{"id":255,"date":"2026-06-23T22:41:28","date_gmt":"2026-06-23T22:41:28","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?page_id=255"},"modified":"2026-06-23T22:48:52","modified_gmt":"2026-06-23T22:48:52","slug":"es-muste-wohl","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/der-verschollene\/es-muste-wohl\/","title":{"rendered":"VII &#8211; \u00abEs mu\u00dfte wohl&#8230;\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es mu\u00dfte wohl eine entlegene Vorstadtstra\u00dfe sein, in der das Automobil haltmachte, denn ringsum herrschte Stille, am Trottoirrand hockten Kinder und spielten, ein Mann mit einer Menge alter Kleider \u00fcber den Schultern rief beobachtend zu den Fenstern der H\u00e4user empor, in seiner M\u00fcdigkeit f\u00fchlte sich Karl unbehaglich als er aus dem Automobil auf den Asphalt trat, den die Vormittagssonne warm und hell beschien. &#8220;Wohnst Du wirklich hier?&#8221; rief er ins Automobil hinein. Robinson der w\u00e4hrend der ganzen Fahrt friedlich geschlafen hatte brummte irgendeine undeutliche Bejahung und schien darauf zu warten, da\u00df Karl ihn hinaustragen werde. &#8220;Dann habe ich hier also nichts mehr zu tun. Leb wohl&#8221;, sagte Karl und machte sich daran, die ein wenig sich senkende Stra\u00dfe abw\u00e4rts zu gehn. &#8220;Aber Karl, was f\u00e4llt Dir denn ein?&#8221; rief Robinson und stand schon vor lauter Sorge ziemlich aufrecht, nur mit noch etwas unruhigen Knien, im Wagen. &#8220;Ich mu\u00df doch gehn&#8221;, sagte Karl, der der raschen Gesundung Robinsons zugesehn hatte. &#8220;In Hemd\u00e4rmeln?&#8221; fragte dieser. &#8220;Ich werde mir schon noch einen Rock verdienen&#8221;, antwortete Karl, nickte Robinson zuversichtlich zu, gr\u00fc\u00dfte mit erhobener Hand und w\u00e4re nun wirklich fortgegangen, wenn nicht der Chauffeur gerufen h\u00e4tte: &#8220;Noch einen kleinen Augenblick Geduld mein Herr. &#8221; Es zeigte sich unangenehmer Weise, da\u00df der Chauffeur noch Anspr\u00fcche auf eine nachtr\u00e4gliche Bezahlung stellte, denn die Wartezeit vor dem Hotel war noch nicht bezahlt. &#8220;Nun ja&#8221;, rief aus dem Automobil Robinson in Best\u00e4tigung der Richtigkeit dieser Forderung, &#8220;ich habe ja dort so lange auf Dich warten m\u00fcssen. Etwas mu\u00dft Du ihm noch geben.&#8221; &#8220;Ja freilich&#8221;, sagte der Chauffeur. &#8220;Ja wenn ich nur noch etwas h\u00e4tte&#8221;, sagte Karl und griff in die Hosentaschen, trotzdem er wu\u00dfte da\u00df es nutzlos war. &#8220;Ich kann mich nur an Sie halten&#8221;, sagte der Chauffeur und stellte sich breitbeinig auf, &#8220;von dem kranken Mann dort kann ich nichts verlangen. &#8221; Vom Tor her n\u00e4herte sich ein junger Bursch mit zerfressener Nase und h\u00f6rte aus einer Entfernung von paar Schritten zu. Gerade machte durch die Stra\u00dfe ein Polizeimann die Runde, fa\u00dfte mit gesenktem Gesicht den hemd\u00e4rmligen Menschen ins Auge und blieb stehn. Robinson, der den Polizeimann auch bemerkt hatte, machte die Dummheit, aus dem andern Fenster ihm zuzurufen: &#8220;Es ist nichts, es ist nichts&#8221;, als ob man einen Polizeimann wie eine Fliege verscheuchen k\u00f6nnte. Die Kinder, welche den Polizeimann beobachtet hatten, wurden nun durch sein Stillstehn auch auf Karl und den Chauffeur aufmerksam und liefen im Trab herbei. Im Tor gegen\u00fcber stand eine alte Frau und sah starr her\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ro\u00dfmann&#8221;, rief da eine Stimme aus der H\u00f6he. Es war Delamarche, der das vom Balkon des letzten Stockwerks rief. Er selbst war nur schon recht undeutlich gegen den wei\u00dflich blauen Himmel zu sehn, hatte offenbar einen Schlafrock an und beobachtete mit einem Operngucker die Stra\u00dfe. Neben ihm war ein roter Sonnenschirm aufgespannt unter dem eine Frau zu sitzen schien. &#8220;Halloh&#8221;, rief er mit gr\u00f6\u00dfter Anstrengung um sich verst\u00e4ndlich zu machen, &#8220;ist Robinson auch da?&#8221; &#8220;Ja&#8221;, antwortete Karl, von einem zweiten viel lautern&#8221;Ja&#8221; Robinsons aus dem Wagen kr\u00e4ftig unterst\u00fctzt. &#8220;Halloh&#8221;, rief es zur\u00fcck, &#8220;ich komme gleich. &#8221; Robinson beugte sich aus dem Wagen. &#8220;Das ist ein Mann&#8221;, sagte er und dieses Lob Delamarches war an Karl gerichtet, an den Chauffeur, an den Polizeimann und an jeden, der es h\u00f6ren wollte. Oben auf dem Balkon, den man aus Zerstreutheit noch ansah, trotzdem ihn Delamarche schon verlassen hatte, erhob sich nun unter dem Sonnenschirm tats\u00e4chlich eine starke Frau in rotem Kleid, nahm den Operngucker von der Br\u00fcstung und sah durch ihn auf die Leute hinunter, die nur allm\u00e4hlich die Blicke von ihr wendeten. Karl sah in Erwartung des Delamarche in das Haustor und weiterhin in den Hof, den eine fast ununterbrochene Reihe von Gesch\u00e4ftsdienern durchquerte, von denen jeder eine kleine, aber offenbar sehr schwere Kiste auf der Achsel trug. Der Chauffeur war zu seinem Wagen getreten und putzte um die Zeit auszun\u00fctzen, mit einem Fetzen die Wagenlaternen. Robinson bef\u00fchlte seine Gliedma\u00dfen, schien erstaunt \u00fcber die geringen Schmerzen zu sein, die er trotz gr\u00f6\u00dfter Aufmerksamkeit f\u00fchlen konnte und begann vorsichtig mit tief geneigtem Gesicht einen der dicken Verb\u00e4nde am Bein zu l\u00f6sen. Der Polizeimann hielt sein schwarzes St\u00f6ckchen quer vor sich und wartete still mit der gro\u00dfen Geduld, die Polizeileute haben m\u00fcssen, ob sie im gew\u00f6hnlichen Dienst oder auf der Lauer sind. Der Bursche mit der zerfressenen Nase setzte sich auf einen Torstein und streckte die Beine von sich. Die Kinder n\u00e4herten sich Karl allm\u00e4hlich mit kleinen Schritten, denn dieser schien ihnen, trotzdem er sie nicht beachtete, wegen seiner blauen Hemd\u00e4rmel der wichtigste von allen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An der L\u00e4nge der Zeit, die bis zur Ankunft Delamarches vergieng, konnte man die gro\u00dfe H\u00f6he dieses Hauses ermessen. Und Delamarche kam sogar sehr eilig mit nur fl\u00fcchtig zugezogenem Schlafrock. &#8220;Also da seid Ihr! &#8221; rief er, erfreut und streng zugleich. Bei seinen gro\u00dfen Schritten enth\u00fcllte sich stets f\u00fcr einen Augenblick seine f\u00e4rbige Unterkleidung. Karl begriff nicht ganz, warum Delamarche hier in der Stadt, in der riesigen Mietskaserne, auf der offenen Stra\u00dfe so bequem angezogen herumgieng, als sei er in seiner Privatvilla. Ebenso wie Robinson hatte auch Delamarche sich sehr ver\u00e4ndert. Sein dunkles, glatt rasiertes, peinlich reines, von roh ausgearbeiteten Muskeln gebildetes Gesicht sah stolz und respekteinfl\u00f6\u00dfend aus. Der grelle Schein seiner jetzt immer etwas zusammengezogenen Augen \u00fcberraschte. Sein violetter Schlafrock war zwar alt, fleckig und f\u00fcr ihn zu gro\u00df, aber aus diesem h\u00e4\u00dflichen Kleidungsst\u00fcck bauschte sich oben eine m\u00e4chtige dunkle Kravatte aus schwerer Seide. &#8220;Nun?&#8221; fragte er alle insgesammt. Der Polizeimann trat ein wenig n\u00e4her und lehnte sich an den Motorkasten des Automobils. Karl gab eine kleine Erkl\u00e4rung. &#8220;Robinson ist ein wenig marod, aber wenn er sich M\u00fche gibt, wird er schon die Treppen hinaufgehn k\u00f6nnen; der Chauffeur hier will noch eine Nachzahlung zum Fahrtgeld, das ich schon bezahlt habe. Und jetzt gehe ich. Guten Tag. &#8221; &#8220;Du gehst nicht&#8221;, sagte Delamarche. &#8220;Ich habe es ihm auch schon gesagt&#8221;, meldete sich Robinson aus dem Wagen. &#8220;Ich gehe doch&#8221;, sagte Karl und machte ein paar Schritte. Aber Delamarche war schon hinter ihm und schob ihn mit Gewalt zur\u00fcck. &#8220;Ich sage, Du bleibst&#8221;, rief er. &#8220;Aber la\u00dft mich doch&#8221;, sagte Karl und machte sich bereit, wenn es n\u00f6tig sein sollte, mit den F\u00e4usten sich die Freiheit zu verschaffen, so wenig Aussicht auf Erfolg gegen\u00fcber einem Mann wie Delamarche auch war. Aber da stand doch der Polizeimann, da war der Chauffeur, hie und da giengen Arbeitergruppen durch die sonst freilich ruhige Stra\u00dfe, w\u00fcrde man es denn dulden da\u00df ihm von Delamarche ein Unrecht geschehe? In einem Zimmer h\u00e4tte er mit ihm nicht allein sein wollen, aber hier? Delamarche zahlte jetzt ruhig dem Chauffeur, der unter vielen Verbeugungen den unverdient gro\u00dfen Betrag einsteckte und aus Dankbarkeit zu Robinson gieng und mit diesem offenbar dar\u00fcber sprach, wie er am besten herausbef\u00f6rdert werden k\u00f6nnte. Karl sah sich unbeobachtet, vielleicht duldete Delamarche ein stillschweigendes Fortgehn leichter, wenn Streit vermieden werden konnte, war es nat\u00fcrlich am besten und so gieng Karl einfach in die Fahrbahn hinein um m\u00f6glichst rasch wegzukommen. Die Kinder str\u00f6mten zu Delamarche um ihn auf Karls Flucht aufmerksam zu machen, aber er mu\u00dfte selbst gar nicht eingreifen, denn der Polizeimann sagte mit vorgestrecktem Stabe &#8220;halt! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wie hei\u00dft Du&#8221;, fragte er, schob den Stab unter den Arm und zog langsam ein Buch hervor. Karl sah ihn jetzt zum ersten Mal genauer an, es war ein kr\u00e4ftiger Mann, hatte aber schon fast ganz wei\u00dfes Haar. &#8220;Karl Ro\u00dfmann&#8221;, sagte er. &#8220;Ro\u00dfmann&#8221;, wiederholte der Polizeimann, zweifellos nur, weil er ein ruhiger und gr\u00fcndlicher Mensch war, aber Karl, der hier eigentlich zum ersten Mal mit amerikanischen Beh\u00f6rden zu tun bekam, sah schon in dieser Wiederholung das Aussprechen eines gewissen Verdachtes. Und tats\u00e4chlich konnte seine Sache nicht gut stehn, denn selbst Robinson, der doch so sehr mit seinen eigenen Sorgen besch\u00e4ftigt war, bat aus dem Wagen heraus mit stummen lebhaften Handbewegungen den Delamarche, er m\u00f6ge Karl doch helfen. Aber Delamarche wehrte ihn mit hastigem Kopfsch\u00fctteln ab und sah unt\u00e4tig zu, die H\u00e4nde in seinen \u00fcbergro\u00dfen Taschen. Der Bursche auf dem T\u00fcrstein erkl\u00e4rte einer Frau, die jetzt erst aus dem Tore trat, den ganzen Sachverhalt von allem Anfang an. Die Kinder standen in einem Halbkreis hinter Karl und sahen still zum Polizeimann hinauf<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Zeig Deine Ausweispapiere&#8221;, sagte der Polizeimann. Das war wohl nur eine formelle Frage, denn wenn man keinen Rock hat, wird man auch nicht viel Ausweispapiere bei sich haben. Karl schwieg deshalb auch, um lieber auf die n\u00e4chste Frage ausf\u00fchrlich zu antworten und so den Mangel der Ausweispapiere m\u00f6glichst zu vertuschen. Aber die n\u00e4chste Frage war: &#8220;Du hast also keine Ausweispapiere?&#8221; und Karl mu\u00dfte nun antworten &#8220;Bei mir nicht.&#8221; &#8220;Das ist aber schlimm&#8221;, sagte der Polizeimann, sah nachdenklich im Kreise umher und klopfte mit zwei Fingern auf den Deckel seines Buches. &#8220;Hast Du irgend einen Verdienst?&#8221; fragte der Polizeimann schlie\u00dflich. &#8220;Ich war Liftjunge&#8221;, sagte Karl. &#8220;Du warst Liftjunge, bist es also nicht mehr und wovon lebst Du denn jetzt?&#8221; &#8220;Jetzt werde ich mir eine neue Arbeit suchen. &#8221; &#8220;Ja bist Du denn jetzt entlassen worden?&#8221; &#8220;Ja vor einer Stunde.&#8221; &#8220;Pl\u00f6tzlich?&#8221; &#8220;Ja&#8221;, sagte Karl und hob wie zur Entschuldigung die Hand. Die ganze Geschichte konnte er hier nicht erz\u00e4hlen und wenn es auch m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, so schien es doch ganz aussichtslos ein drohendes Unrecht durch Erz\u00e4hlung eines erlittenen Unrechtes abzuwehren. Und wenn er sein Recht nicht von der G\u00fcte der Oberk\u00f6chin und von der Einsicht des Oberkellners erhalten hatte, von der Gesellschaft hier auf der Stra\u00dfe hatte er es gewi\u00df nicht zu erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Und ohne Rock bist Du entlassen worden?&#8221; fragte der Polizeimann. &#8220;Nun ja&#8221;, sagte Karl, also auch in Amerika geh\u00f6rte es zur Art der Beh\u00f6rden, das was sie sahen noch eigens zu fragen. (Wie hatte sein Vater bei der Beschaffung des Reisepasses \u00fcber die nutzlose Fragerei der Beh\u00f6rden sich \u00e4rgern m\u00fcssen.) Karl hatte gro\u00dfe Lust, wegzulaufen, sich irgendwo zu verstecken und keine Fragen mehr anh\u00f6ren zu m\u00fcssen. Und nun stellte gar der Polizeimann jene Frage, vor der sich Karl am meisten gef\u00fcrchtet und in deren unruhiger Voraussicht er sich bisher wahrscheinlich unvorsichtiger benommen hatte, als es sonst geschehen w\u00e4re: &#8220;In welchem Hotel warst Du denn angestellt?&#8221; Er senkte den Kopf und antwortete nicht, auf diese Frage wollte er unbedingt nicht antworten. Es durfte nicht geschehn, da\u00df er von einem Polizeimann escortiert wieder ins Hotel occidental zur\u00fcckk\u00e4me, da\u00df dort Verh\u00f6re stattfanden, zu denen seine Freunde und Feinde beigezogen w\u00fcrden, da\u00df die Oberk\u00f6chin ihre schon sehr schwach gewordene gute Meinung \u00fcber Karl g\u00e4nzlich aufgab, da sie ihn, den sie in der Pension Brenner vermutete, von einem Polizeimann aufgegriffen, in Hemd\u00e4rmeln, ohne ihre Visitkarte zur\u00fcckgekehrt fand, w\u00e4hrend der Oberkellner vielleicht nur voll Verst\u00e4ndnis nicken, der Oberportier dagegen von der Hand Gottes sprechen w\u00fcrde, die den Lumpen endlich gefunden habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Er war im Hotel occidental angestellt&#8221;, sagte Delamarche und trat an die Seite des Polizeimanns. &#8220;Nein&#8221;, rief Karl und stampfte mit dem Fu\u00dfe auf, &#8220;es ist nicht wahr. &#8221; Delamarche sah ihn mit sp\u00f6ttisch zugespitztem Munde an, als k\u00f6nne er noch ganz andere Dinge verraten. Unter die Kinder brachte die unerwartete Aufregung Karls gro\u00dfe Bewegung und sie zogen zu Delamarche hin, um lieber von dort aus Karl genau anzusehn. Robinson hatte den Kopf v\u00f6llig aus dem Wagen gesteckt und verhielt sich vor Spannung ganz ruhig; hie und da ein Augenzwinkern war seine einzige Bewegung. Der Bursche im Tor schlug in die H\u00e4nde vor Vergn\u00fcgen, die Frau neben ihm gab ihm einen Sto\u00df mit dem Elbogen, damit er ruhig sei. Die Gep\u00e4cktr\u00e4ger hatten gerade Fr\u00fchst\u00fcckspause und erschienen s\u00e4mtlich mit gro\u00dfen T\u00f6pfen schwarzen Kaffees, in dem sie mit Stangenbroden herumr\u00fchrten. Einige setzten sich auf den Trottoirrand, alle schl\u00fcrften den Kaffee sehr laut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie kennen wohl den Jungen&#8221;, fragte der Polizeimann den Delamarche. &#8220;Besser als mir lieb ist&#8221;, sagte dieser. &#8220;Ich habe ihm zu seiner Zeit viel Gutes getan, er aber hat sich daf\u00fcr sehr schlecht bedankt, was Sie wohl, selbst nach dem ganz kurzen Verh\u00f6r das Sie mit ihm angestellt haben, leicht begreifen werden.&#8221; &#8220;Ja&#8221;, sagte der Polizeimann, &#8220;es scheint ein verstockter Junge zu sein. &#8221; &#8220;Das ist er&#8221;, sagte Delamarche, &#8220;aber es ist das noch nicht seine schlechteste Eigenschaft.&#8221; &#8220;So?&#8221; sagte der Polizeimann. &#8220;Ja&#8221;, sagte Delamarche, der nun im Reden war und dabei mit den H\u00e4nden in den Taschen seinen ganzen Mantel in schwingende Bewegung brachte, &#8220;das ist ein feiner Hecht. Ich und mein Freund dort im Wagen, wir haben ihn zuf\u00e4llig im Elend aufgegriffen, er hatte damals keine Ahnung von amerikanischen Verh\u00e4ltnissen, er kam gerade aus Europa, wo man ihn auch nicht hatte brauchen k\u00f6nnen, nun wir schleppten ihn mit uns, lie\u00dfen ihn mit uns leben, erkl\u00e4rten ihm alles, wollten ihm einen Posten verschaffen, dachten trotz aller Anzeichen, die dagegen sprachen, noch einen brauchbaren Menschen aus ihm zu machen, da verschwand er einmal in der Nacht, war einfach weg und das unter Begleitumst\u00e4nden, die ich lieber verschweigen will. War es so oder nicht&#8221; fragte Delamarche schlie\u00dflich und zupfte Karl am Hemd\u00e4rmel. &#8220;Zur\u00fcck ihr Kinder&#8221;, rief der Polizeimann, denn diese hatten sich soweit vorgedr\u00e4ngt, da\u00df Delamarche fast \u00fcber eines gestolpert w\u00e4re. Inzwischen waren auch die Gep\u00e4cktr\u00e4ger, die bisher die Interessantheit dieses Verh\u00f6rs untersch\u00e4tzt hatten, aufmerksam geworden und hatten sich in dichtem Ring hinter Karl versammelt, der nun auch nicht einen Schritt h\u00e4tte zur\u00fccktreten k\u00f6nnen und \u00fcberdies unaufh\u00f6rlich in den Ohren das Durcheinander der Stimmen dieser Gep\u00e4cktr\u00e4ger hatte, die in einem g\u00e4nzlich unverst\u00e4ndlichen vielleicht mit slavischen Worten untermischten Englisch mehr polterten als redeten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Danke f\u00fcr die Auskunft&#8221;, sagte der Polizeimann und salutierte vor Delamarche. &#8220;Jedenfalls werde ich ihn mitnehmen und dem Hotel occidental zur\u00fcckgeben lassen. &#8221; Aber Delamarche sagte: &#8220;D\u00fcrfte ich die Bitte stellen, mir den Jungen vorl\u00e4ufig zu \u00fcberlassen, ich h\u00e4tte einiges mit ihm in Ordnung zu bringen. Ich verpflichte mich, ihn dann selbst ins Hotel zur\u00fcckzuf\u00fchren. &#8221; &#8220;Das kann ich nicht tun&#8221;, sagte der Polizeimann. Delamarche sagte: &#8220;Hier ist meine Visitkarte&#8221; und reichte ihm ein K\u00e4rtchen. Der Polizeimann sah es anerkennend an, sagte aber verbindlich l\u00e4chelnd: &#8220;Nein es ist vergeblich. