{"id":341,"date":"2026-09-14T00:03:28","date_gmt":"2026-09-14T00:03:28","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?p=341"},"modified":"2026-09-14T00:03:28","modified_gmt":"2026-09-14T00:03:28","slug":"beschreibung-eines-kampfes-1904-1911","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/2026\/09\/14\/beschreibung-eines-kampfes-1904-1911\/","title":{"rendered":"&#8220;Beschreibung eines Kampfes&#8221; (1904-1911)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">&#8220;Fassung A&#8221;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und die Menschen gehn in Kleidern<br>schwankend auf dem Kies spazieren<br>unter diesem gro\u00dfen Himmel,<br>der von H\u00fcgeln in der Ferne<br>sich zu fernen H\u00fcgeln breitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gegen zw\u00f6lf Uhr standen schon einige Leute auf, verbeugten sich, reichten einander die H\u00e4nde, sagten, es w\u00e4re sehr sch\u00f6n gewesen und giengen dann durch den gro\u00dfen Th\u00fcrrahmen ins Vorzimmer, sich anzukleiden. Die Hausfrau stand mitten in dem Zimmer und machte bewegliche Verbeugungen, w\u00e4hrend ihr Kleid gezierte Falten warf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sa\u00df an einem kleinen Tischchen \u2013 es hatte drei gespannte d\u00fcnne Beine \u2013 nippte gerade an dem dritten Gl\u00e4schen Benediktiner und \u00fcbersah im Trinken zugleich meinen kleinen Vorrath von Backwerk, das ich selbst ausgesucht und aufgeschichtet hatte, denn es hatte einen feinen Geschmack.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da kam mein neuer Bekannter zu mir und ein wenig zerstreut \u00fcber meine Besch\u00e4ftigung l\u00e4chelnd sagte er mit zitternder Stimme: &#8220;Verzeihen Sie, da\u00df ich zu Ihnen komme. Aber ich sa\u00df bis jetzt mit meinem M\u00e4dchen allein in einem Nebenzimmer. Von halb elf an, das ist noch gar nicht lange her. Verzeihen Sie, da\u00df ich es Ihnen sage. Wir kennen ja einander nicht. Nicht wahr, auf der Treppe trafen wir einander und erz\u00e4hlten einander ein paar h\u00f6fliche Worte und jetzt rede ich zu Ihnen schon von meinem M\u00e4dchen, aber Sie m\u00fcssen mir \u2013 ich bitte \u2013 verzeihen, das Gl\u00fcck h\u00e4lt es nicht in mir aus, ich konnte mir nicht helfen. Und da ich sonst keine Bekannten hier habe, denen ich vertraue \u2013 &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So redete er. Ich aber sah ihn traurig an, \u2013 denn das St\u00fcck Fruchtkuchen, das ich im Munde hatte, schmeckte nicht gut \u2013 und sagte in sein h\u00fcbsch ger\u00f6thetes Gesicht: &#8220;Ich bin froh dar\u00fcber, da\u00df ich Ihnen vertrauensw\u00fcrdig scheine, aber traurig dar\u00fcber, da\u00df Sie es mir erz\u00e4hlten. Und Sie selbst \u2013 w\u00e4ren Sie nicht so verwirrt \u2013 w\u00fcrden es f\u00fchlen, wie unpassend es ist, einem der allein sitzt und Schnaps trinkt, von einem liebenden M\u00e4dchen zu erz\u00e4hlen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich das gesagt hatte, setzte er sich mit einem Ruck nieder, legte sich zur\u00fcck und lie\u00df seine Arme h\u00e4ngen. Dann dr\u00fcckte er sie mit gespitztem Ellbogen zur\u00fcck und begann mit ziemlich lauter Stimme vor sich hinzusprechen: &#8220;Wir sind dort ganz allein im Zimmer \u2013 gesessen \u2013 mit der Annerl und ich habe sie gek\u00fc\u00dft \u2013 gek\u00fc\u00dft \u2013 habe ich \u2013 sie \u2013 auf \u2013 ihren Mund, ihr Ohr, ihre Schultern \u2013 &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einige Herren, die in der N\u00e4he standen und ein lebhaftes Gespr\u00e4ch vermutheten, kamen g\u00e4hnend zu uns. Daher stand ich auf und sagte laut: &#8220;Gut, wenn Sie wollen, so gehe ich, aber es ist th\u00f6richt, jetzt auf den Laurenziberg zu gehn, denn das Wetter ist noch k\u00fchl und da ein wenig Schnee gefallen ist, sind die Wege wie Schlittschuhbahnen. Aber wenn Sie wollen, gehe ich mit. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuerst sah er mich staunend an und \u00f6ffnete seinen Mund mit den breiten und rothen nassen Lippen. Dann aber, als er die Herren sah, die schon ganz in der N\u00e4he waren, lachte er, stand auf und sagte: &#8220;0 doch, die K\u00fchle wird gut thun, unsere Kleider sind voll Hitze und Rauch, ich bin vielleicht auch ein wenig betrunken, ohne viel getrunken zu haben, ja, wir werden uns verabschieden und dann werden wir gehn. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also giengen wir zur Hausfrau und als er ihr die Hand k\u00fc\u00dfte, sagte sie: &#8220;Wirklich, ich bin froh, da\u00df Ihr Gesicht heute so gl\u00fccklich ist, sonst ist es immer so ernst und gelangweilt. &#8221; Die G\u00fcte dieser Worte r\u00fchrte ihn und er k\u00fc\u00dfte noch einmal ihre Hand; da l\u00e4chelte sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Vorzimmer stand ein Stubenm\u00e4dchen, wir sahen sie jetzt zum erstenmal. Sie half uns in die \u00dcberr\u00f6cke und nahm dann eine kleine Handlampe, um uns \u00fcber die Treppe zu leuchten. Ja, das M\u00e4dchen war sch\u00f6n. Ihr Hals war nackt und nur unter dem Kinn von einem schwarzen Sammtband umbunden und ihr lose bekleideter K\u00f6rper war sch\u00f6n gebeugt, als sie vor uns die Treppe hinunterstieg die Lampe niederhaltend. Ihre Wangen waren ger\u00f6thet, denn sie hatte Wein getrunken und ihre Lippen waren halbge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unten an der Treppe stellte sie die Lampe auf eine Stufe nieder, gieng ein wenig taumelnd auf meinen Bekannten zu und umarmte ihn und k\u00fc\u00dfte ihn und blieb in der Umarmung. Erst als ich ihr ein Geldst\u00fcck in die Hand legte, l\u00f6ste sie schl\u00e4frig ihre Arme von ihm, \u00f6ffnete langsam das kleine Hausthor und lie\u00df uns in die Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber der leeren, gleichm\u00e4\u00dfig erhellten Stra\u00dfe stand ein gro\u00dfer Mond in einem leicht bew\u00f6lkten und dadurch weiter ausgebreiteten Himmel. Auf dem Boden lag ein zarter Schnee. Die F\u00fc\u00dfe glitten aus beim Gehn, daher mu\u00dfte man kleine Schritte thun.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum waren wir ins Freie getreten, als ich offenbar in gro\u00dfe Munterkeit gerieth. Ich hob die Beine \u00fcberm\u00fcthig und lie\u00df die Gelenke lustig knacken, ich rief \u00fcber die Gasse einen Namen hin, als sei mir ein Freund um die Ecke entwischt, ich warf den Hut im Sprunge hoch und fieng ihn prahlerisch auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Bekannter aber gieng unbek\u00fcmmert neben mir her. Er hielt den Kopf geneigt. Er redete auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das wunderte mich, denn ich hatte erwartet, seine Freude w\u00fcrde ihn toll machen, wenn die Gesellschaft nicht mehr um ihn w\u00e4re; ich wurde stiller. Gerade hatte ich ihm einen aufmunternden Schlag \u00fcber den R\u00fccken gegeben, als mich Scham ergriff, so da\u00df ich meine Hand ungeschickt zur\u00fcckzog. Da sie mir unn\u00f6thig war, steckte ich sie in die Tasche meines Rockes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir giengen also schweigend. Ich achtete darauf, wie unsere Schritte klangen und konnte nicht begreifen, da\u00df es mir unm\u00f6glich war in gleichem Schritt mit meinem Bekannten zu bleiben. Es erregte mich ein wenig. Der Mond war klar, man konnte deutlich sehn. Hie und da lehnte jemand in einem Fenster und betrachtete uns.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als wir in die Ferdinandsstra\u00dfe kamen, bemerkte ich, da\u00df mein Bekannter eine Melodie zu summen begann; es war ganz leise, aber ich h\u00f6rte es. Ich fand, da\u00df es f\u00fcr mich beleidigend sei. Warum sprach er nicht mit mir? Wenn er mich aber nicht n\u00f6thig hatte, warum hatte er mich nicht in meiner Ruhe gelassen. Ich erinnerte mich \u00e4rgerlich an das gute s\u00fc\u00dfe Zeug, das ich seinetwegen auf meinem Tischchen liegen gelassen hatte. Ich erinnerte mich auch an den Benediktiner und wurde ein wenig lustiger, fast hochm\u00fcthig kann man sagen. Ich stemmte die H\u00e4nde in die H\u00fcften und bildete mir ein, ich gienge selbstst\u00e4ndig spazieren. Ich war in Gesellschaft gewesen, hatte einen undankbaren jungen Menschen vor Besch\u00e4mung gerettet und gieng jetzt im Mondlicht spazieren. Eine in ihrer Nat\u00fcrlichkeit grenzenlose Lebensweise. Den Tag \u00fcber im Amt, Abends in Gesellschaft, in der Nacht auf den Gassen und nichts \u00fcbers Ma\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch, mein Bekannter gieng noch hinter mir, ja er beschleunigte sogar seinen Gang, als er merkte, da\u00df er zur\u00fcckgeblieben war und that, als w\u00e4re das etwas Nat\u00fcrliches. Ich aber \u00fcberlegte, ob es nicht vielleicht passend w\u00e4re, in eine Seitengasse einzubiegen, da ich doch zu einem gemeinsamen Spaziergang nicht verpflichtet war. Ich konnte allein nachhause gehn und keiner durfte mich hindern. In meinem Zimmer w\u00fcrde ich die Stehlampe anz\u00fcnden, welche in dem eisernen Gestelle auf dem Tische ist, ich w\u00fcrde mich in meinen Armstuhl setzen, der auf dem zerrissenen morgenl\u00e4ndischen Teppich steht. \u2013 Als ich soweit war, \u00fcberfiel mich die Schw\u00e4che, die immer \u00fcber mich kommt, sobald ich daran denken mu\u00df, wieder in meine Wohnung zu gehn und wieder Stunden allein zwischen den bemalten W\u00e4nden zu verbringen und auf dem Fu\u00dfboden, welcher in dem an der R\u00fcckwand aufgeh\u00e4ngten Goldrahmenspiegel schr\u00e4g abfallend erscheint. Meine Beine wurden m\u00fcde und schon war ich entschlossen auf jeden Fall nachhause zu gehn und mich in mein Bett zu legen, als mir der Zweifel kam, ob ich jetzt beim Weggehn meinen Bekannten gr\u00fc\u00dfen solle oder nicht. Aber ich war zu furchtsam, um ohne Gru\u00df wegzugehn und zu schwach, um laut rufend zu gr\u00fc\u00dfen, daher blieb ich wieder stehn, st\u00fctzte mich an eine mondbeschienene H\u00e4usermauer und wartete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Bekannter kam in fr\u00f6hlichem Schritt und wohl auch ein wenig besorgt. Er machte gro\u00dfe Anstalten, zwinkerte jetzt mit seinen Augenlidern, streckte die Arme wagrecht in die Luft, reckte heftig seinen Kopf, auf dem ein harter schwarzer Hut war, zu mir empor und schien mit alledem zeigen zu wollen, er verstehe den Scherz sehr gut zu w\u00fcrdigen, den ich zu seiner Belustigung hier vorf\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war hilflos und sagte leise: &#8220;Heute ist ein lustiger Abend. &#8221; Dabei gab ich ein mi\u00dflungenes Lachen von mir. Er antwortete: &#8220;Ja, und haben Sie gesehn, wie auch das Stubenm\u00e4dchen mich k\u00fc\u00dfte. &#8221; Ich konnte nicht reden, denn mein Hals war voll Thr\u00e4nen, daher versuchte ich, wie ein Posthorn zu blasen, um nicht stumm zu bleiben. Er hielt sich zuerst die Ohren zu, dann sch\u00fcttelte er freundlich dankend meine rechte Hand. Die mu\u00df sich kalt angef\u00fchlt haben, denn er lie\u00df sie gleich los und sagte: &#8220;Ihre Hand ist sehr kalt, die Lippen des Stubenm\u00e4dchens waren w\u00e4rmer, o ja. &#8221; Ich nickte verst\u00e4ndig. W\u00e4hrend ich aber den lieben Gott bat, mir Standhaftigkeit zu geben, sagte ich: &#8220;Ja, Sie haben recht, wir werden nachhause gehn, es ist sp\u00e4t und morgen fr\u00fch habe ich Amt; bedenken Sie, man kann ja dort schlafen, aber es ist nicht das Rechte. Sie haben recht, wir werden nachhause gehn. &#8221; Dabei reichte ich ihm die Hand, als sei die Sache endgiltig erledigt. Er aber gieng l\u00e4chelnd auf meine Redeweise ein: &#8220;Ja, Sie haben Recht, eine solche Nacht will nicht im Bette verschlafen sein. Bedenken Sie doch, wieviele gl\u00fcckliche Gedanken man mit der Bettdecke erstickt, wenn man allein in seinem Bette schl\u00e4ft und wieviel ungl\u00fcckliche Tr\u00e4ume man mit ihr w\u00e4rmt. &#8221; Und aus Freude \u00fcber diesen Einfall, fa\u00dfte er vorn an der Brust \u2013 h\u00f6her reichte er nicht \u2013 kr\u00e4ftig meinen Rock, und sch\u00fcttelte mich mit Laune; dann kniff er seine Augen zusammen und sagte vertraulich: &#8220;Wissen Sie, wie Sie sind, komisch sind Sie. &#8221; Dabei begann er weiter zu gehn und ich folgte ihm, ohne es zu merken, denn mich besch\u00e4ftigte sein Ausspruch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuerst freute es mich, denn es schien zu zeigen, da\u00df er etwas in mir vermuthete, was zwar nicht in mir war, aber mich bei ihm in Beachtung brachte dadurch, da\u00df er es vermuthete. Ein solches Verh\u00e4ltnis macht mich gl\u00fccklich. Ich war zufrieden, nicht nachhause gegangen zu sein und mein Bekannter wurde f\u00fcr mich sehr wertvoll als einer, der mir vor den Menschen Wert gibt, ohne da\u00df ich ihn erst erwerben mu\u00df! Ich sah meinen Bekannten mit liebevollen Augen an. In Gedanken sch\u00fctzte ich ihn gegen Gefahren, besonders gegen Nebenbuhler und eifers\u00fcchtige M\u00e4nner. Sein Leben wurde mir theuerer als meines. Ich fand sein Gesicht sch\u00f6n, ich war stolz auf sein Gl\u00fcck bei den Frauenzimmern und ich nahm an den K\u00fcssen theil, die er an diesem Abend von den zwei M\u00e4dchen bekommen hatte. Oh, dieser Abend war lustig! Morgen wird mein Bekannter mit Fr\u00e4ulein Anna reden; gew\u00f6hnliche Dinge zuerst, wie es nat\u00fcrlich ist, aber dann wird er pl\u00f6tzlich sagen: &#8220;Gestern in der Nacht war ich mit einem Menschen beisammen, wie Du ihn liebes Annerl, sicher noch nie gesehen hast. Er sieht aus, \u2013 wie soll ich es beschreiben \u2013 wie eine Stange in baumelnder Bewegung auf die ein gelbh\u00e4utiger und schwarzbehaarter Sch\u00e4del ein wenig ungeschickt aufgespie\u00dft ist. Sein K\u00f6rper ist mit vielen, ziemlich kleinen, grellen, gelblichen Stoffst\u00fccken beh\u00e4ngt, die ihn gestern vollst\u00e4ndig bedeckten, denn in der Windstille dieser Nacht lagen sie glatt an. Er gieng sch\u00fcchtern neben mir. Du mein liebes Annerl, die Du so gut k\u00fcssen kannst, ich wei\u00df, Du h\u00e4ttest ein wenig gelacht und ein wenig Dich gef\u00fcrchtet, ich aber, dessen Seele ganz zerflogen ist vor Liebe zu Dir, freute mich seiner Gegenwart. Er ist vielleicht ungl\u00fccklich und darum schweigt er still und doch ist man neben ihm in einer gl\u00fccklichen Unruhe, die nicht aufh\u00f6rt. Ich war ja gestern gebeugt von eigenem Gl\u00fcck, aber fast verga\u00df ich an Dich. Es war mir als h\u00f6be sich mit den Athemz\u00fcgen seiner platten Brust die harte W\u00f6lbung des gestirnten Himmels. Der Horizont brach auf und unter entz\u00fcndeten Wolken wurden Landschaften sichtbar endlos, so wie sie uns gl\u00fccklich machen. \u2013 Mein Himmel, wie liebe ich Dich Annerl und Dein Ku\u00df ist mir lieber als eine Landschaft. Reden wir nicht mehr von ihm und haben wir einander lieb. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als wir dann mit langsamen Schritten den Quai betraten, beneidete ich zwar meinen Bekannten um die K\u00fcsse, aber ich empfand auch mit Fr\u00f6hlichkeit die innere Besch\u00e4mung, die er mir gegen\u00fcber, so wie ich ihm erschien, wohl f\u00fchlen mu\u00dfte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So dachte ich. Aber meine Gedanken verwirrten sich damals, denn die Moldau und die Stadtviertel am andern Ufer lagen in einem Dunkel. Nur einige Lichter brannten und spielten mit den schauenden Augen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir standen am Gel\u00e4nder. Ich zog meine Handschuhe an, denn vom Wasser wehte es kalt; dann seufzte ich ohne Grund auf, wie man es vor einem Flu\u00df in der Nacht wohl thun mag, und wollte weiter gehn. Aber mein Bekannter schaute ins Wasser und r\u00fchrte sich gar nicht. Dann trat er noch n\u00e4her an das Gel\u00e4nder, st\u00fctzte die Arme mit den Ellenbogen auf das Eisen nieder und legte die Stirne in seine H\u00e4nde. Das schien mir th\u00f6richt. Ich fror und st\u00fclpte meinen Rockkragen in die H\u00f6he. Mein Bekannter streckte sich und legte den Oberk\u00f6rper, der jetzt auf seinen gespannten Armen ruhte, \u00fcber das Gel\u00e4nder. Besch\u00e4mt beeilte ich mich zu reden, um mein G\u00e4hnen zu unterdr\u00fccken: &#8220;Nicht wahr, es ist doch merkw\u00fcrdig da\u00df gerade die Nacht nur imstande ist, uns ganz in Erinnerungen zu tauchen. Jetzt zum Beispiel erinnere ich mich an dieses: Einmal sa\u00df ich auf einer Bank am Ufer eines Flusses am Abend in verrenkter Haltung. Ich sah, den Kopf auf den Arm gelegt, der auf der h\u00f6lzernen Lehne der Bank auflag, die wolkenhaften Berge des andern Ufers und h\u00f6rte eine zarte Geige, die jemand im Strandhotel spielte. Auf beiden Ufern fuhren hin und wieder schiebende Z\u00fcge mit ergl\u00e4nzendem Rauch. &#8221; \u2013 So redete ich und suchte krampfhaft hinter den Worten Liebesgeschichten mit merkw\u00fcrdigen Lagen zu erfinden; auch ein wenig Roheit und feste Nothzucht brauchte nicht zu fehlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber ich brachte kaum die ersten Worte vor, als mein Bekannter gleichg\u00fcltig und blo\u00df \u00fcberrascht dar\u00fcber, mich noch hier zu sehn \u2013 so schien es mir \u2013 sich zu mir wandte und sagte: &#8220;Sehen Sie, so kommt es immer. Als ich heute die Treppe hinunterstieg, um noch einen Abendspaziergang zu machen, ehe ich in die Gesellschaft gehen mu\u00dfte, wunderte ich mich, wie meine r\u00f6thlichen H\u00e4nde in den wei\u00dfen Manschetten hin und herschlenkerten und wie sie es mit ungewohnter Munterkeit thaten. Da erwartete ich Abenteuer. So kommt es immer.&#8221; Dieses sagte er schon im Gehn, nur beil\u00e4ufig, als eine kleine Beobachtung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mich aber r\u00fchrte es sehr und es wurde mir schmerzlich, da\u00df ihm vielleicht meine lange Gestalt unangenehm sein k\u00f6nnte, neben der er vielleicht zu klein erschien. Und dieser Umstand qu\u00e4lte mich, trotzdem es doch Nacht war und wir fast niemandem begegneten, doch so sehr, da\u00df ich meinen R\u00fccken so geb\u00fcckt machte, da\u00df meine H\u00e4nde im Gehn meine Knie ber\u00fchrten. Damit aber mein Bekannter meine Absicht nicht merke, ver\u00e4nderte ich meine Haltung nur ganz allm\u00e4hlich mit gro\u00dfer Vorsicht und suchte seine Aufmerksamkeit von mir abzulenken durch Bemerkungen \u00fcber die B\u00e4ume der Sch\u00fctzeninsel und \u00fcber die Spiegelung der Br\u00fcckenlampen im Flusse. Aber mit pl\u00f6tzlicher Wendung drehte er sein Gesicht mir zu und sagte nachsichtig: &#8220;Warum gehen Sie denn so? Sie sind ja jetzt ganz geb\u00fcckt und fast so klein, wie ich. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da er das g\u00fctig gesagt hatte, antwortete ich: &#8220;Das mag sein. Aber mir ist diese Haltung angenehm. Ich bin ziemlich schw\u00e4chlich, wissen Sie, und es kommt mir zu schwer an, meinen K\u00f6rper aufrecht zu erhalten. Das ist keine Kleinigkeit; ich bin sehr lang \u2013 &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er sagte ein wenig mi\u00dftrauisch: &#8220;Das ist doch blo\u00df eine Laune. Sie giengen doch fr\u00fcher ganz aufrecht, glaube ich und auch in der Gesellschaft hielten Sie sich doch leidlich. Sie tanzten sogar oder nicht? Nein? Aber aufrecht giengen Sie doch und das werden Sie jetzt auch noch k\u00f6nnen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich antwortete beharrlich und mit der Hand abwehrend: &#8220;Ja, ja ich gieng aufrecht. Aber Sie untersch\u00e4tzen mich. Ich wei\u00df, was gutes Benehmen ist und darum gehe ich geb\u00fcckt. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber ihm schien es nicht einfach, sondern verwirrt von seinem Gl\u00fcck verstand er den Zusammenhang meiner Worte nicht und sagte nur: &#8220;Nun, wie Sie wollen&#8221; und schaute zur Uhr des M\u00fchlenthurmes auf, die schon fast ein Uhr zeigte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich aber sagte zu mir: &#8220;Wie herzlos ist dieser Mensch! Wie bezeichnend und deutlich ist seine Gleichg\u00fcltigkeit gegen meine dem\u00fcthigen Worte! Er ist eben gl\u00fccklich und das ist die Art der Gl\u00fccklichen, alles nat\u00fcrlich zu finden, was um sie geschieht. Ihr Gl\u00fcck stellt einen glanzvollen Zusammenhang her. Und wenn ich jetzt ins Wasser gesprungen w\u00e4re oder wenn mich jetzt vor ihm Kr\u00e4mpfe zerrei\u00dfen hier auf dem Pflaster unter diesem Bogen immer w\u00fcrde ich mich friedlich seinem Gl\u00fcck einf\u00fcgen. Ja, wenn er in die Laune k\u00e4me \u2013 ein Gl\u00fccklicher ist so gef\u00e4hrlich, das ist unzweifelhaft \u2013 w\u00fcrde er mich auch todtschlagen wie ein Stra\u00dfenm\u00f6rder. Das ist sicher und da ich feig bin, w\u00fcrde ich vor Schrecken nicht einmal zu schreien wagen. \u2013 Um Gotteswillen! &#8221; \u2013 Ich sah mich in Angst um. Vor einem entfernten Kaffeehaus mit rechteckigen schwarzen Scheiben lie\u00df sich ein Schutzmann \u00fcber das Pflaster gleiten. Sein S\u00e4bel behinderte ihn ein wenig, er nahm ihn in die Hand und nun gieng es viel h\u00fcbscher. Und als ich ihn bei der m\u00e4\u00dfigen Entfernung auch noch schwach juchzen h\u00f6rte, da war ich \u00fcberzeugt, da\u00df er mich nicht retten w\u00fcrde, wenn mich mein Bekannter totschlagen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber jetzt wu\u00dfte ich auch, was ich thun mu\u00dfte, denn gerade vor schrecklichen Ereignissen \u00fcberkommt mich gro\u00dfe Entschlossenheit. Ich mu\u00dfte weglaufen. Es war ganz leicht. Jetzt beim Einbug zur Karlsbr\u00fccke nach links konnte ich nach rechts in die Karlsgasse springen. Sie war winklig, es gab dort dunkle Hausthore und Weinstuben die noch offen waren; ich mu\u00dfte nicht verzweifeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als wir unter dem Bogen am Ende des Quais hervortraten, rannte ich mit erhobenen Armen in die Gasse; doch als ich gerade zu einer kleinen Th\u00fcre der Kirche kam, fiel ich, denn dort war eine Stufe die ich nicht gesehen hatte. Es krachte. Die n\u00e4chste Laterne war entfernt, ich lag im Dunkel. Aus einer Weinstube gegen\u00fcber kam ein dickes Weib mit einem rauchigen L\u00e4mpchen heraus, um nachzusehn was auf der Gasse geschehen war. Das Klavierspiel h\u00f6rte auf und ein Mann \u00f6ffnete die jetzt halboffene Th\u00fcr v\u00f6llig. Er spie gro\u00dfartig auf eine Stufe und w\u00e4hrend er das Frauenzimmer zwischen den Br\u00fcsten kitzelte, sagte er, das was geschehen sei, sei jedenfalls ohne Bedeutung. Sie drehten sich darauf um und die Th\u00fcre wurde wieder zugemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich aufzustehn versuchte, fiel ich wieder. &#8220;Es ist Glatteis&#8221;, sagte ich und versp\u00fcrte einen Schmerz im Knie. Aber doch freute es mich, da\u00df die Leute aus der Weinstube mich nicht sehen konnten und es schien mir daher das Bequemste hier bis zur D\u00e4mmerung liegen zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Bekannter war wohl allein bis zur Br\u00fccke gegangen, ohne meinen Abschied bemerkt zu haben, denn er kam erst nach einer Weile zu mir. Ich sah nicht, da\u00df er erstaunt war, als er sich mitleidig zu mir b\u00fcckte und mich mit weicher Hand streichelte. Er fuhr an meinen Wangenknochen auf und nieder und legte dann zwei dicke Finger an meine niedrige Stirn: &#8220;Sie haben sich weh gethan, nicht? Es ist Glatteis und man mu\u00df vorsichtig sein \u2013 der Kopf schmerzt Sie? Nein? ach das Knie, so. &#8221; Er sprach in einem singenden Ton, als ob er eine Geschichte erz\u00e4hle und eine sehr angenehme Geschichte \u00fcberdies von einem sehr entfernten Schmerz in einem Knie. Er bewegte auch seine Arme, aber er dachte nicht daran mich aufzuheben. Ich st\u00fctzte den Kopf auf meine rechte Hand \u2013 der Ellbogen lag auf einem Pflasterstein \u2013 und sagte schnell, damit ich es nicht verg\u00e4\u00dfe: &#8220;Ich wei\u00df nicht eigentlich, warum ich nach rechts lief. Doch ich sah unter den Lauben dieser Kirche \u2013 ich wei\u00df nicht, wie sie hei\u00dft, oh, bitte, verzeihen Sie \u2013 eine Katze laufen. Eine kleine Katze und sie hatte ein helles Fell. Daher bemerkte ich sie. \u2013 Oh nein, das war es nicht, entschuldigen Sie, aber es ist gen\u00fcgende M\u00fche sich den Tag \u00fcber zu beherrschen. Man schl\u00e4ft eben um sich zu dieser M\u00fche zu kr\u00e4ftigen, schl\u00e4ft man aber nicht, dann geschehn nicht selten zwecklose Dinge mit uns, aber es w\u00e4re unh\u00f6flich von unsern Begleitern sich dar\u00fcber laut zu wundern. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Bekannter hatte die H\u00e4nde in den Taschen und sah \u00fcber die leere Br\u00fccke hin, dann zur Kreuzherrenkirche und dann auf zum Himmel, der klar war. Da er mir nicht zugeh\u00f6rt hatte, sagte er dann \u00e4ngstlich: &#8220;Ja, warum reden Sie denn nicht mein Lieber; ist Ihnen schlecht \u2013 ja warum stehn Sie denn eigentlich nicht auf \u2013 es ist doch kalt hier, Sie werden sich verk\u00fchlen und dann wollten wir doch auf den Laurenziberg. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nat\u00fcrlich&#8221;, sagte ich, &#8220;verzeihen Sie&#8221; und ich stand allein auf, aber mit starkem Schmerz. Ich schwankte und mu\u00dfte das Standbild Karl des Vierten fest ansehn um meines Standpunktes sicher zu sein. Aber das Mondlicht war ungeschickt und brachte auch Karl den Vierten in Bewegung. Ich staunte dar\u00fcber und meine F\u00fc\u00dfe wurden viel kr\u00e4ftiger aus Angst, Karl der Vierte m\u00f6chte umst\u00fcrzen, wenn ich nicht in beruhigender Haltung w\u00e4re. Sp\u00e4ter schien mir meine Anstrengung nutzlos, denn Karl der Vierte fiel doch herunter, gerade als es mir einfiel, da\u00df ich geliebt w\u00fcrde von einem M\u00e4dchen in einem sch\u00f6nen wei\u00dfen Kleid.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unn\u00fctzes thue ich und vers\u00e4ume viel. Wie gl\u00fccklich war dieser Einfall, das M\u00e4dchen betreffend! \u2013 Und lieb war es da vom Mond, da\u00df er auch mich beschien und ich wollte aus Bescheidenheit mich unter die W\u00f6lbung des Br\u00fcckenthurmes stellen, als ich einsah, da\u00df es doch blo\u00df nat\u00fcrlich sei, da\u00df der Mond alles bescheine. Daher breitete ich mit Freude meine Arme aus, um den Mond ganz zu genie\u00dfen. \u2013 Da fiel mir der Vers ein:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sprang durch die Gassen wie ein betrunkener L\u00e4ufer stampfend durch Luft<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">und es wurde mir leicht, als ich Schwimmbewegungen mit den l\u00e4ssigen Armen machend ohne Schmerz und M\u00fche vorw\u00e4rtskam. Mein Kopf lag gut in k\u00fchler Luft und die Liebe des wei\u00dfgekleideten M\u00e4dchens brachte mich in trauriges Entz\u00fccken, denn es schien mir als schwimme ich von der Verliebten und auch von den wolkenhaften Bergen ihrer Gegend weg. \u2013 Und ich erinnerte mich, da\u00df ich einmal einen gl\u00fccklichen Bekannten, der jetzt noch vielleicht neben mir gieng, geha\u00dft hatte und es freute mich, da\u00df mein Ged\u00e4chtnis so gut war, da\u00df es selbst so nebens\u00e4chliche Dinge bewahrte. Denn das Ged\u00e4chtnis hat viel zu tragen. So kannte ich mit einem Male alle die vielen Sterne bei Namen, trotzdem ich es niemals gelernt hatte. Ja, es waren merkw\u00fcrdige Namen, schwer zu behalten, aber ich wu\u00dfte sie alle und sehr genau. Ich gab meinen Zeigefinger in die H\u00f6he und nannte die Namen der einzelnen laut. \u2013 Ich kam aber nicht weit mit dem Nennen der Sterne, denn ich mu\u00dfte weiterschwimmen, wollte ich nicht zusehr untertauchen. Aber damit man mir sp\u00e4ter nicht sagen k\u00f6nnte, \u00fcber dem Pflaster k\u00f6nnte jeder schwimmen und es sei nicht des Erz\u00e4hlens wert, erhob ich mich durch ein Tempo \u00fcber das Gel\u00e4nder und umkreiste schwimmend jede Heiligenstatue, der ich begegnete. \u2013 Bei der f\u00fcnften, als ich mich gerade mit \u00fcberlegenen Schl\u00e4gen \u00fcber dem Pflaster hielt, fa\u00dfte mein Bekannter meine Hand. Da stand ich wieder auf dem Pflaster und f\u00fchlte einen Schmerz im Knie. Ich hatte die Namen der Sterne vergessen und von dem lieben M\u00e4dchen wu\u00dfte ich nur, da\u00df sie ein wei\u00dfes Kleid getragen hatte, aber ich konnte mich gar nicht mehr erinnern, welche Gr\u00fcnde ich gehabt hatte, an die Liebe des M\u00e4dchens zu glauben. Es erhob sich in mir ein gro\u00dfer und so begr\u00fcndeter Zorn gegen mein Ged\u00e4chtnis und Angst, ich k\u00f6nnte das M\u00e4dchen verlieren. Und so wiederholte ich angestrengt und unaufh\u00f6rlich &#8220;wei\u00dfes Kleid, wei\u00dfes Kleid&#8221; um wenigstens durch dieses eine Zeichen mir das M\u00e4dchen zu erhalten. Aber das hat nichts geholfen. Mein Bekannter dr\u00e4ngte sich mit seinen Reden immer n\u00e4her zu mir und in dem Augenblick, als ich anfieng seine Worte zu verstehn, h\u00fcpfte ein wei\u00dfer Schimmer zierlich am Br\u00fcckengel\u00e4nder entlang, strich durch den Br\u00fcckenthurm und sprang in die dunkle Gasse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Immer liebte ich&#8221;, sagte mein Bekannter auf die Statue der heiligen Ludmila zeigend, &#8220;die H\u00e4nde dieses Engels, links. Ihre Zartheit ist ohne Grenzen und die Finger, die sich aufspannen, zittern. Aber von heute abend an sind mir diese H\u00e4nde gleichg\u00fcltig, das kann ich sagen, denn ich k\u00fc\u00dfte H\u00e4nde \u2013 &#8221; Da umarmte er mich k\u00fc\u00dfte meine Kleider und stie\u00df mit seinem Kopf gegen meinen Leib.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sagte: &#8220;Ja, ja. Ich glaube das. Ich zweifle nicht&#8221; und dabei zwickte ich ihn mit meinen Fingern soweit er sie freilie\u00df in seine Waden. Aber er sp\u00fcrte es nicht. Da sagte ich zu mir: &#8220;Warum gehst Du mit diesem Menschen Du liebst ihn nicht und Du hassest ihn auch nicht, denn sein Gl\u00fcck besteht nur in einem M\u00e4dchen und es ist nicht einmal sicher, da\u00df sie ein wei\u00dfes Kleid tr\u00e4gt. Also ist Dir dieser Mensch gleichg\u00fcltig \u2013 wiederhole es \u2013 gleichg\u00fcltig. Er ist aber auch ungef\u00e4hrlich, wie es sich erwiesen hat. Also geh mit ihm zwar weiter auf den Laurenziberg, denn Du bist schon auf dem Wege in sch\u00f6ner Nacht, aber la\u00df ihn reden und vergn\u00fcge Dich auf Deine Weise, dadurch \u2013 sage es leise \u2013 sch\u00fctzt Du Dich auch am besten. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">II<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Belustigungen oder<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beweis dessen, da\u00df es unm\u00f6glich ist zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1 Ritt<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon sprang ich mit ungewohnter Geschicklichkeit meinem Bekannten auf die Schultern und brachte ihn dadurch, da\u00df ich meine F\u00e4uste in seinen R\u00fccken stie\u00df in einen leichten Trab. Als er aber noch ein wenig widerwillig stampfte und manchmal sogar stehen blieb, hackte ich mehrmals mit meinen Stiefeln in seinen Bauch, um ihn munterer zu machen. Es gelang und wir kamen mit guter Schnelligkeit immer weiter in das Innere einer gro\u00dfen, aber noch unfertigen Gegend, in der es Abend war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Landstra\u00dfe, auf der ich ritt, war steinig und stieg bedeutend, aber gerade das gefiel mir und ich lie\u00df sie noch steiniger und steiler werden. Sobald mein Bekannter stolperte, ri\u00df ich ihn an seinen Haaren in die H\u00f6he und sobald er seufzte, boxte ich ihn in den Kopf. Dabei f\u00fchlte ich, wie gesund mir dieser Abendritt in dieser guten Laune war und, um ihn noch wilder zu machen, lie\u00df ich einen starken Gegenwind in langen St\u00f6\u00dfen in uns blasen. Jetzt \u00fcbertrieb ich auch noch auf den breiten Schultern meines Bekannten die springende Bewegung des Reitens und, w\u00e4hrend ich mich mit beiden H\u00e4nden fest an seinem Halse hielt, beugte ich weit meinen Kopf zur\u00fcck und betrachtete die mannigfaltigen Wolken, die schw\u00e4cher als ich schwerf\u00e4llig mit dem Winde flogen. Ich lachte und zitterte vor Muth. Mein Rock breitete sich aus und gab mir Kraft. Dabei pre\u00dfte ich meine H\u00e4nde kr\u00e4ftig in einander und that, als w\u00fc\u00dfte ich nicht, da\u00df ich dadurch meinen Bekannten w\u00fcrgte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Himmel aber, der mir allm\u00e4hlich durch die gekr\u00fcmmten \u00c4ste der B\u00e4ume, die ich am Rande der Stra\u00dfe wachsen lie\u00df, verdeckt wurde, rief ich in der erhitzten Bewegung des Reitens: &#8220;Ich habe doch anderes zu thun, als immer verliebtes Gerede zu h\u00f6ren. Warum ist er zu mir gekommen, dieser geschw\u00e4tzige Verliebte? Sie alle sind gl\u00fccklich und werden es besonders, wenn es ein anderer wei\u00df. Sie glauben einen gl\u00fccklichen Abend zu haben und schon deshalb freuen sie sich des k\u00fcnftigen Lebens. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da fiel mein Bekannter, und als ich ihn untersuchte fand ich, da\u00df er am Knie schwer verwundet war. Da er mir nicht mehr n\u00fctzlich sein konnte, lie\u00df ich ihn auf den Steinen und pfiff nur einige Geier aus der H\u00f6he herab, die sich gehorsam und mit ernstem Schnabel auf ihn setzten, um ihn zu bewachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2 Spaziergang<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unbek\u00fcmmert gieng ich weiter. Weil ich aber als Fu\u00dfg\u00e4nger die Anstrengung der bergigen Stra\u00dfe f\u00fcrchtete, lie\u00df ich den Weg immer flacher werden und sich in der Entfernung endlich zu einem Thale senken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Steine verschwanden nach meinem Willen und der Wind wurde still und verlor sich im Abend. Ich gieng in gutem Marsch und da ich bergab gieng, hatte ich den Kopf erhoben und den K\u00f6rper gesteift und die Arme hinter dem Kopf verschr\u00e4nkt. Da ich Fichtenw\u00e4lder liebe, gieng ich durch Fichtenw\u00e4lder und, da ich gerne stumm in den ausgesternten Himmel schaue, so giengen mir auf dem gro\u00dfausgebreiteten Himmel die Sterne langsam und ruhig auf, wie es auch sonst ihre Art ist. Nur wenige gestreckte Wolken sah ich, die ein Wind, der nur in ihrer H\u00f6he wehte, durch die Luft zog.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ziemlich weit meiner Stra\u00dfe gegen\u00fcber, wahrscheinlich durch einen Flu\u00df von mir getrennt, lie\u00df ich einen hohen Berg aufstehn, dessen H\u00f6he mit Buschwerk bewachsen an den Himmel grenzte. Noch die kleinen Verzweigungen und Bewegungen der h\u00f6chsten \u00c4ste konnte ich deutlich sehn. Dieser Anblick, wie gew\u00f6hnlich er auch sein mag, freute mich so, da\u00df ich als ein kleiner Vogel auf den Ruten dieser entfernten struppigen Str\u00e4ucher schaukelnd daran verga\u00df, den Mond aufgehn zu lassen, der schon hinter dem Berge lag, wahrscheinlich z\u00fcrnend wegen der Verz\u00f6gerung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt aber breitete sich der k\u00fchle Schein, der dem Mondaufgang vorhergeht, auf dem Berge aus und pl\u00f6tzlich hob der Mond selbst sich hinter einem der unruhigen Str\u00e4ucher. Ich jedoch hatte indessen in einer andern Richtung geschaut und als ich jetzt vor mich hin blickte und ihn mit einem Male sah, wie er schon fast mit seiner ganzen Rundung leuchtete, blieb ich mit tr\u00fcben Augen stehn, denn meine absch\u00fcssige Stra\u00dfe schien gerade in diesen erschreckenden Mond zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber nach einem Weilchen gew\u00f6hnte ich mich an ihn und betrachtete mit Besonnenheit, wie schwer ihm der Aufstieg wurde, bis ich endlich, nachdem ich und er einander ein gro\u00dfes St\u00fcck entgegengegangen waren, eine angenehme Schl\u00e4frigkeit versp\u00fcrte, die wie ich glaubte, wegen der Anstrengungen des Tages \u00fcber mich kam, an die ich mich freilich nicht mehr erinnern konnte. Ich gieng eine kleine Zeit mit geschlossenen Augen, indem ich mich nur dadurch wachend erhielt, da\u00df ich laut und regelm\u00e4\u00dfig die H\u00e4nde zusammenschlug.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann aber, als der Weg mir unter den F\u00fc\u00dfen zu entgleiten drohte und alles m\u00fcde wie ich zu entschwinden begann, beeilte ich mich den Abhang an der rechten Seite der Stra\u00dfe mit aufgeregter Bewegung zu erklettern, um noch rechtzeitig in den hohen verwirrten Fichtenwald zu kommen, in dem ich die Nacht verschlafen wollte. Die Eile war n\u00f6thig. Die Sterne dunkelten schon und der Mond versank schw\u00e4chlich im Himmel, wie in einem bewegten Gew\u00e4sser. Der Berg war schon ein St\u00fcck der Nacht, die Landstra\u00dfe endete be\u00e4ngstigend dort, wo ich zum Abhang mich gewendet hatte und aus dem Innern des Waldes h\u00f6rte ich das n\u00e4herkommende Krachen fallender St\u00e4mme. Nun h\u00e4tte ich mich gleich auf das Moos zum Schlaf werfen k\u00f6nnen, aber da ich die Ameisen f\u00fcrchte, kroch ich mit um den Stamm gewundenen Beinen auf einen Baum, der auch schon baumelte ohne Wind, legte mich auf einen Ast, den Kopf an den Stamm gelegt und schlief hastig ein, inde\u00df ein Eichh\u00f6rnchen meiner Laune mit steilem Schwanz auf dem bebenden Ende des Astes sa\u00df und sich wiegte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Flu\u00df war breit und seine kleinen lauten Wellen waren beschienen. Auch am andern Ufer waren Wiesen, die dann in Gestr\u00e4uch \u00fcbergiengen, hinter dem man in gro\u00dfer Fernsicht helle Obstalleen sah, die zu gr\u00fcnen H\u00fcgeln f\u00fchrten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erfreut \u00fcber diesen Anblick legte ich mich nieder und dachte, w\u00e4hrend ich mir die Ohren gegen gef\u00fcrchtetes Weinen zuhielt, hier k\u00f6nnte ich zufrieden werden. &#8220;Denn hier ist es einsam und sch\u00f6n. Es braucht nicht viel Muth, hier zu leben. Man wird sich hier qu\u00e4len m\u00fcssen wie anderswo auch, aber man wird sich dabei nicht sch\u00f6n bewegen m\u00fcssen. Das wird nicht n\u00f6thig sein. Denn es sind nur Berge da und ein gro\u00dfer Flu\u00df und ich bin noch klug genug, sie f\u00fcr leblos zu halten. Ja, wenn ich am Abend allein auf den steigenden Wiesenwegen stolpern werde, so werde ich nicht verlassener sein, als der Berg, nur da\u00df ich es f\u00fchlen werde. Aber ich glaube, auch das wird noch vergehn. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So spielte ich mit meinem k\u00fcnftigen Leben und versuchte hartn\u00e4ckig zu vergessen. Ich sah dabei blinzelnd in jenen Himmel, der in einer ungew\u00f6hnlich gl\u00fccklichen F\u00e4rbung war. Ich hatte ihn schon lange nicht so gesehn, ich wurde ger\u00fchrt und an einzelne Tage erinnert, an denen ich auch geglaubt hatte, ihn so zu sehn. Ich gab die H\u00e4nde von meinen Ohren, breitete meine Arme aus und lie\u00df sie in die Gr\u00e4ser fallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich h\u00f6rte jemand weit und schwach schluchzen. Es wurde windig und gro\u00dfe Mengen trockener Bl\u00e4tter, die ich fr\u00fcher nicht gesehen hatte, flogen rauschend auf. Von den Obstb\u00e4umen schlugen unreife Fr\u00fcchte irrsinnig auf den Boden. Hinter einem Berg kamen h\u00e4\u00dfliche Wolken herauf. Die Flu\u00dfwellen knarrten und wichen vor dem Wind zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich stand rasch auf. Mich schmerzte mein Herz, denn jetzt schien es unm\u00f6glich aus meinen Leiden hinauszukommen. Schon wollte ich umkehren, um diese Gegend zu verlassen und in meine fr\u00fchere Lebensart zur\u00fcckzukehren, als ich diesen Einfall bekam: &#8220;Wie merkw\u00fcrdig ist es, da\u00df noch in unserer Zeit vornehme Personen in dieser schwierigen Weise \u00fcber einen Flu\u00df bef\u00f6rdert werden. Es giebt keine andere Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, als da\u00df es ein alter Brauch ist. &#8221; Ich sch\u00fcttelte den Kopf, denn ich war verwundert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">3<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dicke<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">a<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ansprache an die Landschaft<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus den Geb\u00fcschen des andern Ufers traten gewaltig vier nackte M\u00e4nner, die auf ihren Schultern eine h\u00f6lzerne Tragbahre hielten. Auf dieser Tragbahre sa\u00df in orientalischer Haltung ein ungeheuerlich dicker Mann. Trotzdem er durch Geb\u00fcsche auf ungebahntem Weg getragen wurde, schob er die dornigen Zweige doch nicht auseinander, sondern durchstie\u00df sie ruhig mit seinem unbeweglichen K\u00f6rper. Seine faltigen Fettmassen waren so sorgf\u00e4ltig ausgebreitet, da\u00df sie zwar die ganze Tragbahre bedeckten und noch an den Seiten gleich dem Saume eines gelblichen Teppichs hinunterhiengen, und ihn dennoch nicht st\u00f6rten. Sein haarloser Sch\u00e4del war klein und gl\u00e4nzte gelb. Sein Gesicht trug den einf\u00e4ltigen Ausdruck eines Menschen der nachdenkt und sich nicht bem\u00fcht es zu verbergen. Bisweilen schlo\u00df er seine Augen; \u00f6ffnete er sie wieder, verzerrte sich sein Kinn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Die Landschaft st\u00f6rt mich in meinem Denken&#8221;, sagte er leise, &#8220;sie l\u00e4\u00dft meine \u00dcberlegungen schwanken, wie Kettenbr\u00fccken bei zorniger Str\u00f6mung. Sie ist sch\u00f6n und will deshalb betrachtet sein. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich schlie\u00dfe meine Augen und sage: Du gr\u00fcner Berg am Flusse, der Du gegen das Wasser rollendes Gestein hast, Du bist sch\u00f6n. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber er ist nicht zufrieden, er will, da\u00df ich die Augen zu ihm \u00f6ffne. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wenn ich aber mit geschlossenem Auge sage: Berg, ich liebe Dich nicht, denn Du erinnerst mich an die Wolken, an die Abendr\u00f6the und an den steigenden Himmel und das sind Dinge, die mich fast weinen machen, denn man kann sie niemals erreichen, wenn man sich auf einer kleinen S\u00e4nfte tragen l\u00e4\u00dft. W\u00e4hrend Du mir aber dieses zeigst, hinterlistiger Berg, verdeckst Du mir die Fernsicht, die mich erheitert, denn sie zeigt Erreichbares in sch\u00f6nem \u00dcberblick. Darum liebe ich Dich nicht, Berg am Wasser, nein, ich liebe Dich nicht. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber diese Rede w\u00e4re ihm so gleichg\u00fcltig, wie meine fr\u00fchere, wenn ich nicht mit ge\u00f6ffneten Augen redete. Sonst ist er nicht zufrieden. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Und m\u00fcssen wir nicht ihn uns freundlich erhalten, damit wir \u00fcberhaupt ihn nur aufrecht erhalten, ihn, der eine so launische Vorliebe f\u00fcr den Brei unserer Gehirne hat. Er w\u00fcrde seinen gezackten Schatten auf mich niederschlagen, er w\u00fcrde stumm schrecklich kahle W\u00e4nde mir vorschieben und meine Tr\u00e4ger w\u00fcrden \u00fcber die kleinen Steinchen am Wege stolpern. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber nicht nur der Berg ist so eitel, so zudringlich und so rachs\u00fcchtig dann, alles andere ist es auch. So mu\u00df ich mit kreisrunden Augen \u2013 oh sie schmerzen \u2013 immer wiederholen: &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja, Berg Du bist sch\u00f6n und die W\u00e4lder auf Deinem westlichen Abhang freuen mich. \u2013 Auch mit Dir, Blume, bin ich zufrieden und Dein Rosa macht meine Seele fr\u00f6hlich. \u2013 Du Gras auf den Wiesen bist schon hoch und stark und k\u00fchlst. \u2013 Und Du fremdartiges Buschwerk stichst so unerwartet, so da\u00df unsere Gedanken in Spr\u00fcnge kommen. \u2013 An Dir aber Flu\u00df habe ich so gro\u00dfes Gefallen, da\u00df ich mich durch Dein biegsames Wasser werde tragen lassen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem er diese Lobpreisung zehnmal laut ausgerufen hatte unter einigem dem\u00fcthigen R\u00fccken seines K\u00f6rpers, lie\u00df er seinen Kopf sinken und sagte mit geschlossenen Augen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Jetzt aber \u2013 ich bitte Euch \u2013 Berg Blume Gras, Buschwerk und Flu\u00df, gebt mir ein wenig Raum, damit ich athmen kann. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da entstand ein eilfertiges Verschieben in den umliegenden Bergen, die sich hinter h\u00e4ngende Nebel stie\u00dfen. Die Alleen standen zwar fest und h\u00fcteten ziemlich die Stra\u00dfenbreite, aber fr\u00fchzeitig verschwammen sie: Am Himmel lag vor der Sonne eine feuchte Wolke mit leise durchleuchtetem Rand, in deren Beschattung das Land sich tiefer senkte, w\u00e4hrend alle Dinge ihre sch\u00f6ne Begrenzung verloren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Tritte der Tr\u00e4ger wurden bis zu meinem Ufer h\u00f6rbar und doch konnte ich in dem dunklen Viereck ihrer Gesichter nichts genaues unterscheiden. Ich sah nur, wie sie ihre K\u00f6pfe zur Seite neigten und wie sie ihren R\u00fccken kr\u00fcmmten, denn die Last war ungew\u00f6hnlich. Ich hatte Sorge ihretwegen, denn ich bemerkte, da\u00df sie m\u00fcde waren. Daher sah ich mit Spannung zu, als sie in das Ufergras traten, dann in noch ebenm\u00e4\u00dfigem Tritt durch den nassen Sand giengen, bis sie endlich in das schlammige Schilf sanken, wo die beiden r\u00fcckw\u00e4rtigen Tr\u00e4ger sich noch tiefer b\u00fcckten, um die S\u00e4nfte in ihrer wagrechten Lage zu erhalten. Ich pre\u00dfte die H\u00e4nde in einander. Jetzt mu\u00dften sie bei jedem Schritt ihre F\u00fc\u00dfe hochheben, so da\u00df ihr K\u00f6rper in der k\u00fchlen Luft dieses ver\u00e4nderlichen Nachmittags vor Schwei\u00df gl\u00e4nzte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dicke sa\u00df ruhig, die H\u00e4nde auf seinen Schenkeln; die langen Spitzen des Schilfrohres streiften ihn, wenn sie hinter den vordern Tr\u00e4gern aufschnellten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bewegungen der Tr\u00e4ger wurden unregelm\u00e4\u00dfiger, je n\u00e4her sie zum Wasser kamen. Bisweilen schwankte die S\u00e4nfte, als sei sie schon auf den Wellen. Kleine Pf\u00fctzen im Schilf mu\u00dften \u00fcbersprungen oder umgangen werden, denn vielleicht waren sie tief.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einmal erhoben sich Wildenten schreiend und stiegen steil in die Regenwolke. Da sah ich in einer kurzen Bewegung das Gesicht des Dicken; es war ganz unruhig. Ich stand auf und eilte in eckigen Spr\u00fcngen \u00fcber den steinigen Abhang, der mich vom Wasser trennte. Ich achtete nicht darauf, da\u00df es gef\u00e4hrlich war, sondern ich dachte nur daran, dem Dicken zu helfen, wenn seine Diener ihn nicht mehr tragen k\u00f6nnten. Ich lief so unbesonnen, da\u00df ich mich unten beim Wasser nicht einhalten konnte, sondern ein St\u00fcck in das aufspritzende Wasser laufen mu\u00dfte und erst stehen blieb, bis das Wasser mir bis an die Knie reichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dr\u00fcben aber hatten die Diener unter Verrenkungen die S\u00e4nfte ins Wasser gebracht und w\u00e4hrend sie mit der einen Hand sich \u00fcber dem unruhigen Wasser hielten, stemmten sie mit vier behaarten Armen die S\u00e4nfte in die H\u00f6he, so da\u00df man die ungew\u00f6hnlich erhobenen Muskeln sah.