{"id":253,"date":"2026-06-23T22:41:25","date_gmt":"2026-06-23T22:41:25","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?page_id=253"},"modified":"2026-06-23T22:43:17","modified_gmt":"2026-06-23T22:43:17","slug":"im-hotel-occidental","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/der-verschollene\/im-hotel-occidental\/","title":{"rendered":"V &#8211; Im Hotel occidental"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Hotel wurde Karl gleich in eine Art Bureau gef\u00fchrt, in welchem die Oberk\u00f6chin ein Vormerkbuch in der Hand einer jungen Schreibmaschinistin einen Brief in die Schreibmaschine diktierte. Das \u00e4u\u00dferst pr\u00e4cise Diktieren, der beherrschte und elastische Tastenschlag jagten an dem nur hie und da merklichen Ticken der Wanduhr vor\u00fcber, die schon fast halb zw\u00f6lf Uhr zeigte. &#8220;So!&#8221; sagte die Oberk\u00f6chin, klappte das Vormerkbuch zu, die Schreibmaschinistin sprang auf und st\u00fclpte den Holzdeckel \u00fcber die Maschine, ohne bei dieser mechanischen Arbeit die Augen von Karl zu lassen. Sie sah noch wie ein Schulm\u00e4dchen aus, ihre Sch\u00fcrze war sehr sorgf\u00e4ltig geb\u00fcgelt, auf den Achseln z. B. gewellt, die Frisur recht hoch und man staunte ein wenig wenn man nach diesen Einzelnheiten ihr ernstes Gesicht sah. Nach Verbeugungen zuerst gegen die Oberk\u00f6chin, dann gegen Karl entfernte sie sich und Karl sah unwillk\u00fcrlich die Oberk\u00f6chin mit einem fragenden Blicke an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das ist aber sch\u00f6n, da\u00df Sie nun doch gekommen sind&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin. &#8220;Und Ihre Kameraden&#8221; &#8220;Ich habe sie nicht mitgenommen&#8221;, sagte Karl. &#8220;Die marschieren wohl sehr fr\u00fch aus&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin, wie um sich die Sache zu erkl\u00e4ren. &#8220;Mu\u00df sie denn nicht denken, da\u00df ich auch mitmarschiere?&#8221; fragte sich Karl und sagte deshalb, um jeden Zweifel auszuschlie\u00dfen: &#8220;Wir sind in Unfrieden aus einander gegangen. &#8221; Die Oberk\u00f6chin schien das als eine angenehme Nachricht aufzufassen. &#8220;Dann sind Sie also frei?&#8221; fragte sie. &#8220;Ja frei bin ich&#8221;, sagte Karl und nichts schien ihm wertloser. &#8220;H\u00f6ren Sie, m\u00f6chten Sie nicht hier im Hotel eine Stelle annehmen?&#8221; fragte die Oberk\u00f6chin. &#8220;Sehr gern&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich habe aber entsetzlich wenig Kenntnisse. Ich kann z. B. nicht einmal auf der Schreibmaschine schreiben. &#8221; &#8220;Das ist nicht das wichtigste&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin. &#8220;Sie bek\u00e4men eben vorl\u00e4ufig nur eine ganz kleine Anstellung und m\u00fc\u00dften dann zusehn, durch Flei\u00df und Aufmerksamkeit sich hinaufzubringen. Jedenfalls aber glaube ich, da\u00df es f\u00fcr Sie besser und passender w\u00e4re sich irgendwo festzusetzen statt so durch die Welt zu bummeln. Dazu scheinen Sie mir nicht gemacht. &#8221; &#8220;Das w\u00fcrde alles auch der Onkel unterschreiben&#8221;, sagte sich Karl und nickte zustimmend. Gleichzeitig erinnerte er sich, da\u00df er, um den man so besorgt war, sich noch gar nicht vorgestellt hatte. &#8220;Entschuldigen Sie bitte&#8221;, sagte er, &#8220;da\u00df ich mich noch gar nicht vorgestellt habe, ich hei\u00dfe Karl Ro\u00dfmann. &#8221; &#8220;Sie sind ein Deutscher, nicht wahr?&#8221; &#8220;Ja&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich bin noch nicht lange in Amerika. &#8221; &#8220;Von wo sind Sie denn?&#8221; &#8220;Aus Prag in B\u00f6hmen&#8221;, sagte Karl. &#8220;Sehn Sie einmal an&#8221;, rief die Oberk\u00f6chin in einem stark englisch betonten Deutsch und hob fast die Arme, &#8220;dann sind wir ja Landsleute, ich hei\u00dfe Grete Mitzelbach und bin aus Wien. Und Prag kenne ich ja ausgezeichnet, ich war ja ein halbes Jahr in der Goldenen Gans auf dem Wenzelsplatz angestellt. Aber denken Sie nur einmal!&#8221; &#8220;Wann ist das gewesen?&#8221; fragte Karl. &#8220;Das ist schon viele viele Jahre her.&#8221; &#8220;Die alte Goldene Gans&#8221;, sagte Karl, &#8220;ist vor zwei Jahren niedergerissen worden. &#8221; &#8220;Ja, freilich&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin ganz in Gedanken an vergangene Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit einem Male aber wieder lebhaft werdend rief sie und fa\u00dfte dabei Karls H\u00e4nde: &#8220;Jetzt da es sich herausgestellt hat, da\u00df Sie mein Landsmann sind, d\u00fcrfen Sie um keinen Preis von hier fort. Das d\u00fcrfen Sie mir nicht antun. H\u00e4tten Sie z. B. Lust Liftjunge zu werden? Sagen Sie nur ja und Sie sind es. Wenn Sie ein bi\u00dfchen herumgekommen sind, werden Sie wissen da\u00df es nicht besonders leicht ist, solche Stellen zu bekommen, denn sie sind der beste Anfang, den man sich denken kann. Sie kommen mit allen G\u00e4sten zusammen, man sieht Sie immer, man gibt Ihnen kleine Auftr\u00e4ge, kurz, Sie haben jeden Tag die M\u00f6glichkeit, zu etwas Besserem zu gelangen. F\u00fcr alles \u00fcbrige lassen Sie mich sorgen! &#8221; &#8220;Liftjunge m\u00f6chte ich ganz gerne sein&#8221;, sagte Karl nach einer kleinen Pause. Es w\u00e4re ein gro\u00dfer Unsinn gewesen, gegen die Stelle eines Liftjungen mit R\u00fccksicht auf seine f\u00fcnf Gymnasialklassen Bedenken zu haben. Eher w\u00e4re hier in Amerika Grund gewesen, sich der f\u00fcnf Gymnasialklassen zu sch\u00e4men. \u00dcbrigens hatten die Liftjungen Karl immer gefallen, sie waren ihm wie der Schmuck der Hotels vorgekommen. &#8220;Sind nicht Sprachenkenntnisse erforderlich?&#8221; fragte er noch. &#8220;Sie sprechen Deutsch und ein sch\u00f6nes Englisch, das gen\u00fcgt vollkommen.&#8221; &#8220;Englisch habe ich erst in Amerika in zweieinhalb Monaten erlernt&#8221;, sagte Karl, er glaubte, seinen einzigen Vorzug nicht verschweigen zu d\u00fcrfen. &#8220;Das spricht schon gen\u00fcgend f\u00fcr Sie&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin. &#8220;Wenn ich daran denke, welche Schwierigkeiten mir das Englisch gemacht hat. Das ist allerdings schon seine drei\u00dfig Jahre her. Gerade gestern habe ich davon gesprochen. Gestern war n\u00e4mlich mein f\u00fcnfzigster Geburtstag. &#8221; Und sie suchte l\u00e4chelnd den Eindruck von Karls Mienen abzulesen, den die W\u00fcrde dieses Alters auf ihn machte. &#8220;Dann w\u00fcnsche ich Ihnen viel Gl\u00fcck&#8221;, sagte Karl. &#8220;Das kann man immer brauchen&#8221;, sagte sie, sch\u00fcttelte Karl die Hand und wurde wieder halb traurig, \u00fcber diese alte Redensart aus der Heimat, die ihr da im Deutschsprechen eingefallen war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber ich halte Sie hier auf&#8221;, rief sie dann. &#8220;Und Sie sind gewi\u00df sehr m\u00fcde und wir k\u00f6nnen auch alles viel besser bei Tag besprechen. Die Freude einen Landsmann getroffen zu haben, macht ganz gedankenlos. Kommen Sie, ich werde Sie in Ihr Zimmer f\u00fchren. &#8221; &#8220;Ich habe noch eine Bitte Frau Oberk\u00f6chin&#8221;, sagte Karl im Anblick des Telephonkastens der auf einem Tische stand. &#8220;Es ist m\u00f6glich, da\u00df mir morgen, vielleicht sehr fr\u00fch, meine fr\u00fchern Kameraden eine Photographie bringen, die ich dringend brauche. W\u00e4ren Sie so freundlich und w\u00fcrden Sie dem Portier telephonieren, er m\u00f6chte die Leute zu mir schicken oder mich holen lassen. &#8221; &#8220;Gewi\u00df&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin, &#8220;aber w\u00fcrde es nicht gen\u00fcgen, wenn er ihnen die Photographie abnimmt? Was ist es denn f\u00fcr eine Photographie, wenn man fragen darf?