{"id":343,"date":"2026-09-14T00:03:47","date_gmt":"2026-09-14T00:03:47","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?p=343"},"modified":"2026-09-14T00:03:47","modified_gmt":"2026-09-14T00:03:47","slug":"unter-meinen-mitschulern-1909","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/2026\/09\/14\/unter-meinen-mitschulern-1909\/","title":{"rendered":"&#8220;Unter meinen Mitsch\u00fclern\u2026&#8221; (1909)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter meinen Mitsch\u00fclern war ich dumm, doch nicht der d\u00fcmmste. Und wenn trotzdem das Letztere von einigen meiner Lehrer meinen Eltern und mir gegen\u00fcber nicht selten behauptet worden ist, so haben sie es nur in dem Wahne vieler Leute getan, welche glauben, sie h\u00e4tten die halbe Welt erobert, wenn sie ein so \u00e4u\u00dferstes Urteil wagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da\u00df ich aber dumm sei, glaubte man allgemein und wirklich man hatte gute Beweise daf\u00fcr, die leicht mitgeteilt werden konnten, wenn vielleicht ein Fremder \u00fcber mich zu belehren war, der anfangs einen nicht \u00fcblen Eindruck von mir bekommen hatte und dies vor andern nicht verschwieg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dar\u00fcber mu\u00dfte ich oft mich \u00e4rgern und auch weinen. Und es sind dies damals die einzigen Augenblicke gewesen, wo ich mich unsicher im gegenw\u00e4rtigen Gedr\u00e4nge und verzweifelt vor dem zuk\u00fcnftigen f\u00fchlte, theoretisch unsicher, theoretisch verzweifelt allerdings, denn kam es zu einer Arbeit gleich darauf war ich sicher und zweifellos, fast also wie der Schauspieler, der aus der Koulisse im Anlauf st\u00fcrmt, weit von der B\u00fchnenmitte einen Augenblick stehen bleibt, die H\u00e4nde meinetwegen an die Stirne gelegt, w\u00e4hrend die Leidenschaft die gleich darauf notwendig werden soll, in ihm so gro\u00df geworden ist, da\u00df er sie nicht verbergen kann, trotzdem er mit verkniffenen Augen sich die Lippen zerbei\u00dft. Die gegenw\u00e4rtige, halb vergangene Unsicherheit erhebt die aufgehende Leidenschaft und die Leidenschaft st\u00e4rkt die Unsicherheit. Unaufhaltsam bildet sich eine Unsicherheit von neuem, die beide und uns umschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darum machte es mich verdrie\u00dflich mit fremden Leuten bekannt zu werden. Ich war schon unruhig, wenn mich manche so entlang der Nasenw\u00e4nde ansahn wie man aus einem kleinen Hause durch das Fernrohr \u00fcber den See schaut oder gar in das Gebirge und die blo\u00dfe Luft. Da wurden l\u00e4cherliche Behauptungen vorgebracht, statistische L\u00fcgen, geographische Irrth\u00fcmer, Irrlehren, ebenso verboten wie unsinnig, oder t\u00fcchtige politische Ansichten, achtbare Meinungen \u00fcber actuelle Ereignisse, lobenswerte Einf\u00e4lle, den Sprecher wie die Gesellschaft fast gleich \u00fcberraschend und alles wurde bewiesen wieder durch den Blick der Augen, einen Griff an die Tischkante oder indem man vom Sessel sprang. Sobald sie so anfiengen, h\u00f6rten sie gleich auf dauernd und streng einen anzusehn, denn von selbst beugte sich ihr Oberk\u00f6rper aus seiner gew\u00f6hnlichen Haltung vor oder zur\u00fcck. Einige verga\u00dfen geradezu an ihre Kleider (knickten die Beine scharf in den Knien ein, um sich nur auf die Fu\u00dfspitzen zu st\u00fctzen oder pre\u00dften den Rock in Falten mit gro\u00dfer Kraft an die Brust), andere nicht, viele hielten sich mit ihren Fingern an einem Zwicker, an einem F\u00e4cher, an einem Bleistift, an einem Lorgnon, an einer Cigarette fest und den meisten, hatten sie auch eine feste Haut, erhitzte sich doch ihr Gesicht. Ihr Blick glitt von uns ab, wie ein erhobener Arm niederf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wurde in meinen nat\u00fcrlichen Zustand eingelassen, es