{"id":213,"date":"2025-12-03T02:18:22","date_gmt":"2025-12-03T02:18:22","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?p=213"},"modified":"2025-12-03T02:26:53","modified_gmt":"2025-12-03T02:26:53","slug":"erzahlung-erzahlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/2025\/12\/03\/erzahlung-erzahlung\/","title":{"rendered":"[Erz\u00e4hlung]\u00a0Ein Bericht f\u00fcr eine Akademie"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-buttons is-layout-flex wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button is-style-outline is-style-outline--1\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/2025\/12\/03\/erzahlung-erzahlung\/\">&#x1f1e9;&#x1f1ea;<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button is-style-outline is-style-outline--2\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/2025\/12\/03\/um-relatorio-para-uma-academia\/\">&#x1f1e7;&#x1f1f7;<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button is-style-outline is-style-outline--3\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\">&#x1f1ea;&#x1f1f8;<\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button is-style-outline is-style-outline--4\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\">&#x1f1fa;&#x1f1f8;<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Hohe Herren von der Akademie!<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht \u00fcber mein \u00e4ffisches Vorleben einzureichen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sinne kann ich leider der Aufforderung nicht nachkommen. Nahezu f\u00fcnf Jahre trennen mich vom Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht am Kalender gemessen, unendlich lang aber durchzugaloppieren, so wie ich es getan habe, streckenweise begleitet von vortrefflichen Menschen, Ratschl\u00e4gen, Beifall und Orchestralmusik, aber im Grunde allein, denn alle Begleitung hielt sich, um im Bilde zu bleiben, weit von der Barriere. Diese Leistung w\u00e4re unm\u00f6glich gewesen, wenn ich eigensinnig h\u00e4tte an meinem Ursprung, an den Erinnerungen der Jugend festhalten wollen. Gerade Verzicht auf jeden Eigensinn war das oberste Gebot, das ich mir auferlegt hatte; ich, freier Affe, f\u00fcgte mich diesem Joch. Dadurch verschlossen sich mir aber ihrerseits die Erinnerungen immer mehr. War mir zuerst die R\u00fcckkehr, wenn die Menschen gewollt h\u00e4tten, freigestellt durch das ganze Tor, das der Himmel \u00fcber der Erde bildet, wurde es gleichzeitig mit meiner vorw\u00e4rtsgepeitschten Entwicklung immer niedriger und enger; wohler und eingeschlossener f\u00fchlte ich mich in der Menschenwelt; der Sturm, der mir aus meiner Vergangenheit nachblies, s\u00e4nftigte sich; heute ist es nur ein Luftzug, der mir die Fersen k\u00fchlt; und das Loch in der Ferne, durch das er kommt und durch das ich einstmals kam, ist so klein geworden, da\u00df ich, wenn \u00fcberhaupt die Kr\u00e4fte und der Wille hinreichen w\u00fcrden, um bis dorthin zur\u00fcckzulaufen, das Fell vom Leib mir schinden m\u00fc\u00dfte, um durchzukommen. Offen gesprochen, so gerne ich auch Bilder w\u00e4hle f\u00fcr diese Dinge, offen gesprochen: Ihr Affentum, meine Herren, sofern Sie etwas Derartiges hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als mir das meine. An der Ferse aber kitzelt es jeden, der hier auf Erden geht: den kleinen Schimpansen wie den gro\u00dfen Achilles.<\/p>\n\n\n\n<p>In eingeschr\u00e4nktestem Sinn aber kann ich doch vielleicht Ihre Anfrage beantworten und ich tue es sogar mit gro\u00dfer Freude.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste, was ich lernte, war: den Handschlag geben; Handschlag bezeigt Offenheit; mag nun heute, wo ich auf dem H\u00f6hepunkt meiner Laufbahn stehe, zu jenem ersten Handschlag auch das offene Wort hinzukommen. Es wird f\u00fcr die Akademie nichts wesentlich Neues beibringen und weit hinter dem zur\u00fcckbleiben, was man von mir verlangt hat und was ich beim besten Willen nicht sagen kann &#8211; immerhin, es soll die Richtlinie zeigen, auf welcher ein gewesener Affe in die Menschenwelt eingedrungen ist und sich dort festgesetzt hat. Doch d\u00fcrfte ich selbst das Geringf\u00fcgige, was folgt, gewi\u00df nicht sagen, wenn ich meiner nicht v\u00f6llig sicher w\u00e4re und meine Stellung auf allen gro\u00dfen Variet\u00e9b\u00fchnen der zivilisierten Welt sich nicht bis zur Unersch\u00fctterlichkeit gefestigt h\u00e4tte:<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stamme von der Goldk\u00fcste. Dar\u00fcber, wie ich eingefangen wurde, bin ich auf fremde Berichte angewiesen. Eine Jagdexpedition der Firma Hagenbeck &#8211; mit dem F\u00fchrer habe ich \u00fcbrigens seither schon manche gute Flasche Rotwein geleert &#8211; lag im Ufergeb\u00fcsch auf dem Anstand, als ich am Abend inmitten eines Rudels zur Tr\u00e4nke lief. Man scho\u00df; ich war der einzige, der getroffen wurde; ich bekam zwei Sch\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen in die Wange; der war leicht; hinterlie\u00df aber eine gro\u00dfe ausrasierte rote Narbe, die mir den widerlichen, ganz und gar unzutreffenden, f\u00f6rmlich von einem Affen erfundenen Namen Rotpeter eingetragen hat, so als unterschiede ich mich von dem unl\u00e4ngst krepierten, hie und da bekannten, dressierten Affentier Peter nur durch den roten Fleck auf der Wange. Dies nebenbei.