{"id":359,"date":"2026-09-14T00:06:30","date_gmt":"2026-09-14T00:06:30","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?p=359"},"modified":"2026-09-14T00:11:29","modified_gmt":"2026-09-14T00:11:29","slug":"der-unterstaatsanwalt-1914-1915","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/2026\/09\/14\/der-unterstaatsanwalt-1914-1915\/","title":{"rendered":"Der Unterstaatsanwalt (1914-1915)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(&#8230;) \u00fcberdr\u00fcssig geworden ist, Jagden auf Mi\u00dfgeburten zu veranstalten, dann w\u00e4re allerdings der Bezirksrichter das erste Ziel. Aber sich \u00fcber ihn zu \u00e4rgern ist sinnlos. Darum \u00e4rgert sich auch der Unterstaatsanwalt nicht \u00fcber ihn, er \u00e4rgert sich nur \u00fcber die Dummheit, die einen solchen Menschen auf einen Bezirksrichterposten setzt. Die Dummheit also will Gerechtigkeit \u00fcben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist f\u00fcr die pers\u00f6nlichen Verh\u00e4ltnisse des Unterstaatsanwalts an und f\u00fcr sich sehr bedauerlich, da\u00df er nur einen so niedrigen Rang einnimmt, seinem eigentlichen Bestreben aber w\u00fcrde es vielleicht nicht einmal gen\u00fcgen Oberstaatsanwalt zu sein. Er m\u00fc\u00dfte ein noch viel h\u00f6herer Staatsanwalt werden, um auch nur alle Dummheit die er vor seinen Augen sieht, unter wirksame Anklage setzen zu k\u00f6nnen. Zur Anklage gegen den Bezirksrichter w\u00fcrde er sich dabei wahrhaftig nicht herablassen, er w\u00fcrde ihn von der H\u00f6he seines Ankl\u00e4gersitzes nicht einmal erkennen. Wohl aber w\u00fcrde er rings herum eine so sch\u00f6ne Ordnung schaffen, da\u00df der Bezirksrichter nicht in ihr bestehen k\u00f6nnte, da\u00df ihm ohne da\u00df er anger\u00fchrt w\u00fcrde die Knie zu schlottern anfiengen und er schlie\u00dflich vergehen m\u00fc\u00dfte. Dann w\u00e4re es vielleicht auch an der Zeit, den Fall des Unterstaatsanwaltes selbst aus den versperrten Disciplinargerichten in den offenen Gerichtssaal zu bringen. Dann w\u00e4re der Unterstaatsanwalt nicht mehr pers\u00f6nlich beteiligt, er h\u00e4tte kraft h\u00f6herer Gewalt die ihm angelegten Ketten zerbrochen und k\u00f6nnte nun selbst \u00fcber sie zu Gericht sitzen. Er stellt sich vor, da\u00df ihm eine m\u00e4chtige Pers\u00f6nlichkeit vor der Verhandlung ins Ohr fl\u00fcstert: &#8220;Jetzt wird Dir Genugtuung zuteil werden.&#8221; Und nun kommt es zur Verhandlung. Die angeklagten Disciplinarr\u00e4te l\u00fcgen nat\u00fcrlich, l\u00fcgen mit zusammengebissenen Z\u00e4hnen, l\u00fcgen so wie nur Leute von Gericht l\u00fcgen k\u00f6nnen, wenn die Anklage einmal sie trifft. Aber es ist alles so vorbereitet, da\u00df die Tatsachen selbst alle L\u00fcgen von sich absch\u00fctteln und sich frei und wahrheitsgem\u00e4\u00df vor den Zuh\u00f6rern entwickeln. Es sind viele Zuh\u00f6rer da, auf drei Seiten des Saales, nur die Richterbank ist leer, man hat keine Richter gefunden, die Richter dr\u00e4ngen sich im engen Raum, wo sonst der Angeklagte steht, und suchen sich vor der leeren Richterbank zu verantworten. Nur der \u00f6ffentliche Ankl\u00e4ger, der gewesene Unterstaatsanwalt, ist nat\u00fcrlich zugegen und