stand mir frei, zu warten und dann zuzuh\u00f6ren, oder wegzugehn und mich ins Bett zu legen, worauf ich mich immer freute, denn ich war oft schl\u00e4frig, da ich sch\u00fcchtern war. Es war wie eine gro\u00dfe Tanzpause, in der nur wenige sich f\u00fcr das Weggehn entscheiden, die meisten wartend hier und dort stehen oder sitzen w\u00e4hrend die Musiker, an die niemand denkt, sich irgendwo zum Weiterspielen st\u00e4rken. Nur war es nicht so ruhig und es mu\u00dfte nicht jeder die Pause bemerken, sondern es waren viele B\u00e4lle zu gleicher Zeit im Saal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch dies alles sp\u00fcrte ich noch meine Furcht, diese Furcht vor einem Manne, dem ich ganz ohne Gef\u00fchl die Hand gereicht hatte, dessen Namen ich nicht kannte, wenn nicht vielleicht einer seiner Freunde seinen Vornamen ausgerufen hatte und dem ich am Ende stundenlang gegen\u00fcbergesessen war, vollkommen ruhig, nur ein wenig ermattet, wie es junge Leute sind, durch selbst selten nur mir zugewendete Blicke dieser erwachsenen Person.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich hatte, nehmen wir das an, einigemal meine Blicke den seinen begegnen lassen und hatte unbesch\u00e4ftigt wie ich war, da doch niemand mit mir rechnete, l\u00e4nger in seine guten blauen Augen zu schauen versucht, sei es da\u00df man damit f\u00f6rmlich die Gesellschaft verl\u00e4\u00dft. Und wenn dies nicht gelungen war, so bewies dies ebenso nichts wie die Tatsache des Versuches. Gut, es gelang mir nicht, ich zeigte diese Unf\u00e4higkeit gleich beim Beginn und konnte sie auch sp\u00e4ter keinen Augenblick verbergen, doch auch die F\u00fc\u00dfe ungeschickter Schlittschuhl\u00e4ufer wollen jeder nach einer andern Richtung und beide vom Eise weg. Best\u00fcnde ein sonst t\u00fcchtig &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;..<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2026.schen und einen Klugen, der aber weder vor oder neben oder hinter diesem Hundert war, so da\u00df man ihn gleich und leicht h\u00e4tte bemerken k\u00f6nnen, sondern der mitten unter den andern war, so da\u00df man nur von einem sehr erh\u00f6hten Platz ihn sehen konnte und auch dann sah man nur, wie er verschwand. So hat mein Vater \u00fcber mich geurteilt, der ein besonders in der politischen Welt meines Vaterlandes sehr angesehener und erfolgreicher Mann gewesen ist. Ich habe diesen Ausspruch zuf\u00e4llig geh\u00f6rt, als ich vielleicht siebzehn Jahre alt bei offener T\u00fcr im Zimmer neben meines Vaters Zimmer in einem Indianerbuch gelesen habe. Die Worte fielen mir damals auf, ich merkte sie mir, aber Eindruck haben sie nicht im kleinsten auf mich gemacht. Wie es meist geschieht, da\u00df auf junge Leute allgemeine Urteile \u00fcber sie selbst keine Wirkung machen. Denn entweder noch v\u00f6llig in sich ruhend oder doch immerfort in sich zur\u00fcckgeworfen f\u00fchlen sie ihr Wesen laut und stark, wie eine Regimentsmusik. Das allgemeine Urteil aber hat ihnen unbekannte Voraussetzungen, unbekannte Absichten, wodurch es von allen Seiten unzug\u00e4nglich ist; es gibt sich als Spazierg\u00e4nger auf der Insel im Teich, wo nicht Boote noch Br\u00fccken sind, h\u00f6rt die Musik, wird aber nicht geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit will ich aber nicht die Logik junger Leute angegriffen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter meinen Mitsch\u00fclern war ich dumm, doch nicht der d\u00fcmmste. Und wenn trotzdem das Letztere von einigen meiner Lehrer meinen Eltern und mir gegen\u00fcber nicht selten behauptet worden ist, so haben sie es nur in dem Wahne vieler Leute getan, welche glauben, sie h\u00e4tten die halbe Welt erobert, wenn sie ein so \u00e4u\u00dferstes Urteil wagen. 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