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So sehr sich Karl bisher vor Delamarche geh\u00fctet hatte, jetzt sah er in ihm die einzig m\u00f6gliche Rettung. Es war zwar verd\u00e4chtig, wie sich dieser beim Polizeimann um Karl bewarb, aber jedenfalls w\u00fcrde sich Delamarche leichter als der Polizeimann bewegen lassen, ihn nicht ins Hotel zur\u00fcckzuf\u00fchren. Und selbst wenn Karl an der Hand des Delamarche ins Hotel zur\u00fcckkam, so war es viel weniger schlimm, als wenn es in Begleitung des Polizeimannes geschah. Vorl\u00e4ufig aber durfte nat\u00fcrlich Karl nicht zu erkennen geben, da\u00df er tats\u00e4chlich zu Delamarche wollte, sonst war alles verdorben. Und unruhig sah er auf die Hand des Polizeimanns, die sich jeden Augenblick erheben konnte, um ihn zu fassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich m\u00fc\u00dfte doch wenigstens erfahren, warum er pl\u00f6tzlich entlassen worden ist&#8221;, sagte schlie\u00dflich der Polizeimann, w\u00e4hrend Delamarche mit verdrie\u00dflichem Gesicht beiseite sah und die Visitkarte zwischen den Fingerspitzen zerdr\u00fcckte. &#8220;Aber er ist doch gar nicht entlassen&#8221;, rief Robinson zu allgemeiner \u00dcberraschung und beugte sich auf den Chauffeur gest\u00fctzt m\u00f6glichst weit aus dem Wagen. &#8220;Im Gegenteil, er hat ja dort einen guten Posten. Im Schlafsaal ist er der oberste und kann hineinf\u00fchren, wen er will. Nur ist er riesig besch\u00e4ftigt und wenn man etwas von ihm haben will, mu\u00df man lange warten. Immerfort steckt er beim Oberkellner, bei der Oberk\u00f6chin und ist Vertrauensperson. Entlassen ist er auf keinen Fall. Ich wei\u00df nicht, warum er das gesagt hat. Wie kann er denn entlassen sein? Ich habe mich im Hotel schwer verletzt und da hat er den Auftrag bekommen, mich nachhause zu schaffen und weil er gerade ohne Rock war, ist er eben ohne Rock mitgefahren. Ich konnte nicht noch warten, bis er den Rock holt. &#8221; &#8220;Nun also&#8221;, sagte Delamarche mit ausgebreiteten Armen, in einem Ton als werfe er dem Polizeimann Mangel an Menschenkenntnis vor und diese seine zwei Worte schienen in die Unbestimmtheit der Aussage Robinsons eine widerspruchslose Klarheit zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ist das aber auch wahr?&#8221; fragte der Polizeimann schon schw\u00e4cher. &#8220;Und wenn es wahr ist, warum gibt der Junge vor entlassen zu sein?&#8221; &#8220;Du sollst antworten&#8221;, sagte Delamarche. Karl sah den Polizeimann an, der hier zwischen fremden nur auf sich selbst bedachten Leuten Ordnung schaffen sollte und etwas von seinen allgemeinen Sorgen gieng auch auf Karl \u00fcber. Er wollte nicht l\u00fcgen und hielt die H\u00e4nde fest verschlungen auf dem R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Tore erschien ein Aufseher und klatschte in die H\u00e4nde zum Zeichen, da\u00df die Gep\u00e4cktr\u00e4ger wieder an ihre Arbeit gehen sollten. Sie sch\u00fctteten den Bodensatz aus ihren Kaffeet\u00f6pfen und zogen verstummend mit schwankenden Schritten ins Haus. &#8220;So kommen wir zu keinem Ende&#8221;, sagte der Polizeimann und wollte Karl am Arm fassen. Karl wich noch unwillk\u00fcrlich ein wenig zur\u00fcck, f\u00fchlte den freien Raum, der sich ihm infolge des Abmarsches der Gep\u00e4cktr\u00e4ger er\u00f6ffnet hatte, wandte sich um und setzte sich unter einigen gro\u00dfen Anfangsspr\u00fcngen in Lauf. Die Kinder brachen in einen einzigen Schrei aus und liefen mit ausgestreckten \u00c4rmchen paar Schritte mit. &#8220;Haltet ihn! &#8221; rief der Polizeimann die lange, fast leere Gasse hinab und lief unter gleichm\u00e4\u00dfigem Aussto\u00dfen dieses Rufes in ger\u00e4uschlosem gro\u00dfe Kraft und \u00dcbung verratendem Lauf hinter Karl her. Es war ein Gl\u00fcck f\u00fcr Karl, da\u00df die Verfolgung in einem Arbeiterviertel stattfand. Die Arbeiter halten es nicht mit den Beh\u00f6rden. Karl lief mitten in der Fahrbahn, weil er dort die wenigsten Hindernisse hatte, und sah nun hie und da auf dem Trottoir rand Arbeiter stehen bleiben und ihn ruhig beobachten, w\u00e4hrend der Polizeimann ihnen sein &#8220;Haltet ihn! &#8221; zurief und in seinem Lauf, er hielt sich kluger Weise auf dem glatten Trottoir, unaufh\u00f6rlich den Stab gegen Karl hin ausstreckte. Karl hatte wenig Hoffnung und verlor sie fast ganz, als der Polizeimann nun, da sie sich Quergassen n\u00e4herten, die gewi\u00df auch Polizeipatrouillen enthielten, geradezu bet\u00e4ubende Pfiffe ausstie\u00df. Karls Vorteil war lediglich seine leichte Kleidung, er flog oder besser st\u00fcrzte die sich immer mehr senkende Stra\u00dfe herab, nur machte er zerstreut infolge seiner Verschlafenheit oft zu hohe; zeitraubende und nutzlose Spr\u00fcnge. Au\u00dferdem aber hatte der Polizeimann sein Ziel ohne nachdenken zu m\u00fcssen, immer vor Augen, f\u00fcr Karl dagegen war der Lauf doch eigentlich Nebensache, er mu\u00dfte nachdenken, unter verschiedenen M\u00f6glichkeiten ausw\u00e4hlen, immer neu sich entschlie\u00dfen. Sein etwas verzweifelter Plan war vorl\u00e4ufig die Quergassen zu vermeiden, da man nicht wissen konnte was in ihnen steckte, vielleicht w\u00fcrde er da geradeweg in eine Wachstube hineinlaufen; er wollte sich solange es nur gieng an diese weithin \u00fcbersichtliche Stra\u00dfe halten, die erst tief unten in eine Br\u00fccke auslief, die kaum begonnen in Wasser- und Sonnendunst verschwand. Gerade wollte er sich nach diesem Entschlu\u00df zu schnellerem Lauf zusammennehmen, um die erste Quergasse besonders eilig zu passieren, da sah er nicht allzuweit vor sich einen Polizeimann lauernd an die dunkle Mauer eines im Schatten liegenden Hauses gedr\u00fcckt, bereit im richtigen Augenblick auf Karl loszuspringen. Jetzt blieb keine Hilfe, als die Quergasse und als er gar aus dieser Gasse ganz harmlos beim Namen gerufen wurde \u2013 es schien ihm zwar zuerst eine T\u00e4uschung zu sein, denn ein Sausen hatte er schon die ganze Zeit lang in den Ohren, z\u00f6gerte er nicht mehr l\u00e4nger und bog, um die Polizeileute m\u00f6glichst zu \u00fcberraschen, auf einem Fu\u00df sich schwenkend rechtwinklig in diese Gasse ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum war er zwei Spr\u00fcnge weit gekommen \u2013 daran, da\u00df man seinen Namen gerufen hatte hatte er schon wieder vergessen, nun pfiff auch der zweite Polizeimann, man merkte seine unverbrauchte Kraft, ferne Passanten in dieser Quergasse schienen eine raschere Gangart anzunehmen \u2013 da griff aus einer kleinen Haust\u00fcre eine Hand nach Karl und zog ihn mit den Worten &#8220;Still sein&#8221; in einen dunklen Flur. Es war &#8216;Delamarche, ganz au\u00dfer Athem, mit erhitzten Wangen, seine Haare klebten ihm rings um den Kopf. Den Schlafrock trug er unter dem Arm und war nur mit Hemd und Unterhose bekleidet. Die T\u00fcre, welche nicht das eigentliche Haustor war, sondern nur einen unscheinbaren Nebeneingang bildete, hatte er gleich geschlossen und versperrt. &#8220;Einen Augenblick&#8221;, sagte er dann, lehnte sich mit hochgehaltenem Kopf an die Wand und atmete schwer. Karl lag fast in seinem Arm und dr\u00fcckte halb besinnungslos das Gesicht an seine Brust. &#8220;Da laufen die Herren&#8221;, sagte Delamarche und streckte den Finger aufhorchend gegen die T\u00fcr. Wirklich liefen jetzt die zwei Polizeileute vorbei, ihr Laufen klang in der leeren Gasse, wie wenn Stahl gegen Stein geschlagen wird. &#8220;Du bist aber ordentlich hergenommen&#8221;, sagte Delamarche zu Karl, der noch immer an seinem Athem w\u00fcrgte und kein Wort herausbringen konnte. Delamarche setzte ihn vorsichtig auf den Boden, kniete neben ihm nieder, strich ihm mehrmals \u00fcber die Stirn und beobachtete ihn. &#8220;Jetzt geht es schon&#8221;, sagte endlich Karl und stand m\u00fchsam auf. &#8220;Dann also los&#8221;, sagte Delamarche, der seinen Schlafrock wieder angezogen hatte und schob Karl, der noch vor Schw\u00e4che den Kopf gesenkt hielt, vor sich her. Von Zeit zu Zeit sch\u00fcttelte er Karl, um ihn frischer zu machen. &#8220;Du willst m\u00fcde sein?&#8221; sagte er. &#8220;Du konntest doch im Freien laufen wie ein Pferd, ich aber mu\u00dfte hier durch die verfluchten G\u00e4nge und H\u00f6fe schleichen. Gl\u00fccklicher Weise bin ich aber auch ein L\u00e4ufer. &#8221; Vor Stolz gab er Karl einen weit ausgeholten Schlag auf den R\u00fccken. &#8220;Von Zeit zu Zeit ist ein solches Wettrennen mit der Polizei eine gute \u00dcbung. &#8221; &#8220;Ich war schon m\u00fcde, wie ich zu laufen anfieng&#8221;, sagte Karl. &#8220;F\u00fcr schlechtes Laufen gibt es keine Entschuldigung&#8221;, sagte Delamarche. &#8220;Wenn ich nicht w\u00e4re, h\u00e4tten sie Dich schon l\u00e4ngst gefa\u00dft.&#8221; &#8220;Ich glaube auch&#8221;, sagte Karl. &#8220;Ich bin Ihnen sehr verpflichtet. &#8221; &#8220;Kein Zweifel&#8221;, sagte Delamarche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie giengen durch einen langen schmalen Flurgang, der mit dunklen glatten Steinen gepflastert war. Hie und da \u00f6ffnete sich rechts oder links ein Treppenaufgang oder man erhielt einen Durchblick in einen andern gr\u00f6\u00dfern Flur. Erwachsene waren kaum zu sehn, nur Kinder spielten auf den leeren Treppen. An einem Gel\u00e4nder stand ein kleines M\u00e4dchen und weinte, da\u00df ihr vor Tr\u00e4nen das ganze Gesicht gl\u00e4nzte. Kaum hatte sie Delamarche bemerkt als sie mit offenem Mund nach Luft schnappend die Treppe hinauflief und sich erst hoch oben beruhigte, als sie nach h\u00e4ufigem Umdrehn sich \u00fcberzeugt hatte, da\u00df ihr niemand folge oder folgen wolle. &#8220;Die habe ich vor einem Augenblick niedergerannt&#8221;, sagte Delamarche lachend und drohte ihr mit der Faust, worauf sie schreiend weiter hinauflief.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die H\u00f6fe, durch die sie kamen, waren fast g\u00e4nzlich verlassen. Nur hie und da schob ein Gesch\u00e4ftsdiener einen zweir\u00e4drigen Karren vor sich her, eine Frau f\u00fcllte an der Pumpe eine Kanne mit Wasser, ein Brieftr\u00e4ger durchquerte mit ruhigen Schritten den ganzen Hof, ein alter Mann mit wei\u00dfem Schnauzbart sa\u00df mit \u00fcbergeschlagenen Beinen vor einer Glast\u00fcr und rauchte eine Pfeife, vor einem Speditionsgesch\u00e4ft wurden Kisten abgeladen, die unbesch\u00e4ftigten Pferde drehten gleichm\u00fctig die K\u00f6pfe, ein Mann in einem Arbeitsmantel \u00fcberwachte mit einem Papier in der Hand die ganze Arbeit, in einem Bureau war das Fenster ge\u00f6ffnet und ein Angestellter, der an seinem Schreibpult sa\u00df, hatte sich von ihm abgewendet und sah nachdenklich hinaus, wo gerade Karl und Delamarche vor\u00fcbergiengen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Eine ruhigere Gegend kann man sich gar nicht w\u00fcnschen&#8221;, sagte Delamarche. &#8220;Am Abend ist paar Stunden lang gro\u00dfer L\u00e4rm, aber w\u00e4hrend des Tages geht es hier musterhaft zu. &#8221; Karl nickte, ihm schien die Ruhe zu gro\u00df zu sein. &#8220;Ich k\u00f6nnte gar nicht anderswo wohnen&#8221;, sagte Delamarche, &#8220;denn Brunelda vertr\u00e4gt absolut keinen L\u00e4rm. Kennst Du Brunelda? Nun Du wirst sie ja sehn. Jedenfalls empfehle ich Dir, Dich m\u00f6glichst still aufzuf\u00fchren. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als sie zu der Treppe kamen, die zur Wohnung des Delamarche f\u00fchrte, war das Automobil bereits weggefahren und der Bursche mit der zerfressenen Nase meldete, ohne \u00fcber Karls Wiedererscheinen irgendwie zu staunen, er habe Robinson die Treppe hinaufgetragen. Delamarche nickte ihm blo\u00df zu, als sei er sein Diener, der eine selbstverst\u00e4ndliche Pflicht erf\u00fcllt habe und zog Karl, der ein wenig z\u00f6gerte und auf die sonnige Stra\u00dfe sah, mit sich die Treppe hinauf. &#8220;Wir sind gleich oben&#8221;, sagte Delamarche einigemale w\u00e4hrend des Treppensteigens, aber seine Voraussage wollte sich nicht erf\u00fcllen, immer wieder setzte sich an eine Treppe eine neue in nur unmerklich ver\u00e4nderter Richtung an. Einmal blieb Karl sogar stehn, nicht eigentlich vor M\u00fcdigkeit, aber vor Wehrlosigkeit gegen\u00fcber dieser Treppenl\u00e4nge. &#8220;Die Wohnung liegt ja sehr hoch&#8221;, sagte Delamarche, als sie weitergiengen, &#8220;aber auch das hat seine Vorteile. Man geht sehr selten aus, den ganzen Tag ist man im Schlafrock, wir haben es sehr gem\u00fctlich. Nat\u00fcrlich kommen in diese H\u00f6he auch keine Besuche herauf.&#8221; &#8220;Woher sollten denn die Besuche kommen&#8221;, dachte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Endlich erschien auf einem Treppenabsatz Robinson vor einer geschlossenen Wohnungst\u00fcr und nun waren sie angelangt; die Treppe war noch nicht einmal zu Ende sondern f\u00fchrte im Halbdunkel weiter, ohne da\u00df irgendetwas auf ihren baldigen Abschlu\u00df hinzudeuten schien. &#8220;Ich habe es mir ja gedacht&#8221;, sagte Robinson leise, als bedr\u00fcckten ihn noch Schmerzen, &#8220;Delamarche bringt ihn! Ro\u00dfmann, was w\u00e4rest Du ohne Delamarche! &#8221; Robinson stand in Unterkleidung da und suchte sich nur so weit als es m\u00f6glich war in die kleine Bettdecke einzuwickeln, die man ihm aus dem Hotel occidental mitgegeben hatte, es war nicht einzusehn, warum er nicht in die Wohnung gieng statt hier vor m\u00f6glicherweise vor\u00fcberkommenden Leuten sich l\u00e4cherlich zu machen. &#8220;Schl\u00e4ft sie?&#8221; fragte Delamarche. &#8220;Ich glaube nicht&#8221;, sagte Robinson, &#8220;aber ich habe doch lieber gewartet, bis Du kommst. &#8221; &#8220;Zuerst m\u00fcssen wir schauen ob sie schl\u00e4ft&#8221;, sagte Delamarche und beugte sich zum Schl\u00fcsselloch. Nachdem er lange unter verschiedenartigen Kopfdrehungen hindurchgeschaut hatte, erhob er sich und sagte: &#8220;Man sieht sie nicht genau, das Rouleau ist heruntergelassen. Sie sitzt auf dem Kanapee, vielleicht schl\u00e4ft sie.&#8221; &#8220;Ist sie denn krank?&#8221; fragte Karl, denn Delamarche stand da, als bitte er um Rat. Nun aber fragte er in scharfem Tone zur\u00fcck: &#8220;Krank?&#8221; &#8220;Er kennt sie ja nicht&#8221;, sagte Robinson entschuldigend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein paar T\u00fcren weiter waren zwei Frauen auf den Korridor getreten, sie wischten die H\u00e4nde an ihren Sch\u00fcrzen rein, sahen auf Delamarche und Robinson und schienen sich \u00fcber sie zu unterhalten. Aus einer T\u00fcr sprang noch ein ganz junges M\u00e4dchen mit gl\u00e4nzendem blondem Haar und schmiegte sich zwischen die zwei Frauen, indem es sich in ihre Arme einh\u00e4ngte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das sind widerliche Weiber&#8221;, sagte Delamarche leise, aber offenbar nur aus R\u00fccksicht auf die schlafende Brunelda, &#8220;n\u00e4chstens werde ich sie bei der Polizei anzeigen und werde f\u00fcr Jahre Ruhe von ihnen haben. Schau nicht hin&#8221;, zischte er dann Karl an, der nichts B\u00f6ses daran gefunden hatte, die Frauen anzuschaun, wenn man nun schon einmal auf dem Gang auf das Erwachen Bruneldas warten mu\u00dfte. Und \u00e4rgerlich sch\u00fcttelte er den Kopf, als habe er von Delamarche keine Ermahnungen anzunehmen, und wollte, um dies noch deutlicher zu zeigen, auf die Frauen zugehn, da hielt ihn aber Robinson mit den Worten &#8220;Ro\u00dfmann, h\u00fcte Dich&#8221; am \u00c4rmel zur\u00fcck und Delamarche, schon durch Karl gereizt, wurde \u00fcber ein lautes Auflachen des M\u00e4dchens so w\u00fctend, da\u00df er mit gro\u00dfem Anlauf Arme und Beine werfend auf die Frauen zueilte, die jede in ihre T\u00fcr wie weggeweht verschwanden. &#8220;So mu\u00df ich hier \u00f6fters die G\u00e4nge reinigen&#8221;, sagte Delamarche, als er mit langsamen Schritten zur\u00fcckkehrte; da erinnerte er sich an Karls Widerstand und sagte: &#8220;Von Dir aber erwarte ich ein ganz anderes Benehmen, sonst k\u00f6nntest Du mit mir schlechte Erfahrungen machen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da rief aus dem Zimmer eine fragende Stimme in sanftem m\u00fcdem Tonfall: &#8220;Delamarche?&#8221; &#8220;Ja&#8221;, antwortete Delamarche und sah freundlich die T\u00fcr an, &#8220;k\u00f6nnen wir eintreten?&#8221; &#8220;0 ja&#8221;, hie\u00df es und Delamarche \u00f6ffnete, nachdem er noch die zwei hinter ihm Wartenden mit einem Blick gestreift hatte, langsam die T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man trat in vollst\u00e4ndiges Dunkel ein. Der Vorhang der Balkont\u00fcre \u2013 ein Fenster war nicht vorhanden \u2013 war bis zum Boden herabgelassen und wenig durchscheinend, au\u00dferdem aber trug die \u00dcberf\u00fcllung des Zimmers mit M\u00f6beln und herumh\u00e4ngenden Kleidern viel zur Verdunkelung des Zimmers bei. Die Luft war dumpf und man roch geradezu den Staub, der sich hier in Winkeln, die offenbar f\u00fcr jede Hand unzug\u00e4nglich waren angesammelt hatte. Das erste was Karl beim Eintritt bemerkte, waren drei K\u00e4sten, die knapp hintereinander aufgestellt waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Kanapee lag die Frau, die fr\u00fcher vom Balkon heruntergeschaut hatte. Ihr rotes Kleid hatte sich unten ein wenig verzogen und hieng in einem gro\u00dfen Zipfel bis auf den Boden, man sah ihre Beine fast bis zu den Knien, sie trug dicke wei\u00dfe Wollstr\u00fcmpfe, Schuhe hatte sie keine. &#8220;Das ist eine Hitze, Delamarche&#8221;, sagte sie, wendete das Gesicht von der Wand, hielt ihre Hand l\u00e4ssig in Schwebe gegen Delamarche hin, der sie ergriff und k\u00fc\u00dfte. Karl sah nur ihr Doppelkinn an, das bei der Wendung des Kopfes auch mitrollte. &#8220;Soll ich den Vorhang vielleicht hinaufziehn lassen?