{"id":355,"date":"2026-09-14T00:05:54","date_gmt":"2026-09-14T00:05:54","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?p=355"},"modified":"2026-09-14T00:05:54","modified_gmt":"2026-09-14T00:05:54","slug":"einleitungsvortrag-uber-jargon-1912","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/2026\/09\/14\/einleitungsvortrag-uber-jargon-1912\/","title":{"rendered":"&#8220;Einleitungsvortrag \u00fcber Jargon&#8221; (1912)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor den ersten Versen der ostj\u00fcdischen Dichter m\u00f6chte ich Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren noch sagen, wie viel mehr Jargon Sie verstehen als Sie glauben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe nicht eigentlich Sorge um die Wirkung, die f\u00fcr jeden von Ihnen in dem heutigen Abend vorbereitet ist, aber ich will, da\u00df sie gleich frei werde, wenn sie es verdient. Dies kann aber nicht geschehen, solange manche unter Ihnen eine solche Angst vor dem Jargon haben, da\u00df man es fast auf Ihren Gesichtern sieht. Von denen, welche gegen den Jargon hochm\u00fctig sind, rede ich gar nicht. Aber Angst vor dem Jargon, Angst mit einem gewissen Widerwillen auf dem Grunde ist schlie\u00dflich verst\u00e4ndlich wenn man will.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere westeurop\u00e4ischen Verh\u00e4ltnisse sind, wenn wir sie mit vorsichtig fl\u00fcchtigem Blick ansehn, so geordnet: alles nimmt seinen ruhigen Lauf. Wir leben in einer geradezu fr\u00f6hlichen Eintracht; verstehen einander, wenn es notwendig ist, kommen ohne einander aus, wenn es uns pa\u00dft und verstehen einander selbst dann; wer k\u00f6nnte aus einer solchen Ordnung der Dinge heraus den verwirrten Jargon verstehen oder wer h\u00e4tte auch nur die Lust dazu<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Jargon ist die j\u00fcngste europ\u00e4ische Sprache, erst vierhundert Jahre alt und eigentlich noch viel j\u00fcnger. Er hat noch keine Sprachformen von solcher Deutlichkeit ausgebildet, wie wir sie brauchen. Sein Ausdruck ist kurz und rasch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hat keine Grammatiken. Liebhaber versuchen Grammatiken zu schreiben aber der Jargon wird immerfort gesprochen; er kommt nicht zur Ruhe. Das Volk l\u00e4\u00dft ihn den Grammatikern nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er besteht nur aus Fremdw\u00f6rtern. Diese ruhen aber nicht in ihm, sondern behalten die Eile und Lebhaftigkeit, mit der sie genommen wurden. V\u00f6lkerwanderungen durchlaufen den Jargon von einem Ende bis zum anderen. Alles dieses Deutsche, Hebr\u00e4ische, Franz\u00f6sische, Englische, Slawische, Holl\u00e4ndische, Rum\u00e4nische und selbst Lateinische ist innerhalb des Jargon von Neugier und Leichtsinn erfa\u00dft, es geh\u00f6rt schon Kraft dazu, die Sprachen in diesem Zustande zusammenzuhalten. Deshalb denkt auch kein vern\u00fcnftiger Mensch daran, aus dem Jargon eine Weltsprache zu machen, so nahe dies eigentlich l\u00e4ge. Nur die Gaunersprache entnimmt ihm gern, weil sie weniger sprachliche Zusammenh\u00e4nge braucht als einzelne Worte. Dann weil der Jargon doch lange eine mi\u00dfachtete Sprache war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Treiben der Sprache herrschen aber wieder Bruchst\u00fccke bekannter Sprachgesetze. Der Jargon stammt z. B. in seinen Anfangen aus der Zeit, als das Mittelhochdeutsche ins Neuhochdeutsche \u00fcberging. Da gab es Wahlformen, das