{"id":257,"date":"2026-06-23T22:41:32","date_gmt":"2026-06-23T22:41:32","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?page_id=257"},"modified":"2026-06-23T22:50:37","modified_gmt":"2026-06-23T22:50:37","slug":"ausreise-bruneldas","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/der-verschollene\/ausreise-bruneldas\/","title":{"rendered":"IX &#8211; Ausreise Bruneldas"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eines Morgens schob Karl den Krankenwagen, in dem Brunelda sa\u00df, aus dem Haustor. Es war nicht mehr so fr\u00fch, wie er gehofft hatte. Sie waren \u00fcbereingekommen, die Auswanderung noch in der Nacht zu bewerkstelligen, um in den Gassen kein Aufsehen zu erregen, das bei Tag unvermeidlich gewesen w\u00e4re, so bescheiden auch Brunelda mit einem gro\u00dfen grauen Tuch sich bedecken wollte. Aber der Transport \u00fcber die Treppe hatte zu lange gedauert, trotz der bereitwilligsten Mithilfe des Studenten, der viel schw\u00e4cher als Karl war, wie sich bei dieser Gelegenheit herausstellte. Brunelda hielt sich sehr tapfer, seufzte kaum und suchte ihren Tr\u00e4gern die Arbeit auf alle Weise zu erleichtern. Aber es gieng doch nicht anders, als da\u00df man sie auf jeder f\u00fcnften Treppenstufe niedersetzte, um sich selbst und ihr die Zeit zum notwendigsten Ausruhen zu g\u00f6nnen. Es war ein k\u00fchler Morgen, auf den G\u00e4ngen wehte kalte Luft wie in Kellern, aber Karl und der Student waren ganz in Schwei\u00df und mu\u00dften w\u00e4hrend der Ruhepausen jeder ein Zipfel von Bruneldas Tuch, das sie ihnen \u00fcbri-gens freundlich reichte, nehmen, um das Gesicht zu trocknen. So kam es, da\u00df sie erst nach zwei Stunden unten anlangten, wo schon vom Abend her das W\u00e4gelchen stand. Das Hineinheben Bruneldas gab noch eine gewisse Arbeit, dann aber durfte man das Ganze f\u00fcr gelungen ansehn, denn das Schieben des Wagens mu\u00dfte dank den hohen R\u00e4dern nicht schwer sein und es blieb nur die Bef\u00fcrchtung, da\u00df der Wagen unter Brunelda aus den Fugen gehen w\u00fcrde. Diese Gefahr mu\u00dfte man allerdings auf sich nehmen, man konnte nicht einen Ersatzwagen mitf\u00fchren, zu dessen Bereitstellung und F\u00fchrung der Student halb im Scherz sich angeboten hatte. Es erfolgte nun die Verabschiedung vom Studenten, die sogar sehr herzlich war. Alle Nicht\u00fcbereinstimmung zwischen Brunelda und dem Studenten schien vergessen, er entschuldigte sich sogar wegen der alten Beleidigung Bruneldas die er sich bei ihrer Krankheit hatte zu schulden kommen lassen, aber Brunelda sagte, alles sei l\u00e4ngst vergessen und mehr als gutgemacht. Schlie\u00dflich bat sie den Studenten, er m\u00f6ge zum Andenken an sie einen Dollar freundlichst annehmen, den sie m\u00fchselig aus ihren vielen R\u00f6cken hervorsuchte. Dieses Geschenk war bei Bruneldas bekanntem Geiz sehr bedeutungsvoll, der Student hatte auch wirklich gro\u00dfe Freude davon und warf vor Freude die M\u00fcnze hoch in die Luft. Dann allerdings mu\u00dfte er sie auf dem Boden suchen und Karl mu\u00dfte ihm helfen, schlie\u00dflich fand sie auch Karl unter dem Wagen Bruneldas. Der Abschied zwischen dem Studenten und Karl war nat\u00fcrlich viel einfacher, sie reichten einander nur die Hand und sprachen die \u00dcberzeugung aus, da\u00df sie einander wohl noch einmal sehen