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wasser schlug zuerst ans Kinn, stieg dann zum Mund, der Kopf der Tr\u00e4ger beugte sich zur\u00fcck und die Tragh\u00f6lzer fielen auf die Schultern. Das Wasser umspielte schon den Nasenr\u00fccken und noch immer gaben sie die M\u00fche nicht auf, trotzdem sie kaum in der Mitte des Flusses waren. Da schlug eine niedrige Welle auf die K\u00f6pfe der Vordern nieder und die vier M\u00e4nner ertranken schweigend, indem sie mit ihren wilden H\u00e4nden die S\u00e4nfte mit sich hinunter zogen. Wasser scho\u00df im Sturze nach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da brach aus den R\u00e4ndern der gro\u00dfen Wolke der flache Schein der abendlichen Sonne und verkl\u00e4rte die H\u00fcgel und Berge an der Grenze des Gesichtskreises, w\u00e4hrend der Flu\u00df und die Gegend unter der Wolke in undeutlichem Lichte war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dicke drehte sich langsam in der Richtung des str\u00f6menden Wassers und wurde flu\u00dfabw\u00e4rts getragen, wie ein G\u00f6tterbild aus hellem Holz, das \u00fcberfl\u00fcssig geworden war und das man daher in den Flu\u00df geworfen hatte. Er fuhr auf der Spiegelung der Regenwolke hin. L\u00e4ngliche Wolken zogen ihn und kleine geb\u00fcckte schoben, so da\u00df es bedeutenden Aufruhr gab, den man noch am Anschlagen des Wassers an meinen Knien und an den Ufersteinen merken konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich kroch rasch die B\u00f6schung wieder hinauf, um auf dem Weg den Dicken begleiten zu k\u00f6nnen, denn wahrhaftig ich liebte ihn. Und vielleicht konnte ich etwas erfahren \u00fcber die Gef\u00e4hrlichkeit dieses scheinbar sichern Landes. So gieng ich auf einem Sandstreifen, an dessen Schmalheit man sich erst gew\u00f6hnen mu\u00dfte, die H\u00e4nde in den Taschen und das Gesicht im rechten Winkel zum Flu\u00df gewendet, so da\u00df das Kinn fast auf der Schulter lag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf den Ufersteinen sa\u00dfen zarte Schwalben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dicke sagte: &#8220;Lieber Herr am Ufer, versuchen Sie es nicht, mich zu retten. Das ist die Rache des Wassers und des Windes; nun bin ich verloren. Ja, Rache ist es, denn wie oft haben wir diese Dinge angegriffen, ich und mein Freund der Beter, beim Singen unserer Klinge, unter dem Aufglanz der Cymbeln, der weiten Pracht der Posaunen und dem springenden Leuchten der Pauken. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine kleine M\u00f6we mit gestreckten Fl\u00fcgeln flog durch seinen Bauch, ohne da\u00df ihre Schnelligkeit vermindert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dicke erz\u00e4hlte weiter:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">b<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Begonnenes Gespr\u00e4ch mit dem Beter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gab eine Zeit, in der ich Tag um Tag in eine Kirche gieng, denn ein M\u00e4dchen in das ich mich verliebt hatte betete dort kniend eine halbe Stunde am Abend, unterdessen ich sie in Ruhe betrachten konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als einmal das M\u00e4dchen nicht gekommen war und ich unwillig auf die Betenden blickte fiel mir ein junger Mensch auf, der sich mit seiner ganzen magern Gestalt auf den Boden geworfen hatte. Von Zeit zu Zeit packte er mit der ganzen Kraft seines K\u00f6rpers seinen Sch\u00e4del und schmetterte ihn seufzend in seine Handfl\u00e4chen, die auf den Steinen auflagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Kirche waren nur einige alte Weiber, die oft ihr eingewickeltes K\u00f6pfchen mit seitlicher Neigung drehten, um nach dem Betenden hinzusehn. Diese Aufmerksamkeit schien ihn gl\u00fccklich zu machen, denn vor jedem seiner frommen Ausbr\u00fcche lie\u00df er seine Augen umgehn, ob die zuschauenden Leute zahlreich w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich fand das ungeb\u00fchrlich und beschlo\u00df, ihn anzureden, wenn er aus der Kirche gienge und ihn auszufragen, warum er in dieser Weise bete. Ja, ich war \u00e4rgerlich, weil mein M\u00e4dchen nicht gekommen war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber erst nach einer Stunde stand er auf, schlug ein ganz sorgf\u00e4ltiges Kreuz und gieng sto\u00dfweise zum Becken. Ich stellte mich auf dem Wege zwischen Becken und Th\u00fcre auf und wu\u00dfte, da\u00df ich ihn nicht ohne Erkl\u00e4rung durchlassen w\u00fcrde. Ich verzerrte meinen Mund, wie ich es immer als Vorbereitung thue, wenn ich mit Bestimmtheit reden will. Ich trat mit dem rechten Beine vor und st\u00fctzte mich darauf, w\u00e4hrend ich das linke nachl\u00e4ssig auf der Fu\u00dfspitze hielt; auch das giebt mir Festigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun ist es m\u00f6glich, da\u00df dieser Mensch schon auf mich schielte, als er das Weihwasser in sein Gesicht spritzte, vielleicht auch hatte er mich schon fr\u00fcher mit Besorgnis bemerkt, denn jetzt unerwartet rannte er zur Th\u00fcre und hinaus. Die Glasth\u00fcr schlug zu. Und als ich gleich nachher aus der Th\u00fcre trat, sah ich ihn nicht mehr, denn dort gab es einige schmale Gassen und der Verkehr war mannigfaltig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den n\u00e4chsten Tagen blieb er aus, aber mein M\u00e4dchen kam. Sie war in dem schwarzen Kleide, welches auf den Schultern durchsichtige Spitzen hatte, \u2013 der Halbmond des Hemdrandes lag unter ihnen \u2013 von deren unterem Rande die Seide in einem wohlgeschnittenen Kragen niederhieng. Und da das M\u00e4dchen kam verga\u00df ich an den jungen Mann und selbst dann k\u00fcmmerte ich mich nicht um ihn, als er sp\u00e4ter wieder regelm\u00e4\u00dfig kam und nach seiner Gewohnheit betete. Aber immer gieng er mit gro\u00dfer Eile an mir vor\u00fcber, mit abgewendetem Gesichte. Vielleicht lag es daran, da\u00df ich mir ihn immer nur in Bewegung denken konnte, so da\u00df es mir, selbst wenn er stand, schien, als schleiche er.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einmal versp\u00e4tete ich mich in meinem Zimmer. Trotzdem gieng ich noch in die Kirche. Ich fand das M\u00e4dchen nicht mehr dort und wollte nachhause gehn. Da lag dort wieder dieser junge Mensch. Die alte Begebenheit fiel mir jetzt ein und machte mich neugierig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf den Fu\u00dfspitzen glitt ich zum Th\u00fcrgang, gab dem blinden Bettler, der dort sa\u00df eine M\u00fcnze und dr\u00fcckte mich neben ihn hinter den ge\u00f6ffneten Th\u00fcrfl\u00fcgel. Dort sa\u00df ich eine Stunde lang und machte vielleicht ein listiges Gesicht. Ich f\u00fchlte mich dort wohl und beschlo\u00df \u00f6fters herzukommen. In der zweiten Stunde aber fand ich es unsinnig hier wegen des Beters zu sitzen. Und dennoch lie\u00df ich noch eine dritte Stunde schon zornig die Spinnen \u00fcber meine Kleider kriechen, w\u00e4hrend die letzten Menschen lautathmend aus dem Dunkel der Kirche traten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da kam er auch. Er gieng vorsichtig und seine F\u00fc\u00dfe betasteten zuerst leichthin den Boden ehe sie auftraten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich stand auf, machte einen gro\u00dfen und geraden Schritt und ergriff den jungen Menschen beim Kragen. &#8220;Guten Abend&#8221;, sagte ich und stie\u00df ihn, meine Hand an seinem Kragen die Stufen hinunter auf den beleuchteten Platz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als wir unten waren sagte er mit einer v\u00f6llig unbefestigten Stimme: &#8220;Guten Abend, lieber lieber Herr, z\u00fcrnen Sie mir nicht Ihrem h\u00f6chst ergebenen Diener. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja&#8221;, sagte ich, &#8220;ich will Sie einiges fragen mein Herr, voriges Mal entkamen Sie mir, das wird Ihnen heute kaum gelingen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie sind mitleidig, mein Herr, und Sie werden mich nachhause gehen lassen. Ich bin bedauernswert, das ist die Wahrheit. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nein&#8221;, schrie ich in den L\u00e4rm der vor\u00fcberfahrenden Stra\u00dfenbahn, &#8220;ich lasse Sie nicht. Gerade solche Geschichten gefallen mir. Sie sind ein Gl\u00fccksfang. Ich begl\u00fcckw\u00fcnsche mich. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da sagte er: &#8220;Ach, Gott, Sie haben ein lebhaftes Herz und einen Kopf aus einem Block. Sie nennen mich einen Gl\u00fccksfang, wie gl\u00fccklich m\u00fcssen Sie sein! Denn mein Ungl\u00fcck ist ein schwankendes Ungl\u00fcck, ein auf einer d\u00fcnnen Spitze schwankendes Ungl\u00fcck und ber\u00fchrt man es, so f\u00e4llt es auf den Frager. Gute Nacht, mein Herr. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Gut&#8221;, sagte ich und hielt seine rechte Hand fest, &#8220;wenn Sie mir nicht antworten werden, werde ich hier auf der Gasse zu rufen anfangen. Und alle Ladenm\u00e4dchen, die jetzt aus den Gesch\u00e4ften kommen und alle ihre Liebhaber, die sich auf sie freuen werden zusammenlaufen, denn sie werden glauben, ein Droschkenpferd sei gest\u00fcrzt oder etwas dergleichen sei geschehn. Dann werde ich Sie den Leuten zeigen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da k\u00fc\u00dfte er weinend abwechselnd meine beiden H\u00e4nde. &#8220;Ich werde Ihnen sagen, was Sie wissen wollen, aber bitte, gehn wir lieber in die Seitengasse dr\u00fcben. &#8221; Ich nickte und wir giengen hin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber er begn\u00fcgte sich nicht mit dem Dunkel der Gasse, in der nur weit von einander gelbe Laternen waren, sondern er f\u00fchrte mich in den niedrigen Flurgang eines alten Hauses unter ein L\u00e4mpchen, das vor der Holztreppe tropfend hieng.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dort nahm er wichtig sein Taschentuch und sagte es auf einer Stufe breitend: &#8220;Setzt Euch doch lieber Herr, da k\u00f6nnt Ihr besser fragen, ich bleibe stehn, da kann ich besser antworten. Qu\u00e4lt mich aber nicht. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da setzte ich mich und sagte, indem ich mit schmalen Augen zu ihm aufblickte: &#8220;Ihr seid ein gelungener Tollh\u00e4usler, das seid Ihr! Wie benehmt Ihr Euch doch in der Kirche! Wie l\u00e4cherlich ist das und wie unangenehm den Zuschauern! Wie kann man and\u00e4chtig sein, wenn man Euch anschauen mu\u00df.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hatte seinen K\u00f6rper an die Mauer gepre\u00dft, nur den Kopf bewegte er frei in der Luft. &#8220;\u00c4rgert Euch nicht \u2013 warum sollt Ihr Euch \u00e4rgern \u00fcber Sachen, die Euch nicht angeh\u00f6ren. Ich \u00e4rgere mich, wenn ich mich ungeschickt benehme; benimmt sich aber nur ein anderer schlecht, dann freue ich mich. Also \u00e4rgert Euch nicht, wenn ich sage, da\u00df es der Zweck meines Betens ist von den Leuten angeschaut zu werden. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Was sagtet Ihr da&#8221;, rief ich viel zu laut f\u00fcr den niedrigen Gang, aber ich f\u00fcrchtete mich dann, die Stimme zu schw\u00e4chen, &#8220;wirklich, was sagtet Ihr da. Ja, ich ahne schon, ja ich ahnte es schon, seit ich Euch zum erstenmal sah, in welchem Zustande Ihr seid. Ich habe Erfahrung und es ist nicht scherzend gemeint, wenn ich sage, da\u00df es eine Seekrankheit auf festem Lande ist. Deren Wesen ist so, da\u00df Ihr den wahrhaftigen Namen der Dinge vergessen habt und \u00fcber sie jetzt in einer Eile zuf\u00e4llige Namen sch\u00fcttet. Nur schnell, nur schnell! Aber kaum seid Ihr von ihnen weggelaufen, habt Ihr wieder ihre Namen vergessen. Die Pappel in den Feldern, die Ihr den &gt;Thurm von Babel&lt; genannt habt, denn Ihr wu\u00dftet nicht oder wolltet nicht wissen, da\u00df es eine Pappel war, schaukelt wieder namenlos und Ihr m\u00fc\u00dft sie nennen &gt;Noah, wie er betrunken war&lt;. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war ein wenig best\u00fcrzt, als er sagte: &#8220;Ich bin froh, da\u00df ich das, was Ihr sagtet, nicht verstanden habe. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufgeregt sagte ich rasch: &#8220;Dadurch da\u00df Ihr froh seid dar\u00fcber, zeigt Ihr, da\u00df Ihr es verstanden habt. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Freilich habe ich es gezeigt, gn\u00e4diger Herr, aber auch Ihr habt merkw\u00fcrdig gesprochen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich legte meine H\u00e4nde auf eine obere Stufe, lehnte mich zur\u00fcck und sagte in dieser fast unangreifbaren Haltung, welche die letzte Rettung der Ringk\u00e4mpfer ist: &#8220;Ihr habt eine lustige Art Euch zu retten, indem Ihr Eueren Zustand bei den andern voraussetzt. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daraufhin wurde er muthig. Er legte die H\u00e4nde in einander, um seinem K\u00f6rper eine Einheit zu geben und sagte unter leichtem Widerstreben: &#8220;Nein, ich thue das doch nicht gegen alle, zum Beispiel auch gegen Euch nicht, weil ich es nicht kann. Aber ich w\u00e4re froh, wenn ich es k\u00f6nnte, denn dann h\u00e4tte ich die Aufmerksamkeit der Leute in der Kirche nicht mehr n\u00f6thig. Wisset Ihr, warum ich sie n\u00f6thig habe? &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Frage machte mich unbeholfen. Sicherlich, ich wu\u00dfte es nicht und ich glaube ich wollte es auch nicht wissen. Ich hatte ja auch nicht hierherkommen wollen, sagte ich mir damals, aber der Mensch hat mich gezwungen, ihm zuzuh\u00f6ren. So brauchte ich ja jetzt blo\u00df meinen Kopf zu sch\u00fctteln, um ihm zu zeigen, da\u00df ich es nicht wu\u00dfte, aber ich konnte in meinen Kopf keine Bewegung bringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mensch, welcher mir gegen\u00fcber stand, l\u00e4chelte. Dann duckte er sich auf seine Knie nieder und erz\u00e4hlte mit schl\u00e4friger Grimasse: &#8220;Es hat niemals eine Zeit gegeben, in der ich durch mich selbst von meinem Leben \u00fcberzeugt war. Ich erfasse n\u00e4mlich die Dinge um mich nur in so hinf\u00e4lligen Vorstellungen, da\u00df ich immer glaube, die Dinge h\u00e4tten einmal gelebt, jetzt aber seien sie versinkend. Immer, lieber Herr, habe ich eine so qu\u00e4lende Lust, die Dinge so zu sehn, wie sie sich geben m\u00f6gen, ehe sie sich mir zeigen. Sie sind da wohl sch\u00f6n und ruhig. Es mu\u00df so sein, denn ich h\u00f6re oft Leute in dieser Weise von ihnen reden. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ich schwieg und nur durch unwillk\u00fcrliche Zuckungen in meinem Gesichte zeigte, wie unbehaglich mir war, fragte er: &#8220;Sie glauben nicht daran, da\u00df die Leute so reden?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaubte nicken zu m\u00fcssen, konnte es aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wirklich, Sie glauben nicht daran Ach, h\u00f6ren Sie doch; als ich als Kind einmal nach einem kurzen Nachmittagsschlaf die Augen \u00f6ffnete h\u00f6rte ich noch ganz im Schlaf befangen meine Mutter in nat\u00fcrlichem Ton vom Balkon hinunterfragen: &gt;Was machen Sie meine Liebe. Es ist so hei\u00df.&lt; Eine Frau antwortete aus dem Garten: &gt;Ich jause im Gr\u00fcnen.&lt; Sie sagten es ohne Nachdenken und nicht allzu deutlich, als m\u00fc\u00dfte es jeder erwartet haben. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaubte ich sei gefragt. Daher griff ich in die hintere Hosentasche und that, als suche ich dort etwas. Aber ich suchte nichts, sondern ich wollte nur meinen Anblick ver\u00e4ndern, um meine Theilnahme am Gespr\u00e4ch zu zeigen. Dabei sagte ich, da\u00df dieser Vorfall so merkw\u00fcrdig sei und da\u00df ich ihn keineswegs begreife. Ich f\u00fcgte auch hinzu, da\u00df ich an dessen Wahrheit nicht glaube und da\u00df er zu einem bestimmten Zweck, den ich gerade nicht einsehe, erfunden sein m\u00fcsse. Dann schlo\u00df ich die Augen, denn sie schmerzten mich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Oh, das ist doch gut da\u00df Ihr meiner Meinung seid und es war uneigenn\u00fctzig, da\u00df Ihr mich angehalten habt, um mir das zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht wahr, warum sollte ich mich sch\u00e4men \u2013 oder warum sollten wir uns sch\u00e4men \u2013 da\u00df ich nicht aufrecht und schwer gehe, nicht mit dem Stock auf das Pflaster schlage und nicht die Kleider der Leute streife, welche laut vor\u00fcbergehn. Sollte ich nicht vielmehr mit Recht trotzig klagen d\u00fcrfen, da\u00df ich als Schatten mit eckigen Schultern die H\u00e4user entlang h\u00fcpfe, manchmal in den Scheiben der Auslagsfenster verschwindend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was sind das f\u00fcr Tage die ich verbringe! Warum ist alles so schlecht gebaut, da\u00df bisweilen hohe H\u00e4user einst\u00fcrzen, ohne da\u00df man einen \u00e4u\u00dfern Grund finden k\u00f6nnte. Ich klettere dann \u00fcber die Schutthaufen und frage jeden, dem ich begegne: &gt;Wie konnte das nur geschehn! In unserer Stadt. \u2013 Ein neues Haus \u2013 Das ist heute schon das f\u00fcnfte. \u2013 Bedenken Sie doch. &lt; Da kann mir keiner antworten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oft fallen Menschen auf der Gasse und bleiben tot liegen. Da \u00f6ffnen alle Gesch\u00e4ftsleute ihre mit Waren verhangenen Th\u00fcren, kommen gelenkig herbei, schaffen den Toten in ein Haus, kommen dann L\u00e4cheln in Mund und Augen heraus und reden: &gt;Guten Tag \u2013 Der Himmel ist bla\u00df \u2013 Ich verkaufe viele Kopft\u00fccher \u2013 Ja, der Krieg. &lt; Ich h\u00fcpfe ins Haus und nachdem ich mehreremale die Hand mit dem gebogenen Finger furchtsam gehoben habe, klopfe ich endlich an dem Fensterchen des Hausmeisters. &gt;Lieber Mann&lt;, sage ich freundlich, &gt;es wurde ein toter Mensch zu Ihnen gebracht. Zeigen Sie mir ihn, ich bitte Sie.&lt; Und als er den Kopf sch\u00fcttelt als w\u00e4re er unentschlossen, sage ich bestimmt: &gt;Lieber Mann. Ich bin Geheimpolizist. Zeigen Sie mir gleich den Toten. &lt; &gt;Einen Toten&lt;, fragt er jetzt und ist fast beleidigt. &gt;Nein wir haben keinen Toten hier. Es ist ein anst\u00e4ndiges Haus. &lt; Ich gr\u00fc\u00dfe und gehe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann aber wenn ich einen gro\u00dfen Platz zu durchqueren habe, vergesse ich an alles. Die Schwierigkeit dieses Unternehmens verwirrt mich und ich denke oft bei mir: &gt;Wenn man so gro\u00dfe Pl\u00e4tze nur aus \u00dcbermuth baut, warum baut man nicht auch ein Steingel\u00e4nder, das durch den Platz f\u00fchren k\u00f6nnte. Heute bl\u00e4st ein S\u00fcdwestwind. Die Luft auf dem Platz ist aufgeregt. Die Spitze des Rathhausthurmes beschreibt kleine Kreise. Warum macht man nicht Ruhe in dem Gedr\u00e4nge? Was ist das doch f\u00fcr ein L\u00e4rm! Alle Fensterscheiben l\u00e4rmen und die Laternenpf\u00e4hle biegen sich wie Bambus. Der Mantel der heiligen Maria auf der S\u00e4ule rundet sich und die st\u00fcrmische Luft rei\u00dft an ihm. Sieht es denn niemand? Die Herren und Damen, die auf den Steinen gehen sollten, schweben. Wenn der Wind Athem holt, bleiben sie stehn, sagen einige Worte zu einander und verneigen sich gr\u00fc\u00dfend, st\u00f6\u00dft aber der Wind wieder, k\u00f6nnen sie ihm nicht widerstehn und alle heben gleichzeitig ihre F\u00fc\u00dfe. Zwar m\u00fcssen sie fest ihre H\u00fcte halten, aber ihre Augen schauen lustig, als w\u00e4re milde Witterung. Nur ich f\u00fcrchte mich.&lt;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mi\u00dfhandelt, wie ich war sagte ich: &#8220;Die Geschichte die Sie fr\u00fcher erz\u00e4hlt haben von Ihrer Mutter und der Frau im Garten, finde ich gar nicht merkw\u00fcrdig. Nicht nur da\u00df ich viele derartige Geschichten geh\u00f6rt und erlebt habe, so habe ich sogar bei manchen mitgewirkt. Diese Sache ist doch ganz nat\u00fcrlich. Meinen Sie ich h\u00e4tte, wenn ich am Balkon gewesen w\u00e4re, nicht dasselbe sagen k\u00f6nnen und aus dem Garten dasselbe antworten k\u00f6nnen? Ein so einfacher Vorfall.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich das gesagt hatte schien er sehr begl\u00fcckt. Er sagte, da\u00df ich h\u00fcbsch gekleidet sei, und da\u00df ihm meine Halsbinde sehr gefalle. Und was f\u00fcr eine feine Haut ich h\u00e4tte. Und Gest\u00e4ndnisse w\u00fcrden am klarsten, wenn man sie widerriefe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">C<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geschichte des Beters.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann setzte er sich neben mich, denn ich war sch\u00fcchtern geworden, ich hatte ihm Platz gemacht mit seitw\u00e4rts geneigtem Kopfe. Trotzdem aber entgieng es mir nicht, da\u00df auch er mit einer gewissen Verlegenheit dasa\u00df, immer eine kleine Entfernung von mir zu bewahren suchte und mit M\u00fche sprach:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was sind das f\u00fcr Tage, die ich verbringe!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am gestrigen Abend war ich in einer Gesellschaft. Gerade verbeugte ich mich im Gaslicht vor einem Fr\u00e4ulein mit den Worten: &#8220;Ich freue mich thats\u00e4chlich, da\u00df wir uns schon demri Winter n\u00e4hern&#8221; \u2013 gerade verbeugte ich mich mit diesen Worten als ich mit Unwillen bemerkte, da\u00df sich mir der rechtefen Oberschenkel aus dem Gelenk gekugelt hatte. Auch die Kniescheibe hatte sich ein wenig gelockert.H<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daher setzte ich mich und sagte, da ich immer einen \u00dcberblick \u00fcber meine S\u00e4tze zu bewahren suche: &#8220;Denn der Winter<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">ist viel m\u00fcheloser; man kann sich leichter benehmen, man braucht sich mit seinen Worten nicht so anstrengen. Nicht wahr, liebes Fr\u00e4ulein? Ich habe hoffentlich Recht in dieser Sache.&#8221; Dabei machte mir mein rechtes Bein viel \u00c4rger. Denn anfangs schien es ganz auseinandergefallen zu sein und erst allm\u00e4hlich brachte ich es durch Quetschen und sinngem\u00e4\u00dfes Verschieben halbwegs in Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da h\u00f6rte ich das M\u00e4dchen, das sich aus Mitgef\u00fchl auchgesetzt hatte, leise sagen: &#8220;Nein Sie imponieren mir gar nicht, denn \u2013 &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Warten Sie&#8221;, sagte ich zufrieden und erwartungsvoll, &#8220;Sie sollen, liebes Fr\u00e4ulein, auch nicht f\u00fcnf Minuten blo\u00df dazu aufwenden, mit mir zu reden. Essen Sie doch zwischen den Worten, ich bitte Sie. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da streckte ich meinen Arm aus, nahm eine dickh\u00e4ngende Weintraube von der durch einen bronzenen Fl\u00fcgelknaben erh\u00f6hten Sch\u00fcssel, hielt sie ein wenig in der Luft und legte sie dann auf einen kleinen blaurandigen Teller, den ich dem M\u00e4dchen vielleicht nicht ohne Zierlichkeit reichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie imponieren mir gar nicht&#8221;, sagte sie, &#8220;alles was Sie sagen ist langweilig und unverst\u00e4ndlich, aber deshalb noch nicht wahr. Ich glaube n\u00e4mlich, mein Herr \u2013 warum nennen Sie mich immer liebes Fr\u00e4ulein \u2013 ich glaube, Sie geben sich nur deshalb nicht mit der Wahrheit ab, weil sie zu anstrengend ist.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gott, da kam ich in gute Lust! &#8220;Ja, Fr\u00e4ulein, Fr\u00e4ulein&#8221;, so rief ich fast, &#8220;wie recht haben Sie! Liebes Fr\u00e4ulein, verstehn Sie das, es ist eine aufgerissene Freude, wenn man so begriffen wird, ohne es darauf abgezielt zu haben. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Die Wahrheit ist n\u00e4mlich zu anstrengend f\u00fcr Sie, mein Herr, denn wie sehn Sie doch aus! Sie sind Ihrer ganzen L\u00e4nge nach aus Seidenpapier herausgeschnitten, aus gelbem Seidenpapier, so silhuettenartig und wenn Sie gehn, so mu\u00df man Sie knittern h\u00f6ren. Daher ist es auch unrecht sich \u00fcber Ihre Haltung oder Meinung zu ereifern, denn Sie m\u00fcssen sich nach dem Luftzug biegen, der gerade im Zimmer ist. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich verstehe das nicht. Es stehen ja einige Leute hier im Zimmer herum. Sie legen ihre Arme um die R\u00fcckenlehnen der St\u00fchle oder sie lehnen sich ans Klavier oder sie heben ein Glas z\u00f6gernd zum Munde oder sie gehn furchtsam ins Nebenzimmer und nachdem sie ihre rechte Schulter im Dunkel an einem Kasten verletzt haben, denken sie athmend bei dem ge\u00f6ffneten Fenster: Dort ist Venus, der Abendstern. Ich aber bin in dieser Gesellschaft. Wenn das einen Zusammenhang hat, so verstehe ich ihn nicht. Aber ich wei\u00df nicht einmal, ob das einen Zusammenhang hat. \u2013 Und sehn Sie, liebes Fr\u00e4ulein, von allen diesen Leuten, die ihrer Unklarheit gem\u00e4\u00df sich so unentschieden, ja l\u00e4cherlich benehmen, scheine ich allein w\u00fcrdig ganz Klares \u00fcber mich zu h\u00f6ren. Und damit auch das noch mit Angenehmem gef\u00fcllt sei, sagen sie es sp\u00f6ttisch, so da\u00df merklich noch etwas \u00fcbrig bleibt, wie es auch durch die wichtigen Mauern eines im Innern ausgebrannten Hauses geschieht. Der Blick wird jetzt kaum gehindert, man sieht bei Tag durch die gro\u00dfen Fensterl\u00f6cher die Wolken des Himmels und bei Nacht die Sterne. Aber noch sind die Wolken oft von grauen Steinen abgehauen und die Sterne bilden unnat\u00fcrliche Bilder. \u2013 Wie w\u00e4re es, wenn ich Ihnen zum Dank daf\u00fcr anvertraute, da\u00df einmal alle Menschen, die leben wollen, so aussehn werden, wie ich; aus gelbem Seidenpapier, so silhuettenartig, herausgeschnitten, \u2013 wie Sie bemerkten \u2013 und wenn sie gehn, so wird man sie knittern h\u00f6ren. Sie werden nicht anders sein, als jetzt, aber sie werden so aussehn. Selbst Sie, liebes \u2013 &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da bemerkte ich, da\u00df das M\u00e4dchen nicht mehr neben mir sa\u00df. Sie mu\u00dfte bald nach ihren letzten Worten weggegangen sein, denn sie stand jetzt weit von mir an einem Fenster umstellt von drei jungen Leuten, die aus hohen, wei\u00dfen Kr\u00e4gen lachend redeten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich trank darauf froh ein Glas Wein und gieng zu dem Klavierspieler, der ganz abgesondert gerade ein trauriges St\u00fcck nickend spielte. Ich beugte mich vorsichtig zu seinem Ohr, damit er nur nicht erschrecke und sagte leise in der Melodie des St\u00fcckes:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Haben Sie die G\u00fcte, geehrter Herr, und lassen Sie jetzt mich spielen, denn ich bin im Begriffe, gl\u00fccklich zu sein. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da er auf mich nicht h\u00f6rte, stand ich eine Zeitlang verlegen, gieng dann aber meine Sch\u00fcchternheit unterdr\u00fcckend von einem der G\u00e4ste zum andern und sagte beil\u00e4ufig: &#8220;Heute werde ich Klavier spielen. Ja. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle schienen zu wissen, da\u00df ich es nicht konnte, lachten aber freundlich wegen der angenehmen Unterbrechung ihrer Gespr\u00e4che. Aber v\u00f6llig aufmerksam wurden sie erst, als ich ganz laut zum Klavierspieler sagte: &#8220;Haben Sie die G\u00fcte, geehrter Herr und lassen Sie jetzt mich spielen. Ich bin n\u00e4mlich im Begriffe gl\u00fccklich zu sein. Es handelt sich um einen Triumph. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Klavierspieler h\u00f6rte zwar auf, aber er verlie\u00df seine braune Bank nicht und schien mich auch nicht zu verstehn. Er seufzte und verdeckte mit seinen langen Fingern sein Gesicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon war ich ein wenig mitleidig und wollte ihn wieder zum Spiel aufmuntern, als die Hausfrau mit einer Gruppe herbeikam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das ist ein komischer Einfall&#8221;, sagten sie und lachten laut, als ob ich etwas Unnat\u00fcrliches unternehmen wolle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das M\u00e4dchen kam auch hinzu, sah mich ver\u00e4chtlich an und sagte: &#8220;Bitte, gn\u00e4dige Frau, lassen Sie ihn doch spielen. Er will vielleicht irgendwie zur Unterhaltung beitragen. Das ist zu loben. Bitte, gn\u00e4dige Frau. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle freuten sich laut, denn sie glaubten offenbar ebenso wie ich, das sei ironisch gemeint. Nur der Klavierspieler war stumm. Er hielt den Kopf gesenkt und strich mit dem Zeigefinger seiner linken Hand \u00fcber das Holz der Bank, als zeichne er im Sande. Ich zitterte und steckte, um es zu verbergen, meine H\u00e4nde in die Hosentaschen. Auch konnte ich nicht mehr deutlich reden, denn mein ganzes Gesicht wollte weinen. Daher mu\u00dfte ich die Worte so w\u00e4hlen, da\u00df den Zuh\u00f6rern der Gedanke, ich wolle weinen, l\u00e4cherlich vorkommen mu\u00dfte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Gn\u00e4dige Frau&#8221;, sagte ich, &#8220;ich mu\u00df jetzt spielen, denn \u2013 &#8221; Da ich die Begr\u00fcndung vergessen hatte, setzte ich mich unvermuthet zum Klavier. Da verstand ich wieder meine Lage. Der Klavierspieler stand auf und stieg zartf\u00fchlend \u00fcber die Bank, denn ich versperrte ihm den Weg. &#8220;L\u00f6schen Sie das Licht, bitte, ich kann nur im Dunkel spielen. &#8221; Ich richtete mich auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da fa\u00dften zwei Herren die Bank und trugen mich sehr weit vom Piano weg zum Speisetisch hin, ein Lied pfeifend und mich ein wenig schaukelnd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle sahen beif\u00e4llig aus und das Fr\u00e4ulein sagte: &#8220;Sehn Sie, gn\u00e4dige Frau, er hat ganz h\u00fcbsch gespielt. Ich wu\u00dfte es. Und Sie haben sich so gef\u00fcrchtet. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich begriff und bedankte mich durch eine Verbeugung, die ich gut ausf\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man go\u00df mir Citronenlimonade ein und ein Fr\u00e4ulein mit rothen Lippen hielt mir das Glas beim Trinken. Die Hausfrau reichte mir Schaumgeb\u00e4ck auf einem silbernen Teller und ein M\u00e4dchen in ganz wei\u00dfem Kleid steckte es mir in den Mund. Ein \u00fcppiges Fr\u00e4ulein mit viel blondem Haar hielt eine Weintraube \u00fcber mir und ich brauchte nur abzupfen, w\u00e4hrend sie mir dabei in meine zur\u00fcckweichenden Augen sah.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da mich alle so gut behandelten, wunderte ich mich freilich dar\u00fcber, da\u00df sie mich einm\u00fcthig zur\u00fcckhielten, als ich wieder zum Piano wollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nun ist es genug&#8221;, sagte der Hausherr, den ich bisher nicht bemerkt hatte. Er gieng hinaus und kam gleich zur\u00fcck mit einem ungeheuern Zylinderhut und einem gebl\u00fcmten kupferbraunen \u00dcberzieher. &#8220;Da sind Ihre Sachen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es waren zwar nicht meine Sachen, aber ich wollte ihm nicht die M\u00fche bereiten, noch einmal nachzusehn. Der Hausherr selbst zog mir den \u00dcberzieher an, der genau pa\u00dfte, indem er sich knapp an meinen d\u00fcnnen K\u00f6rper anpre\u00dfte. Eine Dame mit g\u00fctigem Gesicht kn\u00f6pfte, sich allm\u00e4hlich b\u00fcckend, den Rock der ganzen L\u00e4nge nach zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Also leben Sie wohl&#8221;, sagte die Hausfrau, &#8220;und kommen Sie bald wieder. Sie sind immer gerne gesehn, das wissen Sie. &#8221; Da verbeugte sich die ganze Gesellschaft, als ob das so n\u00f6thig w\u00e4re. Ich versuchte es auch, aber mein Rock war zu anliegend. So nahm ich meinen Hut und gieng wohl zu linkisch aus der Th\u00fcre.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber als ich aus dem Hausthor mit kleinem Schritte trat, wurde ich von dem Himmel mit Mond und Sternen und gro\u00dfer W\u00f6lbung und von dem Ringplatz mit Rathhaus, Mariens\u00e4ule und Kirche \u00fcberfallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich gieng ruhig aus dem Schatten ins Mondlicht, kn\u00f6pfte den \u00dcberzieher auf und w\u00e4rmte mich; dann lie\u00df ich durch Erheben der H\u00e4nde das Sausen der Nacht schweigen und fieng zu \u00fcberlegen an:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Was ist es doch, da\u00df Ihr thut, als wenn Ihr wirklich w\u00e4ret. Wollt Ihr mich glauben machen, da\u00df ich unwirklich bin, komisch auf dem gr\u00fcnen Pflaster stehend. Aber doch ist es schon lange her, da\u00df Du wirklich warst, Du Himmel und Du Ringplatz bist niemals wirklich gewesen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es ist ja wahr noch immer seid Ihr mir \u00fcberlegen, aber doch nur dann, wenn ich Euch in Ruhe lasse. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Gott sei Dank, Mond, Du bist nicht mehr Mond, aber vielleicht ist es nachl\u00e4ssig von mir da\u00df ich Dich Mondbenannten noch immer Mond nenne. Warum bist Du nicht mehr so \u00fcberm\u00fcthig, wenn ich Dich nenne &gt;vergessene Papierlaterne in merkw\u00fcrdiger Farbe&lt;. Und warum ziehst Du Dich fast zur\u00fcck, wenn ich Dich &gt;Mariens\u00e4ule&lt; nenne und ich erkenne Deine drohende Haltung nicht mehr Mariens\u00e4ule, wenn ich Dich nenne &gt;Mond, der gelbes Licht wirft&lt;. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es scheint nun wirklich, da\u00df es Euch nicht gut thut, wenn man \u00fcber Euch nachdenkt; Ihr nehmet ab an Muth und Gesundheit. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Gott, wie zutr\u00e4glich mu\u00df es erst sein, wenn Nachdenkender vom Betrunkenen lernt! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Warum ist alles still geworden. Ich glaube es ist kein Wind mehr. Und die H\u00e4uschen, die oft wie auf kleinen R\u00e4dern \u00fcber den Platz rollen, sind ganz festgestampft \u2013 Still \u2013 still \u2013 man sieht gar nicht den d\u00fcnnen schwarzen Strich, der sie sonst vom Boden trennt.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich setzte mich in Lauf. Ich lief ohne Hindernis dreimal um den gro\u00dfen Platz herum und da ich keinen Betrunkenen traf, lief ich ohne die Schnelligkeit zu unterbrechen und ohne Anstrengung zu versp\u00fcren gegen die Karlsgasse. Mein Schatten lief oft kleiner als ich neben mir an der Wand, wie in einem Hohlweg zwischen Mauer und Stra\u00dfengrund.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich bei dem Haus der Feuerwehr vor\u00fcberkam, h\u00f6rte ich vom kleinen Ring her L\u00e4rm und als ich dort einbog, sah ich einen Betrunkenen am Gitterwerk des Brunnens stehn, die Arme wagrecht haltend und mit den F\u00fc\u00dfen, die in Holzpantoffeln staken auf die Erde stampfend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich blieb zuerst stehn, um meine Athmung ruhig werden zu lassen, dann gieng ich zu ihm, nahm meinen Cylinder vom Kopfe und stellte mich vor:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Guten Abend, zarter Edelmann, ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, aber ich habe noch keinen Namen. Sie aber kommen sicher mit erstaunlichen, ja mit singbaren Namen aus dieser gro\u00dfen Stadt Paris. Der ganz unnat\u00fcrliche Geruch des ausgleitenden Hofes von Frankreich umgibt Sie. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sicher haben Sie mit Ihren gef\u00e4rbten Augen jene gro\u00dfen Damen gesehn, die schon auf der hohen und lichten Terasse stehn, sich in schmaler Taille ironisch umwendend, w\u00e4hrend das Ende ihrer auch auf der Treppe ausgebreiteten bemalten Schleppe noch \u00fcber dem Sand des Gartens liegt. \u2013 Nicht wahr auf lange Stangen, \u00fcberall vertheilt, steigen Diener in grauen frech geschnittenen Fr\u00e4cken und wei\u00dfen Hosen, die Beine um die Stange gelegt, den Oberk\u00f6rper aber oft nach hinten und zur Seite gebogen, denn sie m\u00fcssen an dicken Stricken riesige graue Leinwandt\u00fccher von der Erde heben und in der H\u00f6he spannen, weil die gro\u00dfe Dame einen nebligen Morgen w\u00fcnscht. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da er sich r\u00fclpste, sagte ich fast erschrocken: &#8220;Wirklich, ist es wahr, Sie kommen Herr aus unserem Paris, aus dem st\u00fcrmischen Paris, ach, aus diesem schw\u00e4rmerischen Hagelwetter? &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als er sich wieder r\u00fclpste, sagte ich verlegen: &#8220;Ich wei\u00df, es widerf\u00e4hrt mir eine gro\u00dfe Ehre. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich kn\u00f6pfte mit raschen Fingern meinen \u00dcberzieher zu, dann redete ich inbr\u00fcnstig und sch\u00fcchtern:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich wei\u00df, Sie halten mich einer Antwort nicht f\u00fcr w\u00fcrdig, aber ich m\u00fc\u00dfte ein verweintes Leben f\u00fchren, wenn ich Sie heute nicht fragte. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich bitte Sie, so geschm\u00fcckter Herr, ist das wahr, was man mir erz\u00e4hlt hat. Giebt es in Paris Menschen, die nur aus verzierten Kleidern bestehn und giebt es dort H\u00e4user die blo\u00df Portale haben und ist es wahr, da\u00df an Sommertagen der Himmel \u00fcber der Stadt fliehend blau ist, nur versch\u00f6nt durch angepre\u00dfte wei\u00dfe W\u00f6lkchen, die alle die Form von Herzen haben? Und giebt es dort ein Panoptikum mit gro\u00dfem Zulauf, in dem blo\u00df B\u00e4ume stehn mit den Namen der ber\u00fchmtesten Helden, Verbrecher und Verliebten auf kleinen angeh\u00e4ngten Tafeln. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Und dann noch diese Nachricht! Diese offenbar l\u00fcgnerische Nachricht! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nicht wahr, diese Stra\u00dfen von Paris sind pl\u00f6tzlich verzweigt; sie sind unruhig, nicht wahr? Es ist nicht immer alles in Ordnung, wie k\u00f6nnte das auch sein! Es geschieht einmal ein Unfall, Leute sammeln sich, aus den Nebenstra\u00dfen kommend mit dem gro\u00dfst\u00e4dtischen Schritt, der das Pflaster nur wenig ber\u00fchrt; alle sind zwar in Neugierde, aber auch in Furcht vor Entt\u00e4uschung; sie athmen schnell und strecken ihre kleinen K\u00f6pfe vor. Wenn sie aber einander ber\u00fchren, so verbeugen sie sich tief und bitten um Verzeihung: &gt;Es thut mir sehr leid \u2013 es geschah ohne Absicht \u2013 das Gedr\u00e4nge ist gro\u00df, verzeihen Sie, ich bitte \u2013 es war sehr ungeschickt von mir \u2013 ich gebe das zu. Mein Name ist \u2013 mein Name ist Jerome Faroche, Gew\u00fcrzkr\u00e4mer bin ich in der rue de Cabotin\u2013gestatten Sie,da\u00df ich Sie f\u00fcr morgen zum Mittagessen einlade \u2013 auch meine Frau w\u00fcrde so gro\u00dfe Freude haben.&lt; So reden sie, w\u00e4hrend doch die Gasse bet\u00e4ubt ist und der Rauch der Schornsteine zwischen die H\u00e4user f\u00e4llt. So ist es doch. Und w\u00e4re es m\u00f6glich, da\u00df da einmal auf einem belebten Boulevard eines vornehmen Viertels zwei Wagen halten. Diener \u00f6ffnen ernst die Th\u00fcren. Acht edle sibirische Wolfshunde t\u00e4nzeln hinunter und jagen bellend \u00fcber die Fahrbahn in Spr\u00fcngen. Und da sagt man, da\u00df es verkleidete, junge Pariser Stutzer sind. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hatte die Augen fast geschlossen. Als ich schwieg, steckte er beide H\u00e4nde in den Mund und ri\u00df am Unterkiefer. Sein Kleid war ganz beschmutzt. Man hatte ihn vielleicht aus einer Weinstube hinausgeworfen und er war dar\u00fcber noch nicht im Klaren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war vielleicht diese kleine, ganz ruhige Pause zwischen Tag und Nacht, wo uns der Kopf, ohne da\u00df wir es erwarten im Genicke h\u00e4ngt und wo alles, ohne da\u00df wir es merken, still steht, da wir es nicht betrachten und dann verschwindet. W\u00e4hrend wir mit gebogenem Leib allein bleiben, uns dann umschaun, aber nichts mehr sehn, auch keinen Widerstand der Luft mehr f\u00fchlen, aber innerlich uns an der Erinnerung halten, da\u00df in gewissem Abstand von uns H\u00e4user stehn mit D\u00e4chern und gl\u00fccklicherweise eckigen Schornsteinen, durch die das Dunkel in die H\u00e4user flie\u00dft, durch die Dachkammern in die verschiedenartigen Zimmer. Und es ist ein Gl\u00fcck, da\u00df morgen ein Tag sein wird, an dem, so unglaublich es ist, man alles wird sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ri\u00df der Betrunkene seine Augenbrauen hoch, so da\u00df zwischen ihnen und den Augen ein Glanz entstand und erkl\u00e4rte in Abs\u00e4tzen: &#8220;Das ist so n\u00e4mlich \u2013 ich bin n\u00e4mlich schl\u00e4frig, daher werde ich schlafen gehn \u2013 Ich habe n\u00e4mlich einen Schwager am Wenzelsplatz \u2013 dorthin geh ich, denn dort wohne ich, denn dort habe ich mein Bett \u2013 so geh ich jetzt \u2013 Ich wei\u00df n\u00e4mlich nur nicht wie er hei\u00dft und wo er wohnt \u2013 mir scheint, das habe ich vergessen \u2013 aber das macht nichts, denn ich wei\u00df ja nicht einmal, ob ich \u00fcberhaupt einen Schwager habe \u2013 Jetzt gehe ich n\u00e4mlich \u2013 Glauben Sie, da\u00df ich ihn finden werde?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darauf sagte ich ohne Bedenken: &#8220;Das ist sicher. Aber Sie kommen aus der Fremde und Ihre Dienerschaft ist zuf\u00e4llig nicht bei Ihnen. Gestatten Sie, da\u00df ich Sie f\u00fchre. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er antwortete nicht. Da reichte ich ihm meinen Arm, damit er sich einh\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fortgesetztes Gespr\u00e4ch zwischen dem Dicken und dem Beter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich aber versuchte schon eine Zeitlang mich aufzumuntern. Ich rieb meinen K\u00f6rper und sagte zu mir:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es ist Zeit, da\u00df Du sprichst. Du bist ja schon verlegen. F\u00fchlst Du Dich bedr\u00e4ngt? Warte doch! Du kennst ja diese Lagen. \u00dcberlege es ohne Eile! Auch die Umgebung wird warten. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es ist so wie in der Gesellschaft der vorigen Woche. Jemand liest aus einer Abschrift etwas vor. Eine Seite habe ich auf seine Bitte selbst abgeschrieben. Wie ich die Schrift unter den von ihm geschriebenen Seiten lese, erschrecke ich. Es ist haltlos. Die Leute beugen sich dar\u00fcber von den drei Seiten des Tisches her. Ich schw\u00f6re weinend, es sei nicht meine Schrift. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber warum sollte das dem Heutigen \u00e4hnlich sein. Es liegt doch nur an Dir da\u00df ein eingez\u00e4untes Gespr\u00e4ch entsteht. Alles ist friedlich. Strenge Dich doch an, mein Lieber! \u2013 Du wirst doch einen Einwand finden. \u2013 Du kannst sagen: &gt;Ich bin schl\u00e4frig. Ich habe Kopfschmerzen. Adieu. &lt; Rasch, also rasch. Mach Dich bemerkbar! \u2013 Was ist das? Wieder Hindernisse und Hindernisse Woran erinnerst Du Dich? \u2013 Ich erinnere mich an eine Hochebene die sich gegen den gro\u00dfen Himmel als ein Schild der Erde hob. Ich sah sie von einem Berge und machte mich bereit sie zu durchwandern. Ich fieng zu singen an. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Lippen waren trocken und ungehorsam, als ich sagte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sollte man nicht anders leben k\u00f6nnen? &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nein&#8221;, sagte er fragend, l\u00e4chelnd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber warum beten Sie am Abend in der Kirche&#8221;, fragte ich dann, indem alles zwischen mir und ihm zusammenfiel, was ich bis dahin wie schlafend gest\u00fctzt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nein, warum sollten wir dar\u00fcber reden. Am Abend tr\u00e4gt niemand, der allein lebt Verantwortung. Man f\u00fcrchtet manches. Da\u00df vielleicht die K\u00f6rperlichkeit entschwindet, da\u00df die Menschen wirklich so sind wie sie in der D\u00e4mmerung scheinen, da\u00df man ohne Stock nicht gehen d\u00fcrfe, da\u00df es vielleicht gut w\u00e4re in die Kirche zu gehn und schreiend zu beten um angeschaut zu werden und K\u00f6rper zu bekommen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da er so redete und dann schwieg, zog ich mein rothes Taschentuch aus der Tasche und weinte geb\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er stand auf, k\u00fc\u00dfte mich und sagte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Warum weinst Du? Du bist gro\u00df, das liebe ich, Du hast lange H\u00e4nde, die sich fast nach Deinem Willen auff\u00fchren; warum freust Du Dich nicht dar\u00fcber. Trage immer dunkelfarbige \u00c4rmelr\u00e4nder, das rathe ich Dir. \u2013 Nein \u2013 ich schmeichle Dir und dennoch weinst Du? Diese Schwierigkeit des Lebens tr\u00e4gst Du doch ganz vern\u00fcnftig. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wir bauen eigentlich unbrauchbare Kriegsmaschinen, Th\u00fcrme, Mauern, Vorh\u00e4nge aus Seide und wir k\u00f6nnten uns viel dar\u00fcber wundern, wenn wir Zeit dazu h\u00e4tten. Und erhalten uns in Schwebe, wir fallen nicht, wir flattern, wenn wir auch h\u00e4\u00dflicher sind als Flederm\u00e4use. Und schon kann uns kaum jemand an einem sch\u00f6nen Tage hindern zu sagen: &gt;Ach Gott heute ist ein sch\u00f6ner Tag.&lt; Denn schon sind wir auf unserer Erde eingerichtet und leben auf Grund unseres Einverst\u00e4ndnisses. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wir sind n\u00e4mlich so wie Baumst\u00e4mme im Schnee. Sie liegen doch scheinbar nur glatt auf und man sollte sie mit kleinem Ansto\u00df wegschieben k\u00f6nnen. Aber nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist blo\u00df scheinbar. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdenken hinderte mich am Weinen: &#8220;Es ist Nacht und niemand wird mir morgen vorhalten, was ich jetzt sagen k\u00f6nnte, denn es kann ja im Schlaf gesprochen sein. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann sagte ich: &#8220;Ja, das ist es, aber wovon redeten wir doch. Wir konnten doch nicht von der Beleuchtung des Himmels reden da wir doch in der Tiefe einer Hausflur stehn. Nein \u2013 doch wir h\u00e4tten davon reden k\u00f6nnen, denn sind wir in unserem Gespr\u00e4ch nicht ganz unabh\u00e4ngig, da wir nicht Zweck noch Wahrheit erreichen wollen, sondern nur Scherz und Unterhaltung. Aber k\u00f6nnten Sie mir nicht dennoch die Geschichte von der Frau im Garten noch einmal erz\u00e4hlen. Wie bewunderungsw\u00fcrdig, wie klug ist diese Frau! Wir m\u00fcssen uns nach ihrem Beispiel benehmen. Wie gern habe ich sie! Und dann ist es auch gut, da\u00df ich Sie getroffen und so abgefangen habe. Es war f\u00fcr mich ein gro\u00dfes Vergn\u00fcgen mit Ihnen gesprochen zu haben. Ich habe einiges mir bisher vielleicht absichtlich unbekannte geh\u00f6rt \u2013 ich freue mich. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er sah zufrieden aus. Trotzdem mir die Ber\u00fchrung mit einem menschlichen K\u00f6rper immer peinlich ist, mu\u00dfte ich ihn umarmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann traten wir aus dem Gang unter den Himmel. Einige zersto\u00dfene W\u00f6lkchen blies mein Freund weg, so da\u00df sich jetzt die ununterbrochene Fl\u00e4che der Sterne uns darbot. Mein Freund gieng m\u00fchsam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">4<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Untergang des Dicken<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da wurde alles von Schnelligkeit ergriffen und fiel in die Ferne. Das Wasser des Flusses wurde an einem Absturz hinabgezogen, wollte sich zur\u00fcckhalten, schwankte auch noch an der zerbr\u00f6ckelten Kante, aber dann fiel es in Klumpen und Rauch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dicke konnte nicht weiterreden, sondern er mu\u00dfte sich drehn und in dem lauten raschen Wasserfall verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich, der soviele Belustigungen erfahren hatte, stand am Ufer und sah es. &#8220;Was sollen unsere Lungen thun&#8221;, schrie ich, schrie, &#8220;athmen sie rasch, ersticken sie an sich, an innern Giften; athmen sie langsam ersticken sie an nicht athembarer Luft, an den emp\u00f6rten Dingen. Wenn sie aber ihr Tempo suchen wollen, gehn sie schon am Suchen zugrunde. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei dehnten sich die Ufer dieses Flusses ohne Ma\u00df und doch ber\u00fchrte ich das Eisen eines in der Entfernung winzigen Wegzeigers mit der Fl\u00e4che meiner Hand. Das war mir nun nicht ganz begreiflich. Ich war doch klein, fast kleiner als gew\u00f6hnlich und ein Strauch mit wei\u00dfen Hagebutten, der sich ganz schnell sch\u00fcttelte \u00fcberragte mich. Ich sah das, denn er war vor einem Augenblick nahe bei mir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber trotzdem hatte ich mich geirrt, denn meine Arme waren so gro\u00df, wie die Wolken eines Landregens, nur waren sie hastiger. Ich wei\u00df nicht, warum sie meinen armen Kopf zerdr\u00fccken wollten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der war doch so klein, wie ein Ameisenei, nur war er ein wenig besch\u00e4digt, daher nicht mehr vollkommen rund. Ich f\u00fchrte mit ihm bittende Drehungen aus, denn der Ausdruck meiner Augen h\u00e4tte nicht bemerkt werden k\u00f6nnen, so klein waren sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber meine Beine, doch meine unm\u00f6glichen Beine lagen \u00fcber den bewaldeten Bergen und beschatteten die d\u00f6rflichen Th\u00e4ler. Sie wuchsen, sie wuchsen! Schon ragten sie in den Raum der keine Landschaft mehr besa\u00df, l\u00e4ngst schon reichte ihre L\u00e4nge aus der Sehsch\u00e4rfe meiner Augen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber nein, das ist es nicht \u2013 ich bin doch klein, vorl\u00e4ufig klein \u2013 ich rolle \u2013 ich rolle \u2013 ich bin eine Lawine im Gebirge! Bitte, vor\u00fcbergehende Leute, seid so gut, sagt mir wie gro\u00df ich bin, messet mir diese Arme, diese Beine.