{"id":258,"date":"2026-06-23T22:41:33","date_gmt":"2026-06-23T22:41:33","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?page_id=258"},"modified":"2026-06-23T22:50:15","modified_gmt":"2026-06-23T22:50:15","slug":"karl-sah-an-einer-strasenecke","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/der-verschollene\/karl-sah-an-einer-strasenecke\/","title":{"rendered":"X &#8211; \u00abKarl sah an einer Stra\u00dfenecke&#8230;\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl sah an einer Stra\u00dfenecke ein Plakat mit folgender Aufschrift: &#8220;Auf dem Rennplatz in Clayton wird heute von sechs Uhr fr\u00fch bis Mitternacht Personal f\u00fcr das Teater in Oklahama aufgenommen! Das gro\u00dfe Teater von Oklahama ruft Euch! Es ruft nur heute, nur einmal! Wer jetzt die Gelegenheit vers\u00e4umt, vers\u00e4umt sie f\u00fcr immer! Wer an seine Zukunft denkt, geh\u00f6rt zu uns! Jeder ist willkommen! Wer K\u00fcnstler werden will melde sich! Wir sind das Teater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort! Wer sich f\u00fcr uns entschieden hat, den begl\u00fcckw\u00fcnschen wir gleich hier! Aber beeilt Euch, damit Ihr bis Mitternacht vorgelassen werdet! Um zw\u00f6lf wird alles geschlossen und nicht mehr ge\u00f6ffnet! Verflucht sei wer uns nicht glaubt! Auf nach Clayton!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es standen zwar viele Leute vor dem Plakat, aber es schien nicht viel Beifall zu finden. Es gab soviel Plakate, Plakaten glaubte niemand mehr. Und dieses Plakat war noch unwahrscheinlicher als Plakate sonst zu sein pflegen. Vor allem aber hatte es einen gro\u00dfen Fehler, es stand kein Wort von der Bezahlung darin. W\u00e4re sie auch nur ein wenig erw\u00e4hnenswert gewesen, das Plakat h\u00e4tte sie gewi\u00df genannt; es h\u00e4tte das Verlockendste nicht vergessen. K\u00fcnstlerwerden wollte niemand, wohl aber wollte jeder f\u00fcr seine Arbeit bezahlt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Karl stand aber doch in dem Plakat eine gro\u00dfe Verlockung. &#8220;Jeder war willkommen&#8221;, hie\u00df es. Jeder, also auch Karl. Alles was er bisher getan hatte, war vergessen, niemand wollte ihm daraus einen Vorwurf machen. Er durfte sich zu einer Arbeit melden, die keine Schande war, zu der man vielmehr \u00f6ffentlich einladen konnte! Und ebenso \u00f6ffentlich wurde das Versprechen gegeben, da\u00df man auch ihn annehmen w\u00fcrde. Er verlangte nichts besseres, er wollte endlich den Anfang einer anst\u00e4ndigen Laufbahn finden und hier zeigte er sich vielleicht. Mochte alles Gro\u00dfsprecherische, was auf dem Plakate stand, eine L\u00fcge sein, mochte das gro\u00dfe Teater von Oklahama ein kleiner Wandercirkus sein, es wollte Leute aufnehmen, das war gen\u00fcgend. Karl las das Plakat nicht zum zweitenmale, suchte aber noch einmal den Satz: &#8220;Jeder ist willkommen&#8221; hervor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuerst dachte er daran zufu\u00df nach Clayton zu gehn, aber das w\u00e4ren drei Stunden angestrengten Marsches gewesen, und er w\u00e4re dann m\u00f6glicherweise gerade zurechtgekommen, um zu erfahren, da\u00df man schon alle verf\u00fcgbaren Stellen besetzt h\u00e4tte. Nach dem Plakat war allerdings die Zahl der Aufzunehmenden unbegrenzt, aber so waren immer alle derartigen Stellenangebote abgefa\u00dft. Karl sah ein, da\u00df er entweder auf die Stelle verzichten oder fahren mu\u00dfte. Er \u00fcberrechnete sein Geld, es h\u00e4tte ohne diese Fahrt f\u00fcr acht Tage gereicht, er schob die kleinen M\u00fcnzen auf der flachen Hand hin und her. Ein Herr der ihn beobachtet hatte, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: &#8220;Viel Gl\u00fcck zur Fahrt nach Clayton. &#8221; Karl nickte stumm und rechnete weiter. Aber er entschlo\u00df sich bald, teilte das f\u00fcr die Fahrt notwendige Geld ab und lief zur Untergrundbahn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als er in Clayton ausstieg, h\u00f6rte er gleich den L\u00e4rm vieler Trompeten. Es war ein wirrer L\u00e4rm, die Trompeten waren nicht gegeneinander abgestimmt, es wurde r\u00fccksichtslos geblasen. Aber das st\u00f6rte Karl nicht, es best\u00e4tigte ihm vielmehr da\u00df das Teater von Oklahama ein gro\u00dfes Unternehmen war. Aber als er aus dem Stationsgeb\u00e4ude trat und die ganze Anlage vor sich \u00fcberblickte, sah er, da\u00df alles noch gr\u00f6\u00dfer war, als er nur irgendwie hatte denken k\u00f6nnen, und er begriff nicht wie ein Unternehmen nur zu dem Zweck um Personal zu erhalten derartige Aufwendungen machen konnte. Vor dem Eingang zum Rennplatz war ein langes niedriges Podium aufgebaut, auf dem hunderte Frauen als Engel gekleidet in wei\u00dfen T\u00fcchern mit gro\u00dfen Fl\u00fcgeln am R\u00fccken auf langen goldgl\u00e4nzenden Trompeten bliesen. Sie waren aber nicht unmittelbar auf dem Podium, sondern jede stand auf einem Postament, das aber nicht zu sehen war, denn die langen wehenden T\u00fccher der Engelkleidung h\u00fcllten es vollst\u00e4ndig ein. Da nun die Postamente sehr hoch, wohl bis zwei Meter hoch waren, sahen die Gestalten der Frauen riesenhaft aus, nur ihre kleinen K\u00f6pfe st\u00f6rten ein wenig den Eindruck der Gr\u00f6\u00dfe, auch ihr gel\u00f6stes Haar hieng zu kurz und fast l\u00e4cherlich zwischen den gro\u00dfen Fl\u00fcgeln und an den Seiten hinab. Damit keine Einf\u00f6rmigkeit entstehe, hatte man Postamente in der verschiedensten Gr\u00f6\u00dfe verwendet, es gab ganz niedrige Frauen, nicht weit \u00fcber Lebensgr\u00f6\u00dfe, aber neben ihnen schwangen sich andere Frauen in solche H\u00f6he hinauf, da\u00df man sie beim leichtesten Windsto\u00df in Gefahr glaubte. Und nun bliesen alle diese Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gab nicht viele Zuh\u00f6rer. Klein im Vergleich zu den gro\u00dfen Gestalten giengen etwa zehn Burschen vor dem Podium hin und her und blickten zu den Frauen hinauf. Sie zeigten einander diese oder jene, sie schienen aber nicht die Absicht zu haben einzutreten und sich aufnehmen zu lassen. Nur ein einziger \u00e4lterer Mann war zu sehn, er stand ein wenig abseits. Er hatte gleich auch seine Frau und ein Kind im Kinderwagen mitgebracht. Die Frau hielt mit der einen Hand den Wagen, mit der andern st\u00fctzte sie sich auf die Schulter des Mannes. Sie bewunderten zwar das Schauspiel, aber man erkannte doch, da\u00df sie entt\u00e4uscht waren. Sie hatten wohl auch erwartet eine Arbeitsgelegenheit zu finden, dieses Trompetenblasen aber beirrte sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl war in der gleichen Lage. Er trat in die N\u00e4he des Mannes, h\u00f6rte ein wenig den Trompeten zu und sagte dann: &#8220;Hier ist doch die Aufnahmestelle f\u00fcr das Teater von Oklahama?