{"id":339,"date":"2026-09-14T00:02:57","date_gmt":"2026-09-14T00:02:57","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?p=339"},"modified":"2026-09-14T00:02:57","modified_gmt":"2026-09-14T00:02:57","slug":"hochzeitsvorbereitungen-auf-dem-lande-1906-1909","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/2026\/09\/14\/hochzeitsvorbereitungen-auf-dem-lande-1906-1909\/","title":{"rendered":"&#8220;Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande&#8221; (1906-1909)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">&#8220;Fassung A&#8221;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Eduard Raban durch den Flurgang kommend, in die \u00d6ffnung des Thores trat sah er, da\u00df es regnete. Es regnete wenig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Trottoir gleich vor ihm gab es viele Menschen in verschiedenartigem Schritt. Manchmal trat einer vor und durchquerte die Fahrbahn. Ein kleines M\u00e4dchen hielt in den vorgestreckten H\u00e4nden ein m\u00fcdes H\u00fcndchen. Zwei Herren machten einander Mittheilungen, der eine hielt die H\u00e4nde mit der innern Fl\u00e4che nach oben und bewegte sie gleichm\u00e4\u00dfig als halte er eine Last in Schwebe. Da erblickte man eine Dame, deren Hut viel beladen war mit B\u00e4ndern, Spangen und Blumen. Und es eilte ein junger Mensch mit d\u00fcnnem Stock vor\u00fcber, die linke Hand als w\u00e4re sie gel\u00e4hmt platt auf der Brust. Ab und zu kamen M\u00e4nner welche rauchten und kleine aufrechte l\u00e4ngliche Wolken vor sich her trugen. Drei Herren \u2013 zwei hielten leichte \u00dcberr\u00f6cke auf dem geknickten Unterarm \u2013 giengen oft von der H\u00e4usermauer zum Rande des Trottoirs vor, betrachteten das was sich dort ereignete und zogen dann sprechend sich wieder zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch die L\u00fccken zwischen den Vor\u00fcbergehenden sah man die regelm\u00e4\u00dfig gef\u00fcgten Steine der Fahrbahn. Da wurden Wagen auf zarten hohen R\u00e4dern von Pferden mit gestreckten H\u00e4lsen gezogen. Die Leute, welche in den gepolsterten Sitzen lehnten sahen schweigend die Fu\u00dfg\u00e4nger, die L\u00e4den, die Balkone und den Himmel. Sollte ein Wagen einem andern vorfahren, dann pre\u00dften sich die Pferde aneinander und das Riemenzeug hieng baumelnd. Die Tiere rissen an der Deichsel, der Wagen rollte eilig schaukelnd, bis der Bogen um den vordern Wagen vollendet war und die Pferde wieder auseinander traten, nur die schmalen ruhigen K\u00f6pfe einander zugeneigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einige Leute kamen rasch auf das Hausthor zu, auf dem trockenen Mosaik blieben sie stehn, wandten sich langsam um. Und schauten dann in den Regen der eingezw\u00e4ngt in diese enge Gasse verworren fiel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban f\u00fchlte sich m\u00fcde. Seine Lippen waren so bla\u00df wie das ausgebleichte Roth seiner dicken Kravatte, die ein maurisches Muster zeigte. Die Dame bei dem Th\u00fcrstein dr\u00fcben sah jetzt auf ihn. Sie that es gleichg\u00fcltig und au\u00dferdem sah sie vielleicht nur auf den Regenfall vor ihm oder auf die kleinen Firmaschildchen, die \u00fcber seinem Haar an der Th\u00fcr befestigt waren. Raban glaubte sie schaue verwundert. &#8220;Also&#8221;, dachte er, wenn ich es ihr erz\u00e4hlen k\u00f6nnte w\u00fcrde sie gar nicht staunen. Man arbeitet so \u00fcbertrieben im Amt, da\u00df man dann sogar zu m\u00fcde ist, um seine Ferien gut zu genie\u00dfen. Aber durch alle Arbeit erlangt man noch keinen Anspruch darauf, von allen mit Liebe behandelt zu werden, vielmehr ist man allen g\u00e4nzlich fremd. Und solange Du &#8220;man&#8221; sagst an Stelle von &#8220;ich&#8221;, ist es nichts und man kann diese Geschichte aufsagen, sobald Du aber Dir eingestehst da\u00df Du selbst es bist, dann wirst Du f\u00f6rmlich durchbohrt und bist entsetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er stellte den mit gew\u00fcrfeltem Tuch ben\u00e4hten Handkoffer nieder und beugte dabei die Knie ein. Schon rann das Regenwasser an der Kante der Fahrbahn in Streifen, die sich zu den tiefer gelegenen Kan\u00e4len fast spannten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich aber selbst unterscheide zwischen &#8220;man&#8221; und &#8220;ich&#8221;, wie darf ich mich dann \u00fcber die andern beklagen. Sie sind wahrscheinlich nicht ungerecht, aber ich bin zu m\u00fcde um alles einzusehn. Ich bin sogar zu m\u00fcde, um ohne Anstrengung den Weg zum Bahnhof zu gehn, der doch kurz ist. Warum bleibe ich also diese kleinen Ferien \u00fcber nicht in der Stadt, um mich zu erholen. Ich bin doch unvern\u00fcnftig. \u2013 Diese Reise wird mich krank machen, ich wei\u00df es wohl. Mein Zimmer wird nicht gen\u00fcgend bequem sein, das ist auf dem Land nicht anders m\u00f6glich. Kaum sind wir auch in der ersten H\u00e4lfte des Juni, die Luft auf dem Lande ist oft noch sehr k\u00fchl. Zwar bin ich vorsichtig gekleidet, aber ich werde mich selbst Leuten anschlie\u00dfen m\u00fcssen, die sp\u00e4t am Abend spazieren. Es sind dort Teiche, man wird entlang der Teiche spazieren gehn. Da werde ich mich sicher erk\u00e4lten. Dagegen werde ich mich bei den Gespr\u00e4chen wenig hervorthun. Ich werde den Teich nicht mit andern Teichen in einem entfernten Land vergleichen k\u00f6nnen, denn ich bin nie gereist und um vom Mond zu reden und Seligkeit zu empfinden und schw\u00e4rmend auf Schutthaufen zu steigen, dazu bin ich doch zu alt, um nicht ausgelacht zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Leute giengen mit etwas tief gehaltenen K\u00f6pfen vor\u00fcber, \u00fcber denen sie lose die dunklen Schirme trugen. Ein Lastwagen fuhr auch vor\u00fcber, auf dessen mit Stroh gef\u00fclltem Kutschersitz ein Mann so nachl\u00e4ssig die Beine streckte, da\u00df ein Fu\u00df fast die Erde ber\u00fchrte, w\u00e4hrend der andere gut auf Stroh und Fetzen lag. Es sah aus, als sitze er bei sch\u00f6nem Wetter in einem Felde. Doch hielt er aufmerksam die Z\u00fcgel, da\u00df sich der Wagen, auf dem Eisenstangen an einander schlugen, gut durch das Gedr\u00e4nge drehte. Auf der Erde sah man in der N\u00e4sse den Widerschein des Eisens von Steinreihen zu Steinreihen in Windungen und langsam gleiten. Der kleine Junge bei der Dame gegen\u00fcber war gekleidet wie ein alter Weinbauer. Sein faltiges Kleid machte unten einen gro\u00dfen Kreis und war nur fast schon unter den Achseln von einem Lederriemen umfa\u00dft. Seine halbkugelige M\u00fctze reichte bis zu den Brauen und lie\u00df von der Spitze aus eine Quaste bis zum linken Ohr hinunterh\u00e4ngen. Der Regen freute ihn. Er lief aus dem Thor und schaute mit offenen Augen zum Himmel, um mehr Regen abzufangen. Er sprang oft hoch, so da\u00df das Wasser viel spritzte und Vor\u00fcbergehende ihn sehr tadelten. Da rief ihn die Dame und hielt ihn fortan mit der Hand; doch weinte er nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban erschrak da. War es nicht schon sp\u00e4t? Da er \u00dcberzieher und Rock offen trug, griff er rasch nach seiner Uhr. Sie gieng nicht. Verdrie\u00dflich fragte er einen Nachbarn, der ein wenig tiefer im Flur stand, nach der Zeit. Der f\u00fchrte ein Gespr\u00e4ch und noch in dem Gel\u00e4chter das dazu geh\u00f6rte sagte er: &#8220;Bitte, vier Uhr vor\u00fcber&#8221; und wandte sich ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban spannte schnell sein Schirmtuch auf und nahm seinen Koffer in die Hand. Als er aber auf die Stra\u00dfe treten wollte, wurde ihm der Weg versperrt durch einige eilende Frauen, die er also noch vor\u00fcberlie\u00df. Er sah dabei auf den Hut eines kleinen M\u00e4dchens nieder, der aus rothgef\u00e4rbtem Stroh geflochten auf dem gewellten Rande ein gr\u00fcnes Kr\u00e4nzchen trug.