Das Urteil. Eine Geschichte (O Veredicto)

Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr. Georg Bendemann, ein junger Kaufmann, saß in seinem Privatzimmer im ersten Stock eines der niedrigen, leichtgebauten Häuser, die entlang des Flusses in einer langen Reihe, fast nur in der Höhe und Färbung unterschieden, sich hinzogen. Er hatte gerade einen Brief an einen sich im Ausland befindenden Jugendfreund beendet, verschloß ihn in spielerischer Langsamkeit und sah dann, den Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, aus dem Fenster auf den Fluß, die Brücke und die Anhöhen am anderen Ufer mit ihrem schwachen Grün.

Er dachte darüber nach, wie dieser Freund, mit seinem Fortkommen zu Hause unzufrieden, vor Jahren schon nach Rußland sich förmlich geflüchtet hatte. Nun betrieb er ein Geschäft in Petersburg, das anfangs sich sehr gut angelassen hatte, seit langem aber schon zu stocken schien, wie der Freund bei seinen immer seltener werdenden Besuchen klagte. So arbeitete er sich in der Fremde nutzlos ab, der fremdartige Vollbart verdeckte nur schlecht das seit den Kinderjahren wohlbekannte Gesicht, dessen gelbe Hautfarbe auf eine sich entwickelnde Krankheit hinzudeuten schien. Wie er erzählte, hatte er keine rechte Verbindung mit der dortigen Kolonie seiner Landsleute, aber auch fast keinen gesellschaftlichen Verkehr mit einheimischen Familien und richtete sich so für ein endgültiges Junggesellentum ein.

Was wollte man einem solchen Manne schreiben, der sich offenbar verrannt hatte, den man bedauern, dem man aber nicht helfen konnte. Sollte man ihm vielleicht raten, wieder nach Hause zu kommen, seine Existenz hierher zu verlegen, alle die alten freundschaftlichen Beziehungen wieder aufzunehmen – wofür ja kein Hindernis bestand – und im übrigen auf die Hilfe der Freunde zu vertrauen? Das bedeutete aber nichts anderes, als daß man ihm gleichzeitig, je schonender, desto kränkender, sagte, daß seine bisherigen Versuche mißlungen seien, daß er endlich von ihnen ablassen solle, daß er zurückkehren und sich als ein für immer Zurückgekehrter von allen mit großen Augen anstaunen lassen müsse, daß nur seine Freunde etwas verstünden und daß er ein altes Kind sei und den erfolgreichen, zu Hause gebliebenen Freunden einfach zu folgen habe. Und war es dann noch sicher, daß alle die Plage, die man ihm antun müßte, einen Zweck hätte? Vielleicht gelang es nicht einmal, ihn überhaupt nach Hause zu bringen – er sagte ja selbst, daß er die Verhältnisse in der Heimat nicht mehr verstünde –, und so bliebe er dann trotz allem in seiner Fremde, verbittert durch die Ratschläge und den Freunden noch ein Stück mehr entfremdet. Folgte er aber wirklich dem Rat und würde hier – natürlich nicht mit Absicht, aber durch die Tatsachen – niedergedrückt, fände sich nicht in seinen Freunden und nicht ohne sie zurecht, litte an Beschämung, hätte jetzt wirklich keine Heimat und keine Freunde mehr; war es da nicht viel besser für ihn, er blieb in der Fremde, so wie er war? Konnte man denn bei solchen Umständen daran denken, daß er es hier tatsächlich vorwärts bringen würde?

Aus diesen Gründen konnte man ihm, wenn man überhaupt noch die briefliche Verbindung aufrecht erhalten wollte, keine eigentlichen Mitteilungen machen, wie man sie ohne Scheu auch den entferntesten Bekannten geben würde. Der Freund war nun schon über drei Jahre nicht in der Heimat gewesen und erklärte dies sehr notdürftig mit der Unsicherheit der politischen Verhältnisse in Rußland, die demnach also auch die kürzeste Abwesenheit eines kleinen Geschäftsmannes nicht zuließen, während hunderttausende Russen ruhig in der Welt herumfuhren. Im Laufe dieser drei Jahre hatte sich aber gerade für Georg vieles verändert. Von dem Todesfall von Georgs Mutter, der vor etwa zwei Jahren erfolgt war und seit welchem Georg mit seinem alten Vater in gemeinsamer Wirtschaft lebte, hatte der Freund wohl noch erfahren und sein Beileid in einem Brief mit einer Trockenheit ausgedrückt, die ihren Grund nur darin haben konnte, daß die Trauer über ein solches Ereignis in der Fremde ganz unvorstellbar wird. Nun hatte aber Georg seit jener Zeit, so wie alles andere, auch sein Geschäft mit größerer Entschlossenheit angepackt. Vielleicht hatte ihn der Vater bei Lebzeiten der Mutter dadurch, daß er im Geschäft nur seine Ansicht gelten lassen wollte, an einer wirklichen eigenen Tätigkeit gehindert. Vielleicht war der Vater seit dem Tode der Mutter, trotzdem er noch immer im Geschäft arbeitete, zurückhaltender geworden, vielleicht spielten – was sogar sehr wahrscheinlich war – glückliche Zufälle eine weit wichtigere Rolle, jedenfalls aber hatte sich das Geschäft in diesen zwei Jahren ganz unerwartet entwickelt. Das Personal hatte man verdoppeln müssen, der Umsatz sich verfünffacht, ein weiterer Fortschritt stand zweifellos bevor.

