{"id":256,"date":"2026-06-23T22:40:05","date_gmt":"2026-06-23T22:40:05","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?page_id=256"},"modified":"2026-06-23T22:49:01","modified_gmt":"2026-06-23T22:49:01","slug":"auf-auf-rief-robinson","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/der-verschollene\/auf-auf-rief-robinson\/","title":{"rendered":"VIII &#8211; \u00abAuf! Auf! rief Robinson&#8230;\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Auf! Auf! &#8221; rief Robinson, kaum da\u00df Karl fr\u00fch die Augen \u00f6ffnete. Der T\u00fcrvorhang war noch nicht weggezogen, aber man merkte an dem durch die L\u00fccken einfallenden gleichm\u00e4\u00dfigen Sonnenlicht, wie sp\u00e4t am Vormittag es schon war. Robinson lief eilfertig mit besorgten Blicken hin und her, bald trug er ein Handtuch, bald einen Wasserk\u00fcbel, bald W\u00e4sche-und Kleidungsst\u00fccke und immer wenn er an Karl vor\u00fcberkam, suchte er ihn durch Kopfnicken zum Aufstehn aufzumuntern und zeigte durch Hochheben dessen was er gerade in der Hand hielt, wie er sich heute noch zum letzten mal f\u00fcr Karl plage, der nat\u00fcrlich am ersten Morgen von den Einzelheiten des Dienstes nichts verstehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber bald sah Karl, wen Robinson eigentlich bediente. In einem durch zwei K\u00e4sten vom \u00fcbrigen Zimmer abgetrennten Raum, den Karl bisher noch nicht gesehen hatte, fand eine gro\u00dfe Waschung statt. Man sah den Kopf Bruneldas, den freien Hals \u2013 das Haar war gerade ins Gesicht geschlagen \u2013 und den Ansatz ihres Nackens \u00fcber den Kasten ragen und die hie und da gehobene Hand des Delamarche hielt einen weit herumspritzenden Badeschwamm, mit dem Brunelda gewaschen und gerieben wurde. Man h\u00f6rte die kurzen Befehle des Delamarche die er dem Robinson erteilte, der nicht durch den jetzt verstellten eigentlichen Zugang des Raumes die Dinge reichte, sondern auf eine kleine L\u00fccke zwischen einem Kasten und einer spanischen Wand angewiesen war, wobei er \u00fcberdies bei jeder Handreichung den Arm weit ausstrecken und das Gesicht abgewendet halten mu\u00dfte. &#8220;Das Handtuch! Das Handtuch&#8221;, rief Delamarche. Und kaum erschrak Robinson, der gerade unter dem Tisch etwas anderes suchte, \u00fcber diesen Auftrag und zog den Kopf unter dem Tisch hervor, hie\u00df es schon: &#8220;Wo bleibt das Wasser, zum Teufel&#8221;, und \u00fcber dem Kasten erschien hochgereckt das w\u00fctende Gesicht des Delamarche. Alles was man sonst nach Karls Meinung zum Waschen und Anziehn nur einmal brauchte, wurde hier in jeder m\u00f6glichen Reihenfolge viele Male verlangt und gebracht. Auf einem kleinen elektrischen Ofen stand immer ein K\u00fcbel mit Wasser zum W\u00e4rmen und immer wieder trug Robinson die schwere Last zwischen den weit auseinandergestellten Beinen zum Waschraum hin. Bei der F\u00fclle seiner Arbeit war es zu verstehn, wenn er sich nicht immer genau an die Befehle hielt und einmal, als wieder ein Handtuch verlangt wurde einfach ein Hemd von der gro\u00dfen Schlafst\u00e4tte in der Zimmermitte nahm und in einem gro\u00dfen Kn\u00e4uel \u00fcber die K\u00e4sten hin\u00fcberwarf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch Delamarche hatte schwere Arbeit und war vielleicht nur deshalb gegen Robinson so gereizt \u2013 in seiner Gereiztheit \u00fcbersah er Karl glattwegs \u2013 weil er selbst Brunelda nicht zufrieden stellen