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Schu\u00df traf mich unterhalb der H\u00fcfte. Er war schwer, er hat es verschuldet, da\u00df ich noch heute ein wenig hinke. Letzthin las ich in einem Aufsatz irgendeines der zehntausend Windhunde, die sich in den Zeitungen \u00fcber mich auslassen: meine Affennatur sei noch nicht ganz unterdr\u00fcckt; Beweis dessen sei, da\u00df ich, wenn Besucher kommen, mit Vorliebe die Hosen ausziehe, um die Einlaufstelle jenes Schusses zu zeigen. Dem Kerl sollte jedes Fingerchen seiner schreibenden Hand einzeln weggeknallt werden. Ich, ich darf meine Hosen ausziehen, vor wem es mir beliebt; man wird dort nichts finden als einen wohlgepflegten Pelz und die Narbe nach einem &#8211; w\u00e4hlen wir hier zu einem bestimmten Zwecke ein bestimmtes Wort, das aber nicht mi\u00dfverstanden werden wolle &#8211; die Narbe nach einem frevelhaften Schu\u00df. Alles liegt offen zutage; nichts ist zu verbergen; kommt es auf Wahrheit an, wirft jeder Gro\u00dfgesinnte die allerfeinsten Manieren ab. W\u00fcrde dagegen jener Schreiber die Hosen ausziehen, wenn Besuch kommt, so h\u00e4tte dies allerdings ein anderes Ansehen, und ich will es als Zeichen der Vernunft gelten lassen, da\u00df er es nicht tut. Aber dann mag er mir auch mit seinem Zartsinn vom Halse bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach jenen Sch\u00fcssen erwachte ich &#8211; und hier beginnt allm\u00e4hlich meine eigene Erinnerung &#8211; in einem K\u00e4fig im Zwischendeck des Hagenbeckschen Dampfers. Es war kein vierwandiger Gitterk\u00e4fig; vielmehr waren nur drei W\u00e4nde an einer Kiste festgemacht; die Kiste also bildete die vierte Wand. Das Ganze war zu niedrig zum Aufrechtstehen und zu schmal zum Niedersitzen. Ich hockte deshalb mit eingebogenen, ewig zitternden Knien, und zwar, da ich zun\u00e4chst wahrscheinlich niemanden sehen und immer nur im Dunkeln sein wollte, zur Kiste gewendet, w\u00e4hrend sich mir hinten die Gitterst\u00e4be ins Fleisch einschnitten. Man h\u00e4lt eine solche Verwahrung wilder Tiere in der allerersten Zeit f\u00fcr vorteilhaft, und ich kann heute nach meiner Erfahrung nicht leugnen, da\u00df dies im menschlichen Sinn tats\u00e4chlich der Fall ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Daran dachte ich aber damals nicht. Ich war zum erstenmal in meinem Leben ohne Ausweg; zumindest geradeaus ging es nicht; geradeaus vor mir war die Kiste, Brett fest an Brett gef\u00fcgt. Zwar war zwischen den Brettern eine durchlaufende L\u00fccke, die ich, als ich sie zuerst entdeckte, mit dem gl\u00fcckseligen Heulen des Unverstandes begr\u00fc\u00dfte, aber diese L\u00fccke reichte bei weitem nicht einmal zum Durchstecken des Schwanzes aus und war mit aller Affenkraft nicht zu verbreitern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich soll, wie man mir sp\u00e4ter sagte, ungew\u00f6hnlich wenig L\u00e4rm gemacht haben, woraus man schlo\u00df, da\u00df ich entweder bald eingehen m\u00fcsse oder da\u00df ich, falls es mir gelingt, die erste kritische Zeit zu \u00fcberleben, sehr dressurf\u00e4hig sein werde. Ich \u00fcberlebte diese Zeit. Dumpfes Schluchzen, schmerzhaftes Fl\u00f6hesuchen, m\u00fcdes Lecken einer Kokosnu\u00df, Beklopfen der Kistenwand mit dem Sch\u00e4del, Zungenblecken, wenn mir jemand nahekam &#8211; das waren die ersten Besch\u00e4ftigungen in dem neuen Leben. In alledem aber doch nur das eine Gef\u00fchl: kein Ausweg. Ich kann nat\u00fcrlich das damals affenm\u00e4\u00dfig Gef\u00fchlte heute nur mit Menschenworten nachzeichnen und verzeichne es infolgedessen, aber wenn ich auch die alte Affenwahrheit nicht mehr erreichen kann, wenigstens in der Richtung meiner Schilderung liegt sie, daran ist kein Zweifel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte doch so viele Auswege bisher gehabt und nun keinen mehr. Ich war festgerannt. H\u00e4tte man mich angenagelt, meine Freiz\u00fcgigkeit w\u00e4re dadurch nicht kleiner geworden. Warum das? Kratz dir das Fleisch zwischen den Fu\u00dfzehen auf, du wirst den