auf seinem gew\u00f6hnlichen Platz. Er ist viel ruhiger als sonst, er nickt nur hie und da, alles nimmt den richtigen uhrenm\u00e4\u00dfigen Gang. Erst jetzt, nachdem der Fall von allen Schrifts\u00e4tzen, Zeugenaussagen, Verhandlungsprotokollen, Urteilsberatungen und Entscheidungsgr\u00fcnden befreit ist, erkennt man seine sofort \u00fcberw\u00e4ltigende Einfachheit! Die Angelegenheit selbst liegt etwa f\u00fcnfzehn Jahre zur\u00fcck. Der Unterstaatsanwalt war damals in der Residenzstadt, er war als t\u00fcchtiger Jurist anerkannt, bei seinen Vorgesetzten sehr beliebt und hatte sogar schon Hoffnung bald vor vielen Mitbewerbern zehnter Staatsanwalt zu werden. Der zweite Staatsanwalt bewies ihm eine besondere Zuneigung und lie\u00df sich von ihm selbst bei nicht ganz unwichtigen Angelegenheiten vertreten. So war es auch bei einem kleinen Majest\u00e4tsbeleidigungsproce\u00df. Ein Gesch\u00e4ftsangestellter, ein nicht ungebildeter, politisch sehr t\u00e4tiger Mann hatte in einer Weinstube in halber Trunkenheit das Glas in der Hand eine Majest\u00e4tsbeleidigung ausgesprochen. Ein wahrscheinlich noch mehr betrunkener Gast am Nebentisch hatte die Anzeige erstattet, er hatte in seiner Bet\u00e4ubung wahrscheinlich gemeint, da\u00df er eine ausgezeichnete Tat ausf\u00fchre, war sofort um einen Polizeimann gelaufen und gl\u00fcckselig l\u00e4chelnd mit ihm zur\u00fcckgekehrt, um ihm den Mann zu \u00fcbergeben. Sp\u00e4ter allerdings hielt er an seiner Aussage wenigstens im wichtigsten Teil fest, im \u00fcbrigen mu\u00dfte die Majest\u00e4tsbeleidigung sehr deutlich gewesen sein, denn kein Zeuge konnte sie vollst\u00e4ndig leugnen. Ihr Wortlaut aber konnte nicht zweifellos festgestellt werden, die gr\u00f6\u00dfte Berechtigung hatte die Annahme, da\u00df der Angeklagte mit dem Weinglas auf ein an der Wand h\u00e4ngendes Bild des K\u00f6nigs gezeigt und dabei gesagt hatte: &#8220;Du Lump dort oben! &#8221; Die Schwere dieser Beleidigung wurde nur durch den damaligen teilweise unzurechnungsf\u00e4higen Zustand des Angeklagten gemildert sowie dadurch, da\u00df er die Beleidigung in irgendeiner Verbindung mit der Liedzeile: &#8220;solange noch das L\u00e4mpchen gl\u00fcht&#8221; vorgebracht und den Sinn des Ausrufes dadurch getr\u00fcbt hatte. \u00dcber die Art der Verbindung zwischen dem Ausruf und dem Lied hatte fast jeder Zeuge eine andere Meinung und der Anzeiger behauptete sogar, ein anderer nicht der Angeklagte habe gesungen. Ungemein erschwerend war f\u00fcr den Angeklagten seine politische T\u00e4tigkeit, die es jedenfalls sehr glaubw\u00fcrdig erscheinen lie\u00df, da\u00df er dessen f\u00e4hig war, den Ausruf auch bei g\u00e4nzlicher N\u00fcchternheit und mit vollster \u00dcberzeugung zu machen. Der Unterstaatsanwalt erinnert sich sehr genau \u2013 er hat ja jene Dinge so oft durchgedacht \u2013 wie er jene Anklage fast mit Begeisterung in Angriff nahm, nicht nur weil es ehrenvoll war, einen Majest\u00e4tsbeleidigungsproce\u00df zu f\u00fchren sondern weil er den Angeklagten und seine Sache aufrichtig ha\u00dfte. Da stand ein politischer Streber, dem der ehrliche Beruf eines Gesch\u00e4ftsangestellten nicht gen\u00fcgte, wahrscheinlich