{"id":254,"date":"2026-06-23T22:41:26","date_gmt":"2026-06-23T22:41:26","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?page_id=254"},"modified":"2026-06-23T22:43:41","modified_gmt":"2026-06-23T22:43:41","slug":"der-fall-robinson","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/der-verschollene\/der-fall-robinson\/","title":{"rendered":"VI &#8211; Der Fall Robinson"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da klopfte ihm jemand auf die Schulter. Karl, der nat\u00fcrlich dachte, es w\u00e4re ein Gast, steckte den Apfel eiligst in die Tasche und eilte, kaum da\u00df er den Mann ansah, zum Aufzug hin. &#8220;Guten Abend, Herr Ro\u00dfmann&#8221;, sagte nun aber der Mann, &#8220;ich bin es, Robinson.&#8221; &#8220;Sie haben sich aber ver\u00e4ndert&#8221;, sagte Karl und sch\u00fcttelte den Kopf. &#8220;Ja es geht mir gut&#8221;, sagte Robinson und sah an seiner Kleidung hinunter, die vielleicht aus genug feinen St\u00fccken bestand, aber so zusammengew\u00fcrfelt war, da\u00df sie geradezu sch\u00e4big aussah. Das Auffallendste war eine offenbar zum erstenmal getragene wei\u00dfe Weste mit vier kleinen schwarz eingefa\u00dften T\u00e4schchen, auf die Robinson auch durch Vorstrecken der Brust aufmerksam zu machen suchte. &#8220;Sie haben teuere Kleider&#8221;, sagte Karl und dachte fl\u00fcchtig an sein sch\u00f6nes einfaches Kleid, in dem er sogar neben Renell h\u00e4tte bestehen k\u00f6nnen und das die zwei schlechten Freunde verkauft hatten. &#8220;Ja&#8221;, sagte Robinson, &#8220;ich kaufe mir fast jeden Tag irgend etwas. Wie gef\u00e4llt Ihnen die Weste?&#8221; &#8220;Ganz gut&#8221;, sagte Karl. &#8220;Es sind aber keine wirklichen Taschen, das ist nur so gemacht&#8221;, sagte Robinson und fa\u00dfte Karl bei der Hand, damit sich dieser selbst davon \u00fcberzeuge. Aber Karl wich zur\u00fcck, denn aus Robinsons Mund kam ein unertr\u00e4glicher Branntweingeruch. &#8220;Sie trinken wieder viel&#8221;, sagte Karl und stand schon wieder am Gel\u00e4nder. &#8220;Nein&#8221;, sagte Robinson, &#8220;nicht viel&#8221; und f\u00fcgte im Widerspruch zu seiner fr\u00fcheren Zufriedenheit hinzu: &#8220;Was hat der Mensch sonst auf der Welt. &#8221; Eine Fahrt unterbrach das Gespr\u00e4ch und, kaum war Karl wieder unten, erfolgte ein telephonischer Anruf, laut dessen Karl den Hotelarzt holen sollte, da eine Dame im siebenten Stockwerk einen Ohnmachtsanfall erlitten hatte. W\u00e4hrend dieses Weges hoffte Karl im Geheimen, da\u00df Robinson sich inzwischen entfernt haben werde, denn er wollte nicht mit ihm gesehen werden und in Gedanken an Theresens Warnung auch von Delamarche nichts h\u00f6ren. Aber Robinson wartete noch in der steifen Haltung eines Vollgetrunkenen und gerade gieng ein h\u00f6herer Hotelbeamter im schwarzen Gehrock und Cylinderhut vor\u00fcber, ohne gl\u00fccklicherweise Robinson, wie es schien, besonders zu beachten. &#8220;Wollen Sie Ro\u00dfmann nicht einmal zu uns kommen, wir haben es jetzt sehr fein&#8221;, sagte Robinson und sah Karl lockend an. &#8220;Laden Sie mich ein oder Delamarche?&#8221; fragte Karl. &#8220;Ich und Delamarche. Wir sind darin einig&#8221;, sagte Robinson. &#8220;Dann sage ich Ihnen und bitte Sie Delamarche das Gleiche auszurichten: Unser Abschied war, wenn das nicht schon an und f\u00fcr sich klar gewesen sein sollte, ein endg\u00fcltiger. Sie beide haben mir mehr Leid getan, als irgend jemand. Haben Sie sich vielleicht in den Kopf gesetzt, mich auch weiterhin nicht in Ruhe zu lassen?&#8221; &#8220;Wir sind doch Ihre Kameraden&#8221;, sagte Robinson und widerliche Tr\u00e4nen der Trunkenheit stiegen ihm in die Augen. &#8220;Delamarche l\u00e4\u00dft Ihnen sagen, da\u00df er Sie f\u00fcr alles Fr\u00fchere entsch\u00e4digen will. Wir wohnen jetzt mit Brunelda zusammen, einer herrlichen S\u00e4ngerin. &#8221; Und im Anschlu\u00df daran wollte er gerade ein Lied in hohen T\u00f6nen singen, wenn ihn nicht Karl noch rechtzeitig angezischt h\u00e4tte: &#8220;Schweigen Sie aber augenblicklich, wissen Sie denn nicht, wo Sie sind.&#8221; &#8220;Ro\u00dfmann&#8221;, sagte Robinson nur r\u00fccksichtlich des Singens eingesch\u00fcchtert, &#8220;ich bin doch Ihr Kamerad, sagen Sie, was Sie wollen. Und nun haben Sie hier so eine sch\u00f6ne Position, k\u00f6nnten Sie mir einiges Geld \u00fcberlassen.&#8221; &#8220;Sie vertrinken es ja blo\u00df wieder&#8221;, sagte Karl, &#8220;da sehe ich sogar in Ihrer Tasche irgendeine Branntweinflasche aus der Sie gewi\u00df, w\u00e4hrend ich weg war, getrunken haben, denn anfangs waren Sie ja noch ziemlich bei Sinnen. &#8221; &#8220;Das ist nur zur St\u00e4rkung, wenn ich auf einem Wege bin&#8221;, sagte Robinson entschuldigend. &#8220;Ich will Sie ja nicht mehr bessern&#8221;, sagte Karl. &#8220;Aber das Geld! &#8221; sagte Robinson mit aufgerissenen Augen. &#8221; Sie haben wohl von Delamarche den Auftrag bekommen Geld mitzubringen. Gut ich gebe Ihnen Geld, aber nur unter der Bedingung, da\u00df Sie sofort von hier fortgehn und niemals mehr mich hier besuchen. Wenn Sie mir etwas mitteilen wollen, schreiben Sie an mich. Karl Ro\u00dfmann, Liftjunge, Hotel occidental, gen\u00fcgt als Adresse. Aber hier d\u00fcrfen Sie, das wiederhole ich, mich nicht mehr aufsuchen. Hier bin ich im Dienst und habe keine Zeit f\u00fcr Besuche. Wollen Sie also das Geld unter dieser Bedingung?&#8221; fragte Karl und griff in die Westentasche, denn er war entschlossen, das Trinkgeld der heutigen Nacht zu opfern. Robinson nickte blo\u00df zu der Frage und atmete schwer. Karl deutete das unrichtig und fragte nochmals: &#8220;Ja oder Nein?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da winkte ihn Robinson zu sich heran und fl\u00fcsterte unter Schlingbewegungen, die schon ganz deutlich waren: &#8220;Ro\u00dfmann, mir ist sehr schlecht. &#8221; &#8220;Zum Teufel&#8221;, entfuhr es Karl und mit beiden H\u00e4nden schleppte er ihn zum Gel\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und schon ergo\u00df es sich aus Robinsons Mund in die Tiefe. Hilflos strich er in den Pausen die ihm seine \u00dcbelkeit lie\u00df blindlings an Karl hin. &#8220;Sie sind wirklich ein guter Junge&#8221;, sagte er dann oder &#8220;es h\u00f6rt schon auf&#8221;, was aber noch lange nicht richtig war, oder &#8220;die Hunde, was haben sie mir dort f\u00fcr ein Zeug eingegossen! &#8221; Karl hielt es vor Unruhe und Ekel bei ihm nicht aus und begann auf und ab zu gehn. Hier im Winkel neben dem Aufzug war ja Robinson ein wenig versteckt, aber wie wenn ihn doch jemand bemerkte, einer dieser nerv\u00f6sen reichen G\u00e4ste, die nur darauf warten, dem herbeilaufenden Hotelbeamten eine Beschwerde mitzuteilen, f\u00fcr welche dieser dann w\u00fctend am ganzen Hause Rache nimmt oder wenn einer dieser immerfort wechselnden Hoteldetektivs vor\u00fcberk\u00e4me, die niemand kennt au\u00dfer die Direktion und die man in jedem Menschen vermutet, der pr\u00fcfende Blicke, vielleicht auch blo\u00df aus Kurzsichtigkeit, macht. Und unten brauchte nur jemand bei dem die ganze Nacht nicht aussetzenden Restaurationsbetrieb in die Vorratskammern zu gehn, staunend die Scheu\u00dflichkeit im Lichtschacht zu bemerken und Karl telephonisch anzufragen, was denn um Himmelswillen da oben los sei. Konnte Karl dann Robinson verleugnen? Und wenn er es t\u00e4te, w\u00fcrde sich nicht Robinson in seiner Dummheit und Verzweiflung statt aller Entschuldigung gerade nur auf Karl berufen? Und mu\u00dfte dann nicht Karl sofort entlassen werden, da dann das Unerh\u00f6rte geschehen war, da\u00df ein Liftjunge, der niedrigste und entbehrlichste Angestellte in der ungeheueren Stufenleiter der Dienerschaft dieses Hotels, durch seinen Freund das Hotel hatte beschmutzen und die G\u00e4ste erschrecken oder gar vertreiben lassen? Konnte man einen Liftjungen weiter dulden, der solche Freunde hatte, von denen er sich \u00fcberdies w\u00e4hrend seiner Dienststunden besuchen lie\u00df? Sah es nicht ganz so aus, als ob ein solcher Liftjunge selbst ein S\u00e4ufer oder gar etwas \u00c4rgeres sei, denn welche Vermutung war einleuchtender, als da\u00df er seine Freunde aus den Vorr\u00e4ten des Hotels so lange \u00fcberf\u00fctterte, bis sie an einer beliebigen Stelle dieses gleichen peinlich rein gehaltenen Hotels solche Dinge ausf\u00fchrten, wie jetzt Robinson? Und warum sollte sich ein solcher Junge auf die Diebst\u00e4hle von Lebensmitteln beschr\u00e4nken, da doch die M\u00f6glichkeiten zu stehlen, bei der bekannten Nachl\u00e4ssigkeit der G\u00e4ste, den \u00fcberall offenstehenden Schr\u00e4nken, den auf den Tischen herumliegenden Kostbarkeiten, den aufgerissenen Kassetten, den gedankenlos hingeworfenen Schl\u00fcsseln wirklich unz\u00e4hlige waren?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade sah Karl in der Ferne G\u00e4ste aus einem Kellerlokal heraufsteigen, in dem eben eine Varietevorstellung beendet worden war. Karl stellte sich zu seinem Aufzug und wagte sich gar nicht nach Robinson umzudrehn aus Furcht vor dem, was er zu sehn bekommen k\u00f6nnte. Es beruhigte ihn wenig, da\u00df er keinen Laut, nicht einmal einen Seufzer von dort h\u00f6rte. Er bediente zwar seine G\u00e4ste und fuhr mit ihnen auf und ab, aber seine Zerstreutheit konnte er doch nicht ganz verbergen und bei jeder Abw\u00e4rtsfahrt war er darauf gefa\u00dft, unten eine peinliche \u00dcberraschung vorzufinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Endlich hatte er wieder Zeit nach Robinson zu sehn, der in seinem Winkel ganz klein kauerte und das Gesicht gegen die Knie dr\u00fcckte. Seinen runden harten Hut hatte er weit aus der Stirne geschoben. &#8220;Also jetzt gehn Sie schon&#8221;, sagte Karl leise und bestimmt, &#8220;hier ist das Geld. Wenn Sie sich beeilen, kann ich Ihnen noch den k\u00fcrzesten Weg zeigen. &#8221; &#8220;Ich werde nicht weggehn k\u00f6nnen&#8221;, sagte Robinson und wischte sich mit einem winzigen Taschentuch die Stirn, &#8220;ich werde hier sterben. Sie k\u00f6nnen sich nicht vorstellen, wie schlecht mir ist. Delamarche nimmt mich \u00fcberall in die feinen Lokale mit, aber ich vertrage dieses zimperliche Zeug nicht, ich sage es Delamarche t\u00e4glich.&#8221; &#8220;Hier k\u00f6nnen Sie nun einmal nicht bleiben&#8221;, sagte Karl, &#8220;bedenken Sie doch wo Sie sind. Wenn man Sie hier findet, werden Sie bestraft und ich verliere meinen Posten. Wollen Sie das?&#8221; &#8220;Ich kann nicht weggehn&#8221;, sagte Robinson, &#8220;lieber spring ich da hinunter&#8221;, und er zeigte zwischen den Gel\u00e4nderstangen in den Lichtschacht. &#8220;Wenn ich hier so sitze, so kann ich es noch ertragen, aber aufstehn kann ich nicht, ich habe es ja schon versucht wie Sie wegwaren. &#8221; &#8220;Dann hole ich also einen Wagen, und Sie fahren ins Krankenhaus&#8221;, sagte Karl und sch\u00fcttelte ein wenig Robinsons Beine, der jeden Augenblick in v\u00f6llige Teilnahmslosigkeit zu verfallen drohte. Aber kaum hatte Robinson das Wort Krankenhaus geh\u00f6rt, das ihm schreckliche Vorstellungen zu erwecken schien, als er laut zu weinen anfieng und die H\u00e4nde um Gnade bittend nach Karl ausstreckte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Still&#8221;, sagte Karl, schlug ihm mit einem Klaps die H\u00e4nde nieder, lief zu dem Liftjungen, den er in der Nacht vertreten hatte, bat ihn f\u00fcr ein kleines Weilchen um die gleiche Gef\u00e4lligkeit, eilte zu Robinson zur\u00fcck, zog den noch immer Schluchzenden mit aller Kraft in die H\u00f6he und fl\u00fcsterte ihm zu: &#8220;Robinson, wenn Sie wollen, da\u00df ich mich Ihrer annehme, dann strengen Sie sich aber an, jetzt eine ganz kleine Strecke Wegs aufrecht zu gehn. Ich f\u00fchre Sie n\u00e4mlich in mein Bett, in dem Sie solange bleiben k\u00f6nnen, bis Ihnen gut ist. Sie werden staunen, wie bald Sie sich erholen werden. Aber jetzt benehmen Sie sich nur vern\u00fcnftig, denn auf den G\u00e4ngen sind \u00fcberall Leute und auch mein Bett ist in einem allgemeinen Schlafsaal. Wenn man auf Sie auch nur ein wenig aufmerksam wird, kann ich nichts mehr f\u00fcr Sie tun. Und die Augen m\u00fcssen Sie offenhalten, ich kann Sie da nicht wie einen Totkranken herumf\u00fchren. &#8221; &#8220;Ich will ja alles tun was Sie f\u00fcr recht halten&#8221;, sagte Robinson, &#8220;aber Sie allein werden mich nicht f\u00fchren k\u00f6nnen. K\u00f6nnten Sie nicht noch Renell holen?