{"id":337,"date":"2026-09-14T00:02:39","date_gmt":"2026-09-14T00:02:39","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?p=337"},"modified":"2026-09-14T00:02:39","modified_gmt":"2026-09-14T00:02:39","slug":"man-darf-nicht-sagen-1906","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/2026\/09\/14\/man-darf-nicht-sagen-1906\/","title":{"rendered":"&#8220;Man darf nicht sagen:\u2026&#8221; (1906)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man darf nicht sagen: Nur die neue Vorstellung erweckt \u00e4sthetische Freude, sondern jede Vorstellung, die nicht in die Sph\u00e4re des Willens f\u00e4llt, erweckt \u00e4sthetische Freude. Sagt man es aber doch dann w\u00fcrde es bedeuten nur eine neue Vorstellung k\u00f6nnen wir derart aufnehmen, da\u00df unsere Willenssph\u00e4re nicht ber\u00fchrt wird, nun ist es aber sicher, da\u00df es neue Vorstellungen gibt welche wir nicht \u00e4sthetisch werten, welchen Theil der neuen Vorstellungen werten wir also \u00e4sthetisch? Die Frage bleibt. b Es w\u00e4re nothwendig, die &#8220;\u00e4sthetische Apperception&#8221; einen bisher vielleicht nicht eingef\u00fchrten Ausdruck ausf\u00fchrlicher oder eigentlich \u00fcberhaupt zu erkl\u00e4ren. Wie entsteht jenes Lustgef\u00fchl und worin besteht seine Eigenart, wodurch unterscheidet es sich von der Freude \u00fcber eine neue Entdeckung oder \u00fcber Nachrichten aus einem fremden Land oder Wissensgebiet. c Der haupts\u00e4chliche Beweis f\u00fcr die neue Ansicht ist eine allgemeine physiologische nicht nur \u00e4sthetische Thatsache und das ist die Erm\u00fcdung. Nun ergiebt sich einerseits aus Deinen vielen Einschr\u00e4nkungen des Begriffes &#8220;neu&#8221; da\u00df eigentlich alles neu ist, denn da alle Gegenst\u00e4nde in immer wechselnder Zeit und Beleuchtung stehn und wir Zuschauer nicht anders, so m\u00fcssen wir ihnen immer an einem andern Orte begegnen. Anderseits aber erm\u00fcden wir nicht nur beim Genie\u00dfen der Kunst sondern auch beim Lernen und Bergsteigen und Mittagessen ohne da\u00df wir sagen d\u00fcrften, Kalbfleisch sei keine uns entsprechende Speise mehr, weil wir heute ihrer m\u00fcde sind. Vor allem aber w\u00e4re es unrecht zu sagen, da\u00df es nur dieses doppelte Verh\u00e4ltnis zur Kunst gebe. Lieber also: der Gegenstand schwebt \u00fcber der \u00e4sthetischen Kante und M\u00fcdigkeit (die es eigentlich nur zur Liebhaberei der knapp vorhergehenden Zeit giebt), also: der Gegenstand hat das Gleichgewicht verloren undzwar im \u00fcblen Sinn. Und doch dr\u00e4ngt Deine Folgerung zum Arrangieren dieses Gegensatzes, denn Apperception ist kein Zustand, sondern eine Bewegung also mu\u00df sie sich vollenden. Es entsteht ein wenig L\u00e4rm, dazwischen dieses bedr\u00e4ngte Lustgef\u00fchl, aber bald mu\u00df allesin seinen geh\u00f6hlten Lagern ruhen. d giebt es einen Unterschied zwischen \u00e4sthetischen und wissenschaftlichen Menschen. e Das Unsichere bleibt der Begriff &#8220;Apperception&#8221;. So wie wir ihn kennen, ist es kein Begriff der \u00c4sthetik. Vielleicht l\u00e4\u00dft es sich so darstellen. Wir sagen ich bin ein Mensch ganz ohne Ortsgef\u00fchl und komme nach Prag als einer fremden Stadt. Ich will Dir nun schreiben, kenne aber Deine Adresse nicht, ich frage Dich, Du sagst sie mir, ich appercipiere das und brauche Dich niemals mehr zu fragen, Deine Adresse ist f\u00fcr mich etwas &#8220;Altes&#8221;, so appercipieren wir die Wissenschaft. Will ich Dich aber besuchen so mu\u00df ich bei jeder Ecke und Kreuzung immer, immer fragen, niemals werde ich die Passanten entbehren k\u00f6nnen, eine Apperception ist hier \u00fcberhaupt unm\u00f6glich. Nat\u00fcrlich ist es m\u00f6glich da\u00df ich m\u00fcde werde und ins Kaffeehaus eintrete, das am Wege liegt um mich dort auszuruhn und es ist auch m\u00f6glich, da\u00df ich den Besuch \u00fcberhaupt aufgebe, deshalb aber habe ich immer noch nicht appercipiert. &#8220;So erkl\u00e4rt sich zwanglos&#8230;&#8221; das darf nicht wundern denn schon vom Anfang an wird vorgreifend alles gezwungen sich an die Apperception zu halten wie an ein Gel\u00e4nder. &#8220;Aus derselben Theorie erkl\u00e4rt..&#8221; das ist ein Kunstst\u00fcckchen. Auf diesen Satz folgt n\u00e4mlich soweit ich es \u00fcberblicke ihr einziger Beweis, den Du also zuerst und nicht als Folgerung erfahren mu\u00dftest. &#8220;Man h\u00fctet sich instinktiv \u2013 &#8221; der Satz ist ein Verr\u00e4ther<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man darf nicht sagen: Nur die neue Vorstellung erweckt \u00e4sthetische Freude, sondern jede Vorstellung, die nicht in die Sph\u00e4re des Willens f\u00e4llt, erweckt \u00e4sthetische Freude. 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