weil er ihm die Mittel f\u00fcr Weingelage zu liefern nicht imstande war, ein Mensch mit einer riesenhaften Kinnlade die von einer kr\u00e4ftigen Muskulatur auch riesenhaft bewegt wurde, ein geborener Volksredner der selbst den Untersuchungsrichter anschrie, in diesem Fall leider eine nerv\u00f6se aufgeregte Natur. Die Untersuchung, welcher der Unterstaatsanwalt aus Interesse an der Sache \u00f6fters beigewohnt hatte, war eine fortw\u00e4hrende Z\u00e4nkerei. Einmal sprang der Untersuchungsrichter auf, das andere Mal der Verh\u00f6rte und einer donnerte den andern an. Dies wirkte nat\u00fcrlich ung\u00fcnstig auf die Ergebnisse der Untersuchung ein und als der Unterstaatsanwalt auf diesen Ergebnissen die Anklage aufbauen sollte, mu\u00dfte er viel Arbeit und Scharfsinn aufwenden, um sie gen\u00fcgend stichhaltig zu machen. Er arbeitete N\u00e4chte durch, aber mit Freude. Es waren damals sch\u00f6ne Fr\u00fchjahrsn\u00e4chte, das Haus in dessen Erdgescho\u00df der Unterstaatsanwalt wohnte hatte einen kleinen zwei Schritte breiten Vorgarten, war der Unterstaatsanwalt von der Arbeit erm\u00fcdet oder verlangten die sich dr\u00e4ngenden Gedanken Ruhe und Sammlung, dann kletterte er aus dem Fenster in den Vorgarten und gieng dort auf und ab oder lehnte mit geschlossenen Augen am Gartengitter. Er hat sich damals nicht geschont, er arbeitete die ganze Anklage mehreremal um, manche Teile zehn- und zwanzigmal. Au\u00dferdem h\u00e4ufte sich das f\u00fcr die Hauptverhandlung vorbereitete Material in fast undurchdringlicher F\u00fclle. &#8220;Gebe Gott da\u00df ich dieses alles fassen und verwerten kann&#8221;, war in den N\u00e4chten seine st\u00e4ndige Bitte. Mit der Anklage selbst hielt er seine Arbeit nur zum geringsten Teile f\u00fcr beendet, darum sah er auch das Lob des zweiten Staatsanwalts, mit dem ihm dieser die Anklageschrift nach genauer Pr\u00fcfung zur\u00fcckgab, nicht als Lohn sondern nur als Aufmunterung an, und dieses Lob war gro\u00df und es kam \u00fcberdies von einem strengen, wortkargen Mann. Es lautete, wie es der Unterstaatsanwalt in seinen sp\u00e4tern Eingaben oft wiederholte, ohne allerdings den zweiten Staatsanwalt dazu bewegen zu k\u00f6nnen, sich daran zu erinnern: &#8220;Dieses Heft, mein lieber Kollega, enth\u00e4lt nicht nur die Anklage, es enth\u00e4lt aller menschlichen Voraussicht nach auch Ihre Ernennung zum zehnten Staatsanwalt.&#8221; Und als der Unterstaatsanwalt bescheiden schwieg, f\u00fcgte der zweite Staatsanwalt hinzu: &#8220;Vertrauen Sie mir.&#8221; Zur Hauptverhandlung gieng der Unterstaatsanwalt fest und ruhig. Niemand im Saal kannte alle Feinheiten und Beziehungen der Proze\u00dfsache so wie er. Der Verteidiger war ungef\u00e4hrlich, ein dem Unterstaatsanwalt gut bekanntes, immer schreiendes aber wenig scharfsinniges M\u00e4nnchen. An dem Tag war er gewi\u00df nicht einmal sehr kampflustig, er verteidigte, weil er verteidigen mu\u00dfte, weil es um ein Mitglied seiner politischen Partei gieng, weil sich vielleicht Gelegenheit zu Tiraden ergeben w\u00fcrde, weil die Parteipresse auf den Fall ein wenig aufmerksam war, aber Hoffnung seinen Klienten durchzubringen hatte er nicht. Der