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">III<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wie ist das doch&#8221;, sagte mein Bekannter, der mit mir aus der Gesellschaft gekommen war und ruhig neben mir auf einem Wege des Laurenziberges gieng. &#8220;Bleiben Sie endlich ein wenig stehn, damit ich mir dar\u00fcber klar werde. \u2013 Wissen Sie, ich habe eine Sache zu erledigen. Das ist so anstrengend \u2013 diese wohl kalte und auch bestrahlte Nacht, aber dieser unzufriedene Wind, der sogar bisweilen die Stellung jener Akazien zu ver\u00e4ndern scheint. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mondschatten des G\u00e4rtnerhauses war \u00fcber den ein wenig gew\u00f6lbten Weg gespannt und mit dem geringen Schnee verziert. Als ich die Bank erblickte, die neben der Th\u00fcre stand, zeigte ich mit erhobener Hand auf sie, denn ich war nicht muthig und erwartete Vorw\u00fcrfe, legte daher meine linke Hand auf meine Brust.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er setzte sich \u00fcberdr\u00fcssig, ohne R\u00fccksicht gegen seine sch\u00f6nen Kleider und brachte mich in Staunen, als er seine Ellbogen gegen seine H\u00fcften dr\u00fcckte und seine Stirn in die durchgebogenen Fingerspitzen legte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja, jetzt will ich dieses sagen. Wissen Sie, ich lebe regelm\u00e4\u00dfig, es ist nichts auszusetzen, alles was nothwendig und anerkannt ist, geschieht. Das Ungl\u00fcck, an das man in der Gesellschaft, in der ich verkehre, gew\u00f6hnt ist, hat mich nicht verschont, wie meine Umgebung und ich befriedigt sahen, und auch dieses allgemeine Gl\u00fcck hielt sich nicht zur\u00fcck und ich selbst durfte in kleinem Kreise von ihm reden. Gut, ich war noch niemals wirklich verliebt gewesen. Ich bedauerte das bisweilen, aber benutzte jene Redensart, wenn ich sie n\u00f6thig hatte. Jetzt nun mu\u00df ich sagen: Ja ich bin verliebt und wohl aufgeregt vor Verliebtheit. Ich bin ein Liebhaber von Glut, wie ihn die M\u00e4dchen sich w\u00fcnschen. Aber h\u00e4tte ich nicht bedenken sollen, da\u00df gerade dieser fr\u00fchere Mangel eine ausnahmsweise und lustige, besonders lustige Drehung meinen Verh\u00e4ltnissen gab?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nur Ruhe, Ruhe&#8221;, sagte ich theilnahmslos und nur an mich denkend, &#8220;Ihre Geliebte ist doch sch\u00f6n, wie ich h\u00f6ren mu\u00dfte. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja, sie ist sch\u00f6n. Als ich neben ihr sa\u00df dachte ich immer nur: &gt;Dieses Wagnis \u2013 und ich bin so k\u00fchn \u2013 da unternehme ich eine Seefahrt \u2013 trinke Wein in Galonen. &lt; Aber wenn sie lacht, zeigt sie ihre Z\u00e4hne nicht, wie man doch erwarten sollte, sondern man kann blo\u00df die dunkle schmale gebogene Mund\u00f6ffnung sehn. Das nun schaut listig und greisenhaft aus, wenn sie auch beim Lachen den Kopf nach r\u00fcckw\u00e4rts beugt. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich kann das nicht leugnen&#8221;, sagte ich mit Seufzern, &#8220;wahrscheinlich habe ich das auch gesehn, denn es mu\u00df auffallend sein. Aber es ist nicht nur das. M\u00e4dchensch\u00f6nheit \u00fcberhaupt! Oft wenn ich Kleider mit vielfachen Falten, R\u00fcschen und Beh\u00e4ngen sehe, die \u00fcber sch\u00f6nen K\u00f6rper sch\u00f6n sich legen, so denke ich, da\u00df sie nicht lange so erhalten bleiben, sondern Falten bekommen, nicht mehr gerade zu gl\u00e4tten, Staub bekommen, der dick in der Verzierung nicht mehr zu entfernen ist und da\u00df niemand so traurig und so l\u00e4cherlich sich wird machen wollen, t\u00e4glich dasselbe kostbare Kleid fr\u00fch anzulegen und abends auszuziehn. Doch sehe ich M\u00e4dchen, die wohl sch\u00f6n sind und vielfache reizende Muskeln und Kn\u00f6chelchen und gespannte Haut und Massen d\u00fcnner Haare zeigen und doch t\u00e4glich in diesem einen nat\u00fcrlichen Maskenanzug erscheinen, immer dasselbe Gesicht in ihre gleiche Handfl\u00e4che legen und von ihrem Spiegel widerscheinen lassen. Nur manchmal am Abend, wenn sie sp\u00e4t von einem Feste kommen, scheint es ihnen im Spiegel abgen\u00fctzt, gedunsen, verstaubt, von allen schon gesehen und kaum mehr tragbar. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Doch habe ich Sie \u00f6fters w\u00e4hrend des Weges danach gefragt, ob Sie das M\u00e4dchen sch\u00f6n finden, aber Sie haben immer nach der andern Seite sich gedreht, ohne mir zu antworten. Sagen Sie, haben Sie etwas B\u00f6ses vor? Warum tr\u00f6sten Sie mich nicht?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bohrte meine F\u00fc\u00dfe in den Schatten und sagte aufmerksam: &#8220;Sie m\u00fcssen nicht getr\u00f6stet werden. Sie werden doch geliebt. &#8221; Dabei hielt ich mein mit blauen Weintrauben gemustertes Taschentuch vor den Mund, um mich nicht zu erk\u00e4lten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt wendete er sich zu mir und lehnte sein dickes Gesicht an die niedrige Lehne der Bank: &#8220;Wissen Sie, im allgemeinen habe ich noch Zeit, ich kann noch immer diese beginnende Liebe gleich beenden durch eine Schandthat oder durch Untreue oder durch Abreise in ein entferntes Land. Denn wirklich, ich bin sehr im Zweifel, ob ich mich in diese Aufregung begeben soll. Da ist nichts sicheres, niemand kann Richtung und Dauer bestimmt angeben. Gehe ich in eine Weinstube mit der Absicht mich zu betrinken, so wei\u00df ich, ich werde diesen einen Abend betrunken sein, aber in meinem Fall! In einer Woche wollen wir einen Ausflug mit einer befreundeten Familie machen, gibt das nicht im Herzen Gewitter f\u00fcr vierzehn Tage. Die K\u00fcsse dieses Abends machen mich schl\u00e4frig, um Raum f\u00fcr ungez\u00e4hmte Tr\u00e4ume zu bekommen. Ich trotze dem und mache einen Nachtspaziergang, da geschieht es, da\u00df ich unaufh\u00f6rlich bewegt bin, mein Gesicht kalt und warm ist wie nach Windst\u00f6\u00dfen, da\u00df ich immer ein rosa Band in meiner Tasche ber\u00fchren mu\u00df, h\u00f6chste Bef\u00fcrchtungen f\u00fcr mich habe, ihnen aber nicht nachgehn kann und sogar Sie, mein Herr vertrage, w\u00e4hrend ich sonst sicher nie solange mit Ihnen reden w\u00fcrde. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mir war sehr kalt und schon neigte sich der Himmel ein wenig in wei\u00dflicher Farbe. &#8220;Da wird keine Schandthat helfen, keine Untreue oder Abreise in ein entferntes Land. Sie werden sich morden m\u00fcssen&#8221;, sagte ich und l\u00e4chelte au\u00dferdem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Uns gegen\u00fcber am andern Rande der Allee standen zwei B\u00fcsche und hinter diesen B\u00fcschen unten war die Stadt. Sie war noch ein wenig beleuchtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Gut&#8221;, rief er und schlug die Bank mit seiner kleinen festen Faust, die er aber gleich liegen lie\u00df, &#8220;Sie leben aber. Sie t\u00f6ten sich nicht. Niemand liebt Sie. Sie erreichen nichts. Den n\u00e4chsten Augenblick k\u00f6nnen Sie nicht beherrschen. Da reden Sie so zu mir, Sie gemeiner Mensch. Lieben k\u00f6nnen Sie nicht, nichts erregt Sie au\u00dfer Angst. Schauen Sie doch, meine Brust. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da \u00f6ffnete er rasch seinen Rock und seine Weste und sein Hemd. Seine Brust war wirklich breit und sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich begann zu erz\u00e4hlen: &#8220;Ja, solche trotzige Zust\u00e4nde \u00fcberkommen uns bisweilen. So war ich diesen Sommer in einem Dorfe. Das lag an einem Flusse. Ich erinnere mich ganz genau. Oft sa\u00df ich in verrenkter Haltung auf einer Bank am Ufer. Es war ein Strandhotel auch dort. Da h\u00f6rte man oft Geigenspiel. Junge kr\u00e4ftige Leute redeten im Garten an Tischen vor Bier von Jagd und Abenteuern. Und dann waren am andern Ufer so wolkenhafte Berge. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich stand da auf mit matt verzogenem Munde, trat in den Rasen hinter der Bank, zerbrach auch einige beschneite \u00c4stchen und sagte dann meinem Bekannten ins Ohr: &#8220;Ich bin verlobt, ich gestehe es. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Bekannter wunderte sich nicht dar\u00fcber, da\u00df ich aufgestanden war: &#8220;Sie sind verlobt?&#8221; Er sa\u00df wirklich ganz schwach da, nur durch die Lehne gest\u00fctzt. Dann nahm er den Hut ab und ich sah sein Haar, das wohlriechend und sch\u00f6n gek\u00e4mmt den runden Kopf auf dem Fleisch des Halses in einer scharf gerundeten Linie abschlo\u00df, wie man es in diesem Winter liebte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich freute mich, da\u00df ich ihm so klug geantwortet hatte. &#8220;Ja&#8221;, sagte ich zu mir, &#8220;wie er doch in der Gesellschaft umhergeht mit gelenkigem Hals und freien Armen. Er kann eine Dame mit gutem Gespr\u00e4ch mitten durch einen Saal f\u00fchren und es macht ihn gar nicht unruhig, da\u00df vor dem Hause Regen f\u00e4llt oder da\u00df dort ein Sch\u00fcchterner steht oder sonst etwas J\u00e4mmerliches geschieht. Nein, er neigt sich gleichartig h\u00fcbsch vor den Damen. Aber da sitzt er nun. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Bekannter strich mit einem Tuche aus Battist \u00fcber die Stirn. &#8220;Bitte&#8221;, sagte er, &#8220;legen Sie mir Ihre Hand ein wenig auf die Stirn. Ich bitte Sie. &#8221; Als ich es nicht gleich that, faltete er seine H\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ob unsere Sorge alles verdunkelt h\u00e4tte, sa\u00dfen wir oben auf dem Berg, wie in einem kleinen Zimmer, trotzdem wir doch schon fr\u00fcher Licht und Wind des Morgens bemerkt hatten. Wir waren nahe beisammen, trotzdem wir einander gar nicht gerne hatten, aber wir konnten uns nicht weit von einander entfernen, denn die W\u00e4nde waren f\u00f6rmlich und fest gezogen. Aber wir durften uns l\u00e4cherlich und ohne menschliche W\u00fcrde benehmen, denn wir mu\u00dften uns nicht sch\u00e4men vor den Zweigen \u00fcber uns und vor den B\u00e4umen, die uns gegen\u00fcber standen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da zog mein Bekannter ohne Umst\u00e4nde aus seiner Tasche ein Messer, \u00f6ffnete es nachdenklich und stie\u00df es dann wie im Spiele in seinen linken Oberarm und entfernte es nicht. Gleich rann Blut. Seine runden Wangen waren bla\u00df. Ich zog das Messer heraus, zerschnitt den \u00c4rmel des Winterrocks und des Fracks, ri\u00df den Hemd\u00e4rmel auf. Lief dann eine kurze Strecke des Weges hinunter und aufw\u00e4rts, um zu sehn, ob niemand da sei, der mir helfen k\u00f6nnte. Alles Gezweige war fast grell sichtbar und unbewegt. Dann saugte ich ein wenig an der tiefen Wunde. Da erinnerte ich mich an das G\u00e4rtnerh\u00e4uschen. Ich lief die Stiegen aufw\u00e4rts, die zu dem erh\u00f6hten Rasen an der linken Seite des Hauses f\u00fchrten, ich untersuchte die Fenster und Th\u00fcren in Eile, ich l\u00e4utete w\u00fcthend und stampfend, trotzdem ich gleich gesehen hatte, da\u00df das Haus unbewohnt war. Dann sah ich nach der Wunde, die in d\u00fcnnem Strom blutete. Ich n\u00e4\u00dfte sein Tuch im Schnee und umband ungeschickt seinen Arm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du Lieber, Du Lieber&#8221;, sagte ich, &#8220;meinetwegen hast Du Dich verletzt. Du bist so sch\u00f6n gestellt, von Freundlichen umgeben, am hellen Tag kannst Du spazieren gehn, wenn viele Menschen sorgf\u00e4ltig gekleidet weit und nah zwischen Tischen oder auf H\u00fcgelwegen zu sehen sind. Denke nur, im Fr\u00fchjahr, da werden wir in den Baumgarten fahren, nein nicht wir werden fahren, das ist schon leider wahr aber Du mit dem Annerl wirst fahren in Freude und Trab. O ja, glaube mir, ich bitte Dich, und die Sonne wird Euch sch\u00f6nstens allen Leuten zeigen. Oh, da ist Musik, man h\u00f6rt die Pferde weit, es ist keine Sorge n\u00f6thig, da ist Geschrei und Leierk\u00e4sten spielen in den Alleen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ach Gott&#8221;, sagte er, stand auf, lehnte sich an mich und wir giengen, &#8220;da ist ja keine Hilfe. Das k\u00f6nnte mich nicht freuen. Verzeihen Sie. Ist es schon sp\u00e4t? Vielleicht sollte ich morgen fr\u00fch etwas thun. Ach Gott. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Laterne nahe an der Mauer oben brannte und legte den Schatten der St\u00e4mme \u00fcber Weg und wei\u00dfen Schnee, w\u00e4hrend der Schatten des vielf\u00e4ltigen Astwerkes umgebogen wie zerbrochen auf dem Abhang lag.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">&#8220;Fassung B&#8221;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gegen zw\u00f6lf Uhr standen schon einige Leute auf, verbeugten sich, reichten einander die H\u00e4nde, sagten es w\u00e4re sehr sch\u00f6n gewesen und giengen dann durch den gro\u00dfen T\u00fcrrahmen ins Vorzimmer, sich anzukleiden. Die Hausfrau stand mitten in dem Zimmer und machte bewegliche Verbeugungen, w\u00e4hrend in ihrem Rock gezierte Falten sich schaukelten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sa\u00df an einem kleinen Tischchen \u2013 es hatte drei gespannte d\u00fcnne Beine \u2013 nippte gerade an dem dritten Gl\u00e4schen Benediktiner und \u00fcbersah im Trinken zugleich meinen kleinen Vorrat von Backwerk, das ich selbst ausgesucht und aufgeschichtet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da sah ich meinen neuen Bekannten ein wenig zerrauft und aus der Ordnung geraten an dem T\u00fcrpfosten eines Nebenzimmers erscheinen, aber ich wollte wegsehn, denn es gieng mich nichts an. Er dagegen kam auf mich zu und zerstreut \u00fcber meine Besch\u00e4ftigung l\u00e4chelnd sagte er:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Verzeihen Sie, da\u00df ich zu Ihnen komme. Aber ich bin bis jetzt mit meinem M\u00e4dchen allein in einem Nebenzimmer gesessen. Von halb elf an. Sie Mensch, das war einmal ein Abend. Ich wei\u00df schon, es ist nicht recht, da\u00df ich Ihnen das erz\u00e4hle, denn wir kennen ja einander kaum. Nicht wahr, auf der Treppe sind wir heute abend einander begegnet und haben als G\u00e4ste des gleichen Hauses ein paar Worte gesprochen. Und jetzt \u2013 Aber Sie m\u00fcssen mir \u2013 ich bitte \u2013 verzeihen, das Gl\u00fcck h\u00e4lt es einfach nicht in mir aus, ich konnte mir nicht helfen. Und da ich sonst keine Bekannten hier habe, denen ich vertraue \u2013 &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sah ihn traurig an \u2013 das St\u00fcck Fruchtkuchen, das ich im Munde hatte, schmeckte nicht besonders \u2013 und sagte in sein h\u00fcbsch ger\u00f6tetes Gesicht hinauf:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich bin nat\u00fcrlich froh dar\u00fcber, da\u00df ich Ihnen vertrauensw\u00fcrdig scheine, aber unzufrieden damit, da\u00df Sie sich mir anvertraut haben. Und Sie selbst, w\u00e4ren Sie nicht so verwirrt, m\u00fc\u00dften es f\u00fchlen, wie unpassend es ist, einem, der allein sitzt und Schnaps trinkt, von einem liebenden M\u00e4dchen zu erz\u00e4hlen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich dieses gesagt hatte, setzte er sich mit einem Ruck nieder, legte sich zur\u00fcck und lie\u00df seine Arme h\u00e4ngen. Dann dr\u00fcckte er sie mit gespitzten Ellbogen zur\u00fcck und begann mit ziemlich lauter Stimme vor sich hinzusprechen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Noch vor einem Weilchen dort in dem Zimmer waren wir allein, das Annerl mit mir. Und ich habe sie gek\u00fc\u00dft, gek\u00fc\u00dft \u2013 habe \u2013 ich \u2013 sie auf ihren Mund, ihre Ohren, ihre Schultern. Mein Gott und Herr!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einige G\u00e4ste, die hier ein etwas lebhafteres Gespr\u00e4ch vermutheten, r\u00fcckten g\u00e4hnend n\u00e4her zu uns. Ich stand daher auf und sagte, da\u00df es alle h\u00f6ren konnten:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Also gut, wenn Sie wollen, dann gehe ich mit, aber ich bleibe dabei, da\u00df es ein Unsinn ist, jetzt im Winter und in der Nacht auf den Laurenziberg zu gehn. \u00dcberdies ist es kalt geworden und da ein wenig Schnee gefallen ist, sind die Wege drau\u00dfen wie Schlittschuhbahnen. Nun wie Sie wollen \u2013 &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er sah mich zuerst staunend an und \u00f6ffnete seinen Mund mit den nassen Lippen; dann aber, als er die Herren sah, die schon ganz in der N\u00e4he waren, lachte er, stand auf und sagte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;0 doch, die K\u00fchle wird gut tun; unsere Kleider sind voll Hitze und Rauch; dann bin ich auch ein wenig betrunken, ohne gerade viel getrunken zu haben; ja, wir werden uns verabschieden und dann werden wir gehn. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir giengen also zur Hausfrau und als er ihr die Hand k\u00fc\u00dfte, sagte sie:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nein, ich bin froh, da\u00df Sie heute so gl\u00fccklich aussehn. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die G\u00fcte dieser Worte r\u00fchrte ihn und er k\u00fc\u00dfte noch einmal ihre Hand; da l\u00e4chelte sie. Ich mu\u00dfte ihn fortziehn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Vorzimmer stand ein Stubenm\u00e4dchen, wir sahen sie jetzt zum erstenmal. Sie half uns in die \u00dcberr\u00f6cke und nahm dann eine kleine Handlampe, um uns \u00fcber die Treppe zu leuchten. Ihr Hals war nackt und nur unter dem Kinn von einem schwarzen Sammtband umbunden und ihr lose bekleideter K\u00f6rper war gebeugt und dehnte sich immer wieder, als sie vor uns die Treppe hinunterstieg, die Lampe niederhaltend. Ihre Wangen waren ger\u00f6tet, denn sie hatte Wein getrunken und in dem schwachen, das ganze Stiegenhaus erf\u00fcllenden Lampenschein zitterten ihr die Lippen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unten an der Treppe stellte sie die Lampe auf eine Stufe nieder, gieng einen Schritt auf meinen Bekannten zu und umarmte ihn und k\u00fc\u00dfte ihn und blieb in der Umarmung. Erst als ich ihr ein Geldst\u00fcck in die Hand legte, l\u00f6ste sie schl\u00e4frig ihre Arme von ihm, \u00f6ffnete langsam das kleine Haustor und lie\u00df uns in die Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber der leeren, gleichm\u00e4\u00dfig erhellten Stra\u00dfe stand ein gro\u00dfer Mond im leicht bew\u00f6lkten und dadurch weiter ausgebreiteten Himmel. Auf dem gefrorenen Schnee durfte man nur kleine Schritte tun.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum waren wir ins Freie getreten, als ich offenbar in bedeutende Munterkeit geriet. Ich hob die Beine, lie\u00df die Gelenke knacken, ich rief \u00fcber die Gasse einen Namen hin, als sei mir ein Freund um die Ecke entwischt, ich warf den Hut im Sprunge hoch und fieng ihn prahlerisch auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Bekannter aber gieng unbek\u00fcmmert neben mir her. Er hielt den Kopf geneigt. Er redete auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das wunderte mich, denn ich hatte mir ausgerechnet, seine Freude w\u00fcrde ihn toll machen, wenn ich ihn aus der Gesellschaft hinausbr\u00e4chte. Nun konnte auch ich stiller werden. Gerade hatte ich ihm einen aufmunternden Schlag \u00fcber den R\u00fccken gegeben, als ich seinen Zustand pl\u00f6tzlich nicht mehr begriff und meine Hand zur\u00fcckzog. Da ich sie nicht brauchte, steckte ich sie in die Tasche meines Rockes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir giengen also schweigend. Ich achtete darauf, wie unsere Schritte klangen und konnte nicht begreifen, da\u00df es mir unm\u00f6glich war, mit meinem Bekannten im gleichen Schritt zu bleiben. Dabei war klare Luft, ich konnte seine Beine deutlich sehn. Hie und da lehnte auch jemand in einem Fenster und betrachtete uns.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als wir in die Ferdinandstra\u00dfe kamen, bemerkte ich, da\u00df mein Bekannter eine Melodie aus der &#8220;Dollarprinzessin&#8221; zu summen begann; es war leise, aber ich h\u00f6rte es ganz gut. Was sollte das? Wollte er mich beleidigen? Nun ich war sofort bereit, auf diese Musik zu verzichten und auf den ganzen Spaziergang \u00fcberdies. Ja warum sprach er denn nicht mit mir? Wenn er mich aber nicht n\u00f6tig hatte, warum hatte er mich dann nicht in meiner Ruhe gelassen, dort in der W\u00e4rme bei Benediktiner und s\u00fc\u00dfem Zeug. Ich war es wahrhaftig nicht gewesen, der sich um diesen Spaziergang gerissen hatte. Im \u00fcbrigen konnte ich auch selbstst\u00e4ndig spazieren gehn. Ich war eben in Gesellschaft gewesen, hatte einen undankbaren jungen Menschen vor Besch\u00e4mung gerettet und spazierte nun im Mondlicht herum. Auch das gieng. Den Tag \u00fcber im Amt, abends in Gesellschaft, in der Nacht auf den Gassen und nichts \u00fcbers Ma\u00df. Eine in ihrer Nat\u00fcrlichkeit schon grenzenlose Lebensweise!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch mein Bekannter gieng noch hinter mir, ja er beschleunigte seinen Gang, als er merkte, da\u00df er zur\u00fcckgeblieben war. Es wurde nichts gesprochen, man konnte auch nicht sagen, da\u00df wir liefen. Ich aber \u00fcberlegte, ob es nicht gut es w\u00e4re, in eine Seitengasse einzubiegen, da ich doch im Grunde zu einem gemeinsamen Spaziergang nicht verpflichtet war. Ich konnte allein nachhause gehn und keiner durfte mich hindern. Ich w\u00fcrde dann sehn, wie mein Bekannter an der \u00d6ffnung meiner Gasse unwissend vor\u00fcberkommt. Adieu, mein lieber Bekannter! In meinem Zimmer wird mir bei der Ankunft warm sein, ich werde auf meinem Tisch die Stehlampe in ihrem eisernen Gestell entz\u00fcnden und, bin ich damit fertig, werde ich mich in meinen Armstuhl legen, der auf dem zerrissenen morgenl\u00e4ndischen Teppich steht. Sch\u00f6ne Aussichten! Warum denn nicht?Aber dann?. Kein dann. Die Lampe wird im warmen Zimmer leuchten, mir im Armstuhl auf die Brust. Nun, dann werde ich ausk\u00fchlen und Stunden allein zwischen den bemalten Wanden verbringen auf dem Fu\u00dfboden, welcher in den an der R\u00fcckwand aufgehangten Goldrahmenspiegel schr\u00e4g abf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Beine wurden m\u00fcde und schon war ich entschlossen auf jeden Fall nachhause zu gehn und mich in mein Bett zu legen, als ich in Zweifel geriet, ob ich jetzt beim Weggehn meinen Bekannten gru\u00dfen solle oder nicht. Aber ich war zu furchtsam, um ohne Gru\u00df wegzugehn, und zu schwach, um laut rufend zu gr\u00fc\u00dfen. Ich blieb daher stehn, st\u00fctzte mich an eine mondbeschienene H\u00e4usermauer und wartete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Bekannter kam iiber die Trottoirflache weg auf mich zu, rasch, als sollte ich ihn auffangen. Er zwinkerte mit den Augen wegen irgendeines Einverst\u00e4ndnisses, an das ich offenbar vergessen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWas denn, was denn?\u00ab fragte ich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbAber nichts\u00ab, sagte er, \u00bbich wollte Sie nur um Ihre Meinung \u00fcber jenes Stubenmadchen fragen, das mich im Flur gek\u00fc\u00dft hat. Wer ist das M\u00e4dchen? Haben Sie sie fr\u00fcher schon gesehen? Nein? Ich auch nicht. War es \u00fcberhaupt ein Stubenm\u00e4dchen? Schon wie sie die Treppe vor uns hinunter gieng, wollte ich Sie darnach fragen. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbDa\u00df sie ein Stubenm\u00e4dchen war und nicht einmal das erste Stubenm\u00e4dchen, habe ich gleich an ihren roten H\u00e4nden gesehn, und als ich ihr das Geld in die Hand gab, sp\u00fcrte ich die harte Haut. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbAber das beweist nur, da\u00df sie schon einige Zeit im Dienst steht, das glaube ich ja auch. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbSie k\u00f6nnen darin recht haben. In der Beleuchtung dort konnte man ja nicht alles unterscheiden, aber auch mich erinnerte ihr Gesicht an eine \u00e4ltere Offizierstochter meiner Bekanntschaft. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbMich nicht\u00ab, sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbDas soll mich nicht hindern nachhause zu gehn; es ist sp\u00e4t und morgen fr\u00fch habe ich Amt; man kann ja auch dort schlafen, aber es ist nicht das Richtige. \u00ab Dabei reichte ich ihm die Hand zum Abschied hin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbPfui die kalte Hand\u00ab, rief er, \u00bbmit einer solchen Hand mochte ich nicht nachhause gehn. Sie hatten sich mein Lieber auch k\u00fcssen lassen sollen, das war ein Vers\u00e4umnis, nun Sie konnen es ja nachholen. Aber schlafen? In dieser Nacht? Was f\u00e4llt Ihnen denn ein? Bedenken Sie doch, wieviel gl\u00fcckliche Gedanken man mit der Decke erstickt, wenn man allein in seinem Bette schl\u00e4ft, und wieviel ungl\u00fcckliche Tr\u00e4ume man mit ihr w\u00e4rmt. \u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbIch ersticke nichts und w\u00e4rme nichts\u00ab, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbAber lassen Sie mich, Sie sind ein Komiker\u00ab, schlo\u00df er. Gleichzeitig begann er weiter zu gehn und ich folgte ihm, ohne es zu bemerken, denn mich besch\u00e4ftigte sein Ausspruch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaubte aus diesem Ausspruch zu erkennen, da\u00df mein Bekannter etwas in mir vermutete, was zwar nicht in mir war, mich aber bei ihm in Beachtung brachte dadurch, da\u00df er vermutete. Gut also, da\u00df ich nicht nachhause gegangen war. Wer wei\u00df, dieser Mensch, der jetzt neben mir mit in der K\u00e4lte rauchendem Mund an Stubenm\u00e4dchensachen dachte, war vielleicht imstande, mir vor den Leuten Wert zu geben, ohne da\u00df ich ihn erst erwerben mu\u00dfte. Da\u00df mir ihn nur die M\u00e4dchen nicht verderben! M\u00f6gen sie ihn k\u00fcssen und dr\u00fccken, das ist ja ihre Pflicht und sein Recht, aber entf\u00fchren sollen sie mir ihn nicht. Wenn sie ihn k\u00fcssen, k\u00fcssen sie mich ja auch ein wenig, wenn man will; mit dem Mundwinkel gewisserma\u00dfen; wenn sie ihn aber entf\u00fchren, dann stehlen sie mir ihn. Und er soll immer bei mir bleiben, immer, wer soll ihn besch\u00fctzen wenn nicht ich. Er ist ja so dumm. Im Februar sagt man ihm: Du komm auf den Laurenziberg, und er lauft mit. Und wie wenn er jetzt f\u00e4llt, wie, wenn er sich verk\u00fchlt, wie, wenn ein Eifers\u00fcchtiger aus der Postgasse heraus ihn \u00fcberf\u00e4llt? Was soll dann mit mir geschehn, soll ich dann aus der Welt herausgeworfen werden? Das m\u00f6chte ich doch sehn, nein, mich wird er nicht mehr los werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Morgen wird er mit Fr\u00e4ulein Anna reden, gew\u00f6hnliche Dinge zuerst, wie es nat\u00fcrlich ist, aber pl\u00f6tzlich wird er es nicht mehr verschweigen k\u00f6nnen: Gestern, Annerl, in der Nacht, nach unserer Gesellschaft, wei\u00dft Du, war ich mit einem Menschen beisammen, wie Du ihn ganz bestimmt noch nie gesehen hast. Er sieht aus \u2013 wie soll ich ihn beschreiben \u2013 wie eine Stange in baumelnder Bewegung sieht er aus, mit einem schwarzbehaarten Sch\u00e4del oben. Sein K\u00f6rper ist mit vielen, kleinen mattgelben Stoffst\u00fcckchen beh\u00e4ngt, die ihn vollst\u00e4ndig bedeckten, denn bei der gestrigen Windstille lagen sie glatt an. Wie, Annerl, Dir vergeht der Appetit? Ja dann ist es meine Schuld, dann habe ich das Ganze schlecht erz\u00e4hlt. Wenn Du ihn nur gesehen h\u00e4ttest, wie sch\u00fcchtern er neben mir gieng, wie er mir meine Verliebtheit ansah, was ja kein Kunstst\u00fcck war, und um mich in ihr nicht zu st\u00f6ren, eine gro\u00dfe Strecke allein vorausgieng. Ich glaube, Annerl, Du h\u00e4ttest ein wenig gelacht und ein wenig Dich gef\u00fcrchtet, mich aber freute seine Gegenwart. Denn wo warst Du, Annerl? In Deinem Bett warst Du und Afrika war nicht entfernter als Dein Bett. Manchmal aber war mir wahrhaftig, als h\u00f6be sich mit den Athemz\u00fcgen seiner platten Brust der gestirnte Himmel. Du glaubst, ich \u00fcbertreibe? Nein, Annerl; bei meiner Seele, nein; bei meiner Seele, die Dir geh\u00f6rt, nein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich erlie\u00df meinem Bekannten \u2013 wir machten gerade die ersten Schritte auf dem Franzensquai \u2013 nicht den geringsten Teil der Besch\u00e4mung, die er bei solcher Rede f\u00fchlen mu\u00dfte. Nur giengen damals meine Gedanken in einander \u00fcber, denn die Moldau und die Stadtviertel am andern Ufer lagen in gemeinsamem Dunkel. Einige Lichter brannten dort und spielten mit den schauenden Augen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir kreuzten die Fahrbahn, um zum Flu\u00dfgel\u00e4nder zu kommen, dort blieben wir stehn. Ich fand einen Baum, um mich anzulehnen. Da es vom Wasser her kalt wehte, zog ich meine Handschuhe an, seufzte grundlos, wie man es in der Nacht vor einem Flusse wohl tun mag, dann aber wollte ich weiter. Doch mein Bekannter schaute ins Wasser und r\u00fchrte sich nicht. Dann trat er n\u00e4her an das Gel\u00e4nder, hatte schon die Beine an dem Eisen, st\u00fctzte die Elienbogen auf und legte die Stirn in die H\u00e4nde. Was denn noch? Ich fror ja und mu\u00dfte den Rockkragen in die H\u00f6he st\u00fclpen. Mein Bekannter streckte sich, den R\u00fccken, die Schultern, den Hals und hielt den Oberk\u00f6rper, der auf seinen gespannten Armen ruhte, \u00fcber das Gel\u00e4nder vorgebeugt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Die Erinnerungen, nicht wahr?&#8221; sagte ich, &#8220;ja, schon das Erinnern ist traurig, wie erst sein Gegenstand! Geben Sie sich solchen Sachen nicht hin, das ist nichts f\u00fcr Sie und nichts f\u00fcr mich. Man schw\u00e4cht ja dadurch \u2013 nichts ist klarer \u2013 seine gegenw\u00e4rtige Position, ohne die fr\u00fchere zu st\u00e4rken, abgesehen davon da\u00df die Fr\u00fchere St\u00e4rkung nicht mehr n\u00f6tig hat. Glauben Sie denn, ich h\u00e4tte keine Erinnerungen? Oh zehn f\u00fcr jede der Ihrigen. Jetzt zum Beispiel k\u00f6nnte ich mich erinnern, wie ich in L. auf einer Bank gesessen bin. Es war am Abend, auch am Flu\u00dfufer. Nat\u00fcrlich im Sommer. Und es ist meine Gewohnheit, an so einem Abend die Beine zu mir heraufzuziehn und zu umschlingen. Den Kopf hatte ich gegen die h\u00f6lzerne Lehne der Bank gelegt, von wo ich die wolkenhaften Berge des andern Ufers ansah. Eine Geige spielte zart im Strandhotel. Auf beiden Ufern fuhren hin und wieder schiebende Z\u00fcge mit ergl\u00e4nzendem Rauch. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Bekannter unterbrach mich, er wandte sich pl\u00f6tzlich um, es sah fast aus, als sei er erstaunt, mich noch hier zu sehn. &#8220;Ach, ich k\u00f6nnte noch viel mehr erz\u00e4hlen&#8221;, sagte ich, nichts weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Denken Sie nur und immer kommt es so&#8221;, begann er. &#8220;Als ich heute meine Treppe hinunterstieg, um vor der Abendgesellschaft noch einen kleinen Spaziergang zu machen, mu\u00dfte ich mich wundern, wie meine H\u00e4nde in den Manschetten hin- und herschlenkerten und so lustig haben sie das gemacht. Da dachte ich mir gleich: Wart, heut kommt was. Und es ist auch gekommen. &#8221; Dieses sagte er schon im Gehn und sah mich l\u00e4chelnd mit gro\u00dfen Augen an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Soweit hatte ich es also gebracht. Er durfte mir solche Sachen erz\u00e4hlen, dabei l\u00e4cheln und gro\u00dfe Augen auf mich machen. Und ich, ich mu\u00dfte mich zur\u00fcckhalten, da\u00df ich meinen Arm nicht um seine Schultern legte und ihn in seine Augen k\u00fc\u00dfte zur Belohnung daf\u00fcr, da\u00df er mich so gar nicht brauchen konnte. Das Schlimmste aber war, da\u00df auch das nicht mehr schaden konnte, weil es nichts \u00e4ndern konnte, denn weg mu\u00dfte ich nun, weg auf jeden Fall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich noch rasch nach einem Mittel suchte, um wenigstens ein Weilchen bei meinem Bekannten bleiben zu d\u00fcrfen, fiel mir ein, da\u00df ihm vielleicht meine lange Gestalt unangenehm sein k\u00f6nnte, neben der er seiner Meinung nach zu klein erschien. Und dieser Umstand qu\u00e4lte mich \u2013 es war freilich sp\u00e4te Nacht und wir begegneten fast niemandem \u2013 doch so sehr, da\u00df ich meinen R\u00fccken geb\u00fcckt machte, bis meine H\u00e4nde im Gehn meine Knie ber\u00fchrten. Damit aber mein Bekannter die Absicht nicht bemerke, ver\u00e4nderte ich meine Haltung nur ganz allm\u00e4hlich, suchte seine Aufmerksamkeit von mir abzulenken, drehte ihn sogar einmal zum Flusse hin und zeigte ihm mit ausgestreckter Hand die B\u00e4ume der Sch\u00fctzeninsel und wie die Br\u00fcckenlampen im Flusse sich spiegelten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber mit pl\u00f6tzlicher Wendung sah er mich an \u2013 ich war noch nicht ganz fertig \u2013 und sagte: &#8220;Ja was ist denn das? Sie sind ja ganz krumm! Was treiben Sie da? &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ganz richtig&#8221;, sagte ich, den Kopf an seiner Hosennaht, weshalb ich auch nicht ordentlich aufschauen konnte, &#8220;Sie scharfes Auge! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Also hopla! Stehen Sie doch auf! Solche Dummheiten! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nein&#8221;, sagte ich und schaute auf die nahe Erde, &#8220;ich bleibe, wie ich bin. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das mu\u00df ich aber sagen, \u00e4rgern k\u00f6nnen Sie einen. Dieser unn\u00fctze Aufenthalt! Also machen Sie endlich Schlu\u00df! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wie Sie schreien! In der ruhigen Nacht&#8221;, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;\u00dcbrigens, ganz nach Ihrem Belieben&#8221;, f\u00fcgte er noch hinzu und nach einem Weilchen: &#8220;Es ist dreiviertel auf eins. &#8221; Er las die Zeit offenbar von der Uhr des M\u00fchlenturmes ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon stand ich wie an den Haaren in die H\u00f6he gerissen. Ein Weilchen lang hielt ich den Mund offen, damit mich die Aufregung durch den Mund verlasse. Ich verstand ihn, er schickte mich fort. Bei ihm sei kein Platz f\u00fcr mich, und wenn vielleicht doch einer hier ist, so sei er wenigstens nicht zu finden. Warum ich nebenbei gesagt so darauf versessen sei, bei ihm zu bleiben. Nein, ich m\u00f6chte nur weggehn \u2013 und dies sofort \u2013 zu meinen Verwandten und Freunden, die schon auf mich warten. H\u00e4tte ich aber keine Verwandte und Freunde, dann m\u00fc\u00dfte ich mir allerdings allein forthelfen (was hilft die Klage!) nur d\u00fcrfte ich nicht weniger schnell von hier weggehn. Denn bei ihm k\u00f6nne mir nichts mehr helfen, nicht meine L\u00e4nge, nicht mein Appetit, nicht meine kalte Hand. Wenn es aber meine Meinung sei, da\u00df ich bei ihm bleiben m\u00fcsse, dann sei das eine gef\u00e4hrliche Meinung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich habe Ihre Mitteilung nicht gebraucht&#8221;, sagte ich, wie es auch der Wahrheit entsprach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Gottseidank da\u00df Sie endlich geradestehn. Ich habe doch nur gesagt, da\u00df es dreiviertel eins ist. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es ist schon gut&#8221;, sagte ich und steckte zwei Fingern\u00e4gel in die L\u00fccken meiner schauernden Z\u00e4hne. &#8220;Wenn ich schon Ihre Mitteilung nicht brauchte, um wie viel weniger brauche ich eine Erkl\u00e4rung. Ich brauche n\u00e4mlich nichts als Ihre Gnade. Bitte, bitte nehmen Sie das zur\u00fcck, was Sie gesagt haben! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Da\u00df dreiviertel eins ist Aber mit Vergn\u00fcgen, umsomehr als dreiviertel l\u00e4ngst vor\u00fcber ist. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hob den rechten Arm, zuckte mit der Hand und horchte auf den Kastagnettenklang des Manschettenkettchens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt kam offenbar der Mord. Ich werde bei ihm bleiben und er wird das Messer, dessen Griff er in der Tasche schon h\u00e4lt, an seinem Rock in die H\u00f6he f\u00fchren und dann gegen mich. Es ist unwahrscheinlich, da\u00df er sich wundern wird, wie einfach die Sache ist, aber vielleicht doch, wer kann das wissen. Ich werde nicht schrein, ich werde ihn nur anschauen, solange die Augen es aushalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nun?&#8221; sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor einem entfernten Kaffeehaus mit schwarzen Scheiben lie\u00df sich ein Polizeimann wie ein Eisl\u00e4ufer \u00fcber das Pflaster gleiten. Sein S\u00e4bel behinderte ihn, er nahm ihn in die Hand, fuhr jetzt eine lange Strecke hin und beim Abschlu\u00df drehte er sich fast in einem Bogen. Endlich juchzte er noch schwach und, Melodien im Kopfe, fieng er wieder zu schleifen an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst dieser Polizeimann, der zweihundert Schritte von einem baldigen Mord nur sich selbst sah und h\u00f6rte, machte mir eine Art von Angst. Ich stellte fest, da\u00df es mit mir auf jeden Fall zuende war, ob ich mich erstechen lie\u00df oder weglief. War es aber dann nicht besser wegzulaufen und mich damit der umst\u00e4ndlichen, also schmerzlicheren Todesart auszusetzen. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Vorz\u00fcge dieser Todesart hatte ich nicht gleich bei der Hand, aber ich durfte den letzten Augenblick, der mir blieb, nicht mit dem Suchen von Gr\u00fcnden verbringen. Dazu war sp\u00e4ter Zeit, wenn ich nur den Entschlu\u00df hatte, und den Entschlu\u00df hatte ich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich mu\u00dfte weglaufen, es war ganz leicht. Jetzt beim Einbug zur Karlsbr\u00fccke nach links konnte ich nach rechts in die Karlsgasse springen. Sie war winklig, es gab dort dunkle Haustore und Weinstuben, die noch offen waren; ich mu\u00dfte nicht verzweifeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als wir unter dem Bogen am Ende des Quais auf den Kreuzherrenplatz hervortraten, rannte ich mit erhobenen Armen in jene Gasse. Doch vor einer kleinen T\u00fcre der Seminarkirche fiel ich, denn dort war eine Stufe, die ich nicht erwartet hatte. Es machte ein wenig L\u00e4rm, die n\u00e4chste Laterne war entfernt genug, ich lag im Dunkel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus einer Weinstube gegen\u00fcber kam ein dickes Weib mit einem L\u00e4mpchen, um nachzusehn, was auf der Gasse geschehen war. Das Klavierspiel drinnen wurde schw\u00e4cher fortgesetzt, nur mit einer Hand, denn der Klavierspieler hatte sich zur T\u00fcre gewendet, die bis jetzt halb offen von einem Mann in hochzugekn\u00f6pftem Rocke v\u00f6llig ge\u00f6ffnet wurde. Er spie aus und dr\u00fcckte dann das Weib so fest an sich, da\u00df sie das L\u00e4mpchen heben mu\u00dfte, um es zu sch\u00fctzen. &#8220;Es ist ja gar nichts geschehn&#8221;, rief er ins Zimmer hinein, darauf drehten sich beide um, giengen ins Innere und die T\u00fcre wurde wieder zugemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich aufzustehn versuchte, fiel ich wieder. &#8220;Es ist Glatteis&#8221;, sagte ich und versp\u00fcrte einen Schmerz im Knie. Aber doch freute es mich, da\u00df mich die Leute aus der Weinstube nicht gesehen hatten und da\u00df ich hier ruhig bis zur D\u00e4mmerung liegen bleiben konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Bekannter war wohl bis zur Br\u00fccke gegangen, ohne meinen Abschied bemerkt zu haben, denn er kam erst nach einer Weile zu mir. Ich merkte nicht, da\u00df er \u00fcberrascht war, als er sich zu mir b\u00fcckte \u2013 er senkte fast nur den Hals ganz wie eine Hy\u00e4ne \u2013 und mich mit weicher Hand streichelte. Er fuhr an meinen Wangenknochen auf und nieder und legte dann die Handfl\u00e4che an meine Stirn: &#8220;Sie haben sich wehgetan, nicht wahr? Nun es ist Glatteis und man mu\u00df vorsichtig sein \u2013 haben Sie mir das nicht selbst gesagt? Der Kopf schmerzt Sie? Nein? Ach das Knie. So. Das ist eine b\u00f6se Sache. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber er dachte nicht daran, mich aufzuheben. Ich st\u00fctzte den Kopf auf meine rechte Hand \u2013 der Elbogen lag auf einem Pflasterstein \u2013 und sagte: &#8220;Da sind wir also wieder einmal beisammen. &#8221; Und da ich wieder jene Angst bekam, dr\u00fcckte ich beide H\u00e4nde gegen seine Schienbeine, um ihn so wegzuschieben. &#8220;Geh doch, geh doch&#8221;, sagte ich dabei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hatte die H\u00e4nde in den Taschen und sah \u00fcber die leere Gasse hin, dann zur Seminarkirche und dann auf zum Himmel. Endlich, als in einer der umliegenden Gassen ein Wagen laut sich herumtrieb, erinnerte er sich an mich: &#8220;Ja, warum reden Sie denn nicht, mein Lieber? Ist Ihnen schlecht? Ja warum stehn Sie denn eigentlich nicht auf? Soll ich einen Wagen suchen? Wenn Sie wollen, bringe ich Ihnen ein bi\u00dfchen Wein da aus der Weinstube. Aber liegen bleiben d\u00fcrfen Sie hier in der K\u00e4lte nicht. Und dann wollten wir doch auf den Laurenziberg. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nat\u00fcrlich&#8221;, sagte ich und stand allein auf, aber mit starkem Schmerz. Ich schwankte gleich und mu\u00dfte das Standbild Karl des Vierten streng ansehn, um meines Standpunktes sicher zu sein. Aber nicht einmal das h\u00e4tte mir geholfen, w\u00e4re mir nicht eingefallen, da\u00df ich von einem M\u00e4dchen mit schwarzem Samtband um den Hals geliebt w\u00fcrde, zwar nicht hitzig aber treu. Und lieb war es da vom Mond, da\u00df er auch mich beschien und ich wollte aus Bescheidenheit mich unter die W\u00f6lbung des Br\u00fcckenturmes stellen, als ich einsah, da\u00df es blo\u00df nat\u00fcrlich sei, da\u00df der Mond alles bescheine. Daher breitete ich mit Freude meine Arme aus, um den Mond ganz zu genie\u00dfen. Und es wurde mir leicht, als ich Schwimmbewegungen mit den l\u00e4ssigen Armen machend ohne Schmerz und M\u00fche vorw\u00e4rtskam. Da\u00df ich das fr\u00fcher nie versucht hatte! Mein Kopf lag in der k\u00fchlen Luft und gerade mein rechtes Knie flog am besten, ich lobte es durch Beklopfen. Und ich erinnerte mich, da\u00df ich einmal einen Bekannten, der wahrscheinlich noch immer unter mir gieng, nicht recht hatte leiden k\u00f6nnen, und an der ganzen Sache freute mich nur, da\u00df mein Ged\u00e4chtnis so gut war, da\u00df es selbst solche Dinge bewahrte. Doch ich durfte nicht viel denken, denn ich mu\u00dfte weiterschwimmen, wollte ich nicht zu sehr untertauchen. Aber damit man mir sp\u00e4ter nicht sagen d\u00fcrfe, \u00fcber dem Pflaster k\u00f6nne jeder schwimmen und es sei nicht des Erz\u00e4hlens wert, erhob ich mich durch ein Tempo \u00fcber das Gel\u00e4nder und umkreiste schwimmend jede Heiligenstatue, der ich begegnete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der f\u00fcnften \u2013 gerade hielt ich mich mit unmerklichen Schl\u00e4gen \u00fcber dem Trottoir \u2013 fa\u00dfte mein Bekannter meine Hand. Da stand ich wieder auf dem Pflaster und f\u00fchlte einen Schmerz im Knie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Immer&#8221;, sagte mein Bekannter mit einer Hand mich festhaltend, mit der andern auf die Statue der heiligen Ludmila zeigend, &#8220;immer habe ich die H\u00e4nde dieses Engels links bewundert. Schauen Sie nur, wie zart sie sind! Wirkliche Engelsh\u00e4nde! Haben Sie schon etwas \u00e4hnliches gesehn? Sie nicht, aber ich ja, denn ich habe heute abend H\u00e4nde gek\u00fc\u00dft \u2013 &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr mich aber gab es jetzt eine dritte M\u00f6glichkeit zugrundezugehn. Ich mu\u00dfte mich nicht erstechen lassen, ich mu\u00dfte nicht weglaufen, ich konnte mich einfach in die Luft werfen. Er soll nur auf seinen Laurenziberg gehn, ich werde ihn nicht st\u00f6ren, nicht einmal durch Weglaufen werde ich ihn st\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und nun schrie ich: &#8220;Los mit den Geschichten! Ich will nichts mehr in Brocken h\u00f6ren. Erz\u00e4hlen Sie mir alles, von Anfang bis zu Ende. Weniger h\u00f6re ich nicht an, das sage ich Ihnen. Aber auf das Ganze brenne ich. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als er mich ansah, schrie ich nicht mehr so. &#8220;Und auf meine Verschwiegenheit k\u00f6nnen Sie bauen! Erz\u00e4hlen Sie nur alles, was Sie auf dem Herzen haben. Einen so verschwiegenen Zuh\u00f6rer wie mich haben Sie noch nicht gehabt. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ziemlich leise, nah an seinem Ohr, sagte ich: &#8220;Und f\u00fcrchten m\u00fcssen Sie sich vor mir nicht, das ist wirklich \u00fcberfl\u00fcssig. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich h\u00f6rte ihn noch lachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">I<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon sprang ich \u2013 im Schwung, als sei es nicht das erste Mal \u2013 meinem Bekannten auf die Schultern und brachte ihn dadurch, da\u00df ich meine F\u00e4uste in seinen R\u00fccken stie\u00df, in einen leichten Trab. Als er aber noch ein wenig widerwillig stampfte und manchmal sogar stehen blieb, hackte ich mehrmals mit meinen Stiefeln in seinen Bauch, um ihn munterer zu machen. Es gelang und wir kamen schnell genug in das Innere einer gro\u00dfen, aber noch unfertigen Gegend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Landstra\u00dfe, auf der ich ritt, war steinig und stieg bedeutend, aber gerade das gefiel mir und ich lie\u00df sie noch steiniger und steiler werden. Sobald mein Bekannter stolperte, ri\u00df ich ihn an seinem Kragen in die H\u00f6he und sobald er seufzte, boxte ich ihn in den Kopf. Dabei f\u00fchlte ich, wie gesund mir der Ausritt in dieser guten Luft war und um ihn noch wilder zu machen, lie\u00df ich einen starken Gegenwind in langen St\u00f6\u00dfen in uns blasen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt \u00fcbertrieb ich auch auf den breiten Schultern meines Bekannten die springende Bewegung und w\u00e4hrend ich mich mit beiden H\u00e4nden fest an seinem Halse hielt, beugte ich weit meinen Kopf zur\u00fcck und betrachtete die mannigfaltigen Wolken, die schw\u00e4cher als ich schwerf\u00e4llig mit dem Winde flogen. Ich lachte und zitterte vor Muth. Mein Rock breitete sich aus und gab mir Kraft. Dabei pre\u00dfte ich meine H\u00e4nde kr\u00e4ftig in einander, wodurch ich allerdings meinen Bekannten w\u00fcrgte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst als mir der Himmel allm\u00e4hlich durch die \u00c4ste der B\u00e4ume, die ich an der Stra\u00dfe wachsen lie\u00df, verdeckt wurde, besann ich mich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich wei\u00df nicht&#8221;, rief ich ohne Klang, &#8220;ich wei\u00df ja nicht. Wenn niemand kommt, dann kommt eben niemand. Ich habe niemandem etwas B\u00f6ses getan, niemand hat mir etwas B\u00f6ses getan, niemand aber will mir helfen, lauter niemand. Aber so ist es doch nicht. Nur da\u00df mir niemand hilft, sonst w\u00e4re lauter niemand h\u00fcbsch, ich w\u00fcrde ganz gerne, (was sagen Sie dazu?) einen Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter niemand machen. Nat\u00fcrlich ins Gebirge, wohin denn sonst? Wie sich diese Niemand aneinander dr\u00e4ngen, diese vielen quergestreckten oder eingeh\u00e4ngten Arme, diese vielen F\u00fc\u00dfe durch winzige Schritte getrennt! Versteht sich, da\u00df alle im Frack sind. Wir gehen so lala, ein vorz\u00fcglicher Wind f\u00e4hrt durch die L\u00fccken, die wir und unsere Gliedma\u00dfen offen lassen. Die H\u00e4lse werden im Gebirge frei. Es ist ein Wunder, da\u00df wir nicht singen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da fiel mein Bekannter und als ich ihn untersuchte, fand ich, da\u00df er am Knie schwer verwundet war. Da er mir nicht mehr n\u00fctzlich sein konnte, lie\u00df ich ihn nicht ungern auf den Steinen und pfiff nur einige Geier aus der H\u00f6he herab, die sich gehorsam mit ernstem Schnabel auf ihn setzten, um ihn zu bewachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">II<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unbesorgt gieng ich weiter. Weil ich aber als Fu\u00dfg\u00e4nger die Anstrengung der bergigen Stra\u00dfe f\u00fcrchtete, lie\u00df ich den Weg immer flacher werden und sich in der Entfernung endlich zu einem Tale senken. Die Steine verschwanden nach meinem Willen und der Wind verlor sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich gieng in gutem Marsch und da ich bergab gieng, hatte ich den Kopf erhoben, den K\u00f6rper gesteift und hinter dem Kopf die Arme verschr\u00e4nkt. Da ich Fichtenw\u00e4lder liebe, gieng ich durch solche W\u00e4lder und da ich gerne stumm zu den Sternen schaue, so giengen mir auf dem Himmel die Sterne langsam auf, wie es ihre Art ist. Nur wenige gestreckte Wolken sah ich, die ein Wind, der nur in ihrer H\u00f6he wehte, zur \u00dcberraschung des Spazierg\u00e4ngers durch die Luft zog.