&#8221; fragte Delamarche. &#8220;Nur das nicht&#8221;, sagte sie mit geschlossenen Augen und wie verzweifelt, &#8220;dann wird es ja noch \u00e4rger. &#8221; Karl war zum Fu\u00dfende des Kanapees getreten um die Frau genauer anzusehn, er wunderte sich \u00fcber ihre Klagen, denn die Hitze war gar nicht au\u00dferordentlich. &#8220;Warte, ich werde es Dir ein wenig bequemer machen&#8221;, sagte Delamarche \u00e4ngstlich, \u00f6ffnete oben am Hals paar Kn\u00f6pfe und zog dort das Kleid auseinander, so da\u00df der Hals und der Ansatz der Brust frei wurde und ein zarter gelblicher Spitzensaum des Hemdes erschien. &#8220;Wer ist das&#8221;, sagte die Frau pl\u00f6tzlich und zeigte mit dem Finger auf Karl, &#8220;warum starrt er mich so an?&#8221; &#8220;Du f\u00e4ngst bald an Dich n\u00fctzlich zu machen&#8221;, sagte Delamarche und schob Karl beiseite w\u00e4hrend er die Frau mit den Worten beruhigte: &#8220;Es ist nur der Junge, den ich zu Deiner Bedienung mitgebracht habe. &#8221; &#8220;Aber ich will doch niemanden haben&#8221;, rief sie, &#8220;warum bringst Du mir fremde Leute in die Wohnung. &#8221; &#8220;Aber die ganze Zeit w\u00fcnschst Du Dir doch eine Bedienung&#8221;, sagte Delamarche und kniete nieder; auf dem Kanapee war trotz seiner gro\u00dfen Breite neben Brunelda nicht der geringste Platz. &#8220;Ach Delamarche&#8221;, sagte sie, &#8220;Du verstehst mich nicht und verstehst mich nicht. &#8221; &#8220;Dann versteh ich Dich also wirklich nicht&#8221;, sagte Delamarche und nahm ihr Gesicht zwischen beide H\u00e4nde. &#8220;Aber es ist ja nichts geschehn, wenn Du willst geht er augenblicklich fort. &#8221; &#8220;Wenn er schon einmal hier ist, soll er bleiben&#8221;, sagte sie nun wieder und Karl war ihr in seiner M\u00fcdigkeit f\u00fcr diese vielleicht gar nicht freundlich gemeinten Worte so dankbar, da\u00df er immer in undeutlichen Gedanken an diese endlose Treppe, die er nun vielleicht gleich wieder h\u00e4tte abw\u00e4rtssteigen m\u00fcssen, \u00fcber den auf seiner Decke friedlich schlafenden Robinson hinwegtrat und trotz alles \u00e4rgerlichen H\u00e4ndefuchtelns des Delamarche sagte: &#8220;Ich danke Ihnen jedenfalls daf\u00fcr, da\u00df Sie mich ein wenig noch hier lassen wollen. Ich habe wohl schon vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen, dabei genug gearbeitet und verschiedene Aufregungen gehabt. Ich bin schrecklich m\u00fcde. Ich wei\u00df gar nicht recht, wo ich bin. Wenn ich aber ein paar Stunden geschlafen habe k\u00f6nnen Sie mich ohne jede sonstige R\u00fccksichtnahme fortschicken und ich werde gerne gehn. &#8221; &#8220;Du kannst \u00fcberhaupt hier bleiben&#8221;, sagte die Frau und f\u00fcgte ironisch hinzu: &#8220;Platz haben wir ja in \u00dcberflu\u00df, wie Du siehst. &#8221; &#8220;Du mu\u00dft also fortgehn&#8221;, sagte Delamarche, &#8220;wir k\u00f6nnen Dich nicht brauchen. &#8221; &#8220;Nein, er soll bleiben&#8221;, sagte die Frau nun wieder im Ernste. Und Delamarche sagte zu Karl wie in Ausf\u00fchrung dieses Wunsches: &#8220;Also leg Dich schon irgendwo hin. &#8221; &#8220;Er kann sich auf die Vorh\u00e4nge legen, aber er mu\u00df sich die Stiefel ausziehn, damit er nichts zerrei\u00dft. &#8221; Delamarche zeigte Karl den Platz, den sie meinte. Zwischen der T\u00fcre und den drei Schr\u00e4nken war ein gro\u00dfer Haufen von verschiedenartigsten Fenstervorh\u00e4ngen hingeworfen. Wenn man alle regelm\u00e4\u00dfig zusammengefaltet, die schweren zu unterst, und weiter hinauf die leichtern gelegt und schlie\u00dflich die verschiedenen in den Haufen gesteckten Bretter und Holzringe herausgezogen h\u00e4tte, so w\u00e4re es ein ertr\u00e4gliches Lager geworden, so war es nur eine schaukelnde und gleitende Masse, auf die sich aber Karl trotzdem augenblicklich legte, denn zu besondern Schlafvorbereitungen war er zu m\u00fcde und mu\u00dfte sich auch mit R\u00fccksicht auf seine Gastgeber h\u00fcten, viel Umst\u00e4nde zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er war schon fast im eigentlichen Schlafe, da h\u00f6rte er einen lauten Schrei, erhob sich und sah die Brunelda aufrecht auf dem Kanapee sitzen, die Arme weit ausbreiten und Delamarche, der vor ihr kniete, umschlingen. Karl, dem der Anblick peinlich war, lehnte sich wieder zur\u00fcck und versenkte sich in die Vorh\u00e4nge zur Fortsetzung des Schlafes. Da\u00df er hier auch nicht zwei Tage aushalten w\u00fcrde, schien ihm klar zu sein, desto n\u00f6tiger aber war es sich zuerst gr\u00fcndlich auszuschlafen, um sich dann bei v\u00f6lligem Verstande schnell und richtig entschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber Brunelda hatte schon Karls vor M\u00fcdigkeit gro\u00df aufgerissene Augen, die sie schon einmal erschreckt hatten, bemerkt und rief: &#8220;Delamarche, ich halte es vor Hitze nicht aus, ich brenne, ich mu\u00df mich ausziehn, ich mu\u00df baden, schick die zwei aus dem Zimmer, wohin Du willst, auf den Gang, auf den Balkon, nur da\u00df ich sie nicht mehr sehe. Man ist in seiner eigenen Wohnung und immerfort gest\u00f6rt. Wenn ich mit Dir allein w\u00e4re, Delamarche. Ach Gott, sie sind noch immer da! Wie dieser unversch\u00e4mte Robinson sich da in Gegenwart einer Dame in seiner Unterkleidung streckt. Und wie dieser fremde Junge, der mich vor einem Augenblick ganz wild angeschaut hat, sich wieder gelegt hat um mich zu t\u00e4uschen. Nur weg mit ihnen, Delamarche, sie sind mir eine Last, sie liegen mir auf der Brust, wenn ich jetzt umkomme, ist es ihretwegen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sofort sind sie drau\u00dfen, zieh Dich nur schon aus&#8221;, sagte Delamarche, gieng zu Robinson hin und sch\u00fcttelte ihn mit dem Fu\u00df, den er ihm auf die Brust setzte. Gleichzeitig rief er Karl zu: &#8220;Ro\u00dfmann, aufstehn! Ihr m\u00fc\u00dft beide auf den Balkon! Und wehe Euch wenn Ihr fr\u00fcher hereinkommt, ehe man Euch ruft! Und jetzt flink, Robinson&#8221; \u2013 dabei sch\u00fcttelte er Robinson st\u00e4rker \u2013 &#8220;und Du Ro\u00dfmann, gib Acht, da\u00df ich nicht auch \u00fcber Dich komme&#8221; \u2013 dabei klatschte er laut zweimal in die H\u00e4nde. &#8220;Wie lang das dauert! &#8221; rief Brunelda auf dem Kanapee, sie hatte beim Sitzen die Beine weit auseinandergestellt, um ihrem \u00fcberm\u00e4\u00dfig dicken K\u00f6rper mehr Raum zu verschaffen, nur mit gr\u00f6\u00dfter Anstrengung, unter vielem Schnaufen und h\u00e4ufigem Ausruhn, konnte sie sich soweit b\u00fccken um ihre Str\u00fcmpfe am obersten Ende zu fassen und ein wenig herunterzuziehn, g\u00e4nzlich ausziehn konnte sie sie nicht, das mu\u00dfte Delamarche besorgen auf den sie nun ungeduldig wartete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz stumpf vor M\u00fcdigkeit war Karl von dem Haufen heruntergekrochen und gieng langsam zur Balkont\u00fcre, ein St\u00fcck Vorhangstoffes hatte sich ihm um den Fu\u00df gewickelt und er schleppte es gleichg\u00fcltig mit. In seiner Zerstreutheit sagte er sogar, als er an Brunelda vor\u00fcbergieng: &#8220;Ich w\u00fcnsche gute Nacht&#8221; und wanderte dann an Delamarche vorbei, der den Vorhang der Balkont\u00fcre ein wenig beiseite zog auf den Balkon hinaus. Gleich hinter Karl kam Robinson wohl nicht minder schl\u00e4frig, denn er summte vor sich hin: &#8220;Immerfort maltraitiert man einen! Wenn Brunelda nicht mitkommt, gehe ich nicht auf den Balkon. &#8221; Aber trotz dieser Versicherung gieng er ohne jeden Widerstand heraus, wo er sich, da Karl schon in den Lehnstuhl gesunken war, sofort auf den Steinboden legte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Karl erwachte war es schon Abend, die Sterne standen schon am Himmel, hinter den hohen H\u00e4usern der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite stieg der Schein des Mondes empor. Erst nach einigem Umherschauen in der unbekannten Gegend, einigem Aufatmen in der k\u00fchlen erfrischenden Luft wurde sich Karl dessen bewu\u00dft wo er war. Wie unvorsichtig war er gewesen, alle Ratschl\u00e4ge der Oberk\u00f6chin, alle Warnungen Thereses, alle eigenen Bef\u00fcrchtungen hatte er vernachl\u00e4ssigt, sa\u00df hier ruhig auf dem Balkon des Delamarche und hatte hier gar den halben Tag verschlafen, als sei nicht hier hinter dem Vorhang Delamarche, sein gro\u00dfer Feind. Auf dem Boden wand sich der faule Robinson und zog Karl am Fu\u00dfe, er schien ihn auch auf diese Weise geweckt zu haben, denn er sagte: &#8220;Du hast einen Schlaf Ro\u00dfmann! Das ist die sorglose Jugend. Wie lange willst Du denn noch schlafen. Ich h\u00e4tte Dich ja noch schlafen lassen, aber erstens ist es mir da auf dem Boden zu langweilig und zweitens habe ich einen gro\u00dfen Hunger. Ich bitte Dich steh ein wenig auf, ich habe da unten im Sessel drin etwas zum Essen aufgehoben, ich m\u00f6chte es gern herausziehn. Du bekommst dann auch etwas.&#8221; Und Karl, der aufstand, sah nun zu, wie Robinson, ohne aufzustehn, sich auf den Bauch her\u00fcberw\u00e4lzte und mit ausgestreckten H\u00e4nden unter dem Sessel eine versilberte Schale hervorzog, wie sie etwa zum Aufbewahren von Visitkarten dient. Auf dieser Schale lag aber eine halbe ganz schwarze Wurst, einige d\u00fcnne Cigaretten, eine ge\u00f6ffnete aber noch gut gef\u00fcllte und von \u00d6l \u00fcberflie\u00dfende Sardinenb\u00fcchse und eine Menge meist zerdr\u00fcckter und zu einem Ballen gewordener Bonbons. Dann erschien noch ein gro\u00dfes St\u00fcck Brot und eine Art Parf\u00fcmflasche, die aber etwas anderes als Parfum zu enthalten schien, denn Robinson zeigte mit besonderer Genugtuung auf sie und schnalzte zu Karl hinauf. &#8220;Siehst Du Ro\u00dfmann&#8221;, sagte Robinson, w\u00e4hrend er Sardine nach Sardine herunterschlang und hie und da die H\u00e4nde vom \u00d6l an einem Wolltuch reinigte, das offenbar Brunelda auf dem Balkon vergessen hatte. &#8220;Siehst Du Ro\u00dfmann, so mu\u00df man sich sein Essen aufheben, wenn man nicht verhungern will. Du, ich bin ganz bei Seite geschoben. Und wenn man immerfort als Hund behandelt wird denkt man schlie\u00dflich man ists wirklich. Gut, da\u00df Du da bist, Ro\u00dfmann, ich kann wenigstens mit jemandem reden. Im Haus spricht ja niemand mit mir. Wir sind verha\u00dft. Und alles wegen der Brunelda. Sie ist ja nat\u00fcrlich ein pr\u00e4chtiges Weib. Du \u2013 &#8221; und er winkte Karl zu sich herab um ihm zuzufl\u00fcstern \u2013 &#8220;ich habe sie einmal nackt gesehn. Oh!&#8221; \u2013 und in der Erinnerung an diese Freude fieng er an, Karls Beine zu dr\u00fccken und zu schlagen, bis Karl ausrief: &#8220;Robinson Du bist ja verr\u00fcckt&#8221;, seine H\u00e4nde packte und zur\u00fcckstie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du bist eben noch ein Kind, Ro\u00dfmann&#8221;, sagte Robinson, zog einen Dolch, den er an einer Halsschnur trug, unter dem Hemd hervor, nahm die Dolchkappe ab und zerschnitt die harte Wurst. &#8220;Du mu\u00dft noch viel zulernen. Bist aber bei uns an der richtigen Quelle. Setz Dich doch. Willst Du nicht auch etwas essen. Nun vielleicht bekommst Du Appetit, wenn Du mir zuschaust. Trinken willst Du auch nicht Du willst aber rein gar nichts. Und gespr\u00e4chig bist Du gerade auch nicht besonders. Aber es ist ganz gleichg\u00fcltig, mit wem man auf dem Balkon ist, wenn nur \u00fcberhaupt jemand da ist. Ich bin n\u00e4mlich sehr oft auf dem Balkon. Das macht der Brunelda solchen Spa\u00df. Es mu\u00df ihr nur etwas einfallen, einmal ist ihr kalt, einmal hei\u00df, einmal will sie schlafen, einmal will sie sich k\u00e4mmen, einmal will sie das Mieder \u00f6ffnen, einmal will sie es anziehn und da werde ich immer auf den Balkon geschickt. Manchmal tut sie wirklich das was sie sagt, aber meistens liegt sie nur so wie fr\u00fcher auf dem Kanapee und r\u00fchrt sich nicht. Fr\u00fcher habe ich \u00f6fters den Vorhang so ein wenig weggezogen und durchgeschaut, aber seitdem einmal Delamarche bei einer solchen Gelegenheit \u2013 ich wei\u00df genau da\u00df er es nicht wollte, sondern es nur auf Bruneldas Bitte tat \u2013 mir mit der Peitsche einige Male ins Gesicht geschlagen hat \u2013 siehst Du den Striemen? \u2013 wage ich nicht mehr durchzuschauen. Und so liege ich dann hier auf dem Balkon und habe kein Vergn\u00fcgen au\u00dfer dem Essen. Vorgestern als ich da abend so allein gelegen bin, damals war ich noch in meinen eleganten Kleidern die ich leider in Deinem Hotel verloren habe \u2013 diese Hunde! rei\u00dfen einem die teuern Kleider vom Leib! \u2013 als ich also da so allein gelegen bin und durch das Gel\u00e4nder heruntergeschaut habe, war mir alles so traurig und ich habe zu heulen angefangen. Da ist zuf\u00e4llig ohne da\u00df ich es gleich bemerkt habe, die Brunelda zu mir herausgekommen in dem roten Kleid \u2013 das pa\u00dft ihr doch von allen am besten \u2013, hat mir ein wenig zugeschaut und hat endlich gesagt: &gt;Robinsonerl, warum weinst Du?&lt; Dann hat sie ihr Kleid gehoben und mir mit dem Saum die Augen abgewischt. Wer wei\u00df, was sie noch getan h\u00e4tte, wenn da nicht Delamarche nach ihr gerufen h\u00e4tte und sie nicht sofort wieder ins Zimmer h\u00e4tte hineingehn m\u00fcssen. Nat\u00fcrlich habe ich gedacht, jetzt sei die Reihe an mir und habe durch den Vorhang gefragt ob ich schon ins Zimmer darf. Und was meinst Du, hat die Brunelda gesagt? &gt; Nein! &lt; hat sie gesagt und &gt;was f\u00e4llt Dir ein?&lt; hat sie gesagt. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Warum bleibst Du denn hier, wenn man Dich so behandelt?&#8221; fragte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Verzeih, Ro\u00dfmann, Du fragst nicht sehr gescheit&#8221;, antwortete Robinson. &#8220;Du wirst schon auch noch hier bleiben und wenn man Dich noch \u00e4rger behandelt. \u00dcbrigens behandelt man mich gar nicht so arg. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nein&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich gehe bestimmt weg und wom\u00f6glich noch heute abend. Ich bleibe nicht bei Euch. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wie willst Du denn z. B. das anstellen, heute abend wegzugehn&#8221; fragte Robinson, der das Weiche aus dem Brot herausgeschnitten hatte und sorgf\u00e4ltig in dem \u00d6l der Sardinenb\u00fcchse tr\u00e4nkte. &#8220;Wie willst Du weggehn, wenn Du nicht einmal ins Zimmer hineingehn darfst. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Warum d\u00fcrfen wir denn nicht hineingehn?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nun solange es nicht gel\u00e4utet hat d\u00fcrfen wir nicht hineingehn&#8221;, sagte Robinson, der mit m\u00f6glichst weit ge\u00f6ffnetem Mund das fette Brot verspeiste, w\u00e4hrend er mit einer Hand das vom Brot herabtropfende \u00d6l auffieng, um von Zeit zu Zeit das noch \u00fcbrige Brot in diese als Reservoir dienende hohle Hand zu tauchen. &#8220;Es ist hier alles strenger geworden. Zuerst war da nur ein d\u00fcnner Vorhang, man hat zwar nicht durchgesehn, aber am Abend hat man doch die Schatten erkannt. Das war der Brunelda unangenehm und da habe ich einen ihrer Teaterm\u00e4ntel zu einem Vorhang umarbeiten und statt des alten Vorhanges hier aufh\u00e4ngen m\u00fcssen. Jetzt sieht man gar nichts mehr. Dann habe ich fr\u00fcher immer fragen d\u00fcrfen, ob ich schon hineingehn darf und man hat mir je nach den Umst\u00e4nden geantwortet &gt;ja&lt; oder &gt;nein&lt;, aber dann habe ich das wahrscheinlich zu sehr ausgen\u00fctzt und zu oft gefragt, Brunelda konnte das nicht ertragen \u2013 sie ist trotz ihrer Dicke sehr schwach veranlagt, Kopfschmerzen hat sie oft und Gicht in den Beinen fast immer \u2013 und so wurde bestimmt, da\u00df ich nicht mehr fragen darf, sondern da\u00df, wenn ich hineingehn kann, auf die Tischglocke gedr\u00fcckt wird. Das gibt ein solches L\u00e4uten, da\u00df es mich selbst aus dem Schlaf weckt \u2013 ich habe einmal eine Katze zu meiner Unterhaltung hier gehabt, die ist vor Schrecken \u00fcber dieses L\u00e4uten weggelaufen und nicht mehr zur\u00fcckgekommen. Also gel\u00e4utet hat es heute noch nicht \u2013 wenn es n\u00e4mlich l\u00e4utet dann darf ich nicht nur, sondern mu\u00df hineingehn \u2013 und wenn es einmal so lange nicht l\u00e4utet, dann kann es noch sehr lange dauern. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja&#8221;, sagte Karl, &#8220;aber was f\u00fcr Dich gilt, mu\u00df doch noch nicht f\u00fcr mich gelten. \u00dcberhaupt gilt so etwas nur f\u00fcr den, der es sich gefallen l\u00e4\u00dft. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber&#8221;, rief Robinson, &#8220;warum sollte denn das nicht auch f\u00fcr Dich gelten? Selbstverst\u00e4ndlich gilt es auch f\u00fcr Dich. Warte hier nur ruhig mit mir, bis es l\u00e4utet. Dann kannst Du ja versuchen, ob Du wegkommst. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Warum gehst Du denn eigentlich nicht fort von hier? Nur deshalb weil Delamarche Dein Freund ist oder besser war? Ist denn das ein Leben? W\u00e4re es da nicht in Butterford besser, wohin Ihr zuerst wolltet? Oder gar in Kalifornien wo Du Freunde hast. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja&#8221;, sagte Robinson, &#8220;das konnte niemand voraussehn.&#8221; Und ehe er weitererz\u00e4hlte, sagte er noch: &#8220;auf Dein Wohl, lieber Ro\u00dfmann&#8221; und nahm einen langen Zug aus der Parfumflasche. &#8220;Wir waren ja damals wie Du uns so gemein hast sitzen lassen, sehr schlecht daran. Arbeit konnten wir an den ersten Tagen keine bekommen, Delamarche \u00fcbrigens wollte keine Arbeit, er h\u00e4tte sie schon bekommen, sondern schickte nur immer mich auf Suche und ich habe kein Gl\u00fcck. Er hat sich nur so herumgetrieben, aber es war schon fast Abend, da hatte er nur ein Damenportemonnaie mitgebracht, es war zwar sehr sch\u00f6n, aus Perlen, jetzt hat er es der Brunelda geschenkt, aber es war fast nichts darin. Dann sagte er wir sollten in die Wohnungen betteln gehn, bei dieser Gelegenheit kann man nat\u00fcrlich manches Brauchbare finden, wir sind also betteln gegangen und ich habe, damit es besser aussieht, vor den Wohnungst\u00fcren gesungen. Und wie schon Delamarche immer Gl\u00fcck hat, sind wir nur vor der zweiten Wohnung gestanden, einer sehr reichen Wohnung im Parterre, und haben an der T\u00fcr der K\u00f6chin und dem Diener etwas vorgesungen, da kommt die Dame, der diese Wohnung geh\u00f6rt, eben Brunelda die Treppe hinauf. Sie war vielleicht zu stark geschn\u00fcrt und konnte die paar Stufen gar nicht heraufkommen. Aber wie sch\u00f6n sie ausgesehn hat, Ro\u00dfmann! Sie hat ein ganz wei\u00dfes Kleid und einen roten Sonnenschirm gehabt. Zum Ablecken war sie. Zum Austrinken war sie. Ach Gott, ach Gott war sie sch\u00f6n. So ein Frauenzimmer! Nein sag mir nur wie kann es so ein Frauenzimmer geben? Nat\u00fcrlich ist das M\u00e4dchen und der Diener gleich ihr entgegengelaufen und haben sie fast hinaufgetragen. Wir sind rechts und links von der T\u00fcr gestanden und haben salutiert, das macht man hier so. Sie ist ein wenig stehn geblieben, weil sie noch immer nicht genug Atem hatte und nun wei\u00df ich nicht, wie das eigentlich geschehen ist, ich war durch das Hungern nicht ganz bei Verstand und sie war eben in der N\u00e4he noch sch\u00f6ner und riesig breit und infolge eines besondern Mieders, ich kann es Dir dann im Kasten zeigen, \u00fcberall so fest \u2013 kurz, ich habe sie ein bi\u00dfchen hinten anger\u00fchrt, aber ganz leicht wei\u00dft Du, nur so anger\u00fchrt. Nat\u00fcrlich kann man das nicht dulden, da\u00df ein Bettler eine reiche Dame anr\u00fchrt. Es war ja fast keine Ber\u00fchrung, aber schlie\u00dflich war es eben doch eine Ber\u00fchrung. Wer wei\u00df, wie schlimm das ausgefallen w\u00e4re, wenn mir nicht Delamarche sofort eine Ohrfeige gegeben h\u00e4tte und zwar eine solche Ohrfeige, da\u00df ich sofort meine beiden H\u00e4nde f\u00fcr die Wange brauchte. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Was Ihr getrieben habt&#8221;, sagte Karl, von der Geschichte ganz gefangen genommen und setzte sich auf den Boden. &#8220;Das war also Brunelda&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nun ja&#8221;, sagte Robinson, &#8220;das war Brunelda. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sagtest Du nicht einmal, da\u00df sie eine S\u00e4ngerin ist?&#8221; fragte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Freilich ist sie eine S\u00e4ngerin und eine gro\u00dfe S\u00e4ngerin&#8221;, antwortete Robinson, der eine gro\u00dfe Bonbonmasse auf der Zunge w\u00e4lzte und hie und da ein St\u00fcck, das aus dem Mund gedr\u00e4ngt wurde mit den Fingern wieder zur\u00fcckdr\u00fcckte. &#8220;Aber das wu\u00dften wir nat\u00fcrlich damals noch nicht, wir sahen nur da\u00df es eine reiche und sehr feine Dame war. Sie tat, als w\u00e4re nichts geschehn und vielleicht hatte sie auch nichts gesp\u00fcrt, denn ich hatte sie tats\u00e4chlich nur mit den Fingerspitzen angetippt. Aber immerfort hat sie den Delamarche angesehn, der ihr wieder \u2013 wie er das schon trifft \u2013 gerade in die Augen zur\u00fcckgeschaut hat. Darauf hat sie zu ihm gesagt: &gt;Komm mal auf ein Weilchen herein&lt; und hat mit dem Sonnenschirm in die Wohnung gezeigt, wohin Delamarche ihr vorangehn sollte; Dann sind sie beide hineingegangen und die Dienerschaft hat hinter ihnen die T\u00fcre zugemacht. Mich haben sie drau\u00dfen vergessen und da habe ich gedacht es wird nicht gar so lange dauern und habe mich auf die Treppe gesetzt, um Delamarche zu erwarten. Aber statt des Delamarche ist der Diener herausgekommen und hat mir eine ganze Sch\u00fcssel Suppe herausgebracht, &gt;eine Aufmerksamkeit des Delamarche! &lt; sagte ich mir. Der Diener blieb noch w\u00e4hrend ich a\u00df ein Weilchen bei mir stehn und erz\u00e4hlte mir Einiges \u00fcber Brunelda und da habe ich gesehn, was f\u00fcr eine Bedeutung der Besuch bei Brunelda f\u00fcr uns haben konnte. Denn Brunelda war eine geschiedene Frau, hatte ein gro\u00dfes Verm\u00f6gen und war vollst\u00e4ndig selbstst\u00e4ndig. Ihr fr\u00fcherer Mann ein Cacaofabrikant liebte sie zwar noch immer, aber sie wollte von ihm nicht das geringste h\u00f6ren. Er kam sehr oft in die Wohnung, immer sehr elegant wie zu einer Hochzeit angezogen \u2013 das ist Wort f\u00fcr Wort wahr, ich kenne ihn selbst \u2013 aber der Diener wagte trotz der gr\u00f6\u00dften Bestechung nicht Brunelda zu fragen, ob sie ihn empfangen wollte, denn er hatte einigemal schon gefragt, und immer hatte ihm Brunelda das was sie gerade bei der Hand hatte ins Gesicht geworfen. Einmal sogar ihre gro\u00dfe gef\u00fcllte W\u00e4rmeflasche und mit der hatte sie ihm einen Vorderzahn ausgeschlagen. Ja, Ro\u00dfmann da schaust Du! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Woher kennst Du den Mann?&#8221; fragte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Er kommt manchmal auch herauf&#8221;, sagte Robinson.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Herauf? &#8221; Karl schlug vor Staunen leicht mit der Hand auf den Boden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du kannst ruhig staunen&#8221;, fuhr Robinson fort, &#8220;selbst ich habe gestaunt, wie mir das der Diener damals erz\u00e4hlt hat. Denk nur, wenn Brunelda nicht zuhause war, hat sich der Mann von dem Diener in ihre Zimmer f\u00fchren lassen und immer eine Kleinigkeit als Andenken mitgenommen und immer etwas sehr Teueres und Feines f\u00fcr Brunelda zur\u00fcckgelassen und dem Diener streng verboten zu sagen von wem es ist. Aber einmal als er etwas \u2013 wie der Diener sagte und ich glaub es \u2013 geradezu Unbezahlbares aus Porzellan mitgebracht hatte, mu\u00df Brunelda es irgendwie erkannt haben, hat es sofort auf den Boden geworfen, ist darauf herumgetreten, hat es angespuckt und noch einiges andere damit gemacht, so da\u00df es der Diener vor Ekel kaum heraustragen konnte. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Was hat ihr denn der Mann getan?&#8221; fragte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das wei\u00df ich eigentlich nicht&#8221;, sagte Robinson. &#8220;Ich glaube aber, nichts besonderes, wenigstens wei\u00df er es selbst nicht. Ich habe ja schon manchmal mit ihm dar\u00fcber gesprochen. Er erwartet mich t\u00e4glich dort an der Stra\u00dfenecke, wenn ich komme, so mu\u00df ich ihm Neuigkeiten erz\u00e4hlen, kann ich nicht kommen, wartet er eine halbe Stunde und geht dann wieder weg. Es war f\u00fcr mich ein guter Nebenverdienst, denn er bezahlt die Nachrichten sehr vornehm, aber seit Delamarche davon erfahren hat, mu\u00df ich ihm alles abliefern und so geh ich seltener hin. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber was will der Mann haben?&#8221; fragte Karl, &#8220;was will er denn nur haben? Er h\u00f6rt doch, sie will ihn nicht. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja&#8221;, seufzte Robinson, z\u00fcndete sich eine Cigarette an und blies unter gro\u00dfen Armschwenkungen den Rauch in die H\u00f6he. Dann schien er sich anders zu entschlie\u00dfen und sagte: &#8220;Was k\u00fcmmert das mich? Ich wei\u00df nur, er m\u00f6chte viel Geld daf\u00fcr geben, wenn er so hier auf dem Balkon liegen d\u00fcrfte, wie wir. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl stand auf, lehnte sich ans Gel\u00e4nder und sah auf die Stra\u00dfe hinunter. Der Mond war schon sichtbar, in die Tiefe der Gasse drang sein Licht aber noch nicht. Die am Tag so leere Gasse war besonders vor den Haustoren gedr\u00e4ngt voll Menschen, alle waren in langsamer schwerf\u00e4lliger Bewegung, die Hemd\u00e4rmel der M\u00e4nner, die hellen Kleider der Frauen hoben sich schwach vom Dunkel ab, alle waren ohne Kopfbedeckung. Die vielen Balkone ringsherum waren nun insgesamt besetzt, dort sa\u00dfen beim Licht einer Gl\u00fchlampe die Familien je nach der Gr\u00f6\u00dfe des Balkons um einen kleinen Tisch herum oder blo\u00df auf Sesseln in einer Reihe oder sie steckten wenigstens die K\u00f6pfe aus dem Zimmer hervor. Die M\u00e4nner sa\u00dfen breitbeinig da, die F\u00fc\u00dfe zwischen den Gel\u00e4nderstangen hinausgestreckt und lasen Zeitungen, die fast bis auf den Boden reichten, oder spielten Karten, scheinbar stumm aber unter starken Schl\u00e4gen auf die Tische, die Frauen hatten den Schoo\u00df voll N\u00e4harbeit und er\u00fcbrigten nur hie und da einen kurzen Blick f\u00fcr ihre Umgebung oder f\u00fcr die Stra\u00dfe, eine blonde schwache Frau auf dem benachbarten Balkon g\u00e4hnte immerfort, verdrehte dabei die Augen und hob immer vor den Mund ein W\u00e4schest\u00fcck, das sie gerade flickte, selbst auf den kleinsten Balkonen verstanden es die Kinder einander zu jagen, was den Eltern sehr l\u00e4stig fiel. Im Innern vieler Zimmer waren Grammophone aufgestellt und bliesen Gesang oder Orchestralmusik hervor, man k\u00fcmmerte sich nicht besonders um diese Musik, nur hie und da gab der Familienvater einen Wink und irgendjemand eilte ins Zimmer hinein, um eine neue Platte einzulegen. An manchen Fenstern sah man vollst\u00e4ndig bewegungslose Liebespaare, an einem Fenster Karl gegen\u00fcber stand ein solches Paar aufrecht, der junge Mann hatte seinen Arm um das M\u00e4dchen gelegt und dr\u00fcckte mit der Hand ihre Brust.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Kennst Du jemanden von den Leuten hier nebenan&#8221; fragte Karl Robinson, der nun auch aufgestanden war und weil es ihn fr\u00f6stelte au\u00dfer der Bettdecke auch noch die Decke Bruneldas um sich gewickelt hielt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Fast niemanden. Das ist ja eben das Schlimme an meiner Stellung&#8221;, sagte Robinson und zog Karl n\u00e4her zu sich, um ihm ins Ohr fl\u00fcstern zu k\u00f6nnen, &#8220;sonst h\u00e4tte ich mich augenblicklich nicht gerade zu beklagen. Die Brunelda hat ja wegen des Delamarche alles was sie hatte verkauft und ist mit allen ihren Reicht\u00fcmern hierher in diese Vorstadtwohnung gezogen, damit sie sich ihm ganz widmen kann und damit sie niemand st\u00f6rt, \u00fcbrigens war das auch der Wunsch des Delamarche. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Und die Dienerschaft hat sie entlassen?&#8221; fragte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ganz richtig&#8221;, sagte Robinson. &#8220;Wo sollte man auch die Dienerschaft hier unterbringen? Diese Diener sind ja sehr anspruchsvolle Herren. Einmal hat Delamarche bei der Brunelda einen solchen Diener einfach mit Ohrfeigen aus dem Zimmer getrieben, da ist eine nach der andern geflogen, bis der Mann drau\u00dfen war. Nat\u00fcrlich haben die andern Diener sich mit ihm vereinigt und vor der T\u00fcr L\u00e4rm gemacht, da ist Delamarche herausgekommen (ich war damals nicht Diener, sondern Hausfreund, aber doch war ich mit den Dienern beisammen) und hat gefragt: &gt;Was wollt ihr? &lt; Der \u00e4lteste Diener, ein gewisser Isidor, hat daraufhin gesagt: &gt;Sie haben mit uns nichts zu reden, unsere Herrin ist die gn\u00e4dige Frau.&lt; Wie Du wahrscheinlich merkst haben sie Brunelda sehr verehrt. Aber Brunelda ist ohne sich um sie zu k\u00fcmmern, zu Delamarche gelaufen, sie war damals doch noch nicht so schwer wie jetzt, hat ihn vor allen umarmt, gek\u00fc\u00dft und &gt;liebster Delamarche&lt; genannt. &gt;Und schick doch schon diese Affen weg&lt;, hat sie endlich gesagt. Affen \u2013 das sollten die Diener sein, stell Dir die Gesichter vor, die sie da machten. Dann hat die Brunelda die Hand des Delamarche zu ihrer Geldtasche hingezogen die sie am G\u00fcrtel trug, Delamarche hat hineingegriffen und also angefangen die Diener auszuzahlen, die Brunelda hat sich nur dadurch an der Auszahlung beteiligt, da\u00df sie mit der offenen Geldtasche im G\u00fcrtel dabei gestanden ist. Delamarche mu\u00dfte oft hineingreifen, denn er verteilte das Geld, ohne zu z\u00e4hlen und ohne die Forderungen zu pr\u00fcfen. Schlie\u00dflich sagte er: Da Ihr also mit mir nicht reden wollt, sage ich Euch nur im Namen Bruneldas &gt;Packt Euch, aber sofort. &lt; So sind sie entlassen worden, es gab dann noch einige Processe, Delamarche mu\u00dfte sogar einmal zum Gericht, aber davon wei\u00df ich nichts genaueres. Nur gleich nach dem Abschied der Diener hat Delamarche zur Brunelda gesagt: &gt;Jetzt hast Du also keine Dienerschaft?&lt; Sie hat gesagt: &gt;Aber da ist ja Robinson.&lt; Daraufhin hat Delamarche gesagt und hat mir dabei einen Schlag auf die Achsel gegeben: &gt;Also gut, Du wirst unser Diener sein.&lt; Und Brunelda hat mir dann auf die Wange geklopft, wenn sich die Gelegenheit findet, Ro\u00dfmann, la\u00df Dir auch einmal von ihr auf die Wangen klopfen, Du wirst staunen, wie sch\u00f6n das ist. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du bist also der Diener des Delamarche geworden?&#8221; sagte Karl zusammenfassend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Robinson h\u00f6rte das Bedauern aus der Frage heraus und antwortete: &#8220;Ich bin Diener, aber das bemerken nur wenige Leute. Du siehst, Du selbst wu\u00dftest es nicht, trotzdem Du doch schon ein Weilchen bei uns bist. Du hast ja gesehn, wie ich in der Nacht bei Euch im Hotel angezogen war. Das Feinste vom Feinen hatte ich an, gehn Diener so angezogen? Nur ist eben die Sache die, da\u00df ich nicht oft weggehn darf, ich mu\u00df immer bei der Hand sein, in der Wirtschaft ist eben immer etwas zu tun. Eine Person ist eben zu wenig f\u00fcr die viele Arbeit. Wie Du vielleicht bemerkt hast, haben wir sehr viele Sachen im Zimmer herumstehn, was wir eben bei dem gro\u00dfen Auszug nicht verkaufen konnten, haben wir mitgenommen. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte man es wegschenken k\u00f6nnen, aber Brunelda schenkt nichts weg. Denk Dir nur, welche Arbeit es gegeben hat, diese Sachen die Treppe heraufzutragen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Robinson, Du hast das alles heraufgetragen? &#8221; rief Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wer denn sonst&#8221; sagte Robinson. &#8220;Es war noch ein Hilfsarbeiter da, ein faules Luder, ich habe die meiste Arbeit allein machen m\u00fcssen. Brunelda ist unten beim Wagen gestanden, Delamarche hat oben angeordnet, wohin die Sachen zu legen sind, und ich bin immerfort hin und hergelaufen. Es hat zwei Tage gedauert, sehr lange, nicht wahr? aber Du wei\u00dft ja gar nicht wie viel Sachen hier im Zimmer sind, alle K\u00e4sten sind voll und hinter den K\u00e4sten ist alles vollgestopft bis zur Decke hinauf. Wenn man ein paar Leute f\u00fcr den Transport aufgenommen h\u00e4tte, w\u00e4re ja alles bald fertig gewesen, aber Brunelda wollte es niemandem au\u00dfer mir anvertrauen. Das war ja sehr sch\u00f6n, aber ich habe damals meine Gesundheit f\u00fcr mein ganzes Leben verdorben und was habe ich denn sonst gehabt, als meine Gesundheit. Wenn ich mich nur ein wenig anstrenge sticht es mich hier und hier und hier. Glaubst Du, diese Jungen im Hotel, diese Grasfr\u00f6sche \u2013 was sind sie denn sonst? \u2013 h\u00e4tten mich jemals besiegen k\u00f6nnen, wenn ich gesund w\u00e4re. Aber was mir auch fehlen sollte, dem Delamarche und der Brunelda sage ich kein Wort, ich werde arbeiten, solange es gehn wird und bis es nicht mehr&#8217; gehn wird, werde ich mich hinlegen und sterben und dann erst, zu sp\u00e4t, werden sie sehn, da\u00df ich krank gewesen bin und trotzdem immerfort und immerfort weitergearbeitet und mich in ihren Diensten zu Tode gearbeitet habe. Ach Ro\u00dfmann&#8221;, sagte er schlie\u00dflich und trocknete die Augen an Karls Hemd\u00e4rmel. Nach einem Weilchen sagte er: &#8220;Ist Dir denn nicht kalt, Du stehst da so im Hemd. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Geh Robinson&#8221;, sagte Karl, &#8220;immerfort weinst Du. Ich glaube nicht, da\u00df Du so krank bist. Du siehst ganz gesund aus, aber weil Du immerfort da auf dem Balkon liegst, hast Du Dir so verschiedenes ausgedacht. Du hast vielleicht manchmal einen Stich in der Brust, das habe ich auch, das hat jeder. Wenn alle Menschen wegen jeder Kleinigkeit so weinen wollten, wie Du, m\u00fc\u00dften da die Leute auf allen Balkonen weinen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich wei\u00df es besser&#8221;, sagte Robinson und wischte nun die Augen mit dem Zipfel seiner Decke. &#8220;Der Student der nebenan bei der Vermieterin wohnt die auch f\u00fcr uns kochte, hat mir letzthin als ich das E\u00dfgeschirr zur\u00fcckbrachte gesagt: &gt;H\u00f6ren Sie einmal Robinson, sind Sie nicht krank?