschied zwischen den gro\u00dfen und den kleinen. In der unsichtbaren Tiefe der Stra\u00dfen gieng wahrscheinlich das Leben fort nach seiner Art, aber \u00fcber ihnen war nichts zu sehen, als leichter Dunst, der sich zwar nicht bewegte, aber ohne M\u00fche zu verjagen schien. Selbst in dem Hafen, dem gr\u00f6\u00dften der Welt, war Ruhe eingekehrt und nur hie und da glaubte man, wohl beeinflu\u00dft von der Erinnerung an einen fr\u00fcheren Anblick aus der N\u00e4he, ein Schiff zu sehn, das eine kurze Strecke sich fortschob. Aber man konnte ihm auch nicht lange folgen, es entgieng den Augen und war nicht mehr zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber Delamarche und Robinson sahen offenbar viel mehr, sie zeigten rechts und links und \u00fcberw\u00f6lbten mit den ausgestreckten H\u00e4nden Pl\u00e4tze und G\u00e4rten die sie mit Namen benannten. Sie konnten es nicht begreifen, da\u00df Karl \u00fcber zwei Monate in New York gewesen war und kaum etwas anderes von der Stadt gesehen hatte, als eine Stra\u00dfe. Und sie versprachen ihm, wenn sie in Butterford genug verdient h\u00e4tten, mit ihm nach New York zu gehn und ihm alles Sehenswerte zu zeigen und ganz besonders nat\u00fcrlich jene \u00d6rtlichkeiten, wo man sich bis zum Seligwerden unterhielt. Und Robinson begann im Anschlu\u00df daran mit vollem Mund ein Lied zu singen, das Delamarche mit H\u00e4ndeklatschen begleitete, das Karl als eine Operettenmelodie aus seiner Heimat erkannte die ihm hier mit dem englischen Text viel besser gefiel, als sie ihm je zuhause gefallen hatte. So gab es eine kleine Vorstellung im Freien, an der alle Anteil nahmen, nur die Stadt unten, die sich angeblich bei dieser Melodie unterhielt, schien gar nichts davon zu wissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einmal fragte Karl, wo denn die Spedition Jakob liege, und sofort sah er Delamarches und Robinsons ausgestreckte Zeigefinger, vielleicht auf den gleichen, vielleicht auf meilenweit entfernte Punkte gerichtet. Als sie dann weitergiengen, fragte Karl, wann sie fr\u00fchestens mit gen\u00fcgendem Verdienst nach New York zur\u00fcckkehren k\u00f6nnten. Delamarche sagte, das k\u00f6nne schon ganz gut in einem Monat sein, denn in Butterford sei Arbeitermangel und die L\u00f6hne seien hoch. Nat\u00fcrlich w\u00fcrden sie ihr Geld in eine gemeinsame Kassa legen, damit zuf\u00e4llige Unterschiede im Verdienst unter ihnen als Kameraden ausgeglichen w\u00fcrden. Die gemeinsame Kassa gefiel Karl nicht, trotzdem er als Lehrling nat\u00fcrlich weniger verdienen w\u00fcrde, als ausgelernte Arbeiter. \u00dcberdies erw\u00e4hnte Robinson, da\u00df sie nat\u00fcrlich wenn in Butterford keine Arbeit w\u00e4re, weiter wandern m\u00fc\u00dften, entweder um als Landarbeiter irgendwo unterzukommen oder vielleicht nach Kalifornien in die Goldw\u00e4schereien zu gehn, was nach Robinsons ausf\u00fchrlichen Erz\u00e4hlungen zu schlie\u00dfen, sein liebster Plan war. &#8220;Warum sind Sie denn Schlosser geworden, wenn Sie jetzt in die Goldw\u00e4schereien wollen? &#8221; fragte Karl, der ungern von der Notwendigkeit solcher weiter unsicherer Reisen h\u00f6rte. &#8220;Warum ich Schlosser geworden bin?&#8221; sagte Robinson, &#8220;doch gewi\u00df nicht deshalb, damit meiner Mutter Sohn dabei verhungert. In den Goldw\u00e4schereien ist ein feiner Verdienst. &#8221; &#8220;War einmal&#8221;, sagte Delamarche. &#8220;Ist noch immer&#8221;, sagte Robinson und erz\u00e4hlte von vielen dabei reich gewordenen Bekannten, die noch immer dort waren, nat\u00fcrlich keinen Finger mehr r\u00fchrten, ihm aber aus alter Freundschaft und selbstverst\u00e4ndlich auch seinen Kameraden zu Reichtum verhelfen w\u00fcrden. &#8220;Wir werden schon in Butterford Stellen erzwingen&#8221;, sagte Delamarche und sprach damit Karl aus der Seele, aber eine zuversichtliche Ausdrucksweise war es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend des Tages machten sie nur einmal in einem Wirtshaus Halt und a\u00dfen davor im Freien an einem, wie es Karl schien, eisernen Tisch fast rohes Fleisch, das man mit Messer und Gabel nicht zerschneiden, sondern nur zerrei\u00dfen konnte. Das Brot hatte eine walzenartige Form und in jedem Brotlaib steckte ein langes Messer. Zu diesem Essen wurde eine schwarze Fl\u00fcssigkeit gereicht, die im Halse brannte. Delamarche und Robinson schmeckte sie aber, sie erhoben oft auf die Erf\u00fcllung verschiedener W\u00fcnsche ihre Gl\u00e4ser und stie\u00dfen mit einander an, wobei sie ein Weilchen lang in der H\u00f6he Glas an Glas hielten. An Nebentischen sa\u00dfen Arbeiter in kalkbespritzten Blusen und alle tranken die gleiche Fl\u00fcssigkeit. Automobile, die in Mengen vor\u00fcberfuhren, warfen Schwaden von Staub \u00fcber die Tische hin. Gro\u00dfe Zeitungsbl\u00e4tter wurden herumgereicht, man sprach erregt vom Streik der Bauarbeiter, der Name Mack wurde \u00f6fters genannt, Karl erkundigte sich \u00fcber ihn und erfuhr, da\u00df dies der Vater des ihm bekannten Mack und der gr\u00f6\u00dfte Bauunternehmer von New-York war. Der Streik kostete ihn Millionen und bedrohte vielleicht seine gesch\u00e4ftliche Stellung. Karl glaubte kein Wort von diesem Gerede schlecht unterrichteter \u00fcbelwollender Leute.