konnte. &#8220;Ach&#8221;, schrie sie auf und selbst der sonst unbeteiligte Karl zuckte zusammen, &#8220;wie Du mir weh tust! Geh weg! Ich wasch mich lieber selbst, statt so zu leiden! Jetzt kann ich schon wieder den Arm nicht heben. Mir ist ganz \u00fcbel wie Du mich dr\u00fcckst. Auf dem R\u00fccken mu\u00df ich lauter blaue Flecke haben. Nat\u00fcrlich, Du wirst es mir nicht sagen. Warte, ich werde mich von Robinson anschauen lassen oder von unserem Kleinen. Nein, ich tu es ja nicht, aber sei nur ein wenig zarter. Nimm R\u00fccksicht, Delamarche, aber das kann ich jeden Morgen wiederholen, Du nimmst und nimmst keine R\u00fccksicht. Robinson&#8221;, rief sie dann pl\u00f6tzlich und schwenkte ein Spitzenh\u00f6schen \u00fcber ihrem Kopf, &#8220;komm mir zur Hilfe, schau wie ich leide, diese Tortur nennt er Waschen, dieser Delamarche. Robinson, Robinson, wo bleibst Du, hast auch Du kein Herz?&#8221; Karl machte schweigend dem Robinson ein Zeichen mit dem Finger, da\u00df er doch hingehen m\u00f6ge, aber Robinson sch\u00fcttelte mit gesenkten Augen \u00fcberlegen den Kopf, er wu\u00dfte es besser. &#8220;Was f\u00e4llt Dir ein?&#8221; sagte Robinson zu Karls Ohr gebeugt, &#8220;das ist nicht so gemeint. Nur einmal bin ich hingegangen und nicht wieder. Sie haben mich damals beide gepackt und in die Wanne getaucht, da\u00df ich fast ertrunken w\u00e4re. Und tagelang hat mir die Brunelda vorgeworfen, da\u00df ich schamlos bin und immer wieder hat sie gesagt: &gt;Jetzt warst Du aber schon lange nicht im Bad bei mir&lt; oder &gt;wann wirst Du mich denn wieder im Bade anschauen kommen?&lt; Erst bis ich ihr einigemal auf den Knien abgebeten habe, hat sie aufgeh\u00f6rt. Das werde ich nicht vergessen. &#8221; Und w\u00e4hrend Robinson das erz\u00e4hlte, rief Brunelda immer wieder: &#8220;Robinson! Robinson! Wo bleibt denn dieser Robinson! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotzdem aber niemand ihr zur Hilfe kam und nicht einmal eine Antwort erfolgte \u2013 Robinson hatte sich zu Karl gesetzt und beide sahen schweigend zu den K\u00e4sten hin, \u00fcber denen hie und da die K\u00f6pfe Bruneldas oder Delamarches erschienen \u2013 trotzdem h\u00f6rte Brunelda nicht auf laut \u00fcber Delamarche Klage zu f\u00fchren. &#8220;Aber Delamarche&#8221;, rief sie, &#8220;jetzt sp\u00fcre ich ja wieder gar nicht, da\u00df Du mich w\u00e4schst. Wo hast Du den Schwamm Also greif doch zu! Wenn ich mich nur b\u00fccken, wenn ich mich nur bewegen k\u00f6nnte! Ich wollte Dir schon zeigen, wie man w\u00e4scht. Wo sind die M\u00e4dchenzeiten, als ich dort dr\u00fcben auf dem Gut der Eltern jeden Morgen im Kolorado schwamm, die beweglichste von allen meinen Freundinnen. Und jetzt! Wann wirst Du denn lernen mich zu waschen, Delamarche, Du schwenkst den Schwamm herum, strengst Dich an und ich sp\u00fcr nichts. Wenn ich sagte, da\u00df Du mich nicht wund dr\u00fccken sollst, so meinte ich doch nicht, da\u00df ich da stehen und mich erk\u00e4lten will. Da\u00df ich aus der Wanne spring und weglaufe so wie ich bin. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber dann f\u00fchrte sie diese Drohung nicht aus \u2013 was sie ja auch an und f\u00fcr sich gar nicht imstande gewesen w\u00e4re \u2013 Delamarche schien sie aus Furcht sie k\u00f6nnte sich erk\u00e4lten, erfa\u00dft und in die Wanne gedr\u00fcckt zu haben, denn m\u00e4chtig klatschte es ins Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das kannst Du Delamarche&#8221;, sagte Brunelda ein wenig leiser, &#8220;schmeicheln und immer wieder schmeicheln wenn Du etwas schlecht gemacht hast. &#8221; Dann war es ein Weilchen still. &#8220;Jetzt k\u00fc\u00dft er sie&#8221;, sagte Robinson und hob die Augenbrauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Was kommt jetzt f\u00fcr eine Arbeit?