&#8221; &#8220;Renell ist nicht hier&#8221;, sagte Karl. &#8220;Ach ja&#8221;, sagte Robinson, &#8220;Renell ist mit Delamarche beisammen. Die beiden haben mich ja um Sie geschickt. Ich verwechsle schon alles. &#8221; Karl ben\u00fctzte diese und andere unverst\u00e4ndliche Selbstgespr\u00e4che Robinsons, um ihn vorw\u00e4rts zu schieben und kam mit ihm auch gl\u00fccklich bis zu einer Ecke, von der aus ein etwas schw\u00e4cher beleuchteter Gang zum Schlafsaal der Liftjungen f\u00fchrte. Gerade jagte in vollem Lauf ein Liftjunge auf sie zu und an ihnen vor\u00fcber. Im \u00fcbrigen hatten sie bis jetzt nur ungef\u00e4hrliche Begegnungen gehabt; zwischen vier und f\u00fcnf Uhr war n\u00e4mlich die stillste Zeit und Karl hatte wohl gewu\u00dft, da\u00df wenn ihm das Wegschaffen Robinsons jetzt nicht gel\u00e4nge, in der Morgend\u00e4mmerung und im beginnenden Tagesverkehr \u00fcberhaupt nicht mehr daran zu denken w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Schlafsaal war am andern Ende des Saales gerade eine gro\u00dfe Rauferei oder sonstige Veranstaltung im Gange, man h\u00f6rte rythmisches H\u00e4ndeklatschen, aufgeregtes F\u00fc\u00dfetrappeln und sportliche Zurufe. In der bei der T\u00fcr gelegenen Saalh\u00e4lfte sah man in den Betten nur wenige unbeirrte Schl\u00e4fer, die meisten lagen auf dem R\u00fccken und starrten in die Luft, w\u00e4hrend hie und da einer bekleidet oder unbekleidet wie er gerade war, aus dem Bett sprang, um nachzusehn, wie die Dinge am andern Saalende standen. So brachte Karl Robinson, der sich an das Gehen inzwischen ein wenig gew\u00f6hnt hatte, ziemlich unbeachtet in Renells Bett, da es der T\u00fcr sehr nahe lag und gl\u00fccklicherweise nicht besetzt war, w\u00e4hrend in seinem eigenen Bett, wie er aus der Ferne sah, ein fremder Junge, den er gar nicht kannte, ruhig schlief. Kaum f\u00fchlte Robinson das Bett unter sich, als er sofort \u2013 ein Bein baumelte noch aus dem Bett heraus \u2013 einschlief. Karl zog ihm die Decke weit \u00fcber das Gesicht und glaubte sich f\u00fcr die n\u00e4chste Zeit wenigstens keine Sorgen machen zu m\u00fcssen, da Robinson gewi\u00df nicht vor sechs Uhr fr\u00fch erwachen w\u00fcrde, und bis dahin w\u00fcrde er wieder hier sein und dann schon vielleicht mit Renell ein Mittel finden, um Robinson wegzubringen. Eine Inspektion des Schlafsaales durch irgendwelche h\u00f6here Organe gab es nur in au\u00dferordentlichen F\u00e4llen, die Abschaffung der fr\u00fcher \u00fcblichen allgemeinen Inspektion hatten die Liftjungen schon vor Jahren durchgesetzt, es war also auch von dieser Seite nichts zu f\u00fcrchten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Karl wieder bei seinem Aufzug angelangt war, sah er, da\u00df sowohl sein Aufzug, als auch jener seines Nachbarn gerade in die H\u00f6he fuhren. Unruhig wartete er darauf, wie sich das aufkl\u00e4ren w\u00fcrde. Sein Aufzug kam fr\u00fcher herunter und es entstieg ihm jener Junge, der vor einem Weilchen durch den Gang gelaufen war. &#8220;Ja wo bist Du denn gewesen Ro\u00dfmann?&#8221; fragte dieser. &#8220;Warum bist Du weggegangen? Warum hast Du es nicht gemeldet?&#8221; &#8220;Aber ich habe ihm doch gesagt, da\u00df er mich ein Weilchen vertreten soll&#8221;, antwortete Karl und zeigte auf den Jungen vom Nachbarlift der gerade herankam. &#8220;Ich habe ihn doch auch zwei Stunden w\u00e4hrend des gr\u00f6\u00dften Verkehres vertreten. &#8221; &#8220;Das ist alles sehr gut&#8221;, sagte der Angesprochene, &#8220;aber das gen\u00fcgt doch nicht. Wei\u00dft Du denn nicht, da\u00df man auch die k\u00fcrzeste Abwesenheit w\u00e4hrend des Dienstes im Bureau des Oberkellners melden mu\u00df. Dazu hast Du ja das Telephon da. Ich h\u00e4tte Dich schon gerne vertreten, aber Du wei\u00dft ja, da\u00df das nicht so leicht ist. Gerade waren vor beiden Lifts neue G\u00e4ste vom Vier-Uhr-drei\u00dfig-Expre\u00dfzug. Ich konnte doch nicht zuerst zu Deinem Lift laufen und meine G\u00e4ste warten lassen, so bin ich also zuerst mit meinem Lift hinaufgefahren.&#8221; &#8220;Nun?&#8221; fragte Karl gespannt, da beide Jungen schwiegen. &#8220;Nun&#8221;, sagte der Junge vom Nachbarlift, &#8220;da geht gerade der Oberkellner vor\u00fcber, sieht die Leute vor Deinem Lift ohne Bedienung, bekommt Galle, fragt mich, der ich gleich hergerannt bin, wo Du steckst, ich habe keine Ahnung davon, denn Du hast mir ja gar nicht gesagt, wohin Du gehst und so telephoniert er gleich in den Schlafsaal, da\u00df sofort ein anderer Junge herkommen soll. &#8221; &#8220;Ich habe Dich ja noch im Gang getroffen&#8221;, sagte Karls Ersatzmann. Karl nickte. &#8220;Nat\u00fcrlich&#8221;, beteuerte der andere Junge, &#8220;habe ich gleich gesagt, da\u00df Du mich um Deine Vertretung gebeten hast, aber h\u00f6rt denn der auf solche Entschuldigungen. Du kennst ihn wahrscheinlich noch nicht. Und wir sollen Dir ausrichten, da\u00df Du sofort ins Bureau kommen sollst. Also halte Dich lieber nicht auf und lauf hin. Vielleicht verzeiht er es Dir noch, Du warst ja wirklich nur zwei Minuten weg. Berufe Dich nur ruhig auf mich, da\u00df Du mich um Vertretung gebeten hast. Davon da\u00df Du mich vertreten hast rede lieber nicht, la\u00df Dir raten, mir kann ja nichts geschehn, ich hatte Erlaubnis, aber es ist nicht gut von einer solchen Sache zu reden und sie noch in diese Angelegenheit zu mischen, mit der sie nichts zu tun hat. &#8221; &#8220;Es ist das erstemal gewesen, da\u00df ich meinen Posten verlassen habe&#8221;, sagte Karl. &#8220;Das ist immer so, nur glaubt man es nicht&#8221;, sagte der Junge und lief zu seinem Lift, da sich Leute n\u00e4herten. Karls Vertreter, ein etwa vierzehnj\u00e4hriger Junge, der offenbar mit Karl Mitleid hatte, sagte: &#8220;Es sind schon viele F\u00e4lle vorgekommen, in denen man solche Sachen verziehen hat. Gew\u00f6hnlich wird man zu andern Arbeiten versetzt. Entlassen wurde soviel ich wei\u00df wegen einer solchen Sache nur einer. Du mu\u00dft Dir nur eine gute Entschuldigung ausdenken. Auf keinen Fall sag, da\u00df Dir pl\u00f6tzlich schlecht geworden ist, da lacht er Dich aus. Da ist schon besser, Du sagst, ein Gast hat Dir irgend eine eilige Bestellung an einen andern Gast aufgegeben und Du wei\u00dft nicht mehr, wer der erste Gast war und den zweiten hast Du nicht finden k\u00f6nnen. &#8221; &#8220;Na&#8221;, sagte Karl, &#8220;es wird nicht so schlimm werden&#8221;, nach allem was er geh\u00f6rt hatte, glaubte er an keinen guten Ausgang mehr. Und wenn selbst diese Dienstvers\u00e4umnis verziehen werden sollte, so lag doch drin im Schlafsaal noch Robinson als seine lebendige Schuld und es war bei dem galligen Charakter des Oberkellners nur zu wahrscheinlich, da\u00df man sich mit keiner oberfl\u00e4chlichen Untersuchung begn\u00fcgen und schlie\u00dflich doch Robinson noch aufst\u00f6bern w\u00fcrde. Es bestand wohl kein ausdr\u00fcckliches Verbot, nach dem fremde Leute in den Schlafsaal nicht mitgenommen werden durften, aber dies bestand nur deshalb nicht, weil eben unausdenkbare Dinge nicht verboten werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Karl in das Bureau des Oberkellners eintrat, sa\u00df dieser gerade bei seinem Morgenkaffee, machte einmal einen Schluck und sah dann wieder in ein Verzeichnis, das ihm offenbar der gleichfalls anwesende oberste Hotelportier zur Begutachtung \u00fcberbracht hatte. Es war dies ein gro\u00dfer Mann, den seine \u00fcppige reichgeschm\u00fcckte Uniform \u2013 noch auf den Achseln und die Arme hinunter schl\u00e4ngelten sich goldene Ketten und B\u00e4nder \u2013 noch breitschultriger machte, als er von Natur aus war. Ein gl\u00e4nzender schwarzer Schnurrbart, weit in Spitzen ausgezogen so wie ihn Ungarn tragen, r\u00fchrte sich auch bei der schnellsten Kopfwendung nicht. Im \u00fcbrigen konnte sich der Mann infolge seiner Kleiderlast \u00fcberhaupt nur schwer bewegen und stellte sich nicht anders, als mit seitw\u00e4rts eingestemmten Beinen auf, um sein Gewicht richtig zu verteilen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl war frei und eilig eingetreten, wie er es sich hier im Hotel angew\u00f6hnt hatte, denn die Langsamkeit und Vorsicht, die bei Privatpersonen H\u00f6flichkeit bedeutet, h\u00e4lt man bei Liftjungen f\u00fcr Faulheit. Au\u00dferdem mu\u00dfte man ihm auch nicht gleich beim Eintreten sein Schuldbewu\u00dftsein ansehn. Der Oberkellner hatte zwar fl\u00fcchtig auf die sich \u00f6ffnende T\u00fcre hingeblickt, war dann aber sofort zu seinem Kaffee und zu seiner Lekt\u00fcre zur\u00fcckgekehrt, ohne sich weiter um Karl zu k\u00fcmmern. Der Portier aber f\u00fchlte sich vielleicht durch Karls Anwesenheit gest\u00f6rt, vielleicht hatte er irgend eine geheime Nachricht oder Bitte vorzutragen, jedenfalls sah er alle Augenblicke b\u00f6s und mit steif geneigtem Kopf nach Karl hin, um sich dann wenn er offenbar seiner Absicht entsprechend mit Karls Blicken zusammengetroffen war, wieder dem Oberkellner zuzuwenden. Karl aber glaubte, es w\u00fcrde sich nicht gut ausnehmen, wenn er jetzt, da er nun schon einmal hier war, das Bureau wieder verlassen w\u00fcrde, ohne vom Oberkellner den Befehl hiezu erhalten zu haben. Dieser aber studierte weiter das Verzeichnis und a\u00df zwischendurch von einem St\u00fcck Kuchen, von dem er hie und da, ohne im Lesen innezuhalten, den Zucker absch\u00fcttelte. Einmal fiel ein Blatt des Verzeichnisses zu Boden, der Portier machte nicht einmal einen Versuch es aufzuheben, er wu\u00dfte da\u00df er es nicht zustandebr\u00e4chte, es war auch nicht n\u00f6tig, denn Karl war schon zur Stelle und reichte das Blatt dem Oberkellner, der es ihm mit einer Handbewegung abnahm, als sei es von selbst vom Boden aufgeflogen. Die ganze kleine Dienstleistung hatte nichts gen\u00fctzt, denn der Portier h\u00f6rte auch weiterhin mit seinen b\u00f6sen Blicken nicht auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotzdem war Karl gefa\u00dfter als fr\u00fcher. Schon da\u00df seine Sache f\u00fcr den Oberkellner so wenig Wichtigkeit zu haben schien, konnte man f\u00fcr ein gutes Zeichen halten. Es war schlie\u00dflich auch nur begreiflich. Nat\u00fcrlich bedeutet ein Liftjunge gar nichts und darf sich deshalb nichts erlauben, aber eben deshalb weil er nichts bedeutet, kann er auch nichts Au\u00dferordentliches anstellen. Schlie\u00dflich war der Oberkellner in seiner Jugend selbst Liftjunge gewesen \u2013 was noch der Stolz dieser Generation von Liftjungen war \u2013 er war es gewesen, der die Liftjungen zum ersten mal organisiert hatte und gewi\u00df hat er auch einmal ohne Erlaubnis seinen Posten verlassen, wenn ihn auch jetzt allerdings niemand zwingen konnte, sich daran zu erinnern und wenn man auch nicht au\u00dfer Acht lassen durfte, da\u00df er gerade als gewesener Liftjunge darin seine Pflicht sah, diesen Stand durch zeitweilig unnachsichtliche Strenge in Ordnung zu halten. Nun setzte aber Karl au\u00dferdem seine Hoffnung auf das Vorr\u00fccken der Zeit. Nach der Bureauuhr war schon viertel sechs vor\u00fcber, jeden Augenblick konnte Renell zur\u00fcckkehren, vielleicht war er sogar schon da, denn es mu\u00dfte ihm doch aufgefallen sein, da\u00df Robinson nicht zur\u00fcckgekommen war, \u00fcbrigens konnten sich Delamarche und Renell gar nicht weit vom Hotel occidental aufgehalten haben, wie Karl jetzt einfiel, denn sonst h\u00e4tte doch Robinson in seinem elenden Zustand den Weg hierher nicht gefunden. Wenn nun Renell Robinson in seinem Bett antraf, was doch geschehen mu\u00dfte, dann war alles gut. Denn praktisch wie Renell war, besonders wenn es sich um seine Interessen handelte, w\u00fcrde er schon Robinson irgendwie gleich aus dem Hotel entfernen, was ja um so leichter geschehen konnte, da Robinson sich inzwischen ein wenig gest\u00e4rkt hatte und \u00fcberdies wahrscheinlich Delamarche vor dem Hotel wartete, um ihn in Empfang zu nehmen. Wenn aber Robinson einmal entfernt war, dann konnte Karl dem Oberkellner viel ruhiger entgegentreten und f\u00fcr diesmal vielleicht noch mit einer wenn auch schweren R\u00fcge davonkommen. Dann w\u00fcrde er sich mit Therese beraten, ob er der Oberk\u00f6chin die Wahrheit sagen d\u00fcrfe \u2013 er sah f\u00fcr seinen Teil kein Hindernis \u2013 und wenn das m\u00f6glich war, w\u00fcrde die Sache ohne besonderen Schaden aus der Welt geschafft sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade hatte sich Karl durch solche \u00dcberlegungen ein wenig beruhigt und machte sich daran, das in dieser Nacht eingenommene Trinkgeld unauff\u00e4llig zu \u00fcberz\u00e4hlen, denn es schien ihm dem Gef\u00fchl nach besonders reichlich gewesen zu sein, als der Oberkellner das Verzeichnis mit den Worten &#8220;Warten Sie noch bitte einen Augenblick Feodor&#8221; auf den Tisch legte, elastisch aufsprang und Karl so laut anschrie, da\u00df dieser erschrocken vorerst nur in das gro\u00dfe schwarze Mundloch starrte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du hast Deinen Posten ohne Erlaubnis verlassen. Wei\u00dft Du was das bedeutet? Das bedeutet Entlassung. Ich will keine Entschuldigungen h\u00f6ren, Deine erlogenen Ausreden kannst Du f\u00fcr Dich behalten, mir gen\u00fcgt vollst\u00e4ndig die Tatsache da\u00df Du nicht da warst. Wenn ich das einmal dulde und verzeihe, werden n\u00e4chstens alle vierzig Liftjungen w\u00e4hrend des Dienstes davonlaufen und ich kann meine f\u00fcnftausend G\u00e4ste allein die Treppen hinauftragen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl schwieg. Der Portier war n\u00e4hergekommen und zog das R\u00f6ckchen Karls, das einige Falten warf, ein wenig tiefer, zweifellos um den Oberkellner auf diese kleine Unordentlichkeit im Anzug Karls besonders aufmerksam zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ist Dir vielleicht pl\u00f6tzlich schlecht geworden?