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch hatte er es in der Erinnerung, als er schon auf der Stra\u00dfe war, die ein wenig anstieg in der Richtung in die er gehen wollte. Dann verga\u00df er es, denn er mu\u00dfte sich jetzt ein wenig bem\u00fchn; das K\u00f6fferchen war ihm nicht leicht und der Wind blies ihm ganz entgegen, machte den Rock wehen und dr\u00fcckte die Schirmdr\u00e4hte vorne ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er mu\u00dfte tiefer athmen; eine Uhr auf einem nahen Platz schlug ein viertel auf f\u00fcnf in der Tiefe; er sah unter dem Schirm die leichten kurzen Schritte der Leute, die ihm entgegen kamen, gebremste Wagenr\u00e4der knirschten, sich langsamer drehend, die Pferde streckten ihre d\u00fcnnen Vorderbeine gewagt wie Gemsen im Gebirge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da schien es Raban, er werde auch noch die lange schlimme Zeit der n\u00e4chsten vierzehn Tage \u00fcberstehn. Denn es sind nur vierzehn Tage, also eine begrenzte Zeit und wenn auch die \u00c4rgernisse immer gr\u00f6\u00dfer werden, so vermindert sich doch die Zeit, w\u00e4hrend welcher man sie ertragen mu\u00df. Daf\u00fcr w\u00e4chst der Muth ohne Zweifel. Alle die mich qu\u00e4len wollen und die jetzt den ganzen Raum um mich besetzt haben, werden ganz allm\u00e4hlich durch den g\u00fctigen Ablauf dieser Tage zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, ohne da\u00df ich ihnen auch nur im geringsten helfen m\u00fc\u00dfte. Und ich kann, wie es sich als nat\u00fcrlich ergeben wird, schwach und still sein und alles mit mir ausf\u00fchren lassen und doch mu\u00df alles gut werden nur durch die verflie\u00dfenden Tage.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und \u00fcberdies kann ich es nicht machen, wie ich es immer als Kind bei gef\u00e4hrlichen Gesch\u00e4ften machte. Ich brauche nicht einmal selbst aufs Land fahren, das ist nicht n\u00f6thig. Ich schicke meinen angekleideten K\u00f6rper nur. Also ich schicke diesen angekleideten K\u00f6rper. Wankt er zur Th\u00fcr meines Zimmers hinaus, so zeigt das Wanken nicht Furcht sondern seine Nichtigkeit. Es ist auch nicht Aufregung, wenn er \u00fcber die Treppen stolpert, wenn er schluchzend aufs Land f\u00e4hrt und weinend dort sein Nachtmahl i\u00dft. Denn ich, ich liege inzwischen in meinem Bett, glatt zugedeckt mit gelbbrauner Decke, ausgesetzt der Luft, die durch das wenig ge\u00f6ffnete Fenster weht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe wie ich im Bett liege die Gestalt eines gro\u00dfen K\u00e4fers, eines Hirschk\u00e4fers oder eines Maik\u00e4fers glaube ich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor einer Auslage, in der auf St\u00e4bchen kleine Herrenh\u00fcte hinter einer nassen gl\u00e4sernen Scheibe hiengen, blieb er stehn und schaute, die Lippen gespitzt, in sie. Nun, mein Hut wird f\u00fcr die Ferien noch reichen, dachte er und gieng weiter, und wenn mich niemand meines Hutes halber leiden kann, dann ist es desto besser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eines K\u00e4fers gro\u00dfe Gestalt, ja. Ich stellte es dann so an als handle es sich um einen Winterschlaf und ich pre\u00dfte meine Beinchen an meinen gebauchten Leib. Und ich lisple eine kleine Zahl Worte, das sind Anordnungen an meinen traurigen K\u00f6rper, der knapp bei mir steht und gebeugt ist. Bald bin ich fertig, er verbeugt sich, er geht fl\u00fcchtig und alles wird er aufs beste vollf\u00fchren, w\u00e4hrend ich ruhe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er erreichte ein freistehendes, sich rundw\u00f6lbendes Thor, das auf der H\u00f6he der steilen Gasse auf einen kleinen Platz f\u00fchrte, der von vielen, schon beleuchteten Gesch\u00e4ften umgeben war. In der Mitte des Platzes, durch das Licht am Rande etwas verdunkelt, stand das niedrige Denkmal eines sitzenden nachdenklichen Mannes. Die Leute bewegten sich wie schmale Blendscheiben vor den Lichtern und da die Pf\u00fctzen allen Glanz weit und tief ausbreiteten, \u00e4nderte sich der Anblick des Platzes unaufh\u00f6rlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban drang wohl weit im Platze vor, wich aber den treibenden Wagen zuckend aus, sprang vom vereinzelten trockenen Stein wieder zu trockenen Steinen und hielt den offenen Schirm in der hocherhobenen Hand, um alles rund herum zu sehn. Bis er bei einer Laternenstange \u2013 einer Haltestelle der elektrischen Bahn \u2013 die auf einen kleinen viereckigen Pflasteraufbau gestellt war, stehen blieb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Lande erwartet man mich doch. Macht man sich nicht schon Gedanken? Aber ich habe ihr die Woche \u00fcber, seit sie auf dem Lande ist, nicht geschrieben, nur heute fr\u00fch. Da stellt man sich schon mein Aussehen am Ende anders vor. Man glaubt vielleicht da\u00df ich losst\u00fcrze wenn ich einen anspreche, doch das ist nicht meine Gewohnheit, oder da\u00df ich umarme wenn ich ankomme, auch das thue ich nicht gern. Ich werde sie b\u00f6se machen, wenn ich versuchen werde, sie zu beg\u00fctigen. Wenn ich sie durchaus b\u00f6se machen k\u00f6nnte, beim Versuch sie zu beg\u00fctigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da fuhr ein offener Wagen nicht schnell vor\u00fcber, hinter seinen zwei brennenden Laternen waren zwei Damen auf dunklem Lederb\u00e4nkchen. Die eine war zur\u00fcckgelehnt und hatte das Gesicht durch einen Schleier und den Schatten ihres Hutes verdeckt. Doch der Oberk\u00f6rper der andern Dame war aufrecht; ihr Hut war klein, ihn begrenzten d\u00fcnne Federn. Jeder konnte sie sehn. Ihre Unterlippe war ein wenig in den Mund gezogen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleich als der Wagen an Raban vor\u00fcber war verstellte irgend eine Stange den Anblick des Handpferdes dieses Wagens, dann wurde irgend ein Kutscher \u2013 der trug einen gro\u00dfen Cylinderhut \u2013 auf einem ungew\u00f6hnlich hohen Bock vor die Damen geschoben \u2013 das war schon viel weiter \u2013 dann fuhr ihr Wagen selbst um die Ecke eines kleinen Hauses, das jetzt auffallend wurde und verschwand dem Blick.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban sah ihm nach mit geneigtem Kopfe, lehnte den Schirmstock an die Schulter, um besser zu sehn. Den Daumen der rechten Hand hatte er in den Mund gesteckt und rieb die Z\u00e4hne daran. Sein Koffer lag neben ihm mit einer Seitenfl\u00e4che auf der Erde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wagen eilten von Gasse zu Gasse \u00fcber den Platz, die Leiber der Pferde flogen wagrecht wie geschleudert, aber das Nicken des Kopfes und des Halses zeigte Schwung und M\u00fche der Bewegung an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ringsum auf den Trottoirkanten aller drei hier zusammentreffenden Stra\u00dfen standen viele Nichtsthuer, die mit kleinen St\u00f6ckchen auf das Pflaster klopften. Zwischen ihren Gruppen waren Th\u00fcrmchen, in denen M\u00e4dchen Limonade ausschenkten, dann schwere Stra\u00dfenuhren auf d\u00fcnnen St\u00e4ben, dann M\u00e4nner, die auf Brust und R\u00fccken gro\u00dfe Tafeln trugen, auf welchen in vielfarbigen Buchstaben Vergn\u00fcgungen angek\u00fcndigt waren, dann Dienstm\u00e4nner, auf gelblichen Sesseln mit einer Abend-<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Es fehlt 1 Blatt)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">eine kleine Gesellschaft. Zwei herrschaftliche Wagen, die quer durch den Platz in die abfallende Gasse fuhren, hielten einige Herren dieser Gesellschaft zur\u00fcck, doch hinter dem zweiten Wagen \u2013 schon hinter dem ersten hatten sie es \u00e4ngstlich versucht \u2013 vereinigten sich diese Herren wieder zu einem Haufen mit den andern, mit denen sie dann in einer langen Reihe das Trottoir betraten und sich in die Th\u00fcre eines Kaffeehauses dr\u00e4ngten, \u00fcberst\u00fcrzt von den Lichtern der Gl\u00fchbirnen, die \u00fcber dem Eingang hiengen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wagen der elektrischen Stra\u00dfenbahn fuhren gro\u00df in der N\u00e4he vor\u00fcber, andere standen weit in den Stra\u00dfen undeutlich still.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wie geb\u00fcckt sie ist&#8221;, dachte Raban, als er das Bild jetzt ansah, &#8220;niemals ist sie eigentlich aufrecht und vielleicht ist ihr R\u00fccken rund. Ich werde viel darauf achten m\u00fcssen. Und ihr Mund ist so breit und die Unterlippe ragt ohne Zweifel hier vor, ja ich erinnere mich jetzt auch daran. Und das Kleid. Nat\u00fcrlich ich verstehe nichts von Kleidern, aber diese ganz knapp gen\u00e4hten \u00c4rmel sind sicher h\u00e4\u00dflich, wie ein Verband sehn sie aus. Und der Hut, dessen Rand an jeder Stelle mit anderer Biegung in die H\u00f6he aus dem Gesichte gehoben ist. Aber ihre Augen sind sch\u00f6n, sie sind braun, wenn ich nicht irre. Alle sagen, da\u00df ihre Augen sch\u00f6n sind. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als nun ein elektrischer Wagen vor Raban hielt, schoben sich um ihn viele Leute der Wagentreppe zu mit wenig ge\u00f6ffneten spitzigen Schirmen, die sie aufrecht in den an die Schulter gepre\u00dften H\u00e4nden hielten. Raban, der den Koffer unter dem Arm hielt, wurde vom Trottoir hinuntergezogen und trat stark in eine unsichtbare Pf\u00fctze. Im Wagen kniete auf der Bank ein Kind und dr\u00fcckte die Fingerspitzen beider H\u00e4nde an die Lippen, als n\u00e4hme es Abschied von jemandem der jetzt davongieng. Einige Passagiere stiegen herunter und mu\u00dften einige Schritte entlang des Wagens gehn, um aus dem Gedr\u00e4nge zu kommen. Dann stieg eine Dame auf die erste Stufe, ihre Schleppe, die sie mit beiden H\u00e4nden hielt, lag knapp \u00fcber ihren Beinen. Ein Herr hielt sich an einer Messingstange des Wagens fest und erz\u00e4hlte, den Kopf gehoben, einiges der Dame. Alle die einsteigen wollten, waren ungeduldig. Der Kondukteur schrie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban, der jetzt am Rande der wartenden Gruppe stand, wandte sich um, denn jemand hatte seinen Namen gerufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ach, Lement&#8221;, sagte er langsam und reichte einem herankommenden jungen Mann den kleinen Finger der Hand, in der er den Schirm hielt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Da ist also der Br\u00e4utigam, der zu seiner Braut f\u00e4hrt. Er sieht schrecklich verliebt aus&#8221;, sagte Lement und lachte dann mit geschlossenem Munde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja Du mu\u00dft verzeihn, da\u00df ich heute fahre&#8221;, sagte Raban. &#8220;Ich habe Dir auch nachmittag geschrieben. Ich w\u00e4re nat\u00fcrlich sehr gerne morgen mit Dir gefahren, aber morgen ist Samstag, alles wird \u00fcberf\u00fcllt sein, die Fahrt ist lang. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das macht ja nichts. Du hast es mir zwar versprochen; aber wenn man verliebt ist \u2013 Ich werde eben allein fahren m\u00fcssen. &#8221; Lement hatte einen Fu\u00df auf das Trottoir, den andern auf das Pflaster gestellt und st\u00fctzte den Oberk\u00f6rper bald auf das eine bald auf das andere Bein. \u2013 &#8220;Du wolltest jetzt in die Elektrische steigen; gerade f\u00e4hrt sie weg. Komm wir gehn zufu\u00df, ich begleite Dich. Es ist noch Zeit genug. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ist nicht schon sp\u00e4t, ich bitte Dich. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es ist kein Wunder, da\u00df Du \u00e4ngstlich bist, aber Du hast wirklich noch Zeit. Ich bin nicht so in der Zeit, deshalb habe ich auch jetzt Gillemann verfehlt. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Gillemann? Wird er nicht auch drau\u00dfen wohnen?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja, er mit seiner Frau, n\u00e4chste Woche wollen sie hinausfahren und deshalb hatte ich eben Gillemann versprochen, ihn heute, wenn er aus dem Bureau kommt zu treffen. Er wollte mir einige Anweisungen betreffs ihrer Wohnungseinrichtung geben, deshalb sollte ich ihn treffen. Nun habe ich mich aber irgendwie versp\u00e4tet, ich hatte Besorgungen. Und gerade als ich nachdachte ob ich nicht in ihre Wohnung gehen sollte, sah ich Dich, war zuerst \u00fcber den Koffer erstaunt und sprach Dich an. Nun ist es aber schon zu sehr abend, um Besuche zu machen, es ist ziemlich unm\u00f6glich noch zu Gillemann hinzugehn. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nat\u00fcrlich, aber das sind also gleich doch Bekannte die ich drau\u00dfen haben werde. Die Frau Gillemann habe ich \u00fcbrigens nie gesehn. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Und die ist sehr sch\u00f6n. Sie ist blond und jetzt nach ihrer Krankheit bla\u00df. Sie hat die sch\u00f6nsten Augen, die ich je gesehen habe. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich bitte Dich, wie sehn sch\u00f6ne Augen aus, nicht wahr, das Auge selbst kann doch nicht sch\u00f6n sein. Ist es der Blick? Ich habe Augen niemals sch\u00f6n gefunden. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Gut, ich habe vielleicht ein wenig \u00fcbertrieben. Sie ist aber eine h\u00fcbsche Frau. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch die Scheibe eines ebenerdigen Kaffeehauses sah man eng beim Fenster um einen dreiseitigen Tisch lesende und essende Herren sitzen; einer hatte eine Zeitung auf den Tisch gesenkt, ein T\u00e4\u00dfchen hielt er erhoben, aus den Augenwinkeln sah er mit gro\u00dfen Augen in die Gasse. Hinter diesen Fenstertischen war in dem gro\u00dfen Saale jedes M\u00f6bel und Ger\u00e4th durch die G\u00e4ste verdeckt, die in kleinen Kreisen nebeneinander sa\u00dfen. Sie sa\u00dfen noch geb\u00fcckt in der Tiefe des Saales wo<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Es fehlt 1 Blatt)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuf\u00e4llig ist es aber kein unangenehmes Gesch\u00e4ft, nicht wahr. Viele w\u00fcrden diese Last auf sich nehmen, meine ich. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie betraten einen ziemlich dunklen Platz, der auf ihrer Stra\u00dfenseite fr\u00fcher begann, denn die gegen\u00fcberliegende ragte weiter. Auf der Seite des Platzes, an der entlang sie weitergiengen, stand ein ununterbrochener H\u00e4userzug, von dessen Ecken aus zwei von einander zuerst weit entfernte H\u00e4userreihen in die unkenntliche Ferne r\u00fcckten, in der sie sich zu vereinigen schienen. Das Trottoir war schmal an den meist kleinen H\u00e4usern, man sah keine Gesch\u00e4ftsl\u00e4den, hier fuhr kein Wagen. Ein eiserner St\u00e4nder, verziert mit Karyatiden in Gr\u00e4sern und unter Bl\u00e4ttern, nahe dem Ende der Gasse aus der sie kamen, trug einige Lampen, die in zwei wagrecht \u00fcbereinander h\u00e4ngenden Ringen befestigt waren. Die trapezf\u00f6rmige Flamme brannte zwischen aneinandergef\u00fcgten Glasplatten unter thurmartigem breiten Deckel wie in einem Zimmerchen und lie\u00df wenige Schritte entferntes Dunkel bestehn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nun aber ist es sicher schon zu sp\u00e4t, Du hast es mir verheimlicht und ich vers\u00e4ume den Zug. Warum&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(2 Bl\u00e4tter fehlen)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja h\u00f6chstens den Pirkershofer, na und der. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Der Name kommt glaube ich in den Briefen der Betty vor, er ist Bahnaspirant, nicht&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja, Bahnaspirant und unangenehmer Mensch. Du wirst mir recht geben, bis Du diese kleine dicke Nase gesehen hast. Ich sage Dir, wenn man mit dem durch die langweiligen Felder geht. \u00dcbrigens ist er schon versetzt und geht, glaube und hoffe ich, n\u00e4chste Woche von dort weg. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Warte, Du hast fr\u00fcher gesagt, Du rathest mir, heute nacht noch hier zu bleiben. Ich habe es \u00fcberlegt, das w\u00fcrde nicht gut gehn. Ich habe doch geschrieben, da\u00df ich heute abend komme, sie werden mich erwarten. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das ist doch einfach, Du telegraphierst. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja, das gienge \u2013 aber es w\u00e4re nicht h\u00fcbsch, wenn ich nicht fahren w\u00fcrde \u2013 auch bin ich m\u00fcde, ich werde doch schon fahren \u2013 wenn ein Telegramm k\u00e4me, w\u00fcrden sie noch erschrecken \u2013 Und wozu das, wohin w\u00fcrden wir auch gehn?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Dann ist es wirklich besser wenn Du f\u00e4hrst \u2013 Ich dachte nur \u2013 Auch k\u00f6nnte ich heute nicht mit Dir gehn, da ich verschlafen bin, das habe ich Dir zu sagen vergessen. Ich werde mich auch schon verabschieden, denn durch den nassen Park will ich Dich nicht mehr begleiten, da ich doch noch zu Gillemanns schauen m\u00f6chte. Es ist dreiviertel sechs, da kann man doch noch Besuche bei guten Bekannten machen. Also Addio, gl\u00fcckliche Reise und gr\u00fc\u00dfe mir alle.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lement wendete sich nach rechts und reichte die rechte Hand zum Abschied hin, so da\u00df er w\u00e4hrend eines Augenblicks gegen seinen ausgestreckten Arm gieng.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Adieu&#8221;, sagte Raban.