&lt; Mir ist verboten mit den Leuten zu reden und so habe ich nur das Geschirr hingelegt und wollte weggehn. Da ist er zu mir gegangen und hat gesagt: &gt;H\u00f6ren Sie Mann, treiben Sie die Sache nicht zum \u00c4u\u00dfersten, Sie sind krank.&lt; &gt;Ja also ich bitte, was soll ich denn machen&lt;, habe ich gefragt. &gt;Das ist Ihre Sache&lt;, hat er gesagt und hat sich umgedreht. Die andern dort bei Tisch haben gelacht, wir haben ja hier \u00fcberall Feinde und so bin ich lieber weggegangen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Also Leuten, die Dich zum Narren halten, glaubst Du, und Leuten, die es mit Dir gut meinen, glaubst Du nicht. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber ich mu\u00df doch wissen, wie mir ist&#8221;, fuhr Robinson auf, kehrte aber gleich wieder zum Weinen zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du wei\u00dft eben nicht, was Dir fehlt, Du solltest irgend eine ordentliche Arbeit f\u00fcr Dich suchen, statt hier den Diener des Delamarche zu machen. Denn soweit ich nach Deinen Erz\u00e4hlungen und nach dem, was ich selbst gesehen habe, urteilen kann, ist das hier kein Dienst, sondern eine Sklaverei. Das kann kein Mensch ertragen, das glaube ich Dir. Du aber denkst, weil Du der Freund des Delamarche bist, darfst Du ihn nicht verlassen. Das ist falsch, wenn er nicht einsieht, was f\u00fcr ein elendes Leben Du f\u00fchrst, so hast Du ihm gegen\u00fcber nicht die geringsten Verpflichtungen mehr. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du glaubst also wirklich, Ro\u00dfmann, da\u00df ich mich wieder erholen werde, wenn ich das Dienen hier aufgebe. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Gewi\u00df&#8221;, sagte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Gewi\u00df?&#8221; fragte nochmals Robinson.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ganz gewi\u00df&#8221;, sagte Karl l\u00e4chelnd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Dann k\u00f6nnte ich ja gleich anfangen, mich zu erholen&#8221;, sagte Robinson und sah Karl an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wieso denn?&#8221; fragte dieser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nun weil Du doch meine Arbeit hier \u00fcbernehmen sollst&#8221;, antwortete Robinson.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wer hat Dir denn das gesagt?&#8221; fragte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das ist doch ein alter Plan. Davon wird ja schon seit einigen Tagen gesprochen. Es hat damit angefangen, da\u00df Brunelda mich ausgezankt hat, weil ich die Wohnung nicht genug sauber halte. Nat\u00fcrlich habe ich versprochen, da\u00df ich alles gleich in Ordnung bringen werde. Nun ist das aber sehr schwer. Ich kann z. B. in meinem Zustand nicht \u00fcberall hinkriechen, um den Staub wegzuwischen, man kann sich schon in der Mitte des Zimmers nicht r\u00fchren, wie erst dort zwischen den M\u00f6beln und den Vorr\u00e4ten. Und wenn man alles genau reinigen will, mu\u00df man doch auch die M\u00f6bel von ihrem Platz wegschieben und das soll ich allein machen? Au\u00dferdem m\u00fc\u00dfte das alles ganz leise geschehn, weil doch Brunelda, die ja das Zimmer kaum verl\u00e4\u00dft nicht gest\u00f6rt werden darf. Ich habe also zwar versprochen, da\u00df ich alles rein machen werde, aber rein gemacht habe ich es tats\u00e4chlich nicht. Als Brunelda das bemerkt hat, hat sie zu Delamarche gesagt, da\u00df das nicht so weiter geht und da\u00df man noch eine Hilfskraft wird aufnehmen m\u00fcssen. &gt;Ich will nicht, Delamarche&lt;, hat sie gesagt, &gt;da\u00df Du mir einmal Vorw\u00fcrfe machst, ich h\u00e4tte die Wirtschaft nicht gut gef\u00fchrt. Selbst kann ich mich nicht anstrengen, das siehst Du doch ein und Robinson gen\u00fcgt nicht, am Anfang war er so frisch und hat sich \u00fcberall umgesehn, aber jetzt ist er immerfort m\u00fcde und sitzt meist in einem Winkel. Aber ein Zimmer mit soviel Gegenst\u00e4nden wie das unsrige, h\u00e4lt sich nicht selbst in Ordnung. &lt; Daraufhin hat Delamarche nachgedacht, was sich da tun lie\u00dfe, denn eine beliebige Person kann man nat\u00fcrlich nicht in einen solchen Haushalt aufnehmen, auch zur Probe nicht, denn man pa\u00dft uns ja von allen Seiten auf. Weil ich aber Dein guter Freund bin und von Renell geh\u00f6rt habe, wie Du Dich im Hotel plagen mu\u00dft, habe ich Dich in Vorschlag gebracht. Delamarche war gleich einverstanden, trotzdem Du damals gegen ihn Dich so keck benommen hast, und ich habe mich nat\u00fcrlich sehr gefreut, da\u00df ich Dir so n\u00fctzlich sein konnte. F\u00fcr Dich ist n\u00e4mlich diese Stellung wie geschaffen, Du bist jung, stark und geschickt, w\u00e4hrend ich nichts mehr wert bin. Nur will ich Dir sagen, da\u00df Du noch keineswegs aufgenommen bist, wenn Du Brunelda nicht gef\u00e4llst, k\u00f6nnen wir Dich nicht brauchen. Also strenge Dich nur an, da\u00df Du ihr angenehm bist, f\u00fcr das \u00fcbrige werde ich schon sorgen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Und was wirst Du machen, wenn ich hier Diener sein werde&#8221; fragte Karl, er f\u00fchlte sich so frei, der erste Schrecken, den ihm die Mitteilungen Robinsons verursacht hatten war vor\u00fcber. Delamarche hatte also keine schlimmern Absichten mit ihm, als ihn zum Diener zu machen, \u2013 h\u00e4tte er schlimmere Absichten gehabt, dann h\u00e4tte sie der plapperhafte Robinson gewi\u00df verraten \u2013 wenn es aber so stand, dann getraute sich Karl noch heute Nacht den Abschied durchzuf\u00fchren. Man kann niemanden zwingen einen Posten anzunehmen. Und w\u00e4hrend Karl fr\u00fcher genug Sorgen gehabt hatte, ob er nach seiner Entlassung aus dem Hotel gen\u00fcgend bald, um vor Hunger gesch\u00fctzt zu sein, einen passenden und wom\u00f6glich nicht unansehnlichern Posten bekommen werde, schien ihm jetzt im Vergleich zu dem ihm hier zugedachten Posten, der ihm widerlich war, jeder andere Posten gut genug und selbst die stellungslose Not h\u00e4tte er diesem Posten vorgezogen. Robinson das aber begreiflich zu machen, versuchte er gar nicht, besonders da Robinson jetzt in jedem Urteil durch die Hoffnung v\u00f6llig befangen war, von Karl entlastet zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich werde also&#8221;, sagte Robinson und begleitete die Rede mit behaglichen Handbewegungen \u2013 die Elbogen hatte er auf das Gel\u00e4nder aufgest\u00fctzt \u2013 &#8220;zun\u00e4chst Dir alles erkl\u00e4ren und die Vorr\u00e4te zeigen. Du bist gebildet und hast sicher eine sch\u00f6ne Schrift, Du k\u00f6nntest also gleich ein Verzeichnis aller der Sachen machen, die wir da haben. Das hat sich Brunelda schon l\u00e4ngst gew\u00fcnscht. Wenn morgen Vormittag sch\u00f6nes Wetter ist, werden wir Brunelda bitten, da\u00df sie sich auf den Balkon setzt und inzwischen werden wir ruhig und ohne sie zu st\u00f6ren im Zimmer arbeiten k\u00f6nnen. Denn darauf, Ro\u00dfmann, mu\u00dft Du vor allem Acht geben. Nur nicht Brunelda st\u00f6ren. Sie h\u00f6rt alles, wahrscheinlich hat sie als S\u00e4ngerin so empfindliche Ohren. Du rollst z. B. das Fa\u00df mit Schnaps, das hinter den K\u00e4sten steht, heraus, es macht ja L\u00e4rm, weil es schwer ist und dort \u00fcberall verschiedene Sachen herumliegen so da\u00df man es nicht mit einemmal durchrollen kann. Brunelda liegt z. B. ruhig auf dem Kanapee und f\u00e4ngt Fliegen, die sie \u00fcberhaupt sehr bel\u00e4stigen. Du glaubst also, sie k\u00fcmmert sich um Dich nicht und rollst Dein Fa\u00df weiter. Sie liegt noch immer ruhig. Aber in einem Augenblick, wo Du es gar nicht erwartest und wo Du am wenigsten L\u00e4rm machst, setzt sie sich pl\u00f6tzlich aufrecht, schl\u00e4gt mit beiden H\u00e4nden auf das Kanapee, da\u00df man sie vor Staub nicht sieht \u2013 seit wir hier sind habe ich das Kanapee nicht ausgeklopft, ich kann ja nicht, sie liegt doch immerfort darauf \u2013 und f\u00e4ngt schrecklich zu schreien an, wie ein Mann, und schreit so stundenlang. Das Singen haben ihr die Nachbarn verboten, das Schreien aber kann ihr niemand verbieten, sie mu\u00df schreien, \u00fcbrigens geschieht es ja jetzt nur selten, ich und Delamarche sind sehr vorsichtig geworden. Es hat ihr ja auch sehr geschadet. Einmal ist sie ohnm\u00e4chtig geworden und ich habe \u2013 Delamarche war gerade weg \u2013 den Studenten von nebenan holen m\u00fcssen, der hat sie aus einer gro\u00dfen Flasche mit einer Fl\u00fcssigkeit bespritzt, es hat auch geholfen, aber diese Fl\u00fcssigkeit hat einen unertr\u00e4glichen Geruch gehabt, noch jetzt wenn man die Nase zum Kanapee h\u00e4lt, riecht man es. Der Student ist sicher unser Feind, wie alle hier, Du mu\u00dft Dich auch vor allen in acht nehmen und Dich mit keinem einlassen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du Robinson&#8221;, sagte Karl, &#8220;das ist aber ein schwerer Dienst. Da hast Du mich f\u00fcr einen sch\u00f6nen Posten empfohlen.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Mach Dir keine Sorgen&#8221;, sagte Robinson und sch\u00fcttelte mit geschlossenen Augen den Kopf um alle m\u00f6glichen Sorgen Karls abzuwehren, &#8220;der Posten hat auch Vorteile wie sie Dir kein anderer Posten bieten kann. Du bist immerfort in der N\u00e4he einer Dame wie Brunelda ist, Du schl\u00e4fst manchmal mit ihr im gleichen Zimmer, das bringt schon, wie Du Dir denken kannst, verschiedene Annehmlichkeiten mit sich. Du wirst reichlich bezahlt werden, Geld ist in Menge da, ich habe als Freund des Delamarche nichts bekommen, nur wenn ich ausgegangen bin, hat mir Brunelda immer etwas mitgegeben, aber Du wirst nat\u00fcrlich bezahlt werden, wie ein anderer Diener. Du bist ja auch nichts anderes. Das Wichtigste f\u00fcr Dich aber ist, da\u00df ich Dir den Posten sehr erleichtern werde. Zun\u00e4chst werde ich nat\u00fcrlich nichts machen, damit ich mich erhole, aber wie ich nur ein wenig erholt bin, kannst Du auf mich rechnen. Die eigentliche Bedienung Bruneldas behalte ich \u00fcberhaupt f\u00fcr mich, also das Frisieren und Anziehn, soweit es nicht Delamarche besorgt. Du wirst Dich nur um das Aufr\u00e4umen des Zimmers, um Besorgungen und die schwereren h\u00e4uslichen Arbeiten zu k\u00fcmmern haben. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nein Robinson&#8221;, sagte Karl, &#8220;das alles verlockt mich nicht. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Mach keine Dummheiten Ro\u00dfmann&#8221;, sagte Robinson ganz nahe an Karls Gesicht, &#8220;verscherze Dir nicht diese sch\u00f6ne Gelegenheit. Wo bekommst Du denn gleich einen Posten? Wer kennt Dich? Wen kennst Du? Wir, zwei M\u00e4nner, die schon viel erlebt haben und gro\u00dfe Erfahrung besitzen, sind wochenlang herumgelaufen, ohne Arbeit zu bekommen. Es ist nicht leicht, es ist sogar verzweifelt schwer. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl nickte und wunderte sich, wie vern\u00fcnftig Robinson auch sprechen konnte. F\u00fcr ihn hatten diese Ratschl\u00e4ge allerdings keine Geltung, er durfte hier nicht bleiben, in der gro\u00dfen Stadt w\u00fcrde sich wohl ein Pl\u00e4tzchen noch f\u00fcr ihn finden, die ganze Nacht \u00fcber, das wu\u00dfte er, waren alle Gasth\u00e4user \u00fcberf\u00fcllt, man brauchte Bedienung f\u00fcr die G\u00e4ste, darin hatte er nun schon \u00dcbung, er w\u00fcrde sich schon rasch und unauff\u00e4llig in irgend einen Betrieb einf\u00fcgen. Gerade im gegen\u00fcberliegenden Hause war unten ein kleines Gasthaus untergebracht, aus dem eine rauschende Musik hervordrang. Der Haupteingang war nur mit einem gro\u00dfen gelben Vorhang verdeckt, der manchmal von einem Luftzug bewegt m\u00e4chtig in die Gasse hinaus flatterte. Sonst war es in der Gasse freilich viel stiller geworden. Die meisten Balkone waren finster, nur in der Ferne fand sich noch hier oder dort ein einzelnes Licht, aber kaum fa\u00dfte man es f\u00fcr ein Weilchen ins Auge, erhoben sich dort die Leute, und w\u00e4hrend sie in die Wohnung zur\u00fcckdr\u00e4ngten griff ein Mann an die Gl\u00fchlampe und drehte, als letzter auf dem Balkon zur\u00fcckbleibend nach einem kurzen Blick auf die Gasse das Licht aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nun beginnt ja schon die Nacht&#8221;, sagte sich Karl, &#8220;bleibe ich noch l\u00e4nger hier, geh\u00f6re ich schon zu ihnen. &#8221; Er drehte sich um, um den Vorhang vor der Wohnungst\u00fcr wegzuziehn. &#8220;Was willst Du?&#8221; sagte Robinson und stellte sich zwischen Karl und den Vorhang. &#8220;Weg will ich&#8221;, sagte Karl, &#8220;la\u00df mich, la\u00df mich! &#8221; &#8220;Du willst sie doch nicht st\u00f6ren&#8221;, rief Robinson, &#8220;was f\u00e4llt Dir denn nur ein. &#8221; Und er legte Karl die Arme um den Hals, hieng sich mit seiner ganzen Last an ihn, umklammerte mit den Beinen Karls Beine und zog ihn so im Augenblick auf die Erde nieder. Aber Karl hatte unter den Liftjungen ein wenig raufen gelernt, und so stie\u00df er Robinson die Faust unter das Kinn, aber schwach und voll Schonung. Der gab Karl noch rasch und ganz r\u00fccksichtslos mit dem Knie einen vollen Sto\u00df in den Bauch, fing dann aber, beide H\u00e4nde am Kinn, so laut zu heulen an, da\u00df von dem benachbarten Balkon ein Mann unter wildem H\u00e4ndeklatschen &#8220;Ruhe&#8221; befahl. Karl lag noch ein wenig still, um den Schmerz, den ihm der Sto\u00df Robinsons verursacht hatte, zu verwinden. Er wendete nur das Gesicht zum Vorhang hin, der ruhig und schwer vor dem offenbar dunklen Zimmer hieng. Es schien ja niemand mehr im Zimmer zu sein, vielleicht war Delamarche mit Brunelda ausgegangen und Karl hatte schon v\u00f6llige Freiheit. Robinson, der sich wirklich wie ein W\u00e4chterhund benahm, war ja endgiltig abgesch\u00fcttelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ert\u00f6nten aus der Ferne von der Gasse her sto\u00dfweise Trommeln und Trompeten. Einzelne Rufe vieler Leute sammelten sich bald zu einem allgemeinen Schreien. Karl drehte den Kopf und sah wie sich alle Balkone von neuem belebten. Langsam erhob er sich, er konnte sich nicht ganz aufrichten und mu\u00dfte sich schwer gegen das Gel\u00e4nder dr\u00fccken. Unten auf den Trottoiren marschierten junge Burschen mit gro\u00dfen Schritten, ausgestreckten Armen, die M\u00fctzen in der erhobenen Hand, die Gesichter zur\u00fcckgewendet. Die Fahrbahn blieb noch frei. Einzelne schwenkten auf hohen Stangen Lampione, die von einem gelblichen Rauch umh\u00fcllt waren. Gerade traten die Trommler und Trompeter in breiten Reihen ans Licht und Karl staunte \u00fcber ihre Menge, da h\u00f6rte er hinter sich Stimmen, drehte sich um und sah den Delamarche den schweren Vorhang heben und dann aus dem Zimmerdunkel Brunelda treten, im roten Kleid, mit einem Spitzen\u00fcberwurf um die Schultern, einem dunklen H\u00e4ubchen \u00fcber dem wahrscheinlich unfrisierten und blo\u00df aufgeh\u00e4uften Haar dessen Enden hie und da hervorsahen. In der Hand hielt sie einen kleinen ausgespannten F\u00e4cher, bewegte ihn aber nicht sondern dr\u00fcckte ihn eng an sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl schob sich am Gel\u00e4nder entlang zur Seite um den beiden Platz zu machen. Gewi\u00df w\u00fcrde ihn niemand zum Hierbleiben zwingen, und wenn es auch Delamarche versuchen sollte, Brunelda w\u00fcrde ihn auf seine Bitte sofort entlassen. Sie konnte ihn ja gar nicht leiden, seine Augen erschreckten sie. Aber als er einen Schritt zur T\u00fcr hin machte, hatte sie es doch bemerkt und sagte: &#8220;Wohin denn Kleiner?&#8221; Karl stockte vor den strengen Blicken des Delamarche und Brunelda zog ihn zu sich. &#8220;Willst Du Dir denn nicht den Aufzug unten ansehn?&#8221; sagte sie und schob ihn vor sich an das Gel\u00e4nder. &#8220;Wei\u00dft Du, um was es sich handelt?