&#8221; fragte der Oberkellner listig. Karl sah ihn pr\u00fcfend an und antwortete: &#8220;Nein.&#8221; &#8220;Also nicht einmal schlecht ist Dir geworden?&#8221; schrie der Oberkellner desto st\u00e4rker. &#8220;Also dann mu\u00dft Du ja irgendeine gro\u00dfartige L\u00fcge erfunden haben. Heraus damit. Was f\u00fcr eine Entschuldigung hast Du?&#8221; &#8220;Ich habe nicht gewu\u00dft, da\u00df man telephonisch um Erlaubnis bitten mu\u00df&#8221;, sagte Karl. &#8220;Das ist allerdings k\u00f6stlich&#8221;, sagte der Oberkellner, fa\u00dfte Karl beim Rockkragen und brachte ihn fast in Schwebe vor eine Dienstordnung der Lifts, die auf der Wand aufgenagelt war. Auch der Portier gieng hinter ihnen zur Wand hin. &#8220;Da! lies! &#8221; sagte der Oberkellner und zeigte auf einen Paragraphen. Karl glaubte er solle es f\u00fcr sich lesen. &#8220;Laut! &#8221; kommandierte aber der Oberkellner. Statt laut zu lesen, sagte Karl in der Hoffnung damit den Oberkellner besser zu beruhigen: &#8220;Ich kenne den Paragraphen, ich habe ja die Dienstordnung auch bekommen und genau gelesen. Aber gerade eine solche Bestimmung, die man niemals braucht, vergi\u00dft man. Ich diene schon zwei Monate und habe niemals meinen Posten verlassen. &#8221; &#8220;Daf\u00fcr wirst Du ihn jetzt verlassen&#8221;, sagte der Oberkellner, gieng zum Tisch hin, nahm das Verzeichnis wieder zur Hand, als wolle er darin weiterlesen, schlug damit aber auf den Tisch als sei es ein nutzloser Fetzen und gieng, starke R\u00f6te auf Stirn und Wangen, kreuz und quer im Zimmer herum. &#8220;Wegen eines solchen Bengels hat man das n\u00f6tig. Solche Aufregungen beim Nachtdienst! &#8221; stie\u00df er einigemal hervor. &#8220;Wissen Sie wer gerade hinauffahren wollte, als dieser Kerl hier vom Lift weggelaufen ist?&#8221; wandte er sich zum Portier. Und er nannte einen Namen, bei dem es den Portier, der gewi\u00df alle G\u00e4ste kannte und bewerten konnte, so schauderte, da\u00df er schnell auf Karl hinsah, als sei nur dessen Existenz eine Best\u00e4tigung dessen, da\u00df der Tr\u00e4ger jenes Namens eine Zeitlang bei einem Lift dessen Junge weggelaufen war, nutzlos hatte warten m\u00fcssen. &#8220;Das ist schrecklich!&#8221; sagte der Portier und sch\u00fcttelte langsam in grenzenloser Beunruhigung den Kopf gegen Karl hin, welcher ihn traurig ansah und dachte, da\u00df er nun auch f\u00fcr die Begriffst\u00fctzigkeit dieses Mannes werde b\u00fc\u00dfen m\u00fcssen. &#8220;Ich kenne Dich \u00fcbrigens auch schon&#8221;, sagte der Portier und streckte seinen dicken gro\u00dfen steif gespannten Zeigefinger aus. &#8220;Du bist der einzige Junge, welcher mich grunds\u00e4tzlich nicht gr\u00fc\u00dft. Was bildest Du Dir eigentlich ein! Jeder der an der Portierloge vor\u00fcbergeht mu\u00df mich gr\u00fc\u00dfen. Mit den \u00fcbrigen Portiers kannst Du es halten, wie Du willst, ich aber verlange gegr\u00fc\u00dft zu werden. Ich tue zwar manchmal so, als ob ich nicht aufpa\u00dfte, aber Du kannst ganz ruhig sein, ich wei\u00df sehr genau, wer mich gr\u00fc\u00dft oder nicht, Du L\u00fcmmel. &#8221; Und er wandte sich von Karl ab und schritt hochaufgerichtet auf den Oberkellner zu, der aber statt sich zu des Portiers Sache zu \u00e4u\u00dfern, sein Fr\u00fchst\u00fcck beendete und eine Morgenzeitung \u00fcberflog, die ein Diener eben ins Zimmer hereingereicht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Herr Oberportier&#8221;, sagte Karl, der w\u00e4hrend der Unachtsamkeit des Oberkellners wenigstens die Sache mit dem Portier ins Reine bringen wollte, denn er begriff, da\u00df ihm vielleicht der Vorwurf des Portiers nicht schaden konnte, wohl aber dessen Feindschaft, &#8220;ich gr\u00fc\u00dfe Sie ganz gewi\u00df. Ich bin doch noch nicht lange in Amerika und stamme aus Europa, wo man bekanntlich viel mehr gr\u00fc\u00dft, als n\u00f6tig ist. Das habe ich mir nat\u00fcrlich noch nicht ganz abgew\u00f6hnen k\u00f6nnen und noch vor zwei Monaten hat man mir in New York, wo ich zuf\u00e4llig in h\u00f6heren Kreisen verkehrte, bei jeder Gelegenheit zugeredet, mit meiner \u00fcbertriebenen H\u00f6flichkeit aufzuh\u00f6ren. Und da sollte ich gerade Sie nicht gegr\u00fc\u00dft haben. Ich habe Sie jeden Tag einigemal gegr\u00fc\u00dft. Aber nat\u00fcrlich nicht jedesmal wenn ich Sie gesehen habe, da ich doch t\u00e4glich hundertmal an Ihnen vor\u00fcberkomme. &#8221; &#8220;Du hast mich jedesmal zu gr\u00fc\u00dfen, jedesmal ohne Ausnahme, Du hast die ganze Zeit, w\u00e4hrend Du mit mir sprichst die Kappe in der Hand zu halten, Du hast mich immer mit Oberportier anzureden und nicht mit Sie. Und alles das jedesmal und jedesmal. &#8221; &#8220;Jedesmal?&#8221; wiederholte Karl leise und fragend, er erinnerte sich jetzt, wie er vom Portier w\u00e4hrend der ganzen Zeit seines hiesigen Aufenthaltes immer streng und vorwurfsvoll angeschaut worden war, schon von jenem ersten Morgen, an dem er, seiner dienenden Stellung noch nicht recht angepa\u00dft, etwas zu k\u00fchn, diesen Portier ohne weiters umst\u00e4ndlich und dringlich ausgefragt hatte, ob nicht zwei M\u00e4nner vielleicht nach ihm gefragt und etwa eine Photographie f\u00fcr ihn zur\u00fcckgelassen h\u00e4tten. &#8220;Jetzt siehst Du, wohin ein solches Benehmen f\u00fchrt&#8221;, sagte der Portier, der wieder ganz nahe zu Karl zur\u00fcckgekehrt war und zeigte auf den noch lesenden Oberkellner, als sei dieser der Vertreter seiner Rache. &#8220;In Deiner n\u00e4chsten Stellung wirst Du es schon verstehn, den Portier zu gr\u00fc\u00dfen und wenn es auch nur vielleicht in einer elenden Spelunke sein wird. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl sah ein, da\u00df er eigentlich seinen Posten schon verloren hatte, denn der Oberkellner hatte es bereits ausgesprochen, der Oberportier als fertige Tatsache wiederholt und wegen eines Liftjungen d\u00fcrfte wohl die Best\u00e4tigung der Entlassung seitens der Hoteldirektion nicht n\u00f6tig sein. Es war allerdings schneller gegangen, als er gedacht hatte, denn schlie\u00dflich hatte er doch zwei Monate gedient so gut er konnte und gewi\u00df besser als mancher andere Junge. Aber auf solche Dinge wird eben im entscheidenden Augenblick offenbar in keinem Weltteil, weder in Europa noch in Amerika R\u00fccksicht genommen, sondern es wird so entschieden, wie einem in der ersten Wut das Urteil aus dem Munde f\u00e4hrt. Vielleicht w\u00e4re es jetzt am besten gewesen, wenn er sich gleich verabschiedet h\u00e4tte und weggegangen w\u00e4re, die Oberk\u00f6chin und Therese schliefen vielleicht noch, er h\u00e4tte sich, um ihnen die Entt\u00e4uschung und Trauer \u00fcber sein Benehmen wenigstens beim pers\u00f6nlichen Abschied zu ersparen, brieflich verabschieden k\u00f6nnen, h\u00e4tte rasch seinen Koffer packen und in der Stille fortgehn k\u00f6nnen. Blieb er aber auch nur einen Tag noch \u2013 und er h\u00e4tte allerdings ein wenig Schlaf gebraucht \u2013 so erwartete ihn nichts anderes, als Aufbauschung seiner Sache zum Skandal, Vorw\u00fcrfe von allen Seiten, der unertr\u00e4gliche Anblick der Tr\u00e4nen Thereses und vielleicht gar der Oberk\u00f6chin und m\u00f6glicherweise zuguterletzt auch noch eine Bestrafung. Andererseits aber beirrte es ihn, da\u00df er hier zwei Feinden gegen\u00fcberstand und da\u00df an jedem Wort, das er aussprechen w\u00fcrde, wenn nicht der eine, so der andere etwas aussetzen und zum Schlechten deuten w\u00fcrde. Deshalb schwieg er und geno\u00df vorl\u00e4ufig die Ruhe, die im Zimmer herrschte, denn der Oberkellner las noch immer die Zeitung und der Oberportier ordnete sein \u00fcber den Tisch hin verstreutes Verzeichnis nach den Seitenzahlen, was ihm bei seiner offenbaren Kurzsichtigkeit gro\u00dfe Schwierigkeiten machte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Endlich legte der Oberkellner die Zeitung g\u00e4hnend hin, vergewisserte sich durch einen Blick auf Karl da\u00df dieser noch anwesend sei und drehte die Glocke des Tischtelephons an. Er rief mehrere Male Halloh, aber niemand meldete sich. &#8220;Es meldet sich niemand&#8221;, sagte er zum Oberportier. Dieser, der das Telephonieren wie es Karl schien, mit besonderem Interesse beobachtete, sagte: &#8220;Es ist ja schon dreiviertel sechs. Sie ist gewi\u00df schon wach. L\u00e4uten Sie nur st\u00e4rker. &#8221; In diesem Augenblick kam, ohne weitere Aufforderung das telephonische Gegenzeichen. &#8220;Hier Oberkellner Isbary&#8221;, sagte der Oberkellner. &#8220;Guten Morgen Frau Oberk\u00f6chin. Ich habe Sie doch nicht am Ende geweckt. Das tut mir sehr leid. Ja, ja, dreiviertel sechs ist schon. Aber das tut mir aufrichtig leid, da\u00df ich Sie erschreckt habe. Sie sollten w\u00e4hrend des Schlafens das Telephon abstellen. Nein, nein tats\u00e4chlich, es gibt f\u00fcr mich keine Entschuldigung, besonders bei der Geringf\u00fcgigkeit der Sache wegen deren ich Sie sprechen will. Aber nat\u00fcrlich habe ich Zeit, bitte sehr, ich bleibe beim Telephon wenn es Ihnen recht ist. &#8221; &#8220;Sie mu\u00df im Nachthemd zum Telephon gelaufen sein&#8221;, sagte der Oberkellner l\u00e4chelnd zum Oberportier, der die ganze Zeit \u00fcber mit gespanntem Gesichtsausdruck zum Telephonkasten sich geb\u00fcckt gehalten hatte. &#8220;Ich habe sie wirklich geweckt, sie wird n\u00e4mlich sonst von dem kleinen M\u00e4del, das bei ihr auf der Schreibmaschine schreibt, geweckt und die mu\u00df es heute ausnahmsweise vers\u00e4umt haben. Es tut mir leid, da\u00df ich sie aufgeschreckt habe, sie ist so wie so nerv\u00f6s.&#8221; &#8220;Warum spricht sie nicht weiter?&#8221; &#8220;Sie ist nachschauen gegangen, was mit dem M\u00e4del los ist&#8221;, antwortete der Oberkellner schon mit der Muschel am Ohr, denn es l\u00e4utete wieder. &#8220;Sie wird sich schon finden&#8221;, redete er weiter ins Telephon hinein. &#8220;Sie d\u00fcrfen sich nicht von allem so erschrecken lassen, Sie brauchen wirklich eine gr\u00fcndliche Erholung. Ja also meine kleine Anfrage. Es ist da ein Liftjunge, namens&#8221; \u2013 er drehte sich fragend nach Karl um, der, da er genau aufpa\u00dfte gleich mit seinem Namen aushelfen konnte \u2013 &#8220;also namens Karl Ro\u00dfmann, wenn ich mich recht erinnere, so haben Sie sich f\u00fcr ihn ein wenig interessiert; leider hat er Ihre Freundlichkeit schlecht belohnt, er hat ohne Erlaubnis seinen Posten verlassen, hat mir dadurch schwere jetzt noch gar nicht \u00fcbersehbare Unannehmlichkeiten verursacht und ich habe ihn daher soeben entlassen. Ich hoffe Sie nehmen die Sache nicht tragisch. Wie meinen Sie? Entlassen, ja entlassen. Aber ich sagte Ihnen doch, da\u00df er seinen Posten verlassen hat. Nein da kann ich Ihnen wirklich nicht nachgeben liebe Frau Oberk\u00f6chin. Es handelt sich um meine Autorit\u00e4t, da steht viel auf dem Spiel, so ein Junge verdirbt mir die ganze Bande. Gerade bei den Liftjungen mu\u00df man teuflisch aufpassen. Nein, nein, in diesem Falle kann ich Ihnen den Gefallen nicht tun, so sehr ich es mir immer angelegen sein lasse Ihnen gef\u00e4llig zu sein. Und wenn ich ihn schon trotz allem hier lie\u00dfe, zu keinem andern Zweck als um meine Galle in T\u00e4tigkeit zu erhalten, Ihretwegen, ja Ihretwegen Frau Oberk\u00f6chin kann er nicht hierbleiben. Sie nehmen einen Anteil an ihm, den er durchaus nicht verdient und da ich nicht nur ihn kenne, sondern auch Sie, wei\u00df ich, da\u00df das zu den schwersten Entt\u00e4uschungen f\u00fcr Sie f\u00fchren m\u00fc\u00dfte, die ich Ihnen um jeden Preis ersparen will. Ich