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verbittert wurde das Essen f\u00fcr Karl au\u00dferdem dadurch, da\u00df es sehr fraglich war, wie das Essen gezahlt werden sollte. Das Nat\u00fcrliche w\u00e4re gewesen, da\u00df jeder seinen Teil gezahlt h\u00e4tte, aber Delamarche wie auch Robinson hatten gelegentlich bemerkt, da\u00df f\u00fcr das letzte Nachtlager ihr letztes Geld aufgegangen war. Uhr, Ring oder sonst etwas Ver\u00e4u\u00dferbares war an keinem zu sehn. Und Karl konnte ihnen doch nicht vorhalten, da\u00df sie an dem Verkauf seiner Kleider etwas verdient h\u00e4tten, das w\u00e4re doch Beleidigung und Abschied f\u00fcr immer gewesen. Das Erstaunliche aber war, da\u00df weder Delamarche noch Robinson irgendwelche Sorgen wegen der Bezahlung hatten, vielmehr hatten sie gute Laune genug, m\u00f6glichst oft Ankn\u00fcpfungen mit der Kellnerin zu versuchen, die stolz und mit schwerem Gang zwischen den Tischen hin- und hergieng. Ihr Haar gieng ihr von den Seiten ein wenig lose in Stirn und Wangen und sie strich es immer wieder zur\u00fcck, indem sie mit den H\u00e4nden darunter hinfuhr. Schlie\u00dflich als man vielleicht das erste freundliche Wort von ihr erwartete, trat sie zum Tisch, legte beide H\u00e4nde auf ihn und fragte: &#8220;Wer zahlt?&#8221; Nie waren H\u00e4nde rascher aufgeflogen, als jetzt jene von Delamarche und Robinson, die auf Karl zeigten. Karl erschrak dar\u00fcber nicht, denn er hatte es ja vorausgesehn und sah nichts Schlimmes darin, da\u00df die Kameraden, von denen er ja auch Vorteile erwartete, einige Kleinigkeiten von ihm bezahlen lie\u00dfen, wenn es auch anst\u00e4ndiger gewesen w\u00e4re, diese Sache vor dem entscheidenden Augenblick ausdr\u00fccklich zu besprechen. Peinlich war blo\u00df, da\u00df er das Geld erst aus der Geheimtasche heraufbef\u00f6rdern mu\u00dfte. Seine urspr\u00fcngliche Absicht war es gewesen, das Geld f\u00fcr die letzte Not aufzuheben und sich also vorl\u00e4ufig mit seinen Kameraden gewisserma\u00dfen in eine Reihe zu stellen. Der Vorteil, den er durch dieses Geld und vor allem durch das Verschweigen des Besitzes gegen\u00fcber den Kameraden erlangte, wurde f\u00fcr diese mehr als reichlich dadurch aufgewogen, da\u00df sie schon seit ihrer Kindheit in Amerika waren, da\u00df sie gen\u00fcgende Kenntnisse und Erfahrungen f\u00fcr Gelderwerb hatten und da\u00df sie schlie\u00dflich an bessere Lebensverh\u00e4ltnisse, als ihre gegenw\u00e4rtigen nicht gew\u00f6hnt waren. Diese bisherigen Absichten die Karl r\u00fccksichtlich seines Geldes hatte, mu\u00dften an und f\u00fcr sich durch diese Bezahlung nicht gest\u00f6rt werden, denn ein Viertelpfund konnte er schlie\u00dflich entbehren und deshalb also ein Viertelpfundst\u00fcck auf den Tisch legen und erkl\u00e4ren, dies sei sein einziges Eigentum und er sei bereit, es f\u00fcr die gemeinsame Reise nach Butterford zu opfern. F\u00fcr die Fu\u00dfreise gen\u00fcgte auch ein solcher Betrag vollkommen. Nun aber wu\u00dfte er nicht, ob er gen\u00fcgendes Kleingeld hatte und \u00fcberdies lag dieses Geld sowie die zusammengelegten Banknoten irgendwo in der Tiefe der Geheimtasche, in der man eben am besten etwas fand, wenn man den ganzen Inhalt auf den Tisch sch\u00fcttete. Au\u00dferdem war es h\u00f6chst unn\u00f6tig, da\u00df die Kameraden von dieser Geheimtasche \u00fcberhaupt etwas erfuhren. Nun schien es zum Gl\u00fcck, da\u00df die Kameraden sich noch immer mehr f\u00fcr die Kellnerin interessierten, als daf\u00fcr wie Karl das Geld f\u00fcr die Bezahlung zusammenbr\u00e4chte. Delamarche lockte die Kellnerin durch die Aufforderung, die Rechnung aufzustellen zwischen sich und Robinson und sie konnte die Zudringlichkeiten der beiden nur dadurch abwehren, da\u00df sie einem oder dem andern die ganze Hand auf das Gesicht legte und ihn wegschob. Inzwischen sammelte Karl hei\u00df vor Anstrengung unter der Tischplatte in der einen Hand das Geld, das er mit der andern St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in der Geheimtasche herumjagte und herausholte. Endlich glaubte er, trotzdem er das amerikanische Geld noch nicht genau kannte, er h\u00e4tte wenigstens der Menge der St\u00fccke nach eine gen\u00fcgende Summe und legte sie auf den Tisch. Der Klang des Geldes unterbrach sofort die Scherze. Zu Karls \u00c4rger und zu allgemeinem Erstaunen zeigte sich, da\u00df da fast ein ganzes Pfund dalag. Keiner fragte zwar, warum Karl von dem Gelde, das f\u00fcr eine bequeme Eisenbahnfahrt nach Butterford gereicht h\u00e4tte, fr\u00fcher nichts gesagt hatte, aber Karl war doch in gro\u00dfer Verlegenheit. Langsam strich er, nachdem das Essen bezahlt worden war, das Geld wieder ein, noch aus seiner Hand nahm Delamarche ein Geldst\u00fcck, das er f\u00fcr die Kellnerin als Trinkgeld brauchte, die er umarmte und an sich dr\u00fcckte, um ihr dann von der andern Seite her das Geld zu \u00fcberreichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl war ihnen auch dankbar, da\u00df sie auf dem Weitermarsch \u00fcber das Geld keine Bemerkungen machten und er dachte sogar eine Zeitlang daran ihnen sein ganzes Verm\u00f6gen einzugestehn, unterlie\u00df das aber doch, da sich keine rechte Gelegenheit fand. Gegen Abend kamen sie in eine mehr l\u00e4ndliche fruchtbare Gegend. Ringsherum sah man ungeteilte Felder die sich in