&#8221; &#8220;Ich glaubte es auch&#8221;, sagte der Mann, &#8220;aber wir warten hier schon seit einer Stunde und h\u00f6ren nichts als die Trompeten. Nirgends ist ein Plakat zu sehn, nirgends ein Ausrufer, nirgends jemand, der Auskunft geben k\u00f6nnte. &#8221; Karl sagte: &#8220;Vielleicht wartet man, bis mehr Leute zusammenkommen. Es sind wirklich noch sehr wenig hier. &#8221; &#8220;M\u00f6glich&#8221;, sagte der Mann und sie schwiegen wieder. Es war auch schwer im L\u00e4rm der Trompeten etwas zu verstehn. Aber dann fl\u00fcsterte die Frau etwas ihrem Manne zu, er nickte und sie rief gleich Karl an: &#8220;K\u00f6nnten Sie nicht in die Rennbahn hin\u00fcbergehn und fragen wo die Aufnahme stattfindet. &#8221; &#8220;Ja&#8221;, sagte Karl, &#8220;aber ich m\u00fc\u00dfte \u00fcber das Podium gehn, zwischen den Engeln durch.&#8221; &#8220;Ist das so schwierig?&#8221; fragte die Frau. F\u00fcr Karl erschien ihr der Weg leicht, ihren Mann aber wollte sie nicht ausschicken. &#8220;Nun ja&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich werde gehn.&#8221; &#8220;Sie sind sehr gef\u00e4llig&#8221;, sagte die Frau und sie wie auch ihr Mann dr\u00fcckten Karl die Hand. Die Burschen liefen zusammen, um aus der N\u00e4he zu sehn wie Karl auf das Podium stieg. Es war als bliesen die Frauen st\u00e4rker, um den ersten Stellensuchenden zu begr\u00fc\u00dfen. Diejenigen aber, an deren Postament Karl gerade vor\u00fcbergieng, gaben sogar die Trompeten vom Munde und beugten sich zur Seite um seinen Weg zu verfolgen. Karl sah auf dem andern Ende des Podiums einen unruhig auf und abgehenden Mann, der offenbar nur auf Leute wartete, um ihnen alle Auskunft zu geben, die man nur w\u00fcnschen konnte. Karl wollte schon auf ihn zugehn, da h\u00f6rte er \u00fcber sich seinen Namen rufen: &#8220;Karl&#8221;, rief ein Engel. Karl sah auf und fieng vor freudiger \u00dcberraschung zu lachen an; es war Fanny. &#8220;Fanny&#8221;, rief er und gr\u00fc\u00dfte mit der Hand hinauf. &#8220;Komm doch her&#8221;, rief Fanny, &#8220;Du wirst doch nicht an mir vor\u00fcberlaufen. &#8221; Und sie schlug die T\u00fccher auseinander so da\u00df das Postament und eine schmale Treppe die hinauff\u00fchrte, frei gelegt wurde. &#8220;Ist es erlaubt, hinaufzugehn?&#8221; fragte Karl. &#8220;Wer will es uns verbieten, da\u00df wir einander die Hand dr\u00fccken&#8221;, rief Fanny und blickte sich erz\u00fcrnt um, ob nicht etwa schon jemand mit dem Verbote k\u00e4me. Karl lief aber schon die Treppe hinauf. &#8220;Langsamer&#8221;, rief Fanny, &#8220;das Postament und wir beide st\u00fcrzen um.&#8221; Aber es geschah nichts, Karl kam gl\u00fccklich bis zur letzten Stufe. &#8220;Sieh nur&#8221;, sagte Fanny nachdem sie einander begr\u00fc\u00dft hatten, &#8220;sieh nur was f\u00fcr eine Arbeit ich bekommen habe.&#8221; &#8220;Es ist ja sch\u00f6n&#8221;, sagte Karl und sah sich um. Alle Frauen in der N\u00e4he hatten schon Karl bemerkt und kicherten. &#8220;Du bist fast die h\u00f6chste&#8221;, sagte Karl und streckte die Hand aus, um die H\u00f6he der andern abzumessen. &#8220;Ich habe Dich gleich gesehn&#8221;, sagte Fanny, &#8220;als Du aus der Station kamst, aber ich bin leider hier in der letzten Reihe, man sieht mich nicht und rufen konnte ich auch nicht. Ich habe zwar besonders laut geblasen, aber Du hast mich nicht erkannt. &#8221; &#8220;Ihr blast ja alle schlecht&#8221;, sagte Karl. &#8220;La\u00df mich einmal blasen. &#8221; &#8220;Aber gewi\u00df&#8221;, sagte Fanny und reichte ihm die Trompete, &#8220;aber verdirb den Chor nicht, sonst entl\u00e4\u00dft man mich. &#8221; Karl fieng zu blasen an, er hatte gedacht, es sei eine grob gearbeitete Trompete, nur zum L\u00e4rmmachen bestimmt, aber nun zeigte sich da\u00df es ein Instrument war, das fast jede Feinheit ausf\u00fchren konnte. Waren alle Instrumente von gleicher Beschaffenheit, so wurde ein gro\u00dfer Mi\u00dfbrauch mit ihnen getrieben. Karl blies, ohne sich vom L\u00e4rm der andern st\u00f6ren zu lassen, mit voller Brust ein Lied das er irgendwo in einer Kneipe einmal geh\u00f6rt hatte. Er war froh, eine alte Freundin getroffen zu haben, hier vor allen bevorzugt die Trompete blasen zu d\u00fcrfen und m\u00f6glicherweise bald eine gute Stellung bekommen zu k\u00f6nnen. Viele Frauen h\u00f6rten zu blasen auf und h\u00f6rten zu; als er pl\u00f6tzlich abbrach, war kaum die H\u00e4lfte der Trompeten in T\u00e4tigkeit, erst allm\u00e4hlich kam wieder der vollst\u00e4ndige L\u00e4rm zustande. &#8220;Du bist ein K\u00fcnstler&#8221;, sagte Fanny als Karl ihr die Trompete wieder reichte. &#8220;La\u00df Dich als Trompeter aufnehmen. &#8221; &#8220;Werden denn auch M\u00e4nner aufgenommen?&#8221; fragte Karl. &#8220;Ja&#8221;, sagte Fanny, &#8220;wir blasen zwei Stunden. Dann werden wir von M\u00e4nnern, die als Teufel angezogen sind, abgel\u00f6st. Die H\u00e4lfte bl\u00e4st, die H\u00e4lfte trommelt. Es ist sehr sch\u00f6n, wie \u00fcberhaupt die ganze Ausstattung sehr kostbar ist. Ist nicht auch unser Kleid sehr sch\u00f6n? Und die Fl\u00fcgel?&#8221; Sie sah an sich hinab. &#8220;Glaubst Du&#8221;, fragte Karl, &#8220;da\u00df auch ich noch eine Stelle bekommen werde?