&#8221; h\u00f6rte sie Karl hinter sich sagen und machte ohne Erfolg eine unwillk\u00fcrliche Bewegung, um sich ihrem Druck zu entziehn. Traurig sah er auf die Gasse hinunter, als sei dort der Grund seiner Traurigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Delamarche stand zuerst mit gekreuzten Armen hinter Brunelda, dann lief er ins Zimmer und brachte Brunelda den Operngucker. Unten war hinter den Musikanten der Hauptteil des Aufzuges erschienen. Auf den Schultern eines riesenhaften Mannes sa\u00df ein Herr, von dem man in dieser H\u00f6he nichts anderes sah, als seine matt schimmernde Glatze, \u00fcber der er seinen Zylinderhut st\u00e4ndig gr\u00fc\u00dfend hoch erhoben hielt. Rings um ihn wurden offenbar Holztafeln getragen, die vom Balkon aus gesehen ganz wei\u00df erschienen; die Anordnung war derartig getroffen, da\u00df diese Plakate von allen Seiten sich f\u00f6rmlich an den Herrn anlehnten, der aus ihrer Mitte hoch hervorragte. Da alles im Gange war, lockerte sich diese Mauer von Plakaten immerfort und ordnete sich auch immerfort von neuem. Im weitern Umkreis war um den Herrn die ganze Breite der Gasse, wenn auch, soweit man im Dunkel sch\u00e4tzen konnte, auf eine unbedeutende L\u00e4nge hin, von Anh\u00e4ngern des Herrn angef\u00fcllt, die s\u00e4mtlich in die H\u00e4nde klatschten und wahrscheinlich den Namen des Herrn, einen ganz kurzen, aber unverst\u00e4ndlichen Namen, in einem getragenen Gesange verk\u00fcndeten. Einzelne, die geschickt in der Menge verteilt waren, hatten Automobillaternen mit \u00e4u\u00dferst starkem Licht, das sie die H\u00e4user auf beiden Seiten der Stra\u00dfe langsam auf- und abw\u00e4rts f\u00fchrten. In Karls H\u00f6he st\u00f6rte das Licht nicht mehr, aber auf den untern Balkonen sah man die Leute, die davon bestrichen wurden, eiligst die H\u00e4nde an die Augen f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Delamarche erkundigte sich auf die Bitte Bruneldas bei den Leuten auf dem Nachbarbalkon, was die Veranstaltung zu bedeuten habe. Karl war ein wenig neugierig, ob und wie man ihm antworten w\u00fcrde. Und tats\u00e4chlich mu\u00dfte Delamarche dreimal fragen, ohne eine Antwort zu bekommen. Er beugte sich schon gef\u00e4hrlich \u00fcber das Gel\u00e4nder, Brunelda stampfte vor \u00c4rger \u00fcber die Nachbarn leicht auf, Karl f\u00fchlte ihr Knie. Endlich kam doch irgendeine Antwort, aber gleichzeitig fingen auf diesem Balkon, der gedr\u00e4ngt voll Menschen war, alle laut zu lachen an. Daraufhin schrie Delamarche etwas hin\u00fcber, so laut, da\u00df, wenn nicht augenblicklich in der ganzen Gasse viel L\u00e4rm gewesen w\u00e4re, alles ringsherum erstaunt h\u00e4tte aufhorchen m\u00fcssen. Jedenfalls hatte es die Wirkung, da\u00df das Lachen unnat\u00fcrlich bald sich legte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es wird morgen ein Richter in unserem Bezirk gew\u00e4hlt und der, den sie unten tragen, ist ein Kandidat&#8221;, sagte Delamarche, vollkommen ruhig zu Brunelda zur\u00fcckkehrend. &#8220;Nein! &#8221; rief er dann und klopfte liebkosend Brunelda auf den R\u00fccken, &#8220;wir wissen schon gar nicht mehr, was in der Welt vorgeht. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Delamarche&#8221;, sagte Brunelda, auf das Benehmen der Nachbarn zur\u00fcckkommend, &#8220;wie gern wollte ich \u00fcbersiedeln, wenn es nicht so anstrengend w\u00e4re. Ich darf es mir aber leider nicht zutrauen. &#8221; Und unter gro\u00dfen Seufzern, unruhig und zerstreut, nestelte sie an Karls Hemd, der m\u00f6glichst unauff\u00e4llig immer wieder diese kleinen fetten H\u00e4ndchen wegzuschieben suchte, was ihm auch leicht gelang, denn Brunelda dachte nicht an ihn, sie war mit ganz anderen Gedanken besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch Karl verga\u00df bald Brunelda und duldete die Last ihrer Arme auf seinen Achseln, denn die Vorg\u00e4nge auf der Stra\u00dfe nahmen ihn sehr in Anspruch. Auf Anordnung einer kleinen Gruppe gestikulierender M\u00e4nner, die knapp vor dem Kandidaten marschierten und deren Unterhaltungen eine besondere Bedeutung haben mu\u00dften, denn von allen Seiten sah man lauschende Gesichter sich ihnen zuneigen, wurde unerwarteterweise vor dem Gasthaus Halt gemacht. Einer dieser ma\u00dfgebenden M\u00e4nner machte mit erhobener Hand ein Zeichen, das sowohl der Menge als auch dem Kandidaten galt. Die Menge verstummte und der Kandidat, der sich auf den Schultern seines Tr\u00e4gers mehrmals aufzustellen suchte und mehrmals in den Sitz zur\u00fcckfiel, hielt eine kleine Rede, w\u00e4hrend welcher er seinen Zylinder in Windeseile hin- und herfahren lie\u00df. Man sah das ganz deutlich, denn w\u00e4hrend seiner Rede waren alle Automobillaternen auf ihn gerichtet worden, so da\u00df er in der Mitte eines hellen Sternes sich befand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun erkannte man aber auch schon das Interesse, welches die ganze Stra\u00dfe an der Angelegenheit nahm. Auf den Balkonen, die von Parteig\u00e4ngern des Kandidaten besetzt waren, fiel man mit in das Singen seines Namens ein und lie\u00df die weit \u00fcber das Gel\u00e4nder vorgestreckten H\u00e4nde maschinenm\u00e4\u00dfig klatschen. Auf den \u00fcbrigen Balkonen, die sogar in der Mehrzahl waren, erhob sich ein starker Gegengesang, der allerdings keine einheitliche Wirkung hatte, da es sich um die Anh\u00e4nger verschiedener Kandidaten handelte. Dagegen verbanden sich weiterhin alle Feinde des anwesenden Kandidaten zu einem allgemeinen Pfeifen und sogar Grammophone wurden vielfach wieder in Gang gesetzt. Zwischen den einzelnen Balkonen wurden politische Streitigkeiten mit einer durch die n\u00e4chtliche Stunde verst\u00e4rkten Erregung ausgetragen. Die meisten waren schon in Nachtkleidern und hatten nur \u00dcberr\u00f6cke umgeworfen, die Frauen h\u00fcllten sich in gro\u00dfe dunkle T\u00fccher, die unbeachteten Kinder kletterten be\u00e4ngstigend auf den Einfassungen der Balkone umher und kamen in immer gr\u00f6\u00dferer Zahl aus den dunklen Zimmern, in denen sie schon geschlafen hatten, hervor. Hie und da wurden einzelne unkenntliche Gegenst\u00e4nde von besonders Erhitzten in der Richtung ihrer Gegner geschleudert, manchmal gelangten sie an ihr Ziel, meist aber fielen sie auf die Stra\u00dfe herab, wo sie oft ein Wutgeheul hervorriefen. Wurde den f\u00fchrenden M\u00e4nnern unten der L\u00e4rm zu arg, so erhielten die Trommler und Trompeter den Auftrag, einzugreifen, und ihr schmetterndes, mit ganzer Kraft ausgef\u00fchrtes, nicht endenwollendes Signal unterdr\u00fcckte alle menschlichen Stimmen bis zu den D\u00e4chern der H\u00e4user hinauf. Und immer, ganz pl\u00f6tzlich \u2013 man glaubte es kaum \u2013 h\u00f6rten sie auf, worauf die hief\u00fcr offenbar einge\u00fcbte Menge auf der Stra\u00dfe in die f\u00fcr einen Augenblick eingetretene allgemeine Stille ihren Parteigesang emporbr\u00fcllte \u2013 man sah im Lichte der Automobillaternen den Mund jedes Einzelnen weit ge\u00f6ffnet \u2013 bis dann die inzwischen zur Besinnung gekommenen Gegner zehnmal so stark wie fr\u00fcher aus allen Balkonen und Fenstern hervorschrien und die Partei unten nach ihrem kurzen Sieg zu einem f\u00fcr diese H\u00f6he wenigstens g\u00e4nzlichen Verstummen brachten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wie gef\u00e4llt es dir, Kleiner?&#8221; fragte Brunelda, die sich eng hinter Karl hin- und herdrehte, um mit dem Gucker m\u00f6glichst alles zu \u00fcbersehen. Karl antwortete nur durch Kopfnicken. Nebenbei bemerkte er, wie Robinson dem Delamarche eifrig verschiedene Mitteilungen offenbar \u00fcber Karls Verhalten machte, denen aber Delamarche keine Bedeutung beizumessen schien, denn er suchte Robinson mit der Linken, mit der Rechten hatte er Brunelda umfa\u00dft, immerfort beiseite zu schieben. &#8220;Willst du nicht durch den Gucker schauen?&#8221; fragte Brunelda und klopfte auf Karls Brust, um zu zeigen, da\u00df sie ihn meine.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich sehe genug&#8221;, sagte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Versuch es doch&#8221;, sagte sie, &#8220;du wirst besser sehen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich habe gute Augen&#8221;, antwortete Karl, &#8220;ich sehe alles. &#8221; Er empfand es nicht als Liebensw\u00fcrdigkeit, sondern als St\u00f6rung, als sie den Gucker seinen Augen n\u00e4herte und tats\u00e4chlich sagte sie nun nichts als das eine Wort &gt;du! &lt; melodisch, aber drohend. Und schon hatte Karl den Gucker an seinen Augen und sah nun tats\u00e4chlich nichts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich sehe ja nichts&#8221;, sagte er und wollte den Gucker loswerden, aber den Gucker hielt sie fest und den auf ihrer Brust eingebetteten Kopf konnte er weder zur\u00fcck noch seitw\u00e4rts schieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Jetzt siehst du aber schon&#8221;, sagte sie und drehte an der Schraube des Guckers.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nein, ich sehe noch immer nichts&#8221;, sagte Karl und dachte daran, da\u00df er Robinson ohne seinen Willen nun tats\u00e4chlich entlastet habe, denn Bruneldas unertr\u00e4gliche Launen wurden nun an ihm ausgelassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wann wirst du denn endlich sehen?&#8221; sagte sie und drehte \u2013 Karl hatte nun sein ganzes Gesicht in ihrem schweren Atem \u2013 weiter an der Schraube. &#8220;Jetzt?&#8221; fragte sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nein, nein, nein! &#8221; rief Karl, trotzdem er nun tats\u00e4chlich, wenn auch nur sehr undeutlich, alles unterscheiden konnte. Aber gerade hatte Brunelda irgend etwas mit Delamarche zu tun, sie hielt den Gucker nur lose vor Karls Gesicht und Karl konnte, ohne da\u00df sie es besonders beachtete, unter dem Gucker hinweg auf die Stra\u00dfe sehen. Sp\u00e4ter bestand sie auch nicht mehr auf ihrem Willen und ben\u00fctzte den Gucker f\u00fcr sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus dem Gasthaus unten war ein Kellner getreten und auf der T\u00fcrschwelle hin und her eilend nahm er die Bestellungen der F\u00fchrer entgegen. Man sah, wie er sich streckte, um das Innere des Lokals zu \u00fcbersehen und m\u00f6glichst viel Bedienung herbeizurufen. W\u00e4hrend dieser offenbar einem gro\u00dfen Freitrinken dienenden Vorbereitungen lie\u00df der Kandidat nicht vom Reden ab. Sein Tr\u00e4ger, der riesige nur ihm dienende Mann, machte immer nach einigen S\u00e4tzen eine kleine Drehung, um die Rede allen Teilen der Menge zukommen zu lassen. Der Kandidat hielt sich meist ganz zusammengekr\u00fcmmt und versuchte mit ruckweisen Bewegungen der einen freien Hand und des Zylinders in der andern seinen Worten m\u00f6glichste Eindringlichkeit zu geben. Manchmal aber, in fast regelm\u00e4\u00dfigen Zwischenr\u00e4umen durchfuhr es ihn, er erhob sich mit ausgebreiteten Armen, er redete nicht mehr eine Gruppe, sondern die Gesamtheit an, er sprach zu den Bewohnern der H\u00e4user bis zu den h\u00f6chsten Stockwerken hinauf, und doch war es vollkommen klar, da\u00df ihn schon in den untersten Stockwerken niemand h\u00f6ren konnte, ja da\u00df ihm auch, wenn die M\u00f6glichkeit gewesen w\u00e4re, niemand h\u00e4tte zuh\u00f6ren wollen, denn jedes Fenster und jeder Balkon war doch zumindest von einem schreienden Redner besetzt. Inzwischen brachten einige Kellner aus dem Gasthaus ein mit gef\u00fcllten leuchtenden Gl\u00e4sern besetztes Brett, im Umfang eines Billards, hervor. Die F\u00fchrer organisierten die Verteilung, die in Form eines Vorbeimarsches an der Gasthaust\u00fcr erfolgte. Aber trotzdem die Gl\u00e4ser auf dem Brett immer wieder nachgef\u00fcllt wurden, gen\u00fcgten sie f\u00fcr die Menge nicht, und zwei Reihen von Schankburschen mu\u00dften rechts und links vom Brett durchschl\u00fcpfen und die Menge weiterhin versorgen. Der Kandidat hatte nat\u00fcrlich mit Reden aufgeh\u00f6rt und ben\u00fctzte die Pause, um sich neu zu kr\u00e4ftigen. Abseits von der Menge und dem grellen Licht trug ihn sein Tr\u00e4ger langsam hin und her und nur einige seiner n\u00e4chsten Anh\u00e4nger begleiteten ihn dort und sprachen zu ihm hinauf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sieh mal den Kleinen&#8221;, sagte Brunelda, &#8220;er vergi\u00dft vor lauter Schauen, wo er ist.&#8221; Und sie \u00fcberraschte Karl und drehte mit beiden H\u00e4nden sein Gesicht sich zu, so da\u00df sie ihm in die Augen sah. Es dauerte aber nur einen Augenblick, denn Karl sch\u00fcttelte gleich ihre H\u00e4nde ab, und \u00e4rgerlich dar\u00fcber, da\u00df man ihn nicht ein Weilchen lang in Ruhe lie\u00df und gleichzeitig voll Lust auf die Stra\u00dfe zu gehen und alles von der N\u00e4he anzusehen, suchte er sich nun mit aller Kraft vom Druck Bruneldas zu befreien und sagte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Bitte, lassen Sie mich weg. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du wirst bei uns bleiben&#8221;, sagte Delamarche, ohne den Blick von der Stra\u00dfe zu wenden, und streckte nur eine Hand aus, um Karl am Weggehen zu verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;La\u00df nur&#8221;, sagte Brunelda und wehrte die Hand des Delamarche ab, &#8220;er bleibt ja schon. &#8221; Und sie dr\u00fcckte Karl noch fester ans Gel\u00e4nder, er h\u00e4tte mit ihr raufen m\u00fcssen, um sich von ihr zu befreien. Und wenn ihm das auch gelungen w\u00e4re, was h\u00e4tte er damit erreicht. Links von ihm stand Delamarche, rechts hatte sich nun Robinson aufgestellt, er war in einer regelrechten Gefangenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sei froh, da\u00df man dich nicht hinauswirft&#8221;, sagte Robinson und beklopfte Karl mit der Hand, die er unter Bruneldas Arm durchgezogen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Hinauswirft&#8221; sagte Delamarche. &#8220;Einen entlaufenen Dieb wirft man nicht hinaus, den \u00fcbergibt man der Polizei. Und das kann ihm gleich morgen fr\u00fch geschehen, wenn er nicht ganz ruhig ist. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von diesem Augenblick an hatte Karl an dem Schauspiel unten keine Freude mehr. Nur gezwungen, weil er Bruneldas wegen sich nicht aufrichten konnte, beugte er sich ein wenig \u00fcber das Gel\u00e4nder. Voll eigener Sorgen, mit zerstreuten Blicken sah er die Leute unten an, die in Gruppen von etwa zwanzig Mann vor die Gasthaust\u00fcre traten, die Gl\u00e4ser ergriffen, sich umdrehten und diese Gl\u00e4ser in der Richtung gegen den jetzt mit sich besch\u00e4ftigten Kandidaten schwenkten, einen Parteigru\u00df ausriefen, die Gl\u00e4ser leerten und sie, jedenfalls dr\u00f6hnend, in dieser H\u00f6he aber unh\u00f6rbar, auf das Brett wieder niedersetzten, um einer neuen vor Ungeduld l\u00e4rmenden Gruppe Platz zu machen. \u00dcber Auftrag der F\u00fchrer war die Kapelle, die bisher im Gasthaus gespielt hatte, auf die Gasse getreten, ihre gro\u00dfen Blasinstrumente strahlten aus der dunklen Menge, aber ihr Spiel verging fast im allgemeinen L\u00e4rm. Die Stra\u00dfe war nun wenigstens auf der Seite, wo sich das Gasthaus befand, weithin mit Menschen angef\u00fcllt. Von oben, von wo Karl am Morgen im Automobil gekommen war, str\u00f6mten sie herab, von unten, von der Br\u00fccke her liefen sie herauf, und selbst die Leute in den H\u00e4usern hatten der Verlockung nicht widerstehen k\u00f6nnen, in diese Angelegenheit mit eigenen H\u00e4nden einzugreifen, auf den Balkonen und in den Fenstern waren fast nur Frauen und Kinder zur\u00fcckgeblieben, w\u00e4hrend die M\u00e4nner unten aus den Haustoren dr\u00e4ngten. Nun aber hatte die Musik und die Bewirtung den Zweck erreicht, die Versammlung war gen\u00fcgend gro\u00df, ein von zwei Automobillaternen flankierter F\u00fchrer winkte der Musik ab, stie\u00df einen starken Pfiff aus und nun sah man den ein wenig abgeirrten Tr\u00e4ger mit dem Kandidaten durch einen von Anh\u00e4ngern gebahnten Weg eiligst herbeikommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum war er bei der Gasthaust\u00fcre, begann der Kandidat im Schein der nun im engen Kreis um ihn gehaltenen Automobillaternen seine neue Rede. Aber nun war alles viel schwieriger als fr\u00fcher, der Tr\u00e4ger hatte nicht die geringste Bewegungsfreiheit mehr, das Gedr\u00e4nge war zu gro\u00df. Die n\u00e4chsten Anh\u00e4nger, die fr\u00fcher mit allen m\u00f6glichen Mitteln die Wirkung der Reden des Kandidaten zu verst\u00e4rken versucht hatten, hatten nun M\u00fche, sich in seiner N\u00e4he zu erhalten, wohl zwanzig hielten sich mit aller Anstrengung am Tr\u00e4ger fest. Aber selbst dieser starke Mann konnte keinen Schritt nach seinem Willen mehr machen, an eine Einflu\u00dfnahme auf die Menge durch bestimmte Wendungen oder durch passendes Vorr\u00fccken oder Zur\u00fcckweichen war nicht mehr zu denken. Die Menge flutete ohne Plan, einer lag am andern, keiner stand mehr aufrecht, die Gegner schienen sich durch neues Publikum sehr vermehrt zu haben, der Tr\u00e4ger hatte sich lange in der N\u00e4he der Gasthaust\u00fcre gehalten, nun aber lie\u00df er sich scheinbar ohne Widerstand die Gasse auf und abw\u00e4rts treiben, der Kandidat redete immerfort, aber es war nicht mehr ganz klar, ob er sein Programm auseinanderlegte oder um Hilfe rief, wenn nicht alles t\u00e4uschte, hatte sich auch ein Gegenkandidat eingefunden, oder gar mehrere, denn hie und da sah man in irgendeinem pl\u00f6tzlich aufflammenden Licht einen von der Menge emporgehobenen Mann mit bleichem Gesicht und geballten F\u00e4usten eine von vielstimmigen Rufen begr\u00fc\u00dfte Rede halten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Was geschieht denn da?