&#8221; fragte Karl. Da er sich nun einmal entschlossen hatte, hier zu bleiben, wollte er auch gleich seinen Dienst versehn. Er lie\u00df Robinson, der nicht antwortete allein auf dem Kanapee und begann das gro\u00dfe von der Last der Schl\u00e4fer w\u00e4hrend der langen Nacht noch immer zusammengepre\u00dfte Lager auseinanderzuwerfen, um dann jedes einzelne St\u00fcck dieser Masse ordentlich zusammenzulegen, was wohl schon seit Wochen nicht geschehen war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Schau nach, Delamarche&#8221;, sagte da Brunelda, &#8220;ich glaube, sie zerwerfen unser Bett. An alles mu\u00df man denken, niemals hat man Ruhe. Du mu\u00dft gegen die zwei strenger sein, sie machen sonst, was sie wollen. &#8221; &#8220;Das ist gewi\u00df der Kleine mit seinem verdammten Diensteifer&#8221;, rief Delamarche und wollte wahrscheinlich aus dem Waschraum hervorst\u00fcrzen, Karl warf schon alles aus der Hand, aber gl\u00fccklicherweise sagte Brunelda: &#8220;Nicht weggehn Delamarche, nicht weggehn. Ach, wie ist das Wasser hei\u00df, man wird so m\u00fcde. Bleib bei mir Delamarche.&#8221; Erst jetzt merkte Karl eigentlich, wie der Wasserdampf hinter den K\u00e4sten unaufh\u00f6rlich emporstieg. Robinson legte erschrocken die Hand an die Wange, als habe Karl etwas Schlimmes angerichtet. &#8220;Alles in dem gleichen Zustand lassen, in dem es war&#8221;, erklang die Stimme des Delamarche, &#8220;wi\u00dft Ihr denn nicht, da\u00df Brunelda nach dem Bade immer noch eine Stunde ruht? Elende Mi\u00dfwirtschaft! Wartet bis ich \u00fcber Euch komme. Robinson, Du tr\u00e4umst wahrscheinlich schon wieder. Dich, Dich allein mache ich f\u00fcr alles verantwortlich was geschieht. Du hast den Jungen im Zaum zu halten, hier wird nicht nach seinem Kopf gewirtschaftet. Wenn man etwas will kann man nichts von Euch bekommen, wenn nichts zu tun ist, seid Ihr flei\u00dfig. Verkriecht Euch irgendwohin und wartet, bis man Euch braucht. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber gleich war alles vergessen, denn Brunelda fl\u00fcsterte ganz m\u00fcde, als werde sie von dem hei\u00dfen Wasser \u00fcberflutet: &#8220;Das Parf\u00fcm! Bringt das Parf\u00fcm! &#8221; &#8220;Das Parf\u00fcm! &#8221; schrie Delamarche. &#8220;R\u00fchrt Euch. &#8220;Ja aber wo war das Parfum? Karl sah Robinson an, Robinson sah Karl an. Karl merkte, da\u00df er hier alles allein in die Hand nehmen m\u00fcsse, Robinson hatte keine Ahnung wo das Parf\u00fcm war, er legte sich einfach auf den Boden, fuhr immerfort mit beiden Armen unter dem Kanapee herum, bef\u00f6rderte aber nichts anderes als Kn\u00e4uel von Staub und Frauenhaaren heraus. Karl eilte zuerst zum Waschtisch, der gleich bei der T\u00fcre stand, aber in seinen Schubladen fanden sich nur alte englische Romane, Zeitschriften und Noten vor und alles war so \u00fcberf\u00fcllt, da\u00df man die Schubladen nicht schlie\u00dfen konnte, wenn man sie einmal aufgemacht hatte. &#8220;Das Parf\u00fcm&#8221;, seufzte unterdessen Brunelda. &#8220;Wie lange das dauert! Ob ich heute noch mein Parfum bekomme! &#8221; Bei dieser Ungeduld