&#8221; &#8220;Ganz bestimmt&#8221;, sagte Fanny, &#8220;es ist ja das gr\u00f6\u00dfte Teater der Welt. Wie gut es sich trifft, da\u00df wir wieder beisammen sein werden. Allerdings kommt es darauf an, was f\u00fcr eine Stelle Du bekommst. Es w\u00e4re n\u00e4mlich auch m\u00f6glich, da\u00df wir, auch wenn wir beide hier angestellt sind uns doch gar nicht sehn. &#8221; &#8220;Ist denn das Ganze wirklich so gro\u00dfe&#8221; fragte Karl. &#8220;Es ist das gr\u00f6\u00dfte Teater der Welt&#8221;, sagte Fanny nochmals, &#8220;ich habe es allerdings selbst noch nicht gesehn, aber manche meiner Kolleginnen, die schon in Oklahama waren, sagen, es sei fast grenzenlos. &#8221; &#8220;Es melden sich aber wenig Leute&#8221;, sagte Karl und zeigte hinunter auf die Burschen und die kleine Familie. &#8220;Das ist wahr&#8221;, sagte Fanny. &#8220;Bedenke aber, da\u00df wir in allen St\u00e4dten Leute aufnehmen, da\u00df unsere Werbetruppe immerfort reist und da\u00df es noch viele solche Truppen gibt. &#8221; &#8220;Ist denn das Teater noch nicht er\u00f6ffnet?&#8221; fragte Karl. &#8220;Oja&#8221;, sagte Fanny, &#8220;es ist ein altes Teater, aber es wird immerfort vergr\u00f6\u00dfert. &#8221; &#8220;Ich wundere mich&#8221;, sagte Karl, &#8220;da\u00df sich nicht mehr Leute dazu dr\u00e4ngen. &#8221; &#8220;Ja&#8221;, sagte Fanny, &#8220;es ist merkw\u00fcrdig. &#8221; &#8220;Vielleicht&#8221;, sagte Karl, &#8220;schreckt dieser Aufwand an Engeln und Teufeln mehr ab, als er anzieht. &#8221; &#8221; Wie Du das herausfinden kannst&#8221;, sagte Fanny. &#8220;Es ist aber m\u00f6glich. Sag es unserem F\u00fchrer, vielleicht kannst Du ihm dadurch n\u00fctzen.&#8221; &#8220;Wo ist er?&#8221; fragte Karl. &#8220;In der Rennbahn&#8221;, sagte Fanny, &#8220;auf der Schiedsrichtertrib\u00fcne.&#8221; &#8220;Auch das wundert mich&#8221;, sagte Karl, &#8220;warum geschieht denn die Aufnahme auf der Rennbahn?&#8221; &#8220;Ja&#8221;, sagte Fanny, &#8220;wir machen \u00fcberall die gr\u00f6\u00dften Vorbereitungen f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Andrang. Auf der Rennbahn ist eben viel Platz. Und in allen St\u00e4nden, wo sonst die Wetten abgeschlossen werden, sind die Aufnahmskanzleien eingerichtet. Es sollen zweihundert verschiedene Kanzleien sein. &#8221; &#8220;Aber&#8221;, rief Karl, &#8220;hat denn das Teater von Oklahama so gro\u00dfe Eink\u00fcnfte, um derartige Werbetruppen erhalten zu k\u00f6nnen?&#8221; &#8220;Was k\u00fcmmert uns denn das&#8221;, sagte Fanny, &#8220;aber nun, Karl, geh, damit Du nichts vers\u00e4umst, ich mu\u00df auch wieder blasen. Versuche auf jeden Fall einen Posten bei dieser Truppe zu bekommen und komm gleich zu mir es melden. Denke daran, da\u00df ich in gro\u00dfer Unruhe auf die Nachricht warte. &#8221; Sie dr\u00fcckte ihm die Hand, ermahnte ihn zur Vorsicht beim Hinabsteigen, setzte wieder die Trompete an die Lippen, blies aber nicht fr\u00fcher, ehe sie Karl unten auf dem Boden in Sicherheit sah. Karl legte wieder die T\u00fccher \u00fcber die Treppe so wie sie fr\u00fcher gewesen waren, Fanny dankte durch Kopfnicken, und Karl gieng, das eben Geh\u00f6rte nach verschiedenen Richtungen hin \u00fcberlegend auf den Mann zu, der schon Karl oben bei Fanny gesehen und sich dem Postament gen\u00e4hert hatte, um ihn zu erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie wollen bei uns eintreten?&#8221; fragte der Mann. &#8220;Ich bin der Personalchef dieser Truppe und hei\u00dfe Sie willkommen. &#8221; Er war st\u00e4ndig wie aus H\u00f6flichkeit ein wenig vorgebeugt, t\u00e4nzelte, trotzdem er sich nicht von der Stelle r\u00fchrte und spielte mit seiner Uhrkette. &#8220;Ich danke&#8221;, sagte Karl, &#8220;ich habe das Plakat Ihrer Gesellschaft gelesen und melde mich wie es dort verlangt wird.&#8221; &#8220;Sehr richtig&#8221;, sagte der Mann anerkennend, &#8220;leider verh\u00e4lt sich hier nicht jeder so richtig.&#8221; Karl dachte daran, da\u00df er jetzt den Mann darauf aufmerksam machen k\u00f6nnte, da\u00df m\u00f6glicherweise die Lockmittel der Werbetruppe gerade wegen ihrer Gro\u00dfartigkeit versagten. Aber er sagte es nicht, denn dieser Mann war gar nicht der F\u00fchrer der Truppe und au\u00dferdem w\u00e4re es wenig empfehlend gewesen, wenn er der noch gar nicht aufgenommen war, gleich Verbesserungsvorschl\u00e4ge gemacht h\u00e4tte. Darum sagte er nur: &#8220;Es wartet drau\u00dfen noch einer, der sich auch anmelden will und der mich nur vorausgeschickt hat. Darf ich ihn jetzt holen?&#8221; &#8220;Nat\u00fcrlich&#8221;, sagte der Mann, &#8220;je mehr kommen, desto besser. &#8221; &#8220;Er hat auch eine Frau bei sich und ein kleines Kind im Kinderwagen. Sollen die auch kommen?&#8221; &#8220;Nat\u00fcrlich&#8221;, sagte der Mann und schien \u00fcber Karls Zweifel zu l\u00e4cheln. &#8220;Wir k\u00f6nnen alle brauchen. &#8221; &#8220;Ich bin gleich wieder zur\u00fcck&#8221;, sagte Karl und lief wieder zur\u00fcck an den Rand des Podiums. Er winkte dem Ehepaar zu und rief da\u00df alle kommen d\u00fcrften. Er half den Kinderwagen auf das Podium heben und sie giengen nun gemeinsam. Die Burschen die das sahen, berieten sich miteinander, stiegen dann langsam, bis zum letzten Augenblick noch z\u00f6gernd, die H\u00e4nde in den Taschen auf das Podium hinauf und folgten schlie\u00dflich Karl und der Familie. Eben kamen aus dem Stationsgeb\u00e4ude der Untergrundbahn neue Passagiere hervor, die angesichts des Podiums mit den Engeln staunend die Arme erhoben. Immerhin schien es als ob die Bewerbung um Stellen nun doch lebhafter werden solle. Karl war sehr froh so fr\u00fch, vielleicht als erster gekommen zu sein, das Ehepaar war \u00e4ngstlich und stellte verschiedene Fragen dar\u00fcber, ob gro\u00dfe Anforderungen gestellt w\u00fcrden. Karl sagte, er wisse noch nichts Bestimmtes, er h\u00e4tte aber wirklich den Eindruck erhalten, da\u00df jeder ohne Ausnahme genommen w\u00fcrde. Er glaube, man d\u00fcrfe getrost sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Personalchef kam ihnen schon entgegen, war sehr zufrieden, da\u00df soviele kamen, rieb sich die H\u00e4nde, gr\u00fc\u00dfte jeden einzelnen durch eine kleine Verbeugung und stellte sie alle in eine Reihe. Karl war der erste, dann kam das Ehepaar und dann erst die andern. Als sie sich alle aufgestellt hatten, die Burschen dr\u00e4ngten sich zuerst durcheinander und es dauerte ein Weilchen ehe bei ihnen Ruhe eintrat, sagte der Personalchef, w\u00e4hrend die Trompeten verstummten: &#8220;Im Namen des Teaters von Oklahama begr\u00fc\u00dfe ich Sie. Sie sind fr\u00fch gekommen (es war aber schon bald mittag) das Gedr\u00e4nge ist noch nicht gro\u00df, die Formalit\u00e4ten Ihrer Aufnahme werden daher bald erledigt sein. Sie