&#8221; &#8220;Es ist die Photographie meiner Eltern&#8221;, sagte Karl, &#8220;nein ich mu\u00df mit den Leuten selbst sprechen. &#8221; Die Oberk\u00f6chin sagte nichts weiter und gab telephonisch in die Portiersloge den entsprechenden Befehl, wobei sie 536 als Zimmernummer Karls nannte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie giengen dann durch eine der Eingangst\u00fcre entgegengesetzte T\u00fcr auf einen kleinen Gang hinaus, wo an dem Gel\u00e4nder eines Aufzuges ein kleiner Liftjunge schlafend lehnte. &#8220;Wir k\u00f6nnen uns selbst bedienen&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin leise und lie\u00df Karl in den Aufzug eintreten. &#8220;Eine Arbeitszeit von zehn bis zw\u00f6lf Stunden ist eben ein wenig zu viel f\u00fcr einen solchen Jungen&#8221;, sagte sie dann w\u00e4hrend sie aufw\u00e4rts fuhren. &#8220;Aber es ist eigent\u00fcmlich in Amerika. Da ist dieser kleine Junge z. B., er ist auch erst vor einem halben Jahr mit seinen Eltern hier angekommen, er ist ein Italiener. Jetzt sieht es aus, als k\u00f6nne er die Arbeit unm\u00f6glich aushalten, hat schon kein Fleisch im Gesicht, schl\u00e4ft im Dienst ein, trotzdem er von Natur sehr bereitwillig ist \u2013 aber er mu\u00df nur noch ein halbes Jahr hier oder irgendwo anders in Amerika dienen und h\u00e4lt alles mit Leichtigkeit aus und in f\u00fcnf Jahren wird er ein starker Mann sein. Von solchen Beispielen k\u00f6nnte ich Ihnen stundenlang erz\u00e4hlen. Dabei denke ich gar nicht an Sie, denn Sie sind ein kr\u00e4ftiger Junge. Sie sind siebzehn Jahre alt, nicht?&#8221; &#8220;Ich werde n\u00e4chsten Monat sechzehn&#8221;, antwortete Karl. &#8220;Sogar erst sechzehn!&#8221; sagte die Oberk\u00f6chin. &#8220;Also nur Mut! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oben f\u00fchrte sie Karl in ein Zimmer, das zwar schon als Dachzimmer eine schiefe Wand hatte, im \u00fcbrigen aber bei einer Beleuchtung durch zwei Gl\u00fchlampen sich sehr wohnlich zeigte. &#8220;Erschrecken Sie nicht \u00fcber die Einrichtung&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin, &#8220;es ist n\u00e4mlich kein Hotelzimmer, sondern ein Zimmer meiner Wohnung, die aber aus drei Zimmern besteht, so da\u00df Sie mich nicht im geringsten st\u00f6ren. Ich sperre die Verbindungst\u00fcre ab, so da\u00df Sie ganz ungeniert bleiben. Morgen als neuer Hotelangestellter werden Sie nat\u00fcrlich Ihr eigenes Zimmerchen bekommen. W\u00e4ren Sie mit Ihren Kameraden gekommen, dann h\u00e4tte ich Ihnen in der gemeinsamen Schlafkammer der Hausdiener aufbetten lassen, aber da Sie allein sind, denke ich, da\u00df es Ihnen hier besser passen wird, wenn Sie auch nur auf einem Sopha schlafen m\u00fcssen. Und nun schlafen Sie wohl damit Sie sich f\u00fcr den Dienst kr\u00e4ftigen. Er wird morgen noch nicht zu streng sein. &#8221; &#8220;Ich danke Ihnen vielmals f\u00fcr Ihre Freundlichkeit. &#8221; &#8220;Warten Sie&#8221;, sagte sie beim Ausgang stehen bleibend, &#8220;da w\u00e4ren Sie aber bald geweckt worden. &#8221; Und sie gieng zu der einen Seitent\u00fcr des Zimmers, klopfte und rief: &#8221; Therese! &#8221; &#8220;Bitte, Frau Oberk\u00f6chin&#8221;, meldete sich die Stimme der kleinen Schreibmaschinistin. &#8220;Wenn Du mich fr\u00fch wecken gehst, so mu\u00dft Du \u00fcber den Gang gehn, hier im Zimmer schl\u00e4ft ein Gast. Er ist totm\u00fcde.&#8221; Sie l\u00e4chelte Karl zu, w\u00e4hrend sie das sagte. &#8220;Hast Du verstanden?&#8221; &#8220;Ja Frau Oberk\u00f6chin.&#8221; &#8220;Also dann gute Nacht! &#8221; &#8220;Gute Nacht w\u00fcnsch ich. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich schlafe n\u00e4mlich&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin zur Erkl\u00e4rung, &#8220;seit einigen Jahren ungemein schlecht. Jetzt kann ich ja mit meiner Stellung zufrieden sein und brauche eigentlich keine Sorgen zu haben. Aber es m\u00fcssen die Folgen meiner fr\u00fchern Sorgen sein, die mir diese Schlaflosigkeit verursachen. Wenn ich um drei Uhr fr\u00fch einschlafe kann ich froh sein. Da ich aber schon um f\u00fcnf, sp\u00e4testens um halb sechs wieder auf dem Platze sein mu\u00df, mu\u00df ich mich wecken lassen undzwar besonders vorsichtig, damit ich nicht noch nerv\u00f6ser werde als ich schon bin. Und da weckt mich eben die Therese. Aber jetzt wissen Sie wirklich schon alles und ich komme gar nicht weg. Gute Nacht! &#8221; Und trotz ihrer Schwere huschte sie fast aus dem Zimmer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl freute sich auf den Schlaf, denn der Tag hatte ihn sehr hergenommen. Und behaglichere Umgebung konnte er f\u00fcr einen langen ungest\u00f6rten Schlaf gar nicht w\u00fcnschen. Das Zimmer war zwar nicht zum Schlafzimmer bestimmt, es war eher ein Wohnzimmer oder richtiger ein Repr\u00e4sentationszimmer der Oberk\u00f6chin und ein Waschtisch war ihm zuliebe eigens f\u00fcr diesen Abend hergebracht, aber dennoch f\u00fchlte sich Karl nicht als Eindringling, sondern nur desto besser versorgt. Sein Koffer war richtig hergestellt und wohl schon lange nicht in gr\u00f6\u00dferer Sicherheit gewesen. Auf einem niedrigen Schrank mit Schiebef\u00e4chern, \u00fcber den eine gro\u00dfmaschige wollene Decke gezogen war, standen verschiedene Photographien in Rahmen und unter Glas, bei der Besichtigung des Zimmers blieb Karl dort stehn und sah sie an. Es waren meist alte Photographien und stellten in der Mehrzahl M\u00e4dchen dar, die in unmodernen unbehaglichen Kleidern, mit locker aufgesetzten kleinen aber hochgehenden H\u00fcten, die rechte Hand auf einen Schirm gest\u00fctzt, dem Beschauer zugewendet waren und doch mit den Blicken auswichen. Unter den Herrenbildnissen fiel Karl besonders das Bild eines jungen Soldaten auf, der das K\u00e4ppi auf ein Tischchen gelegt hatte, stramm mit seinem wilden schwarzen Haar dastand und voll von einem stolzen aber unterdr\u00fcckten Lachen war. Die Kn\u00f6pfe seiner Uniform waren auf der Photographie nachtr\u00e4glich vergoldet worden. Alle diese Photographien stammten wohl noch aus Europa, man h\u00e4tte dies auf der R\u00fcckseite wahrscheinlich auch genau ablesen k\u00f6nnen, aber Karl wollte sie nicht in die Hand nehmen. So wie diese Photographien hier standen, so hatte er auch die Photographie seiner Eltern in seinem k\u00fcnftigen Zimmer aufstellen m\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade streckte er sich nach einer gr\u00fcndlichen Waschung des ganzen K\u00f6rpers, die er seiner Nachbarin wegen m\u00f6glichst leise durchzuf\u00fchren sich bem\u00fcht hatte, im Vorgenu\u00df des Schlafes auf seinem Kanapee, da glaubte er ein schwaches Klopfen an einer T\u00fcre zu h\u00f6ren. Man konnte nicht gleich feststellen, an welcher T\u00fcr es war, es konnte auch blo\u00df ein zuf\u00e4lliges Ger\u00e4usch sein. Es wiederholte sich auch nicht gleich und Karl schlief schon fast, als es wieder erfolgte. Aber nun war kein Zweifel mehr, da\u00df es ein Klopfen war und von der T\u00fcr der Schreibmaschinistin herkam. Karl lief auf den Fu\u00dfspitzen zur T\u00fcr hin und fragte so leise, da\u00df es, wenn man trotz allem nebenan doch schlief, niemanden h\u00e4tte wecken k\u00f6nnen: &#8220;W\u00fcnschen Sie etwas?&#8221; Sofort und ebenso leise kam die Antwort: &#8220;M\u00f6chten Sie nicht die T\u00fcr \u00f6ffnen? Der Schl\u00fcssel steckt auf Ihrer Seite. &#8221; &#8220;Bitte&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich mu\u00df mich nur zuerst anziehn. &#8221; Es gab eine kleine Pause, dann hie\u00df es: &#8220;Das ist nicht n\u00f6tig. Machen Sie auf und legen Sie sich ins Bett, ich werde ein wenig warten.&#8221; &#8220;Gut&#8221;, sagte Karl und f\u00fchrte es auch so aus, nur drehte er au\u00dferdem noch das elektrische Licht auf. &#8220;Ich liege schon&#8221;, sagte er dann etwas lauter. Da trat auch schon aus ihrem dunklen Zimmer die kleine Schreibmaschinistin, genau so angezogen wie unten im Bureau, sie hatte wohl die ganze Zeit \u00fcber nicht daran gedacht schlafen zu gehn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Entschuldigen Sie vielmals&#8221;, sagte sie und stand ein wenig geb\u00fcckt vor Karls Lager, &#8220;und verraten Sie mich bitte nicht. Ich will Sie auch nicht lange st\u00f6ren, ich wei\u00df, da\u00df Sie totm\u00fcde sind. &#8221; &#8220;Es ist nicht so arg&#8221;, sagte Karl, &#8220;aber es w\u00e4re vielleicht doch besser gewesen, ich h\u00e4tte mich angezogen. &#8221; Er mu\u00dfte ausgestreckt daliegen, um bis an den Hals zugedeckt sein zu k\u00f6nnen, denn er besa\u00df kein Nachthemd. &#8220;Ich bleibe ja nur einen Augenblick&#8221;, sagte sie und griff nach einem Sessel, &#8220;kann ich mich zum Kanapee setzen?