Grund nicht finden. Dr\u00fcck dich hinten gegen die Gitterstange, bis sie dich fast zweiteilt, du wirst den Grund nicht finden. Ich hatte keinen Ausweg, mu\u00dfte mir ihn aber verschaffen, denn ohne ihn konnte ich nicht leben. Immer an dieser Kistenwand &#8211; ich w\u00e4re unweigerlich verreckt. Aber Affen geh\u00f6ren bei Hagenbeck an die Kistenwand &#8211; nun, so h\u00f6rte ich auf, Affe zu sein. Ein klarer, sch\u00f6ner Gedankengang, den ich irgendwie mit dem Bauch ausgeheckt haben mu\u00df, denn Affen denken mit dem Bauch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Angst, da\u00df man nicht genau versteht, was ich unter Ausweg verstehe. Ich gebrauche das Wort in seinem gew\u00f6hnlichsten und vollsten Sinn. Ich sage absichtlich nicht Freiheit. Ich meine nicht dieses gro\u00dfe Gef\u00fchl der Freiheit nach allen Seiten. Als Affe kannte ich es vielleicht und ich habe Menschen kennengelernt, die sich danach sehnen. Was mich aber anlangt, verlangte ich Freiheit weder damals noch heute. Nebenbei: mit Freiheit betr\u00fcgt man sich unter Menschen allzuoft. Und so wie die Freiheit zu den erhabensten Gef\u00fchlen z\u00e4hlt, so auch die entsprechende T\u00e4uschung zu den erhabensten. Oft habe ich in den Variet\u00e9s vor meinem Auftreten irgendein K\u00fcnstlerpaar oben an der Decke an Trapezen hantieren sehen. Sie schwangen sich, sie schaukelten, sie sprangen, sie schwebten einander in die Arme, einer trug den andern an den Haaren mit dem Gebi\u00df. \u203aAuch das ist Menschenfreiheit\u2039, dachte ich, \u203aselbstherrliche Bewegung.\u2039 Du Verspottung der heiligen Natur! Kein Bau w\u00fcrde standhalten vor dem Gel\u00e4chter des Affentums bei diesem Anblick.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, Freiheit wollte ich nicht. Nur einen Ausweg; rechts, links, wohin immer; ich stellte keine anderen Forderungen; sollte der Ausweg auch nur eine T\u00e4uschung sein; die Forderung war klein, die T\u00e4uschung w\u00fcrde nicht gr\u00f6\u00dfer sein. Weiterkommen, weiterkommen! Nur nicht mit aufgehobenen Armen stillestehn, angedr\u00fcckt an eine Kistenwand.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute sehe ich klar: ohne gr\u00f6\u00dfte innere Ruhe h\u00e4tte ich nie entkommen k\u00f6nnen. Und tats\u00e4chlich verdanke ich vielleicht alles, was ich geworden bin, der Ruhe, die mich nach den ersten Tagen dort im Schiff \u00fcberkam. Die Ruhe wiederum aber verdankte ich wohl den Leuten vom Schiff.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind gute Menschen, trotz allem. Gerne erinnere ich mich noch heute an den Klang ihrer schweren Schritte, der damals in meinem Halbschlaf widerhallte. Sie hatten die Gewohnheit, alles \u00e4u\u00dferst langsam in Angriff zu nehmen. Wollte sich einer die Augen reiben, so hob er die Hand wie ein H\u00e4ngegewicht. Ihre Scherze waren grob, aber herzlich. Ihr Lachen war immer mit einem gef\u00e4hrlich klingenden aber nichts bedeutenden Husten gemischt. Immer hatten sie im Mund etwas zum Ausspeien und wohin sie ausspien war ihnen gleichg\u00fcltig. Immer klagten sie, da\u00df meine Fl\u00f6he auf sie \u00fcberspringen; aber doch waren sie mir deshalb niemals ernstlich b\u00f6se; sie wu\u00dften eben, da\u00df in meinem Fell Fl\u00f6he gedeihen und da\u00df Fl\u00f6he Springer sind; damit fanden sie sich ab. Wenn sie dienstfrei waren, setzten sich manchmal einige im Halbkreis um mich nieder; sprachen kaum, sondern gurrten einander nur zu; rauchten, auf Kisten ausgestreckt, die Pfeife; schlugen sich aufs Knie, sobald ich die geringste Bewegung machte; und hie und da nahm einer einen Stecken und kitzelte mich dort, wo es mir angenehm war. Sollte ich heute eingeladen werden, eine Fahrt auf diesem Schiffe mitzumachen, ich w\u00fcrde die Einladung gewi\u00df ablehnen, aber ebenso gewi\u00df ist, da\u00df es nicht nur h\u00e4\u00dfliche Erinnerungen sind, denen ich dort im Zwischendeck nachh\u00e4ngen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ruhe, die ich mir im Kreise dieser Leute erwarb, hielt mich vor allem von jedem Fluchtversuch ab. Von heute aus gesehen scheint es mir, als h\u00e4tte ich zumindest geahnt, da\u00df ich einen Ausweg finden m\u00fcsse, wenn ich leben wolle, da\u00df dieser Ausweg aber nicht durch Flucht zu erreichen sei. Ich wei\u00df nicht mehr, ob Flucht m\u00f6glich war, aber ich glaube es; einem Affen sollte Flucht immer m\u00f6glich sein. Mit meinen heutigen Z\u00e4hnen mu\u00df ich schon beim gew\u00f6hnlichen N\u00fcsseknacken vorsichtig sein, damals aber h\u00e4tte es mir wohl im Laufe der Zeit gelingen m\u00fcssen, das T\u00fcrschlo\u00df durchzubei\u00dfen. Ich tat es nicht. Was w\u00e4re damit auch gewonnen