haben nat\u00fcrlich alle Ihre Legitimationspapiere bei sich. &#8221; Die Burschen holten gleich irgendwelche Papiere aus den Taschen und schwenkten sie gegen den Personalchef hin, der Ehemann stie\u00df seine Frau an, die unter dem Federbett des Kinderwagens ein ganzes B\u00fcndel Papiere hervorzog, Karl allerdings hatte keine. Sollte das ein Hindernis f\u00fcr seine Aufnahme werden? Es war nicht unwahrscheinlich. Immerhin wu\u00dfte Karl aus Erfahrung, da\u00df sich derartige Vorschriften wenn man nur ein wenig entschlossen ist, leicht umgehen lassen. Der Personalchef \u00fcberblickte die Reihe, vergewisserte sich da\u00df alle Papiere hatten und da auch Karl die Hand, allerdings die leere Hand erhob, nahm er an, auch bei ihm sei alles in Ordnung. &#8220;Es ist gut&#8221;, sagte dann der Personalchef und winkte den Burschen ab, die ihre Papiere gleich untersucht haben wollten, &#8220;die Papiere werden jetzt in den Aufnahmskanzleien \u00fcberpr\u00fcft werden. Wie Sie schon aus unserm Plakat gesehn haben, k\u00f6nnen wir jeden brauchen. Wir m\u00fcssen aber nat\u00fcrlich wissen, was f\u00fcr einen Beruf er bisher ausge\u00fcbt hat, damit wir ihn an den richtigen Ort stellen k\u00f6nnen, wo er seine Kenntnisse verwerten kann.&#8221; &#8220;Es ist ja ein Teater&#8221;, dachte Karl zweifelnd und h\u00f6rte sehr aufmerksam zu. &#8220;Wir haben daher&#8221;, fuhr der Personalchef fort, &#8220;in den Buchmacherbuden Aufnahmskanzleien eingerichtet, je eine Kanzlei f\u00fcr eine Berufsgruppe. Jeder von Ihnen wird mir also jetzt seinen Beruf angeben, die Familie geh\u00f6rt im allgemeinen zur Aufnahmskanzlei des Mannes, ich werde Sie dann zu den Kanzleien f\u00fchren, wo zuerst Ihre Papiere und dann Ihre Kenntnisse von Fachm\u00e4nnern \u00fcberpr\u00fcft werden sollen \u2013 es wird nur eine ganz kurze Pr\u00fcfung sein, niemand mu\u00df sich f\u00fcrchten. Dort werden Sie dann auch gleich aufgenommen werden und die weitern Weisungen erhalten. Fangen wir also an. Hier die erste Kanzlei ist wie schon die Aufschrift sagt, f\u00fcr Ingenieure bestimmt. Ist vielleicht ein Ingenieur unter Ihnen?&#8221; Karl meldete sich. Er glaubte, gerade weil er keine Papiere hatte, m\u00fcsse er bestrebt sein alle Formalit\u00e4ten m\u00f6glichst rasch durchzujagen, eine kleine Berechtigung sich zu melden hatte er auch, denn er hatte ja Ingenieur werden wollen. Aber als die Burschen sahen, da\u00df sich Karl meldete, wurden sie neidisch und meldeten sich auch, alle meldeten sich. Der Personalchef streckte sich in die H\u00f6he und sagte zu den Burschen: &#8220;Sie sind Ingenieure?&#8221; Da senkten sie alle langsam die H\u00e4nde, Karl dagegen bestand auf seiner ersten Meldung. Der Personalchef sah ihn zwar ungl\u00e4ubig an, denn Karl schien ihm zu kl\u00e4glich angezogen und auch zu jung, um Ingenieur sein zu k\u00f6nnen, aber er sagte doch nichts weiter, vielleicht aus Dankbarkeit, weil Karl ihm, wenigstens seiner Meinung nach, die Bewerber hereingef\u00fchrt hatte. Er zeigte blo\u00df einladend nach der Kanzlei und Karl gieng hin, w\u00e4hrend sich der Personalchef den andern zuwendete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Kanzlei f\u00fcr Ingenieure sa\u00dfen an den zwei Seiten eines rechtwinkligen Pultes zwei Herren und verglichen zwei gro\u00dfe Verzeichnisse, die vor ihnen lagen. Der eine las vor, der andere strich in seinem Verzeichnis die vorgelesenen Namen an. Als Karl gr\u00fc\u00dfend vor sie hintrat, legten sie sofort die Verzeichnisse fort und nahmen andere gro\u00dfe B\u00fccher vor, die sie aufschlugen. Der eine, offenbar nur ein Schreiber, sagte: &#8221; Ich bitte um Ihre Legitimationspapiere. &#8221; &#8221; Ich habe sie leider nicht bei mir&#8221;, sagte Karl. &#8220;Er hat sie nicht bei sich&#8221;, sagte der Schreiber zu dem andern Herrn und schrieb die Antwort gleich in sein Buch ein. &#8220;Sie sind Ingenieur?&#8221; fragte dann der andere, der der Leiter der Kanzlei zu sein schien. &#8220;Ich bin es noch nicht&#8221;, sagte Karl schnell, &#8220;aber \u2013 &#8221; &#8220;Genug&#8221;, sagte der Herr noch viel schneller, &#8220;dann geh\u00f6ren Sie nicht zu uns. Ich bitte die Aufschrift zu beachten. &#8221; Karl bi\u00df die Z\u00e4hne zusammen, der Herr mu\u00dfte es bemerkt haben, denn er sagte: &#8220;Es ist kein Grund zur Unruhe. Wir k\u00f6nnen alle brauchen. &#8221; Und er winkte einem der Diener, die besch\u00e4ftigungslos zwischen den Barrieren herumgiengen: &#8220;F\u00fchren Sie diesen Herrn zu der Kanzlei f\u00fcr Leute mit technischen Kenntnissen.&#8221; Der Diener fa\u00dfte den Befehl w\u00f6rtlich auf und fa\u00dfte Karl bei der Hand. Sie giengen zwischen vielen Buden durch, in einer sah Karl schon einen der Burschen der bereits aufgenommen war und den Herren dort dankend die Hand dr\u00fcckte. In der Kanzlei, in die Karl jetzt gebracht wurde, war, wie Karl vorausgesehen hatte, der Vorgang \u00e4hnlich wie in der ersten Kanzlei. Nur schickte man ihn von hier, da man h\u00f6rte, da\u00df er eine Mittelschule besucht hatte, in die Kanzlei f\u00fcr gewesene Mittelsch\u00fcler. Als Karl dort aber sagte, er h\u00e4tte eine europ\u00e4ische Mittelschule besucht, erkl\u00e4rte man sich auch dort f\u00fcr unzust\u00e4ndig und lie\u00df ihn in die Kanzlei f\u00fcr europ\u00e4ische Mittelsch\u00fcler f\u00fchren. Es war eine Bude am \u00e4u\u00dfersten Rand, nicht nur kleiner sondern sogar niedriger als alle andern. Der Diener, der ihn hierher gebracht hatte, war w\u00fctend \u00fcber die lange F\u00fchrung und die vielen Abweisungen, an denen seiner Meinung nach Karl allein die Schuld tragen mu\u00dfte. Er wartete nicht mehr die Fragen ab, sondern lief gleich fort. Diese Kanzlei war wohl auch die letzte Zuflucht. Als Karl den Kanzleileiter erblickte, erschrak er fast \u00fcber die \u00c4hnlichkeit, die dieser mit einem Professor hatte, der wahrscheinlich noch jetzt an der Realschule zuhause unterrichtete. Die \u00c4hnlichkeit bestand allerdings, wie sich gleich herausstellte nur in Einzelheiten, aber die auf der breiten Nase ruhende Brille, der blonde wie ein Schaust\u00fcck gepflegte Vollbart, der sanft gebeugte R\u00fccken und die immer unerwartet hervorbrechende laute Stimme hielten Karl