&#8221; Karl nickte. Da setzte sie sich so eng zum Kanapee, da\u00df Karl an die Mauer r\u00fccken mu\u00dfte, um zu ihr aufschauen zu k\u00f6nnen. Sie hatte ein rundes gleichm\u00e4\u00dfiges Gesicht, nur die Stirn war ungew\u00f6hnlich hoch, aber das konnte auch vielleicht nur an der Frisur liegen, die ihr nicht recht pa\u00dfte. Ihr Anzug war sehr rein und sorgf\u00e4ltig. In der linken Hand quetschte sie ein Taschentuch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Werden Sie lange hier bleiben?&#8221; fragte sie. &#8220;Es ist noch nicht ganz bestimmt&#8221;, antwortete Karl, &#8220;aber ich denke, ich werde bleiben. &#8221; &#8220;Das w\u00e4re n\u00e4mlich sehr gut&#8221;, sagte sie und fuhr mit dem Taschentuch \u00fcber ihr Gesicht, &#8220;ich bin hier n\u00e4mlich so allein.&#8221; &#8220;Das wundert mich&#8221;, sagte Karl, &#8220;die Frau Oberk\u00f6chin ist doch sehr freundlich zu Ihnen. Sie behandelt Sie gar nicht wie eine Angestellte. Ich dachte schon, Sie w\u00e4ren verwandt.&#8221; &#8220;Oh nein&#8221;, sagte sie, &#8220;ich hei\u00dfe Therese Berchtold, ich bin aus Pommern. &#8221; Auch Karl stellte sich vor. Daraufhin sah sie ihn zum erstenmal voll an, als sei er ihr durch die Namensnennung ein wenig fremder geworden. Sie schwiegen ein Weilchen. Dann sagte sie: &#8220;Sie d\u00fcrfen nicht glauben, da\u00df ich undankbar bin. Ohne die Frau Oberk\u00f6chin st\u00fcnde es ja mit mir viel schlechter. Ich war fr\u00fcher K\u00fcchenm\u00e4dchen hier im Hotel und schon in gro\u00dfer Gefahr entlassen zu werden, denn ich konnte die schwere Arbeit nicht leisten. Man stellt hier sehr gro\u00dfe Anspr\u00fcche. Vor einem Monat ist ein K\u00fcchenm\u00e4dchen nur vor \u00dcberanstrengung ohnm\u00e4chtig geworden und vierzehn Tage im Krankenhaus gelegen. Und ich bin nicht sehr stark, ich habe fr\u00fcher viel zu leiden gehabt und bin dadurch in der Entwicklung ein wenig zur\u00fcckgeblieben, Sie w\u00fcrden wohl gar nicht sagen, da\u00df ich schon achtzehn Jahre alt bin. Aber jetzt werde ich schon st\u00e4rker. &#8221; &#8220;Der Dienst hier mu\u00df wirklich sehr anstrengend sein&#8221;, sagte Karl. &#8220;Unten habe ich jetzt einen Liftjungen stehend schlafen gesehn. &#8221; &#8220;Dabei haben es die Liftjungen noch am besten&#8221;, sagte sie, &#8220;die verdienen ihr sch\u00f6nes Geld an Trinkgeldern und m\u00fcssen sich schlie\u00dflich doch bei weitem nicht so plagen wie die Leute in der K\u00fcche. Aber da habe ich wirklich einmal Gl\u00fcck gehabt, die Frau Oberk\u00f6chin hat einmal ein M\u00e4dchen gebraucht um die Servietten f\u00fcr ein Bankett herzurichten, hat zu uns K\u00fcchenm\u00e4dchen heruntergeschickt, es gibt hier an f\u00fcnfzig solcher M\u00e4dchen, ich war gerade bei der Hand und habe sie sehr zufriedengestellt, denn im Aufbauen der Servietten habe ich mich immer ausgekannt. Und so hat sie mich von da an in ihrer N\u00e4he behalten und allm\u00e4hlich zu ihrer Sekret\u00e4rin ausgebildet. Dabei habe ich sehr viel gelernt. &#8221; &#8220;Gibt es denn da soviel zu schreiben?&#8221; fragte Karl. &#8220;Ach sehr viel&#8221;, antwortete sie, &#8220;das k\u00f6nnen Sie sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen. Sie haben doch gesehn, da\u00df ich heute bis halb zw\u00f6lf gearbeitet habe und heute ist kein besonderer Tag. Allerdings schreibe ich nicht immerfort, sondern habe auch viele Besorgungen in der Stadt zu machen. &#8221; &#8220;Wie hei\u00dft denn die Stadt?&#8221; fragte Karl. &#8220;Das wissen Sie nicht&#8221; sagte sie, &#8220;Ramses.&#8221; &#8220;Ist es eine gro\u00dfe Stadt&#8221; fragte Karl. &#8220;Sehr gro\u00df&#8221;, antwortete sie, &#8220;ich gehe nicht gern hin. Aber wollen Sie nicht wirklich schon schlafen?&#8221; &#8220;Nein, nein&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich wei\u00df ja noch gar nicht, warum Sie hereingekommen sind.&#8221; &#8220;Weil ich mit niemandem reden kann. Ich bin nicht wehleidig, aber wenn wirklich niemand f\u00fcr einen da ist, so ist man schon gl\u00fccklich, schlie\u00dflich von jemandem angeh\u00f6rt zu werden. Ich habe Sie schon unten im Saal gesehn, ich kam gerade um die Frau Oberk\u00f6chin zu holen, als sie Sie in die Speisekammern wegf\u00fchrte. &#8221; &#8220;Das ist ein schrecklicher Saal&#8221;, sagte Karl. &#8220;Ich merke es schon gar nicht mehr&#8221;, antwortete sie. &#8220;Aber ich wollte nur sagen, da\u00df ja die Frau Oberk\u00f6chin so freundlich zu mir ist, wie es nur meine selige Mutter war. Aber es ist doch ein zu gro\u00dfer Unterschied in unserer Stellung, als da\u00df ich frei mit ihr reden k\u00f6nnte. Unter den K\u00fcchenm\u00e4dchen habe ich fr\u00fcher gute Freundinnen gehabt, aber die sind schon l\u00e4ngst nicht mehr hier und die neuen M\u00e4dchen kenne ich kaum. Schlie\u00dflich kommt es mir manchmal vor, da\u00df mich meine jetzige Arbeit mehr anstrengt als die fr\u00fchere, da\u00df ich sie aber nicht einmal so gut verrichte, wie die und da\u00df mich die Frau Oberk\u00f6chin nur aus Mitleid in meiner Stellung h\u00e4lt. Schlie\u00dflich mu\u00df man ja wirklich eine bessere Schulbildung gehabt haben, um Sekret\u00e4rin zu werden. Es ist eine S\u00fcnde das zu sagen, aber oft und oft f\u00fcrchte ich wahnsinnig zu werden. Um Gotteswillen&#8221;, sagte sie pl\u00f6tzlich viel schneller und griff fl\u00fcchtig nach Karls Schulter, da er die H\u00e4nde unter der Decke hielt, &#8220;Sie d\u00fcrfen aber der Frau Oberk\u00f6chin kein Wort davon sagen, sonst bin ich wirklich verloren. Wenn ich ihr jetzt au\u00dfer den Umst\u00e4nden die ich ihr durch meine Arbeit mache, auch noch Leid bereiten sollte, das w\u00e4re wirklich das H\u00f6chste. &#8221; &#8220;Es ist selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df ich ihr nichts sagen werde&#8221;, antwortete Karl. &#8220;Dann ist es gut&#8221;, sagte sie, &#8220;und bleiben Sie hier. Ich w\u00e4re froh wenn Sie hierblieben und wir k\u00f6nnten, wenn es Ihnen recht ist, zusammenhalten. Gleich wie ich Sie zum erstenmal gesehn habe, habe ich Vertrauen zu Ihnen gehabt. Und trotzdem \u2013 denken Sie, so schlecht bin ich \u2013 habe ich auch Angst gehabt, die Frau Oberk\u00f6chin k\u00f6nnte Sie an meiner Stelle zum Sekret\u00e4r machen und mich entlassen. Erst wie ich da lange allein gesessen bin, w\u00e4hrend Sie unten im Bureau waren, habe ich mir die Sache so zurechtgelegt, da\u00df es sogar sehr gut w\u00e4re, wenn Sie meine Arbeiten \u00fcbernehmen w\u00fcrden, denn die w\u00fcrden Sie sicher besser verstehn. Wenn Sie die Besorgungen in der Stadt nicht machen wollten, k\u00f6nnte ich ja diese Arbeit behalten. Sonst aber w\u00e4re ich in der K\u00fcche gewi\u00df viel n\u00fctzlicher, besonders da ich auch schon etwas st\u00e4rker geworden bin. &#8221; &#8220;Die Sache ist schon geordnet&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich werde Liftjunge und Sie bleiben Sekret\u00e4rin. Wenn Sie aber der Frau Oberk\u00f6chin nur die geringste Andeutung von Ihren Pl\u00e4nen machen, verrate ich auch das \u00dcbrige, was Sie mir heute gesagt haben, so leid es mir tun w\u00fcrde. &#8221; Diese Tonart erregte Therese so sehr, da\u00df sie sich beim Bett niederwarf und wimmernd das Gesicht ins Bettzeug dr\u00fcckte. &#8220;Ich verrate ja nichts&#8221;, sagte Karl, &#8220;aber Sie d\u00fcrfen auch nichts sagen. &#8221; Nun konnte er nicht mehr ganz unter seiner Decke versteckt bleiben, streichelte ein wenig ihren Arm, fand nichts Rechtes, was er ihr sagen k\u00f6nne und dachte nur, da\u00df hier ein bitteres Leben