gewesen? Man h\u00e4tte mich, kaum war der Kopf hinausgesteckt, wieder eingefangen und in einen noch schlimmeren K\u00e4fig gesperrt; oder ich h\u00e4tte mich unbemerkt zu anderen Tieren, etwa zu den Riesenschlangen mir gegen\u00fcber fl\u00fcchten k\u00f6nnen und mich in ihren Umarmungen ausgehaucht; oder es w\u00e4re mir gar gelungen, mich bis aufs Deck zu stehlen und \u00fcber Bord zu springen, dann h\u00e4tte ich ein Weilchen auf dem Weltmeer geschaukelt und w\u00e4re ersoffen. Verzweiflungstaten. Ich rechnete nicht so menschlich, aber unter dem Einflu\u00df meiner Umgebung verhielt ich mich so, wie wenn ich gerechnet h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich rechnete nicht, wohl aber beobachtete ich in aller Ruhe. Ich sah diese Menschen auf und ab gehen, immer die gleichen Gesichter, die gleichen Bewegungen, oft schien es mir, als w\u00e4re es nur einer. Der Mensch oder diese Menschen gingen also unbehelligt. Ein hohes Ziel d\u00e4mmerte mir auf. Niemand versprach mir, da\u00df, wenn ich so wie sie werden w\u00fcrde, das Gitter aufgezogen werde. Solche Versprechungen f\u00fcr scheinbar unm\u00f6gliche Erf\u00fcllungen werden nicht gegeben. L\u00f6st man aber die Erf\u00fcllungen ein, erscheinen nachtr\u00e4glich auch die Versprechungen genau dort, wo man sie fr\u00fcher vergeblich gesucht hat. Nun war an diesen Menschen an sich nichts, was mich sehr verlockte. W\u00e4re ich ein Anh\u00e4nger jener erw\u00e4hnten Freiheit, ich h\u00e4tte gewi\u00df das Weltmeer dem Ausweg vorgezogen, der sich mir im tr\u00fcben Blick dieser Menschen zeigte. Jedenfalls aber beobachtete ich sie schon lange vorher, ehe ich an solche Dinge dachte, ja die angeh\u00e4uften Beobachtungen dr\u00e4ngten mich erst in die bestimmte Richtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war so leicht, die Leute nachzuahmen. Spucken konnte ich schon in den ersten Tagen. Wir spuckten einander dann gegenseitig ins Gesicht; der Unterschied war nur, da\u00df ich mein Gesicht nachher reinleckte, sie ihres nicht. Die Pfeife rauchte ich bald wie ein Alter; dr\u00fcckte ich dann auch noch den Daumen in den Pfeifenkopf, jauchzte das ganze Zwischendeck; nur den Unterschied zwischen der leeren und der gestopften Pfeife verstand ich lange nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meiste M\u00fche machte mir die Schnapsflasche. Der Geruch peinigte mich; ich zwang mich mit allen Kr\u00e4ften; aber es vergingen Wochen, ehe ich mich \u00fcberwand. Diese inneren K\u00e4mpfe nahmen die Leute merkw\u00fcrdigerweise ernster als irgend etwas sonst an mir. Ich unterscheide die Leute auch in meiner Erinnerung nicht, aber da war einer, der kam immer wieder, allein oder mit Kameraden, bei Tag, bei Nacht, zu den verschiedensten Stunden; stellte sich mit der Flasche vor mich hin und gab mir Unterricht. Er begriff mich nicht, er wollte das R\u00e4tsel meines Seins l\u00f6sen. Er entkorkte langsam die Flasche und blickte mich dann an, um zu pr\u00fcfen, ob ich verstanden habe; ich gestehe, ich sah ihm immer mit wilder, mit \u00fcberst\u00fcrzter Aufmerksamkeit zu; einen solchen Menschensch\u00fcler findet kein Menschenlehrer auf dem ganzen Erdenrund; nachdem die Flasche entkorkt war, hob er sie zum Mund; ich mit meinen Blicken ihm nach bis in die Gurgel; er nickt, zufrieden mit mir, und setzt die Flasche an die Lippen; ich, entz\u00fcckt von allm\u00e4hlicher Erkenntnis, kratze mich quietschend der L\u00e4nge und Breite nach, wo es sich trifft; er freut sich, setzt die Flasche an und macht einen Schluck; ich, ungeduldig und verzweifelt, ihm nachzueifern, verunreinige mich in meinem K\u00e4fig, was wieder ihm gro\u00dfe Genugtuung macht; und nun weit die Flasche von sich streckend und im Schwung sie wieder hinauff\u00fchrend, trinkt er sie, \u00fcbertrieben lehrhaft zur\u00fcckgebeugt, mit einem Zuge leer. Ich, ermattet von allzu gro\u00dfem Verlangen, kann nicht mehr folgen und h\u00e4nge schwach am Gitter, w\u00e4hrend er den theoretischen Unterricht damit beendet, da\u00df er sich den Bauch streicht und grinst.