w\u00fcrden und da\u00df dann wenigstens einer von ihnen \u2013 der Student behauptete es von Karl, Karl vom Studenten \u2013 etwas R\u00fchmenswertes erreicht haben w\u00fcrde, was bisher leider nicht der Fall war. Dann fa\u00dfte Karl mit gutem Mut den Griff des Wagens und schob ihn aus dem Tor. Der Student sah ihnen solange nach, als sie noch zu sehen waren und winkte mit einem Tuch. Karl nickte oft gr\u00fc\u00dfend zur\u00fcck, auch Brunelda h\u00e4tte sich gerne umgewendet, aber solche Bewegungen waren f\u00fcr sie zu anstrengend. Um ihr doch noch einen letzten Abschied zu erm\u00f6glichen, f\u00fchrte Karl am Ende der Stra\u00dfe den Wagen in einem Kreis herum, so da\u00df auch Brunelda den Studenten sehen konnte, der diese Gelegenheit ausn\u00fctzte, um mit dem Tuch besonders eifrig zu winken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann aber sagte Karl, jetzt d\u00fcrften sie sich keinen Aufenthalt mehr g\u00f6nnen, der Weg sei lang und sie seien viel sp\u00e4ter ausgefahren, als es beabsichtigt war. Tats\u00e4chlich sah man schon hie und da Fuhrwerke und, wenn auch sehr vereinzelt Leute, die zur Arbeit giengen. Karl hatte mit seiner Bemerkung nichts weiter sagen wollen, als was er wirklich gesagt hatte, Brunelda aber fa\u00dfte es in ihrem Zartgef\u00fchl anders auf und bedeckte sich ganz und gar mit ihrem grauen Tuch. Karl wendete nichts dagegen ein; der mit einem grauen Tuch bedeckte Handwagen war zwar sehr auff\u00e4llig, aber unvergleichlich weniger auff\u00e4llig als die unbedeckte Brunelda gewesen w\u00e4re. Er fuhr sehr vorsichtig; ehe er um eine Ecke bog, beobachtete er die n\u00e4chste Stra\u00dfe, lie\u00df sogar wenn es n\u00f6tig schien, den Wagen stehn und gieng allein paar Schritte voraus, sah er irgend eine vielleicht unangenehme Begegnung voraus, so wartete er, bis sie sich vermeiden lie\u00df oder w\u00e4hlte sogar den Weg durch eine ganz andere Stra\u00dfe. Selbst dann kam er, da er alle m\u00f6glichen Wege vorher genau studiert hatte, niemals in die Gefahr einen bedeutenden Umweg zu machen. Allerdings erschienen Hindernisse, die zwar zu bef\u00fcrchten gewesen waren, sich aber im einzelnen nicht hatten vorhersehn lassen. So trat pl\u00f6tzlich in einer Stra\u00dfe, die leicht ansteigend, weit zu \u00fcberblicken und erfreulicherweise vollst\u00e4ndig leer war, ein Vorteil, den Karl durch besondere Eile auszun\u00fctzen suchte, aus dem dunklen Winkel eines Haustors ein Polizeimann und fragte Karl, was er denn in dem so sorgf\u00e4ltig verdeckten Wagen f\u00fchre. So streng er aber Karl angesehen hatte, so mu\u00dfte er doch l\u00e4cheln, als er die Decke l\u00fcftete und das erhitzte \u00e4ngstliche Gesicht Bruneldas erblickte. &#8220;Wie?&#8221; sagte er. &#8220;Ich dachte Du h\u00e4ttest hier zehn Kartoffels\u00e4cke und jetzt ist es ein einziges Frauenzimmer? Wohin fahrt Ihr denn? Wer seid Ihr?