sei. Endlich beruhigte sie sich wenigstens so weit, da\u00df sie sich ihres Weinens sch\u00e4mte, sah Karl dankbar an, redete ihm zu, morgen lange zu schlafen und versprach, wenn sie Zeit f\u00e4nde, gegen acht Uhr heraufzukommen und ihn zu wecken. &#8220;Sie wecken ja so geschickt&#8221;, sagte Karl. &#8220;Ja einiges kann ich&#8221;, sagte sie, fuhr mit der Hand zum Abschied sanft \u00fcber seine Decke hin und lief in ihr Zimmer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Tage bestand Karl darauf gleich seinen Dienst anzutreten, trotzdem ihm die Oberk\u00f6chin diesen Tag f\u00fcr die Besichtigung von Ramses freigeben wollte. Aber Karl erkl\u00e4rte offen, daf\u00fcr werde sich noch Gelegenheit finden, jetzt sei es f\u00fcr ihn das Wichtigste mit der Arbeit anzufangen, denn eine auf ein anderes Ziel gerichtete Arbeit habe er schon in Europa nutzlos abgebrochen und fange als Liftjunge in einem Alter an, in dem wenigstens die t\u00fcchtigern Jungen nahe daran seien in nat\u00fcrlicher Folge eine h\u00f6here Arbeit zu \u00fcbernehmen. Es sei ganz richtig da\u00df er als Liftjunge anfange, aber ebenso richtig sei, da\u00df er sich besonders beeilen m\u00fcsse. Bei diesen Umst\u00e4nden w\u00fcrde ihm die Besichtigung der Stadt gar kein Vergn\u00fcgen machen. Nicht einmal zu einem kurzen Weg, zu dem ihn Therese aufforderte konnte er sich entschlie\u00dfen. Immer schwebte ihm der Gedanke daran vor Augen, es k\u00f6nne schlie\u00dflich mit ihm, wenn er nicht flei\u00dfig sei, soweit kommen wie mit Delamarche und Robinson.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Hotelschneider wurde ihm die Liftjungenuniform anprobiert, die \u00e4u\u00dferlich sehr pr\u00e4chtig mit Goldkn\u00f6pfen und Goldschn\u00fcren ausgestattet war, bei deren Anziehn es Karl aber doch ein wenig schauderte, denn besonders unter den Achseln war das R\u00f6ckchen kalt, hart und dabei unaustrockbar na\u00df von dem Schwei\u00df der Liftjungen, die es vor ihm getragen hatten. Die Uniform mu\u00dfte auch vor allem \u00fcber der Brust eigens f\u00fcr Karl erweitert werden, denn keine der zehn vorliegenden wollte auch nur beil\u00e4ufig passen. Trotz dieser N\u00e4harbeit die hier notwendig war, und trotzdem der Meister sehr peinlich schien \u2013 zweimal flog die bereits abgelieferte Uniform aus seiner Hand in die Werkstatt zur\u00fcck \u2013 war alles in kaum f\u00fcnf Minuten erledigt und Karl verlie\u00df das Atelier schon als Liftjunge mit anliegenden Hosen und einem trotz der bestimmten gegenteiligen Zusicherung des Meisters sehr beengenden J\u00e4ckchen, das immer wieder zu Athem\u00fcbungen verlockte, da man sehen wollte, ob das Athmen noch immer m\u00f6glich war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann meldete er sich bei jenem Oberkellner unter dessen Befehl er stehen sollte, einem schlanken sch\u00f6nen Mann mit gro\u00dfer Nase, der wohl schon in den vierziger Jahren stehen konnte. Er hatte keine Zeit sich auch nur auf das geringste Gespr\u00e4ch einzulassen und l\u00e4utete blo\u00df einen Liftjungen herbei, zuf\u00e4llig gerade jenen, den Karl gestern gesehen hatte. Der Oberkellner nannte ihn nur bei seinem Taufnamen Giacomo, was Karl erst sp\u00e4ter erfuhr, denn in der englischen Aussprache war der Name nicht zu erkennen. Dieser Junge bekam nun den Auftrag Karl das f\u00fcr den Liftdienst Notwendige zu zeigen, aber er war so scheu und eilig, da\u00df Karl von ihm, so wenig auch im Grunde zu zeigen war, kaum dieses Wenige erfahren konnte. Sicher war Giacomo auch deshalb ver\u00e4rgert, weil er den Liftdienst offenbar Karls halber verlassen mu\u00dfte und den Zimmerm\u00e4dchen zur Hilfeleistung zugeteilt war, was ihm nach bestimmten Erfahrungen die er aber verschwieg, entehrend vorkam. Entt\u00e4uscht war Karl vor allem dadurch, da\u00df ein Liftjunge mit der Maschinerie des Aufzugs nur insoferne etwas zu tun hatte, als er ihn durch einen einfachen Druck auf den Knopf in Bewegung setzte, w\u00e4hrend f\u00fcr Reparaturen am Triebwerk derartig ausschlie\u00dflich die Maschinisten des Hotels verwendet wurden, da\u00df z. B. Giacomo trotz halbj\u00e4hrigen Dienstes beim Lift weder das Triebwerk im Keller, noch die Maschinerie im Innern des Aufzugs mit eigenen Augen gesehen hatte, trotzdem ihn dies, wie er ausdr\u00fccklich sagte, sehr gefreut h\u00e4tte. \u00dcberhaupt war es ein einf\u00f6rmiger Dienst und wegen der zw\u00f6lfst\u00fcndigen Arbeitszeit, abwechselnd bei Tag und Nacht, so anstrengend, da\u00df er nach Giacomos Angaben \u00fcberhaupt nicht auszuhalten war, wenn man nicht minutenweise im Stehen schlafen konnte. Karl sagte hiezu nichts, aber er begriff wohl, da\u00df gerade diese Kunst Giacomo die Stelle gekostet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sehr willkommen war es Karl, da\u00df der Aufzug den er zu besorgen hatte, nur f\u00fcr die obersten Stockwerke bestimmt war, weshalb er es nicht mit den anspruchsvollsten reichen Leuten zu tun haben w\u00fcrde. Allerdings konnte man hier auch nicht soviel lernen wie anderswo und es war nur f\u00fcr den Anfang gut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon nach der ersten Woche sah Karl ein, da\u00df er dem Dienst vollst\u00e4ndig gewachsen war. Das Messing seines Aufzugs war am besten geputzt, keiner der drei\u00dfig andern Aufz\u00fcge konnte sich darin vergleichen und es w\u00e4re vielleicht noch leuchtender gewesen, wenn der Junge, der bei dem gleichen Aufzug diente auch nur ann\u00e4hernd so flei\u00dfig gewesen w\u00e4re und sich nicht in seiner L\u00e4ssigkeit durch Karls Flei\u00df unterst\u00fctzt gef\u00fchlt h\u00e4tte. Es war ein geborener Amerikaner, namens Rennel, ein eitler Junge mit dunklen Augen und glatten, etwas geh\u00f6hlten Wangen. Er hatte einen eleganten Privatanzug, in dem er an dienstfreien Abenden leicht parfumiert in die Stadt eilte; hie und da bat er auch Karl ihn abends zu vertreten, da er in Familienangelegenheiten weggehn m\u00fcsse, und es k\u00fcmmerte ihn wenig, da\u00df sein Aussehn allen solchen Ausreden widersprach. Trotzdem konnte ihn Karl gut leiden und hatte es gern, wenn Rennel an solchen Abenden vor dem Ausgehn in seinem Privatanzug unten beim Lift vor ihm stehen blieb, sich noch ein wenig entschuldigte, w\u00e4hrend er die Handschuh \u00fcber die Finger zog und dann durch den Korridor abgieng. Im \u00fcbrigen wollte ihm Karl mit diesen Vertretungen nur eine Gef\u00e4lligkeit machen, wie sie ihm gegen\u00fcber einem \u00e4ltern Kollegen am Anfang selbstverst\u00e4ndlich schien, eine dauernde Einrichtung sollte es nicht werden. Denn erm\u00fcdend genug war dieses ewige Fahren im Lift allerdings und gar in den Abendstunden hatte es fast keine Unterbrechung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bald lernte Karl auch, die kurzen tiefen Verbeugungen machen, die man von den Liftjungen verlangte und das Trinkgeld fieng er im Fluge ab. Es verschwand in seiner Westentasche und niemand h\u00e4tte nach seinen Mienen sagen k\u00f6nnen, ob es gro\u00df oder klein war. Vor Damen \u00f6ffnete er die T\u00fcr mit einer kleinen Beigabe von Galanterie und schwang sich in den Aufzug langsam hinter ihnen, die in Sorge um ihre R\u00f6cke, H\u00fcte und Beh\u00e4nge z\u00f6gernder als M\u00e4nner einzutreten pflegten. W\u00e4hrend der Fahrt stand er, weil dies das unauff\u00e4lligste war, knapp bei der T\u00fcr mit dem R\u00fccken zu seinen Fahrg\u00e4sten und hielt den Griff der Aufzugt\u00fcre, um sie im Augenblick der Ankunft pl\u00f6tzlich und doch nicht etwa erschreckend seitw\u00e4rts weg zu sto\u00dfen. Selten nur klopfte ihm einer w\u00e4hrend der Fahrt auf die Schulter, um irgendeine kleine Auskunft zu bekommen, dann drehte er sich eilig um, als habe er es erwartet und gab mit lauter Stimme Antwort. Oft gab es trotz der vielen Aufz\u00fcge, besonders nach Schlu\u00df der Teater oder nach Ankunft bestimmter Expre\u00dfz\u00fcge, ein solches Gedr\u00e4nge, da\u00df er, kaum da\u00df die G\u00e4ste oben