Mittelhochdeutsche nahm die eine, der Jargon die andere. Oder der Jargon entwickelte mittelhochdeutsche Formen folgerichtiger als selbst das Neuhochdeutsche; so z. B. ist das Jargon\u2019sche &#8220;mir seien&#8221; (neuhochdeutsch &#8220;wir sind&#8221;) aus dem Mittelhochdeutschen &#8220;sin&#8221; nat\u00fcrlicher entwickelt, als das neuhochdeutsche &#8220;wir sind&#8221;. Oder der Jargon blieb bei mittelhochdeutschen Formen trotz des Neuhochdeutschen. Was einmal ins Ghetto kam, r\u00fchrte sich nicht so bald weg. So blieben Formen wie &#8220;Kerzlach&#8221;, &#8220;Bl\u00fcmlach&#8221;, &#8220;Liedlach&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und nun str\u00f6men in diese Sprachgebilde von Willk\u00fcr und Gesetz die Dialekte des Jargon noch ein. Ja, der ganze Jargon besteht nur aus Dialekt, selbst die Schriftsprache, wenn man sich auch \u00fcber die Schreibweise zum gr\u00f6\u00dften Teil geeinigt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit all dem denke ich die Meisten von Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, vorl\u00e4ufig \u00fcberzeugt zu haben, da\u00df Sie kein Wort des Jargon verstehen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erwarten Sie von der Erkl\u00e4rung der Dichtungen keine Hilfe. Wenn Sie nun einmal nicht imstande sind, Jargon zu verstehen, kann Ihnen keine Augenblickserkl\u00e4rung helfen. Sie werden im besten Fall die Erkl\u00e4rung verstehen und merken, da\u00df etwas Schwieriges kommen wird. Das wird alles sein. Ich kann Ihnen z. B. sagen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herr L\u00f6wy wird jetzt, wie es auch tats\u00e4chlich sein wird, drei Gedichte vortragen. Zuerst &#8220;Die Grine&#8221; von Rosenfeld. Grine das sind die Gr\u00fcnen, die Gr\u00fcnh\u00f6rner, die neuen Ank\u00f6mmlinge in Amerika. Solche j\u00fcdische Auswanderer gehen in diesem Gedichte in einer kleinen Gruppe mit ihrem schmutzigen Reisegep\u00e4ck durch eine New-Yorker Stra\u00dfe. Das Publikum sammelt sich nat\u00fcrlich an, bestaunt sie, folgt ihnen und lacht. Der von diesem Anblick \u00fcber sich hinaus erregte Dichter spricht \u00fcber diese Stra\u00dfenszenen hinweg zum Judentum und zur Menschheit. Man hat den Eindruck, da\u00df die Auswanderergruppe stockt, w\u00e4hrend der Dichter spricht, trotzdem sie fern ist und ihn nicht h\u00f6ren kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das zweite Gedicht ist von Frug und hei\u00dft &#8220;Sand und Sterne&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist eine bittere Auslegung einer biblischen Verhei\u00dfung. Es hei\u00dft wir werden sein wie der Sand am Meer und die Sterne am Himmel. Nun, getreten wie der Sand sind wir schon, wann wird das mit den Sternen wahr werden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das dritte Gedicht ist von Frischmann und hei\u00dft: &#8220;Die Nacht ist still&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Liebespaar begegnet in der Nacht einem frommen Gelehrten, der ins Bethaus geht. Sie erschrecken, f\u00fcrchten verraten zu sein, sp\u00e4ter beruhigen sie einander.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun ist, wie Sie sehen, mit solchen Erkl\u00e4rungen nichts getan.