ihrem ersten Gr\u00fcn \u00fcber sanfte H\u00fcgel legten, reiche Landsitze umgrenzten die Stra\u00dfe und stundenlang gieng man zwischen den vergoldeten Gittern der G\u00e4rten, mehrmals kreuzten sie den gleichen langsam flie\u00dfenden Strom und viele mal h\u00f6rten sie \u00fcber sich die Eisenbahnz\u00fcge auf den hoch sich schwingenden Viadukten donnern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eben gieng die Sonne an dem geraden Rande ferner W\u00e4lder nieder, als sie sich auf einer Anh\u00f6he in mitten einer kleinen Baumgruppe ins Gras hinwarfen, um sich von den Strapazen auszuruhn. Delamarche und Robinson lagen da und streckten sich nach Kr\u00e4ften, Karl sa\u00df aufrecht und sah auf die paar Meter tiefer f\u00fchrende Stra\u00dfe auf der immer wieder Automobile, wie schon w\u00e4hrend des ganzen Tags, leicht an einander vor\u00fcbereilten, als w\u00fcrden sie in genauer Anzahl immer wieder von der Ferne abgeschickt und in der gleichen Anzahl in der andern Ferne erwartet. W\u00e4hrend des ganzen Tages seit dem fr\u00fchesten Morgen hatte Karl kein Automobil halten, keinen Passagier aussteigen gesehn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Robinson machte den Vorschlag die Nacht hier zu verbringen, da sie alle genug m\u00fcde w\u00e4ren, da sie dann desto fr\u00fcher ausmarschieren k\u00f6nnten und da sie schlie\u00dflich kaum ein billigeres und besser gelegenes Nachtlager vor Einbruch v\u00f6lliger Dunkelheit finden k\u00f6nnten. Delamarche war einverstanden und nur Karl glaubte zu der Bemerkung verpflichtet zu sein, da\u00df er genug Geld habe um das Nachtlager f\u00fcr alle auch in einem Hotel zu bezahlen. Delamarche sagte, sie w\u00fcrden das Geld noch brauchen, er solle es nur gut aufheben. Delamarche verbarg nicht im geringsten, da\u00df man mit Karls Gelde schon rechnete. Da sein erster Vorschlag angenommen war erkl\u00e4rte nun Robinson weiter, nun m\u00fc\u00dften sie aber vor dem Schlafen, um sich f\u00fcr morgen zu kr\u00e4ftigen, etwas T\u00fcchtiges essen und einer solle das Essen f\u00fcr alle aus dem Hotel holen, das in n\u00e4chster N\u00e4he an der Landstra\u00dfe mit der Aufschrift &#8220;Hotel occidental&#8221; leuchtete. Als der J\u00fcngste und da sich auch sonst niemand meldete, z\u00f6gerte Karl nicht sich f\u00fcr diese Besorgung anzubieten und gieng, nachdem er eine Bestellung auf Speck, Brot und Bier erhalten hatte, ins Hotel hin\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es mu\u00dfte eine gro\u00dfe Stadt in der N\u00e4he sein, denn gleich der erste Saal des Hotels, den Karl betrat, war von einer lauten Menge erf\u00fcllt und an dem Buffet das sich an einer L\u00e4ngswand und an den zwei Seitenw\u00e4nden hinzog, liefen unaufh\u00f6rlich viele Kellner mit wei\u00dfen Sch\u00fcrzen vor der Brust und konnten doch die ungeduldigen G\u00e4ste nicht zufriedenstellen, denn immer wieder h\u00f6rte man an den verschiedensten Stellen Fl\u00fcche und F\u00e4uste die auf den Tisch schlugen. Karl wurde von niemandem beachtet; es gab auch im Saale selbst keine Bedienung, die G\u00e4ste, die an winzigen, bereits zwischen drei Tischnachbarn verschwindenden Tischen sa\u00dfen, holten alles, was sie w\u00fcnschten beim Buffet. Auf allen Tischchen stand eine gro\u00dfe Flasche mit \u00d6l, Essig oder dergleichen und alle Speisen, die vom Buffet geholt wurden, wurden vor dem Essen aus dieser Flasche \u00fcbergossen. Wollte Karl \u00fcberhaupt erst zum Buffet kommen, wo ja dann wahrscheinlich, besonders bei seiner gro\u00dfen Bestellung, die Schwierigkeiten erst beginnen w\u00fcrden, mu\u00dfte er sich zwischen vielen Tischen durchdr\u00e4ngen, was nat\u00fcrlich bei aller Vorsicht nicht ohne grobe Bel\u00e4stigung der G\u00e4ste durchzuf\u00fchren war, die jedoch alles wie gef\u00fchllos hinnahmen, selbst als Karl einmal allerdings gleichfalls von einem Gast gegen ein Tischchen gesto\u00dfen worden war, das er fast umgeworfen h\u00e4tte. Er entschuldigte sich zwar, wurde aber offenbar nicht verstanden, verstand \u00fcbrigens auch nicht das geringste von dem was man ihm zurief.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Buffet fand er mit M\u00fche ein kleines freies Pl\u00e4tzchen, auf dem ihm eine lange Weile die Aussicht durch die aufgest\u00fctzten Elbogen seiner Nachbarn genommen war. Es schien hier \u00fcberhaupt eine Sitte, die Elbogen aufzust\u00fctzen und die Faust an die Schl\u00e4fe zu dr\u00fccken; Karl mu\u00dfte daran denken, wie der Lateinprofessor Dr. Krumpal gerade diese Haltung geha\u00dft hatte und wie er immer heimlich und unversehens herangekommen war und mittels eines pl\u00f6tzlich erscheinenden Lineals mit schmerzhaftem Ruck die Elbogen von den Tischen gestreift hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl stand eng ans B\u00fcffet gedr\u00e4ngt, denn kaum hatte er sich angestellt, war hinter ihm ein Tisch aufgestellt worden und der eine der dort sich niederlassenden G\u00e4ste streifte schon, wenn er sich nur ein wenig beim Reden zur\u00fcckbog, mit seinem gro\u00dfen Hut Karls R\u00fccken. Und dabei war so wenig Hoffnung vom Kellner etwas zu bekommen, selbst als die beiden plumpen Nachbarn befriedigt weggegangen waren. Einigemal hatte Karl einen Kellner \u00fcber den Tisch hin bei der