entlassen waren, wieder hinunterrasen mu\u00dfte, um die dort Wartenden aufzunehmen. Er hatte auch die M\u00f6glichkeit, durch Ziehen an einem durch den Aufzugskasten hindurchgehenden Drahtseil, die gew\u00f6hnliche Schnelligkeit zu steigern, allerdings war dies durch die Aufzugsordnung verboten und sollte auch gef\u00e4hrlich sein. Karl tat es auch niemals wenn er mit Passagieren fuhr, aber wenn er sie oben abgesetzt hatte und unten andere warteten, dann kannte er keine R\u00fccksicht, und arbeitete an dem Seil mit starken taktm\u00e4\u00dfigen Griffen, wie ein Matrose. Er wu\u00dfte \u00fcbrigens, da\u00df dies die andern Liftjungen auch taten und er wollte seine Passagiere nicht an andere Jungen verlieren. Einzelne G\u00e4ste, die l\u00e4ngere Zeit im Hotel wohnten, was hier \u00fcbrigens ziemlich gebr\u00e4uchlich war, zeigten hie und da durch ein L\u00e4cheln, da\u00df sie Karl als ihren Liftjungen erkannten, Karl nahm diese Freundlichkeit mit ernstem Gesichte aber gerne an. Manchmal, wenn der Verkehr etwas schw\u00e4cher war, konnte er auch besondere kleine Auftr\u00e4ge annehmen, z. B. einem Hotelgast, der sich nicht erst in sein Zimmer bem\u00fchen wollte, eine im Zimmer vergessene Kleinigkeit zu holen, dann flog er in seinem in solchen Augenblicken ihm besonders vertrauten Aufzug allein hinauf, trat in das fremde Zimmer, wo meistens sonderbare Dinge, die er nie gesehen hatte, herumlagen oder auf den Kleiderrechen hiengen, f\u00fchlte den charakteristischen Geruch einer fremden Seife, eines Parfums, eines Mundwassers und eilte ohne sich im geringsten aufzuhalten mit dem meist trotz undeutlicher Angaben gefundenen Gegenstand wieder zur\u00fcck. Oft bedauerte er gr\u00f6\u00dfere Auftr\u00e4ge nicht \u00fcbernehmen zu k\u00f6nnen, da hief\u00fcr eigene Diener und Botenjungen bestimmt waren, die ihre Wege auf Fahrr\u00e4dern, ja sogar Motorr\u00e4dern besorgten, nur zu Boteng\u00e4ngen aus den Zimmern in die Speise- oder Spiels\u00e4le konnte sich Karl bei g\u00fcnstiger Gelegenheit verwenden lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn er nach der zw\u00f6lfst\u00fcndigen Arbeitszeit drei Tage um sechs Uhr abends, die n\u00e4chsten drei Tage um sechs Uhr fr\u00fch aus der Arbeit kam, war er so m\u00fcde, da\u00df er geradewegs ohne sich um jemanden zu k\u00fcmmern in sein Bett gieng. Es lag im gemeinsamen Schlafsaal der Liftjungen, die Frau Oberk\u00f6chin, deren Einflu\u00df vielleicht doch nicht so gro\u00df war, wie er am ersten Abend geglaubt hatte, hatte sich zwar bem\u00fcht, ihm ein eigenes Zimmerchen zu verschaffen und es w\u00e4re ihr wohl auch gelungen, aber da Karl sah, welche Schwierigkeiten es machte und wie die Oberk\u00f6chin \u00f6fters mit seinem Vorgesetzten, jenem so besch\u00e4ftigten Oberkellner wegen dieser Sache telephonierte, verzichtete er darauf und \u00fcberzeugte die Oberk\u00f6chin von dem Ernst seines Verzichtes mit dem Hinweis darauf, da\u00df er von den andern Jungen wegen eines nicht eigentlich selbst erarbeiteten Vorzugs nicht beneidet werden wolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein ruhiges Schlafzimmer war dieser Schlafsaal allerdings nicht. Denn da jeder einzelne die freie Zeit von zw\u00f6lf Stunden verschiedenartig auf Essen, Schlaf, Vergn\u00fcgen und Nebenverdienst verteilte, war im Schlafsaal immerfort die gr\u00f6\u00dfte Bewegung. Da schliefen einige und zogen die Decken \u00fcber die Ohren um nichts zu h\u00f6ren; wurde doch einer geweckt, dann schrie er so w\u00fctend \u00fcber das Geschrei der andern, da\u00df auch die \u00fcbrigen noch so guten Schl\u00e4fer nicht standhalten konnten. Fast jeder Junge hatte seine Pfeife, es wurde damit eine Art Luxus getrieben, auch Karl hatte sich eine angeschafft und fand bald Geschmack an ihr. Nun durfte aber im Dienst nicht geraucht werden, die Folge dessen war, da\u00df im Schlafsaal jeder solange er nicht unbedingt schlief auch rauchte. Infolge dessen stand jedes Bett in einer eigenen Rauchwolke und alles in einem allgemeinen Dunst. Es war unm\u00f6glich durchzusetzen, trotzdem eigentlich die Mehrzahl grunds\u00e4tzlich zustimmte, da\u00df in der Nacht nur an einem Ende des Saales das Licht brennen sollte. W\u00e4re dieser Vorschlag durchgedrungen, dann h\u00e4tten diejenigen, welche schlafen wollten, dies im Dunkel der einen Saalh\u00e4lfte \u2013 es war ein gro\u00dfer Saal mit vierzig Betten \u2013 ruhig tun k\u00f6nnen, w\u00e4hrend die andern im beleuchteten Teil W\u00fcrfel oder Karten h\u00e4tten spielen und alles \u00fcbrige besorgen k\u00f6nnen, wozu Licht n\u00f6tig war. H\u00e4tte einer dessen Bett in der beleuchteten Saalh\u00e4lfte stand, schlafen gehn wollen, so h\u00e4tte er sich in eines der freien Betten im Dunkel legen k\u00f6nnen, denn es standen immer genug Betten frei und niemand wendete gegen eine derartige vor\u00fcbergehende Ben\u00fctzung seines Bettes durch einen Andern etwas ein. Aber es gab keine Nacht, in der diese Einteilung befolgt worden w\u00e4re. Immer wieder fanden sich z. B. zwei, welche nachdem sie das Dunkel zu etwas Schlaf ausgen\u00fctzt hatten, Lust bekamen in ihren Betten auf einem zwischen sie gelegten Brett Karten zu spielen und nat\u00fcrlich drehten sie eine passende elektrische Lampe auf, deren stechendes Licht die Schlafenden, wenn sie ihm zugewendet waren, auffahren lie\u00df. Man w\u00e4lzte sich zwar noch ein wenig herum, fand aber schlie\u00dflich auch nichts besseres zu tun, als mit dem gleichfalls geweckten Nachbar auch ein Spiel bei neuer Beleuchtung vorzunehmen. Und wieder dampften nat\u00fcrlich auch alle Pfeifen. Es gab allerdings auch einige, die um jeden Preis schlafen wollten \u2013 Karl geh\u00f6rte meist zu ihnen \u2013 und die statt den Kopf aufs Kissen zu legen, ihn mit dem Kissen bedeckten oder hinein einwickelten, aber wie wollte man im Schlafbleiben, wenn der n\u00e4chste Nachbar in tiefer Nacht aufstand, um vor dem Dienst noch ein wenig in der Stadt dem Vergn\u00fcgen nachzugehn, wenn er in dem am Kopfende des eigenen Bettes angebrachten Waschbecken laut und wasserspr\u00fchend sich wusch, wenn er die Stiefel nicht nur polternd anzog sondern stampfend sich besser in sie hineintreten wollte \u2013 fast alle hatten trotz amerikanischer Stiefelform zu enge Stiefel \u2013 um dann schlie\u00dflich, da ihm eine Kleinigkeit in seiner Ausstattung fehlte, das Kissen des Schlafenden zu heben, unter dem man allerdings schon l\u00e4ngst geweckt, nur darauf wartete, auf ihn loszufahren. Nun waren aber auch alle Sportsleute und junge meist kr\u00e4ftige Burschen, die keine Gelegenheit zu sportlichen \u00dcbungen vers\u00e4umen wollten. Und man konnte sicher sein, wenn man in der Nacht mitten aus dem Schlaf durch gro\u00dfen L\u00e4rm geweckt aufsprang, auf dem Boden neben seinem Bett zwei Ringk\u00e4mpfer zu finden und bei greller Beleuchtung auf allen Betten in der Runde aufrecht stehende Sachverst\u00e4ndige in Hemd und Unterhosen. Einmal fiel anl\u00e4\u00dflich eines solchen n\u00e4chtlichen Boxkampfes einer der K\u00e4mpfer \u00fcber den schlafenden Karl und das erste, was Karl beim \u00d6ffnen der Augen erblickte, war das Blut, das dem Jungen aus der Nase rann und ehe man noch etwas dagegen unternehmen konnte das ganze Bettzeug \u00fcberflo\u00df. Oft verbrachte Karl fast die ganzen zw\u00f6lf Stunden mit Versuchen, einige Stunden Schlaf zu gewinnen, trotzdem es ihn auch sehr lockte an den Unterhaltungen der andern teilzunehmen; aber immer wieder schien es ihm, da\u00df alle andern in ihrem Leben einen Vorsprung vor ihm h\u00e4tten, den er durch flei\u00dfigere Arbeit und ein wenig Verzichtleistung ausgleichen m\u00fcsse. Trotzdem ihm also haupts\u00e4chlich seiner Arbeit wegen am Schlaf sehr gelegen war, beklagte er sich doch weder gegen\u00fcber der Oberk\u00f6chin noch gegen\u00fcber Therese \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse im Schlafsaal, denn erstens trugen im Ganzen und Gro\u00dfen alle Jungen schwer daran ohne sich ernstlich