sage das ganz offen, trotzdem der verstockte Junge paar Schritte vor mir steht. Er wird entlassen, nein nein Frau Oberk\u00f6chin, er wird vollst\u00e4ndig entlassen, nein nein er wird zu keiner andern Arbeit versetzt, er ist vollst\u00e4ndig unbrauchbar. \u00dcbrigens laufen ja auch sonst Beschwerden gegen ihn ein. Der Oberportier z. B. ja also was denn, Feodor, ja beklagt sich \u00fcber die Unh\u00f6flichkeit und Frechheit dieses Jungen. Wie, das soll nicht gen\u00fcgen? Ja liebe Frau Oberk\u00f6chin Sie verl\u00e4ugnen wegen dieses Jungen Ihren Charakter. Nein so d\u00fcrfen Sie mir nicht zusetzen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Augenblick beugte sich der Portier zum Ohr des Oberkellners und fl\u00fcsterte etwas. Der Oberkellner sah ihn zuerst erstaunt an und redete dann so rasch in das Telephon, da\u00df Karl ihn anfangs nicht ganz genau verstand und auf den Fu\u00dfspitzen zwei Schritte n\u00e4hertrat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Liebe Frau Oberk\u00f6chin&#8221;, hie\u00df es, &#8220;aufrichtig gesagt, ich h\u00e4tte nicht geglaubt, da\u00df Sie eine so schlechte Menschenkennerin sind. Eben erfahre ich etwas \u00fcber Ihren Engelsjungen, was Ihre Meinung \u00fcber ihn gr\u00fcndlich \u00e4ndern wird und es tut mir fast leid, da\u00df gerade ich es Ihnen sagen mu\u00df. Dieser feine Junge also, den Sie ein Muster von Anstand nennen, l\u00e4\u00dft keine dienstfreie Nacht vergehn, ohne in die Stadt zu laufen, aus der er erst am Morgen wiederkommt. Ja ja Frau Oberk\u00f6chin das ist durch Zeugen bewiesen, durch einwandfreie Zeugen, ja. K\u00f6nnen Sie mir nun vielleicht sagen, wo er das Geld zu diesen Lustbarkeiten hernimmt Wie er die Aufmerksamkeit f\u00fcr seinen Dienst behalten soll? Und wollen Sie vielleicht auch noch, da\u00df ich Ihnen beschreiben soll, was er in der Stadt treibt? Diesen Jungen loszuwerden, will ich mich aber ganz besonders beeilen. Und Sie bitte nehmen das als Mahnung, wie vorsichtig man gegen hergelaufene Burschen sein soll. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber Herr Oberkellner&#8221;, rief nun Karl, f\u00f6rmlich erleichtert durch den gro\u00dfen Irrtum, der hier unterlaufen schien, und der vielleicht am ehesten dazu f\u00fchren konnte, da\u00df sich alles noch unerwartet besserte, &#8220;da liegt bestimmt eine Verwechslung vor. Ich glaube, der Herr Oberportier hat Ihnen gesagt, da\u00df ich jede Nacht weggehe. Das ist aber durchaus nicht richtig, ich bin vielmehr jede Nacht im Schlafsaal, das k\u00f6nnen alle Jungen best\u00e4tigen. Wenn ich nicht schlafe lerne ich kaufm\u00e4nnische Korrespondenz, aber aus dem Schlafsaal r\u00fchre ich mich keine Nacht. Das ist ja leicht zu beweisen. Der Herr Oberportier verwechselt mich offenbar mit jemand anderm und jetzt verstehe ich auch, warum er glaubt da\u00df ich ihn nicht gr\u00fc\u00dfe. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wirst Du sofort schweigen&#8221;, schrie der Oberportier und sch\u00fcttelte die Faust, wo andere einen Finger bewegt h\u00e4tten, &#8220;ich soll Dich mit jemand andern verwechseln. Ja dann kann ich nicht mehr Oberportier sein, wenn ich die Leute verwechsle. H\u00f6ren Sie nur, Herr Isbary, dann kann ich nicht mehr Oberportier sein, nun ja, wenn ich die Leute verwechsle. In meinen drei\u00dfig Dienstjahren ist mir allerdings noch keine Verwechslung passiert, wie mir hunderte von Herren Oberkellnern, die wir seit jener Zeit hatten, best\u00e4tigen m\u00fcssen, aber bei Dir miserabler Junge soll ich mit den Verwechslungen angefangen haben. Bei Dir, mit Deiner auffallenden glatten Fratze. Was gibt es da zu verwechseln, Du k\u00f6nntest jede Nacht hinter meinem R\u00fccken in die Stadt gelaufen sein und ich best\u00e4tige blo\u00df nach Deinem Gesicht, da\u00df Du ein ausgegohrener Lump bist. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;La\u00df Feodor!&#8221; sagte der Oberkellner, dessen telephonisches Gespr\u00e4ch mit der Oberk\u00f6chin pl\u00f6tzlich abgebrochen worden zu sein schien. &#8220;Die Sache ist ja ganz einfach. Auf seine Unterhaltungen in der Nacht kommt es ja in erster Reihe gar nicht an. Er m\u00f6chte ja vielleicht vor seinem Abschied noch irgend eine gro\u00dfe Untersuchung \u00fcber seine Nachtbesch\u00e4ftigung verursachen wollen. Ich kann mir schon vorstellen da\u00df ihm das gefallen w\u00fcrde. Es w\u00fcrden wom\u00f6glich alle vierzig Liftjungen heraufcitiert und als Zeugen einvernommen, die w\u00fcrden ihn nat\u00fcrlich auch alle verwechselt haben, es m\u00fc\u00dfte also allm\u00e4hlich das ganze Personal zur Zeugenschaft heran, der Hotelbetrieb w\u00fcrde nat\u00fcrlich auf ein Weilchen eingestellt und wenn er dann schlie\u00dflich doch herausgeworfen w\u00fcrde, so h\u00e4tte er doch wenigstens seinen Spa\u00df gehabt. Also das machen wir lieber nicht. Die Oberk\u00f6chin, diese gute Frau, hat er schon zum Narren gehalten und damit soll es genug sein. Ich will nichts weiter h\u00f6ren, Du bist wegen Dienstvers\u00e4umnis auf der Stelle aus dem Dienst entlassen. Da gebe ich Dir eine Anweisung an die Kasse, da\u00df Dir Dein Lohn bis zum heutigen Tag ausgezahlt werde. Das ist \u00fcbrigens bei Deinem Verhalten, unter uns gesagt, einfach ein Geschenk, das ich Dir nur aus R\u00fccksicht auf die Frau Oberk\u00f6chin mache. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein telephonischer Anruf hielt den Oberkellner ab, die Anweisung sofort zu unterschreiben. &#8220;Die Liftjungen geben mir aber heute zu schaffen! &#8221; rief er schon nach Anh\u00f6ren der ersten Worte. &#8220;Das ist ja unerh\u00f6rt!&#8221; rief er nach einem Weilchen. Und vom Telephon weg wandte er sich zum Hotelportier und sagte: &#8220;Bitte Feodor halt mal diesen Burschen ein wenig, wir werden noch mit ihm zu reden haben.&#8221; Und ins Telephon gab er den Befehl: &#8220;Komm sofort herauf! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun konnte sich der Oberportier wenigstens austoben, was ihm beim Reden nicht hatte gelingen wollen. Er hielt Karl oben am Arm fest, aber nicht etwa mit ruhigem Griff, der schlie\u00dflich auszuhalten gewesen w\u00e4re, sondern er lokkerte hie und da den Griff und machte ihn dann mit Steigerung fester und fester, was bei seinen gro\u00dfen K\u00f6rperkr\u00e4ften gar nicht aufzuh\u00f6ren schien und ein Dunkel vor Karls Augen verursachte. Aber er hielt Karl nicht nur, sondern als h\u00e4tte er auch den Befehl bekommen ihn gleichzeitig zu strecken, zog er ihn auch hie und da in die H\u00f6he und sch\u00fcttelte ihn, wobei er immer wieder halb fragend zum Oberkellner sagte: &#8220;Ob ich ihn jetzt nur nicht verwechsle, ob ich ihn jetzt nur nicht verwechsle. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war eine Erl\u00f6sung f\u00fcr Karl, als der oberste der Liftjungen, ein gewisser Bess, ein ewig fauchender dicker Junge eintrat und die Aufmerksamkeit des Oberportiers ein wenig auf sich lenkte. Karl war so ermattet, da\u00df er kaum gr\u00fc\u00dfte, als er zu seinem Staunen hinter dem Jungen Therese leichenbla\u00df, unordentlich angezogen, mit lose aufgesteckten Haaren hereinschl\u00fcpfen sah. Im Augenblick war sie bei ihm und fl\u00fcsterte: &#8220;Wei\u00df es schon die Oberk\u00f6chin?&#8221; &#8220;Der Oberkellner hat es ihr telephoniert&#8221;, antwortete Karl. &#8220;Dann ist schon gut, dann ist schon gut&#8221;, sagte sie rasch mit lebhaften Augen. &#8220;Nein&#8221;, sagte Karl, &#8220;Du wei\u00dft ja nicht, was sie gegen mich haben. Ich mu\u00df weg, die Oberk\u00f6chin ist davon auch schon \u00fcberzeugt. Bitte bleib nicht hier, geh hinauf, ich werde mich dann von Dir verabschieden kommen.&#8221; &#8220;Aber Ro\u00dfmann, was f\u00e4llt Dir denn ein. Du wirst sch\u00f6n bei uns bleiben, so lange es Dir gef\u00e4llt. Der Oberkellner macht ja alles, was die Oberk\u00f6chin will, er liebt sie ja, ich habe es letzthin zuf\u00e4llig erfahren. Da sei nur ruhig. &#8221; &#8220;Bitte Therese geh jetzt weg. Ich kann mich nicht so gut verteidigen wenn Du hier bist. Und ich mu\u00df mich genau verteidigen, weil L\u00fcgen gegen mich vorgebracht werden. Je besser ich aber aufpassen und mich verteidigen kann, desto mehr Hoffnung ist, da\u00df ich bleibe. Also, Therese \u2013 &#8221; Leider konnte er in einem pl\u00f6tzlichen Schmerz nicht unterlassen leise hinzuzuf\u00fcgen: &#8220;Wenn mich nur dieser Oberportier loslassen w\u00fcrde! Ich wu\u00dfte gar nicht da\u00df er mein Feind ist. Aber wie er mich immerfort dr\u00fcckt und zieht. &#8221; &#8220;Warum sage ich das nur! &#8221; dachte er gleichzeitig, &#8220;kein Frauenzimmer kann das ruhig anh\u00f6ren&#8221; und tats\u00e4chlich wendete sich Therese, ohne da\u00df er sie noch mit der freien Hand h\u00e4tte davon abhalten k\u00f6nnen, an den Oberportier: &#8220;Herr Oberportier bitte lassen Sie doch sofort den Ro\u00dfmann frei. Sie machen ihm ja Schmerzen. Die Frau Oberk\u00f6chin wird gleich pers\u00f6nlich kommen und dann wird man schon sehn, da\u00df ihm in allem Unrecht geschieht. Lassen Sie ihn los, was kann es Ihnen denn f\u00fcr ein Vergn\u00fcgen machen ihn zu qu\u00e4len. &#8221; Und sie griff sogar nach des Oberportiers Hand. &#8220;Befehl kleines Fr\u00e4ulein, Befehl&#8221;, sagte der Oberportier und zog mit der freien Hand Therese freundlich an sich, w\u00e4hrend er mit der andern Karl nun sogar angestrengt dr\u00fcckte, als wolle er ihm nicht nur Schmerzen machen, sondern als habe er mit diesem in seinem Besitz befindlichen Arm ein besonderes Ziel, das noch lange nicht erreicht sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Therese brauchte einige Zeit um sich der Umarmung des Oberportiers zu entwinden und wollte sich gerade beim Oberkellner, der noch immer von dem sehr umst\u00e4ndlichen Bess sich erz\u00e4hlen lie\u00df, f\u00fcr Karl einsetzen, als die Oberk\u00f6chin mit raschem Schritte eintrat. &#8220;Gottseidank&#8221;, rief Therese und man h\u00f6rte einen Augenblick im Zimmer nichts als diese lauten Worte. Gleich sprang der Oberkellner auf und schob Bess zur Seite: &#8220;Sie kommen also selbst Frau Oberk\u00f6chin. Wegen dieser Kleinigkeit? Nach unserem Telephongespr\u00e4ch konnte ich es ja ahnen, aber geglaubt habe ich es eigentlich doch nicht. Und dabei wird die Sache Ihres Sch\u00fctzlings immerfort \u00e4rger. Ich f\u00fcrchte ich werde ihn tats\u00e4chlich nicht entlassen aber daf\u00fcr einsperren lassen m\u00fcssen. H\u00f6ren Sie selbst! &#8221; Und er winkte Bess herbei. &#8220;Ich m\u00f6chte zuerst paar Worte mit dem Ro\u00dfmann reden&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin und setzte sich auf einen Sessel, da sie der Oberkellner hiezu n\u00f6tigte. &#8220;Karl bitte komm n\u00e4her&#8221;, sagte sie dann. Karl folgte oder wurde vielmehr vom Oberportier n\u00e4hergeschleppt. &#8220;Lassen Sie ihn doch los&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin \u00e4rgerlich, &#8220;er ist doch kein Raubm\u00f6rder. &#8221; Der Oberportier lie\u00df ihn tats\u00e4chlich los, dr\u00fcckte aber vorher noch einmal so stark, da\u00df ihm selbst vor Anstrengung die Tr\u00e4nen in die Augen traten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Karl&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin, legte die H\u00e4nde ruhig in den Scho\u00df und sah Karl mit geneigtem Kopfe an \u2013 es war gar nicht wie ein Verh\u00f6r \u2013 &#8220;vor allem will ich Dir sagen, da\u00df ich noch vollst\u00e4ndiges Vertrauen zu Dir habe. Auch der Herr Oberkellner ist ein gerechter Mann, daf\u00fcr b\u00fcrge ich. Wir beide wollen Dich im Grunde gerne hierbehalten. &#8221; \u2013 Sie sah hiebei fl\u00fcchtig zum Oberkellner hin\u00fcber, als wolle sie bitten, ihr nicht ins Wort zu fallen. Es geschah auch nicht \u2013 &#8220;Vergi\u00df also, was man Dir bis jetzt vielleicht hier gesagt hat. Vor allem was Dir vielleicht der Herr Oberportier gesagt hat, mu\u00dft Du nicht besonders schwer nehmen. Er ist zwar ein aufgeregter Mann, was bei seinem Dienst kein Wunder ist, aber er hat auch Frau und Kinder und wei\u00df, da\u00df man einen Jungen, der nur auf sich angewiesen ist, nicht unn\u00f6tig plagen mu\u00df, sondern da\u00df das schon die \u00fcbrige Welt gen\u00fcgend besorgt. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war ganz still im Zimmer. Der Oberportier sah Erkl\u00e4rungen fordernd auf den Oberkellner, dieser sah auf die Oberk\u00f6chin und sch\u00fcttelte den Kopf. Der Liftjunge Bess grinste recht sinnlos hinter dem R\u00fccken des Oberkellners. Therese schluchzte vor Freude und Leid in sich hinein und hatte alle M\u00fche es niemanden h\u00f6ren zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl aber blickte, trotzdem das nur als schlechtes Zeichen aufgefa\u00dft werden konnte, nicht auf die Oberk\u00f6chin, die gewi\u00df nach seinem Blick verlangte, sondern vor sich auf den Fu\u00dfboden. In seinem Arm zuckte der Schmerz nach allen Richtungen, das Hemd klebte an dem Striemen fest und er h\u00e4tte eigentlich den Rock ausziehn und die Sache besehen sollen. Was die Oberk\u00f6chin sagte, war nat\u00fcrlich sehr freundlich gemeint, aber ungl\u00fccklicher Weise schien es ihm, als m\u00fcsse es gerade durch das Verhalten der Oberk\u00f6chin zu Tage treten, da\u00df er keine Freundlichkeit verdiene, da\u00df er die Wohltaten der Oberk\u00f6chin zwei Monate unverdient genossen habe, ja da\u00df er nichts anderes verdiene, als unter die H\u00e4nde des Oberportiers zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich sage das&#8221;, fuhr die Oberk\u00f6chin fort, &#8220;damit Du jetzt unbeirrt antwortest, was Du \u00fcbrigens wahrscheinlich auch sonst getan h\u00e4ttest, wie ich Dich zu kennen glaube. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Darf ich bitte inzwischen den Arzt holen, der Mann k\u00f6nnte n\u00e4mlich inzwischen verbluten&#8221;, mischte sich pl\u00f6tzlich der Liftjunge Bess sehr h\u00f6flich, aber sehr st\u00f6rend ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Geh&#8221;, sagte der Oberkellner zu Bess, der gleich davonlief. Und dann zur Oberk\u00f6chin: &#8220;Die Sache ist die. Der Oberportier hat den Jungen da nicht zum Spa\u00df festgehalten. Unten im Schlafsaal der Liftjungen ist n\u00e4mlich in einem Bett sorgf\u00e4ltig zugedeckt ein wildfremder schwer betrunkener Mann aufgefunden worden. Man hat ihn nat\u00fcrlich geweckt und wollte ihn wegschaffen. Da hat dieser Mann aber einen gro\u00dfen Radau zu machen angefangen, immer wieder herumgeschrien, der Schlafsaal geh\u00f6re dem Karl Ro\u00dfmann, dessen Gast er sei, der ihn hergebracht habe und der jeden bestrafen werde, der ihn anzur\u00fchren wagen w\u00fcrde. Im \u00fcbrigen m\u00fcsse er auch deshalb auf den Karl Ro\u00dfmann warten, weil ihm dieser Geld versprochen habe und es nur holen gegangen sei. Achten Sie bitte darauf; Frau Oberk\u00f6chin: Geld versprochen habe und es holen gegangen sei. Du kannst auch acht geben Ro\u00dfmann&#8221;, sagte der Oberkellner nebenbei zu Karl, der sich gerade nach Therese umgedreht hatte, die wie gebannt den Oberkellner anstarrte, und die immer wieder entweder irgendwelche Haare aus der Stirn strich oder diese Handbewegung um ihrer selbst willen machte. &#8220;Aber vielleicht erinnere ich Dich an irgendwelche Verpflichtungen. Der Mann unten hat n\u00e4mlich weiterhin gesagt, da\u00df ihr beide nach Deiner R\u00fcckkunft einen Nachtbesuch bei irgendeiner S\u00e4ngerin machen werdet, deren Namen allerdings niemand verstanden hat, da ihn der Mann immer nur unter Gesang aussprechen konnte. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier unterbrach sich der Oberkellner, denn die sichtlich \u2019bleich gewordene Oberk\u00f6chin erhob sich vom Sessel, den sie ein wenig zur\u00fcckstie\u00df. &#8220;Ich verschone Sie mit dem weitern&#8221;, sagte der Oberkellner. &#8220;Nein bitte nein&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin und ergriff seine Hand, &#8220;erz\u00e4hlen Sie nur weiter, ich will alles h\u00f6ren, darum bin ich ja hier. &#8221; Der Oberportier, der vortrat und sich zum Zeichen dessen, da\u00df er von Anfang an alles durchschaut hatte, laut auf die Brust schlug, wurde vom Oberkellner mit den Worten: &#8220;Ja Sie hatten ganz recht Feodor! &#8221; gleichzeitig beruhigt und zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es ist nicht mehr viel zu erz\u00e4hlen&#8221;, sagte der Oberkellner. &#8220;Wie die Jungen eben schon sind, haben sie den Mann zuerst ausgelacht, haben dann mit ihm Streit bekommen und er ist, da dort immer gute Boxer zur Verf\u00fcgung stehn, einfach niedergeboxt worden und ich habe gar nicht zu fragen gewagt, an welchen und an wieviel Stellen er blutet, denn diese Jungen sind f\u00fcrchterliche Boxer und ein Betrunkener macht es ihnen nat\u00fcrlich leicht. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;So&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin, hielt den Sessel an der Lehne und sah auf den Platz, den sie eben verlassen hatte. &#8220;Also sprich doch bitte ein Wort Ro\u00dfmann!&#8221; sagte sie dann. Therese war von ihrem bisherigen Platz zur Oberk\u00f6chin hin\u00fcbergelaufen und hatte sich, was sie Karl sonst niemals hatte tun sehn, in die Oberk\u00f6chin eingeh\u00e4ngt. Der Oberkellner stand knapp hinter der Oberk\u00f6chin und gl\u00e4ttete langsam einen kleinen bescheidenen Spitzenkragen der Oberk\u00f6chin, der sich ein wenig umgeschlagen hatte. Der Oberportier neben Karl sagte: &#8220;Also wirds?&#8221; wollte damit aber nur einen Sto\u00df maskieren, den er unterdessen Karl in den R\u00fccken gab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es ist wahr&#8221;, sagte Karl infolge des Sto\u00dfes unsicherer als er wollte, &#8220;da\u00df ich den Mann in den Schlafsaal gebracht habe. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Mehr wollen wir nicht wissen&#8221;, sagte der Portier im Namen aller. Die Oberk\u00f6chin wandte sich stumm zum Oberkellner und dann zu Therese.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich konnte mir nicht anders helfen&#8221;, sagte Karl weiter. &#8220;Der Mann ist mein Kamerad von fr\u00fcher her, er kam, nachdem wir uns zwei Monate lang nicht gesehen hatten, hierher, um mir einen Besuch zu machen, war aber so betrunken, da\u00df er nicht wieder allein fortgehn konnte. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Oberkellner sagte neben der Oberk\u00f6chin halblaut vor sich hin: &#8220;Er kam also zu Besuch und war nachher so betrunken, da\u00df er nicht fortgehn konnte. &#8221; Die Oberk\u00f6chin fl\u00fcsterte \u00fcber die Schulter dem Oberkellner etwas zu, der mit einem offenbar nicht zu dieser Sache geh\u00f6rigen L\u00e4cheln Einw\u00e4nde zu machen schien. Therese \u2013 Karl sah nur zu ihr hin \u2013 dr\u00fcckte ihr Gesicht in v\u00f6lliger Hilflosigkeit an die Oberk\u00f6chin und wollte nichts mehr sehn. Der Einzige der mit Karls Erkl\u00e4rung vollst\u00e4ndig zufrieden war, war der Oberportier, welcher einigemal wiederholte: &#8220;Es ist ja ganz recht, seinem Saufbruder mu\u00df man helfen&#8221; und diese Erkl\u00e4rung jedem der Anwesenden durch Blicke und Handbewegungen einzupr\u00e4gen suchte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Schuld also bin ich&#8221;, sagte Karl und machte eine Pause, als warte er auf ein freundliches Wort seiner Richter, das ihm Mut zur weitern Verteidigung geben k\u00f6nnte, aber es kam nicht, &#8220;schuld bin ich nur daran, da\u00df ich den Mann, er hei\u00dft Robinson, ist ein Irl\u00e4nder, in den Schlafsaal gebracht habe. Alles andere, was er gesagt hat, hat er aus Betrunkenheit gesagt und es ist nicht richtig. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du hast ihm also kein Geld versprochen?&#8221; fragte der Oberkellner.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja&#8221;, sagte Karl und es tat ihm leid, da\u00df er daran vergessen hatte, er hatte sich aus Un\u00fcberlegtheit oder Zerstreutheit in allzu bestimmten Ausdr\u00fccken als schuldlos bezeichnet. &#8220;Geld habe ich ihm versprochen, weil er mich darum gebeten hat. Aber ich wollte es nicht holen, sondern ihm das Trinkgeld geben, das ich heute Nacht verdient hatte.&#8221; Und er zog zum Beweise das Geld aus der Tasche und zeigte auf der flachen Hand die paar kleinen M\u00fcnzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du verrennst Dich immer mehr&#8221;, sagte der Oberkellner. &#8220;Wenn man Dir glauben sollte, m\u00fc\u00dfte man immer das was Du fr\u00fcher gesagt hast vergessen. Zuerst hast Du also den Mann \u2013 nicht einmal den Namen Robinson glaube ich Dir, so hat, seitdem es ein Irland gibt, kein Irl\u00e4nder gehei\u00dfen \u2013 zuerst also hast Du ihn nur in den Schlafsaal gebracht, wof\u00fcr allein Du \u00fcbrigens schon im Schwung herausfliegen k\u00f6nntest \u2013 Geld aber hast Du ihm zuerst nicht versprochen, dann wieder, wenn man Dich \u00fcberraschend fragt, hast Du ihm Geld versprochen. Aber wir haben hier kein Antwort- und Fragespiel, sondern wollen Deine Rechtfertigung h\u00f6ren. Zuerst aber wolltest Du das Geld nicht holen, sondern ihm Dein heutiges Trinkgeld geben, dann aber zeigt sich, da\u00df Du dieses Geld noch bei Dir hast, also offenbar doch noch anderes Geld holen wolltest, wof\u00fcr auch Dein langes Ausbleiben spricht. Schlie\u00dflich w\u00e4re es ja nichts Besonderes, wenn Du f\u00fcr ihn aus Deinem Koffer h\u00e4ttest Geld holen wollen, da\u00df Du es aber mit aller Kraft leugnest, das ist allerdings etwas Besonderes. Ebenso wie Du auch immerfort verschweigen willst, da\u00df Du den Mann erst hier im Hotel betrunken gemacht hast, woran ja nicht der geringste Zweifel ist, denn Du selbst hast zugegeben, da\u00df er allein gekommen ist, aber nicht allein weggehn konnte und er selbst hat ja im Schlafsaal herumgeschrien, da\u00df er Dein Gast ist. Fraglich also bleiben jetzt nur noch zwei Dinge, die Du, wenn Du die Sache vereinfachen willst, selbst beantworten kannst, die man aber schlie\u00dflich auch ohne Deine Mithilfe wird feststellen k\u00f6nnen: Erstens wie hast Du Dir den Zutritt zu den Vorratskammern verschafft und zweitens wieso hast Du verschenkbares Geld angesammelt?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es ist unm\u00f6glich sich zu verteidigen, wenn nicht guter Wille da ist&#8221;, sagte sich Karl und antwortete dem Oberkellner nicht mehr, so sehr darunter wahrscheinlich Therese litt. Er wu\u00dfte, da\u00df alles was er sagen konnte, hinterher ganz anders aussehen w\u00fcrde als es gemeint gewesen war und da\u00df es nur der Art der Beurteilung \u00fcberlassen bliebe, Gutes oder B\u00f6ses vorzufinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Er antwortet nicht&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es ist das Vern\u00fcnftigste, was er tun kann&#8221;, sagte der Oberkellner.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Er wird sich schon noch etwas ausdenken&#8221;, sagte der Oberportier und strich mit der fr\u00fcher grausamen Hand behutsam seinen Bart.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sei still&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin zu Therese, die an ihrer Seite zu schluchzen begann, &#8220;Du siehst, er antwortet nicht, wie kann ich denn da etwas f\u00fcr ihn tun. Schlie\u00dflich bin ich es, die vor dem Herrn Oberkellner Unrecht beh\u00e4lt. Sag doch Therese, habe ich Deiner Meinung nach etwas f\u00fcr ihn zu tun vers\u00e4umt?&#8221; Wie konnte das Therese wissen und was n\u00fctzte es, da\u00df sich die Oberk\u00f6chin durch diese \u00f6ffentlich an das kleine M\u00e4dchen gerichtete Frage und Bitte vor den beiden Herren vielleicht viel vergab?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Frau Oberk\u00f6chin&#8221;, sagte Karl, der sich noch einmal aufraffte, aber nur um Therese die Antwort zu ersparen, zu keinem andern Zweck, &#8220;ich glaube nicht, da\u00df ich Ihnen irgendwie Schande gemacht habe und nach genauer Untersuchung m\u00fc\u00dfte das auch jeder andere finden. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Jeder andere&#8221;, sagte der Oberportier und zeigte mit dem Finger auf den Oberkellner, &#8220;das ist eine Spitze gegen Sie, Herr Isbary. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nun Frau Oberk\u00f6chin&#8221;, sagte dieser, &#8220;es ist halb sieben, hohe und h\u00f6chste Zeit. Ich denke, Sie lassen mir am besten das Schlu\u00dfwort in dieser schon allzu duldsam behandelten Sache. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der kleine Giacomo war hereingekommen, wollte zu Karl treten, lie\u00df aber, durch die allgemein herrschende Stille erschreckt, davon ab und wartete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Oberk\u00f6chin hatte seit Karls letzten Worten den Blick nicht von ihm gewendet und es deutete auch nichts darauf hin, da\u00df sie die Bemerkung des Oberkellners geh\u00f6rt hatte. Ihre Augen sahen voll auf Karl hin, sie waren gro\u00df und blau, aber ein wenig getr\u00fcbt durch das Alter und die viele M\u00fche. Wie sie so dastand und den Sessel vor sich schwach schaukelte, h\u00e4tte man ganz gut erwarten k\u00f6nnen, sie werde im n\u00e4chsten Augenblicke sagen: &#8220;Nun Karl, die Sache ist, wenn ich es \u00fcberlege, noch nicht recht klar gestellt und braucht wie Du es richtig gesagt hast noch eine genaue Untersuchung. Und die wollen wir jetzt veranstalten, ob man sonst damit einverstanden ist oder nicht, denn Gerechtigkeit mu\u00df sein. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Statt dessen aber sagte die Oberk\u00f6chin nach einer kleinen Pause, die niemand zu unterbrechen gewagt hatte \u2013 nur die Uhr schlug in Best\u00e4tigung der Worte des Oberkellners halb sieben und mit ihr, wie jeder wu\u00dfte, gleichzeitig alle Uhren im ganzen Hotel, es klang im Ohr und in der Ahnung wie das zweimalige Zucken einer einzigen gro\u00dfen Ungeduld: &#8220;Nein Karl nein, nein! Das wollen wir uns nicht einreden. Gerechte Dinge haben auch ein besonderes Aussehn und das hat, ich mu\u00df es gestehn, Deine Sache nicht. Ich darf das sagen und mu\u00df es auch sagen, denn ich bin es, die mit dem besten Vorurteil f\u00fcr Dich hergekommen ist. Du siehst, auch Therese schweigt. &#8221; (Aber sie schwieg doch nicht, sie weinte.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Oberk\u00f6chin stockte in einem pl\u00f6tzlich sie \u00fcberkommenden Entschlu\u00df und sagte: &#8220;Karl, komm einmal her&#8221; und als er zu ihr gekommen war \u2013 gleich vereinigten sich hinter seinem R\u00fccken der Oberkellner und der Oberportier zu lebhaftem Gespr\u00e4ch \u2013 umfa\u00dfte sie ihn mit der linken Hand, gieng mit ihm und der willenlos folgenden Therese in die Tiefe des Zimmers und dort mit beiden einigemal auf und ab, wobei sie sagte: &#8220;Es ist m\u00f6glich, Karl, und darauf scheinst Du zu vertrauen, sonst w\u00fcrde ich Dich \u00fcberhaupt nicht verstehn, da\u00df eine Untersuchung Dir in einzelnen Kleinigkeiten recht geben wird. Warum denn nicht Du hast vielleicht tats\u00e4chlich den Oberportier gegr\u00fc\u00dft. Ich glaube es sogar bestimmt, ich wei\u00df auch, was ich von dem Oberportier zu halten habe, Du siehst ich rede selbst jetzt noch offen zu Dir. Aber solche kleine Rechtfertigungen helfen Dir gar nichts. Der Oberkellner, dessen Menschenkenntnis ich im Laufe vieler Jahre zu sch\u00e4tzen gelernt habe und welcher der verl\u00e4\u00dflichste Mensch ist, den ich \u00fcberhaupt kenne, hat Deine Schuld klar ausgesprochen und die scheint mir allerdings unwiderleglich. Vielleicht hast Du blo\u00df un\u00fcberlegt gehandelt, vielleicht aber bist Du nicht der, f\u00fcr den ich Dich gehalten habe. Und doch&#8221;, damit unterbrach sie sich gewisserma\u00dfen selbst und sah nur fl\u00fcchtig nach den beiden Herren zur\u00fcck, &#8220;kann ich es mir noch nicht abgew\u00f6hnen, Dich f\u00fcr einen im Grunde anst\u00e4ndigen Jungen zu halten. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Frau Oberk\u00f6chin! Frau Oberk\u00f6chin&#8221;, mahnte der Oberkellner, der ihren Blick aufgefangen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wir sind gleich fertig&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin und redete nun schneller auf Karl ein: &#8220;H\u00f6re Karl, so wie ich die Sache \u00fcbersehe, bin ich noch froh, da\u00df der Oberkellner keine Untersuchung einleiten will, denn wollte er sie einleiten, ich m\u00fc\u00dfte es in Deinem Interesse verhindern. Niemand soll erfahren, wie und womit Du den Mann bewirtet hast, der \u00fcbrigens nicht einer Deiner fr\u00fcheren Kameraden gewesen sein kann wie Du vorgibst, denn mit denen hast Du ja zum Abschied gro\u00dfen Streit gehabt, so da\u00df Du nicht jetzt einen von ihnen traktieren wirst. Es kann also nur ein Bekannter sein, mit dem Du Dich leichtsinniger Weise in der Nacht in irgendeiner st\u00e4dtischen Kneipe verbr\u00fcdert hast. Wie konntest Du mir, Karl, alle diese Dinge verbergen? Wenn es Dir im Schlafsaal vielleicht unertr\u00e4glich war und Du zuerst aus diesem unschuldigen Grunde mit Deinem Nachtschw\u00e4rmen angefangen hast, warum hast Du denn kein Wort davon gesagt, Du wei\u00dft ich wollte Dir ein eigenes Zimmer verschaffen und habe darauf geradezu erst \u00fcber Deine Bitten verzichtet. Es scheint jetzt, als h\u00e4ttest Du den allgemeinen Schlafsaal vorgezogen weil Du Dich dort ungebundener f\u00fchltest. Und Dein Geld hattest Du doch in meiner Kassa aufgehoben und die Trinkgelder brachtest Du mir jede Woche, woher um Gotteswillen, Junge, hast Du das Geld f\u00fcr Deine Vergn\u00fcgungen genommen und woher wolltest Du jetzt das Geld f\u00fcr Deinen Freund holen? Das sind nat\u00fcrlich lauter Dinge, die ich wenigstens jetzt dem Oberkellner gar nicht andeuten darf, denn dann w\u00e4re vielleicht eine Untersuchung unausweichlich. Du mu\u00dft also unbedingt aus dem Hotel undzwar so schnell als m\u00f6glich. Geh direkt in die Pension Brenner \u2013 Du warst doch schon mehrmals mit Therese dort \u2013 sie werden Dich auf diese Empfehlung hin umsonst aufnehmen&#8221; \u2013 und die Oberk\u00f6chin schrieb mit einem goldenen Crayon, den sie aus der Bluse zog, einige Zeilen auf eine Visitkarte, wobei sie aber die Rede nicht unterbrach \u2013 &#8220;Deinen Koffer werde ich Dir gleich nachschicken, Therese, lauf doch in die Garderobe der Liftjungen und pack seinen Koffer&#8221;, (aber Therese r\u00fchrte sich noch nicht, sondern wollte, wie sie alles Leid ausgehalten hatte, nun auch die Wendung zum Bessern, welche die Sache Karls dank der G\u00fcte der Oberk\u00f6chin nahm, ganz miterleben).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jemand \u00f6ffnete ohne sich zu zeigen ein wenig die T\u00fcr und schlo\u00df sie gleich wieder. Es mu\u00dfte offenbar Giacomo gegolten haben, denn dieser trat vor und sagte: &#8220;Ro\u00dfmann ich habe Dir etwas auszurichten.&#8221; &#8220;Gleich&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin und steckte Karl, der mit gesenktem Kopf ihr zugeh\u00f6rt hatte, die Visitkarte in die Tasche, &#8220;Dein Geld behalte ich vorl\u00e4ufig, Du wei\u00dft, Du kannst es mir anvertrauen. Heute bleib zu hause und \u00fcberlege Deine Angelegenheit, morgen \u2013 heute habe ich nicht Zeit, auch habe ich mich schon vielzulange hier aufgehalten \u2013 komme ich zu Brenner und wir werden zusehn was wir weiter f\u00fcr Dich machen k\u00f6nnen. Verlassen werde ich Dich nicht, das sollst Du jedenfalls schon heute wissen. \u00dcber Deine Zukunft mu\u00dft Du Dir keine Sorgen machen, eher \u00fcber die letztvergangene Zeit. &#8221; Darauf klopfte sie ihm leicht auf die Schulter und gieng zum Oberkellner hin\u00fcber, Karl hob den Kopf und sah der gro\u00dfen stattlichen Frau nach, die sich in ruhigem Schritt und freier Haltung von ihm entfernte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Bist Du denn gar nicht froh&#8221;, sagte Therese, die bei ihm zur\u00fcckgeblieben war, &#8220;da\u00df alles so gut ausgefallen ist?&#8221; &#8220;O ja&#8221;, sagte Karl und l\u00e4chelte ihr zu, wu\u00dfte aber nicht warum er dar\u00fcber froh sein sollte, da\u00df man ihn als einen Dieb wegschickte. Aus Thereses Augen strahlte die Freude, als sei es ihr ganz gleichg\u00fcltig, ob Karl etwas verbrochen hatte oder nicht, ob er gerecht beurteilt worden war oder nicht, wenn man ihn nur gerade entwischen lie\u00df, in Schande oder in Ehren. Und so verhielt sich gerade Therese, die doch in ihren eigenen Angelegenheiten so peinlich war und ein nicht ganz eindeutiges Wort der Oberk\u00f6chin wochenlang in ihren Gedanken drehte und untersuchte. Mit Absicht fragte er: &#8220;Wirst Du meinen Koffer gleich packen und wegschicken?&#8221; Er mu\u00dfte gegen seinen Willen vor Staunen den Kopf sch\u00fctteln, so schnell fand sich Therese in die Frage hinein und die \u00dcberzeugung, da\u00df in dem Koffer Dinge waren, die man vor allen Leuten geheim halten mu\u00dfte, lie\u00df sie gar nicht nach Karl hinsehn, gar nicht ihm die Hand reichen, sondern nur fl\u00fcstern: &#8220;Nat\u00fcrlich, Karl, gleich, gleich werde ich den Koffer pakken. &#8221; Und schon war sie davongelaufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun lie\u00df sich aber Giacomo nicht mehr halten und aufgeregt durch das lange Warten rief er laut: &#8220;Ro\u00dfmann, der Mann w\u00e4lzt sich unten im Gang und will sich nicht wegschaffen lassen. Sie wollten ihn ins Krankenhaus bringen lassen, aber er wehrt sich und behauptet, Du w\u00fcrdest niemals dulden, da\u00df er ins Krankenhaus kommt. Man solle ein Automobil nehmen und ihn nachhause schicken, Du werdest das Automobil bezahlen. Willst Du?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Der Mann hat Vertrauen zu Dir&#8221;, sagte der Oberkellner. Karl zuckte mit den Schultern und z\u00e4hlte Giacomo sein Geld in die Hand: &#8220;Mehr habe ich nicht&#8221;, sagte er dann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich soll Dich auch fragen, ob Du mitfahren willst&#8221;, fragte noch Giacomo mit dem Gelde klimpernd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Er wird nicht mitfahren&#8221;, sagte die Oberk\u00f6chin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Also Ro\u00dfmann&#8221;, sagte der Oberkellner schnell und wartete gar nicht bis Giacomo drau\u00dfen war, &#8220;Du bist auf der Stelle entlassen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Oberportier nickte mehrere Male, als w\u00e4ren es seine eigenen Worte, die der Oberkellner nur nachspreche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Die Gr\u00fcnde Deiner Entlassung kann ich gar nicht laut aussprechen, denn sonst m\u00fc\u00dfte ich Dich einsperren lassen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Oberportier sah auffallend streng zur Oberk\u00f6chin hin\u00fcber, denn er hatte wohl erkannt, da\u00df sie die Ursache dieser allzu milden Behandlung war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Jetzt geh zu Bess, zieh Dich um, \u00fcbergieb Bess Deine Livree, und verlasse sofort, aber sofort das Haus. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Oberk\u00f6chin schlo\u00df die Augen, sie wollte damit Karl beruhigen. W\u00e4hrend er sich zum Abschied verbeugte, sah er fl\u00fcchtig, wie der Oberkellner die Hand der Oberk\u00f6chin wie im Geheimen umfa\u00dfte und mit ihr spielte. Der Oberportier begleitete Karl mit schweren Schritten bis zur T\u00fcr, die er ihn nicht schlie\u00dfen lie\u00df, sondern selbst noch offen hielt, um Karl nachschreien zu k\u00f6nnen: &#8220;In einer Viertelminute will ich Dich beim Haupttor an mir vor\u00fcbergehen sehn, merk Dir das. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl beeilte sich wie er nur konnte, um nur beim Haupttor eine Bel\u00e4stigung zu vermeiden, aber es gieng alles viel langsamer, als er wollte. Zuerst war Bess nicht gleich zu finden und jetzt in der Fr\u00fchst\u00fcckszeit war alles voll Menschen, dann zeigte sich, da\u00df ein Junge sich Karls alte Hosen ausgeborgt hatte und Karl mu\u00dfte die Kleiderst\u00e4nder bei fast allen Betten absuchen, ehe er diese Hosen fand, so da\u00df wohl f\u00fcnf Minuten vergangen waren, ehe Karl zum Haupttor kam. Gerade vor ihm gieng eine Dame mitten zwischen vier Herren. Sie giengen alle auf ein gro\u00dfes Automobil zu, das sie erwartete und dessen Schlag bereits ein Lakai ge\u00f6ffnet hielt w\u00e4hrend er den freien linken Arm seitw\u00e4rts wagrecht und steif ausstreckte, was h\u00f6chst feierlich aussah. Aber Karl hatte umsonst gehofft, hinter dieser vornehmen Gesellschaft unbemerkt hinauszukommen. Schon fa\u00dfte ihn der Oberportier bei der Hand und zog ihn zwischen zwei Herren hindurch, die er um Verzeihung bat, zu sich hin. &#8220;Das soll eine Viertelminute gewesen sein&#8221;, sagte er und sah Karl von der Seite an, als beobachte er eine schlecht gehende Uhr. &#8220;Komm einmal her&#8221;, sagte er dann und f\u00fchrte ihn in die gro\u00dfe Portiersloge, die Karl zwar schon l\u00e4ngst einmal anzusehen Lust gehabt hatte, in die er aber jetzt von dem Portier geschoben nur mit Mi\u00dftrauen eintrat. Er war schon in der T\u00fcr, als er sich umwendete und den Versuch machte, den Oberportier wegzuschieben und wegzukommen. &#8220;Nein, nein, hier geht man hinein&#8221;, sagte der Oberportier und drehte Karl um. &#8220;Ich bin doch schon entlassen&#8221;, sagte Karl und meinte damit, da\u00df ihm im Hotel niemand mehr etwas zu befehlen habe. &#8220;Solange ich Dich halte bist Du nicht entlassen&#8221;, sagte der Portier, was allerdings auch richtig war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl fand schlie\u00dflich auch keine Ursache, warum er sich gegen den Portier wehren sollte. Was konnte ihm denn auch im Grunde noch geschehn? \u00dcberdies bestanden die W\u00e4nde der Portiersloge ausschlie\u00dflich aus ungeheueren Glasscheiben, durch die man die Menge der im Vestibul gegeneinanderstr\u00f6menden Menschen deutlich sah, als w\u00e4re man mitten unter ihnen. Ja es schien in der ganzen Portierloge keinen Winkel zu geben, in dem man sich vor den Augen der Leute verbergen konnte. So eilig es dort drau\u00dfen die Leute zu haben schienen, denn mit ausgestrecktem Arm, mit gesenktem Kopf, mit sp\u00e4henden Augen, mit hochgehaltenen Gep\u00e4ckst\u00fccken suchten sie ihren Weg, so vers\u00e4umte doch kaum einer einen Blick in die Portiersloge zu werfen, denn hinter deren Scheiben waren immer Ank\u00fcndigungen und Nachrichten ausgeh\u00e4ngt, die sowohl f\u00fcr die G\u00e4ste als f\u00fcr das Hotelpersonal Wichtigkeit hatten. Au\u00dferdem aber bestand noch ein unmittelbarer Verkehr der Portiersloge mit dem Vestibul, denn an zwei gro\u00dfen Schiebefenstern sa\u00dfen zwei Unterportiere und waren unaufh\u00f6rlich damit besch\u00e4ftigt Ausk\u00fcnfte in den verschiedensten Angelegenheiten zu erteilen. Das waren geradezu \u00fcberb\u00fcrdete Leute und Karl h\u00e4tte behaupten wollen, da\u00df der Oberportier, wie er ihn kannte, sich in seiner Laufbahn um diese Posten herumgewunden hatte. Diese zwei Auskunftserteiler hatten \u2013 von au\u00dfen konnte man sich das nicht richtig vorstellen \u2013 in der \u00d6ffnung des Fensters immer zumindest zehn fragende Gesichter vor sich. Unter diesen zehn Fragern die immerfort wechselten war oft ein Durcheinander von Sprachen, als sei jeder einzelne von einem andern Lande abgesendet. Immer fragten einige gleichzeitig, immer redeten au\u00dferdem einzelne untereinander. Die meisten wollten etwas aus der Portiersloge holen oder etwas dort abgeben, so sah man immer auch ungeduldig fuchtelnde H\u00e4nde aus dem Gedr\u00e4nge ragen. Einmal hatte einer ein Begehren wegen irgendeiner Zeitung, die sich unversehens von der H\u00f6he aus entfaltete und f\u00fcr einen Augenblick alle Gesichter verh\u00fcllte. Allem diesen mu\u00dften nun die zwei Unterportiere standhalten. Blo\u00dfes Reden h\u00e4tte f\u00fcr ihre Aufgabe nicht gen\u00fcgt, sie plapperten, besonders der eine, ein d\u00fcsterer Mann mit einem das ganze Gesicht umgebenden dunklen Bart, gab die Ausk\u00fcnfte ohne die geringste Unterbrechung. Er sah weder auf die Tischplatte, wo er fortw\u00e4hrend Handreichungen auszuf\u00fchren hatte, noch auf das Gesicht dieses oder jenes Fragers, sondern ausschlie\u00dflich starr vor sich, offenbar um seine Kr\u00e4fte zu sparen und zu sammeln. \u00dcbrigens st\u00f6rte wohl sein Bart ein wenig die Verst\u00e4ndlichkeit seiner Rede und Karl konnte in dem Weilchen, w\u00e4hrend dessen er bei ihm stehen blieb, sehr wenig von dem Gesagten auffassen, wenn es auch m\u00f6glicherweise trotz des englischen Beiklanges gerade fremde Sprachen waren, die er gebrauchen mu\u00dfte. Au\u00dferdem beirrte es da\u00df sich eine Auskunft so knapp an die andere anschlo\u00df und in sie \u00fcbergieng, so da\u00df oft noch ein Frager mit gespanntem Gesicht zuhorchte, da er glaubte, es gehe noch um seine Sache, um erst nach einem Weilchen zu merken, da\u00df er schon erledigt war. Gew\u00f6hnen mu\u00dfte man sich auch daran, da\u00df der Unterportier niemals bat, eine Frage zu wiederholen, selbst wenn sie im Ganzen verst\u00e4ndlich und nur ein wenig undeutlich gestellt war, ein kaum merkliches Kopfsch\u00fctteln verriet dann, da\u00df er nicht die Absicht habe, diese Frage zu beantworten und es war Sache des Fragestellers, seinen eigenen Fehler zu erkennen und die Frage besser zu formulieren. Besonders damit verbrachten manche Leute sehr lange Zeit vor dem Schalter. Zur Unterst\u00fctzung der Unterportiere war jedem ein Laufbursche beigegeben, der im gestreckten Lauf von einem B\u00fccherregal und aus verschiedenen K\u00e4sten alles beizubringen hatte was der Unterportier gerade ben\u00f6tigte. Das waren die bestbezahlten wenn auch anstrengendsten Posten, die es im Hotel f\u00fcr ganz junge Leute gab, in gewissem Sinne waren sie auch noch \u00e4rger daran als die Unterportiere, denn diese hatten blo\u00df nachzudenken und zu reden, w\u00e4hrend diese jungen Leute gleichzeitig nachdenken und laufen mu\u00dften. Brachten sie einmal etwas unrichtiges herbei, so konnte sich nat\u00fcrlich der Unterportier in der Eile nicht damit aufhalten, ihnen lange Belehrungen zu geben, er warf vielmehr einfach das, was sie ihm auf den Tisch legten, mit einem Ruck vom Tisch herunter. Sehr interessant war die Abl\u00f6sung der Unterportiere, die gerade kurz nach dem Eintritt Karls stattfand. Eine solche Abl\u00f6sung mu\u00dfte nat\u00fcrlich wenigstens w\u00e4hrend des Tages \u00f6fters stattfinden, denn es gab wohl kaum einen Menschen, der es l\u00e4nger als eine Stunde hinter dem Schalter ausgehalten h\u00e4tte. Zur Abl\u00f6sungszeit ert\u00f6nte nun eine Glocke und gleichzeitig traten aus einer Seitent\u00fcre die zwei Unterportiere, die jetzt an die Reihe kommen sollten, jeder von seinem Laufjungen gefolgt. Sie stellten sich vorl\u00e4ufig unt\u00e4tig beim Schalter auf und betrachteten ein Weilchen die Leute drau\u00dfen, um festzustellen, in welchem Stadium sich gerade die augenblickliche Fragebeantwortung befand. Schien ihnen der Augenblick passend, um einzugreifen, klopften sie dem abzul\u00f6senden Unterportier auf die Schulter, der, trotzdem er sich bisher um nichts, was hinter seinem R\u00fccken vorgieng, gek\u00fcmmert hatte, sofort verstand und seinen Platz freimachte. Das ganze gieng so rasch, da\u00df es oft die Leute drau\u00dfen \u00fcberraschte und sie aus Schrecken \u00fcber das so pl\u00f6tzlich vor ihnen auftauchende neue Gesicht fast zur\u00fcckwichen. Die abgel\u00f6sten zwei M\u00e4nner streckten sich und begossen dann \u00fcber zwei bereitstehenden Waschbecken ihre hei\u00dfen K\u00f6pfe, die abgel\u00f6sten Laufjungen durften sich aber noch nicht strecken, sondern hatten noch ein Weilchen damit zu tun, die w\u00e4hrend ihrer Dienststunden auf den Boden geworfenen Gegenst\u00e4nde aufzuheben und an ihren Platz zu legen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles dieses hatte Karl mit der angespanntesten Aufmerksamkeit in wenigen Augenblicken in sich aufgenommen und mit leichten Kopfschmerzen folgte er still dem Oberportier der ihn weiterf\u00fchrte. Offenbar hatte auch der Oberportier den gro\u00dfen Eindruck beobachtet, den diese Art der Auskunftserteilung auf Karl gemacht hatte, und er ri\u00df pl\u00f6tzlich an Karls Hand und sagte: &#8220;Siehst Du, so wird hier gearbeitet.&#8221; Karl hatte ja allerdings hier im Hotel nicht gefaulenzt, aber von solcher Arbeit hatte er doch keine Ahnung gehabt, und fast v\u00f6llig daran vergessend, da\u00df der Oberportier sein gro\u00dfer Feind war, sah er zu ihm auf und nickte stumm und anerkennend mit dem Kopf. Das schien dem Oberportier aber wieder eine \u00dcbersch\u00e4tzung der Unterportiere und vielleicht eine Unh\u00f6flichkeit gegen\u00fcber seiner Person zu sein, denn, als h\u00e4tte er Karl zum Narren gehalten, rief er ohne Besorgnis, da\u00df man ihn h\u00f6ren k\u00f6nnte: &#8220;Nat\u00fcrlich ist dieses hier die d\u00fcmmste Arbeit im ganzen Hotel; wenn man eine Stunde zugeh\u00f6rt hat, kennt man so ziemlich alle Fragen die gestellt werden und den Rest braucht man ja nicht zu beantworten. Wenn Du nicht frech und ungezogen gewesen w\u00e4rest, wenn Du nicht gelogen, gelumpt, gesoffen und gestohlen h\u00e4ttest, h\u00e4tte ich Dich vielleicht bei so einem Fenster anstellen k\u00f6nnen, denn dazu kann ich ausschlie\u00dflich nur vernagelte K\u00f6pfe brauchen. &#8221; Karl \u00fcberh\u00f6rte g\u00e4nzlich die Beschimpfung soweit sie ihn betraf, so sehr war er dar\u00fcber emp\u00f6rt, da\u00df die ehrliche und schwere Arbeit der Unterportiere, statt anerkannt zu werden, verh\u00f6hnt wurde, und \u00fcberdies verh\u00f6hnt von einem Mann, der, wenn er es gewagt h\u00e4tte sich einmal zu einem solchen Schalter zu setzen, gewi\u00df nach paar Minuten unter dem Gel\u00e4chter aller Frager h\u00e4tte abziehn m\u00fcssen. &#8220;Lassen Sie mich&#8221;, sagte Karl, seine Neugierde inbetreff der Portierloge war bis zum \u00dcberma\u00df gestillt, &#8220;ich will mit Ihnen nichts mehr zu tun haben. &#8221; &#8220;Das gen\u00fcgt nicht, um fortzukommen&#8221;, sagte der Oberportier, dr\u00fcckte Karls Arme, da\u00df dieser sie gar nicht r\u00fchren konnte und trug ihn f\u00f6rmlich an das andere Ende der Portiersloge. Sahen die Leute drau\u00dfen diese Gewaltt\u00e4tigkeit des Oberportiers nicht? Oder wenn sie sie sahen, wie fa\u00dften sie sie denn auf, da\u00df keiner sich dar\u00fcber aufhielt, da\u00df niemand wenigstens an die Scheibe klopfte, um dem Oberportier zu zeigen, da\u00df er beobachtet werde und nicht nach seinem Gutd\u00fcnken mit Karl verfahren d\u00fcrfe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber bald hatte Karl auch keine Hoffnung mehr vom Vestibul aus Hilfe zu bekommen, denn der Oberportier griff an eine Schnur und \u00fcber den Scheiben der halben Portiersloge zogen sich im Fluge bis in die letzte H\u00f6he schwarze Vorh\u00e4nge zusammen. Auch in diesem Teil der Portierloge waren ja Menschen, aber alle in voller Arbeit und ohne Ohr und Auge f\u00fcr alles, was nicht mit ihrer Arbeit zusammenhieng. Au\u00dferdem waren sie ganz vom Oberportier abh\u00e4ngig, und h\u00e4tten statt Karl zu helfen, lieber geholfen alles zu verbergen, was auch dem Oberportier einfallen sollte zu tun. Da waren z. B. sechs Unterportiere bei sechs Telephonen. Die Anordnung war wie man gleich bemerkte, so getroffen, da\u00df immer einer blo\u00df Gespr\u00e4che aufnahm, w\u00e4hrend sein Nachbar, nach den vom ersten empfangenen Notizen die Auftr\u00e4ge telephonisch weiterleitete. Es waren dies jene neuesten Telephone, f\u00fcr die keine Telephonzellen n\u00f6tig waren, denn das Glockenl\u00e4uten war nicht lauter als ein Zirpen, man konnte in das Telephon mit Fl\u00fcstern hineinsprechen und doch kamen die Worte dank besonderer elektrischer Verst\u00e4rkungen mit Donnerstimme an ihrem Ziele an. Deshalb h\u00f6rte man die drei Sprecher an ihren Telephonen kaum und h\u00e4tte glauben k\u00f6nnen, sie beobachteten murmelnd irgend einen Vorgang in der Telephonmuschel, w\u00e4hrend die drei andern wie bet\u00e4ubt von dem auf sie herandringenden, f\u00fcr die Umgebung im \u00fcbrigen unh\u00f6rbaren L\u00e4rm die K\u00f6pfe auf das Papier sinken lie\u00dfen, das zu beschreiben ihre Aufgabe war. Wieder stand auch hier neben jedem der drei Sprecher ein Junge zur Hilfeleistung; diese drei Jungen taten nichts anderes als abwechselnd den Kopf horchend zu ihrem Herrn strecken und dann eilig als w\u00fcrden sie gestochen in riesigen gelben B\u00fcchern \u2013 die umschlagenden Bl\u00e4ttermassen \u00fcberrauschten bei weitem jedes Ger\u00e4usch der Telephone \u2013 die Telephonnummern herauszusuchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl konnte sich tats\u00e4chlich nicht enthalten, alles das genau zu verfolgen, trotzdem der Oberportier, der sich gesetzt hatte, ihn in einer Art Umklammerung vor sich hinhielt. &#8220;Es ist meine Pflicht&#8221;, sagte der Oberportier und sch\u00fcttelte Karl, als wolle er nur erreichen, da\u00df dieser ihm sein Gesicht zuwende, &#8220;das was der Oberkellner aus welchen Gr\u00fcnden immer vers\u00e4umt hat, im Namen der Hoteldirektion wenigstens ein wenig nachzuholen. So tritt hier immer jeder f\u00fcr den andern ein. Ohne das w\u00e4re ein so gro\u00dfer Betrieb undenkbar. Du willst vielleicht sagen, da\u00df ich nicht Dein unmittelbarer Vorgesetzter bin, nun desto sch\u00f6ner ist es von mir, da\u00df ich mich dieser sonst verlassenen Sache annehme. Im \u00fcbrigen bin ich in gewissem Sinne als Oberportier \u00fcber alle gesetzt, denn mir unterstehn doch alle Tore des Hotels, also dieses Haupttor, die drei Mittel- und die zehn Nebentore, von den unz\u00e4hligen T\u00fcrchen und t\u00fcrlosen Ausg\u00e4ngen gar nicht zu reden. Nat\u00fcrlich haben mir alle in Betracht kommenden Bedienungsmannschaften unbedingt zu gehorchen. Gegen\u00fcber diesen gro\u00dfen Ehren habe ich nat\u00fcrlich anderseits vor der Hoteldirektion die Verpflichtung niemanden herauszulassen, der nur im geringsten verd\u00e4chtig ist. Gerade Du aber kommst mir, weil es mir so beliebt sogar stark verd\u00e4chtig