Sch\u00fcrze gefa\u00dft, aber immer hatte sich der mit verzerrtem Gesicht losgerissen. Keiner war zu halten, sie liefen nur und liefen nur. Wenn wenigstens in der N\u00e4he Karls etwas Passendes zum Essen und Trinken gewesen w\u00e4re, er h\u00e4tte es genommen, sich nach dem Preis erkundigt, das Geld hingelegt und w\u00e4re mit Freude weggegangen. Aber gerade vor ihm lagen nur Sch\u00fcsseln mit h\u00e4ringsartigen Fischen, deren schwarze Schuppen am Rande goldig gl\u00e4nzten. Die konnten sehr teuer sein und w\u00fcrden wahrscheinlich niemanden s\u00e4ttigen. Au\u00dferdem waren kleine F\u00e4\u00dfchen mit Rum erreichbar, aber Rum wollte er seinen Kameraden nicht bringen, sie schienen schon so wie so bei jeder Gelegenheit nur auf den koncentriertesten Alkohol auszugehn und darin wollte er sie nicht noch unterst\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es blieb also Karl nichts \u00fcbrig als einen andern Platz zu suchen und mit seinen Bem\u00fchungen von vorne anzufangen. Nun war aber auch schon die Zeit sehr vorger\u00fcckt. Die Uhr am andern Ende des Saales, deren Zeiger man beim scharfen Hinsehn durch den Rauch gerade noch erkennen konnte, zeigte schon neun vor\u00fcber. Anderswo am Buffet war aber das Gedr\u00e4nge noch gr\u00f6\u00dfer als an dem fr\u00fcheren ein wenig abgelegenen Platz. Au\u00dferdem f\u00fcllte sich der Saal desto mehr, je sp\u00e4ter es wurde. Immer wieder zogen durch die Hauptt\u00fcre mit gro\u00dfem Halloh neue G\u00e4ste ein. An manchen Stellen r\u00e4umten G\u00e4ste selbstherrlich das Buffet ab, setzten sich aufs Pult und tranken einander zu; es waren die besten Pl\u00e4tze, man \u00fcbersah den ganzen Saal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl dr\u00e4ngte sich zwar noch weiter durch, aber eine eigentliche Hoffnung etwas zu erreichen hatte er nicht mehr. Er machte sich Vorw\u00fcrfe dar\u00fcber, da\u00df er, der die hiesigen Verh\u00e4ltnisse nicht kannte, sich zu dieser Besorgung angeboten hatte. Seine Kameraden w\u00fcrden ihn mit vollem Recht auszanken und gar noch denken, da\u00df er nur um Geld zu sparen nichts mitgebracht hatte. Nun stand er gar in einer Gegend wo ringsherum an den Tischen warme Fleischspeisen mit sch\u00f6nen gelben Kartoffeln gegessen wurden, es war ihm unbegreiflich wie sich das die Leute verschafft hatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da sah er paar Schritte vor sich eine \u00e4ltere offenbar zum Hotelpersonal geh\u00f6rige Frau, die lachend mit einem Gast redete. Dabei arbeitete sie fortw\u00e4hrend mit einer Haarnadel in ihrer Frisur herum. Sofort war Karl entschlossen seine Bestellung bei dieser Frau vorzubringen, schon weil sie ihm als die einzige Frau im Saal eine Ausnahme vom allgemeinen L\u00e4rm und Jagen bedeutete und dann auch aus dem einfachern Grunde, weil sie die einzige Hotelangestellte war, die man erreichen konnte, vorausgesetzt allerdings da\u00df sie nicht beim ersten Wort, das er an sie richten w\u00fcrde, in Gesch\u00e4ften fortlief. Aber ganz das Gegenteil trat ein. Karl hatte sie noch gar nicht angeredet, sondern nur ein wenig belauert, als sie, wie man eben manchmal mitten im Gespr\u00e4ch beiseite schaut, zu Karl hinsah und ihn, ihre Rede unterbrechend, freundlich und in einem Englisch klar wie die Grammatik fragte, ob er etwas suche. &#8220;Allerdings&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich kann hier gar nichts bekommen. &#8221; &#8220;Dann kommen Sie mit mir Kleiner&#8221;, sagte sie, verabschiedete sich von ihrem Bekannten, der seinen Hut abnahm, was hier wie unglaubliche H\u00f6flichkeit erschien, fa\u00dfte Karl bei der Hand, gieng zum Buffet, schob einen Gast beiseite, \u00f6ffnete eine Klappt\u00fcr im Pult, durchquerte mit Karl den Gang hinter dem Pult, wo man sich vor den unerm\u00fcdlich laufenden Kellnern in Acht nehmen mu\u00dfte, \u00f6ffnete eine zweifache Tapetent\u00fcre und schon befanden sie sich in gro\u00dfen k\u00fchlen Vorratskammern. &#8220;Man mu\u00df eben den Mechanismus kennen&#8221;, sagte sich Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Also was wollen Sie denn?&#8221; fragte sie und beugte sich dienstbereit zu ihm herab. Sie war sehr dick, ihr Leib schaukelte sich, aber ihr Gesicht hatte eine, nat\u00fcrlich im Verh\u00e4ltnis, fast zarte Bildung. Karl war versucht im Anblick der vielen E\u00dfwaren, die hier sorgf\u00e4ltig in Regalen und auf Tischen aufgeschichtet lagen, f\u00fcr seine Bestellung rasch ein feineres Nachtessen auszudenken, besonders da er erwarten konnte von dieser einflu\u00dfreichen Frau billig bedient zu werden, schlie\u00dflich aber nannte er doch wieder, da ihm nichts passendes einfiel, nur Speck, Brot und Bier. &#8220;Nichts weiter? &#8221; fragte die Frau. &#8220;Nein danke&#8221;, sagte Karl, &#8220;aber f\u00fcr drei Personen. &#8221; Auf die Frage der Frau nach den zwei andern, erz\u00e4hlte Karl in paar kurzen Worten von seinen Kameraden, es machte ihm Freude, ein wenig ausgefragt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber das ist ja ein Essen f\u00fcr Str\u00e4flinge&#8221;, sagte die Frau und erwartete nun offenbar weitere W\u00fcnsche Karls. Dieser aber f\u00fcrchtete nun, sie werde ihn beschenken und kein Geld annehmen wollen und schwieg deshalb. &#8220;Das