zu beklagen und zweitens war die Plage im Schlafsaal ein notwendiger Teil seiner Aufgabe als Liftjunge, die er ja aus den H\u00e4nden der Oberk\u00f6chin dankbar \u00fcbernommen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einmal in der Woche hatte er beim Schichtwechsel vierundzwanzig Stunden frei, die er zum Teil dazu verwendete bei der Oberk\u00f6chin ein zwei Besuche zu machen und mit Therese deren k\u00e4rgliche freie Zeit er abpa\u00dfte irgendwo in einem Winkel, auf einem Korridor und selten nur in ihrem Zimmer einige fl\u00fcchtige Reden auszutauschen. Manchmal begleitete er sie auch auf ihren Besorgungen in der Stadt, die alle h\u00f6chst eilig ausgef\u00fchrt werden mu\u00dften. Dann liefen sie fast, Karl mit ihrer Tasche in der Hand, zur n\u00e4chsten Station der Untergrundbahn, die Fahrt vergieng im Nu, als werde der Zug ohne jeden Widerstand nur hingerissen, schon waren sie ihm entstiegen, klapperten statt auf den Aufzug zu warten, der ihnen zu langsam war, die Stufen hinauf, die gro\u00dfen Pl\u00e4tze, von denen sternf\u00f6rmig die Stra\u00dfen auseinanderflogen, erschienen und brachten ein Get\u00fcmmel in den von allen Seiten geradlinig str\u00f6menden Verkehr, aber Karl und Therese eilten, eng beisammen in die verschiedenen Bureaux, Waschanstalten, Lagerh\u00e4user und Gesch\u00e4fte, in denen telephonisch nicht leicht zu besorgende, im \u00fcbrigen nicht besonders verantwortliche Bestellungen oder Beschwerden auszurichten waren. Therese merkte bald, da\u00df Karls Hilfe hiebei nicht zu verachten war, da\u00df sie vielmehr in vieles eine gro\u00dfe Beschleunigung brachte. Niemals mu\u00dfte sie in seiner Begleitung wie sonst oft darauf warten, da\u00df die \u00fcberbesch\u00e4ftigten Gesch\u00e4ftsleute sie anh\u00f6rten. Er trat an den Pult und klopfte auf ihn solange mit den Kn\u00f6cheln, bis es half, er rief \u00fcber Menschenmauern sein noch immer etwas \u00fcberspitztes, aus hundert Stimmen leicht herauszuh\u00f6rendes Englisch hin, er gieng auf die Leute ohne Z\u00f6gern zu und mochten sie sich hochm\u00fctig in die Tiefe der l\u00e4ngsten Gesch\u00e4ftss\u00e4le zur\u00fcckgezogen haben. Er tat es nicht aus \u00dcbermut und w\u00fcrdigte jeden Widerstand, aber er f\u00fchlte sich in einer sichern Stellung, die ihm Rechte gab, das Hotel occidental war eine Kundschaft, deren man nicht spotten durfte und schlie\u00dflich war Therese trotz ihrer gesch\u00e4ftlichen Erfahrung hilfsbed\u00fcrftig genug. &#8220;Sie sollten immer mitkommen&#8221;, sagte sie manchmal gl\u00fccklich lachend, wenn sie von einer besonders gut ausgef\u00fchrten Unternehmung kamen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur dreimal w\u00e4hrend der anderthalb Monate, die Karl in Ramses blieb, war er l\u00e4ngere Zeit \u00fcber ein paar Stunden in Thereses Zimmerchen. Es war nat\u00fcrlich kleiner als irgend ein Zimmer der Oberk\u00f6chin, die paar Dinge welche darin standen, waren gewisserma\u00dfen nur um das Fenster gelagert, aber Karl verstand schon nach seinen Erfahrungen aus dem Schlafsaal den Wert eines eigenen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig ruhigen Zimmers und wenn er es auch nicht ausdr\u00fccklich sagte, so merkte Therese doch, wie ihm ihr Zimmer gefiel. Sie hatte keine Geheimnisse vor ihm und es w\u00e4re auch nicht gut m\u00f6glich gewesen, nach ihrem Besuch damals am ersten Abend noch Geheimnisse vor ihm zu haben. Sie war ein uneheliches Kind, ihr Vater war Baupolier und hatte die Mutter und das Kind aus Pommern sich nachkommen lassen, aber als h\u00e4tte er damit seine Pflicht erf\u00fcllt oder als h\u00e4tte er andere Menschen erwartet, als die abgearbeitete Frau und das schwache Kind, die er an der Landungsstelle in Empfang nahm, war er bald nach ihrer Ankunft ohne viel Erkl\u00e4rungen nach Kanada ausgewandert, und die Zur\u00fcckgebliebenen hatten weder einen Brief noch eine sonstige Nachricht von ihm erhalten, was zum Teil auch nicht zu verwundern war, denn sie waren in den Massenquartieren des New Yorker Ostens unauffindbar verloren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einmal erz\u00e4hlte Therese \u2013 Karl stand neben ihr beim Fenster und sah auf die Stra\u00dfe \u2013 vom Tode ihrer Mutter. Wie die Mutter und sie an einem Winterabend \u2013 sie konnte damals etwa f\u00fcnf Jahre alt gewesen sein \u2013 jede mit ihrem B\u00fcndel durch die Stra\u00dfen eilten, um Schlafstellen zu suchen. Wie die Mutter sie zuerst bei der Hand f\u00fchrte, es war ein Schneesturm und nicht leicht vorw\u00e4rtszukommen, bis die Hand erlahmte und sie Therese ohne sich nach ihr umzusehn loslie\u00df, die sich nun M\u00fche geben mu\u00dfte, sich selbst an den R\u00f6cken der Mutter festzuhalten. Oft stolperte Therese und fiel sogar, aber die Mutter war wie in einem Wahn und hielt nicht an. Und diese Schneest\u00fcrme in den langen geraden Newyorker Stra\u00dfen! Karl hatte noch keinen Winter in Newyork mitgemacht. Geht man gegen den Wind, und der dreht sich im Kreise, kann man keinen Augenblick die Augen \u00f6ffnen, immerfort zerreibt einem der Wind den Schnee auf dem Gesicht, man lauft aber kommt nicht weiter, es ist etwas Verzweifeltes. Ein Kind ist dabei nat\u00fcrlich gegen Erwachsene im Vorteil, es lauft unter dem Wind durch und hat noch ein wenig Freude an allem. So hatte auch damals Therese ihre Mutter nicht ganz begreifen k\u00f6nnen und sie war fest davon \u00fcberzeugt, da\u00df, wenn sie sich an jenem Abend kl\u00fcger \u2013 sie war eben noch ein so kleines Kind \u2013 zu ihrer Mutter verhalten h\u00e4tte, diese nicht einen so jammervollen Tod h\u00e4tte erleiden m\u00fcssen. Die Mutter war damals schon zwei Tage ohne Arbeit gewesen, nicht das kleinste Geldst\u00fcck war mehr vorhanden, der Tag war ohne einen Bissen im Freien verbracht worden und in ihren B\u00fcndeln schleppten sie nur unbrauchbare Fetzen mit sich herum, die sie vielleicht aus Aberglauben sich nicht wegzuwerfen getrauten. Nun war der Mutter f\u00fcr den n\u00e4chsten Morgen Arbeit bei einem Bau in Aussicht gestellt worden, aber sie f\u00fcrchtete wie sie Therese den ganzen Tag \u00fcber zu erkl\u00e4ren suchte, die g\u00fcnstige Gelegenheit nicht ausn\u00fctzen zu k\u00f6nnen, denn sie f\u00fchlte sich totm\u00fcde, hatte schon am Morgen zum Schrecken der Passanten auf der Gasse viel Blut gehustet, und ihre einzige Sehnsucht war, irgendwo in die W\u00e4rme zu kommen und sich auszuruhn. Und gerade an diesem Abend war es unm\u00f6glich ein Pl\u00e4tzchen zu bekommen. Dort wo sie nicht schon vom Hausbesorger aus dem Torgang gewiesen wurden, in dem man sich immerhin vom Wetter ein wenig h\u00e4tte erholen k\u00f6nnen, durcheilten sie die engen eisigen Korridore, durchstiegen die hohen Stockwerke, umkreisten die schmalen Terassen der H\u00f6fe, klopften wahllos an T\u00fcren, wagten einmal niemanden anzusprechen, baten dann jeden der ihnen entgegenkam und einmal oder zweimal hockte die Mutter atemlos auf der Stufe einer stillen Treppe nieder, ri\u00df Therese, die sich fast wehrte, an sich und k\u00fc\u00dfte sie mit schmerzhaftem Anpressen der Lippen. Wenn man nachher wei\u00df, da\u00df das die letzten K\u00fcsse waren, begreift man nicht, da\u00df man, und mag man ein kleiner Wurm gewesen sein, so blind sein konnte, das nicht einzusehn. In manchen Zimmern an denen sie vor\u00fcberkamen, waren die T\u00fcren ge\u00f6ffnet um eine erstickende Luft herauszulassen und aus dem rauchigen Dunst, der wie durch einen Brand verursacht die Zimmer erf\u00fcllte, trat nur die Gestalt irgendjemandes hervor, der im T\u00fcrrahmen stand und entweder durch seine stumme Gegenwart oder durch ein kurzes Wort die Unm\u00f6glichkeit eines Unterkommens in dem betreffenden Zimmer bewies. Therese schien es jetzt im R\u00fcckblick, da\u00df die Mutter nur in den ersten Stunden ernstlich einen Platz suchte, denn nachdem etwa Mitternacht vor\u00fcber war, hat sie wohl niemanden mehr angesprochen, trotzdem sie mit kleinen Pausen bis