&#8221; fragte Karl und wandte sich in atemloser Verwirrung an seine W\u00e4chter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wie es den Kleinen aufregt&#8221;, sagte Brunelda zu Delamarche und fa\u00dfte Karl am Kinn, um seinen Kopf an sich zu ziehen. Aber das hatte Karl nicht wollen und er sch\u00fcttelte sich, durch die Vorg\u00e4nge auf der Stra\u00dfe f\u00f6rmlich r\u00fccksichtsloser gemacht, so stark, da\u00df Brunelda ihn nicht nur loslie\u00df, sondern zur\u00fcckwich und ihn g\u00e4nzlich freigab. &#8220;Jetzt hast du genug gesehen&#8221;, sagte sie, offenbar durch Karls Benehmen b\u00f6se gemacht, &#8220;geh ins Zimmer, bette auf und bereite alles f\u00fcr die Nacht vor. &#8221; Sie streckte die Hand nach dem Zimmer aus. Das war ja die Richtung, die Karl schon seit einigen Stunden nehmen wollte, er widersprach mit keinem Wort. Da h\u00f6rte man von der Gasse her das Krachen von vielem zersplitternden Glas. Karl konnte sich nicht bezwingen und sprang noch rasch zum Gel\u00e4nder, um fl\u00fcchtig noch einmal hinunterzuschauen. Ein Anschlag der Gegner und vielleicht ein entscheidender war gegl\u00fcckt, die Automobillaternen der Anh\u00e4nger, die mit ihrem starken Licht wenigstens die Hauptvorg\u00e4nge vor der gesamten \u00d6ffentlichkeit geschehen lie\u00dfen und dadurch alles in gewissen Grenzen gehalten hatten, waren s\u00e4mtlich und gleichzeitig zerschmettert worden, den Kandidaten und seinen Tr\u00e4ger umfing nun die gemeinsame unsichere Beleuchtung, die in ihrer pl\u00f6tzlichen Ausbreitung wie v\u00f6llige Finsternis wirkte. Auch nicht beil\u00e4ufig h\u00e4tte man jetzt angeben k\u00f6nnen, wo sich der Kandidat befand, und das T\u00e4uschende des Dunkels wurde noch vermehrt durch einen gerade einsetzenden, breiten, einheitlichen Gesang, der von unten, von der Br\u00fccke her sich n\u00e4herte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Habe ich dir nicht gesagt, was du jetzt zu tun hast&#8221;, sagte Brunelda, &#8220;beeile dich. Ich bin m\u00fcde&#8221;, f\u00fcgte sie hinzu und streckte dann die Arme in die H\u00f6he, so da\u00df sich ihre Brust noch viel mehr w\u00f6lbte als gew\u00f6hnlich. Delamarche, der sie noch immer umfa\u00dft hielt, zog sie mit sich in eine Ecke des Balkons. Robinson ging ihnen nach, um die \u00dcberbleibsel seines Essens, die noch dort lagen, beiseite zu schieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese g\u00fcnstige Gelegenheit mu\u00dfte Karl ausn\u00fctzen, jetzt war keine Zeit hinunterzuschauen, von den Vorg\u00e4ngen auf der Stra\u00dfe w\u00fcrde er unten noch genug sehen und mehr als von hier oben. In zwei Spr\u00fcngen eilte er durch das r\u00f6tlich beleuchtete Zimmer, aber die T\u00fcr war verschlossen und der Schl\u00fcssel abgezogen. Der mu\u00dfte jetzt gefunden werden, aber wer wollte in dieser Unordnung einen Schl\u00fcssel finden und gar in der kurzen kostbaren Zeit, die Karl zur Verf\u00fcgung stand. Jetzt h\u00e4tte er schon eigentlich auf der Treppe sein, h\u00e4tte laufen und laufen sollen. Und nun suchte er den Schl\u00fcssel! Suchte ihn in allen zug\u00e4nglichen Schubladen, st\u00f6berte auf dem Tisch herum, wo verschiedenes E\u00dfgeschirr, Servietten und irgendeine angefangene Stickerei herumlagen, wurde durch einen Lehnstuhl angelockt, auf dem ein ganz verfitzter Haufen alter Kleidungsst\u00fccke sich befand, in denen der Schl\u00fcssel sich m\u00f6glicherweise befinden aber niemals aufgefunden werden konnte, und warf sich schlie\u00dflich auf das tats\u00e4chlich \u00fcbelriechende Kanapee, um in allen Ecken und Falten nach dem Schl\u00fcssel zu tasten. Dann lie\u00df er vom Suchen ab und stockte in der Mitte des Zimmers. Gewi\u00df hatte Brunelda den Schl\u00fcssel an ihrem G\u00fcrtel befestigt, sagte er sich, dort hingen ja so viele Sachen, alles Suchen war umsonst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und blindlings ergriff Karl zwei Messer und bohrte sie zwischen die T\u00fcrfl\u00fcgel, eines oben, eines unten, um zwei voneinander entfernte Angriffspunkte zu erhalten. Kaum hatte er an den Messern gezogen, brachen nat\u00fcrlich die Klingen entzwei. Er hatte nichts anderes wollen, die St\u00fcmpfe, die er nun fester einbohren konnte, w\u00fcrden desto besser halten. Und nun zog er mit aller Kraft, die Arme weit ausgebreitet, die Beine weit auseinandergestemmt, st\u00f6hnend und dabei genau auf die T\u00fcr aufpassend. Sie w\u00fcrde nicht auf die Dauer widerstehen k\u00f6nnen, das erkannte er mit Freuden aus dem deutlich h\u00f6rbaren Sichlockern der Riegel, je langsamer es aber ging, desto richtiger war es, aufspringen durfte ja das Schlo\u00df gar nicht, sonst w\u00fcrde man ja auf dem Balkon aufmerksam werden, das Schlo\u00df mu\u00dfte sich vielmehr ganz langsam von einander l\u00f6sen und darauf arbeitete Karl mit gr\u00f6\u00dfter Vorsicht hin, die Augen immer mehr dem Schlosse n\u00e4hernd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Seht einmal&#8221;, h\u00f6rte er da die Stimme des Delamarche. Alle drei standen im Zimmer, der Vorhang war hinter ihnen schon zugezogen, Karl mu\u00dfte ihr Kommen \u00fcberh\u00f6rt haben, die H\u00e4nde sanken ihm bei dem Anblick von den Messern herab. Aber er hatte gar nicht Zeit, irgendein Wort zur Erkl\u00e4rung oder Entschuldigung zu sagen, denn in einem weit \u00fcber die augenblickliche Gelegenheit hinausgehenden Wutanfall sprang Delamarche \u2013 sein gel\u00f6stes Schlafrockseil beschrieb eine gro\u00dfe Figur in der Luft \u2013 auf Karl los. Karl wich noch im letzten Augenblick dem Angriff aus, er h\u00e4tte die Messer aus der T\u00fcr ziehen und zur Verteidigung ben\u00fctzen k\u00f6nnen, aber das tat er nicht, dagegen griff er sich b\u00fcckend und aufspringend nach dem breiten Schlafrockkragen des Delamarche, schlug ihn in die H\u00f6he, zog ihn dann noch weiter hinauf \u2013 der Schlafrock war ja f\u00fcr Delamarche viel zu gro\u00df \u2013 und hielt nun gl\u00fccklich den Delamarche beim Kopf, der allzusehr \u00fcberrascht, zuerst blind mit den H\u00e4nden fuchtelte und erst nach einem Weilchen, aber noch nicht mit ganzer Wirkung mit den F\u00e4usten auf Karls R\u00fccken schlug, der sich, um sein Gesicht zu sch\u00fctzen, an die Brust des Delamarche geworfen hatte. Die Faustschl\u00e4ge ertrug Karl, wenn er sich auch vor Schmerzen wand und wenn auch die Schl\u00e4ge immer st\u00e4rker wurden, aber wie h\u00e4tte er das nicht ertragen sollen, vor sich sah er ja den Sieg. Die H\u00e4nde am Kopf des Delamarche, die Daumen wohl gerade \u00fcber seinen Augen f\u00fchrte er ihn vor sich her gegen das \u00e4rgste M\u00f6beldurcheinander hin und versuchte \u00fcberdies mit den Fu\u00dfspitzen das Schlafrockseil um die F\u00fc\u00dfe des Delamarche zu schlingen und ihn auch so zu Fall zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da er sich aber ganz und gar mit Delamarche besch\u00e4ftigen mu\u00dfte, zumal er dessen Widerstand immer mehr wachsen f\u00fchlte und immer sehniger dieser feindliche K\u00f6rper sich ihm entgegenstemmte, verga\u00df er tats\u00e4chlich, da\u00df er nicht mit Delamarche allein war. Aber nur allzubald wurde er daran erinnert, denn pl\u00f6tzlich versagten seine F\u00fc\u00dfe, die Robinson, der sich hinter ihm auf den Boden geworfen hatte, schreiend auseinanderpre\u00dfte. Seufzend lie\u00df Karl von Delamarche ab, der noch einen Schritt zur\u00fcckwich. Brunelda stand mit weit auseinandergestellten Beinen und gebeugten Knien in aller ihrer Breite in der Zimmermitte und verfolgte die Vorg\u00e4nge mit leuchtenden Augen. Als beteilige sie sich tats\u00e4chlich an dem Kampf, atmete sie tief, visierte mit den Augen und lie\u00df ihre F\u00e4uste langsam vorr\u00fccken. Delamarche schlug seinen Kragen nieder, hatte nun wieder freien Blick und nun gab es nat\u00fcrlich keinen Kampf mehr, sondern blo\u00df eine Bestrafung. Er fa\u00dfte Karl vorn beim Hemd, hob ihn fast vom Boden und schleuderte ihn, vor Verachtung sah er ihn gar nicht an, so gewaltig gegen einen ein paar Schritte entfernten Schrank, da\u00df Karl im ersten Augenblick meinte, die stechenden Schmerzen im R\u00fccken und am Kopf, die ihm das Aufschlagen am Kasten verursachte, stammten unmittelbar von der Hand des Delamarche. &#8220;Du Halunke&#8221;, h\u00f6rte er den Delamarche in dem Dunkel, das vor seinen zitternden Augen entstand, noch laut ausrufen. Und in der ersten Ersch\u00f6pfung, in der er vor dem Kasten zusammensank, klangen ihm die Worte &#8220;Warte nur&#8221; noch schwach in den Ohren nach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als er zur Besinnung kam, war es um ihn ganz finster, es mochte noch sp\u00e4t in der Nacht sein, vom Balkon her drang unter dem Vorhang ein leichter Schimmer des Mondlichts in das Zimmer. Man h\u00f6rte die ruhigen Atemz\u00fcge der drei Schl\u00e4fer, die bei weitem lautesten stammten von Brunelda, sie schnaufte im Schlaf, wie sie es bisweilen beim Reden tat; es war aber nicht leicht festzustellen, in welcher Richtung die einzelnen Schl\u00e4fer sich befanden, das ganze Zimmer war von dem Rauschen ihres Atems voll. Erst nachdem er seine Umgebung ein wenig gepr\u00fcft hatte, dachte Karl an sich und da erschrak er sehr, denn wenn er sich auch ganz krumm und steif von Schmerzen f\u00fchlte, so hatte er doch nicht daran gedacht, da\u00df er eine schwere blutige Verletzung erlitten haben k\u00f6nnte. Nun aber hatte er eine Last auf dem Kopf und das ganze Gesicht, der Hals, die Brust unter dem Hemd waren feucht wie von Blut. Er mu\u00dfte ans Licht, um seinen Zustand genau festzustellen, vielleicht hatte man ihn zum Kr\u00fcppel geschlagen, dann w\u00fcrde ihn Delamarche wohl gerne entlassen, aber was sollte er dann anfangen, dann gab es wirklich keine Aussichten mehr f\u00fcr ihn. Der Bursche mit der zerfressenen Nase im Torweg fiel ihm ein und er legte einen Augenblick lang das Gesicht in seine H\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unwillk\u00fcrlich wendete er sich dann der T\u00fcr zu und tastete sich auf allen Vieren hin. Bald erf\u00fchlte er mit den Fingerspitzen einen Stiefel und weiterhin ein Bein. Das war Robinson, wer schlief sonst in Stiefeln? Man hatte ihm befohlen, sich quer vor die T\u00fcr zu legen, um Karl an der Flucht zu hindern. Aber kannte man denn Karls Zustand nicht? Vorl\u00e4ufig wollte er gar nicht entfliehen, er wollte nur ans Licht kommen. Konnte er also nicht zur T\u00fcr hinaus, so mu\u00dfte er auf den Balkon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den E\u00dftisch fand er an einer offenbar ganz anderen Stelle wie am Abend, das Kanapee, dem sich Karl nat\u00fcrlich sehr vorsichtig n\u00e4herte, war \u00fcberraschenderweise leer, dagegen stie\u00df er in der Zimmermitte aufhochgeschichtete, wenn auch stark gepre\u00dfte Kleider, Decken, Vorh\u00e4nge, Polster und Teppiche. Zuerst dachte er, es sei nur ein kleiner Haufen, \u00e4hnlich dem, den er am Abend auf dem Sofa gefunden hatte und der etwa auf die Erde gerollt war, aber zu seinem Staunen bemerkte er beim Weiterkriechen, da\u00df da eine ganze Wagenladung solcher Sachen lag, die man wahrscheinlich f\u00fcr die Nacht aus den K\u00e4sten herausgenommen hatte, wo sie w\u00e4hrend des Tages aufbewahrt wurden. Er umkroch den Haufen und erkannte bald, da\u00df das Ganze eine Art Bettlager darstellte, auf dem hoch oben, wie er sich durch vorsichtigstes Tasten \u00fcberzeugte, Delamarche und Brunelda ruhten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt wu\u00dfte er also, wo alle schliefen und beeilte sich nun auf den Balkon zu kommen. Es war eine ganz andere Welt, in der er sich nun, au\u00dferhalb des Vorhangs, schnell erhob. In der frischen Nachtluft, im vollen Schein des Mondes ging er einigemal auf dem Balkon auf und ab. Er sah auf die Stra\u00dfe, sie war ganz still, aus dem Gasthaus klang noch die Musik, aber nur ged\u00e4mpft hervor, vor der T\u00fcr kehrte ein Mann das Trottoir, in der Gasse, in der am Abend innerhalb des w\u00fcsten allgemeinen L\u00e4rms das Schreien eines Wahlkandidaten von tausend anderen Stimmen nicht hatte unterschieden werden k\u00f6nnen, h\u00f6rte man nun deutlich das Kratzen des Besens auf dem Pflaster.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das R\u00fccken eines Tisches auf dem Nachbarbalkon machte Karl aufmerksam, dort sa\u00df ja jemand und studierte. Es war ein junger Mann mit einem kleinen Spitzbart, an dem er beim Lesen, das er mit raschen Lippenbewegungen begleitete, st\u00e4ndig drehte. Er sa\u00df, das Gesicht Karl zugewendet, an einem kleinen mit B\u00fcchern bedeckten Tisch, die Gl\u00fchlampe hatte er von der Mauer abgenommen, zwischen zwei gro\u00dfe B\u00fccher geklemmt und war nun von ihrem grellen Licht ganz \u00fcberleuchtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Guten Abend&#8221;, sagte Karl, da er bemerkt zu haben glaubte, da\u00df der junge Mann zu ihm her\u00fcbergeschaut h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber das mu\u00dfte wohl ein Irrtum gewesen sein, denn der junge Mann schien ihn \u00fcberhaupt noch nicht bemerkt zu haben, legte die Hand \u00fcber die Augen, um das Licht abzublenden und festzustellen, wer da pl\u00f6tzlich gr\u00fc\u00dfte, und hob dann, da er noch immer nichts sah, die Gl\u00fchlampe hoch, um mit ihr auch den Nachbarbalkon ein wenig zu beleuchten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Guten Abend&#8221;, sagte dann auch er, blickte einen Augenblick lang scharf her\u00fcber und f\u00fcgte dann hinzu: &#8220;und was weiter?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich st\u00f6re Sie?&#8221; fragte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Gewi\u00df, gewi\u00df&#8221;, sagte der Mann und brachte die Gl\u00fchlampe wieder an ihren fr\u00fcheren Ort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit diesen Worten war allerdings jede Ankn\u00fcpfung abgelehnt, aber Karl verlie\u00df trotzdem die Balkonecke, in der er dem Manne am n\u00e4chsten war, nicht. Stumm sah er zu, wie der Mann in seinem Buche las, die Bl\u00e4tter wendete, hie und da in einem andern Buche, das er immer mit Blitzesschnelle ergriff, irgend etwas nachschlug und \u00f6fters Notizen in ein Heft eintrug, wobei er immer \u00fcberraschend tief das Gesicht zu dem Hefte senkte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob dieser Mann vielleicht ein Student war? Es sah ganz so aus, als ob er studierte. Nicht viel anders \u2013 jetzt war es schon lange her \u2013 war Karl zu Hause am Tisch der Eltern gesessen und hatte seine Aufgaben geschrieben, w\u00e4hrend der Vater die Zeitung las oder Bucheintragungen und Korrespondenzen f\u00fcr einen Verein erledigte und die Mutter mit einer N\u00e4harbeit besch\u00e4ftigt war und hoch den Faden aus dem Stoffe zog. Um den Vater nicht zu bel\u00e4stigen, hatte Karl nur das Heft und das Schreibzeug auf den Tisch gelegt, w\u00e4hrend er die n\u00f6tigen B\u00fccher rechts und links von sich auf Sesseln angeordnet hatte. Wie still war es dort gewesen! Wie selten waren fremde Leute in jenes Zimmer gekommen! Schon als kleines Kind hatte Karl immer gerne zugesehen, wenn die Mutter gegen Abend die Wohnungst\u00fcr mit dem Schl\u00fcssel absperrte. Sie hatte keine Ahnung davon, da\u00df es jetzt mit Karl soweit gekommen war, da\u00df er fremde T\u00fcren mit Messern aufzubrechen suchte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und welchen Zweck hatte sein ganzes Studium gehabt! Er hatte ja alles vergessen; wenn es darauf angekommen w\u00e4re, hier sein Studium fortzusetzen, es w\u00e4re ihm sehr schwer geworden. Er erinnerte sich daran, da\u00df er zu Hause einmal einen Monat lang krank gewesen war \u2013 welche M\u00fche hatte es ihn damals gekostet, sich nachher wieder in dem unterbrochenen Lernen zurechtzufinden. Und nun hatte er au\u00dfer dem Lehrbuch der englischen Handelskorrespondenz schon so lange kein Buch gelesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie, junger Mann&#8221;, h\u00f6rte sich Karl pl\u00f6tzlich angesprochen, &#8220;k\u00f6nnten Sie sich nicht anderswo aufstellen? Ihr Her\u00fcberstarren st\u00f6rt mich schrecklich. Um zwei Uhr in der Nacht kann man doch schlie\u00dflich verlangen, auf dem Balkon ungest\u00f6rt arbeiten zu k\u00f6nnen. Wollen Sie denn etwas von mir? &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie studieren?&#8221; fragte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja, ja&#8221;, sagte der Mann und benutzte dieses f\u00fcr das Lernen verlorene Weilchen, um unter seinen B\u00fcchern eine neue Ordnung einzurichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Dann will ich Sie nicht st\u00f6ren&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich gehe \u00fcberhaupt schon ins Zimmer zur\u00fcck. Gute Nacht. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mann gab nicht einmal eine Antwort, mit einem pl\u00f6tzlichen Entschlusse hatte er sich nach Beseitigung dieser St\u00f6rung wieder ans Studieren gemacht und st\u00fctzte die Stirn schwer in die rechte Hand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da erinnerte sich Karl knapp vor dem Vorhang daran, warum er eigentlich herausgekommen war, er wu\u00dfte ja noch gar nicht, wie es mit ihm stand. Was lastete nur so auf seinem Kopf?Er griff hinauf und staunte, da war keine blutige Verletzung, wie er im Dunkel des Zimmers gef\u00fcrchtet hatte, es war nur ein noch immer feuchter turbanartiger Verband. Er war, nach den noch hie und da h\u00e4ngenden Spitzen\u00fcberresten zu schlie\u00dfen, aus einem alten W\u00e4schest\u00fcck Bruneldas gerissen und Robinson hatte ihn wohl fl\u00fcchtig Karl um den Kopf gewickelt. Nur hatte er vergessen, ihn auszuwinden, und so war w\u00e4hrend Karls Bewu\u00dftlosigkeit das viele Wasser das Gesicht herab und unter das Hemd geronnen und hatte Karl einen solchen Schrecken eingejagt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie sind wohl noch immer da?