werden wir gleich zusammengestellt haben&#8221;, sagte die Frau, gieng mit einer bei ihrer Dicke bewunderungswerten Beweglichkeit zu einem Tisch hin, schnitt mit einem langen d\u00fcnnen, s\u00e4geblattartigen Messer ein gro\u00dfes St\u00fcck mit viel Fleisch durchwachsenen Specks ab, nahm aus einem Regal ein Laib Brot, hob vom Boden drei Flaschen Bier auf und legte alles in einen leichten Strohkorb, den sie Karl reichte. Zwischendurch erkl\u00e4rte sie Karl, sie habe ihn deshalb hierhergef\u00fchrt, weil die E\u00dfwaren drau\u00dfen im Buffet im Rauch und in den vielen Ausd\u00fcnstungen trotz des schnellen Verbrauches immer die Frische verlieren. F\u00fcr die Leute drau\u00dfen sei aber alles gut genug. Karl sagte nun gar nichts mehr, denn er wu\u00dfte nicht, wodurch er diese auszeichnende Behandlung verdiene. Er dachte an seine Kameraden, die vielleicht, so gute Kenner Amerikas sie auch waren, doch nicht bis in diese Vorratskammern gedrungen w\u00e4ren und sich mit den verdorbenen E\u00dfwaren auf dem Buffet h\u00e4tten begn\u00fcgen m\u00fcssen. Man h\u00f6rte hier keinen Laut aus dem Saal, die Mauern mu\u00dften sehr dick sein, um diese Gew\u00f6lbe gen\u00fcgend k\u00fchl zu erhalten. Karl hatte schon den Strohkorb ein Weilchen lang in der Hand, dachte aber nicht an Zahlen und r\u00fchrte sich auch nicht. Nur als die Frau noch nachtr\u00e4glich eine Flasche, \u00e4hnlich denen, die drau\u00dfen auf den Tischen standen, in den Korb legen wollte, dankte er schaudernd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Haben Sie noch einen weiten Marsch&#8221; fragte die Frau. &#8220;Bis nach Butterford&#8221;, antwortete Karl. &#8220;Das ist noch sehr weit&#8221;, sagte die Frau. &#8220;Noch eine Tagereise&#8221;, sagte Karl. &#8220;Nicht weiter?&#8221; fragte die Frau. &#8220;Oh nein&#8221;, sagte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frau r\u00fcckte einige Sachen auf den Tischen zurecht, ein Kellner kam herein, schaute suchend herum, wurde dann von der Frau auf eine gro\u00dfe Sch\u00fcssel hingewiesen in der ein breiter mit ein wenig Petersilie bestreuter Haufen von Sardinen lag, und trug dann diese Sch\u00fcssel in den erhobenen H\u00e4nden in den Saal hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Warum wollen Sie denn eigentlich im Freien \u00fcbernachten?&#8221; fragte die Frau. &#8220;Wir haben hier genug Platz. Schlafen Sie bei uns im Hotel. &#8221; Das war f\u00fcr Karl sehr verlockend besonders da er die vorige Nacht so schlecht verbracht hatte. &#8220;Ich habe mein Gep\u00e4ck drau\u00dfen&#8221;, sagte er z\u00f6gernd und nicht ganz ohne Eitelkeit. &#8220;Das bringen Sie nur her&#8221;, sagte die Frau, &#8220;das ist kein Hindernis.&#8221; &#8220;Aber meine Kameraden!&#8221; sagte Karl und merkte sofort, da\u00df die allerdings ein Hindernis waren. &#8220;Die d\u00fcrfen nat\u00fcrlich auch hier \u00fcbernachten&#8221;, sagte die Frau. &#8220;Kommen Sie nur! Lassen Sie sich nicht so bitten. &#8221; &#8220;Meine Kameraden sind im \u00fcbrigen brave Leute&#8221;, sagte Karl, &#8220;aber sie sind nicht rein. &#8221; &#8220;Haben Sie denn den Schmutz im Saal nicht gesehn?&#8221; fragte die Frau und verzog das Gesicht. &#8220;Zu uns kann wirklich der \u00c4rgste kommen. Ich werde also gleich drei Betten vorbereiten lassen. Allerdings nur auf dem Dachboden, denn das Hotel ist vollbesetzt, ich bin auch auf den Dachboden \u00fcbersiedelt, aber besser als im Freien ist es jedenfalls. &#8221; &#8220;Ich kann meine Kameraden nicht mitbringen&#8221;, sagte Karl. Er stellte sich vor, was f\u00fcr einen L\u00e4rm die zwei auf den G\u00e4ngen dieses feinen Hotels machen w\u00fcrden, und Robinson w\u00fcrde alles verunreinigen und Delamarche unfehlbar selbst diese Frau bel\u00e4stigen. &#8220;Ich wei\u00df nicht warum das unm\u00f6glich sein soll&#8221;, sagte die Frau, &#8220;aber wenn Sie es so wollen dann lassen Sie eben Ihre Kameraden drau\u00dfen und kommen allein zu uns. &#8221; &#8220;Das geht nicht, das geht nicht&#8221;, sagte Karl, &#8220;es sind meine Kameraden und ich mu\u00df bei ihnen bleiben. &#8221; &#8220;Sie sind starrk\u00f6pfig&#8221;, sagte die Frau und sah von ihm weg, &#8220;man meint es gut mit Ihnen, m\u00f6chte Ihnen gern behilflich sein und Sie wehren sich mit allen Kr\u00e4ften. &#8221; Karl sah das alles ein, aber er wu\u00dfte keinen Ausweg, so sagte er nur noch: &#8220;Meinen besten Dank f\u00fcr Ihre Freundlichkeit&#8221;, dann erinnerte er sich daran, da\u00df er noch nicht gezahlt hatte, und fragte nach dem schuldigen Betrag. &#8220;Zahlen Sie das erst, bis Sie mir den Strohkorb zur\u00fcckbringen&#8221;, sagte die Frau. &#8220;Sp\u00e4testens morgen fr\u00fch mu\u00df ich ihn haben. &#8221; &#8220;Bitte&#8221;, sagte Karl. Sie \u00f6ffnete eine T\u00fcre, die geradewegs ins Freie f\u00fchrte und sagte noch, w\u00e4hrend er mit einer Verbeugung hinaustrat: &#8220;Gute Nacht. Sie handeln aber nicht recht.&#8221; Er war schon ein paar Schritte weit, da rief sie ihm noch nach: &#8220;Auf Wiedersehn morgen! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum war er drau\u00dfen, h\u00f6rte er auch schon wieder aus dem Saal den ungeschw\u00e4chten L\u00e4rm, in den sich jetzt auch Kl\u00e4nge eines Blasorchesters mischten. Er war froh, da\u00df er nicht durch den Saal hatte herausgehn m\u00fcssen. Das Hotel war jetzt in allen seinen f\u00fcnf Stockwerken beleuchtet und machte die Stra\u00dfe davor in ihrer ganzen Breite hell. Noch immer fuhren drau\u00dfen wenn auch schon in unterbrochener Folge Automobile, rascher aus der Ferne her anwachsend als bei Tag, tasteten mit den wei\u00dfen Strahlen ihrer Laternen den Boden der Stra\u00dfe ab, kreuzten mit erblassenden Lichtern die Lichtzone des Hotels und eilten auf leuchtend in das weitere Dunkel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kameraden fand Karl schon in tiefem Schlaf, er war aber auch zu lange ausgeblieben. Gerade wollte er das Mitgebrachte appetitlich auf Papieren ausbreiten, die er im Korbe vorfand, um erst wenn alles fertig w\u00e4re, die Kameraden zu wecken, als er zu seinem Schrecken seinen Koffer, den er abgesperrt zur\u00fcckgelassen hatte und dessen Schl\u00fcssel er in der Tasche trug, vollst\u00e4ndig ge\u00f6ffnet sah, w\u00e4hrend der halbe Inhalt ringsherum im Gras verstreut war. &#8220;Steht auf!&#8221; rief er. &#8220;Ihr schlaft und inzwischen waren Diebe da. &#8221; &#8220;Fehlt denn etwas?&#8221; fragte Delamarche. Robinson war noch nicht ganz wach und griff schon nach dem Bier. &#8220;Ich wei\u00df nicht&#8221;, rief Karl, &#8220;aber der Koffer ist offen. Das ist doch eine Unvorsichtigkeit sich schlafen zu legen und den Koffer hier frei stehen zu lassen. &#8221; Delamarche und Robinson lachten und der erstere sagte: &#8220;Sie d\u00fcrfen eben n\u00e4chstens nicht so lange fortbleiben. Das Hotel ist zehn Schritte entfernt und Sie brauchen zum Hin- und Herweg drei Stunden. Wir haben Hunger gehabt, haben gedacht, da\u00df Sie in Ihrem Koffer etwas zum Essen haben k\u00f6nnten und haben das Schlo\u00df solange gekitzelt, bis es sich aufgemacht hat. Im \u00fcbrigen war ja gar nichts drin und Sie k\u00f6nnen alles wieder ruhig einpacken. &#8221; &#8220;So&#8221;, sagte Karl, starrte in den rasch sich leerenden Korb und horchte auf das eigent\u00fcmliche Ger\u00e4usch, das Robinson beim Trinken hervorbrachte, da ihm die Fl\u00fcssigkeit zuerst weit in die Gurgel eindrang, dann aber mit einer Art Pfeifen wieder zur\u00fcckschnellte, um erst dann in gro\u00dfem Ergu\u00df in die Tiefe zu rollen. &#8220;Haben Sie schon zu ende gegessen?&#8221; fragte er, als sich die beiden einen Augenblick verschnauften. &#8220;Haben Sie denn nicht schon im Hotel gegessen?&#8221; fragte Delamarche, der glaubte, Karl beanspruche seinen Anteil. &#8220;Wenn Sie noch essen wollen, dann beeilen Sie sich&#8221;, sagte Karl und gieng zu seinem Koffer. &#8220;Der scheint Launen zu haben&#8221;, sagte Delamarche zu Robinson. &#8220;Ich habe keine Launen&#8221;, sagte Karl, &#8220;aber ist es vielleicht recht in meiner Abwesenheit meinen Koffer aufzubrechen und meine Sachen herauszuwerfen. Ich wei\u00df man mu\u00df unter Kameraden manches dulden, und ich habe mich auch darauf vorbereitet, aber das ist zuviel. Ich werde im Hotel \u00fcbernachten und gehe nicht nach Butterford. Essen Sie rasch auf, ich mu\u00df den Korb zur\u00fcckgeben. &#8221; &#8220;Siehst Du Robinson, so spricht man&#8221;, sagte Delamarche, &#8220;das ist die feine Redeweise. Er ist eben ein Deutscher. Du hast mich fr\u00fch vor ihm gewarnt, aber ich bin ein guter Narr gewesen und habe ihn doch mitgenommen. Wir haben ihm unser Vertrauen geschenkt, haben ihn einen ganzen Tag mit uns geschleppt, haben dadurch zumindest einen halben Tag verloren und jetzt \u2013 weil ihn dort im Hotel irgendjemand gelockt hat \u2013 verabschiedet er sich, verabschiedet sich einfach. Aber weil er ein falscher Deutscher ist, tut er dies nicht offen, sondern sucht sich den Vorwand mit dem Koffer und weil er ein grober Deutscher ist, kann er nicht weggehn, ohne uns in unserer Ehre zu beleidigen und uns Diebe zu nennen, weil wir mit seinem Koffer einen kleinen Scherz gemacht haben. &#8221; Karl, der seine Sachen packte, sagte ohne sich umzuwenden: &#8220;Reden Sie nur so weiter und erleichtern Sie mir das Weggehn. Ich wei\u00df ganz gut, was Kameradschaft ist. Ich habe in Europa auch Freunde gehabt und keiner kann mir vorwerfen, da\u00df ich mich falsch oder gemein gegen ihn benommen h\u00e4tte. Wir sind jetzt nat\u00fcrlich au\u00dfer Verbindung, aber wenn ich noch einmal nach Europa zur\u00fcckkommen sollte, werden mich alle gut aufnehmen und mich sofort als ihren Freund anerkennen. Und Sie Delamarche und Sie Robinson, Sie h\u00e4tte ich verraten sollen, da Sie doch, was ich niemals vertuschen werde, so freundlich waren, sich meiner anzunehmen und mir eine Lehrlingsstelle in Butterford in Aussicht zu stellen. Aber es ist etwas anderes. Sie haben nichts und das erniedrigt Sie in meinen Augen nicht im geringsten, aber Sie mi\u00dfg\u00f6nnen mir meinen kleinen Besitz und suchen mich deshalb zu dem\u00fctigen, das kann ich nicht aushalten. Und nun nachdem Sie meinen Koffer aufgebrochen haben, entschuldigen Sie sich mit keinem Wort, sondern beschimpfen mich noch und beschimpfen weiter mein Volk \u2013 damit nehmen Sie mir aber auch jede M\u00f6glichkeit bei Ihnen zu bleiben. \u00dcbrigens gilt das alles nicht eigentlich von Ihnen Robinson. Gegen Ihren Charakter habe ich nur einzuwenden, da\u00df Sie von Delamarche zu