{"id":361,"date":"2026-09-14T00:06:52","date_gmt":"2026-09-14T00:06:52","guid":{"rendered":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/?p=361"},"modified":"2026-09-14T00:11:24","modified_gmt":"2026-09-14T00:11:24","slug":"ein-junger-ehrgeiziger-student-1914-1915","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/2026\/09\/14\/ein-junger-ehrgeiziger-student-1914-1915\/","title":{"rendered":"Ein junger ehrgeiziger Student (1914-1915)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein junger ehrgeiziger Student, der sich f\u00fcr den Fall der Pferde von Elberfeld sehr interessiert und alles was \u00fcber diesen Gegenstand im Druck erschienen war genau gelesen und \u00fcberdacht hatte, entschlo\u00df sich auf eigene Faust Versuche in dieser Richtung anzustellen und die Sache von vornherein ganz anders und nach seiner Meinung unvergleichlich richtiger anzufassen als seine Vorg\u00e4nger. Seine Geldmittel allerdings waren an sich unzureichend, um ihm Versuche im gro\u00dfen Ausma\u00dfe zu erm\u00f6glichen, und wenn das erste Pferd, das er f\u00fcr seine Versuche ankaufen wollte, sich als starrk\u00f6pfig erweisen w\u00fcrde, was selbst bei angestrengtester Arbeit erst nach Wochen festgestellt werden kann, so h\u00e4tte er f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit keine Aussicht gehabt, mit neuen Versuchen zu beginnen. Doch war er dadurch nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig ge\u00e4ngstigt, weil nach seiner Methode wahrscheinlich jede Starrk\u00f6pfigkeit \u00fcberwunden werden konnte. Jedenfalls gieng er seiner vorsichtigen Natur entsprechend schon bei der Berechnung des Aufwandes, der ihm erwachsen w\u00fcrde, und der Mittel die er aufbringen k\u00f6nnte, ganz planm\u00e4\u00dfig vor. Den Betrag, den er w\u00e4hrend des Studiums zum knappen Lebensunterhalt ben\u00f6tigte, hatten ihm bisher seine Eltern, arme Gesch\u00e4ftsleute in der Provinz, regelm\u00e4\u00dfig jeden Monat geschickt, auf diese Unterst\u00fctzung gedachte er auch weiterhin nicht zu verzichten, trotzdem er nat\u00fcrlich sein Studium, welches die Eltern von der Ferne mit gro\u00dfen Hoffnungen verfolgten, unbedingt aufgeben mu\u00dfte, wenn er auf dem neuen Gebiet, das er jetzt betreten w\u00fcrde, die erwarteten gro\u00dfen Erfolge erzielen wollte. Daran da\u00df die Eltern f\u00fcr diese Arbeiten Verst\u00e4ndnis haben oder ihn etwa gar darin f\u00f6rdern w\u00fcrden, war nicht zu denken, er mu\u00dfte ihnen also seine Absichten, so peinlich ihm das war, verschweigen und sie in dem Glauben erhalten, da\u00df er in seinem bisherigen Studium regelm\u00e4\u00dfig fortschreite. Diese T\u00e4uschung seiner Eltern war nur eines der Opfer, die er sich zum Nutzen der Sache auferlegen wollte. Zur Deckung der voraussichtlich gro\u00dfen Kosten, welche f\u00fcr seine Arbeiten erforderlich sein w\u00fcrden, konnte der Beitrag der Eltern nicht gen\u00fcgen. Der Student wollte daher von nun ab den gr\u00f6\u00dften Teil des Tages, der bisher seinem Studium gedient hatte, zur Erteilung von privaten Unterrichtsstunden verwenden. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Nacht aber sollte der eigentlichen Arbeit dienen. Nicht nur weil er durch seine ung\u00fcnstigen \u00e4u\u00dfern Verh\u00e4ltnisse dazu gezwungen war, w\u00e4hlte der Student die Nachtzeit f\u00fcr den Unterricht des Pferdes aus, auch die neuen Grunds\u00e4tze, die er in den Unterricht der Pferde einf\u00fchren wollte, verwiesen ihn auf die Nacht aus verschiedenen Gr\u00fcnden. Auch die k\u00fcrzeste Ablenkung der Aufmerksamkeit des Pferdes bedeutete seiner Meinung nach f\u00fcr den Unterricht einen unheilbaren Schaden, davor war er in der Nacht m\u00f6glichst sicher. Die Reizbarkeit, von der Mensch und Tier, wenn sie in der Nacht wachen und arbeiten, ergriffen werden, war in seinem Plan ausdr\u00fccklich verlangt. Er f\u00fcrchtete nicht wie andere Sachverst\u00e4ndige die Wildheit des Pferdes, er forderte sie vielmehr, ja er wollte sie erzeugen, zwar nicht durch die Peitsche aber durch das Reizmittel seiner unabl\u00e4ssigen Anwesenheit und des unabl\u00e4ssigen Unterrichts. Er behauptete im richtigen Unterricht der Pferde d\u00fcrfe es keine einzelnen Fortschritte geben, einzelne Fortschritte, deren sich in der letzten Zeit verschiedene Pferdeliebhaber so \u00fcberm\u00e4\u00dfig r\u00fchmten, seien nichts anderes als entweder Erzeugnisse der Einbildung der Erzieher oder aber, was noch schlimmer sei, das deutlichste Zeichen da\u00df es zu einem allgemeinen Fortschritt niemals kommen werde. Er selbst wollte sich vor nichts anderem so h\u00fcten als vor der Erzielung einzelner Fortschritte, die Gen\u00fcgsamkeit seiner Vorg\u00e4nger die mit dem Gelingen kleiner Rechenkunstst\u00fccke schon etwas erreicht zu haben glaubten, erschien ihm unbegreiflich, es war so als wenn man in der Kindererziehung damit einsetzen wollte, da\u00df man dem Kind, gleichg\u00fcltig ob es gegen die ganze Menschenwelt blind, taub und gef\u00fchllos war, nichts anderes als das kleine Einmaleins einbl\u00e4ute. Das war alles so t\u00f6richt und die Fehler der andern Pferdeerzieher erschienen ihm manchmal so abschreckend grell, da\u00df er dann sogar Verdacht gegen sich selbst fa\u00dfte, denn es war ja fast unm\u00f6glich, da\u00df ein Einzelner, \u00fcberdies ein unerfahrener Einzelner, den nur eine un\u00fcberpr\u00fcfte aber allerdings tiefe und<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein junger ehrgeiziger Student, der sich f\u00fcr den Fall der Pferde von Elberfeld sehr interessiert und alles was \u00fcber diesen Gegenstand im Druck erschienen war genau gelesen und \u00fcberdacht hatte, entschlo\u00df sich auf eigene Faust Versuche in dieser Richtung anzustellen und die Sache von vornherein ganz anders und nach seiner Meinung unvergleichlich richtiger anzufassen als [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pagelayer_contact_templates":[],"_pagelayer_content":"","footnotes":""},"categories":[68],"tags":[],"class_list":["post-361","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-manuscritos-ineditos-1897-1915"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/361","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=361"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/361\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":366,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/361\/revisions\/366"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=361"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=361"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/franzkafka.com.br\/acervo\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=361"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}