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun erst beginnt die praktische \u00dcbung. Bin ich nicht schon allzu ersch\u00f6pft durch das Theoretische? Wohl, allzu ersch\u00f6pft. Das geh\u00f6rt zu meinem Schicksal. Trotzdem greife ich, so gut ich kann, nach der hingereichten Flasche; entkorke sie zitternd; mit dem Gelingen stellen sich allm\u00e4hlich neue Kr\u00e4fte ein; ich hebe die Flasche, vom Original schon kaum zu unterscheiden; setze sie an und &#8211; und werfe sie mit Abscheu, mit Abscheu, trotzdem sie leer ist und nur noch der Geruch sie f\u00fcllt, werfe sie mit Abscheu auf den Boden. Zur Trauer meines Lehrers, zur gr\u00f6\u00dferen Trauer meiner selbst; weder ihn noch mich vers\u00f6hne ich dadurch, da\u00df ich auch nach dem Wegwerfen der Flasche nicht vergesse, ausgezeichnet meinen Bauch zu streichen und dabei zu grinsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allzuoft nur verlief so der Unterricht. Und zur Ehre meines Lehrers: er war mir nicht b\u00f6se; wohl hielt er mir manchmal die brennende Pfeife ans Fell, bis es irgendwo, wo ich nur schwer hinreichte, zu glimmen anfing, aber dann l\u00f6schte er es selbst wieder mit seiner riesigen guten Hand; er war mir nicht b\u00f6se, er sah ein, da\u00df wir auf der gleichen Seite gegen die Affennatur k\u00e4mpften und da\u00df ich den schwereren Teil hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein Sieg dann allerdings f\u00fcr ihn wie f\u00fcr mich, als ich eines Abends vor gro\u00dfem Zuschauerkreis &#8211; vielleicht war ein Fest, ein Grammophon spielte, ein Offizier erging sich zwischen den Leuten &#8211; als ich an diesem Abend, gerade unbeachtet, eine vor meinem K\u00e4fig versehentlich stehengelassene Schnapsflasche ergriff, unter steigender Aufmerksamkeit der Gesellschaft sie schulgerecht entkorkte, an den Mund setzte und ohne Z\u00f6gern, ohne Mundverziehen, als Trinker von Fach, mit rund gew\u00e4lzten Augen, schwappender Kehle, wirklich und wahrhaftig leer trank; nicht mehr als Verzweifelter, sondern als K\u00fcnstler die Flasche hinwarf; zwar verga\u00df den Bauch zu streichen; daf\u00fcr aber, weil ich nicht anders konnte, weil es mich dr\u00e4ngte, weil mir die Sinne rauschten, kurz und gut \u00bbHallo!\u00ab ausrief, in Menschenlaut ausbrach, mit diesem Ruf in die Menschengemeinschaft sprang und ihr Echo &#8211; \u00bbH\u00f6rt nur, er spricht!\u00ab wie einen Ku\u00df auf meinem ganzen schwei\u00dftriefenden K\u00f6rper f\u00fchlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wiederhole: es verlockte mich nicht, die Menschen nachzuahmen; ich ahmte nach, weil ich einen Ausweg suchte, aus keinem anderen Grund. Auch war mit jenem Sieg noch wenig getan. Die Stimme versagte mir sofort wieder; stellte sich erst nach Monaten ein; der Widerwille gegen die Schnapsflasche kam sogar noch verst\u00e4rkter. Aber meine Richtung allerdings war mir ein f\u00fcr allemal gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in Hamburg dem ersten Dresseur \u00fcbergeben wurde, erkannte ich bald die zwei M\u00f6glichkeiten, die mir offenstanden: Zoologischer Garten oder Variet\u00e9. Ich z\u00f6gerte nicht. Ich sagte mir: setze alle Kraft an, um ins Variet\u00e9 zu kommen; das ist der Ausweg; Zoologischer Garten ist nur ein neuer Gitterk\u00e4fig; kommst du in ihn, bist du verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ich lernte, meine Herren. Ach, man lernt, wenn man mu\u00df; man lernt, wenn man einen Ausweg will; man lernt r\u00fccksichtslos. Man beaufsichtigt sich selbst mit der Peitsche; man zerfleischt sich beim geringsten Widerstand. Die Affennatur raste, sich \u00fcberkugelnd, aus mir hinaus und weg, so da\u00df mein erster Lehrer selbst davon fast \u00e4ffisch wurde, bald den Unterricht aufgeben und in eine Heilanstalt gebracht werden mu\u00dfte. Gl\u00fccklicherweise kam er bald wieder hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich verbrauchte viele Lehrer, ja sogar einige Lehrer gleichzeitig. Als ich meiner F\u00e4higkeiten schon sicherer geworden war, die \u00d6ffentlichkeit meinen Fortschritten folgte, meine Zukunft zu leuchten begann, nahm ich selbst Lehrer auf, lie\u00df sie in f\u00fcnf aufeinanderfolgenden Zimmern niedersetzen und lernte bei allen zugleich, indem ich ununterbrochen aus einem Zimmer ins andere sprang.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Fortschritte! Dieses Eindringen der Wissensstrahlen von allen Seiten ins erwachende Hirn! Ich leugne nicht: es begl\u00fcckte mich. Ich gestehe aber auch ein: ich \u00fcbersch\u00e4tzte es nicht, schon damals nicht, wieviel weniger heute. Durch eine Anstrengung, die sich bisher auf der Erde nicht wiederholt hat, habe ich die Durchschnittsbildung eines Europ\u00e4ers erreicht. Das w\u00e4re an sich vielleicht gar nichts, ist aber insofern doch etwas, als es mir aus dem K\u00e4fig half und mir diesen besonderen Ausweg, diesen Menschenausweg verschaffte. Es gibt eine ausgezeichnete deutsche Redensart: sich in die B\u00fcsche schlagen; das habe ich getan, ich habe mich in die B\u00fcsche geschlagen. Ich hatte keinen anderen Weg, immer vorausgesetzt, da\u00df nicht die Freiheit zu w\u00e4hlen war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberblicke ich meine Entwicklung und ihr bisheriges Ziel, so klage ich weder, noch bin ich