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ziemlich weit meiner Stra\u00dfe gegen\u00fcber, wahrscheinlich auch noch durch einen Flu\u00df von mir getrennt, lie\u00df ich einen m\u00e4\u00dfig hohen Berg aufstehn, dessen Plateau mit Buschwerk bewachsen an den Himmel grenzte. Noch die kleinen Verzweigungen der h\u00f6chsten \u00c4ste und ihre Bewegungen konnte ich deutlich sehn. Dieser Anblick, wie gew\u00f6hnlich er auch sein mag, freute mich so, da\u00df ich als ein kleiner Vogel auf den Ruten dieser fernen struppigen Str\u00e4ucher schaukelnd daran verga\u00df, den Mond aufgehn zu lassen, der schon hinter dem Berge lag, wahrscheinlich z\u00fcrnend wegen der Verz\u00f6gerung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt aber breitete sich der k\u00fchle Schein, der dem Mondaufgang vorhergeht, auf dem Berge aus und pl\u00f6tzlich hob der Mond selbst sich hinter einem der unruhigen Str\u00e4ucher. Ich jedoch hatte indessen in einer anderen Richtung geschaut und als ich jetzt vor mich hin blickte und ihn mit einem Male sah, wie er schon fast mit seiner ganzen Rundung leuchtete, blieb ich mit tr\u00fcben Augen stehn, denn meine absch\u00fcssige Stra\u00dfe schien gerade in diesen erschreckenden Mond zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber nach einem Weilchen gew\u00f6hnte ich mich an ihn und betrachtete mit Besonnenheit, wie schwer ihm der Aufstieg wurde, bis ich endlich, nachdem wir einander ein gro\u00dfes St\u00fcck entgegen gegangen waren, eine starke Schl\u00e4frigkeit versp\u00fcrte, die, wie ich glaubte, eine Folge der Erm\u00fcdung durch den ungewohnten Spaziergang war. Ich gieng eine kleine Zeit mit geschlossenen Augen, indem ich mich nur dadurch wachend erhielt, da\u00df ich laut und regelm\u00e4\u00dfig die H\u00e4nde an einander schlug.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann aber, als der Weg mir unter den F\u00fc\u00dfen zu entgleiten drohte und alles m\u00fcde wie ich zu entschwinden begann, beeilte ich mich den Abhang an der rechten Stra\u00dfenseite mit allen Kr\u00e4ften zu erklettern, um noch rechtzeitig in den hohen verwirrten Fichtenwald zu kommen, in dem ich die Nacht, die uns wahrscheinlich bevorstand, verschlafen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Eile war n\u00f6tig. Die Sterne dunkelten schon unbew\u00f6lkt und ich sah den Mond schw\u00e4chlich im Himmel, wie in einem bewegten Gew\u00e4sser, versinken. Der Berg geh\u00f6rte schon der Finsternis, die Landstra\u00dfe endete zerbr\u00f6ckelnd dort, wo ich zum Abhang mich gewendet hatte, und aus dem Innern des Waldes h\u00f6rte ich das sich n\u00e4hernde Krachen st\u00fcrzender B\u00e4ume. Nun h\u00e4tte ich mich gleich auf das Moos zum Schlafe werfen k\u00f6nnen, aber da ich mich f\u00fcrchte auf Waldboden zu schlafen, kroch ich \u2013 rasch glitt der Stamm zwischen den Ringen der Arme und Beine hinab \u2013 auf einen Baum, der auch schon taumelte ohne Wind, legte mich auf einen Ast, den Kopf an den Stamm gelehnt und schlief hastig ein, inde\u00df ein Eichh\u00f6rnchen meiner Laune mit steilem Schwanz auf dem bebenden Ende des Astes sa\u00df und sich wiegte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">III<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich schlief und fuhr mit meinem ganzen Wesen in den ersten Traum hinein. Ich warf mich in ihm so in Angst und Schmerz herum, da\u00df er es nicht ertrug, mich aber auch nicht wecken durfte, denn ich schlief doch nur, weil die Welt um mich zuende war. Und so lief ich durch den in seiner Tiefe gerissenen Traum und kehrte wie gerettet \u2013 dem Schlaf und dem Traum entflohn \u2013 in die D\u00f6rfer meiner Heimat zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich h\u00f6rte die Wagen an dem Gartengitter vor\u00fcberfahren, manchmal sah ich sie auch durch die schwach bewegten L\u00fccken im Laub. Wie krachte in dem hei\u00dfen Sommer das Holz in ihren Speichen und Deichseln! Arbeiter kamen von den Feldern und lachten, da\u00df es eine Schande war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sa\u00df auf unserer kleinen Schaukel, ich ruhte mich gerade aus zwischen den B\u00e4umen im Garten meiner Eltern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor dem Gitter h\u00f6rte es nicht auf. Kinder im Laufschritt waren im Augenblick vor\u00fcber; Getreidewagen mit M\u00e4nnern und Frauen auf den Garben und rings herum verdunkelten die Blumenbeete; gegen Abend sah ich einen Herrn mit einem Stock langsam spazieren gehn und paar M\u00e4dchen, die Arm in Arm ihm entgegen kamen, traten gr\u00fc\u00dfend ins seitliche Gras.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann flogen V\u00f6gel wie spr\u00fchend auf, ich folgte ihnen mit den Blicken, sah, wie sie in einem Athemzug stiegen, bis ich nicht mehr glaubte, da\u00df sie stiegen, sondern da\u00df ich falle und fest mich an den Seilen haltend aus Schw\u00e4che ein wenig zu schaukeln anfieng. Bald schaukelte ich st\u00e4rker, als die Luft schon k\u00fchler wehte und statt der fliegenden V\u00f6gel zitternde Sterne erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Kerzenlicht bekam ich mein Nachtmahl. Oft hatte ich beide Arme auf der Holzplatte und schon m\u00fcde bi\u00df ich in mein Butterbrot. Die stark durchbrochenen Vorh\u00e4nge bauschten sich im warmen Wind und manchmal hielt sie einer, der drau\u00dfen vor\u00fcbergieng mit seinen H\u00e4nden fest, wenn er mich besser sehen und mit mir reden wollte. Meistens verl\u00f6schte die Kerze bald und in dem dunklen Kerzenrauch trieben sich noch eine Zeit lang die versammelten M\u00fccken umher. Fragte mich einer vom Fenster aus, so sah ich ihn an, als schaue ich ins Gebirge oder in die blo\u00dfe Luft und auch ihm war an einer Antwort nicht viel gelegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sprang dann einer \u00fcber die Fensterbr\u00fcstung und meldete, die andern seien schon vor dem Haus, so stand ich freilich seufzend auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nein, warum seufzt Du so? Was ist denn geschehn? Ist es ein besonderes, nie gut zu machendes Ungl\u00fcck? Werden wir uns nie davon erholen k\u00f6nnen? Ist wirklich alles verloren? &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nichts war verloren. Wir liefen vor das Haus. &#8220;Gottseidank, da seid Ihr endlich! \u2013 Du kommst halt immer zu sp\u00e4t! \u2013 Wieso denn ich? \u2013 Gerade Du, bleib zuhause, wenn Du nicht mitwillst. \u2013 Keine Gnaden! \u2013 Was, keine Gnaden? Wie redest Du? &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir durchstie\u00dfen den Abend mit dem Kopf. Es gab keine Tages- und keine Nachtzeit. Bald rieben sich unsere Westenkn\u00f6pfe aneinander wie Z\u00e4hne, bald liefen wir in gleichbleibender Entfernung Feuer im Mund wie Tiere in den Tropen. Wie Kurassiere in alten Kriegen stampfend und hoch in der Luft trieben wir einander die kurze Gasse hinunter und mit diesem Anlauf in den Beinen die Landstra\u00dfe weiter hinauf. Einzelne traten in den Stra\u00dfengraben, kaum verschwanden sie vor der dunklen B\u00f6schung, standen sie schon wie fremde Leute oben auf dem Feldweg und schauten herab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Kommt doch herunter! \u2013 Kommt zuerst herauf! \u2013 Damit Ihr uns herunterwerfet, f\u00e4llt uns nicht ein, so gescheit sind wir noch. \u2013 So feig seid Ihr, wollt Ihr sagen. Kommt nur, kommt! \u2013 Wirklich Ihr? Gerade Ihr werdet uns hinunterwerfen? Wie m\u00fc\u00dftet Ihr aussehn?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir machten den Angriff, wurden vor die Brust gesto\u00dfen und legten uns in das Gras des Stra\u00dfengrabens, fallend und freiwillig. Alles war gleichm\u00e4\u00dfig erw\u00e4rmt, wir sp\u00fcrten nicht W\u00e4rme, nicht K\u00e4lte im Gras, nur m\u00fcde wurde man.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man sich auf die rechte Seite drehte, die Hand unters Ohr gab, da wollte man gerne einschlafen. Zwar wollte man sich noch einmal aufraffen mit erhobenem Kinn, daf\u00fcr aber in einen tieferen Graben fallen. Dann wollte man, den Arm quer vorgehalten, die Beine schiefgeweht, sich gegen die Luft werfen und wieder bestimmt in einen noch tieferen Graben fallen. Und damit wollte man gar nicht aufh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie man sich im letzten Graben richtig zum Schlafen aufs \u00e4u\u00dferste strecken w\u00fcrde, besonders in den Knien, daran dachte man noch kaum und lag zum Weinen aufgelegt wie krank auf dem R\u00fccken. Man zwinkerte wenn einmal ein Junge, die Ellbogen bei den H\u00fcften, mit dunklen Sohlen \u00fcber uns von der B\u00f6schung auf die Stra\u00dfe sprang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Mond sah man schon in einiger H\u00f6he, ein Postwagen fuhr in seinem Licht vorbei. Ein schwacher Wind erhob sich allgemein, auch im Graben f\u00fchlte man ihn und in der N\u00e4he fieng der Wald zu rauschen an. Da lag einem nicht mehr soviel daran, allein zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wo seid Ihr? \u2013 Kommt her! \u2013 Alle zusammen! \u2013 Was versteckst Du Dich, la\u00df den Unsinn! \u2013 Wi\u00dft Ihr nicht, da\u00df die Post schon vor\u00fcber ist \u2013 Aber nein! Schon vor\u00fcber? \u2013 Nat\u00fcrlich, w\u00e4hrend Du geschlafen hast, ist sie vor\u00fcbergefahren. \u2013 Ich habe geschlafen? Nein so etwas! \u2013 Schweig nur, man sieht es Dir doch an. \u2013 Aber ich bitte Dich. \u2013 Kommt! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir liefen enger beisammen, manche reichten einander die H\u00e4nde, den Kopf konnte man nicht genug hoch haben, weil es abw\u00e4rts gieng. Einer schrie einen indianischen Kriegsruf heraus, wir bekamen in die Beine einen Galopp wie niemals, bei den Spr\u00fcngen hob uns in den H\u00fcften der Wind. Nichts h\u00e4tte uns aufhalten k\u00f6nnen; wir waren so im Laufe, da\u00df wir selbst beim \u00dcberholen die Arme verschr\u00e4nken und ruhig uns umsehn konnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der Wildbachbr\u00fccke blieben wir stehn; die weiter gelaufen waren, kehrten zur\u00fcck. Das Wasser unten schlug an Steine und Wurzeln, als w\u00e4re es nicht schon sp\u00e4t abend. Es gab keinen Grund daf\u00fcr, warum nicht einer auf das Gel\u00e4nder der Br\u00fccke sprang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinter Geb\u00fcschen in der Ferne fuhr ein Eisenbahnzug heraus, alle Coupees waren beleuchtet, die Glasfenster sicher herabgelassen. Einer von uns begann einen Gassenhauer zu singen, aber wir alle wollten singen. Wir sangen viel rascher als der Zug fuhr, wir schaukelten die Arme, weil die Stimme nicht gen\u00fcgte, wir kamen mit unseren Stimmen in ein Gedr\u00e4nge, in dem uns wohl war. Wenn man seine Stimme unter andere mischt, ist man wie mit einem Angelhaken gefangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So sangen wir den Wald im R\u00fccken den fernen Reisenden in die Ohren. Die Erwachsenen wachten noch im Dorfe, die M\u00fctter richteten die Betten f\u00fcr die Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war schon Zeit. Ich k\u00fc\u00dfte den, der bei mir stand, reichte den drei n\u00e4chsten nur so die H\u00e4nde, begann den Weg zur\u00fcckzulaufen, keiner rief mich. Bei der ersten Kreuzung, wo sie mich nicht mehr sehen konnten, bog ich ein, lief auf Feldwegen wieder in den Wald und weiter. Ich eilte durch die gro\u00dfen W\u00e4lder, einmal das Licht der Sonne, einmal das des Mondes, einmal auf dem R\u00fccken, einmal im Gesicht. Ich strebte zu der Stadt im S\u00fcden hin, von der es in unserem Dorfe hie\u00df:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Dort sind Leute! Denkt Euch, die schlafen nicht! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Und warum denn nicht?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Weil sie nicht m\u00fcde werden. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Und warum denn nicht?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Weil sie Narren sind. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Werden denn Narren nicht m\u00fcde?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wie k\u00f6nnten Narren m\u00fcde werden! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">IV<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dort gab es eine Zeit, in der ich Tag um Tag in eine Kirche gieng, denn ein M\u00e4dchen, in das ich mich verliebt hatte, betete hier knieend eine halbe Stunde am Abend, unterdessen ich sie in Ruhe betrachten konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als einmal das M\u00e4dchen nicht gekommen war und ich unwillig auf die Betenden blickte, fiel mir ein junger Mensch auf, der sich mit seiner ganzen mageren Gestalt auf den Boden geworfen hatte. Von Zeit zu Zeit packte er mit der ganzen Kraft des K\u00f6rpers seinen Sch\u00e4del und schmetterte ihn seufzend in die Handfl\u00e4chen, die auf den Steinen auflagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Kirche waren nur einige alte Weiber, die hie und da ihr eingewickeltes K\u00f6pfchen mit seitlicher Neigung drehten, um nach dem Betenden hinzusehn. Diese Aufmerksamkeit schien ihn gl\u00fccklich zu machen, denn vor jedem seiner frommen Ausbr\u00fcche lie\u00df er seine Augen umgehn, ob die zuschauenden Leute zahlreich w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das nun fand ich ungeb\u00fchrlich und beschlo\u00df, ihn anzureden, wenn er aus der Kirche gienge und einfach auszufragen, warum er in dieser Weise bete. Denn seit meiner Ankunft in dieser Stadt gieng mir Klarheit \u00fcber alles, wenn ich auch jetzt mich eigentlich nur dar\u00fcber \u00e4rgerte, da\u00df mein M\u00e4dchen nicht gekommen war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber erst nach einer Stunde stand er auf, putzte seine Hosen so lange ab, da\u00df ich schon rufen wollte: &#8220;Genug, genug, wir alle sehen, da\u00df Sie Hosen haben&#8221;, schlug ein ganz sorgf\u00e4ltiges Kreuz und gieng zum Weihwasserbecken schwer wie ein Matrose.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich stellte mich auf dem Wege zwischen Becken und Th\u00fcre auf und wu\u00dfte genau, da\u00df ich ihn nicht ohne Erkl\u00e4rung durchlassen w\u00fcrde. Ich verzerrte meinen Mund, weil das die beste Vorbereitung f\u00fcr bestimmte Rede ist, und st\u00fctzte mich auf das vorgestreckte rechte Bein, w\u00e4hrend ich das linke auf der Fu\u00dfspitze hielt, weil mir das Festigkeit giebt, wie ich oft erfahren habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun ist es m\u00f6glich, da\u00df dieser Mensch schon auf mich schielte, als er sich das Weihwasser ins Gesicht spritzte, vielleicht hatte ihn mein Blick schon fr\u00fcher besorgt gemacht, denn jetzt unerwartet rannte er zur T\u00fcre und hinaus. Unwillk\u00fcrlich machte ich noch einen Sprung, um ihn zu halten. Die Glast\u00fcre schlug zu. Und als ich gleich nachher aus der T\u00fcre trat, konnte ich ihn nicht mehr finden, denn dort gab es einige schmale Gassen und der Verkehr war mannigfaltig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den n\u00e4chsten Tagen blieb er aus, aber das M\u00e4dchen kam und betete wieder in dem Winkel einer Seitenkapelle. Sie trug ein schwarzes Kleid, welches auf Schultern und Nacken aus durchsichtigen Spitzen bestand \u2013 der Halbmond des Hemdrandes lag unter ihnen \u2013 von deren unterem Rande die Seide in einem wohlgeschnittenen Kragen niederhieng. Und da das M\u00e4dchen kam, verga\u00df ich gern an jenen Menschen und k\u00fcmmerte mich anfangs selbst dann nicht mehr um ihn, als er sp\u00e4ter wieder regelm\u00e4\u00dfig kam und nach seiner Gewohnheit betete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber immer gieng er mit pl\u00f6tzlicher Eile an mir vor\u00fcber, mit abgewendetem Gesichte. Dagegen schaute er beim Beten viel auf mich. Es sah fast aus, als sei er b\u00f6se auf mich, weil ich ihn damals nicht angesprochen hatte und als meine er, durch jenen Versuch, ihn anzureden, h\u00e4tte ich die Pflicht auf mich genommen, es endlich auch wirklich zu tun. Und als ich nach einer Predigt immer jenem M\u00e4dchen folgend im Halbdunkel mit ihm zusammenstie\u00df, glaubte ich, ihn l\u00e4cheln zu sehn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine solche Pflicht ihn anzureden, bestand nat\u00fcrlich nicht, aber ich hatte kaum mehr ein Verlangen danach, ihn anzureden. Selbst als ich einmal auf dem Kirchplatz laufend ankam, w\u00e4hrend die Uhr schon sieben schlug, das M\u00e4dchen also l\u00e4ngst nicht mehr in der Kirche war und nur jener Mensch vor dem Gel\u00e4nder des Altars sich abarbeitete, z\u00f6gerte ich noch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Endlich glitt ich auf den Fu\u00dfspitzen zum T\u00fcrgang, gab dem blinden Bettler, der dort sa\u00df, eine M\u00fcnze und dr\u00fcckte mich neben ihn hinter den ge\u00f6ffneten T\u00fcrfl\u00fcgel. Dort freute ich mich vielleicht eine halbe Stunde lang auf die \u00dcberraschung, die ich dem Beter bereiten wollte. Das hielt aber nicht an. Bald lie\u00df ich nur noch sehr verdrie\u00dflich die Spinnen \u00fcber meine Kleider kriechen und es war l\u00e4stig, da\u00df ich mich jedesmal vorbeugen mu\u00dfte, wenn immer noch einer lautatmend aus dem Dunkel der Kirche trat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da kam er auch. Das L\u00e4uten der gro\u00dfen Glocken, das vor einem Weilchen eingesetzt hatte, tat ihm nicht gut, wie ich merkte. Er mu\u00dfte mit den Fu\u00dfspitzen zuerst leichthin den Boden betasten, ehe er eigentlich auftrat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich stand auf, machte einen gro\u00dfen Schritt und hielt ihn schon. &#8220;Guten Abend&#8221;, sagte ich und stie\u00df ihn, meine Hand an seinem Kragen, die Stufen hinunter auf den beleuchteten Platz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als wir unten waren, drehte er sich zu mir um, w\u00e4hrend ich ihn immer noch hinten hielt, so da\u00df wir jetzt Brust an Brust standen. &#8220;Wenn Sie mich nur hinten loslassen w\u00fcrden! &#8221; sagte er. &#8220;Ich wei\u00df ja nicht, in welchem Verdachte Sie mich haben, aber unschuldig bin ich. &#8221; Dann wiederholte er noch einmal: &#8220;Ich wei\u00df nat\u00fcrlich nicht, in welchem Verdachte Sie mich haben. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Hier kann ja weder von Verdacht noch von Unschuld die Rede sein. Ich bitte Sie, davon nicht mehr zu reden. Wir sind einander fremd, unsere Bekanntschaft ist nicht \u00e4lter als die Kirchtreppe hoch ist. Wohin k\u00e4men wir, wenn wir gleich von unserer Unschuld zu reden anfiengen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ganz meine Meinung&#8221;, sagte er. &#8220;Im \u00fcbrigen sagten Sie &gt;unsere Unschuld&lt;, meinten Sie damit, da\u00df Sie, wenn ich meine Unschuld nachgewiesen h\u00e4tte, ebenso die Ihrige nachweisen m\u00fc\u00dften. Meinten Sie das?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Entweder das oder etwas anderes&#8221;, sagte ich. &#8220;Angesprochen aber habe ich Sie nur deshalb, weil ich Sie etwas fragen wollte, merken Sie sich das! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich m\u00f6chte gern nachhause gehn&#8221;, sagte er und machte eine schwache Wendung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das glaube ich. H\u00e4tte ich Sie denn sonst angesprochen? Sie d\u00fcrfen nicht glauben, da\u00df ich Sie um Ihrer sch\u00f6nen Augen willen angesprochen habe. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ob Sie nicht zu aufrichtig sind? Wie?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&gt;&gt;Mu\u00df ich Ihnen noch einmal sagen, da\u00df hier von solchen Dingen nicht die Rede ist? Was soll hier Aufrichtigkeit oder Nichtaufrichtigkeit? Ich frage, Sie antworten und dann adieu. Dann k\u00f6nnen Sie meinetwegen auch nachhause und so schnell Sie wollen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;W\u00e4re es nicht besser, wir k\u00e4men ein n\u00e4chstes Mal zusammen? Zu gelegener Zeit? In einem Kaffeehaus vielleicht? \u00dcberdies ist Ihr Fr\u00e4ulein Braut erst vor paar Minuten weggegangen, Sie k\u00f6nnten sie noch gut einholen, sie hat solange gewartet. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nein&#8221;, schrie ich in den L\u00e4rm der vor\u00fcberfahrenden Stra\u00dfenbahn, &#8220;Sie entkommen mir nicht. Sie gefallen mir immer besser. Sie sind ein Gl\u00fccksfang. Ich begl\u00fcckw\u00fcnsche mich. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da sagte er: &#8220;Ach Gott, Sie haben, wie man sagt, ein gesundes Herz und einen Kopf aus einem Block. Sie nennen mich einen Gl\u00fccksfang, wie gl\u00fccklich m\u00fcssen Sie sein! Denn mein Ungl\u00fcck ist ein schwankendes Ungl\u00fcck, ein auf seiner Spitze schwankendes Ungl\u00fcck und ber\u00fchrt man es, so f\u00e4llt es auf den Frager. Und deshalb: Gute Nacht. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sch\u00f6n&#8221;, sagte ich, \u00fcberraschte ihn und fa\u00dfte seine rechte Hand. &#8220;Antworten Sie nicht freiwillig, werde ich Sie zwingen. Ich werde Ihnen folgen, rechts und links, wohin Sie gehn, auch die Treppe zu Ihrem Zimmer hinauf und in Ihrem Zimmer werde ich mich setzen, wo Platz sein wird. Ganz gewi\u00df, schauen Sie mich nur an, ich halte es schon aus. Wie aber werden Sie \u2013 &#8221; ich trat ganz zu ihm und weil er um einen Kopf gr\u00f6\u00dfer war, als ich, redete ich in seinen Hals hinein \u2013 &#8220;wie aber werden Sie den Muth aufbringen, mich daran zu hindern?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da k\u00fc\u00dfte er zur\u00fccktretend abwechselnd meine beiden H\u00e4nde und machte sie mit Tr\u00e4nen na\u00df, &#8220;Ihnen kann man nichts verweigern. Ebenso wie Sie wu\u00dften, da\u00df ich gern nachhause gienge, wu\u00dfte ich schon fr\u00fcher, da\u00df ich Ihnen nichts verweigern kann. Nur bitte ich, gehen wir lieber in die Seitengasse dr\u00fcben. &#8221; Ich nickte und wir giengen hin. Als uns ein Wagen trennte und ich zur\u00fcckblieb, winkte er mir mit beiden H\u00e4nden, damit ich mich beeile.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dort aber begn\u00fcgte er sich nicht mit dem Dunkel der Gasse, in der Laternen nur weit voneinander und fast bis in der H\u00f6he der ersten Stockwerke angebracht waren, sondern er f\u00fchrte mich in den niedrigen Flurgang eines alten Hauses unter ein L\u00e4mpchen, das vor der Holztreppe tropfend hieng.