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus einer kleinen Entfernung rief noch Lement: &#8220;Du, Eduard, h\u00f6rst Du mich, mach doch Deinen Schirm zu, es regnet ja l\u00e4ngst nicht mehr. Ich kam nicht dazu es Dir zu sagen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban antwortete nicht, zog den Schirm zusammen und der Himmel schlo\u00df sich bleich verdunkelt \u00fcber ihm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich wenigstens, dachte Raban, in einen falschen Zug einsteigen w\u00fcrde. Dann w\u00fcrde es mir doch scheinen, als sei das Unternehmen schon begonnen und wenn ich sp\u00e4ter nach Aufkl\u00e4rung des Irrthums zur\u00fcckfahrend wieder in diese Station k\u00e4me, dann w\u00e4re mir schon viel wohler. Ist aber endlich die Gegend dort langweilig, wie Lement sagt, so mu\u00df das keineswegs ein Nachtheil sein. Sondern man wird sich mehr in den Zimmern aufhalten und eigentlich niemals bestimmt wissen, wo alle andern sind, denn ist eine Ruine in der Umgebung, so macht man wohl einen gemeinsamen Spaziergang zu dieser Ruine, wie man es schon einige Zeit vorher sicher verabredet hat. Dann aber mu\u00df man sich darauf freuen, deshalb darf man es nicht vers\u00e4umen. Giebt es aber keine solche Sehensw\u00fcrdigkeit, dann gibt es vorher auch keine Besprechung, denn man erwartet, es werden sich schon alle leicht zusammenfinden, wenn man pl\u00f6tzlich gegen aller Gewohnheit einen gr\u00f6\u00dfern Ausflug f\u00fcr gut h\u00e4lt, denn man braucht nur das M\u00e4dchen in die Wohnung der andern schicken, wo sie vor einem Brief oder vor B\u00fcchern sitzen und entz\u00fcckt durch diese Nachricht werden. Nun, gegen solche Einladungen sich zu sch\u00fctzen ist nicht schwer. Und doch wei\u00df ich nicht ob ich es k\u00f6nnen werde, denn es ist nicht so leicht, wie ich es mir denke, da ich noch allein bin und noch alles thun kann, noch zur\u00fcckgehen kann wenn ich will. Denn ich werde dort niemanden haben dem ich Besuche machen k\u00f6nnte, wann ich will und niemanden mit dem ich beschwerlichere Ausfl\u00fcge machen k\u00f6nnte, der mir dort den Stand seines Getreides zeigte oder einen Steinbruch, den er dort betreiben l\u00e4\u00dft. Denn selbst alter Bekannter ist man gar nicht sicher. War nicht Lement heute freundlich zu mir, er hat mir doch einiges erkl\u00e4rt und er hat alles so dargestellt wie es mir erscheinen wird. Er hat mich angesprochen und mich dann begleitet, trotzdem er nichts von mir erfahren wollte und selbst ein anderes Gesch\u00e4ft noch hatte. Jetzt aber ist er unversehens weggegangen, und doch habe ich ihn mit keinem Worte kr\u00e4nken k\u00f6nnen. Ich habe mich zwar geweigert den Abend in der Stadt zu verbringen, aber das war doch nat\u00fcrlich, das kann ihn nicht beleidigt haben, denn er ist ein vern\u00fcnftiger Mensch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bahnhofsuhr schlug, es war dreiviertel sechs. Raban blieb stehn, weil er Herzklopfen versp\u00fcrte, dann gieng er rasch den Parkteich entlang, kam in einen schmalen, schlecht beleuchteten Weg zwischen gro\u00dfen Str\u00e4uchern, st\u00fcrzte in einen Platz, auf dem viele leere B\u00e4nke an B\u00e4umchen gelehnt standen, lief dann langsamer durch eine \u00d6ffnung im Gitter auf die Stra\u00dfe, durchquerte sie, sprang in die Bahnhofsth\u00fcre, fand den Schalter nach einem Weilchen und mu\u00dfte ein wenig an den Blechverschlu\u00df klopfen. Dann sah der Beamte heraus, sagte es sei doch h\u00f6chste Zeit, nahm die Banknote und warf laut die verlangte Karte und kleines Geld auf das Brett. Nun wollte Raban rasch nachrechnen, da er dachte er m\u00fcsse mehr herausbekommen, aber ein Diener, der in der N\u00e4he gieng, trieb ihn durch eine gl\u00e4serne Th\u00fcr auf den Bahnsteig. Raban sah sich dort um, w\u00e4hrend er dem Diener &#8220;danke danke&#8221; zurief und da er keinen Kondukteur fand, stieg er allein die n\u00e4chste Waggontreppe hinauf, indem er den Koffer immer auf die h\u00f6here Stufe stellte und dann selbst nachkam, mit der einen Hand auf den Schirm gest\u00fctzt und die andere am Griff des Koffers. Der Waggon, den er betrat, war hell durch das viele Licht der Bahnhofshalle in der er stand; vor mancher Scheibe, alle waren bis in die H\u00f6he geschlossen, hieng nahe sichtbar eine rauschende Bogenlampe und die vielen Regentropfen am Fensterglase waren wei\u00df, oft bewegten sich einzelne. Raban h\u00f6rte den L\u00e4rm vom Bahnsteig her, auch als er die Waggonth\u00fcre geschlossen hatte und sich auf das letzte freie St\u00fcckchen einer hellbraunen Holzbank setzte. Er sah viele R\u00fccken und Hinterk\u00f6pfe und zwischen ihnen immer die zur\u00fcckgelehnten Gesichter auf der gegen\u00fcberliegenden Bank. An einigen Stellen drehte sich Rauch aus Pfeifen und Zigarren und zog einmal schlaff am Gesichte eines M\u00e4dchens vor\u00fcber. Oft \u00e4nderten die Passagiere ihren Sitz und besprachen diese \u00c4nderung mit einander oder sie \u00fcbertrugen ihr Gep\u00e4ck, das in einem schmalen blauen Netz \u00fcber einer Bank lag, in ein anderes. Ragte ein Stock oder die beschlagene Kante eines Koffers vor, dann wurde der Besitzer darauf aufmerksam gemacht. Er gieng dann hin und stellte die Ordnung wieder her. Auch Raban besann sich und schob seinen Koffer unter seinen Sitz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu seiner linken Seite bei dem Fenster sa\u00dfen einander gegen\u00fcber zwei Herren und sprachen \u00fcber Warenpreise. &#8220;Das sind Gesch\u00e4ftsreisende&#8221;, dachte Raban und regelm\u00e4\u00dfig athmend sah er sie an. Der Kaufmann schickt sie auf das Land, sie folgen, sie fahren mit der Eisenbahn und in jedem Dorf gehn sie von Gesch\u00e4ft zu Gesch\u00e4ft. Manchmal fahren sie im Wagen zwischen den D\u00f6rfern. Nirgends m\u00fcssen sie sich lange aufhalten, denn alles soll rasch geschehn und immer m\u00fcssen sie nur von Waren reden. Mit welcher Freude kann man sich dann anstrengen in einem Berufe, der so angenehm ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der J\u00fcngere hatte ein Notizbuch aus der hintern Hosentasche mit einem Ruck gezogen, bl\u00e4tterte darin mit rasch an der Zunge befeuchtetem Zeigefinger und las dann eine Seite durch, w\u00e4hrend er den R\u00fccken des Fingernagels an ihr hinunterzog. Er sah Raban an, als er aufblickte und drehte auch, als er jetzt \u00fcber Zwirnpreise redete, das Gesicht von Raban nicht ab, wie man irgendwohin fest blickt, um nichts von dem zu vergessen, was man sagen will. Er pre\u00dfte dabei die Brauen gegen seine Augen. Das halbgeschlossene Notizbuch hielt er in der linken Hand, den Daumen auf der gelesenen Seite, um leicht nachschauen zu k\u00f6nnen, wenn er es n\u00f6thig h\u00e4tte. Dabei zitterte das Notizbuch, denn er st\u00fctzte diesen Arm nirgends auf und der fahrende Wagen schlug auf die Schienen wie ein Hammer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der andere Reisende hatte seinen R\u00fccken angelehnt, h\u00f6rte zu und nickte in ungleichen Pausen mit dem Kopfe. Es war zu sehen, da\u00df er keineswegs mit allem \u00fcbereinstimmte und sp\u00e4ter seine Meinung sagen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban legte die geh\u00f6hlten Handfl\u00e4chen auf seine Knie und sich vorbeugend sah er zwischen den K\u00f6pfen der Reisenden das Fenster und durch das Fenster Lichter die vor\u00fcber und andere die zur\u00fcck in die Ferne flogen. Von der Rede des Reisenden verstand er nichts, auch die Antwort des andern w\u00fcrde er nicht verstehn. Da w\u00e4re erst gro\u00dfe Vorbereitung n\u00f6thig, denn hier sind Leute die von ihrer Jugend an mit Waren sich besch\u00e4ftigt haben. Hat man aber eine Zwirnspule so oft schon in der Hand gehabt und sie so oft der Kundschaft \u00fcberreicht, dann kennt man den Preis und kann dar\u00fcber reden. Kann dar\u00fcber reden, w\u00e4hrend D\u00f6rfer uns entgegenkommen und vor\u00fcbereilen, w\u00e4hrend sie zugleich sich in die Tiefe des Landes wenden, wo sie f\u00fcr uns verschwinden m\u00fcssen. Und doch sind diese D\u00f6rfer bewohnt und vielleicht gehn dort Reisende von Gesch\u00e4ft zu Gesch\u00e4ft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor der Waggonecke am andern Ende stand ein gro\u00dfer Mann auf, in der Hand hielt er Spielkarten und rief: &#8220;Du, Marie, hast Du auch die Zefierhemden miteingepackt?&#8221; &#8220;Aber ja&#8221;, sagte das Weib das gegen\u00fcber Raban sa\u00df. Sie hatte ein wenig geschlafen und als die Frage sie jetzt weckte, antwortete sie so vor sich hin, als ob sie es Raban sagte. &#8220;Sie fahren auf den Markt nach Jungbunzlau, nicht? &#8221; fragte sie der lebhafte Reisende. &#8220;Ja, nach Jungbunzlau. &#8221; &#8220;Diesmal ist es ein gro\u00dfer Markt, nicht wahr. &#8221; &#8220;Ja, ein gro\u00dfer Markt. &#8221; Sie war schl\u00e4frig, sie st\u00fctzte den linken Ellbogen auf ein blaues B\u00fcndel und ihr Kopf legte sich schwer gegen ihre Hand, die sich durch das Fleisch der Wange bis an den Wangenknochen dr\u00fcckte. &#8220;Wie jung sie ist&#8221;, sagte der Reisende.