zur Morgend\u00e4mmerung nicht aufh\u00f6rte weiterzueilen und trotzdem in diesen H\u00e4usern, in denen weder Haustore noch Wohnungst\u00fcren je verschlossen werden, immerfort Leben ist und einem Menschen auf Schritt und Tritt begegnen. Nat\u00fcrlich war es kein Laufen, das sie rasch weiterbrachte, sondern es war nur die \u00e4u\u00dferste Anstrengung deren sie f\u00e4hig waren, und es konnte in Wirklichkeit ganz gut auch blo\u00df ein Schleichen sein. Therese wu\u00dfte auch nicht, ob sie von Mitternacht bis f\u00fcnf Uhr fr\u00fch in zwanzig H\u00e4usern oder in zwei oder gar nur in einem Haus gewesen waren. Die Korridore dieser H\u00e4user sind nach schlauen Pl\u00e4nen der besten Raumausn\u00fctzung aber ohne R\u00fccksicht auf leichte Orientierung angelegt, wie oft waren sie wohl durch die gleichen Korridore gekommen! Therese hatte wohl in dunkler Erinnerung, da\u00df sie das Tor eines Hauses, das sie ewig durchsucht hatten, wieder verlie\u00dfen, aber ebenso schien es ihr, da\u00df sie auf der Gasse gleich gewendet und wieder in dieses Haus sich gest\u00fcrzt h\u00e4tten. F\u00fcr das Kind war es nat\u00fcrlich ein unbegreifliches Leid, einmal von der Mutter gehalten, einmal sich an ihr festhaltend, ohne ein kleines Wort des Trostes mitgeschleift zu werden, und das Ganze schien damals f\u00fcr seinen Unverstand nur die Erkl\u00e4rung zu haben, da\u00df die Mutter von ihm weglaufen wolle. Darum hielt sich Therese desto fester, selbst wenn die Mutter sie an einer Hand hielt, der Sicherheit halber auch noch mit der andern Hand an den R\u00f6cken der Mutter und heulte in Abst\u00e4nden. Sie wollte nicht hier zur\u00fcckgelassen werden, zwischen den Leuten, die vor ihnen die Treppen stampfend emporstiegen, die hinter ihnen, noch nicht zu sehn, hinter einer Wendung der Treppe herankamen, die in den G\u00e4ngen vor einer T\u00fcr Streit mit einander hatten und einander gegenseitig in das Zimmer hineinstie\u00dfen. Betrunkene wanderten mit dumpfem Gesang im Haus umher und gl\u00fccklich schl\u00fcpfte noch die Mutter mit Therese durch solche sich gerade schlie\u00dfende Gruppen. Gewi\u00df h\u00e4tten sie sp\u00e4t in der Nacht, wo man nicht mehr so acht gab und niemand mehr unbedingt auf seinem Recht bestand, wenigstens in einen der allgemeinen von Unternehmern vermieteten Schlafs\u00e4le sich dr\u00e4ngen k\u00f6nnen, an deren einigen sie vor\u00fcberkamen, aber Therese verstand es nicht und die Mutter wollte keine Ruhe mehr. Am Morgen, dem Beginn eines sch\u00f6nen Wintertags, lehnten sie beide an einer Hausmauer und hatten dort vielleicht ein wenig geschlafen, vielleicht nur mit offenen Augen herumgestarrt. Es zeigte sich, da\u00df Therese ihr B\u00fcndel verloren hatte, und die Mutter machte sich daran, Therese zur Strafe f\u00fcr die Unachtsamkeit zu schlagen, aber Therese h\u00f6rte keinen Schlag und sp\u00fcrte keinen. Sie giengen dann weiter durch die sich belebenden Gassen, die Mutter an der Mauer, kamen \u00fcber eine Br\u00fccke, wo die Mutter mit der Hand den Reif vom Gel\u00e4nder streifte und gelangten schlie\u00dflich, damals hatte es Therese hingenommen, heute verstand sie es nicht, gerade zu jenem Bau, zu dem die Mutter f\u00fcr jenen Morgen bestellt war. Sie sagte Therese nicht, ob sie warten oder weggehn solle, und Therese nahm dies als Befehl zum Warten, da dies ihren W\u00fcnschen am besten entsprach. Sie setzte sich also auf einen Ziegelhaufen und sah zu, wie die Mutter ihr B\u00fcndel aufschn\u00fcrte, einen bunten Fetzen herausnahm und damit ihr Kopftuch umband, das sie w\u00e4hrend der ganzen Nacht getragen hatte. Therese war zu m\u00fcde, als da\u00df ihr auch nur der Gedanke gekommen w\u00e4re, der Mutter zu helfen. Ohne sich in der Bauh\u00fctte zu melden, wie dies \u00fcblich war, und ohne jemanden zu fragen, stieg die Mutter eine Leiter hinauf, als wisse sie schon selbst welche Arbeit ihr zugeteilt war. Therese wunderte sich dar\u00fcber, da die Handlangerinnen gew\u00f6hnlich nur unten mit Kalkl\u00f6schen, mit dem Hinreichen der Ziegel und mit sonstigen einfachen Arbeiten besch\u00e4ftigt werden. Sie dachte daher, die Mutter wolle heute eine besser bezahlte Arbeit ausf\u00fchren und l\u00e4chelte verschlafen zu ihr hinauf. Der Bau war noch nicht hoch, kaum bis zum Erdgescho\u00df gediehn, wenn auch schon die hohen Ger\u00fcststangen f\u00fcr den weitern Bau, allerdings noch ohne Verbindungsh\u00f6lzer, zum blauen Himmel ragten. Oben umgieng die Mutter geschickt die Maurer die Ziegel auf Ziegel legten und sie unbegreiflicher Weise nicht zur Rede stellten, sie hielt sich vorsichtig mit zarter Hand an einem Holzverschlag der als Gel\u00e4nder diente und Therese staunte unten in ihrem Dusel diese Geschicklichkeit an und glaubte noch einen freundlichen Blick der Mutter erhalten zu haben. Nun kam aber die Mutter auf ihrem Gang zu einem kleinen Ziegelhaufen, vor dem das Gel\u00e4nder und wahrscheinlich auch der Weg aufh\u00f6rte, aber sie hielt sich nicht daran, gieng auf den Ziegelhaufen los, ihre Geschicklichkeit schien sie verlassen zu haben, sie stie\u00df den Ziegelhaufen um und fiel \u00fcber ihn hinweg in die Tiefe. Viele Ziegel rollten ihr nach und schlie\u00dflich eine ganze Weile sp\u00e4ter l\u00f6ste sich irgendwo ein schweres Brett los und krachte auf sie nieder. Die letzte Erinnerung Thereses an ihre Mutter war, wie sie mit auseinandergestreckten Beinen dalag in dem karierten Rock, der noch aus Pommern stammte, wie jenes auf ihr liegende rohe Brett sie fast bedeckte, wie nun die Leute von allen Seiten zusammenliefen und wie oben vom Bau irgendein Mann zornig etwas hinunterrief.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war sp\u00e4t geworden, als Therese ihre Erz\u00e4hlung beendet hatte. Sie hatte ausf\u00fchrlich erz\u00e4hlt, wie es sonst nicht ihre Gewohnheit war und gerade bei gleichg\u00fcltigen Stellen, wie bei der Beschreibung der Ger\u00fcststangen, die jede allein f\u00fcr sich in den Himmel ragten, hatte sie mit Tr\u00e4nen in den Augen innehalten m\u00fcssen. Sie wu\u00dfte jede Kleinigkeit, die damals vorgefallen war jetzt nach zehn Jahren ganz genau, und weil der Anblick ihrer Mutter oben im halbfertigen Erdgescho\u00df das letzte Andenken an das Leben der Mutter war und sie es ihrem Freunde gar nicht genug deutlich \u00fcberantworten konnte, wollte sie nach dem Schlusse ihrer Erz\u00e4hlung noch einmal darauf zur\u00fcckkommen, stockte aber, legte das Gesicht in die H\u00e4nde und sagte kein Wort mehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gab aber auch lustigere Zeiten in Theresens Zimmer. Gleich bei seinem ersten Besuch hatte Karl dort ein Lehrbuch der kaufm\u00e4nnischen Korrespondenz liegen gesehn und auf seine Bitte geborgt erhalten. Es wurde gleichzeitig besprochen, da\u00df Karl die im Buch enthaltenen Aufgaben machen und Theresen, die das Buch, soweit es f\u00fcr ihre kleinen Arbeiten n\u00f6tig war, schon durchstudiert hatte, zur Durchsicht vorlegen solle. Nun lag Karl ganze N\u00e4chte lang, Watte in den Ohren, unten auf seinem Bett im Schlafsaal, der Abwechslung halber in allen m\u00f6glichen Lagen, las im Buch und kritzelte die Aufgaben in ein Heftchen mit einer F\u00fcllfeder, die ihm die Oberk\u00f6chin zur Belohnung daf\u00fcr geschenkt hatte, da\u00df er f\u00fcr sie ein gro\u00dfes Inventurverzeichnis sehr praktisch angelegt und rein ausgef\u00fchrt hatte. Es gelang ihm die meisten St\u00f6rungen der andern Jungen dadurch zum Guten zu wenden, da\u00df er sich von ihnen immer kleine Ratschl\u00e4ge in der englischen Sprache geben lie\u00df bis sie dessen m\u00fcde wurden und ihn in Ruhe lie\u00dfen. Oft staunte er, wie die andern mit ihrer gegenw\u00e4rtigen Lage ganz ausges\u00f6hnt waren, ihren provisorischen Charakter \u2013 \u00e4ltere als zwanzigj\u00e4hrige Liftjungen wurden nicht geduldet \u2013 gar nicht f\u00fchlten, die Notwendigkeit einer Entscheidung \u00fcber ihren k\u00fcnftigen Beruf nicht einsahen und trotz Karls Beispiel