&#8221; Brunelda wagte gar nicht den Polizeimann anzusehn, sondern blickte nur immer auf Karl mit dem deutlichen Zweifel, da\u00df selbst er sie nicht werde erretten k\u00f6nnen. Karl hatte aber schon genug Erfahrungen mit Policisten, ihm schien das ganze nicht sehr gef\u00e4hrlich. &#8220;Zeigen Sie doch Fr\u00e4ulein&#8221;, sagte er, &#8220;das Schriftst\u00fcck, das Sie bekommen haben. &#8221; &#8220;Ach ja&#8221;, sagte Brunelda und begann in einer so hoffnungslosen Weise zu suchen, da\u00df sie wirklich verd\u00e4chtig erscheinen mu\u00dfte. &#8220;Das Fr\u00e4ulein&#8221;, sagte der Polizeimann mit zweifelloser Ironie, &#8220;wird das Schriftst\u00fcck nicht finden. &#8221; &#8220;Oja&#8221;, sagte Karl ruhig, &#8220;sie hat es bestimmt, sie hat es nur verlegt. &#8221; Er begann nun selbst zu suchen und zog es tats\u00e4chlich hinter Bruneldas R\u00fccken hervor. Der Polizeimann sah es nur fl\u00fcchtig an. &#8220;Das ist es also&#8221;, sagte der Polizeimann l\u00e4chelnd, &#8220;so ein Fr\u00e4ulein ist das Fr\u00e4ulein? Und Sie, Kleiner, besorgen die Vermittlung und den Transport? Wissen Sie wirklich keine bessere Besch\u00e4ftigung zu finden?&#8221; Karl zuckte blo\u00df die Achseln, das waren wieder die bekannten Einmischungen der Polizei. &#8220;Na, gl\u00fcckliche Reise&#8221;, sagte der Polizeimann, als er keine Antwort bekam. In den Worten des Polizeimanns lag wahrscheinlich Verachtung, daf\u00fcr fuhr auch Karl ohne Gru\u00df weiter, Verachtung der Polizei war besser als ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz darauf hatte er eine wom\u00f6glich noch unangenehmere Begegnung. Es machte sich n\u00e4mlich an ihn ein Mann heran, der einen Wagen mit gro\u00dfen Milchkannen vor sich herschob und \u00e4u\u00dferst gern erfahren h\u00e4tte, was unter dem grauen Tuch auf Karls Wagen lag. Es war nicht anzunehmen, da\u00df er den gleichen Weg wie Karl hatte, dennoch aber blieb er ihm zur Seite, so \u00fcberraschende Wendungen Karl auch machte. Zuerst begn\u00fcgte er sich mit Ausrufen, wie z. B. &#8220;Du mu\u00dft eine schwere Last haben&#8221; oder &#8220;Du hast schlecht aufgeladen, oben wird etwas herausfallen. &#8221; Sp\u00e4ter aber fragte er geradezu: &#8220;Was hast Du denn unter dem Tuch?&#8221; Karl sagte: &#8220;Was k\u00fcmmert\u2019s Dich?&#8221; Aber da das den Mann noch neugieriger machte, sagte Karl schlie\u00dflich: &#8220;Es sind \u00c4pfel. &#8221; &#8220;So viel \u00c4pfel&#8221;, sagte der Mann staunend und h\u00f6rte nicht auf, diesen Ausruf zu wiederholen. &#8220;Das ist ja eine ganze Ernte&#8221;, sagte er dann. &#8220;Nun ja&#8221;, sagte Karl. Aber sei es da\u00df er Karl nicht glaubte, sei es da\u00df er ihn \u00e4rgern wollte, er gieng noch weiter, begann \u2013 alles w\u00e4hrend der Fahrt \u2013 die Hand wie zum Scherz nach dem Tuch auszustrecken und wagte es endlich sogar an dem Tuch zu zupfen. Was mu\u00dfte Brunelda leiden! Aus R\u00fccksicht auf sie wollte sich Karl in keinen Streit mit dem Mann einlassen und fuhr in das n\u00e4chste offene Tor ein, als sei dies sein Ziel gewesen. &#8220;Hier bin ich zuhause&#8221;, sagte er, &#8220;Dank f\u00fcr die Begleitung. &#8221; Der Mann blieb erstaunt vor dem Tor stehn und sah Karl nach, der ruhig darangieng wenn es sein mu\u00dfte den ganzen ersten Hof zu durchqueren. Der Mann konnte nicht mehr zweifeln, aber um seiner Bosheit ein letztes Mal zu gen\u00fcgen, lie\u00df er seinen Wagen stehn, lief Karl auf den Fu\u00dfspitzen nach und ri\u00df so stark an dem Tuch, da\u00df er Bruneldas Gesicht fast entbl\u00f6\u00dft h\u00e4tte. &#8220;Damit Deine \u00c4pfel Luft bekommen&#8221;, sagte er und lief zur\u00fcck. Auch das nahm Karl noch hin, da es ihn endg\u00fcltig von dem Mann befreite. Er f\u00fchrte dann den