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban nahm das Geld, das er vom Kassier erhalten hatte, aus der Westentasche und \u00fcberz\u00e4hlte es. Er hielt jedes Geldst\u00fcck lange aufrecht zwischen Daumen und Zeigefinger fest und drehte es auch mit der Spitze des Zeigefingers auf der Innenseite des Daumens hin und her. Er sah lange das Bild des Kaisers an, dann fiel ihm der Lorbeerkranz auf und wie er mit Knoten und Schleifen eines Bandes am Hinterkopf befestigt war. Endlich fand er, da\u00df die Summe richtig sei und legte das Geld in ein gro\u00dfes schwarzes Portemonnaie. Als er aber nun dem Reisenden sagen wollte: &#8220;Das ist ein Ehepaar, meinen Sie nicht&#8221; hielt der Zug, der L\u00e4rm der Fahrt h\u00f6rte auf, Schaffner riefen den Namen eines Ortes und Raban sagte nichts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Zug fuhr so langsam an, da\u00df man sich die Umdrehung der R\u00e4der vorstellen konnte, gleich aber jagte er eine Senkung hinab und ohne Vorbereitung wurden vor dem Fenster die langen Gel\u00e4nderstangen einer Br\u00fccke auseinandergerissen und aneinandergepre\u00dft, wie es schien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban gefiel es jetzt, da\u00df der Zug so eilte, denn er h\u00e4tte nicht in dem letzten Orte bleiben wollen. Wenn es dort so dunkel ist, wenn man niemanden dort kennt, wenn es so weit nachhause ist. Dann mu\u00df es bei Tag aber dort schrecklich sein. Und ist es in der n\u00e4chsten Station anders, oder in den fr\u00fchern oder sp\u00e4tern oder in dem Dorf nach dem ich fahre?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Reisende redete pl\u00f6tzlich lauter. Es ist ja noch weit, dachte Raban. &#8220;Herr, Sie wissen es ja so gut wie ich, in den kleinsten Nestern lassen diese Fabrikanten reisen, zum dreckigsten Kr\u00e4mer kriechen sie und glauben Sie, da\u00df sie ihnen andere Preise machen als uns Gro\u00dfkaufleuten? Herr, lassen Sie es sich gesagt sein, ganz dieselben Preise, gestern erst habe ich es schwarz auf wei\u00df gesehn. Ich nenne das Schufterei. Man erdr\u00fcckt uns, bei den heutigen Verh\u00e4ltnissen ist es f\u00fcr uns einfach \u00fcberhaupt unm\u00f6glich Gesch\u00e4fte zu machen; man erdr\u00fcckt uns. &#8221; Wieder sah er Raban an; er sch\u00e4mte sich der Thr\u00e4nen in seinen Augen nicht; die Fingergelenke der linken Hand dr\u00fcckte er an seinen Mund, weil seine Lippen zitterten. Raban lehnte sich zur\u00fcck und zog mit der linken Hand schwach an seinem Schnurrbart.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kr\u00e4merin gegen\u00fcber erwachte und strich mit den H\u00e4nden l\u00e4chelnd \u00fcber die Stirne. Der Reisende redete leiser. Noch einmal r\u00fcckte sich die Frau wie zum Schlafen zurecht, lehnte sich halb liegend an ihr B\u00fcndel und seufzte. \u00dcber ihrer rechten H\u00fcfte spannte sich der Rock.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinter ihr sa\u00df ein Herr mit einer Reisem\u00fctze auf dem Kopfe und las in einer gro\u00dfen Zeitung. Das M\u00e4dchen ihm gegen\u00fcber, das wahrscheinlich seine Verwandte war, bat ihn \u2013 und neigte dabei den Kopf gegen die rechte Schulter \u2013 er m\u00f6chte doch das Fenster \u00f6ffnen, denn es w\u00e4re sehr hei\u00df. Er sagte ohne aufzuschauen er wolle es gleich thun, nur m\u00fcsse er noch vorher einen Abschnitt in der Zeitung zuende lesen und er zeigte ihr welchen Abschnitt er meinte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kr\u00e4merin konnte nicht mehr einschlafen, sie setzte sich aufrecht und sah aus dem Fenster, dann sah sie lange die Petroleumflamme an, die gelb an der Waggondecke brannte. Raban schlo\u00df die Augen f\u00fcr ein Weilchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als er aufblickte, bi\u00df gerade die Kr\u00e4merin in ein St\u00fcck Kuchen, das mit brauner Marmelade bedeckt war. Das B\u00fcndel neben ihr war offen. Der Reisende rauchte schweigend eine Cigarre und that fortw\u00e4hrend so, als klopfe er die Asche vom Ende ab. Der andere fuhr mit der Spitze eines Messers im R\u00e4derwerk einer Taschenuhr hin und her, so da\u00df man es h\u00f6rte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit fast geschlossenen Augen sah Raban noch undeutlich, wie der Herr mit der Reisem\u00fctze am Fensterriemen zog. K\u00fchle Luft schlug herein, ein Strohhut fiel von einem Haken. Raban glaubte, er erwache und deshalb seien seine Wangen so erfrischt oder man \u00f6ffne die Th\u00fcr und ziehe ihn ins Zimmer oder er t\u00e4usche sich irgendwie und schnell schlief er ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es zitterte die Waggontreppe noch ein wenig, als Raban jetzt auf ihr hinunterstieg. An sein Gesicht, das aus der Waggonluft kam, stie\u00df der Regen und er schlo\u00df die Augen. \u2013 Auf das Blechdach vor dem Stationsgeb\u00e4ude regnete es l\u00e4rmend, aber in das weite Land fiel der Regen nur so, da\u00df man einen regelm\u00e4\u00dfig wehenden Wind zu h\u00f6ren glaubte. Ein barf\u00fc\u00dfiger Junge kam herbeigelaufen \u2013 Raban hatte nicht gesehn von wo \u2013 und bat au\u00dfer Athem, Raban m\u00f6chte ihn den Koffer tragen lassen, denn es regne, doch Raban sagte: Ja es regne, deshalb werde er mit dem Omnibus fahren. Er brauche ihn nicht. Darauf machte der Junge eine Grimasse, als halte er es f\u00fcr vornehmer im Regen zu gehn und sich den Koffer tragen zu lassen als zu fahren, drehte sich gleich um und lief so weg. Da war es schon zu sp\u00e4t, als Raban ihn rufen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Laternen sah man brennen und ein Stationsbeamter trat aus einer Th\u00fcr. Er gieng ohne zu z\u00f6gern durch den Regen zur Lokomotive, stand dort mit verschr\u00e4nkten Armen still und wartete, bis der Lokomotivf\u00fchrer sich \u00fcber sein Gel\u00e4nder beugte und mit ihm sprach. Ein Diener wurde gerufen, kam und wurde zur\u00fcckgeschickt. An manchen Fenstern des Zuges standen Passagiere und da sie ein gew\u00f6hnliches Stationsgeb\u00e4ude ansehen mu\u00dften, so war wohl ihr Blick tr\u00fcbe, die Augenlider waren einander gen\u00e4hert, wie w\u00e4hrend der Fahrt. Ein M\u00e4dchen, das von der Landstra\u00dfe her unter einem Sonnenschirm mit Blumenmuster auf den Perron eilig kam, stellte den offenen Schirm auf den Boden, setzte sich und pre\u00dfte die Beine auseinander, damit ihr Rock besser trockne, und mit den Fingerspitzen fuhr sie \u00fcber den gespannten Rock. Es brannten nur zwei Laternen, ihr Gesicht war undeutlich. Der Diener, der einmal vor\u00fcber kam, beklagte es, da\u00df Pf\u00fctzen unter dem Schirm entstanden, rundete vor sich die Arme um die Gr\u00f6\u00dfe dieser Pf\u00fctzen zu zeigen und f\u00fchrte dann die H\u00e4nde hintereinander durch die Luft, wie Fische, die in tieferes Wasser sinken, um klar zu machen, da\u00df durch diesen Schirm auch der Verkehr gehindert sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Zug fuhr an, verschwand wie eine lange Schiebeth\u00fcr und hinter den Pappeln jenseits der Geleise war die Masse der Gegend da\u00df es den Athem st\u00f6rte. War es ein dunkler Durchblick oder war es ein Wald, war es ein Teich oder ein Haus, in dem die Menschen schon schliefen, war es ein Kirchthurm oder eine Schlucht zwischen den H\u00fcgeln; niemand durfte sich dorthin wagen, wer aber konnte sich zur\u00fcckhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und als Raban den Beamten noch erblickte \u2013 er war schon vor der Stufe zu seinem Bureau \u2013 lief er vor ihn und hielt ihn auf: &#8220;Ich bitte sch\u00f6n, ist es weit ins Dorf, ich will n\u00e4mlich dorthin. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nein, eine Viertelstunde, aber mit dem Omnibus \u2013 es regnet ja \u2013 sind Sie in f\u00fcnf Minuten dort. Ich bitte. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es regnet. Es ist kein sch\u00f6nes Fr\u00fchjahr&#8221;, sagte Raban darauf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Beamte hatte die rechte Hand an die H\u00fcfte gelegt und durch das Dreieck, das zwischen dem Arm und dem K\u00f6rper entstand, sah Raban das M\u00e4dchen, das den Schirm schon geschlossen hatte, auf ihrer Bank.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wenn man jetzt in die Sommerfrische f\u00e4hrt und dort bleiben soll, so mu\u00df man es bedauern. Eigentlich dachte ich, da\u00df man mich erwarten w\u00fcrde. &#8221; Er blickte umher, damit es glaubhaft scheine.