sehr abh\u00e4ngig sind. &#8221; &#8220;Da sehn wir ja&#8221;, sagte Delamarche indem er zu Karl trat und ihm einen leichten Sto\u00df gab, wie um ihn aufmerksam zu machen, &#8220;da sehn wir ja wie Sie sich entpuppen. Den ganzen Tag sind Sie hinter mir gegangen, haben sich an meinem Rock gehalten, haben mir jede Bewegung nachgemacht und waren sonst still wie ein M\u00e4uschen. Jetzt aber da Sie im Hotel irgendeinen R\u00fcckhalt sp\u00fcren, fangen Sie gro\u00dfe Reden zu halten an. Sie sind ein kleiner Schlaumeier und ich wei\u00df noch gar nicht, ob wir das so ruhig hinnehmen werden. Ob wir nicht das Lehrgeld f\u00fcr das verlangen werden, was Sie uns w\u00e4hrend des Tages abgeschaut haben. Du Robinson, wir beneiden ihn \u2013 meint er \u2013 um seinen Besitz. Ein Tag Arbeit in Butterford \u2013 von Kalifornien gar nicht zu reden \u2013 und wir haben zehnmal mehr, als Sie uns gezeigt haben und als Sie in Ihrem Rockfutter noch versteckt haben m\u00f6gen. Also nur immer Achtung aufs Maul! &#8221; Karl hatte sich vom Koffer erhoben und sah nun auch den verschlafenen, aber vom Bier ein wenig belebten Robinson herankommen. &#8220;Wenn ich noch lange hierbliebe&#8221;, sagte er, &#8220;k\u00f6nnte ich vielleicht noch weitere \u00dcberraschungen erleben. Sie scheinen Lust zu haben, mich durchzupr\u00fcgeln.&#8221; &#8220;Alle Geduld hat ein Ende&#8221;, sagte Robinson. &#8220;Sie schweigen besser, Robinson&#8221;, sagte Karl, ohne Delamarche aus den Augen zu lassen, &#8220;im Innern geben Sie mir ja doch recht, aber nach au\u00dfen m\u00fcssen Sie es mit Delamarche halten.&#8221; &#8220;Wollen Sie ihn vielleicht bestechen?&#8221; fragte Delamarche. &#8220;F\u00e4llt mir nicht ein&#8221;, sagte Karl. &#8220;Ich bin froh, da\u00df ich fortgehe und ich will mit keinem von Ihnen mehr etwas zu tun haben. Nur eines will ich noch sagen, Sie haben mir den Vorwurf gemacht, da\u00df ich Geld besitze und es vor Ihnen versteckt habe. Angenommen, da\u00df es wahr ist, war es nicht sehr richtig Leuten gegen\u00fcber gehandelt, die ich erst paar Stunden kannte und best\u00e4tigen Sie nicht noch durch Ihr jetziges Benehmen die Richtigkeit einer derartigen Handlungsweise? &#8221; &#8220;Bleib ruhig&#8221;, sagte Delamarche zu Robinson, trotzdem sich dieser nicht r\u00fchrte. Dann fragte er Karl: &#8220;Da Sie so unversch\u00e4mt aufrichtig sind, so treiben Sie doch, da wir ja so gem\u00fctlich beisammen stehn, diese Aufrichtigkeit noch weiter und gestehn Sie ein, warum Sie eigentlich ins Hotel wollen. &#8221; Karl mu\u00dfte einen Schritt \u00fcber den Koffer hinweg machen, so nahe war Delamarche an ihn herangetreten. Aber Delamarche lie\u00df sich dadurch nicht beirren, schob den Koffer beiseite, machte einen Schritt vorw\u00e4rts, wobei er den Fu\u00df auf ein wei\u00dfes Vorhemd setzte, das im Gras liegen geblieben war und wiederholte seine Frage.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie zur Antwort stieg von der Stra\u00dfe her ein Mann mit einer stark leuchtenden Taschenlampe zu der Gruppe herauf. Es war ein Kellner aus dem Hotel. Kaum hatte er Karl erblickt, sagte er: &#8220;Ich suche Sie schon fast eine halbe Stunde. Alle B\u00f6schungen auf beiden Stra\u00dfenseiten habe ich schon abgesucht. Die Frau Oberk\u00f6chin l\u00e4\u00dft Ihnen n\u00e4mlich sagen, da\u00df sie den Strohkorb, den sie Ihnen geborgt hat dringend braucht.&#8221; &#8220;Hier ist er&#8221;, sagte Karl mit einer vor Aufregung unsichern Stimme. Delamarche und Robinson waren in scheinbarer Bescheidenheit beiseite getreten, wie sie es vor fremden gutgestellten Leuten immer machten. Der Kellner nahm den Korb an sich und sagte: &#8220;Dann l\u00e4\u00dft Sie die Frau Oberk\u00f6chin fragen, ob Sie es sich nicht \u00fcberlegt haben und doch vielleicht im Hotel \u00fcbernachten wollten. Auch die beiden andern Herren w\u00e4ren willkommen, wenn Sie sie mitnehmen wollen. Die Betten sind schon vorbereitet. Die Nacht ist ja heute warm, aber hier auf der Lehne ist es durchaus nicht ungef\u00e4hrlich zu schlafen, man findet \u00f6fters Schlangen. &#8221; &#8220;Da die Frau Oberk\u00f6chin so freundlich ist, werde ich ihre Einladung doch annehmen&#8221;, sagte Karl und wartete auf eine \u00c4u\u00dferung seiner Kameraden. Aber Robinson stand stumpf da und Delamarche hatte die H\u00e4nde in den Hosentaschen und schaute zu den Sternen hinauf. Beide bauten offenbar darauf, da\u00df Karl sie ohne weiters mitnehmen werde. &#8220;F\u00fcr diesen Fall&#8221;, sagte der Kellner, &#8220;habe ich den Auftrag, Sie ins Hotel zu f\u00fchren und Ihr Gep\u00e4ck zu tragen. &#8221; &#8220;Dann warten Sie bitte noch einen Augenblick&#8221;, sagte Karl und b\u00fcckte sich um die paar Sachen, die noch herumlagen, in den Koffer zu legen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pl\u00f6tzlich richtete er sich auf. Die Photographie fehlte, sie hatte ganz oben im Koffer gelegen und war nirgends zu finden. Alles war vollst\u00e4ndig, nur die Photographie fehlte. &#8220;Ich kann die Photographie nicht finden&#8221;, sagte er bittend zu Delamarche. &#8220;Was f\u00fcr eine Photographie?