Bruneldas durfte nat\u00fcrlich Karl nirgends gr\u00fcndlich suchen, er mu\u00dfte sich auf den oberfl\u00e4chlichen ersten Eindruck verlassen. Im Waschkasten war die Flasche nicht, auf dem Waschkasten standen \u00fcberhaupt nur alte Fl\u00e4schchen mit Medizinen und Salben, alles andere war jedenfalls schon in den Waschraum getragen worden. Vielleicht war die Flasche in der Schublade des E\u00dftisches. Auf dem Weg zum E\u00dftisch aber \u2013 Karl dachte nur an das Parf\u00fcm, sonst an nichts \u2013 stie\u00df er heftig mit Robinson zusammen, der das Suchen unter dem Kanapee endlich aufgegeben hatte und in einer aufd\u00e4mmernden Ahnung vom Standort des Parf\u00fcms wie blind Karl entgegenlief. Man h\u00f6rte deutlich das Zusammenschlagen der K\u00f6pfe, Karl blieb stumm, Robinson hielt zwar im Lauf nicht ein, schrie aber um sich den Schmerz zu erleichtern, andauernd und \u00fcbertrieben laut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Statt das Parfum zu suchen, k\u00e4mpfen sie&#8221;, sagte Brunelda. &#8220;Ich werde krank von dieser Wirtschaft, Delamarche, und werde ganz gewi\u00df in Deinen Armen sterben. Ich mu\u00df das Parf\u00fcm haben&#8221;, rief sie dann sich aufraffend, &#8220;ich mu\u00df es unbedingt haben. Ich gehe nicht fr\u00fcher aus der Wanne ehe man es mir bringt und m\u00fc\u00dfte ich hier bis Abend bleiben.&#8221; Und sie schlug mit der Faust ins Wasser, man h\u00f6rte es aufspritzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch in der Schublade des E\u00dftisches war das Parf\u00fcm nicht, zwar waren dort ausschlie\u00dflich Toilettengegenst\u00e4nde Bruneldas wie alte Puderquasten, Schminkt\u00f6pfchen, Haarb\u00fcrsten, L\u00f6ckchen und viele verfitzte und zusammengeklebte Kleinigkeiten, aber das Parfum war dort nicht. Und auch Robinson, der noch immer schreiend in einer Ecke von etwa hundert dort aufgeh\u00e4uften Schachteln und Kassetten, eine nach der andern \u00f6ffnete und durchkramte, wobei immer die H\u00e4lfte des Inhalts, meist N\u00e4hzeug und Briefschaften, auf den Boden fiel und dort liegen blieb, konnte nichts finden, wie er zeitweise Karl durch Kopfsch\u00fctteln und Achselzucken anzeigte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da sprang Delamarche in Unterkleidung aus dem Waschraum hervor, w\u00e4hrend man Brunelda krampfhaft weinen h\u00f6rte. Karl und Robinson lie\u00dfen vom Suchen ab und sahen den Delamarche an, der ganz und gar durchn\u00e4\u00dft, auch vom Gesicht und von den Haaren rann ihm das Wasser, ausrief: &#8220;Jetzt also fangt gef\u00e4lligst zu suchen an. &#8221; &#8220;Hier! &#8221; befahl er zuerst Karl zu suchen und dann &#8220;dort! &#8221; dem Robinson. Karl suchte wirklich und \u00fcberpr\u00fcfte auch noch die Pl\u00e4tze, zu denen Robinson schon kommandiert worden war, aber er fand ebensowenig das Parfum, wie Robinson, der eifriger, als er suchte, seitlich nach Delamarche ausschaute, der soweit der Raum reichte stampfend im Zimmer auf- und abgieng und gewi\u00df am liebsten sowohl Karl wie Robinson durchgepr\u00fcgelt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Delamarche&#8221;, rief Brunelda, &#8220;komm mich doch wenigstens abtrocknen. Die zwei finden ja das Parfum doch nicht und bringen nur alles in Unordnung. Sie sollen sofort mit dem Suchen aufh\u00f6ren. Aber gleich! Und alles aus der Hand legen! Und nichts mehr anr\u00fchren! Sie m\u00f6chten wohl aus der Wohnung einen Stall machen. Nimm sie beim Kragen Delamarche, wenn sie nicht aufh\u00f6ren! Aber sie arbeiten ja noch immer, gerade ist eine Schachtel gefallen. Sie sollen sie nicht mehr aufheben, alles liegen lassen und aus dem Zimmer heraus! Riegel hinter ihnen die T\u00fcr zu und komm zu mir. Ich liege ja schon viel zu lange im Wasser, die Beine habe ich schon ganz kalt. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Gleich Brunelda gleich&#8221;, rief Delamarche und eilte mit Karl und Robinson zur T\u00fcr. Ehe er sie aber entlie\u00df, gab er ihnen den Auftrag das Fr\u00fchst\u00fcck zu holen und wom\u00f6glich von jemandem ein gutes Parf\u00fcm f\u00fcr Brunelda auszuborgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das ist eine Unordnung und ein Schmutz bei Euch&#8221;, sagte Karl drau\u00dfen auf dem Gang, &#8220;gleich wie wir mit dem Fr\u00fchst\u00fcck zur\u00fcckkommen, m\u00fcssen wir zu ordnen anfangen.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wenn ich nur nicht so leidend w\u00e4re&#8221;, sagte Robinson. &#8220;Und diese Behandlung! &#8221; Gewi\u00df kr\u00e4nkte sich Robinson dar\u00fcber, da\u00df Brunelda zwischen ihm, der sie doch schon monatelang bediente und Karl, der erst gestern eingetreten war, nicht den geringsten Unterschied machte. Aber er verdiente es nicht besser und Karl sagte: &#8220;Du mu\u00dft Dich ein wenig zusammennehmen. &#8221; Um ihn aber nicht g\u00e4nzlich seiner Verzweiflung zu \u00fcberlassen, f\u00fcgte er hinzu: &#8220;Es wird ja nur eine einmalige Arbeit sein. Ich werde Dir hinter den K\u00e4sten ein Lager machen, und wenn nur einmal alles ein wenig geordnet ist, wirst Du dort den ganzen Tag liegen k\u00f6nnen, Dich um gar nichts k\u00fcmmern m\u00fcssen und sehr bald gesund werden. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Jetzt siehst Du es also selbst ein wie es mit mir steht&#8221;, sagte Robinson und wandte das Gesicht von Karl ab, um mit sich und seinem Leid allein zu sein. &#8220;Aber werden sie mich denn jemals ruhig liegen lassen? &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wenn Du willst, werde ich dar\u00fcber selbst mit Delamarche und Brunelda reden. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nimmt denn Brunelda irgend eine R\u00fccksicht?&#8221; rief Robinson aus und stie\u00df, ohne da\u00df er Karl darauf vorbereitet h\u00e4tte, mit der Faust eine T\u00fcr auf, zu der sie eben gekommen waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie traten in eine K\u00fcche ein, von deren Herd, der reparaturbed\u00fcrftig schien, geradezu schwarze W\u00f6lkchen aufstiegen. Vor der Herdt\u00fcre kniete eine der Frauen, die Karl gestern auf dem Korridor gesehen hatte und legte mit den blo\u00dfen H\u00e4nden gro\u00dfe Kohlenst\u00fccke in das Feuer, das sie nach allen Richtungen hin pr\u00fcfte. Dabei seufzte sie in ihrer f\u00fcr eine alte Frau unbequemen knieenden Stellung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nat\u00fcrlich, da kommt auch noch diese Plage&#8221;, sagte sie beim Anblick Robinsons, erhob sich m\u00fchselig, die Hand auf der Kohlenkiste, und schlo\u00df die Herdt\u00fcre, deren Griff sie mit ihrer Sch\u00fcrze umwickelt hatte. &#8220;Jetzt um vier Uhr nachmittags&#8221; \u2013 Karl staunte die K\u00fcchenuhr an \u2013 &#8220;m\u00fc\u00dft ihr noch fr\u00fchst\u00fccken? Bande! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Setzt Euch&#8221;, sagte sie dann, &#8220;und wartet bis ich f\u00fcr Euch Zeit habe. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Robinson zog Karl auf ein B\u00e4nkchen in der N\u00e4he der T\u00fcre nieder und fl\u00fcsterte ihm zu: &#8220;Wir m\u00fcssen ihr folgen. Wir sind n\u00e4mlich von ihr abh\u00e4ngig. Wir haben unser Zimmer von ihr gemietet und sie kann uns nat\u00fcrlich jeden Augenblick k\u00fcndigen. Aber wir k\u00f6nnen doch nicht die Wohnung wechseln, wie sollen wir denn wieder alle die Sachen wegschaffen und vor allem ist doch Brunelda nicht transportabel. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Und hier auf dem Gang ist kein anderes Zimmer zu bekommen?&#8221; fragte Karl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es nimmt uns ja niemand auf&#8221;, antwortete Robinson, &#8220;im ganzen Haus nimmt uns niemand auf. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So sa\u00dfen sie still auf ihrem B\u00e4nkchen und warteten. Die Frau lief immerfort zwischen zwei Tischen, einem Waschbottich und dem Herd hin und her. Aus ihren Ausrufen erfuhr man, da\u00df ihre Tochter unwohl war und sie deshalb alle Arbeit, n\u00e4mlich die Bedienung und Verpflegung von drei\u00dfig Mietern allein besorgen mu\u00dfte. Nun war noch \u00fcberdies der Ofen schadhaft, das Essen wollte nicht fertig werden, in zwei riesigen T\u00f6pfen wurde eine dicke Suppe gekocht und wie oft die Frau auch sie mit Sch\u00f6pfl\u00f6ffeln untersuchte und aus der H\u00f6he herabflie\u00dfen lie\u00df, die Suppe wollte nicht gelingen, es mu\u00dfte wohl das schlechte Feuer daran schuld sein und so setzte sie sich vor der Herdt\u00fcre fast auf den Boden und arbeitete mit dem Sch\u00fcrhaken in der gl\u00fchenden Kohle herum. Der Rauch von dem die K\u00fcche erf\u00fcllt war, reizte sie zum Husten der sich manchmal so verst\u00e4rkte, da\u00df sie nach einem Stuhl griff und minutenlang nichts anderes tat als hustete. \u00d6fters machte sie die Bemerkung, da\u00df sie das Fr\u00fchst\u00fcck heute \u00fcberhaupt nicht mehr liefern werde, weil sie dazu weder Zeit noch Lust habe. Da Karl und Robinson einerseits den Befehl hatten, das Fr\u00fchst\u00fcck zu holen, andererseits aber keine M\u00f6glichkeit es zu erzwingen, antworteten sie auf solche Bemerkungen nicht, sondern blieben still sitzen wie zuvor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ringsherum auf Sesseln und Fu\u00dfb\u00e4nkchen, auf und unter den Tischen, ja selbst auf der Erde in einen Winkel zusammengedr\u00e4ngt stand noch das ungewaschene Fr\u00fchst\u00fccksgeschirr der Mieter. Da waren K\u00e4nnchen in denen sich noch ein wenig Kaffee oder Milch vorfinden w\u00fcrde, auf manchen Tellerchen gab es noch \u00dcberbleibsel von Butter, aus einer umgefallenen gro\u00dfen Blechb\u00fcchse war Cakes weit herausgerollt. Es war schon m\u00f6glich aus dem allen ein Fr\u00fchst\u00fcck zusammenzustellen, an dem Brunelda, wenn sie seinen Ursprung nicht erfuhr, nicht das geringste h\u00e4tte aussetzen k\u00f6nnen. Als Karl das bedachte und ein Blick auf die Uhr ihm zeigte, da\u00df sie nun schon eine halbe Stunde hier warteten und Brunelda vielleicht w\u00fctete und Delamarche gegen die Dienerschaft aufhetzte, rief gerade die Frau aus einem Husten heraus \u2013 w\u00e4hrend dessen sie Karl anstarrte \u2013: &#8220;Ihr k\u00f6nnt hier schon sitzen, aber das Fr\u00fchst\u00fcck bekommt ihr nicht. Dagegen bekommt ihr in zwei Stunden das Nachtmahl. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Komm Robinson&#8221;, sagte Karl, &#8220;wir werden uns das Fr\u00fchst\u00fcck selbst zusammenstellen. &#8221; &#8220;Wie? &#8221; rief die Frau mit geneigtem Kopf. &#8220;Seien Sie doch bitte vern\u00fcnftig&#8221;, sagte Karl, &#8220;warum wollen Sie uns denn das Fr\u00fchst\u00fcck nicht geben? Nun warten wir schon eine halbe Stunde, das ist lang genug. Man bezahlt Ihnen doch alles und gewi\u00df zahlen wir bessere Preise als alle andern. Da\u00df wir so sp\u00e4t fr\u00fchst\u00fccken ist gewi\u00df f\u00fcr Sie l\u00e4stig, aber wir sind Ihre Mieter, haben die Gewohnheit sp\u00e4t zu fr\u00fchst\u00fccken und Sie m\u00fcssen sich eben auch ein wenig f\u00fcr uns einrichten. Heute wird es Ihnen nat\u00fcrlich wegen der Krankheit Ihres Fr\u00e4ulein Tochter besonders schwer, aber daf\u00fcr sind wir wieder bereit uns das Fr\u00fchst\u00fcck hier aus den \u00dcberbleibseln zusammenzustellen, wenn es nicht anders geht und Sie uns kein frisches Essen geben. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber die Frau wollte sich mit niemanden in eine freundschaftliche Aussprache einlassen, f\u00fcr diese Mieter schienen ihr auch noch die \u00dcberbleibsel des allgemeinen Fr\u00fchst\u00fccks zu gut; aber andererseits hatte sie die Zudringlichkeit der zwei Diener schon satt, packte deshalb eine Tasse und stie\u00df sie Robinson gegen den Leib, der erst nach einem Weilchen mit wehleidigem Gesicht begriff, da\u00df er die Tasse halten sollte, um das Essen, das die Frau aussuchen wollte in Empfang zu nehmen. Sie belud nun die Tasse in gr\u00f6\u00dfter Eile zwar mit einer Menge von Dingen, aber das Ganze sah eher wie ein Haufen schmutzigen Geschirrs, nicht wie ein eben zu servierendes Fr\u00fchst\u00fcck aus. Noch w\u00e4hrend die Frau sie hinausdr\u00e4ngte und sie geb\u00fcckt als f\u00fcrchteten sie Schimpfw\u00f6rter oder St\u00f6\u00dfe zur T\u00fcre eilten, nahm Karl die Tasse Robinson aus den H\u00e4nden, denn bei Robinson schien sie ihm nicht genug sicher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Gang setzte sich Karl, nachdem sie weit genug von der T\u00fcr der Vermieterin waren, mit der Tasse auf den Boden, um vor allem die Tasse zu reinigen, die zusammengeh\u00f6rigen Dinge zu sammeln, also die Milch zusammenzugie\u00dfen, die verschiedenen Butter\u00fcberbleibsel auf einen Teller zu kratzen, dann alle Anzeichen des Gebrauches zu beseitigen, also die Messer und L\u00f6ffel zu reinigen, die angebissenen Br\u00f6tchen geradezuschneiden und so dem ganzen ein besseres Ansehen zu geben. Robinson hielt diese Arbeit f\u00fcr unn\u00f6tig und behauptete, das Fr\u00fchst\u00fcck h\u00e4tte schon oft noch viel \u00e4rger ausgesehn, aber Karl lie\u00df sich durch ihn nicht abhalten und war noch froh, da\u00df sich Robinson mit seinen schmutzigen Fingern an der Arbeit nicht beteiligen wollte. Um ihn in Ruhe zu halten, hatte ihm Karl gleich, allerdings ein f\u00fcr alle mal, wie er ihm dabei sagte, einige Cakes und den dicken Bodensatz eines fr\u00fcher mit Chokolade gef\u00fcllten T\u00f6pfchens zugewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als sie vor ihre Wohnung kamen und Robinson ohne weiters die Hand an die Klinke legte, hielt ihn Karl zur\u00fcck, da es doch nicht sicher war, ob sie eintreten durften. &#8220;Aber ja&#8221;, sagte Robinson, &#8220;jetzt frisiert er sie ja nur. &#8221; Und tats\u00e4chlich sa\u00df in dem noch immer ungel\u00fcfteten