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie werden den Omnibus vers\u00e4umen, f\u00fcrchte ich. Er wartet nicht solange. Keinen Dank. Der Weg geht dort zwischen den Hecken. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Stra\u00dfe vor dem Bahnhof war nicht beleuchtet, nur aus drei ebenerdigen Fenstern des Geb\u00e4udes kam ein dunstiger Schein, er reichte aber nicht weit. Raban gieng auf den Fu\u00dfspitzen durch den Koth und rief &#8220;Kutscher&#8221; und &#8220;Halloh&#8221; und &#8220;Omnibus&#8221; und &#8220;Hier bin ich&#8221; viele Male. Als er aber in kaum unterbrochene Pf\u00fctzen auf der dunklen Stra\u00dfenseite gerieth, mu\u00dfte er mit ganzen Sohlen weiterstampfen bis pl\u00f6tzlich eine Pferdeschnauze seine Stirn [erfrischend] ber\u00fchrte. Da war der Omnibus, rasch stieg er in die leere Kammer, setzte sich bei der Glasscheibe hinter dem Kutschbock nieder und beugte den R\u00fccken in den Winkel, denn er hatte alles gethan was n\u00f6thig war. Denn schl\u00e4ft der Kutscher, so wird er gegen Morgen aufwachen, ist er tot, so wird ein neuer Kutscher kommen oder der Wirt, geschieht aber auch das nicht, so werden mit dem Fr\u00fchzug Passagiere kommen, eilige Leute, die L\u00e4rm machen. Jedenfalls darf man ruhig sein, durfte selbst die Vorh\u00e4nge vor den Fenstern zusammenziehn, und auf den Ruck warten, mit dem dieser Wagen anfahren mu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja es ist nach dem vielen was ich schon unternommen habe, sicher da\u00df ich morgen zu Betty und zu Mama kommen werde, das kann niemand hindern. Nur ist es richtig und es war auch vorauszusehn, da\u00df mein Brief erst morgen ankommen wird, ich h\u00e4tte recht gut also noch in der Stadt bleiben und bei Elvy eine angenehme Nacht verbringen k\u00f6nnen ohne mich vor der Arbeit des n\u00e4chsten Tages f\u00fcrchten zu m\u00fcssen, was mir sonst jedes Vergn\u00fcgen verdirbt. Aber schau, ich habe nasse F\u00fc\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er z\u00fcndete einen Kerzenstumpf an, den er aus der Westentasche genommen hatte, und stellte ihn auf die Bank gegen\u00fcber. Es war gen\u00fcgend hell, die Dunkelheit drau\u00dfen machte, da\u00df man schwarz get\u00fcnchte Omnibusw\u00e4nde ohne Scheiben sah. Man mu\u00dfte nicht gleich daran denken, da\u00df unter dem Boden R\u00e4der waren und vorne das angespannte Pferd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban rieb seine F\u00fc\u00dfe gr\u00fcndlich auf der Bank, zog frische Socken an und setzte sich aufrecht. Da h\u00f6rte er jemanden der vom Bahnhof her rief. &#8220;He&#8221;, wenn ein Passagier im Omnibus sei, dann k\u00f6nne er sich melden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja, ja und er m\u00f6chte schon gerne fahren&#8221;, antwortete Raban aus der ge\u00f6ffneten Th\u00fcr geneigt, mit der rechten Hand am Pfosten sich festhaltend, die linke ge\u00f6ffnet nahe dem Munde. St\u00fcrmisch flo\u00df ihm das Regenwasser zwischen Kragen und Hals.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eingewickelt in die Leinwand zweier zerschnittener S\u00e4cke kam der Kutscher her\u00fcber, der Widerschein seiner Stallaterne h\u00fcpfte durch die Pf\u00fctzen unter ihm. Verdrie\u00dflich begann er eine Erkl\u00e4rung. Aufgepa\u00dft, er habe mit dem Lebeda Karten gespielt und sie w\u00e4ren gerade sehr in Schwung gewesen, wie der Zug gekommen ist. Da w\u00e4re es eigentlich f\u00fcr ihn unm\u00f6glich gewesen nachzuschaun, doch wolle er den der es nicht begreife nicht beschimpfen. \u00dcbrigens sei das hier ein Dreckort ohne Einschr\u00e4nkung und es sei nicht einzusehn, was ein solcher Herr hier zu thun haben k\u00f6nnte und er komme noch bald genug hinein, so da\u00df er sich nirgends beklagen m\u00fcsse. Es sei eben erst jetzt Herr Pirkershofer \u2013 ich bitte, das ist der Herr Adjunkt \u2013 hineingekommen und habe gesagt, er glaube ein kleiner Blonder h\u00e4tte mit dem Omnibus fahren wollen. Nun da habe er gleich nachgefragt oder habe er vielleicht nicht gleich nachgefragt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Laterne wurde an der Deichselspitze befestigt, das Pferd dumpf angerufen zog an und das jetzt aufger\u00fchrte Wasser oben auf dem Omnibus tropfte durch eine Ritze langsam in den Wagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Weg konnte gebirgig sein, sicher sprang der Koth in die Speichen, F\u00e4cher von Pf\u00fctzenwasser entstanden rauschend r\u00fcckw\u00e4rts an den sich drehenden R\u00e4dern, mit meist lockeren Z\u00fcgeln hielt der Kutscher das Pferd. Konnte man das alles nicht als Vorw\u00fcrfe gegen Raban gebrauchen? Viele Pf\u00fctzen wurden unerwartet erhellt von der an der Deichsel zitternden Laterne, ertrugen den Hufschlag und zertheilten sich Wellen treibend unter dem Rad. Das geschah nur deshalb, weil Raban zu seiner Braut fuhr, zu Betty, einem \u00e4ltlichen h\u00fcbschen M\u00e4dchen. Und wer w\u00fcrde, wenn man schon davon reden wollte, w\u00fcrdigen, was f\u00fcr Verdienste Raban hier hatte, und seien es nur die, da\u00df er jene Vorw\u00fcrfe ertrug, die ihm allerdings niemand offen machen konnte. Nat\u00fcrlich er that es gern, Betty war seine Braut, er hatte sie lieb, es w\u00e4re ekelhaft, wenn sie ihm auch daf\u00fcr danken w\u00fcrde, aber immerhin. Ohne Willen schlug er oft mit dem Kopf an die Wand, an der er lehnte, dann sah er ein Weilchen zur Decke auf. Einmal glitt seine rechte Hand vom Oberschenkel, auf den er sie gelehnt hatte, hinab. Aber der Ellbogen blieb in dem Winkel zwischen dem Bauch und dem Bein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon fuhr der Omnibus zwischen H\u00e4usern, hie und da nahm das Wageninnere am Licht eines Zimmers theil, eine Treppe \u2013 um ihre ersten Stufen zu sehn h\u00e4tte Raban sich aufstellen m\u00fcssen \u2013 war zu einer Kirche hingebaut, vor einem Parkthor brannte eine Lampe mit gro\u00dfer Flamme, aber eine Heiligenstatue trat nur durch das Licht eines Kramladens schwarz hervor, jetzt sah Raban seine niedergebrannte Kerze, deren geronnenes Wachs von der Bank unbeweglich herunterhieng.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der Wagen vor dem Gasthaus stehen blieb, der Regen stark zu h\u00f6ren war und \u2013 wahrscheinlich war ein Fenster offen \u2013 auch die Stimmen der G\u00e4ste, da fragte sich Raban, was besser sei, gleich auszusteigen oder zu warten bis der Wirt zum Wagen komme. Wie der Gebrauch in diesem St\u00e4dtchen war, das wu\u00dfte er nicht, aber sicherlich hatte Betty schon von ihrem Br\u00e4utigam gesprochen und nach seinem pr\u00e4chtigen oder schwachen Auftreten w\u00fcrde ihr Ansehen hier gr\u00f6\u00dfer oder kleiner werden und damit wieder sein eigenes auch. Nun wu\u00dfte er aber weder in welchem Ansehen sie jetzt stand noch was sie \u00fcber ihn verbreitet hatte, desto unangenehmer und schwieriger. Sch\u00f6ne Stadt und sch\u00f6ner Nachhauseweg. Regnet es dort f\u00e4hrt man mit der Elektrischen \u00fcber nasse Backsteine nach Hause, hier in dem Karren durch Morast zu einem Wirtshaus. \u2013 Die Stadt ist weit von hier und w\u00fcrde ich jetzt aus Heimweh zu sterben drohn, hinbringen k\u00f6nnte mich heute niemand mehr. \u2013 Nun ich w\u00fcrde auch nicht sterben \u2013 aber dort bekomme ich das f\u00fcr diesen Abend erwartete Gericht auf den Tisch gestellt, rechts hinter den Teller die Zeitung, links die Lampe, hier wird man mir eine unheimliche fette Speise geben \u2013 man wei\u00df nicht, da\u00df ich einen schwachen Magen habe und wenn man es w\u00fc\u00dfte \u2013 eine fremde Zeitung, viele Leute die ich schon h\u00f6re werden dabei sein und eine Lampe wird f\u00fcr alle brennen. Was f\u00fcr ein Licht kann das geben, zum Kartenspiel genug aber zum Zeitungslesen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Wirt kommt nicht, ihm liegt nichts an G\u00e4sten, er ist wahrscheinlich ein unfreundlicher Mann. Oder wei\u00df er da\u00df ich Bettys Br\u00e4utigam bin und giebt ihm das einen Grund nicht um mich zu kommen, dazu w\u00fcrde es auch passen, da\u00df mich am Bahnhof der Kutscher solange warten lie\u00df. Betty hat ja \u00f6fters erz\u00e4hlt, wie viel sie von l\u00fcsternen M\u00e4nnern zu leiden hatte und wie sie ihr Dr\u00e4ngen zur\u00fcckweisen mu\u00dfte, vielleicht ist das auch hier<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">&#8220;Fassung