noch einige Zeit in Staunen. Gl\u00fccklicherweise mu\u00dfte er auch nicht sehr aufmerken, denn es gieng hier einfacher zu als in den andern Kanzleien. Es wurde zwar auch hier eingetragen, da\u00df seine Legitimationspapiere fehlten und der Kanzleileiter nannte es eine unbegreifliche Nachl\u00e4ssigkeit, aber der Schreiber, der hier die Oberhand hatte, gieng schnell dar\u00fcber hinweg und erkl\u00e4rte nach einigen kurzen Fragen des Leiters, w\u00e4hrend sich dieser gerade zu einer gr\u00f6\u00dfern Frage anschickte, Karl f\u00fcr aufgenommen. Der Leiter wandte sich mit offenem Mund gegen den Schreiber, dieser aber machte eine abschlie\u00dfende Handbewegung, sagte: &#8220;Aufgenommen&#8221; und trug auch gleich die Entscheidung ins Buch ein. Offenbar war der Schreiber der Meinung, ein europ\u00e4ischer Mittelsch\u00fcler zu sein, sei schon etwas so schm\u00e4hliches da\u00df man es jedem, der es von sich behaupte, ohne weiteres glauben k\u00f6nne. Karl f\u00fcr seinen Teil hatte nichts dagegen einzuwenden, er gieng zu ihm hin und wollte ihm danken. Es gab aber noch eine kleine Verz\u00f6gerung, als man ihn jetzt nach seinem Namen fragte. Er antwortete nicht gleich, er hatte eine Scheu, seinen wirklichen Namen zu nennen und aufschreiben zu lassen. Bis er hier auch nur die kleinste Stelle erhalten und zur Zufriedenheit ausf\u00fcllen w\u00fcrde, dann mochte man seinen Namen erfahren, jetzt aber nicht, allzulang hatte er ihn verschwiegen, als da\u00df er ihn jetzt h\u00e4tte verraten sollen. Er nannte daher, da ihm im Augenblick kein anderer Name einfiel, nur den Rufnamen aus seinen letzten Stellungen: &#8220;Negro&#8221;. &#8220;Negro&#8221; fragte der Leiter, drehte den Kopf und machte eine Grimasse, als h\u00e4tte Karl jetzt den H\u00f6hepunkt der Unglaubw\u00fcrdigkeit erreicht. Auch der Schreiber sah Karl eine Weile pr\u00fcfend an, dann aber wiederholte er &#8220;Negro&#8221; und schrieb den Namen ein. &#8220;Sie haben doch nicht Negro aufgeschrieben&#8221;, fuhr ihn der Leiter an. &#8220;Ja, Negro&#8221;, sagte der Schreiber ruhig und machte eine Handbewegung, als habe nun der Leiter das Weitere zu veranlassen. Der Leiter bezwang sich auch, stand auf und sagte: &#8220;Sie sind also f\u00fcr das Teater von Oklahama \u2013 &#8220;. Aber weiter kam er nicht, er konnte nichts gegen sein Gewissen tun, setzte sich und sagte: &#8220;Er hei\u00dft nicht Negro.&#8221; Der Schreiber zog die Augenbrauen in die H\u00f6he, stand nun selbst auf und sagte: &#8220;Dann teile also ich Ihnen mit, da\u00df Sie f\u00fcr das Teater in Oklahama aufgenommen sind und da\u00df man Sie jetzt unserm F\u00fchrer vorstellen wird. &#8221; Wieder wurde ein Diener gerufen, der Karl zur Schiedsrichtertrib\u00fcne f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unten an der Treppe sah Karl den Kinderwagen und gerade kam auch das Ehepaar herunter, die Frau mit dem Kind auf dem Arm. &#8221; Sind Sie aufgenommen?&#8221; fragte der Mann, er war viel lebhafter als fr\u00fcher, auch die Frau sah ihm lachend \u00fcber die Schulter. Als Karl antwortete, eben sei er aufgenommen worden und gehe zur Vorstellung, sagte der Mann: &#8220;Dann gratuliere ich. Auch wir sind aufgenommen worden, es scheint ein gutes Unternehmen zu sein, allerdings kann man sich nicht gleich in alles einfinden, so ist es aber \u00fcberall. &#8221; Sie sagten einander noch &#8220;Auf Wiedersehn&#8221; und Karl stieg zur Trib\u00fcne hinauf. Er gieng langsam, denn der kleine Raum oben schien von Leuten \u00fcberf\u00fcllt zu sein und er wollte sich nicht eindr\u00e4ngen. Er blieb sogar stehn und \u00fcberblickte das gro\u00dfe Rennfeld das auf allen Seiten bis an ferne W\u00e4lder reichte. Ihn erfa\u00dfte Lust einmal ein Pferderennen zu sehn, er hatte in Amerika noch keine Gelegenheit dazu gefunden. In Europa war er einmal als kleines Kind zu einem Rennen mitgenommen worden, konnte sich aber an nichts anderes erinnern als da\u00df er von der Mutter zwischen vielen Menschen die nicht auseinanderweichen wollten, durchgezogen worden war. Er hatte also eigentlich \u00fcberhaupt noch kein Rennen gesehn. Hinter ihm fieng eine Maschinerie zu schnarren an, er drehte sich um und sah auf dem Apparat, auf dem beim Rennen die Namen der Sieger ver\u00f6ffentlicht werden, jetzt folgende Aufschrift in die H\u00f6he ziehn: &#8220;Kaufmann Kalla mit Frau und Kind&#8221;. Hier wurden also die Namen der Aufgenommenen den Kanzleien mitgeteilt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade liefen einige Herren lebhaft miteinander sprechend, Bleistifte und Notizbl\u00e4tter in den H\u00e4nden die Treppe herunter, Karl dr\u00fcckte sich ans Gel\u00e4nder um sie vorbeizulassen und stieg, da nun oben Platz geworden war hinauf. In einer Ecke der mit Holzgel\u00e4ndern versehenen Platform \u2013 das ganze sah wie das flache Dach eines schmalen Turmes aus \u2013 sa\u00df, die Arme entlang der Holzgel\u00e4nder ausgestreckt, ein Herr, dem ein breites wei\u00dfes Seidenband mit der Aufschrift: F\u00fchrer der 10ten Werbetruppe des Teaters von Oklahama quer \u00fcber die Brust gieng. Neben ihm stand auf einem Tischchen ein gewi\u00df auch bei den Rennen verwendeter telephonischer Apparat, durch den der F\u00fchrer offenbar alle notwendigen Angaben \u00fcber die einzelnen Bewerber noch vor der Vorstellung erfuhr, denn er stellte an Karl zun\u00e4chst gar keine Fragen, sondern sagte zu einem Herrn, der mit gekreuzten Beinen, die Hand am Kinn neben ihm lehnte: &#8220;Negro, ein europ\u00e4ischer Mittelsch\u00fcler.&#8221; Und als sei damit der sich tief verneigende Karl f\u00fcr ihn erledigt sah er die Treppe hinunter, ob nicht wieder jemand k\u00e4me. Aber da niemand kam, h\u00f6rte er manchmal dem Gespr\u00e4ch, das der andere Herr mit Karl f\u00fchrte zu, blickte aber meistens \u00fcber das Rennfeld hin und klopfte mit den Fingern auf das Gel\u00e4nder. Diese zarten und doch kr\u00e4ftigen, langen und schnell bewegten Finger lenkten zeitweilig Karls Aufmerksamkeit auf sich trotzdem ihn der andere Herr genug in Anspruch nahm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie sind stellungslos gewesen?