und verh\u00e4ngten Zimmer Brunelda mit weit auseinandergestellten Beinen im Lehnstuhl und Delamarche, der hinter ihr stand, k\u00e4mmte mit tief herabgebeugtem Gesicht ihr kurzes wahrscheinlich sehr verfitztes Haar. Brunelda trug wieder ein ganz loses Kleid, diesmal aber von bla\u00dfrosa Farbe, es war vielleicht ein wenig k\u00fcrzer als das gestrige, wenigstens sah man die wei\u00dfen grob gestrickten Str\u00fcmpfe fast bis zum Knie. Ungeduldig \u00fcber die lange Dauer des K\u00e4mmens, fuhr Brunelda mit der dicken roten Zunge zwischen den Lippen hin und her, manchmal ri\u00df sie sich sogar mit dem Ausruf &#8220;Aber Delamarche! &#8221; g\u00e4nzlich von Delamarche los, der mit erhobenem Kamm ruhig wartete, bis sie den Kopf wieder zur\u00fccklegte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es hat lange gedauert&#8221;, sagte Brunelda im allgemeinen und zu Karl insbesondere sagte sie: &#8220;Du mu\u00dft ein wenig flinker sein, wenn Du willst, da\u00df man mit Dir zufrieden ist. An dem faulen und gefr\u00e4\u00dfigen Robinson darfst Du Dir kein Beispiel nehmen. Ihr habt wohl schon inzwischen irgendwo gefr\u00fchst\u00fcckt, ich sage Euch, n\u00e4chstens dulde ich das nicht.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war sehr ungerecht und Robinson sch\u00fcttelte auch den Kopf und bewegte, allerdings lautlos, die Lippen, Karl jedoch sah ein, da\u00df man auf die Herrschaft nur dadurch einwirken k\u00f6nne, da\u00df man ihr zweifellose Arbeit zeige. Er zog daher ein niedriges japanisches Tischchen aus einem Winkel, \u00fcberdeckte es mit einem Tuch und stellte die mitgebrachten Sachen auf. Wer den Ursprung des Fr\u00fchst\u00fccks gesehen hatte, konnte mit dem Ganzen zufrieden sein, sonst aber war, wie sich Karl sagen mu\u00dfte, manches daran auszusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gl\u00fccklicherweise hatte Brunelda Hunger. Wohlgef\u00e4llig nickte sie Karl zu, w\u00e4hrend er alles vorbereitete und \u00f6fters hinderte sie ihn, indem sie vorzeitig mit ihrer weichen fetten wom\u00f6glich gleich alles zerdr\u00fcckenden Hand irgendeinen Bissen f\u00fcr sich hervorholte. &#8220;Er hat es gut gemacht&#8221;, sagte sie schmatzend und zog Delamarche, der den Kamm in ihrem Haar f\u00fcr die sp\u00e4tere Arbeit stecken lie\u00df, neben sich auf einen Sessel nieder. Auch Delamarche wurde im Anblick des Essens freundlich, beide waren sehr hungrig, ihre H\u00e4nde eilten kreuz und quer \u00fcber das Tischchen. Karl erkannte, da\u00df man hier um zu befriedigen nur immer m\u00f6glichst viel bringen mu\u00dfte und in Erinnerung daran, da\u00df er in der K\u00fcche noch verschiedene brauchbare E\u00dfware auf dem Boden liegen gelassen hatte, sagte er: &#8220;Zum erstenmal habe ich nicht gewu\u00dft, wie alles eingerichtet werden soll, n\u00e4chstes Mal werde ich es besser machen. &#8221; Aber noch w\u00e4hrend des Redens erinnerte er sich, zu wem er sprach, er war zusehr von der Sache selbst befangen gewesen. Brunelda nickte Delamarche befriedigt zu und reichte Karl zum Lohn eine Handvoll Keks.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Auf! Auf! &#8221; rief Robinson, kaum da\u00df Karl fr\u00fch die Augen \u00f6ffnete. Der T\u00fcrvorhang war noch nicht weggezogen, aber man merkte an dem durch die L\u00fccken einfallenden gleichm\u00e4\u00dfigen Sonnenlicht, wie sp\u00e4t am Vormittag es schon war. 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