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber die Mulde einer eingetretenen Stufe breitete er sein Taschentuch und lud mich zum Sitzen ein: &#8220;Sitzend k\u00f6nnen Sie besser fragen, ich bleibe stehn, da kann ich besser antworten. Aber nicht qu\u00e4len! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich setzte mich, weil er die Sache so ernst nahm, mu\u00dfte aber doch sagen: &#8220;Sie f\u00fchren mich in dieses Loch, als w\u00e4ren wir Verschw\u00f6rer, w\u00e4hrend ich mit Ihnen nur durch Neugier, Sie mit mir nur durch Angst verbunden sind. Im Grunde will ich Sie ja nur fragen, warum Sie in der Kirche so beten. Wie benehmen Sie sich dort! Wie ein vollkommener Narr! Wie l\u00e4cherlich ist das, wie unangenehm den Zuschauern und den Frommen unertr\u00e4glich! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hatte seinen K\u00f6rper an die Mauer gepre\u00dft, nur den Kopf bewegte er frei in der Luft: &#8220;Nichts als Irrtum, denn die Frommen halten mein Benehmen f\u00fcr nat\u00fcrlich und die \u00fcbrigen halten es f\u00fcr fromm. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Mein \u00c4rger ist eine Widerlegung dessen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ihr \u00c4rger \u2013 angenommen da\u00df es ein wirklicher \u00c4rger ist \u2013 beweist nur, da\u00df Sie weder zu den Frommen noch zu den \u00dcbrigen geh\u00f6ren. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sie haben recht, es war ein wenig \u00fcbertrieben, wenn ich sagte, Ihr Benehmen habe mich ge\u00e4rgert; nein, etwas neugierig hat es mich gemacht, wie ich anfangs richtig gesagt habe. Aber Sie, zu wem geh\u00f6ren Sie?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ach, mir macht es nur Spa\u00df, von den Leuten angeschaut zu werden, sozusagen von Zeit zu Zeit einen Schatten auf den Altar zu werfen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Spa\u00df?&#8221; fragte ich und mein Gesicht zog sich zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nein, wenn Sie es wissen wollen. Seien Sie mir nicht b\u00f6se, da\u00df ich es falsch ausgedr\u00fcckt habe. Nicht Spa\u00df, Bed\u00fcrfnis ist es f\u00fcr mich, Bed\u00fcrfnis, von diesen Blicken mich f\u00fcr eine kleine Stunde festh\u00e4mmern zu lassen, w\u00e4hrend die ganze Stadt um mich herum \u2013 &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Was sagt Ihr da&#8221;, rief ich viel zu laut f\u00fcr die kleine Bemerkung und den niedrigen Gang, aber ich f\u00fcrchtete mich dann zu verstummen oder die Stimme zu schw\u00e4chen, &#8220;wirklich was sagtet Ihr da. Jetzt merke ich bei Gott, da\u00df ich von allem Anfang an ahnte, in welchem Zustande Ihr seid. Ist es nicht dieses Fieber, diese Seekrankheit auf festem Lande, eine Art Aussatz? Ist Euch nicht so, da\u00df Ihr vor lauter Hitze mit dem wahrhaftigen Namen der Dinge Euch nicht begn\u00fcgen k\u00f6nnt, davon nicht satt werdet und \u00fcber sie jetzt in einer einzigen Eile zuf\u00e4llige Namen sch\u00fcttet. Nur schnell, nur schnell! Aber kaum seid Ihr von ihnen weggelaufen, habt Ihr wieder ihre Namen vergessen. Die Pappel in den Feldern, die Ihr den &gt;Turm von Babel&lt; genannt habt, denn Ihr wolltet nicht wissen, da\u00df es eine Pappel war, schaukelt wieder namenlos und Ihr m\u00fc\u00dft sie nennen &gt;Noah, wie er betrunken war&lt;. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er unterbrach mich: &#8220;Ich bin froh, da\u00df ich das, was Ihr sagtet, nicht verstanden habe. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufgeregt sagte ich rasch: &#8220;Dadurch, da\u00df Ihr dar\u00fcber froh seid, zeigt Ihr, da\u00df Ihr es verstanden habt. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Sagte ich es nicht schon? Euch kann man nichts verweigern. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich legte meine H\u00e4nde auf eine obere Stufe, lehnte mich zur\u00fcck und fragte in dieser fast unangreifbaren Haltung, welche die letzte Rettung der Ringk\u00e4mpfer ist: &#8220;Verzeiht, aber das ist Unaufrichtigkeit, wenn Ihr eine Erkl\u00e4rung, die ich Euch gebe, auf mich zur\u00fcckwerfet. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daraufhin wurde er mutig. Er legte die H\u00e4nde in einander, um seinem K\u00f6rper eine Einheit zu geben, und sagte unter leichtem Widerstreben: &#8220;Streitigkeiten \u00fcber Aufrichtigkeit habet Ihr gleich anfangs ausgeschlossen. Und wirklich, mich k\u00fcmmert nichts anderes mehr, als Euch meine Art zu beten ganz verst\u00e4ndlich zu machen. Wisset Ihr also, warum ich so bete? &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er pr\u00fcfte mich. Nein, ich wu\u00dfte es nicht und ich wollte es auch nicht wissen. Ich hatte ja auch nicht hierher kommen wollen, sagte ich mir damals, aber dieser Mensch hatte mich geradezu gezwungen, ihm zuzuh\u00f6ren. Ich brauchte also blo\u00df meinen Kopf zu sch\u00fctteln und alles war gut, aber gerade das konnte ich im Augenblicke nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mensch mir gegen\u00fcber l\u00e4chelte. Dann duckte er sich auf seine Knie nieder und erz\u00e4hlte mit schl\u00e4friger Grimasse: &#8220;Jetzt endlich kann ich es Ihnen auch verraten, warum ich mich von Ihnen habe ansprechen lassen. Aus Neugierde, aus Hoffnung. Ihr Blick tr\u00f6stet mich schon eine lange Zeit. Und ich hoffe von Ihnen zu erfahren, wie es sich mit den Dingen eigentlich verh\u00e4lt, die um mich wie ein Schneefall versinken, w\u00e4hrend vor andern schon ein kleines Schnapsglas auf dem Tisch fest wie ein Denkmal steht. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ich schwieg und nur eine unwillk\u00fcrliche Zuckung mein Gesicht durchfuhr, fragte er: &#8220;Sie glauben nicht daran, da\u00df es andern Leuten so geht? Wirklich nicht Ach h\u00f6ren Sie doch! Als ich, ein kleines Kind, nach einem kurzen Mittagsschlaf die Augen \u00f6ffnete, h\u00f6rte ich, meines Lebens noch nicht ganz sicher, meine Mutter in nat\u00fcrlichem Ton vom Balkon hinunterfragen: &gt;Was machen Sie meine Liebe? Ist das aber eine Hitze! &lt; Eine Frau antwortete aus dem Garten: &gt;Ich jause so im Gr\u00fcnen. &lt; Sie sagten es ohne Nachdenken und nicht besonders deutlich, als h\u00e4tte jene Frau die Frage, meine Mutter die Antwort erwartet. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaubte, ich sei gefragt, daher griff ich in die hintere Hosentasche und tat, als suchte ich dort etwas. Aber ich suchte nichts, sondern ich wollte nur meinen Anblick ver\u00e4ndern, um meine Teilnahme am Gespr\u00e4ch zu zeigen. Dabei sagte ich, da\u00df dieser Vorfall \u00fcberaus merkw\u00fcrdig sei und da\u00df ich ihn keineswegs begreife. Ich f\u00fcgte auch hinzu, da\u00df ich an dessen Wahrheit nicht glaube und da\u00df er zu einem bestimmten Zweck, den ich gerade nicht durchschaue, erfunden sein m\u00fcsse. Dann schlo\u00df ich die Augen, um das schlechte Licht los zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Seht doch nur, fa\u00dft Mut, da seid Ihr z. B. einmal meiner Meinung und aus Uneigenn\u00fctzigkeit habt Ihr mich angehalten, mir das zu sagen. Ich verliere eine Hoffnung und bekomme eine andere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht wahr, warum sollte ich mich sch\u00e4men, da\u00df ich nicht aufrecht und in Schritten gehe, nicht mit dem Stock auf das Pflaster schlage und nicht die Kleider der Leute streife, welche laut vor\u00fcbergehn. Sollte ich nicht vielmehr mit Recht trotzig klagen d\u00fcrfen, da\u00df ich als Schatten ohne rechte Grenzen die H\u00e4user entlang h\u00fcpfe, manchmal in den Scheiben der Auslagsfenster verschwindend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was sind das f\u00fcr Tage, die ich verbringe! Warum ist alles so schlecht gebaut, da\u00df bisweilen hohe H\u00e4user einst\u00fcrzen, ohne da\u00df man einen \u00e4u\u00dfern Grund finden k\u00f6nnte. Ich klettere dann \u00fcber die Schutthaufen und frage jeden, dem ich begegne: &gt;Wie konnte das nur geschehn! In unserer Stadt \u2013 ein neues Haus \u2013 das wievielte ist es heute schon! \u2013 bedenken Sie doch. &lt; Da kann mir keiner antworten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oft fallen Menschen auf der Gasse und bleiben tot liegen. Da \u00f6ffnen alle Gesch\u00e4ftsleute ihre mit Waren verhangenen T\u00fcren, kommen gelenkig herbei, schaffen den Toten in ein Haus, kehren zur\u00fcck, L\u00e4cheln um Mund und Augen, und das Gerede f\u00e4ngt an: &gt;Guten Tag \u2013 der Himmel ist bla\u00df \u2013 ich verkaufe viele Kopft\u00fccher \u2013 ja, der Krieg.&lt; Ich eile ins Haus und nachdem ich mehrere Male die Hand mit dem gebogenen Finger furchtsam gehoben habe, klopfe ich endlich an das Fensterchen des Hausmeisters. &gt;Guter Mann&lt;, sage ich, &gt;mir ist, als w\u00e4re vor kurzem ein toter Mensch zu Ihnen gebracht worden. W\u00e4ren Sie nicht so freundlich, mir ihn zu zeigen?&lt; Und da er den Kopf sch\u00fcttelt, als k\u00f6nne er sich nicht entschlie\u00dfen, f\u00fcge ich hinzu: &gt;Nehmen Sie sich in Acht! Ich bin Geheimpolicist und will sofort den Toten sehn. &lt; Jetzt ist er nicht mehr unentschlossen: &gt;Hinaus! &lt; schreit er. &gt;Gew\u00f6hnt sich dieses Gesindel schon daran, hier jeden Tag herumzukriechen! Hier ist kein Toter, vielleicht im Nebenhaus. &lt; Ich gr\u00fc\u00dfe und gehe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann aber, wenn ich einen gro\u00dfen Platz zu durchqueren habe, vergesse ich an alles. Wenn man schon so gro\u00dfe Pl\u00e4tze aus \u00dcbermuth baut, warum baut man nicht auch ein Gel\u00e4nder quer \u00fcber den Platz? Heute bl\u00e4st einmal ein S\u00fcdwestwind. Die Spitze des Rathausturmes macht kleine Kreise. Alle Fensterscheiben l\u00e4rmen und die Laternenpf\u00e4hle biegen sich wie Bambus. Der Mantel der heiligen Maria auf der S\u00e4ule windet sich und die Luft rei\u00dft an ihm. Sieht es denn niemand? Die Herren und Damen, die auf den Steinen gehen sollten, schweben. Wenn der Wind einh\u00e4lt, bleiben sie stehn, sagen einige Worte zueinander und verneigen sich gr\u00fc\u00dfend, st\u00f6\u00dft er aber wieder, k\u00f6nnen sie ihm nicht widerstehn und alle heben gleichzeitig ihre F\u00fc\u00dfe. Zwar m\u00fcssen sie fest ihre H\u00fcte halten, aber sie machen lustige Augen und haben an der Witterung nicht das geringste auszusetzen. Nur ich f\u00fcrchte mich. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daraufhin konnte ich sagen: &#8220;Die Geschichte, die Sie fr\u00fcher erz\u00e4hlt haben von Ihrer Frau Mutter und der Frau im Garten finde ich eigentlich gar nicht merkw\u00fcrdig. Nicht nur, da\u00df ich viele derartige Geschichten geh\u00f6rt und erlebt habe, ich habe sogar selbst bei manchen mitgewirkt. Diese Sache ist doch ganz nat\u00fcrlich. Meinen Sie denn wirklich, ich h\u00e4tte, wenn ich im Sommer auf jenem Balkon gewesen w\u00e4re, nicht dasselbe fragen und aus dem Garten dasselbe antworten k\u00f6nnen? Ein so gew\u00f6hnlicher Vorfall!.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich das gesagt hatte, schien er endlich beruhigt. Er sagte, da\u00df ich h\u00fcbsch gekleidet sei und da\u00df ihm meine Halsbinde sehr gefalle. Und was f\u00fcr eine feine Haut ich h\u00e4tte. Und Gest\u00e4ndnisse w\u00fcrden am klarsten, wenn man sie widerriefe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich aber versuchte schon eine Zeitlang mich aufzumuntern. Ich wollte rasch paar Worte sagen, wenn auch nur, um sein Gesicht von meinem etwas zu entfernen. War es doch schon so nahe \u00fcber mir, da\u00df ich mich zur\u00fcckbeugen mu\u00dfte, sonst w\u00e4re ich mit seiner Stirn zusammengesto\u00dfen. Vorl\u00e4ufig aber lachte ich ihm stumm mit offenem Munde ins Gesicht, schaute dann solange weg, bis das Lachen nachgelassen hatte, brachte die Augen noch einmal zur\u00fcck, konnte mir aber nicht helfen, mu\u00dfte gleich von neuem lachen und wandte mich wieder ab. Und bei dem allen wollte ich nichts anderes, als schon zuhause in meinem Bett sein, vor mir die Wand und alles andere hinter dem R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch war es jetzt in diesem Flurgang hei\u00df, mein Gesicht fieng davon zu gl\u00fchen an. Um mir eine kleine Erleichterung zu verschaffen, beugte ich mich noch weiter zur\u00fcck, bis mir der Hut vom Kopfe fiel. Das Stiegengew\u00f6lbe war oben mit r\u00f6tlichen Engeln und Blumen ausgemalt. Ich sah das an und wischte mit der blo\u00dfen Hand den Schwei\u00df von Stirn und Wangen ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch wollte ich aufstehn, den Menschen vor mir mit meinem ganzen Gewicht wegschieben, das Tor aufmachen und in der Luft drau\u00dfen atmen, wie ich es brauchte. Ich stand auch auf, stie\u00df hart mit den Abs\u00e4tzen auf den Boden, er sprang hinter den vorgehaltenen Handfl\u00e4chen ein klein wenig zur\u00fcck, ich umfa\u00dfte das Holzgel\u00e4nder und turnte dort ein Weilchen, um mich ans Stehen zu gew\u00f6hnen, er aber lang, wie er war, legte sich auf die Treppe nieder, bog sich im Kreuz durch, senkte sich wieder, gab die Beine von sich und streckte seine Arme auf einer oberen Stufe v\u00f6llig aus, so da\u00df die Finger seiner linken Hand an der Wand sich aufrichteten, die seiner rechten gegen den Unterbau der Treppe klopften.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich stellte mich au\u00dfen an das Gel\u00e4nder und versperrte meinen Mund mit den verschlungenen H\u00e4nden. Er drehte langsam seinen Kopf auf der Kante einer Stufe, bis er mir gerade ins Gesicht sehn konnte und sagte dann: &#8220;Wie ein Faulpelz auf dem Quai stehst Du dort und ich liege da wie ertrunken. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das w\u00e4re nicht so schlecht&#8221;, dachte ich, erhob den Kopf und sagte: &#8220;Du hast es Dir aber wirklich bequem gemacht.&#8221; Meine Lippen waren so trocken, da\u00df ich es nicht glaubte und hingriff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er sch\u00fcttelte meine Bemerkung ab und sagte: &#8220;Fr\u00fcher war es umgekehrt, nur bin ich nicht so teilnahmslos dagestanden, wie Du jetzt. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich blieb bei meinem: &#8220;Ich sagte, da\u00df Du es Dir hier bequem machst&#8221; und gezwungen durch die Worte l\u00e4chelte ich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8221; Tut es Dir vielleicht leid? &#8221; sagte er und schlo\u00df auf einmal die Augen, &#8220;wenn es Dir leid tut, mach doch das Tor auf und atme drau\u00dfen in der Luft wie Du es brauchst. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du! &#8221; rief ich \u2013 das war ein Vorwurf \u2013, umlief blind wie im Gefecht mit kleinen Schritten das Gel\u00e4nder und neben<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">ihn fallend fieng ich erst auf seiner Brust zu weinen an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber! aber!&#8221; sagte er und streichelte mein Haar, &#8220;Du Narr, ich kann ja nicht aufstehn! Willst Du mich denn um<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">jeden Preis erdr\u00fccken! Nein, wenn Du kein Narr bist! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber ich wu\u00dfte in der Schnelligkeit des Weinens keinen bessern Platz f\u00fcr mein Gesicht und so lie\u00df ich es, wo es war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Da\u00df Du das nicht bemerkt hast! &#8221; sagte er weiter. &#8220;Von allem Anfang an wollte ich Dich ja zum Weinen bringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kein Wort habe ich ohne diese Absicht gesagt, bis ich endlich fast die Hoffnung aufgegeben hatte, da\u00df es mir noch gelingen wird. Da mach ich noch einen Spa\u00df zum Schlu\u00df und wirklich Du machst mir das Vergn\u00fcgen und f\u00e4ngst zu weinen an. Geh! Sch\u00e4m Dich! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich weine ja nicht mehr&#8221;, sagte ich und schaute ihn an, wobei ich das Kinn auf ihn st\u00fctzte, &#8221; wenn ich so einen Freund habe, wie Dich, werde ich doch nicht weinen. &#8221; Ich weinte aber noch weiter, denn ich konnte nicht gleich aufh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das w\u00e4re aber auch dumm&#8221;, sagte er, verrenkte sich fast den Hals, um mich sehn zu k\u00f6nnen, nahm mir das Taschentuch aus der Hand und trocknete meine Augen ab, &#8220;Unzufriedenheit w\u00e4re ja noch lange kein Grund zum Weinen, wo aber w\u00e4re in der Welt auch nur f\u00fcr die Unzufriedenheit ein Grund zu finden! Genau so wie es ist, so soll es bleiben. Die Angst, da\u00df es sich \u00e4ndern k\u00f6nnte, w\u00e4re mein \u00e4u\u00dferstes Zugest\u00e4ndnis. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Denn schau \u2013 Dir sag ich\u2019s \u2013 wir bauen eigentlich unbrauchbare Kriegsmaschinen, T\u00fcrme, Mauern, Vorh\u00e4nge aus Seide und wir k\u00f6nnten uns viel dar\u00fcber wundern, wenn wir Zeit dazu h\u00e4tten. Und wir erhalten uns in Schwebe, wir fallen nicht, wir flattern, wenn wir auch schon fast h\u00e4\u00dflicher sind als Flederm\u00e4use. Daf\u00fcr kann uns aber kaum jemand hindern, an einem sch\u00f6nen Tage zu sagen: &gt;Nein, dieser sch\u00f6ne Tag! &lt; Denn schon sind wir auf unserer Erde eingerichtet und leben auf Grund unseres Einverst\u00e4ndnisses. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei gab er mir einen solchen Schlag auf den R\u00fccken, da\u00df ich erschrak, mich erhob und lieber \u00fcber ihn gebeugt blieb, die H\u00e4nde an seinen Achseln. &#8220;Mu\u00dft besser aufpassen&#8221;, sagte er, lachte und sch\u00fcttelte mich mit. &#8220;Wei\u00dft Du denn schon, da\u00df wir so sind, wie Baumst\u00e4mme im Schnee? Die liegen doch scheinbar nur glatt auf und man sollte sie mit kleinem Ansto\u00df wegschieben k\u00f6nnen. Aber nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Schon gut, aber selbst das ist blo\u00df scheinbar. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;No siehst Du&#8221;, sagte ich. Da schob er mit einem Ruck meine H\u00e4nde zur Seite, ich fiel mit dem Mund auf seinen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mund und bekam sofort einen Ku\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;So, und jetzt gehn wir&#8221;, sagte er und wir standen beide auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber Deine Mutter! &#8221; sagte ich noch. &#8220;Das mu\u00df eine Frau gewesen sein! Wenn ich so eine Mutter gehabt h\u00e4tte! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Was hat sie mir denn gen\u00fctzt? Vergi\u00df an die Geschichte!&#8221; sagte er und staubte mir den Rock mit meinem Taschentuch ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja, verbiete mir auch das noch! &#8221; sagte ich und gieng einen Schritt weiter, so da\u00df er mir mit dem Taschentuch nachgehen mu\u00dfte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Was willst Du?&#8221; sagte er. &#8220;Es ist doch eine erfundene Geschichte. Die Erfindung sieht man ihr doch aus der Ferne<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">an.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich wei\u00df schon&#8221;, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nichts wei\u00dft Du! &#8221; sagte er. &#8220;Und die Gesellschaft, in die Du heute abend gehen sollst?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wirklich, diese Gesellschaft! Denk Dir, ich h\u00e4tte an die Gesellschaft ganz vergessen! Diese Verge\u00dflichkeit! Diese Verge\u00dflichkeit ist \u00fcbrigens etwas ganz neues an mir. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Mein Verdienst!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wird schon sein! Wirst Du mich daf\u00fcr wenigstens hinbegleiten? Es ist nicht weit. Ja?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8221; Selbstverst\u00e4ndlich. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Und mit hinaufgehn? Bitte! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Das wieder nicht.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Warum nicht Und wenn ich Dich sch\u00f6n bitte? Dann ja, nicht wahr?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Vorl\u00e4ufig komm nur! Es ist ja schon sp\u00e4t! &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich wei\u00df gar nicht, ob ich ohne Dich \u00fcberhaupt in die Gesellschaft geh. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Also komm nur! Komm! F\u00fcr Dich ist eben keine Hilfe, da es Dir hier am besten zu gefallen scheint. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Fast&#8221;, sagte ich, nagte an der Unterlippe und sah ihn an. Er umfa\u00dfte meinen R\u00fccken mit einem Arm, \u00f6ffnete das Tor und schob mich vor sich hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So traten wir aus dem Gang unter den Himmel. Einige zersto\u00dfene W\u00f6lkchen blies mein Freund weg, so da\u00df sich jetzt die ununterbrochene Fl\u00e4che der Sterne uns darbot. Er gieng doch ziemlich m\u00fchsam, machte aber keinen feinen Eindruck, sah eher wie ein kranker Bauer aus. Er legte seine Hand auf meine Schulter, wie um mir ganz nahe zu sein, aber eigentlich wollte er sich st\u00fctzen; ich duldete es und zog sogar seine Hand an den Fingerspitzen weiter die Achsel hinauf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor dem Hause, in das ich geladen war, blieb ich mit ihm stehn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Also adieu&#8221;, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Hier ist es also&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ja, hier. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Es war nicht weit. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich sagte es ja. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du&#8221;, sagte ich<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du&#8221;, sagte ich und gab ihm einen kurzen Sto\u00df mit dem Knie, &#8220;schlaf nicht ein.&#8221; Als er die Augen aufschlug, glitten meine Blicke von seinem Gesicht \u00fcberall hinab; wie ich mich auch anstrengte sie oben zu halten, ich sah immerfort nur seinen Hals. &#8220;Du w\u00e4rst fast eingeschlafen&#8221;, sagte ich und weil ich mein zerfahrendes Gesicht nicht anr\u00fchren und doch irgendwie fest machen wollte, l\u00e4chelte ich, so da\u00df es schien, ich hielte, das was ich gesagt hatte, f\u00fcr einen Scherz. Das merkte ich gleich und fror unter meinem Mantel, ohne da\u00df ich das Gef\u00fchl f\u00fcr die m\u00e4\u00dfige K\u00fchle der Nacht und die W\u00e4rme des Mantels verlor. So wollte mir die n\u00e4chste Welt in dem Augenblick in dem ich sie erkannte wegmarschieren oder \u00fcber den Kopf wegfliegen und ich sollte glauben, mit dem Sto\u00df des Knies h\u00e4tte ich sie eigentlich erweckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du bist wirklich roh&#8221;, sagte er, ein wenig hielt er die untere Lippe hinter der oberen vielleicht noch vom Schlaf her, &#8220;da weckt er mich mit dem Knie. Und \u00fcberhaupt bist Du gegen mich roh. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du bist aber empfindlich! Warst denn so schlimme Jetzt hast Du Dich also vor der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber mich beklagt. Da mu\u00df ich mich ihr aber auch zeigen. &#8221; Ich drehte mich zur Gasse und nahm den Hut vor ihr ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du sollst mich aber nicht sto\u00dfen. &#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nat\u00fcrlich soll ich das nicht. Aber Du w\u00e4rst doch eingeschlafen, wenn ich Dich nicht geweckt.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Ich hab doch wirklich geschlafen, erkennst Du das nicht einmal mehr. &#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Fassung A&#8221; Und die Menschen gehn in Kleidernschwankend auf dem Kies spazierenunter diesem gro\u00dfen Himmel,der von H\u00fcgeln in der Fernesich zu fernen H\u00fcgeln breitet. Gegen zw\u00f6lf Uhr standen schon einige Leute auf, verbeugten sich, reichten einander die H\u00e4nde, sagten, es w\u00e4re sehr sch\u00f6n gewesen und giengen dann durch den gro\u00dfen Th\u00fcrrahmen ins Vorzimmer, sich anzukleiden. 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