Unterstaatsanwalt erinnert sich noch, wie er diesem Verteidiger kurz vor Beginn der Verhandlung mit schwer unterdr\u00fccktem L\u00e4cheln zusah; unf\u00e4hig sich zu beherrschen, wie dieser Verteidiger \u00fcberhaupt war, warf er auf seinem Tisch alles durcheinander, ri\u00df Bl\u00e4tter aus seinen Schriften und wie mit einem Windhauch waren sie sofort mit Notizen bedeckt, unter dem Tisch klapperten inzwischen seine kleinen F\u00fc\u00dfchen und jeden Augenblick strich er, ohne es zu wissen, mit \u00e4ngstlicher Bewegung \u00fcber seine Glatze, als suche er dort irgendwelche Verletzungen. Er schien dem Unterstaatsanwalt ein unw\u00fcrdiger Gegner zu sein. Als er gleich bei Beginn der Verhandlung aufh\u00fcpfte und mit h\u00e4\u00dflicher pfeifender Stimme den Antrag gestellt hatte, die Verhandlung m\u00f6ge in \u00f6ffentlicher Sitzung stattfinden, erhob sich der Unterstaatsanwalt fast schwerf\u00e4llig von seinem Sitz. Alles war so klar und durchdacht, es war als mischten sich alle Leute ringsherum in eine ihm allein geh\u00f6rige Sache, eine Sache die er ihrem Wesen gem\u00e4\u00df in sich selbst zu Ende f\u00fchren k\u00f6nnte ohne Richter und Verteidiger und ohne Angeklagten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und er schlo\u00df sich dem Antrag des Verteidigers an, sein Verhalten war ebenso unerwartet wie das des Verteidigers selbstverst\u00e4ndlich gewesen war. Aber er erkl\u00e4rte sein Verhalten und w\u00e4hrend seiner Erkl\u00e4rung war es im Saal so still, da\u00df er, wenn nicht die vielen Augen von allen Seiten auf ihn gerichtet gewesen w\u00e4ren, als wollten sie ihn zu sich ziehn, h\u00e4tte glauben k\u00f6nnen, er spreche im leeren Saal mit sich selbst. Da\u00df er \u00fcberzeugte, merkte er sofort. Die Richter streckten die H\u00e4lse und sahen erstaunt einander an, der Verteidiger lehnte steif in seinem Stuhl, als sei die Erscheinung des Unterstaatsanwaltes gerade jetzt aus dem Boden gestiegen; der Angeklagte rieb vor Spannung seine Riesenz\u00e4hne aneinander, im Gedr\u00e4nge der Zuh\u00f6rer hielt man sich bei den H\u00e4nden fest. Sie erkannten, da\u00df ihnen hier einer die ganze Angelegenheit, zu der sie in dieser oder jener schwachen Beziehung standen g\u00e4nzlich entwand und zu seinem unentrei\u00dfbaren Eigentum machte. Jeder hatte geglaubt einem kleinen Majest\u00e4tsbeleidigungsproce\u00df beizuwohnen, und nun h\u00f6rte er, wie der Unterstaatsanwalt schon beim ersten Antrag die Beleidigung selbst wie etwas Nebens\u00e4chliches mit wenigen Worten streifte<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ritten die Husaren durch die dunkle enge Gasse<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(&#8230;) \u00fcberdr\u00fcssig geworden ist, Jagden auf Mi\u00dfgeburten zu veranstalten, dann w\u00e4re allerdings der Bezirksrichter das erste Ziel. Aber sich \u00fcber ihn zu \u00e4rgern ist sinnlos. Darum \u00e4rgert sich auch der Unterstaatsanwalt nicht \u00fcber ihn, er \u00e4rgert sich nur \u00fcber die Dummheit, die einen solchen Menschen auf einen Bezirksrichterposten setzt. Die Dummheit also will Gerechtigkeit \u00fcben. 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