&#8221; fragte der Mann und blinzelte her\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Jetzt gehe ich aber schon wirklich&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich wollte hier nur etwas anschauen, im Zimmer ist es ganz finster.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wer sind Sie denn?&#8221; sagte der Mann, legte den Federhalter in das vor ihm ge\u00f6ffnete Buch und trat an das Gel\u00e4nder. &#8220;Wie hei\u00dfen Sie? Wie kommen Sie zu den Leuten? Sind Sie schon lange hier? Was wollen Sie denn anschauen? Drehen Sie doch Ihre Gl\u00fchlampe dort auf, damit man Sie sehen kann. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl tat dies, zog aber, ehe er antwortete, noch den Vorhang der T\u00fcr fester zu, damit man im Innern nichts merken konnte. &#8220;Verzeihen Sie&#8221;, sagte er dann im Fl\u00fcsterton, &#8220;da\u00df ich so leise rede. Wenn mich die drinnen h\u00f6ren, habe ich wieder einen Krawall. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wieder?&#8221; fragte der Mann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich habe ja erst abend einen gro\u00dfen Streit mit ihnen gehabt. Ich mu\u00df da noch eine f\u00fcrchterliche Beule haben. &#8221; Und er tastete hinten seinen Kopf ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Was war denn das f\u00fcr ein Streit?&#8221; fragte der Mann und f\u00fcgte, da Karl nicht gleich antwortete, hinzu: &#8220;Mir k\u00f6nnen Sie ruhig alles anvertrauen, was Sie gegen diese Herrschaften auf dem Herzen haben. Ich hasse sie n\u00e4mlich alle drei und ganz besonders Ihre Madame. Es sollte mich \u00fcbrigens wundern, wenn man Sie nicht schon gegen mich gehetzt h\u00e4tte. Ich hei\u00dfe Josef Mendel und bin Student. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja&#8221;, sagte Karl, &#8220;erz\u00e4hlt hat man mir schon von Ihnen, aber nichts Schlimmes. Sie haben wohl einmal Frau Brunelda behandelt, nicht wahr?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das stimmt&#8221;, sagte der Student und lachte, &#8220;riecht das Kanapee noch danach?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;O ja&#8221;, sagte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das freut mich aber&#8221;, sagte der Student und fuhr mit der Hand durchs Haar. &#8220;Und warum macht man Ihnen Beulen?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es war ein Streit&#8221;, sagte Karl im Nachdenken dar\u00fcber, wie er es dem Studenten erkl\u00e4ren sollte. Dann aber unterbrach er sich und sagte: &#8220;St\u00f6re ich Sie denn nicht?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Erstens&#8221;, sagte der Student, &#8220;haben Sie mich schon gest\u00f6rt und ich bin leider so nerv\u00f6s, da\u00df ich lange Zeit brauche, um mich wieder hineinzufinden. Seit Sie da Ihre Spazierg\u00e4nge auf dem Balkon angefangen haben, komme ich mit dem Studieren nicht vorw\u00e4rts. Zweitens aber mache ich um drei Uhr immer eine Pause. Erz\u00e4hlen Sie also nur ruhig. Es interessiert mich auch. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es ist ganz einfach&#8221;, sagte Karl, &#8220;Delamarche will, da\u00df ich bei ihm Diener werde. Aber ich will nicht. Ich w\u00e4re am liebsten noch gleich abends weggegangen. Er wollte mich nicht lassen, hat die T\u00fcr abgesperrt, ich wollte sie aufbrechen und dann kam es zu der Rauferei. Ich bin ungl\u00fccklich, da\u00df ich noch hier bin. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Haben Sie denn eine andere Stellung? &#8221; fragte der Student.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nein&#8221;, sagte Karl, &#8220;aber daran liegt mir nichts, wenn ich nur von hier fort w\u00e4re. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;H\u00f6ren Sie einmal&#8221;, sagte der Student, &#8220;daran liegt Ihnen nichts?&#8221; Und beide schwiegen ein Weilchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Warum wollen Sie denn bei den Leuten nicht bleiben?&#8221; fragte dann der Student.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Delamarche ist ein schlechter Mensch&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich kenne ihn schon von fr\u00fcher her. Ich marschierte einmal einen Tag lang mit ihm und war froh, als ich nicht mehr bei ihm war. Und jetzt soll ich Diener bei ihm werden?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wenn alle Diener bei der Auswahl ihrer Herrschaften so heikel sein wollten wie Sie! &#8221; sagte der Student und schien zu l\u00e4cheln. &#8220;Sehen Sie, ich bin w\u00e4hrend des Tages Verk\u00e4ufer, niedrigster Verk\u00e4ufer, eher schon Laufbursche im Warenhaus von Montly. Dieser Montly ist zweifellos ein Schurke, aber das l\u00e4\u00dft mich ganz ruhig, w\u00fctend bin ich nur, da\u00df ich so elend bezahlt werde. Nehmen Sie sich also an mir ein Beispiel. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wie?&#8221; sagte Karl, &#8220;Sie sind bei Tag Verk\u00e4ufer und in der Nacht studieren Sie?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja&#8221;, sagte der Student, &#8220;es geht nicht anders. Ich habe schon alles m\u00f6gliche versucht, aber diese Lebensweise ist noch die beste. Vor Jahren war ich nur Student, bei Tag und Nacht wissen Sie, nur bin ich dabei fast verhungert, habe in einer schmutzigen alten H\u00f6hle geschlafen und wagte mich in meinem damaligen Anzug nicht in die H\u00f6rs\u00e4le. Aber das ist vor\u00fcber. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber wann schlafen Sie? &#8221; fragte Karl und sah den Studenten verwundert an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja, schlafen!&#8221; sagte der Student, &#8220;schlafen werde ich, wenn ich mit meinem Studium fertig bin. Vorl\u00e4ufig trinke ich schwarzen Kaffee. &#8221; Und er wandte sich um, zog unter seinem Studiertisch eine gro\u00dfe Flasche hervor, go\u00df aus ihr schwarzen Kaffee in ein T\u00e4\u00dfchen und sch\u00fcttete ihn in sich hinein, so wie man Medizinen eilig schluckt, um m\u00f6glichst wenig von ihrem Geschmack zu sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Eine feine Sache, der schwarze Kaffee&#8221;, sagte der Student, &#8220;schade, da\u00df Sie so weit sind, da\u00df ich Ihnen nicht ein wenig hin\u00fcberreichen kann. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Mir schmeckt schwarzer Kaffee nicht&#8221;, sagte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Mir auch nicht&#8221;, sagte der Student und lachte. &#8220;Aber was wollte ich ohne ihn anfangen. Ohne den schwarzen Kaffee w\u00fcrde mich Montly keinen Augenblick behalten. Ich sage immer Montly, trotzdem der nat\u00fcrlich keine Ahnung hat, da\u00df ich auf der Welt bin. Ganz genau wei\u00df ich nicht, wie ich mich im Gesch\u00e4ft benehmen w\u00fcrde, wenn ich nicht dort im Pult eine gleich gro\u00dfe Flasche wie diese immer vorbereitet h\u00e4tte, denn ich habe noch nie gewagt, mit dem Kaffeetrinken auszusetzen, aber vertrauen Sie nur, ich w\u00fcrde bald hinter dem Pulte liegen und schlafen. Leider ahnt man das, sie nennen mich dort den &gt;schwarzen Kaffee&lt;, was ein bl\u00f6dsinniger Witz ist und mir gewi\u00df in meinem Vorw\u00e4rtskommen schon geschadet hat. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Und wann werden Sie mit Ihrem Studium fertig werden?&#8221; fragte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es geht langsam&#8221;, sagte der Student mit gesenktem Kopf. Er verlie\u00df das Gel\u00e4nder und setzte sich wieder an den Tisch; die Ellbogen auf das offene Buch aufgest\u00fctzt, mit den H\u00e4nden durch seine Haare fahrend sagte er dann: &#8220;Es kann noch ein bis zwei Jahre dauern. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich wollte auch studieren&#8221;, sagte Karl, als gebe ihm dieser Umstand ein Anrecht auf ein noch gr\u00f6\u00dferes Vertrauen, als es der jetzt verstummende Student ihm gegen\u00fcber schon bewiesen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;So&#8221;, sagte der Student und es war nicht ganz klar, ob er in seinem Buche schon wieder las oder nur zerstreut hineinstarrte, &#8220;seien Sie froh, da\u00df Sie das Studium aufgegeben haben. Ich selbst studiere schon seit Jahren eigentlich nur aus Konsequenz. Befriedigung habe ich wenig davon und Zukunftsaussichten noch weniger. Was f\u00fcr Aussichten wollte ich denn haben! Amerika ist voll von Schwindeldoktoren. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich wollte Ingenieur werden&#8221;, sagte Karl noch eilig zu dem scheinbar schon g\u00e4nzlich unaufmerksamen Studenten hin\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Und jetzt sollen Sie Diener bei diesen Leuten werden&#8221;, sagte der Student und sah fl\u00fcchtig auf, &#8220;das schmerzt Sie nat\u00fcrlich. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Schlu\u00dffolgerung des Studenten war allerdings ein Mi\u00dfverst\u00e4ndnis, aber vielleicht konnte es Karl beim Studenten nutzen. Er fragte deshalb: &#8220;K\u00f6nnte ich nicht vielleicht auch eine Stelle im Warenhaus bekommen? &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Frage ri\u00df den Studenten v\u00f6llig von seinem Buche los; der Gedanke, da\u00df er Karl bei seiner Postenbewerbung behilflich sein k\u00f6nnte, kam ihm gar nicht. &#8220;Versuchen Sie es&#8221;, sagte er, &#8220;oder versuchen Sie es lieber nicht. Da\u00df ich meinen Posten bei Montly bekommen habe, ist der bisher gr\u00f6\u00dfte Erfolg meines Lebens gewesen. Wenn ich zwischen dem Studium und meinem Posten zu w\u00e4hlen h\u00e4tte, w\u00fcrde ich nat\u00fcrlich den Posten w\u00e4hlen. Meine Anstrengung geht nur darauf hin, die Notwendigkeit einer solchen Wahl nicht eintreten zu lassen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;So schwer ist es, dort einen Posten zu bekommen&#8221;, sagte Karl mehr f\u00fcr sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ach was denken Sie denn&#8221;, sagte der Student, &#8220;es ist leichter, hier Bezirksrichter zu werden als T\u00fcr\u00f6ffner bei Montly. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl schwieg. Dieser Student, der doch so viel erfahrener war als er, der den Delamarche aus irgendwelchen Karl noch unbekannten Gr\u00fcnden ha\u00dfte, der dagegen Karl gewi\u00df nichts Schlechtes w\u00fcnschte, fand f\u00fcr Karl kein Wort der Aufmunterung, den Delamarche zu verlassen. Und dabei kannte er noch gar nicht die Gefahr, die Karl von der Polizei drohte und vor der er nur bei Delamarche halbwegs gesch\u00fctzt war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie haben doch am Abend die Demonstration unten gesehen? Nicht wahr? Wenn man die Verh\u00e4ltnisse nicht kennen w\u00fcrde, sollte man doch denken, dieser Kandidat, er hei\u00dft Lobter, werde doch irgendwelche Aussichten haben oder er komme doch wenigstens in Betracht, nicht&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich verstehe von Politik nichts&#8221;, sagte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das ist ein Fehler&#8221;, sagte der Student. &#8220;Aber abgesehen davon haben Sie doch Augen und Ohren. Der Mann hat doch zweifellos Freunde und Feinde gehabt, das kann Ihnen doch nicht entgangen sein. Und nun bedenken Sie, der Mann hat meiner Meinung nach nicht die geringsten Aussichten, gew\u00e4hlt zu werden. Ich wei\u00df zuf\u00e4llig alles \u00fcber ihn, es wohnt da bei uns einer, der ihn kennt. Er ist kein unf\u00e4higer Mensch und seinen politischen Ansichten und seiner politischen Vergangenheit nach w\u00e4re gerade er der passende Richter f\u00fcr den Bezirk. Aber kein Mensch denkt daran, da\u00df er gew\u00e4hlt werden k\u00f6nnte, er wird so prachtvoll durchfallen, als man durchfallen kann, er wird f\u00fcr die Wahlkampagne seine paar Dollars hinausgeworfen haben, das wird alles sein. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl und der Student sahen einander ein Weilchen schweigend an. Der Student nickte l\u00e4chelnd und dr\u00fcckte mit einer Hand die m\u00fcden Augen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nun, werden Sie noch nicht schlafen gehen?&#8221; fragte er dann, &#8220;ich mu\u00df ja auch wieder studieren. Sehen Sie, wieviel ich noch durchzuarbeiten habe. &#8221; Und er bl\u00e4tterte ein halbes Buch rasch durch, um Karl einen Begriff von der Arbeit zu geben, die noch auf ihn wartete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Dann also gute Nacht&#8221;, sagte Karl und verbeugte sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Kommen Sie doch einmal zu uns her\u00fcber&#8221;, sagte der Student, der schon wieder an seinem Tisch sa\u00df, &#8220;nat\u00fcrlich nur wenn Sie Lust haben. Sie werden hier immer gro\u00dfe Gesellschaft finden. Von neun bis zehn Uhr abends habe ich auch f\u00fcr Sie Zeit. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie raten mir also, bei Delamarche zu bleiben?&#8221; fragte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Unbedingt&#8221;, sagte der Student und senkte schon den Kopf zu seinen B\u00fcchern. Es schien, als h\u00e4tte gar nicht er das Wort gesagt; wie von einer Stimme gesprochen, die tiefer war als jene des Studenten, klang es noch in Karls Ohren nach. Langsam ging er zum Vorhang, warf noch einen Blick auf den Studenten, der jetzt ganz unbeweglich, von der gro\u00dfen Finsternis umgeben, in seinem Lichtschein sa\u00df, und schl\u00fcpfte ins Zimmer. Die vereinten Atemz\u00fcge der drei Schl\u00e4fer empfingen ihn. Er suchte die Wand entlang das Kanapee, und als er es gefunden hatte, streckte er sich ruhig auf ihm aus, als sei es sein gewohntes Lager. Da ihm der Student, der den Delamarche und die hiesigen Verh\u00e4ltnisse genau kannte und \u00fcberdies ein gebildeter Mann war, geraten hatte, hier zu bleiben, hatte er vorl\u00e4ufig keine Bedenken. So hohe Ziele wie der Student hatte er nicht, wer wei\u00df, ob es ihm sogar zu Hause gelungen w\u00e4re, das Studium zu Ende zu f\u00fchren, und wenn es zu Hause kaum m\u00f6glich schien, so konnte niemand verlangen, da\u00df er es hier im fremden Lande tue. Die Hoffnung aber, einen Posten zu finden, in dem er etwas leisten und f\u00fcr seine Leistungen anerkannt werden k\u00f6nnte, war gewi\u00df gr\u00f6\u00dfer, wenn er vorl\u00e4ufig die Dienerstelle bei Delamarche annahm und aus dieser Sicherheit heraus die g\u00fcnstige Gelegenheit abwartete. Es schienen sich ja in dieser Stra\u00dfe viele B\u00fcros mittleren und unteren Ranges zu befinden, die vielleicht im Falle des Bedarfes bei der Auswahl ihres Personals nicht gar zu w\u00e4hlerisch waren. Er wollte ja gern, wenn es sein mu\u00dfte, Gesch\u00e4ftsdiener werden, aber schlie\u00dflich war es ja gar nicht ausgeschlossen, da\u00df er auch f\u00fcr reine B\u00fcroarbeit aufgenommen werden konnte und einstmals als B\u00fcrobeamter an seinem Schreibtisch sitzen und ohne Sorgen ein Weilchen lang aus dem offenen Fenster schauen w\u00fcrde wie jener Beamte, den er heute fr\u00fch beim Durchmarsch durch die H\u00f6fe gesehen hatte. Beruhigend fiel ihm ein, als er die Augen schlo\u00df, da\u00df er doch jung war und da\u00df Delamarche ihn doch einmal freigeben w\u00fcrde; dieser Haushalt sah ja wirklich nicht danach aus, als sei er f\u00fcr die Ewigkeit gemacht. Wenn aber Karl einmal einen solchen Posten in einem B\u00fcro h\u00e4tte, dann wollte er sich mit nichts anderem besch\u00e4ftigen als mit seinen B\u00fcroarbeiten und nicht die Kr\u00e4fte zersplittern wie der Student. Wenn es n\u00f6tig sein sollte, wollte er auch die Nacht f\u00fcrs B\u00fcro verwenden, was man ja im Beginn bei seiner geringen kaufm\u00e4nnischen Vorbildung sowieso von ihm verlangen w\u00fcrde. Er wollte nur an das Interesse des Gesch\u00e4ftes denken, dem er zu dienen h\u00e4tte, und allen Arbeiten sich unterziehen, selbst solchen, die andere B\u00fcrobeamte als ihrer nicht w\u00fcrdig zur\u00fcckweisen w\u00fcrden. Die guten Vors\u00e4tze dr\u00e4ngten sich in seinem Kopf, als stehe sein k\u00fcnftiger Chef vor dem Kanapee und lese sie von seinem Gesicht ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In solchen Gedanken schlief Karl ein und nur im ersten Halbschlaf st\u00f6rte ihn noch ein gewaltiges Seufzen Bruneldas, die scheinbar von schweren Tr\u00e4umen geplagt sich auf ihrem Lager w\u00e4lzte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es mu\u00dfte wohl eine entlegene Vorstadtstra\u00dfe sein, in der das Automobil haltmachte, denn ringsum herrschte Stille, am Trottoirrand hockten Kinder und spielten, ein Mann mit einer Menge alter Kleider \u00fcber den Schultern rief beobachtend zu den Fenstern der H\u00e4user empor, in seiner M\u00fcdigkeit f\u00fchlte sich Karl unbehaglich als er aus dem Automobil auf den Asphalt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":248,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"pagelayer_contact_templates":[],"_pagelayer_content":"","footnotes":""},"class_list":["post-255","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/255","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=255"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/255\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":275,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/255\/revisions\/275"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/248"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=255"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}