Wagen in einen Hofwinkel, wo einige gro\u00dfe leere Kisten standen in deren Schutz er unter dem Tuch Brunelda einige beruhigende Worte sagen wollte. Aber er mu\u00dfte lange auf sie einreden, denn sie war ganz in Tr\u00e4nen und flehte ihn allen Ernstes an, hier hinter den Kisten den ganzen Tag zu bleiben und erst in der Nacht weiterzufahren. Vielleicht h\u00e4tte er allein sie gar nicht davon \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, wie verfehlt das gewesen w\u00e4re, als aber jemand am andern Ende des Kistenhaufens eine leere Kiste unter ungeheuerem im leeren Hof wiederhallenden L\u00e4rm zu Boden warf, erschrak sie so, da\u00df sie ohne ein Wort mehr zu wagen, das Tuch \u00fcber sich zog und wahrscheinlich gl\u00fcckselig war, als Karl kurz entschlossen sofort zu fahren begann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Stra\u00dfen wurden jetzt zwar immer belebter, aber die Aufmerksamkeit, die der Wagen erregte, war nicht so gro\u00df wie Karl bef\u00fcrchtet hatte. Vielleicht w\u00e4re es \u00fcberhaupt kl\u00fcger gewesen, eine andere Zeit f\u00fcr den Transport zu w\u00e4hlen. Wenn eine solche Fahrt wieder n\u00f6tig werden sollte, wollte sich Karl getrauen sie in der Mittagstunde auszuf\u00fchren. Ohne schwerer bel\u00e4stigt worden zu sein, bog er endlich in die schmale dunkle Gasse ein, in der das Unternehmen Nr. 25 sich befand. Vor der T\u00fcr stand der schielende Verwalter mit der Uhr in der Hand. &#8220;Bist Du immer so unp\u00fcnktlich?&#8221; fragte er. &#8220;Es gab verschiedene Hindernisse&#8221;, sagte Karl. &#8220;Die gibt es bekanntlich immer&#8221;, sagte der Verwalter. &#8220;Hier im Haus gelten sie aber nicht. Merk Dir das!&#8221; Auf solche Reden h\u00f6rte Karl kaum mehr hin, jeder n\u00fctzte seine Macht aus und beschimpfte den Niedrigen. War man einmal daran gew\u00f6hnt, klang es nicht anders als das regelm\u00e4\u00dfige Uhrenschlagen. Wohl aber erschreckte ihn, als er jetzt den Wagen in den Flur schob, der Schmutz, der hier herrschte und den er allerdings erwartet hatte. Es war, wenn man n\u00e4her zusah, kein fa\u00dfbarer Schmutz. Der Steinboden des Flurs war fast rein gekehrt, die Malerei der W\u00e4nde nicht alt, die k\u00fcnstlichen Palmen nur wenig verstaubt, und doch war alles fettig und absto\u00dfend, es war, als w\u00e4re von allem ein schlechter Gebrauch gemacht worden und als w\u00e4re keine Reinlichkeit mehr imstande, das wieder gut zu machen. Karl dachte gern, wenn er irgendwohin kam, dar\u00fcber nach, was hier verbessert werden k\u00f6nne und welche Freude es sein m\u00fc\u00dfte, sofort einzugreifen, ohne R\u00fccksicht auf die vielleicht endlose Arbeit die es verursachen w\u00fcrde. Hier aber wu\u00dfte er nicht, was zu tun w\u00e4re. Langsam nahm er das Tuch von Brunelda ab. &#8220;Willkommen Fr\u00e4ulein&#8221;, sagte der Verwalter geziert, es war kein Zweifel, da\u00df Brunelda einen guten Eindruck auf ihn machte. Sobald Brunelda dies merkte, verstand sie das, wie Karl befriedigt sah, gleich auszun\u00fctzen. Alle Angst der letzten Stunden verschwand. Sie<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines Morgens schob Karl den Krankenwagen, in dem Brunelda sa\u00df, aus dem Haustor. Es war nicht mehr so fr\u00fch, wie er gehofft hatte. 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