vor. &#8221; Und vor Freude dar\u00fcber hob er die H\u00e4nde und lie\u00df sie wieder stark zur\u00fcckschlagen, da\u00df es klatschte und wehtat. &#8220;Es ist m\u00f6glich&#8221;, f\u00fcgte er hinzu und unterhielt sich dabei k\u00f6niglich, &#8220;da\u00df Du bei einem andern Ausgang unbemerkt herausgekommen w\u00e4rest, denn Du standst mir nat\u00fcrlich nicht daf\u00fcr, besondere Anweisungen Deinetwegen ergehen zu lassen. Aber da Du nun einmal hier bist, will ich Dich genie\u00dfen. Im \u00fcbrigen habe ich nicht daran gezweifelt, da\u00df Du das Rendezvous, das wir uns beim Haupttor gegeben hatten auch einhalten wirst, denn das ist eine Regel, da\u00df der Freche und Unfolgsame gerade dort und dann mit seinen Lastern aufh\u00f6rt, wo es ihm schadet. Du wirst das an Dir selbst gewi\u00df noch oft beobachten k\u00f6nnen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Glauben Sie nicht&#8221;, sagte Karl und atmete den eigent\u00fcmlich dumpfen Geruch ein, der vom Oberportier ausgieng und den er erst hier, wo er so lange in seiner n\u00e4chsten N\u00e4he stand, bemerkte, &#8220;glauben Sie nicht&#8221;, sagte er, &#8220;da\u00df ich vollst\u00e4ndig in Ihrer Gewalt bin, ich kann ja schreien. &#8221; &#8220;Und ich kann Dir den Mund stopfen&#8221;, sagte der Oberportier ebenso ruhig und schnell, wie er es wohl n\u00f6tigenfalls auszuf\u00fchren gedachte. &#8220;Und meinst Du denn wirklich, wenn man Deinetwegen hereinkommen sollte, es w\u00fcrde sich jemand finden der Dir Recht geben w\u00fcrde, mir dem Oberportier gegen\u00fcber. Du siehst also wohl den Unsinn Deiner Hoffnungen ein. Wei\u00dft Du, wie Du noch in der Uniform warst, da hast Du ja tats\u00e4chlich noch etwas beachtenswert ausgesehn, aber in diesem Anzug, der tats\u00e4chlich nur in Europa m\u00f6glich ist. &#8221; Und er zerrte an den verschiedensten Stellen des Anzugs, der jetzt allerdings, trotzdem er vor f\u00fcnf Monaten noch fast neu gewesen war, abgen\u00fctzt, faltig, vor allem aber fleckig war, was haupts\u00e4chlich auf die R\u00fccksichtslosigkeit der Liftjungen zur\u00fcckzuf\u00fchren war, die jeden Tag, um den Saalboden dem allgemeinen Befehl gem\u00e4\u00df, glatt und staubfrei zu erhalten, aus Faulheit keine eigentliche Reinigung vornahmen, sondern mit irgendeinem \u00d6l den Boden sprengten und damit gleichzeitig alle Kleider auf den Kleiderst\u00e4ndern sch\u00e4ndlich bespritzten. Nun konnte man seine Kleider aufheben, wo man wollte, immer fand sich einer, der gerade seine Kleider nicht bei der Hand hatte, dagegen die versteckten fremden Kleider mit Leichtigkeit fand und sich ausborgte. Und wom\u00f6glich war dieser eine gerade derjenige, der an diesem Tage die Saalreinigung vorzunehmen hatte und der dann die Kleider nicht nur mit dem \u00d6l bespritzte, sondern vollst\u00e4ndig von oben bis unten bego\u00df. Nur Renell hatte seine kostbaren Kleider an irgendeinem geheimen Orte versteckt, von wo sie kaum jemals einer hervorgezogen hatte, zumal ja auch niemand vielleicht aus Bosheit oder Geiz fremde Kleider sich ausborgte, sondern aus blo\u00dfer Eile und Nachl\u00e4ssigkeit dort nahm, wo er sie fand. Aber selbst auf Renells Kleid war mitten auf dem R\u00fccken ein kreisrunder r\u00f6tlicher \u00d6lfleck und in der Stadt h\u00e4tte ein Kenner an diesem Fleck selbst in diesem eleganten jungen Mann den Liftjungen feststellen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und Karl sagte sich bei diesen Erinnerungen da\u00df er auch als Liftjunge genug gelitten hatte und da\u00df doch alles vergebens gewesen war, denn nun war dieser Liftjungendienst nicht wie er gehofft hatte, eine Vorstufe zu besserer Anstellung gewesen, vielmehr war er jetzt noch tiefer herabgedr\u00fcckt worden und sogar sehr nahe an das Gef\u00e4ngnis geraten. \u00dcberdies wurde er jetzt noch vom Oberportier festgehalten der wohl dar\u00fcber nachdachte, wie er Karl noch weiter besch\u00e4men k\u00f6nne. Und v\u00f6llig daran vergessend, da\u00df der Oberportier durchaus nicht der Mann war, der sich vielleicht \u00fcberzeugen lie\u00df, rief Karl, w\u00e4hrend er sich mit der gerade freien Hand mehrmals gegen die Stirn schlug: &#8220;Und wenn ich Sie wirklich nicht gegr\u00fc\u00dft haben sollte, wie kann denn ein erwachsener Mensch wegen eines unterlassenen Gru\u00dfes so rachs\u00fcchtig werden! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich bin nicht rachs\u00fcchtig&#8221;, sagte der Oberportier, &#8220;ich will nur Deine Taschen durchsuchen. Ich bin zwar \u00fcberzeugt da\u00df ich nichts finden werde, denn Du wirst wohl so vorsichtig gewesen sein und Deinen Freund alles allm\u00e4hlich, jeden Tag etwas, haben wegschleppen lassen. Aber durchsucht worden mu\u00dft Du sein. &#8221; Und schon griff er in eine von Karls Rocktaschen mit solcher Gewalt, da\u00df die seitlichen N\u00e4hte platzten. &#8220;Da ist also schon nichts&#8221;, sagte er und \u00fcberklaubte in seiner Hand den Inhalt dieser Tasche, einen Reklamkalender des Hotels, ein Blatt mit einer Aufgabe aus kaufm\u00e4nnischer Korrespondenz, einige Rock- und Hosenkn\u00f6pfe, die Visitkarte der Oberk\u00f6chin, einen Polierstift f\u00fcr die N\u00e4gel, den ihm einmal ein Gast beim Kofferpacken zugeworfen hatte, einen alten Taschenspiegel, den ihm Rennel zum Dank f\u00fcr vielleicht zehn Vertretungen im Dienste geschenkt hatte und noch paar Kleinigkeiten. &#8220;Das ist also nichts&#8221;, wiederholte der Oberportier und warf alles unter die Bank, als sei es selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df das Eigentum Karls, soweit es nicht gestohlen war, unter die Bank geh\u00f6re. &#8220;Jetzt ist aber genug&#8221;, sagte sich Karl \u2013 sein Gesicht mu\u00dfte gl\u00fchend rot sein \u2013 und als der Oberportier durch die Gier unvorsichtig gemacht, in Karls zweiter Tasche herumgrub, fuhr Karl mit einem Ruck aus den \u00c4rmeln heraus, stie\u00df im ersten noch unbeherrschten Sprung einen Unterportier ziemlich stark gegen seinen Apparat, lief durch die schw\u00fcle Luft eigentlich langsamer als er beabsichtigt hatte zur T\u00fcr, war aber gl\u00fccklich drau\u00dfen, ehe der Oberportier in seinem schweren Mantel sich auch nur hatte erheben k\u00f6nnen. Die Organisation des Wachdienstes mu\u00dfte doch nicht so musterg\u00fcltig sein, es l\u00e4utete zwar auf einigen Seiten, aber Gott wei\u00df zu welchen Zwecken, Hotelangestellte giengen zwar im Torgang in solcher Anzahl kreuz und quer, da\u00df man fast daran denken konnte, sie wollten in unauff\u00e4lliger Weise den Ausgang unm\u00f6glich machen, denn viel sonstigen Sinn konnte man in diesem Hin- und Hergehn nicht erkennen \u2013 jedenfalls kam Karl bald ins Freie, mu\u00dfte aber noch das Hoteltrottoir entlang gehn, denn zur Stra\u00dfe konnte man nicht gelangen, da eine ununterbrochene Reihe von Automobilen stockend sich am Haupttor vorbeibewegte. Diese Automobile waren, um nur so bald als m\u00f6glich zu ihrer Herrschaft zu kommen, geradezu ineinandergefahren, jedes wurde vom nachfolgenden vorw\u00e4rtsgeschoben. Fu\u00dfg\u00e4nger, die es besonders eilig hatten auf die Stra\u00dfe zu gelangen, stiegen zwar hie und da durch die einzelnen Automobile hindurch, als sei dort ein \u00f6ffentlicher Durchgang und es war ihnen ganz gleichg\u00fcltig, ob im Automobil nur der Chauffeur und die Dienerschaft sa\u00df oder auch die vornehmsten Leute. Ein solches Benehmen schien aber Karl doch \u00fcbertrieben und man mu\u00dfte sich wohl in den Verh\u00e4ltnissen schon auskennen, um das zu wagen, wie leicht konnte er an ein Automobil geraten, dessen Insassen das \u00fcbelnahmen, ihn hinunterwarfen und einen Skandal veranla\u00dften und nichts hatte er als ein entlaufener, verd\u00e4chtiger Hotelangestellter in Hemd\u00e4rmeln mehr zu f\u00fcrchten. Schlie\u00dflich konnte ja die Reihe der Automobile nicht in Ewigkeit so fortgehn und er war auch, solange er sich ans Hotel hielt, eigentlich am unverd\u00e4chtigsten. Tats\u00e4chlich gelangte Karl endlich an eine Stelle wo die Automobilreihe zwar nicht aufh\u00f6rte, aber zur Stra\u00dfe hin abbog und lockerer wurde. Gerade wollte er in den Verkehr der Stra\u00dfe schl\u00fcpfen, in dem wohl noch viel verd\u00e4chtiger aussehende Leute als er war, frei herumliefen, da h\u00f6rte er in der N\u00e4he seinen Namen rufen. Er wandte sich um und sah wie zwei ihm wohlbekannte Liftjungen aus einer niedrigen kleinen T\u00fcr\u00f6ffnung, die wie der Eingang einer Gruft aussah, mit \u00e4u\u00dferster Anstrengung eine Bahre herauszogen, auf der wie Karl nun erkannte, wahrhaftig Robinson lag, Kopf, Gesicht und Arme mannigfaltig umbunden. Es war h\u00e4\u00dflich anzusehn, wie er die Arme an die Augen f\u00fchrte, um mit dem Verbande die Tr\u00e4nen abzuwischen, die er vor Schmerzen oder vor sonstigem Leid oder gar vor Freude \u00fcber das Wiedersehen mit Karl vergo\u00df. &#8220;Ro\u00dfmann&#8221;, rief er vorwurfsvoll, &#8220;warum l\u00e4\u00dft Du mich denn solange warten. Schon eine Stunde verbringe ich damit, mich zu wehren, damit ich nicht fr\u00fcher wegtransportiert werde ehe Du kommst. Diese Kerle&#8221; \u2013 und er gab dem einen Liftjungen ein Kopfst\u00fcck, als sei er durch die Verb\u00e4nde vor Schl\u00e4gen gesch\u00fctzt \u2013 &#8220;sind ja wahre Teufel. Ach Ro\u00dfmann der Besuch bei Dir ist mir teuer zu stehn gekommen. &#8221; &#8220;Was hat man Dir denn gemacht?&#8221; sagte Karl und trat an die Bahre heran, welche die Liftjungen um sich auszuruhn lachend niederstellten. &#8220;Du fragst noch&#8221;, seufzte Robinson, &#8220;und siehst wie ich ausschaue. Bedenke! Ich bin ja h\u00f6chstwahrscheinlich f\u00fcr mein ganzes Leben zum Kr\u00fcppel geschlagen. Ich habe f\u00fcrchterliche Schmerzen von hier bis hier&#8221; \u2013 und er zeigte zuerst auf den Kopf und dann auf die Zehen \u2013. &#8220;Ich m\u00f6chte Dir w\u00fcnschen, da\u00df Du gesehen h\u00e4ttest wie ich aus der Nase geblutet habe. Meine Weste ist ganz verdorben, die habe ich \u00fcberhaupt dort gelassen, meine Hosen sind zerfetzt, ich bin in Unterhosen&#8221; \u2013 und er l\u00fcftete die Decke ein wenig und lud Karl ein unter sie zu schauen. &#8220;Was wird nur aus mir werden! Ich werde zumindest einige Monate liegen m\u00fcssen und das will ich Dir gleich sagen, ich habe niemanden andern als Dich der mich pflegen k\u00f6nnte, Delamarche ist ja viel zu ungeduldig. Ro\u00dfmann, Ro\u00dfmannchen! &#8221; Und Robinson streckte die Hand nach dem ein wenig zur\u00fccktretenden Karl aus, um ihn durch Streicheln f\u00fcr sich zu gewinnen. &#8220;Warum habe ich Dich nur besuchen m\u00fcssen! &#8221; wiederholte er mehrere Male, um Karl die Mitschuld nicht vergessen zu lassen, die dieser an seinem Ungl\u00fcck hatte. Nun erkannte zwar Karl sofort, da\u00df das Klagen Robinsons nicht von seinen Wunden, sondern von dem ungeheueren Katzenjammer stammte, in dem er sich befand, da er in schwerer Trunkenheit kaum eingeschlafen, gleich geweckt und zu seiner \u00dcberraschung blutig geboxt worden war und sich in der wachen Welt gar nicht mehr zurechtfinden konnte. Die Bedeutungslosigkeit der Wunden war schon an den unf\u00f6rmlichen aus alten Fetzen bestehenden Verb\u00e4nden zu sehn, mit denen ihn die Liftjungen offenbar zum Spa\u00df ganz und gar umwickelt hatten. Und auch die zwei Liftjungen an den Enden der Bahre prusteten vor Lachen von Zeit zu Zeit. Nun war aber hier nicht der Ort Robinson zur Besinnung zu bringen, denn st\u00fcrmend eilten hier die Passanten ohne sich um die Gruppe an der Bahre zu k\u00fcmmern vorbei, \u00f6fters sprangen Leute mit richtigem Turnerschwung \u00fcber Robinson hinweg, der mit Karls Geld bezahlte Chauffeur rief &#8220;Vorw\u00e4rts, vorw\u00e4rts&#8221;, die Liftjungen hoben mit letzter Kraft die Bahre auf, Robinson erfa\u00dfte Karls Hand und sagte schmeichelnd &#8220;Nun komm, so komm doch&#8221;, war nicht Karl in dem Aufzug in dem er sich befand im Dunkel des Automobils noch am besten aufgehoben? und so setzte er sich neben Robinson, der den Kopf an ihn lehnte, die zur\u00fcckbleibenden Liftjungen sch\u00fcttelten ihm, als ihrem gewesenen Kollegen durch das Coupeefenster herzlich die Hand und das Automobil drehte sich mit scharfer Wendung zur Stra\u00dfe hin, es schien als m\u00fcsse unbedingt ein Ungl\u00fcck geschehn, aber gleich nahm der alles umfassende Verkehr auch die schnurgerade Fahrt dieses Automobils ruhig in sich auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da klopfte ihm jemand auf die Schulter. 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