&#8221; fragte dieser Herr zun\u00e4chst. Diese Frage sowie fast alle andern Fragen, die er stellte, waren sehr einfach, ganz unverf\u00e4nglich und die Antworten wurden \u00fcberdies nicht durch Zwischenfragen nachgepr\u00fcft, trotzdem aber wu\u00dfte ihnen der Herr durch die Art wie er sie mit gro\u00dfen Augen aussprach, wie er ihre Wirkung mit vorgebeugtem Oberk\u00f6rper beobachtete, wie er die Antworten mit auf die Brust gesenktem Kopfe aufnahm und hie und da laut wiederholte, eine besondere Bedeutung zu geben, die man zwar nicht verstand, deren Ahnung aber vorsichtig und befangen machte. Es kam \u00f6fters vor, da\u00df es Karl dr\u00e4ngte die gegebene Antwort zu widerrufen und durch eine andere, die vielleicht mehr Beifall finden w\u00fcrde, zu ersetzen, aber er hielt sich doch immer noch zur\u00fcck, denn er wu\u00dfte, einen wie schlechten Eindruck ein derartiges Schwanken machen mu\u00dfte und wie \u00fcberdies die Wirkung der Antworten eine meist unberechenbare war. \u00dcberdies aber schien ja seine Aufnahme schon entschieden zu sein, dieses Bewu\u00dftsein gab ihm R\u00fcckhalt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage ob er stellungslos gewesen sei, beantwortete er mit einem einfachen &#8220;Ja&#8221;. &#8220;Wo waren Sie zuletzt angestellt?&#8221; fragte dann der Herr. Karl wollte schon antworten, da hob der Herr den Zeigefinger und sagte noch einmal: &#8220;Zuletzt! &#8221; Karl hatte auch schon die erste Frage richtig verstanden, unwillk\u00fcrlich sch\u00fcttelte er die letzte Bemerkung als beirrend mit dem Kopfe ab und antwortete: &#8220;In einem Bureau. &#8221; Das war noch die Wahrheit, w\u00fcrde aber der Herr eine n\u00e4here Auskunft \u00fcber die Art des Bureaus verlangen, so mu\u00dfte er l\u00fcgen. Aber das tat der Herr nicht, sondern stellte die \u00fcberaus leicht ganz wahrheitsgem\u00e4\u00df zu beantwortende Frage: &#8220;Waren Sie dort zufrieden?&#8221; &#8220;Nein&#8221;, rief Karl ihm fast in die Rede fallend. Bei einem Seitenblick bemerkte Karl, da\u00df der F\u00fchrer ein wenig l\u00e4chelte, Karl bereute die unbedachte Art seiner letzten Antwort, aber es war zu verlockend gewesen, das Nein hinauszuschrein, denn w\u00e4hrend seiner ganzen letzten Dienstzeit hatte er nur den gro\u00dfen Wunsch gehabt, irgendein fremder Dienstgeber m\u00f6ge einmal eintreten und diese Frage an ihn richten. Seine Antwort konnte aber noch einen andern Nachteil bringen, denn der Herr konnte nun fragen, warum er nicht zufrieden gewesen sei. Statt dessen fragte er jedoch: &#8220;Zu was f\u00fcr einem Posten f\u00fchlen Sie sich geeignet?&#8221; Diese Frage enthielt m\u00f6glicherweise wirklich eine Falle, denn wozu wurde sie gestellt, da Karl doch schon als Schauspieler aufgenommen war; trotzdem er das aber erkannte, konnte er sich dennoch nicht zu der Erkl\u00e4rung \u00fcberwinden, er f\u00fchle sich f\u00fcr den Schauspielerberuf besonders geeignet. Er wich daher der Frage aus und sagte auf die Gefahr hin trotzig zu erscheinen: &#8220;Ich habe das Plakat in der Stadt gelesen und da dort stand, da\u00df man jeden brauchen kann, habe ich mich gemeldet.&#8221; &#8220;Das wissen wir&#8221;, sagte der Herr, schwieg und zeigte dadurch da\u00df er auf seiner fr\u00fchern Frage beharre. &#8220;Ich bin als Schauspieler aufgenommen&#8221;, sagte Karl z\u00f6gernd, um den Herren die Schwierigkeit, in die ihn die letzte Frage gebracht hatte, begreiflich zu machen. &#8220;Das ist richtig&#8221;, sagte der Herr und verstummte wieder. &#8220;Nun&#8221;, sagte Karl und die ganze Hoffnung einen Posten gefunden zu haben, kam ins Wanken, &#8220;ich wei\u00df nicht, ob ich zum Teaterspielen geeignet bin. Ich will mich aber anstrengen und alle Auftr\u00e4ge auszuf\u00fchren suchen. &#8221; Der Herr wandte sich dem Leiter zu, beide nickten, Karl schien richtig geantwortet zu haben, er fa\u00dfte wieder Mut und erwartete aufgerichtet die n\u00e4chste Frage. Die lautete: &#8220;Was wollten Sie denn urspr\u00fcnglich studieren?&#8221; Um die Frage genau zu bestimmen \u2013 an der genauen Bestimmung lag dem Herrn immer sehr viel \u2013 f\u00fcgte er hinzu: &#8220;In Europa, meine ich. &#8221; Hiebei nahm er die Hand vom Kinn und machte eine schwache Bewegung, als wolle er damit gleichzeitig andeuten wie ferne Europa und wie bedeutungslos die dort einmal gefa\u00dften Pl\u00e4ne seien. Karl sagte: &#8220;Ich wollte Ingenieur werden.&#8221; Diese Antwort widerstrebte ihm zwar, es war l\u00e4cherlich im vollen Bewu\u00dftsein seiner bisherigen Laufbahn in Amerika die alte Erinnerung, da\u00df er einmal habe Ingenieur werden wollen, hier wieder aufzufrischen \u2013 w\u00e4re er es denn selbst in Europa jemals geworden? \u2013 aber er wu\u00dfte gerade keine andere Antwort und sagte deshalb diese. Aber der Herr nahm es ernst, wie er alles ernst nahm. &#8220;Nun Ingenieur&#8221;, sagte er, &#8220;k\u00f6nnen Sie wohl nicht gleich werden, vielleicht w\u00fcrde es Ihnen aber vorl\u00e4ufig entsprechen, irgendwelche niedrige technische Arbeiten auszuf\u00fchren.&#8221; &#8220;Gewi\u00df&#8221;, sagte Karl, er war sehr zufrieden, er wurde zwar, wenn er das Angebot annahm, aus dem Schauspielerstand unter die technischen Arbeiter geschoben, aber er glaubte tats\u00e4chlich sich bei dieser Arbeit besser bew\u00e4hren zu k\u00f6nnen. \u00dcbrigens, dies wiederholte er sich immer wieder, es kam nicht so sehr auf die Art der Arbeit an, als vielmehr darauf sich \u00fcberhaupt irgendwo dauernd festzuhalten. &#8220;Sind Sie denn kr\u00e4ftig genug f\u00fcr schwerere Arbeit?