zufrieden. Die H\u00e4nde in den Hosentaschen, die Weinflasche auf dem Tisch, liege ich halb, halb sitze ich im Schaukelstuhl und schaue aus dem Fenster. Kommt Besuch, empfange ich ihn, wie es sich geb\u00fchrt. Mein Impresario sitzt im Vorzimmer; l\u00e4ute ich, kommt er und h\u00f6rt, was ich zu sagen habe. Am Abend ist fast immer Vorstellung, und ich habe wohl kaum mehr zu steigernde Erfolge. Komme ich sp\u00e4t nachts von Banketten, aus wissenschaftlichen Gesellschaften, aus gem\u00fctlichem Beisammensein nach Hause, erwartet mich eine kleine halbdressierte Schimpansin und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr wohlgehen. Bei Tag will ich sie nicht sehen; sie hat n\u00e4mlich den Irrsinn des verwirrten dressierten Tieres im Blick; das erkenne nur ich, und ich kann es nicht ertragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ganzen habe ich jedenfalls erreicht, was ich erreichen wollte. Man sage nicht, es w\u00e4re der M\u00fche nicht wert gewesen. Im \u00fcbrigen will ich keines Menschen Urteil, ich will nur Kenntnisse verbreiten, ich berichte nur, auch Ihnen, hohe Herren von der Akademie, habe ich nur berichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Besuch im Bergwerk Ein Besuch im Bergwerk<\/p>\n\n\n\n<p>Heute waren die obersten Ingenieure bei uns unten. Es ist irgendein Auftrag der Direktion ergangen, neue Stollen zu legen, und da kamen die Ingenieure, um die allerersten Ausmessungen vorzunehmen. Wie jung diese Leute sind und dabei schon so verschiedenartig! Sie haben sich alle frei entwickelt, und ungebunden zeigt sich ihr klar bestimmtes Wesen schon in jungen Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer, schwarzhaarig, lebhaft, l\u00e4\u00dft seine Augen \u00fcberallhin laufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Zweiter mit einem Notizblock, macht im Gehen Aufzeichnungen, sieht umher, vergleicht, notiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Dritter, die H\u00e4nde in den Rocktaschen, so da\u00df sich alles an ihm spannt, geht aufrecht; wahrt die W\u00fcrde; nur im fortw\u00e4hrenden Bei\u00dfen seiner Lippen zeigt sich die ungeduldige, nicht zu unterdr\u00fcckende Jugend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Vierter gibt dem Dritten Erkl\u00e4rungen, die dieser nicht verlangt; kleiner als er, wie ein Versucher neben ihm herlaufend, scheint er, den Zeigefinger immer in der Luft, eine Litanei \u00fcber alles, was hier zu sehen ist, ihm vorzutragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein F\u00fcnfter, vielleicht der oberste im Rang, duldet keine Begleitung; ist bald vorn, bald hinten; die Gesellschaft richtet ihren Schritt nach ihm; er ist bleich und schwach; die Verantwortung hat seine Augen ausgeh\u00f6hlt; oft dr\u00fcckt er im Nachdenken die Hand an die Stirn.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sechste und Siebente gehen ein wenig geb\u00fcckt, Kopf nah an Kopf, Arm in Arm, in vertrautem Gespr\u00e4ch; w\u00e4re hier nicht offenbar unser Kohlenbergwerk und unser Arbeitsplatz im tiefsten Stollen, k\u00f6nnte man glauben, diese knochigen, bartlosen, knollennasigen Herren seien junge Geistliche. Der eine lacht meistens mit katzenartigem Schnurren in sich hinein; der andere, gleichfalls l\u00e4chelnd, f\u00fchrt das Wort und gibt mit der freien Hand irgendeinen Takt dazu. Wie sicher m\u00fcssen diese zwei Herren ihrer Stellung sein, ja welche Verdienste m\u00fcssen sie sich trotz ihrer Jugend um unser Bergwerk schon erworben haben, da\u00df sie hier, bei einer so wichtigen Begehung, unter den Augen ihres Chefs, nur mit eigenen oder wenigstens mit solchen Angelegenheiten, die nicht mit der augenblicklichen Aufgabe zusammenh\u00e4ngen, so unbeirrbar sich besch\u00e4ftigen d\u00fcrfen. Oder sollte es m\u00f6glich sein, da\u00df sie, trotz alles Lachens und aller Unaufmerksamkeit, das, was n\u00f6tig ist, sehr wohl bemerken? Man wagt \u00fcber solche Herren kaum ein bestimmtes Urteil abzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits ist es aber doch wieder zweifellos, da\u00df zum Beispiel der Achte unvergleichlich mehr als diese, ja mehr als alle anderen Herren bei der Sache ist. Er mu\u00df alles anfassen und mit einem kleinen Hammer, den er immer wieder aus der Tasche zieht und immer wieder dort verwahrt, beklopfen. Manchmal kniet er trotz seiner eleganten Kleidung in den Schmutz nieder und beklopft den Boden, dann wieder nur im Gehen die W\u00e4nde oder die Decke \u00fcber seinem Kopf Einmal hat er sich lang hingelegt und lag dort still; wir dachten schon, es sei ein Ungl\u00fcck geschehen; aber dann sprang er mit einem kleinen Zusammenzucken seines schlanken K\u00f6rpers auf. Er hatte