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eingen\u00e4ht in diese Erkl\u00e4rungen werden Sie dann bei dem Vortrage das suchen, was Sie schon wissen und das, was wirklich da sein wird, werden Sie nicht sehen. Gl\u00fccklicherweise ist aber jeder der deutschen Sprache Kundige auch f\u00e4hig Jargon zu verstehen. Denn von einer allerdings gro\u00dfen Ferne aus gesehn, wird die \u00e4u\u00dfere Verst\u00e4ndlichkeit des Jargon von der deutschen Sprache gebildet; das ist ein Vorzug vor allen Sprachen der Erde. Sie hat daf\u00fcr auch gerechterweise einen Nachteil vor allen. Man kann n\u00e4mlich Jargon nicht in die deutsche Sprache \u00fcbersetzen. Die Verbindungen zwischen Jargon und Deutsch sind zu zart und bedeutend, als da\u00df sie nicht sofort zerrei\u00dfen m\u00fc\u00dften, wenn Jargon ins Deutsche zur\u00fcckgef\u00fchrt wird, d. h. es wird kein Jargon mehr zur\u00fcckgef\u00fchrt, sondern etwas Wesenloses. Durch \u00dcbersetzung ins Franz\u00f6sische z. B. kann Jargon den Franzosen vermittelt werden, durch \u00dcbersetzung ins Deutsche wird er vernichtet. &#8220;Toit&#8221; z. B. ist eben nicht &#8220;tot&#8221; und &#8220;Bl\u00fct&#8221; ist keinesfalls &#8220;Blut&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber nicht nur aus dieser Ferne der deutschen Sprache k\u00f6nnen Sie, verehrte Damen und Herren, Jargon verstehen; Sie d\u00fcrfen einen Schritt n\u00e4her. Noch zumindest vor nicht langer Zeit erschien die vertrauliche Verkehrssprache der deutschen Juden, je nachdem sie in der Stadt oder auf dem Lande lebten, mehr im Osten oder im Westen, wie eine fernere oder n\u00e4here Vorstufe des Jargon, und Abt\u00f6nungen sind noch viele geblieben. Die historische Entwicklung des Jargon h\u00e4tte deshalb fast eben so gut wie in der Tiefe der Geschichte, in der Fl\u00e4che der Gegenwart verfolgt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz nahe kommen Sie schon an den Jargon, wenn Sie bedenken, da\u00df in Ihnen au\u00dfer Kenntnissen auch noch Kr\u00e4fte t\u00e4tig sind und Ankn\u00fcpfungen von Kr\u00e4ften, welche Sie bef\u00e4higen, Jargon f\u00fchlend zu verstehen. Erst hier kann der Erkl\u00e4rer helfen, der Sie beruhigt, so da\u00df Sie sich nicht mehr ausgeschlossen f\u00fchlen, und auch einsehen, da\u00df Sie nicht mehr dar\u00fcber klagen d\u00fcrfen, da\u00df Sie Jargon nicht verstehen. Das ist das Wichtigste, denn mit jeder Klage entweicht das Verst\u00e4ndnis. Bleiben Sie aber still, dann sind Sie pl\u00f6tzlich mitten im Jargon. Wenn Sie aber einmal Jargon ergriffen hat \u2013 und Jargon ist alles, Wort, chassidische Melodie und das Wesen dieses ostj\u00fcdischen Schauspielers selbst, \u2013 dann werden Sie Ihre fr\u00fchere Ruhe nicht mehr wiedererkennen. Dann werden Sie die wahre Einheit des Jargon zu sp\u00fcren bekommen, so stark, da\u00df Sie sich f\u00fcrchten werden, aber nicht mehr vor dem Jargon, sondern vor sich. Sie w\u00fcrden nicht imstande sein, diese Furcht allein zu ertragen, wenn nicht gleich auch aus dem Jargon das Selbstvertrauen \u00fcber Sie k\u00e4me, das dieser Furcht standh\u00e4lt und noch st\u00e4rker ist. Genie\u00dfen Sie es, so gut Sie k\u00f6nnen! Wenn es sich dann verliert, morgen und sp\u00e4ter, \u2013 wie k\u00f6nnte es sich auch an der Erinnerung an einen einzigen Vortragsabend halten! \u2013 dann w\u00fcnsche ich Ihnen aber, da\u00df Sie auch die Furcht vergessen haben m\u00f6chten. Denn strafen wollen wir Sie nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor den ersten Versen der ostj\u00fcdischen Dichter m\u00f6chte ich Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren noch sagen, wie viel mehr Jargon Sie verstehen als Sie glauben. 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