nichts anderes lasen, als h\u00f6chstens Detektivgeschichten, die in schmutzigen Fetzen von Bett zu Bett gereicht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei den Zusammenk\u00fcnften korrigierte nun Therese mit \u00fcbergro\u00dfer Umst\u00e4ndlichkeit, es ergaben sich strittige Ansichten, Karl f\u00fchrte als Zeugen seinen gro\u00dfen Newyorker Professor an, aber der galt bei Therese ebenso wenig wie die grammatikalischen Meinungen der Liftjungen. Sie nahm ihm die F\u00fcllfeder aus der Hand und strich die Stelle von deren Fehlerhaftigkeit sie \u00fcberzeugt war durch, Karl aber strich in solchen Zweifelf\u00e4llen, trotzdem im allgemeinen keine h\u00f6here Autorit\u00e4t als Therese, die Sache zu Gesicht bekommen sollte, aus Genauigkeit die Striche Theresens wieder durch. Manchmal allerdings kam die Oberk\u00f6chin und entschied dann immer zu Theresens Gunsten, was noch nicht beweisend war, denn Therese war ihre Sekret\u00e4rin. Gleichzeitig aber brachte sie die allgemeine Vers\u00f6hnung, denn es wurde Thee gekocht, Geb\u00e4ck geholt und Karl mu\u00dfte von Europa erz\u00e4hlen, allerdings mit vielen Unterbrechungen von Seiten der Oberk\u00f6chin, die immer wieder fragte und staunte, wodurch sie Karl zu Bewu\u00dftsein brachte, wie vieles sich dort in verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kurzer Zeit von Grund aus ge\u00e4ndert hatte und wie vieles wohl auch schon seit seiner Abwesenheit anders geworden war und immerfort anders wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl mochte einen Monat etwa in Ramses gewesen sein, als ihm eines Abends Renell im Vor\u00fcbergehn sagte, er sei vor dem Hotel von einem Mann mit Namen Delamarche angesprochen und nach Karl ausgefragt worden. Renell habe nun keinen Grund gehabt etwas zu verschweigen und habe der Wahrheit gem\u00e4\u00df erz\u00e4hlt, da\u00df Karl Liftjunge sei, jedoch Aussicht habe infolge der Protektion der Oberk\u00f6chin noch ganz andere Stellen zu bekommen. Karl merkte wie vorsichtig Renell von Delamarche behandelt worden war, der ihn sogar f\u00fcr diesen Abend zu einem gemeinsamen Nachtmahl eingeladen hatte. &#8220;Ich habe nichts mehr mit Delamarche zu tun&#8221;, sagte Karl. &#8220;Nimm Du Dich nur auch vor ihm in Acht! &#8221; &#8220;Ich? &#8221; sagte Renell, streckte sich und eilte weg. Er war der zierlichste Junge im Hotel und es gieng unter den andern Jungen, ohne da\u00df man den Urheber wu\u00dfte, das Ger\u00fccht herum, da\u00df er von einer vornehmen Dame, die schon l\u00e4ngere Zeit im Hotel wohnte, im Lift zumindest abgek\u00fc\u00dft worden sei. F\u00fcr den, der das Ger\u00fccht kannte hatte es unbedingt einen gro\u00dfen Reiz, jene selbstbewu\u00dfte Dame, in deren \u00c4u\u00dfern nicht das Geringste die M\u00f6glichkeit eines solchen Benehmens ahnen lie\u00df, mit ihren ruhigen leichten Schritten, zarten Schleiern, streng geschn\u00fcrter Taille an sich vor\u00fcbergehn zu sehn. Sie wohnte im ersten Stock und Renells Lift war nicht der ihre, aber man konnte nat\u00fcrlich, wenn die andern Lifts augenblicklich besetzt waren, solchen G\u00e4sten den Eintritt in einen andern Lift nicht verwehren. So kam es da\u00df diese Dame hie und da in Karls und Renells Lift fuhr und tats\u00e4chlich immer nur wenn Renell Dienst hatte. Es konnte Zufall sein, aber niemand glaubte daran und wenn der Lift mit den beiden abfuhr, gab es in der ganzen Reihe der Liftjungen eine m\u00fchsam unterdr\u00fcckte Unruhe, die schon sogar zum Einschreiten eines Oberkellners gef\u00fchrt hatte. Sei es nun da\u00df die Dame, sei es da\u00df das Ger\u00fccht die Ursache war, jedenfalls hatte sich Renell ver\u00e4ndert, war noch beiweitem selbstbewu\u00dfter geworden, \u00fcberlie\u00df das Putzen g\u00e4nzlich Karl, der schon auf die n\u00e4chste Gelegenheit einer gr\u00fcndlichen Aussprache hier\u00fcber wartete, und war im Schlafsaal gar nicht mehr zu sehn. Kein anderer war so vollst\u00e4ndig aus der Gemeinschaft der Liftjungen ausgetreten, denn im allgemeinen hielten alle zumindest in Dienstfragen streng zusammen und hatten eine Organisation die von der Hoteldirektion anerkannt war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles dieses lie\u00df sich Karl durch den Kopf gehn, dachte auch an Delamarche und verrichtete im \u00fcbrigen seinen Dienst wie immer. Gegen Mitternacht hatte er eine kleine Abwechslung, denn Therese, die ihn \u00f6fters mit kleinen Geschenken \u00fcberraschte, brachte ihm einen gro\u00dfen Apfel und eine Tafel Chokolade. Sie unterhielten sich ein wenig, durch die Unterbrechungen, welche die Fahrten mit dem Aufzug brachten, kaum gest\u00f6rt. Das Gespr\u00e4ch kam auch auf Delamarche und Karl merkte, da\u00df er sich eigentlich durch Therese hatte beeinflussen lassen, wenn er ihn seit einiger Zeit f\u00fcr einen gef\u00e4hrlichen Menschen hielt, denn so erschien er allerdings Therese nach Karls Erz\u00e4hlungen. Karl jedoch hielt ihn im Grunde nur f\u00fcr einen Lumpen, der durch das Ungl\u00fcck sich hatte verderben lassen und mit dem man schon auskommen konnte. Therese widersprach dem aber sehr lebhaft und forderte Karl in langen Reden das Versprechen ab, kein Wort mit Delamarche mehr zu reden. Statt dieses Versprechen zu geben, dr\u00e4ngte sie Karl wiederholt schlafen zu gehn, da schon Mitternacht l\u00e4ngst vor\u00fcber war, und als sie sich weigerte, drohte er seinen Posten zu verlassen und sie in ihr Zimmer zu f\u00fchren. Als sie endlich bereit war wegzugehn, sagte er: &#8220;Warum machst Du Dir so unn\u00f6tige Sorgen, Therese? F\u00fcr den Fall, da\u00df Du dadurch besser schlafen solltest verspreche ich Dir gerne, da\u00df ich mit Delamarche nur reden werde, wenn es sich nicht vermeiden l\u00e4\u00dft. &#8221; Dann kamen viele Fahrten, denn der Junge am Nebenlift wurde zu irgend einer andern Dienstleistung verwendet und Karl mu\u00dfte beide Lifts besorgen. Es gab G\u00e4ste, die von Unordnung sprachen und ein Herr, der eine Dame begleitete, ber\u00fchrte Karl sogar leicht mit dem Spazierstock, um ihn zur Eile anzutreiben, eine Ermahnung, die recht unn\u00f6tig war. Wenn doch wenigstens die G\u00e4ste, da sie sahen, da\u00df bei dem einen Lift kein Junge stand, gleich zu Karls Lift getreten w\u00e4ren, aber das taten sie nicht, sondern giengen zu dem Nebenlift und blieben dort, die Hand an der Klinke stehn oder traten gar selbst in den Aufzug ein, was nach dem strengsten Paragraphen der Dienstordnung die Liftjungen um jeden Preis verh\u00fcten sollten. So gab es f\u00fcr Karl ein sehr erm\u00fcdendes Hin- und Herlaufen, ohne da\u00df er aber dabei das Bewu\u00dftsein gehabt h\u00e4tte seine Pflicht genau zu erf\u00fcllen. Gegen drei Uhr fr\u00fch wollte \u00fcberdies ein Packtr\u00e4ger, ein alter Mann mit dem er ein wenig befreundet war, irgend eine Hilfeleistung von ihm haben, aber die konnte er nun keinesfalls leisten, denn gerade standen G\u00e4ste vor seinen beiden Lifts und es geh\u00f6rte Geistesgegenwart dazu sich sofort mit gro\u00dfen Schritten f\u00fcr eine Gruppe zu entscheiden. Er war daher gl\u00fccklich als der andere Junge wieder antrat und rief ein paar Worte des Vorwurfs wegen seines langen Ausbleibens zu ihm hin\u00fcber, trotzdem er wahrscheinlich keine Schuld daran hatte. Nach vier Uhr fr\u00fch trat ein wenig Ruhe ein, aber Karl brauchte sie auch schon dringend. Er lehnte schwer am Gel\u00e4nder neben seinem Aufzug, a\u00df langsam den Apfel, aus dem schon nach dem ersten Bi\u00df ein starker Duft str\u00f6mte, und sah in einen Lichtschacht hinunter, der von gro\u00dfen Fenstern der Vorratskammern umgeben war, hinter denen h\u00e4ngende Massen von Bananen im Dunkel gerade noch schimmerten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Hotel wurde Karl gleich in eine Art Bureau gef\u00fchrt, in welchem die Oberk\u00f6chin ein Vormerkbuch in der Hand einer jungen Schreibmaschinistin einen Brief in die Schreibmaschine diktierte. 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