also wieder nur eine Untersuchung gemacht. Wir glauben unser Bergwerk und seine Steine zu kennen, aber was dieser Ingenieur auf diese Weise hier immerfort untersucht, ist uns unverst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Neunter schiebt vor sich eine Art Kinderwagen, in welchem die Me\u00dfapparate liegen. \u00c4u\u00dferst kostbare Apparate, tief in zarteste Watte eingelegt. Diesen Wagen sollte ja eigentlich der Diener schieben, aber es wird ihm nicht anvertraut; ein Ingenieur mu\u00dfte heran, und er tut es gern, wie man sieht. Er ist wohl der j\u00fcngste, vielleicht versteht er noch gar nicht alle Apparate, aber sein Blick ruht immerfort auf ihnen, fast kommt er dadurch manchmal in Gefahr, mit dem Wagen an eine Wand zu sto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber da ist ein anderer Ingenieur, der neben dem Wagen hergeht und es verhindert. Dieser versteht offenbar die Apparate von Grund aus und scheint ihr eigentlicher Verwahrer zu sein. Von Zeit zu Zeit nimmt er, ohne den Wagen anzuhalten, einen Bestandteil der Apparate heraus, blickt hindurch, schraubt auf oder zu, sch\u00fcttelt und beklopft, h\u00e4lt ans Ohr und horcht; und legt schlie\u00dflich, w\u00e4hrend der Wagenf\u00fchrer meist stillsteht, das kleine, von der Ferne kaum sichtbare Ding mit aller Vorsicht wieder in den Wagen. Ein wenig herrschs\u00fcchtig ist dieser Ingenieur, aber doch nur im Namen der Apparate. Zehn Schritte vor dem Wagen sollen wir schon, auf ein wortloses Fingerzeichen hin, zur Seite weichen, selbst dort, wo kein Platz zum Ausweichen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter diesen zwei Herren geht der unbesch\u00e4ftigte Diener. Die Herren haben, wie es bei ihrem gro\u00dfen Wissen selbstverst\u00e4ndlich ist, l\u00e4ngst jeden Hochmut abgelegt, der Diener dagegen scheint ihn in sich aufgesammelt zu haben. Die eine Hand im R\u00fccken, mit der anderen vorn \u00fcber seine vergoldeten Kn\u00f6pfe oder das feine Tuch seines Livreerockes streichend, nickt er \u00f6fters nach rechts und links, so als ob wir gegr\u00fc\u00dft h\u00e4tten und er antwortete, oder so, als nehme er an, da\u00df wir gegr\u00fc\u00dft h\u00e4tten, k\u00f6nne es aber von seiner H\u00f6he aus nicht nachpr\u00fcfen. Nat\u00fcrlich gr\u00fc\u00dfen wir ihn nicht, aber doch m\u00f6chte man bei seinem Anblick fast glauben, es sei etwas Ungeheures, Kanzleidiener der Bergdirektion zu sein. Hinter ihm lachen wir allerdings, aber da auch ein Donnerschlag ihn nicht veranlassen k\u00f6nnte, sich umzudrehen, bleibt er doch als etwas Unverst\u00e4ndliches in unserer Achtung.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute wird wenig mehr gearbeitet; die Unterbrechung war zu ausgiebig; ein solcher Besuch nimmt alle Gedanken an Arbeit mit sich fort. Allzu verlockend ist es, den Herren in das Dunkel des Probestollens nachzublicken, in dem sie alle verschwunden sind. Auch geht unsere Arbeitsschicht bald zu Ende; wir werden die R\u00fcckkehr der Herren nicht mehr mit ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Brudermord Ein Brudermord<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist erwiesen, da\u00df der Mord auf folgende Weise erfolgte:<\/p>\n\n\n\n<p>Schmar, der M\u00f6rder, stellte sich gegen neun Uhr abends in der mondklaren Nacht an jener Stra\u00dfenecke auf, wo Wese, das Opfer, aus der Gasse, in welcher sein B\u00fcro lag, in jene Gasse einbiegen mu\u00dfte, in der er wohnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kalte, jeden durchschauernde Nachtluft. Aber Schmar hatte nur ein d\u00fcnnes blaues Kleid angezogen; das R\u00f6ckchen war \u00fcberdies aufgekn\u00f6pft. Er f\u00fchlte keine K\u00e4lte; auch war er immerfort in Bewegung. Seine Mordwaffe, halb Bajonett, halb K\u00fcchenmesser, hielt er ganz blo\u00dfgelegt immer fest im Griff. Betrachtete das Messer gegen das Mondlicht; die Schneide blitzte auf, nicht genug f\u00fcr Schmar; er hieb mit ihr gegen die Backsteine des Pflasters, da\u00df es Funken gab; bereute es vielleicht; und um den Schaden gutzumachen, strich er mit ihr violinbogenartig \u00fcber seine Stiefelsohle, w\u00e4hrend er, auf einem Bein stehend, vorgebeugt, gleichzeitig dem Klang des Messers an seinem Stiefel, gleichzeitig in die schicksalsvolle Seitengasse lauschte.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum duldete das alles der Private Pallas, der in der N\u00e4he aus seinem Fenster im zweiten Stockwerk alles beobachtete? Ergr\u00fcnde die Menschennatur! Mit hochgeschlagenem Kragen, den Schlafrock um den weiten Leib geg\u00fcrtet, kopfsch\u00fcttelnd, blickte er hinab.