&#8221; fragte dieser. &#8220;Die Photographie meiner Eltern&#8221;, sagte Karl. &#8220;Wir haben keine Photographie gesehn&#8221;, sagte Delamarche. &#8220;Es war keine Photographie drin, Herr Ro\u00dfmann&#8221;, best\u00e4tigte auch Robinson von seiner Seite. &#8220;Aber das ist doch unm\u00f6glich&#8221;, sagte Karl und seine Hilfe suchenden Blicke zogen den Kellner n\u00e4her. &#8220;Sie lag obenauf und jetzt ist sie weg. Wenn Sie doch lieber den Spa\u00df mit dem Koffer nicht gemacht h\u00e4tten. &#8221; &#8220;Jeder Irrtum ist ausgeschlossen&#8221;, sagte Delamarche, &#8220;in dem Koffer war keine Photographie. &#8221; &#8220;Sie war mir wichtiger, als alles was ich sonst im Koffer habe&#8221;, sagte Karl zum Kellner, der herumgieng und im Grase suchte. &#8220;Sie ist n\u00e4mlich unersetzlich, ich bekomme keine zweite. &#8221; Und als der Kellner von dem aussichtslosen Suchen ablie\u00df, sagte er noch: &#8220;Es war das einzige Bild, das ich von meinen Eltern besa\u00df. &#8221; Daraufhin sagte der Kellner laut ohne jede Besch\u00f6nigung: &#8220;Vielleicht k\u00f6nnten wir noch die Taschen der Herren untersuchen. &#8221; &#8220;Ja&#8221;, sagte Karl sofort, &#8220;ich mu\u00df die Photographie finden. Aber ehe ich die Taschen durchsuche, sage ich noch, da\u00df, wer mir die Photographie freiwillig gibt, den ganzen gef\u00fcllten Koffer bekommt. &#8221; Nach einem Augenblick allgemeiner Stille sagte Karl zum Kellner: &#8220;Meine Kameraden wollen also offenbar die Taschendurchsuchung. Aber selbst jetzt verspreche ich sogar demjenigen, in dessen Tasche die Photographie gefunden wird, den ganzen Koffer. Mehr kann ich nicht tun. &#8221; Sofort machte sich der Kellner daran, Delamarche zu untersuchen, der ihm schwieriger zu behandeln schien, als Robinson, den er Karl \u00fcberlie\u00df. Er machte Karl darauf aufmerksam, da\u00df beide gleichzeitig untersucht werden m\u00fc\u00dften, da sonst einer unbeobachtet die Photographie beiseite schaffen k\u00f6nnte. Gleich beim ersten Griff fand Karl in Robinsons Tasche eine ihm geh\u00f6rige Kravatte, aber er nahm sie nicht an sich und rief dem Kellner zu: &#8220;Was Sie bei Delamarche auch finden m\u00f6gen, lassen Sie ihm bitte alles. Ich will nichts als die Photographie, nur die Photographie.&#8221; Beim Durchsuchen der Brusttaschen gelangte Karl mit der Hand an die hei\u00dfe fettige Brust Robinsons und da kam es ihm zu Bewu\u00dftsein, da\u00df er an seinen Kameraden vielleicht ein gro\u00dfes Unrecht begehe. Er beeilte sich nun nach M\u00f6glichkeit. Im \u00fcbrigen war alles umsonst, weder bei Robinson noch bei Delamarche fand sich die Photographie vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es hilft nichts&#8221;, sagte der Kellner. &#8220;Sie haben wahrscheinlich die Photographie zerrissen und die St\u00fccke weggeworfen&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich dachte sie w\u00e4ren meine Freunde, aber im Geheimen wollten sie mir nur schaden. Nicht eigentlich Robinson, der w\u00e4re gar nicht auf den Einfall gekommen, da\u00df die Photographie solchen Wert f\u00fcr mich hat, aber desto mehr Delamarche. &#8221; Karl sah nur den Kellner vor sich, dessen Laterne einen kleinen Kreis beleuchtete, w\u00e4hrend alles sonst, auch Delamarche und Robinson, in tiefem Dunkel war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war nat\u00fcrlich gar nicht mehr die Rede davon, da\u00df die beiden in das Hotel mitgenommen werden k\u00f6nnten. Der Kellner schwang den Koffer auf die Achsel, Karl nahm den Strohkorb und sie giengen. Karl war schon auf der Stra\u00dfe, als er im Nachdenken sich unterbrechend stehen blieb und in das Dunkel hinaufrief: &#8220;H\u00f6ren Sie einmal! Sollte doch einer von Ihnen die Photographie noch haben und mir ins Hotel bringen wollen \u2013 er bekommt den Koffer noch immer und wird \u2013 ich schw\u00f6re es \u2013 nicht angezeigt. &#8221; Es kam keine eigentliche Antwort herunter, nur ein abgerissenes Wort war zu h\u00f6ren, der Beginn eines Zurufes Robinsons, dem aber offenbar Delamarche sofort den Mund stopfte. Noch eine lange Weile wartete Karl ob man sich oben nicht doch noch anders entscheiden w\u00fcrde. Zweimal rief er in Abst\u00e4nden: &#8220;Ich bin noch immer da. &#8221; Aber kein Laut antwortete, nur einmal rollte ein Stein den Abhang herab, vielleicht durch Zufall, vielleicht in einem verfehlten Wurf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dem kleinen Wirtshaus, in das Karl nach kurzem Marsche kam, und das eigentlich nur eine kleine letzte Station des Newyorker Fuhrwerkverkehrs bildete und deshalb kaum f\u00fcr Nachtlager ben\u00fctzt zu werden pflegte, verlangte Karl die billigste Bettstelle, die zu haben war, denn er glaubte mit dem Sparen sofort anfangen zu m\u00fcssen. Er wurde seiner Forderung [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":248,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"pagelayer_contact_templates":[],"_pagelayer_content":"","footnotes":""},"class_list":["post-252","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/252","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=252"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/252\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":272,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/252\/revisions\/272"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/248"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}