B&#8221;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Eduard Raban durch den Flurgang kommend in die \u00d6ffnung des Tores trat, da konnte er sehn, wie es regnete. Es regnete wenig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Trottoir gleich vor ihm nicht h\u00f6her, nicht tiefer giengen trotz des Regens viele Passanten. Manchmal trat einer vor und durchquerte die Fahrbahn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein kleines M\u00e4dchen trug auf den vorgestreckten Armen einen grauen Hund. Zwei Herren machten einander gegenseitig Mitteilungen in irgend einer Sache, sie wandten sich zuweilen mit der ganzen Vorderseite einander zu und kehrten sich dann langsam wieder ab; es erinnerte an im Wind ge\u00f6ffnete T\u00fcren. Der eine hielt die H\u00e4nde mit der innern Fl\u00e4che nach oben und bewegte sie gleichm\u00e4\u00dfig auf und ab, als halte er eine Last in Schwebe, um das Gewicht zu pr\u00fcfen. Dann erblickte man eine schlanke Dame, deren Gesicht leicht zuckte, wie das Licht der Sterne und deren flacher Hut mit unkenntlichen Dingen bis zum Rande und hoch beladen war; sie erschien zu allen Vor\u00fcbergehenden ohne Absicht fremd, wie durch ein Gesetz. Und es eilte ein junger Mensch mit d\u00fcnnem Stock vor\u00fcber, die linke Hand als w\u00e4re sie gel\u00e4hmt, platt auf der Brust. Viele hatten Gesch\u00e4ftswege; trotzdem sie schnell giengen, sah man sie l\u00e4nger als andere, bald auf dem Trottoir, bald unten, die R\u00f6cke pa\u00dften ihnen schlecht, an der Haltung lag ihnen nichts, sie lie\u00dfen sich von den Leuten sto\u00dfen und stie\u00dfen auch. Drei Herren \u2013 zwei hielten leichte \u00dcberr\u00f6cke auf dem geknickten Unterarm \u2013 giengen von der H\u00e4usermauer zum Rande des Trottoirs, um zu sehen, wie es auf der Fahrbahn zugieng und auf dem jenseitigen Trottoir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch die L\u00fccken zwischen den Vor\u00fcbergehenden sah man einmal fl\u00fcchtig, dann bequem, die regelm\u00e4\u00dfig gef\u00fcgten Steine der Fahrbahn, auf denen Wagen, schwankend auf den R\u00e4dern, von Pferden mit gestreckten H\u00e4lsen rasch gezogen wurden. Die Leute, welche in den gepolsterten Sitzen lehnten sahen schweigend die Fu\u00dfg\u00e4nger an, die L\u00e4den, die Balkone und den Himmel. Sollte ein Wagen einem andern vorfahren, dann pre\u00dften sich die Pferde aneinander und das Riemenzeug hieng baumelnd. Die Tiere rissen an der Deichsel, der Wagen rollte eilig schaukelnd, bis der Bogen um den vordernWagen vollendet war und die Pferde wieder auseinandertraten, noch die schmalen K\u00f6pfe einander zugeneigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein \u00e4lterer Herr kam rasch auf das Haustor zu, blieb auf dem trockenen Mosaik stehn, wandte sich um. Und schaute dann in den Regen, der eingezw\u00e4ngt in diese enge Gasse verworren fiel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban stellte den mit schwarzem Tuch ben\u00e4hten Handkoffer nieder und beugte dabei ein wenig das rechte Knie. Schon rann das Regenwasser an den Kanten der Fahrbahn in Streifen, die zu den tiefer gelegenen Kan\u00e4len sich fast spannten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00e4ltere Herr stand frei nahe bei Raban, der sich ein wenig gegen den h\u00f6lzernen Torfl\u00fcgel st\u00fctzte, und sah von Zeit zu Zeit gegen Raban hin, wenn er auch hiezu scharf den Hals drehen mu\u00dfte. Doch tat er dies nur aus dem nat\u00fcrlichen Bed\u00fcrfnis, da er nun einmal unbesch\u00e4ftigt war alles in seiner Umgebung wenigstens genau zu beobachten. Die Folge dieses zwecklosen Hin- und Herschauens war, da\u00df er sehr vieles nicht bemerkte. So entgieng es ihm, da\u00df Rabans Lippen sehr bleich waren und nicht viel dem ganz ausgebleichten Rot seiner Kravate nachstanden, die ein ehemals auffallendes maurisches Muster zeigte. H\u00e4tte er das aber bemerkt, dann h\u00e4tte er in seinem Innern sicherlich geradezu ein Geschrei hier\u00fcber angefangen, was aber wieder nicht das Richtige gewesen w\u00e4re, denn Raban war immer bleich, wenn ihn auch allerdings in letzter Zeit einiges besonders m\u00fcde gemacht haben konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das ist ein Wetter&#8221;, sagte der Herr leise und sch\u00fcttelte zwar bewu\u00dft und doch ein wenig greisenhaft den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja, ja und wenn man da reisen soll&#8221;, sagte Raban und stellte sich schnell aufrecht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Und das ist kein Wetter, das sich bessern wird&#8221;, sagte der Herr und sah um alles noch im letzten Augenblick zu \u00fcberpr\u00fcfen, sich vorbeugend einmal die Gasse aufw\u00e4rts, dann abw\u00e4rts, dann zum Himmel, &#8220;das kann Tage, das kann Wochen dauern. Soweit ich mich erinnere, ist auch f\u00fcr Juni und Anfang Juli nichts besseres vorhergesagt. Nun das macht keinem Freude, ich z. B. werde auf meine Spazierg\u00e4nge verzichten m\u00fcssen, die f\u00fcr meine Gesundheit \u00e4u\u00dferst wichtig sind. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darauf g\u00e4hnte er und schien erschlafft, da er nun die Stimme Rabans geh\u00f6rt hatte und mit diesem Gespr\u00e4ch besch\u00e4ftigt an nichts mehr Interesse hatte, nicht einmal an dem Gespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies machte auf Raban ziemlichen Eindruck, da ihn doch der Herr zuerst angesprochen hatte, und er versuchte daher sich ein wenig zu r\u00fchmen, selbst wenn es nicht einmal bemerkt werden sollte. &#8220;Richtig&#8221;, sagte er, &#8220;in der Stadt kann man sehr gut auf das verzichten was einem nicht zutr\u00e4glich ist. Verzichtet man nicht, dann kann man wegen der schlechten Folgen nur sich selbst Vorw\u00fcrfe machen. Man wird bereuen und dadurch erst recht klar sehn, wie man sich das n\u00e4chste Mal verhalten soll. Und wenn das schon im einzelnen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Es fehlt 1 Blatt)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nichts meine ich damit. Ich meine gar nichts&#8221;, beeilte sich Raban zu sagen, bereit wie es nur angieng, die Zerstreutheit des Herrn zu entschuldigen, da er sich ja noch ein wenig r\u00fchmen wollte. &#8220;Alles ist nur aus dem vorerw\u00e4hnten Buche, das ich eben wie andere auch am Abend in der letzten Zeit gelesen habe. Ich war meist allein. Da sind so Familienverh\u00e4ltnisse gewesen. Aber abgesehen von allem andern, ein gutes Buch ist mir nach dem Nachtmahl das Liebste. Schon seit jeher. Letzthin las ich in einem Prospekte als Citat aus irgendeinem Schriftsteller: &gt;Ein gutes Buch ist der beste Freund&lt; und das ist wirklich wahr, so ist es, ein gutes Buch ist der beste Freund. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja wenn man jung ist \u2013 &#8220;, sagte der Herr und meinte nichts besonderes damit, sondern wollte damit nur ausdr\u00fccken wie es regne, da\u00df der Regen wieder st\u00e4rker sei und da\u00df es nun gar nicht aufh\u00f6ren wolle, aber es klang f\u00fcr Raban so, als halte sich der Herr noch mit sechzig Jahren f\u00fcr frisch und jung und sch\u00e4tze dagegen die drei\u00dfig Jahre Rabans f\u00fcr nichts und wolle damit au\u00dferdem soweit es erlaubt sei, sagen, mit drei\u00dfig Jahren sei er allerdings vern\u00fcnftiger gewesen, als Raban. Und er glaube, selbst wenn man sonst nichts zu tun habe, wie z. B. er, ein alter Mann, so hei\u00dfe es doch seine Zeit verschwenden, wenn man hier im Flur so vor dem Regen stehe; verbringe man die Zeit aber au\u00dferdem mit Geschw\u00e4tz, so verschwende man sie doppelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun glaubte Raban, seit einiger Zeit k\u00f6nne ihn nichts ber\u00fchren, was andere \u00fcber seine F\u00e4higkeiten oder Meinungen sagten; vielmehr habe er eben f\u00f6rmlich jene Stelle verlassen, wo er ganz hingegeben auf alles gehorcht hatte, so da\u00df Leute jetzt doch nur ins Leere redeten, ob sie nun gegen oder f\u00fcr ihn waren. Darum sagte er: &#8220;Wir reden von verschiedenen Dingen, da Sie nicht darauf gewartet haben, was ich sagen will. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Bitte, bitte&#8221;, sagte der Herr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nun es ist nicht so wichtig&#8221;, sagte Raban, &#8220;ich meinte nur, B\u00fccher sind n\u00fctzlich in jedem Sinn und ganz besonders, wo man es nicht erwarten sollte. Denn, wenn man eine Unternehmung vorhat, so sind gerade die B\u00fccher, deren Inhalt mit der Unternehmung gar nichts Gemeinschaftliches hat, die n\u00fctzlichsten. Ja, die n\u00fctzlichsten. Denn der Leser, der doch jene Unternehmung beabsichtigt, also irgendwie (und wenn f\u00f6rmlich auch nur die Wirkung des Buches bis zu jener Hitze dringen kann) erhitzt ist, wird durch das Buch zu lauter Gedanken gereizt, die seine Unternehmung betreffen. Da nun aber der Inhalt des Buches ein gerade ganz gleichg\u00fcltiger ist, wird der Leser in jenen Gedanken gar nicht gehindert und er zieht mit ihnen mitten durch das Buch wie einmal die Juden durch das rote Meer, m\u00f6chte ich sagen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ganze Person des alten Herrn bekam jetzt f\u00fcr Raban einen unangenehmen Ausdruck. Es schien ihm, als sei er besonders n\u00e4her gekommen, \u2013 es war aber nur unbedeutend (1 Blatt fehlt)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Zeitung. \u2013 Aber ich wollte noch sagen, ich fahre ja nur auf das Land, f\u00fcr vierzehn Tage nur, ich habe mir Urlaub genommen, seit langer Zeit zum erstenmal, es ist ja auch sonst n\u00f6tig, und trotzdem hat mich z. B. ein Buch, das ich wie erw\u00e4hnt letzthin gelesen habe, mehr belehrt \u00fcber meine kleine Reise, als Sie sich vorstellen k\u00f6nnten. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich h\u00f6re&#8221;, sagte der Herr. Raban war still und steckte, wie er so aufrecht stand, die H\u00e4nde in die etwas zu hohen Taschen seines \u00dcberziehers.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst nach einer Weile sagte der alte Herr: &#8220;Diese Reise scheint f\u00fcr Sie eine besondere Wichtigkeit zu haben. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nun sehn Sie, sehn Sie&#8221;, sagte Raban und st\u00fctzte sich wieder gegen das Tor. Jetzt erst sah er, wie sich der Gang mit Menschen gef\u00fcllt hatte. Sogar vor der Haustreppe standen sie und ein Beamter, der auch bei derselben Frau wie Raban ein Zimmer hatte, mu\u00dfte, als er die Treppe herunterkam, die Leute bitten, ihm Platz zu machen. Er rief Raban, der nur mit der Hand auf den Regen zeigte, \u00fcber einige K\u00f6pfe, die sich jetzt alle zu Raban wandten, &#8220;Gl\u00fcckliche Reise&#8221; zu und erneuerte ein offenbar fr\u00fcher gegebenes Versprechen, n\u00e4chsten Sonntag bestimmt Raban zu besuchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Es fehlt 1 Blatt)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">angenehmen Posten hat, mit dem er auch zufrieden ist und der ihn seit jeher erwartete. Er ist so ausdauernd und innerlich lustig, da\u00df er zu seiner Unterhaltung keinen Menschen braucht, aber alle ihn. Immer war er gesund. Ach reden Sie nicht. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich werde nicht streiten&#8221;, sagte der Herr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie werden nicht streiten aber auch Ihren Irrtum nicht zugeben, warum bestehn Sie denn so darauf. Und wenn Sie sich jetzt noch so scharf daran erinnern, Sie w\u00fcrden, ich wette, alles vergessen, wenn Sie mit ihm reden w\u00fcrden. Sie w\u00fcrden mir Vorw\u00fcrfe machen da\u00df ich Sie jetzt nicht besser widerlegt habe. Wenn er nur \u00fcber ein Buch spricht. F\u00fcr alles Sch\u00f6ne ist er gleich begeistert. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">&#8220;Fassung C&#8221;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Eduard Raban in bl\u00e4ulich grauem \u00dcberzieher durch den Flurgang kommend in die \u00d6ffnung des Tores trat, konnte er sehn, wie es regnete. Es regnete wenig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban schaute auf die Uhr eines scheinbar nahen, ziemlich hohen Turmes, der in einer tiefer gelegenen Gasse stand. Eine kleine dort oben befestigte Fahne wurde, f\u00fcr einen Augenblick nur, vor das Zifferblatt geweht. Eine Menge kleiner V\u00f6gel flog herab, fest aneinander geschlossen und auseinander gespannt. Es war f\u00fcnf Uhr vor\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban stellte seinen mit schwarzem Tuch ben\u00e4hten Handkoffer nieder, lehnte den Schirm an einen T\u00fcrstein und brachte seine Taschenuhr, eine Damenuhr, die an einem schmalen, schwarzen um den Hals gelegten Band befestigt war, in \u00dcbereinstimmung mit jener Turmuhr, wobei er einige Male von einer Uhr zur andern sah. Eine Weile war er v\u00f6llig damit besch\u00e4ftigt und dachte das Gesicht bald gesenkt, bald gehoben an gar nichts anderes in der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich steckte er die Uhr ein und leckte seine Lippen aus Freude dar\u00fcber, da\u00df er genug Zeit hatte, also nicht in den Regen mu\u00dfte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Trottoir gleich vor ihm nicht h\u00f6her nicht tiefer giengen noch viele Passanten, nahe beisammen die H\u00e4user entlang oder unter Schirmen in Abst\u00e4nden. Ein kleines M\u00e4dchen trug auf ihren vorgestreckten Armen einen grauen Hund, der ins Gesicht des M\u00e4dchens blickte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Herren machten einander Mitteilungen, sie wandten sich mit flatternden \u00dcberziehern zuweilen mit der ganzen Vorderseite einander zu, der eine hielt die H\u00e4nde mit der innern Fl\u00e4che nach oben und bewegte sie \u2013 die Finger blieben unbeweglich \u2013 auf und ab, als halte er eine Last in Schwebe, um ihr Gewicht zu pr\u00fcfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann erblickte man eine Dame, deren Gesicht leicht zuckte wie das Licht der Sterne und deren flacher Hut mit unkenntlichen Dingen bis zum Rande und hoch beladen war; sie erschien zu allen Vor\u00fcbergehenden ohne Absicht fremd, wie durch ein Gesetz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und es eilte ein junger Mensch mit d\u00fcnnem Stock vor\u00fcber die linke Hand als w\u00e4re sie gel\u00e4hmt, platt auf der Brust.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele hatten Gesch\u00e4ftswege; trotzdem sie den R\u00fccken vorw\u00e4rts gestreckt, schnell giengen, sah man sie l\u00e4nger als andere, denn sie giengen bald auf dem Trottoir, bald liefen sie abspringend wie von einem Wagentritt in der Fahrbahn weiter, sie wurden, da sie \u00fcberall dr\u00e4ngten und niemandem den Vortritt lie\u00dfen, viel gesto\u00dfen und stie\u00dfen auch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban sah Bekannte und gr\u00fc\u00dfte einige Male, einmal wollte er jemanden ansprechen, doch der bemerkte es nicht und gieng vor\u00fcber, ohne seine Eile zu vermindern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drei Herren \u2013 zwei hielten leichte \u00dcberr\u00f6cke auf dem geknickten Unterarm, zu beiden Seiten eines gro\u00dfen wei\u00dfb\u00e4rtigen Herrn \u2013 giengen von der H\u00e4usermauer zum Rande des Trottoirs, um zu sehn, wie es auf der Fahrbahn zugieng und auf dem jenseitigen Trottoir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von der Gouvernante gezogen lief mit kurzen Schritten den freien Arm ausgebreitet ein Kind vor\u00fcber, dessen Hut, wie jeder sehen konnte, aus rotgef\u00e4rbtem Stroh geflochten auf dem gewellten Rande ein gr\u00fcnes Kr\u00e4nzchen trug.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban zeigte ihn mit beiden H\u00e4nden einem alten Herrn, der neben ihm im Flur stand, um sich vor dem Regen zu sch\u00fctzen, der von einem unregelm\u00e4\u00dfigen Wind beherrscht einmal gesammelt niederschlug, dann aber verlassen schwebte und unsicher fiel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Raban lachte. Kindern passe alles, er habe Kinder gerne. Nun wenn man selten mit ihnen zusammenkommt, sei das kein Wunder. Er komme selten mit Kindern zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch der alte Herr lachte. Die Gouvernante h\u00e4tte keine solche Freude gehabt. Wenn man \u00e4lter sei, sei man auch nicht gleich begeistert. In der Jugend war man begeistert und es hat, wie man im Alter sieht keinen Gewinn gebracht, darum ist man sogar<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Fassung A&#8221; Als Eduard Raban durch den Flurgang kommend, in die \u00d6ffnung des Thores trat sah er, da\u00df es regnete. Es regnete wenig. Auf dem Trottoir gleich vor ihm gab es viele Menschen in verschiedenartigem Schritt. Manchmal trat einer vor und durchquerte die Fahrbahn. Ein kleines M\u00e4dchen hielt in den vorgestreckten H\u00e4nden ein m\u00fcdes H\u00fcndchen. 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