&#8221; fragte der Herr. &#8220;Oja&#8221;, sagte Karl. Hierauf lie\u00df der Herr Karl n\u00e4her zu sich herankommen und bef\u00fchlte seinen Arm. &#8220;Es ist ein kr\u00e4ftiger Junge&#8221;, sagte er dann, indem er Karl am Arm zum F\u00fchrer hinzog. Der F\u00fchrer nickte l\u00e4chelnd, reichte ohne sich \u00fcbrigens aus seiner Ruhelage aufzurichten Karl die Hand und sagte: &#8220;Dann sind wir also fertig. In Oklahama wird alles noch \u00fcberpr\u00fcft werden. Machen Sie unserer Werbetruppe Ehre! &#8221; Karl verbeugte sich zum Abschied, er wollte sich dann auch von dem andern Herren verabschieden, dieser aber spazierte schon, als sei er mit seiner Arbeit vollst\u00e4ndig fertig, das Gesicht in die H\u00f6he gerichtet auf der Platform auf und ab. W\u00e4hrend Karl hinunterstieg wurde zur Seite der Treppe auf der Anzeigetafel die Aufschrift hochgezogen: &#8220;Negro, technischer Arbeiter&#8221;. Da alles hier seinen ordentlichen Gang nahm, h\u00e4tte es Karl nicht mehr so sehr bedauert, wenn auf der Tafel sein wirklicher Name zu lesen gewesen w\u00e4re. Es war alles sogar \u00fcberaus sorgf\u00e4ltig eingerichtet, denn am Fu\u00df der Treppe wurde Karl schon von einem Diener erwartet, der ihm eine Binde um den Arm festmachte. Als Karl dann den Arm hob, um zu sehn was auf der Binde stand, war dort der ganz richtige Aufdruck &#8220;technischer Arbeiter&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wohin Karl nun aber gef\u00fchrt werden mochte, zuerst wollte er doch Fanny melden wie gl\u00fccklich alles abgelaufen war. Aber zu seinem Bedauern erfuhr er vom Diener, da\u00df die Engel ebenso wie auch die Teufel bereits nach dem n\u00e4chsten Bestimmungsort der Werbetruppe abgereist seien, um dort die Ankunft der Truppe f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag bekanntzumachen. &#8220;Schade&#8221;, sagte Karl, es war die erste Entt\u00e4uschung, die er in diesem Unternehmen erlebte, &#8220;ich hatte eine Bekannte unter den Engeln. &#8221; &#8221; Sie werden sie in Oklahama wiedersehn&#8221;, sagte der Diener, &#8220;nun aber kommen Sie, Sie sind der letzte. &#8221; Er f\u00fchrte Karl an der hintern Seite des Podiums entlang, auf dem fr\u00fcher die Engel gestanden waren, jetzt waren dort nur noch die leeren Postamente. Karls Annahme aber, da\u00df ohne die Musik der Engel mehr Stellensuchende kommen w\u00fcrden, erwies sich nicht als richtig, denn vor dem Podium standen jetzt \u00fcberhaupt keine Erwachsenen mehr, nur paar Kinder k\u00e4mpften um eine lange wei\u00dfe Feder, die wahrscheinlich aus einem Engelsfl\u00fcgel gefallen war. Ein Junge hielt sie in die H\u00f6he, w\u00e4hrend die andern Kinder mit einer Hand seinen Kopf niederdr\u00fccken wollten und mit der andern nach der Feder langten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karl zeigte auf die Kinder, der Diener aber sagte ohne hinzusehn: &#8220;Kommen Sie rascher, es hat sehr lange gedauert, ehe Sie aufgenommen wurden. Man hatte wohl Zweifel?&#8221; &#8220;Ich wei\u00df nicht&#8221;, sagte Karl erstaunt, er glaubte es aber nicht. Immer, selbst bei den klarsten Verh\u00e4ltnissen fand sich doch irgendjemand der seinem Mitmenschen Sorgen machen wollte. Aber vor dem freundlichen Anblick der gro\u00dfen Zuschauertrib\u00fcne, zu der sie jetzt kamen, verga\u00df Karl bald an die Bemerkung des Dieners. Auf dieser Trib\u00fcne war n\u00e4mlich eine ganze lange Bank mit einem wei\u00dfen Tuch gedeckt, alle Aufgenommenen sa\u00dfen mit dem R\u00fccken zur Rennbahn auf der n\u00e4chsttieferen Bank und wurden bewirtet. Alle waren fr\u00f6hlich und aufgeregt, gerade als sich Karl unbemerkt als letzter auf die Bank setzte, standen viele mit erhobenen Gl\u00e4sern auf und einer hielt einen Trinkspruch auf den F\u00fchrer der zehnten Werbetruppe, den er den &#8220;Vater der Stellungsuchenden&#8221; nannte. Jemand machte darauf aufmerksam, da\u00df man ihn auch von hier aus sehen k\u00f6nne und tats\u00e4chlich war die Schiedsrichtertrib\u00fcne mit den zwei Herren in nicht allzugro\u00dfer Entfernung sichtbar. Nun schwenkten alle ihre Gl\u00e4ser in dieser Richtung, auch Karl fa\u00dfte das vor ihm stehende Glas, aber so laut man auch rief und so sehr man sich bemerkbar zu machen suchte, auf der Schiedsrichtertrib\u00fcne deutete nichts darauf hin, da\u00df man die Ovation bemerkte oder wenigstens bemerken wolle. Der F\u00fchrer lehnte in der Ecke wie fr\u00fcher und der andere Herr stand neben ihm, die Hand am Kinn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein wenig entt\u00e4uscht setzte man sich wieder, hie und da drehte sich noch einer nach der Schiedsrichtertrib\u00fcne um, aber bald besch\u00e4ftigte man sich nur mit dem reichlichen Essen, gro\u00dfes Gefl\u00fcgel, wie es Karl noch nie gesehen hatte, mit vielen Gabeln in dem knusprig gebratenen Fleisch, wurde herumgetragen, Wein wurde immer wieder von den Dienern eingeschenkt \u2013 man merkte es kaum, man war \u00fcber seinen Teller geb\u00fcckt und in den Becher fiel der Strahl des roten Weines \u2013 und wer sich an der allgemeinen Unterhaltung nicht beteiligen wollte, konnte Bilder von Ansichten des Teaters von Oklahama besichtigen, die an einem Ende der Tafel aufgestapelt waren und von Hand zu Hand gehen sollten. Doch k\u00fcmmerte man sich nicht viel um die Bilder und so geschah es da\u00df bei Karl, der der Letzte war nur ein Bild ankam. Nach diesem Bild zu schlie\u00dfen mu\u00dften aber alle sehr sehenswert sein. Dieses Bild stellte die Loge des Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten dar. Beim ersten Anblick konnte man denken, es sei nicht eine Loge, sondern die B\u00fchne, so weit geschwungen ragte die Br\u00fcstung in den freien Raum. Diese Br\u00fcstung war ganz aus Gold in allen ihren Teilen. Zwischen den wie mit der feinsten Scheere ausgeschnittenen S\u00e4ulchen waren nebeneinander Medaillons fr\u00fcherer Pr\u00e4sidenten angebracht, einer hatte eine auffallend gerade Nase, aufgeworfene Lippen und unter gew\u00f6lbten Lidern starr gesenkte Augen. Rings um die Loge, von den Seiten und von der H\u00f6he kamen Strahlen von Licht; wei\u00dfes und doch mildes Licht enth\u00fcllte f\u00f6rmlich den Vordergrund der Loge, w\u00e4hrend ihre Tiefe hinter rotem, unter vielen T\u00f6nungen sich faltendem Sammt der an der ganzen Umrandung niederfiel und durch Schn\u00fcre gelenkt wurde, als eine dunkle r\u00f6tlich schimmernde Leere erschien. Man konnte sich in dieser Loge kaum Menschen vorstellen, so selbstherrlich sah alles aus. Karl verga\u00df das Essen nicht, sah aber doch oft die Abbildung an, die er neben seinen Teller gelegt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich h\u00e4tte er doch noch sehr gern wenigstens eines der \u00fcbrigen Bilder angesehn, selbst holen wollte er es sich aber nicht, denn ein Diener hatte die Hand auf den Bildern liegen und die Reihenfolge mu\u00dfte wohl gewahrt werden, er suchte also nur die Tafel zu \u00fcberblicken und festzustellen, ob