<\/p>\n\n\n\n<p>Und f\u00fcnf H\u00e4user weiter, ihm schr\u00e4g gegen\u00fcber, sah Frau Wese, den Fuchspelz \u00fcber ihrem Nachthemd, nach ihrem Manne aus, der heute ungew\u00f6hnlich lange z\u00f6gerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich ert\u00f6nt die T\u00fcrglocke vor Weses B\u00fcro, zu laut f\u00fcr eine T\u00fcrglocke, \u00fcber die Stadt hin, zum Himmel auf, und Wese, der flei\u00dfige Nachtarbeiter, tritt dort, in dieser Gasse noch unsichtbar, nur durch das Glockenzeichen angek\u00fcndigt, aus dem Haus; gleich z\u00e4hlt das Pflaster seine ruhigen Schritte.<\/p>\n\n\n\n<p>Pallas beugt sich weit hervor; er darf nichts vers\u00e4umen. Frau Wese schlie\u00dft, beruhigt durch die Glocke, klirrend ihr Fenster. Schmar aber kniet nieder; da er augenblicklich keine anderen Bl\u00f6\u00dfen hat, dr\u00fcckt er nur Gesicht und H\u00e4nde gegen die Steine; wo alles friert, gl\u00fcht Schmar.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade an der Grenze, welche die Gassen scheidet, bleibt Wese stehen, nur mit dem Stock st\u00fctzt er sich in die jenseitige Gasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Laune. Der Nachthimmel hat ihn angelockt, das Dunkelblaue und das Goldene. Unwissend blickt er es an, unwissend streicht er das Haar unter dem gel\u00fcpften Hut; nichts r\u00fcckt dort oben zusammen, um ihm die allern\u00e4chste Zukunft anzuzeigen; alles bleibt an seinem unsinnigen, unerforschlichen Platz. An und f\u00fcr sich sehr vern\u00fcnftig, da\u00df Wese weitergeht, aber er geht ins Messer des Schmar.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWese!\u00ab schreit Schmar, auf den Fu\u00dfspitzen stehend, den Arm aufgereckt, das Messer scharf gesenkt. \u00bbWese! Vergebens wartet Julia! \u00ab Und rechts in den Hals und links in den Hals und drittens tief in den Bauch sticht Schmar. Wasserratten, aufgeschlitzt, geben einen \u00e4hnlichen Laut von sich wie Wese.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbGetan\u00ab, sagt Schmar und wirft das Messer, den \u00fcberfl\u00fcssigen blutigen Ballast, gegen die n\u00e4chste Hausfront. \u00bbSeligkeit des Mordes! Erleichterung, Befl\u00fcgelung durch das Flie\u00dfen des fremden Blutes! Wese, alter Nachtschatten, Freund, Bierbankgenosse, versickerst im dunklen Stra\u00dfengrund. Warum bist du nicht einfach eine mit Blut gef\u00fcllte Blase, da\u00df ich mich auf dich setzte und du verschw\u00e4ndest ganz und gar. Nicht alles wird erf\u00fcllt, nicht alle Bl\u00fctentr\u00e4ume reiften, dein schwerer Rest liegt hier, schon unzug\u00e4nglich jedem Tritt. Was soll die stumme Frage, die du damit stellst?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Pallas, alles Gift durcheinanderw\u00fcrgend in seinem Leib, steht in seiner zweifl\u00fcgelig aufspringenden Haust\u00fcr. \u00bbSchmar! Schmar! Alles bemerkt, nichts \u00fcbersehen.\u00ab Pallas und Schmar pr\u00fcfen einander. Pallas befriedigt&#8217;s, Schmar kommt zu keinem Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Wese mit einer Volksmenge zu ihren beiden Seiten eilt mit vor Schrecken ganz gealtertem Gesicht herbei. Der Pelz \u00f6ffnet sich, sie st\u00fcrzt \u00fcber Wese, der nachthemdbekleidete K\u00f6rper geh\u00f6rt ihm, der \u00fcber dem Ehepaar sich wie der Rasen eines Grabes schlie\u00dfende Pelz geh\u00f6rt der Menge.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmar, mit M\u00fche die letzte \u00dcbelkeit verbei\u00dfend, den Mund an die Schulter des Schutzmannes gedr\u00fcckt, der leichtf\u00fc\u00dfig ihn davonf\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hohe Herren von der Akademie! Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht \u00fcber mein \u00e4ffisches Vorleben einzureichen. In diesem Sinne kann ich leider der Aufforderung nicht nachkommen. Nahezu f\u00fcnf Jahre trennen mich vom Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht am Kalender gemessen, unendlich lang aber durchzugaloppieren, so wie ich es getan habe, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pagelayer_contact_templates":[],"_pagelayer_content":"","footnotes":""},"categories":[38],"tags":[],"class_list":["post-213","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-contos"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/213","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=213"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/213\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":223,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/213\/revisions\/223"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=213"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=213"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=213"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}