{"id":351,"date":"2026-09-14T00:05:01","date_gmt":"2026-09-14T00:05:01","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?p=351"},"modified":"2026-09-14T00:05:01","modified_gmt":"2026-09-14T00:05:01","slug":"skizze-zur-einleitung-fur-richard-und-samuel-1911","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/2026\/09\/14\/skizze-zur-einleitung-fur-richard-und-samuel-1911\/","title":{"rendered":"&#8220;Skizze zur Einleitung f\u00fcr Richard und Samuel&#8221; (1911)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Samuel kennt wenigstens alle oberfl\u00e4chlichen Absichten und F\u00e4higkeiten Richards durch und durch, da er aber pr\u00e4cis und l\u00fcckenlos zu denken gew\u00f6hnt ist, l\u00e4\u00dft er sich schon von kleinen wenigstens nicht vollst\u00e4ndig erwarteten Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten in den \u00c4u\u00dferungen Richards \u00fcberraschen und sie geben ihm zu denken. Das f\u00fcr Richard Peinliche seiner Freundschaft besteht darin, da\u00df Samuel eine nicht \u00f6ffentlich ausgesprochene Unterst\u00fctzung niemals braucht, daher auch eine Unterst\u00fctzung von seiner Seite schon aus Gerechtigkeitssinn niemals f\u00fchlen lassen will und infolgedessen keine Unterordnung in der Freundschaft duldet. Sein unbewu\u00dfter Grundsatz ist, da\u00df das, was man am Freund z. B. bewundert, nicht eigentlich am Freund, sondern am Mitmenschen bewundert werde und die Freundschaft also schon dort tief unten unter allen Unterschieden anfangen m\u00fcsse. Dieses kr\u00e4nkt nun Richard, der sich oft gern Samuel ergeben w\u00fcrde, der oft Lust hat, ihm begreiflich zu machen, ein wie ausgezeichneter Mensch er ist, der aber damit nur dann anfangen k\u00f6nnte, wenn er die Erlaubnis vorauss\u00e4he, niemals damit aufh\u00f6ren zu m\u00fcssen. Immerhin zieht er aus diesem von Samuel ihm aufgedrungenen Verh\u00e4ltnis den fraglichen Vorteil, im Bewu\u00dftsein seiner bisher \u00e4u\u00dferlich bewahrten Unabh\u00e4ngigkeit sich \u00fcber Samuel zu erheben, ihn klein werden zu sehn und allerdings nur innerlich Forderungen an ihn zu stellen, w\u00e4hrend er sonst Samuel gern gebeten h\u00e4tte, sie gegen ihn zu richten. So hat z. B. das Bed\u00fcrfnis Samuels nach dem Gelde Richards wenigstens f\u00fcr sein Bewu\u00dftsein nichts mit ihrer Freundschaft zu tun, w\u00e4hrend f\u00fcr Richard schon diese Ansicht etwas Bewunderungsw\u00fcrdiges darstellt, da dieses Geldbed\u00fcrfnis Samuels ihn einerseits verlegen andererseits aber auch wertvoll macht und beides im Kern seiner Freundschaft. Daher kommt es auch, da\u00df Richard trotz seines langsameren Denkens, eingebettet in die F\u00fclle seiner Unsicherheit Samuel eigentlich richtiger beurteilt, als Samuel ihn, da dieser wenn auch mit guter Kombinationskraft in seinem Urteil auf dem k\u00fcrzesten Weg ihn am sichersten zu fangen glaubt und nicht wartet, bis er sich zu seiner wahren Gestalt beruhigt. Darum ist Samuel auch der eigentliche Beiseitesprecher und der Zur\u00fcckweichende in diesem Verh\u00e4ltnis. Er nimmt von der Freundschaft scheinbar immer mehr weg, Richard tr\u00e4gt dagegen von seiner Seite immer mehr zu, so da\u00df die Freundschaft immer weiter r\u00fcckt undzwar merkw\u00fcrdiger und doch selbstverst\u00e4ndlicher Weise in der Richtung zu Samuel hin, bis sie in Stresa halt macht, wo Richard vor lauter Wohlbefinden m\u00fcde ist, Samuel dagegen so stark ist, da\u00df er alles kann und Richard sogar umzingelt, bis dann in Paris der letzte von Samuel vorhergesehene, von Richard gar nicht mehr erwartete, daher mit Todesw\u00fcnschen erlittene Sto\u00df kommt, der die Freundschaft zur endlichen Ruhe bringt. Trotz dieser Stellung, die das \u00e4u\u00dferlich ausschlie\u00dfen w\u00fcrde, ist Richard der bewu\u00dftere in der Freundschaft, wenigstens bis Stresa, denn er hat die Reise mit einer fertigen aber einer falschen, Samuel dagegen mit einer erst allerdings durch lange Zeit hin begonnenen aber wahren Freundschaft angetreten. Dadurch kommt Richard auf der Reise immer tiefer in sich hinein, fa\u00dft nachl\u00e4ssiger, mit halben Blicken, aber st\u00e4rkerem Beziehungsgef\u00fchl auf, Samuel dagegen kann und mu\u00df aus seinem wahren Innern heraus \u2013 es verlangt dies sein Wesen, wie seine Freundschaft \u2013 also zweifach angetrieben rasch und richtig sehn und Richard oft f\u00f6rmlich tragen. So bewu\u00dft eben bis Stresa Richard, von jedem kleinen Vorfall neuerlich gezwungen, in seiner Freundschaft ist und hierin immer Erkl\u00e4rungen geben k\u00f6nnte, die niemand verlangt und er am wenigsten, denn er hat an den blo\u00dfen Erscheinungen seiner sich ver\u00e4ndernden Freundschaft genug zu tragen, gegen\u00fcber allem \u00fcbrigen was die Reise sonst mit sich bringt, ist er benommen, vertr\u00e4gt schwer die Ver\u00e4nderungen der Hotels, versteht einfache Zusammenh\u00e4nge nicht, die ihm vielleicht zuhause keine M\u00fche machen w\u00fcrden, ist oft sehr ernst, aber durchaus nicht aus Langweile, ja nicht einmal aus dem Verlangen einmal von Samuel auf die Wange geklopft zu werden, hat gro\u00dfes Bed\u00fcrfnis nach Musik und nach Frauen. Samuel kann nur Franz\u00f6sisch, Richard Franz\u00f6sisch und Italienisch, hiedurch kommt er in Italien, ohne da\u00df es einer von ihnen darauf angelegt h\u00e4tte und trotzdem Richard wei\u00df da\u00df das Gegenteil wahrscheinlicher w\u00e4re, \u00fcberall dort wo es sich um Ausk\u00fcnfte handelt in eine Art Dienerstellung zu Samuel. Auch kann Samuel Franz\u00f6sisch sehr gut, Richard seine beiden Sprachen nicht vollkommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samuel kennt wenigstens alle oberfl\u00e4chlichen Absichten und F\u00e4higkeiten Richards durch und durch, da er aber pr\u00e4cis und l\u00fcckenlos zu denken gew\u00f6hnt ist, l\u00e4\u00dft er sich schon von kleinen wenigstens nicht vollst\u00e4ndig erwarteten Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten in den \u00c4u\u00dferungen Richards \u00fcberraschen und sie geben ihm zu denken. 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