sich nicht doch noch ein Bild n\u00e4here. Da bemerkte er staunend \u2013 zuerst glaubte er es gar nicht \u2013 unter den am tiefsten zum Essen gebeugten Gesichtern ein gut bekanntes \u2013 Giacomo. Gleich lief er zu ihm hin. &#8220;Giacomo&#8221;, rief er. Dieser, sch\u00fcchtern wie immer wenn er \u00fcberrascht wurde, erhob sich vom Essen, drehte sich in dem schmalen Raum zwischen den B\u00e4nken, wischte mit der Hand den Mund, war dann aber sehr froh Karl zu sehn, bat ihn sich neben ihn zu setzen oder bot sich an zu Karls Platz hin\u00fcberzukommen, sie wollten einander alles erz\u00e4hlen und immer beisammen bleiben. Karl wollte die andern nicht st\u00f6ren, jeder sollte deshalb vorl\u00e4ufig seinen Platz behalten, das Essen werde bald zuende sein und dann wollten sie nat\u00fcrlich immer zu einander halten. Aber Karl blieb doch noch bei Giacomo, nur um ihn anzusehn. Was f\u00fcr Erinnerungen an vergangene Zeiten! Wo war die Oberk\u00f6chin Was machte Therese? Giacomo selbst hatte sich in seinem \u00c4u\u00dfern fast gar nicht ver\u00e4ndert, die Voraussage der Oberk\u00f6chin, da\u00df er in einem halben Jahr ein knochiger Amerikaner werden m\u00fcsse, war nicht eingetroffen, er war zart wie fr\u00fcher, die Wangen eingefallen wie fr\u00fcher, augenblicklich allerdings waren sie gerundet, denn er hatte im Mund einen \u00fcbergro\u00dfen Bissen Fleisch, aus dem er die \u00fcberfl\u00fcssigen Knochen langsam herauszog, um sie dann auf den Teller zu werfen. Wie Karl an seiner Armbinde ablesen konnte, war auch Giacomo nicht als Schauspieler sondern als Liftjunge aufgenommen, das Teater von Oklahama schien wirklich jeden brauchen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Anblick Giacomos verloren, blieb aber Karl allzulange von seinem Platze fort, eben wollte er zur\u00fcckkehren, da kam der Personalchef, stellte sich auf eine der h\u00f6her gelegenen B\u00e4nke, klatschte in die H\u00e4nde und hielt eine kleine Ansprache, w\u00e4hrend die meisten aufstanden und die Sitzengebliebenen die sich nicht vom Essen trennen konnten, durch St\u00f6\u00dfe der andern schlie\u00dflich auch zum Aufstehn gezwungen wurden. &#8220;Ich will hoffen&#8221;, sagte er, Karl war inzwischen schon auf den Fu\u00dfspitzen zu seinem Platz zur\u00fcckgelaufen, &#8220;da\u00df Sie mit unserm Empfangsessen zufrieden waren. Im allgemeinen lobt man das Essen unserer Werbetruppe. Leider mu\u00df ich die Tafel bereits aufheben, denn der Zug, der Sie nach Oklahama bringen soll, f\u00e4hrt in f\u00fcnf Minuten. Es ist zwar eine lange Reise, Sie werden aber sehn, da\u00df f\u00fcr Sie gut gesorgt ist. Hier stelle ich Ihnen den Herrn vor, der Ihren Transport f\u00fchren wird und dem Sie Gehorsam schulden. &#8221; Ein magerer kleiner Herr erkletterte die Bank auf welcher der Personalchef stand, nahm sich kaum Zeit eine fl\u00fcchtige Verbeugung zu machen, sondern begann sofort mit ausgestreckten nerv\u00f6sen H\u00e4nden zu zeigen, wie sich alle sammeln, ordnen und in Bewegung setzen sollten. Aber zun\u00e4chst folgte man ihm nicht, denn derjenige aus der Gesellschaft der schon fr\u00fcher eine Rede gehalten hatte, schlug mit der Hand auf den Tisch und begann eine l\u00e4ngere Dankrede, trotzdem \u2013 Karl wurde ganz unruhig \u2013 eben gesagt worden war, da\u00df der Zug bald abfahre. Aber der Redner achtete nicht einmal darauf, da\u00df auch der Personalchef nicht zuh\u00f6rte sondern dem Transportleiter verschiedene Anweisungen gab, er legte seine Rede gro\u00df an, z\u00e4hlte alle Gerichte auf, die aufgetragen worden waren, gab \u00fcber jedes sein Urteil ab und schlo\u00df dann zusammenfassend mit dem Ausruf: &#8220;Geehrte Herren, so gewinnt man uns. &#8221; Alle au\u00dfer den Angesprochenen lachten, aber es war doch mehr Wahrheit als Scherz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Rede b\u00fc\u00dfte man \u00fcberdies damit, da\u00df jetzt der Weg zur Bahn im Laufschritt gemacht werden mu\u00dfte. Das war aber auch nicht sehr schwer, denn \u2013 Karl bemerkte es erst jetzt \u2013 niemand trug ein Gep\u00e4ckst\u00fcck \u2013 das einzige Gep\u00e4ckst\u00fcck war eigentlich der Kinderwagen, der jetzt an der Spitze der Truppe vom Vater gelenkt wie haltlos auf und nieder sprang. Was f\u00fcr besitzlose verd\u00e4chtige Leute waren hier zusammengekommen und wurden doch so gut empfangen und beh\u00fctet! Und dem Transportleiter mu\u00dften sie geradezu ans Herz gelegt sein. Bald fa\u00dfte er selbst mit einer Hand die Lenkstange des Kinderwagens und erhob die andere um die Truppe aufzumuntern, bald war er hinter der letzten Reihe, die er antrieb, bald lief er an den Seiten entlang, fa\u00dfte einzelne langsamere aus der Mitte ins Auge und suchte ihnen mit schwingenden Armen darzustellen, wie sie laufen m\u00fc\u00dften.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als sie auf dem Bahnhof ankamen, stand der Zug schon bereit. Die Leute auf dem Bahnhof zeigten einander die Truppe, man h\u00f6rte Ausrufe wie &#8220;Alle diese geh\u00f6ren zum Teater von Oklahama&#8221;, das Teater schien viel bekannter zu sein, als Karl angenommen hatte, allerdings hatte er sich um Teaterdinge niemals gek\u00fcmmert. Ein ganzer Waggon war eigens f\u00fcr die Truppe bestimmt, der Transportleiter dr\u00e4ngte zum Einsteigen mehr als der Schaffner. Er sah zuerst in jede einzelne Abteilung, ordnete hie und da etwas und erst dann stieg er selbst ein. Karl hatte zuf\u00e4llig einen Fensterplatz bekommen und Giacomo neben sich gezogen. So sa\u00dfen sie aneinandergedr\u00e4ngt und freuten sich im Grunde beide auf die Fahrt, so sorgenlos hatten sie in Amerika noch keine Reise gemacht. Als der Zug zu fahren begann winkten sie mit den H\u00e4nden aus dem Fenster, w\u00e4hrend die Burschen ihnen gegen\u00fcber einander anstie\u00dfen und es l\u00e4cherlich fanden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl sah an einer Stra\u00dfenecke ein Plakat mit folgender Aufschrift: &#8220;Auf dem Rennplatz in Clayton wird heute von sechs Uhr fr\u00fch bis Mitternacht Personal f\u00fcr das Teater in Oklahama aufgenommen! Das gro\u00dfe Teater von Oklahama ruft Euch! Es ruft nur heute, nur einmal! 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