Der Freund aber hatte keine Ahnung von dieser Veränderung. Früher, zum letztenmal vielleicht in jenem Beileidsbrief, hatte er Georg zur Auswanderung nach Rußland überreden wollen und sich über die Aussichten verbreitet, die gerade für Georgs Geschäftszweig in Petersburg bestanden. Die Ziffern waren verschwindend gegenüber dem Umfang, den Georgs Geschäft jetzt angenommen hatte. Georg aber hatte keine Lust gehabt, dem Freund von seinen geschäftlichen Erfolgen zu schreiben, und jetzt nachträglich hätte es wirklich einen merkwürdigen Anschein gehabt.

So beschränkte sich Georg darauf, dem Freund immer nur über bedeutungslose Vorfälle zu schreiben, wie sie sich, wenn man an einem ruhigen Sonntag nachdenkt, in der Erinnerung ungeordnet aufhäufen. Er wollte nichts anderes, als die Vorstellung ungestört lassen, die sich der Freund von der Heimatstadt in der langen Zwischenzeit wohl gemacht und mit welcher er sich abgefunden hatte. So geschah es Georg, daß er dem Freund die Verlobung eines gleichgültigen Menschen mit einem ebenso gleichgültigen Mädchen dreimal in ziemlich weit auseinanderliegenden Briefen anzeigte, bis sich dann allerdings der Freund, ganz gegen Georgs Absicht, für diese Merkwürdigkeit zu interessieren begann.

Georg schrieb ihm aber solche Dinge viel lieber, als daß er zugestanden hätte, daß er selbst vor einem Monat mit einem Fräulein Frieda Brandenfeld, einem Mädchen aus wohlhabender Familie, sich verlobt hatte. Oft sprach er mit seiner Braut über diesen Freund und das besondere Korrespondenzverhältnis, in welchem er zu ihm stand. “Er wird also gar nicht zu unserer Hochzeit kommen”, sagte sie, “und ich habe doch das Recht, alle deine Freunde kennenzulernen.” “Ich will ihn nicht stören”, antwortete Georg, “verstehe mich recht, er würde wahrscheinlich kommen, wenigstens glaube ich es, aber er würde sich gezwungen und geschädigt fühlen, vielleicht mich beneiden und sicher unzufrieden und unfähig, diese Unzufriedenheit jemals zu beseitigen, allein wieder zurückfahren. Allein – weißt du, was das ist” “Ja, kann er denn von unserer Heirat nicht auch auf andere Weise erfahren?” “Das kann ich allerdings nicht verhindern, aber es ist bei seiner Lebensweise unwahrscheinlich. ” “Wenn du solche Freunde hast, Georg, hättest du dich überhaupt nicht verloben sollen. ” “Ja, das ist unser beider Schuld; aber ich wollte es auch jetzt nicht anders haben.” Und wenn sie dann, rasch atmend unter seinen Küssen, noch vorbrachte: “Eigentlich kränkt es mich doch”, hielt er es wirklich für unverfänglich, dem Freund alles zu schreiben. “So bin ich und so hat er mich hinzunehmen”, sagte er sich, “ich kann nicht aus mir einen Menschen herausschneiden, der vielleicht für die Freundschaft mit ihm geeigneter wäre, als ich es bin. ”

Und tatsächlich berichtete er seinem Freunde in dem langen Brief, den er an diesem Sonntagvormittag schrieb, die erfolgte Verlobung mit folgenden Worten: “Die beste Neuigkeit habe ich mir bis zum Schluß aufgespart. Ich habe mich mit einem Fräulein Frieda Brandenfeld verlobt, einem Mädchen aus einer wohlhabenden Familie, die sich hier erst lange nach Deiner Abreise angesiedelt hat, die Du also kaum kennen dürftest. Es wird sich noch Gelegenheit finden, Dir Näheres über meine Braut mitzuteilen, heute genüge Dir, daß ich recht glücklich bin und daß sich in unserem gegenseitigen Verhältnis nur insofern etwas geändert hat, als Du jetzt in mir statt eines ganz gewöhnlichen Freundes einen glücklichen Freund haben wirst. Außerdem bekommst Du in meiner Braut, die Dich herzlich grüßen läßt, und die Dir nächstens selbst schreiben wird, eine aufrichtige Freundin, was für einen Junggesellen nicht ganz ohne Bedeutung ist. Ich weiß, es hält Dich vielerlei von einem Besuche bei uns zurück. Wäre aber nicht gerade meine Hochzeit die richtige Gelegenheit, einmal alle Hindernisse über den Haufen zu werfen? Aber wie dies auch sein mag, handle ohne alle Rücksicht und nur nach Deiner Wohlmeinung. ”

Mit diesem Brief in der Hand war Georg lange, das Gesicht dem Fenster zugekehrt, an seinem Schreibtisch gesessen. Einem Bekannten, der ihn im Vorübergehen von der Gasse aus gegrüßt hatte, hatte er kaum mit einem abwesenden Lächeln geantwortet.

Endlich steckte er den Brief in die Tasche und ging aus seinem Zimmer quer durch einen kleinen Gang in das Zimmer seines Vaters, in dem er schon seit Monaten nicht gewesen war. Es bestand auch sonst keine Nötigung dazu, denn er verkehrte mit seinem Vater ständig im Geschäft. Das Mittagessen nahmen sie gleichzeitig in einem Speisehaus ein, abends versorgte sich zwar jeder nach Belieben; doch saßen sie dann noch ein Weilchen, meistens jeder mit seiner Zeitung, im gemeinsamen Wohnzimmer, wenn nicht Georg, wie es am häufigsten geschah, mit Freunden beisammen war oder jetzt seine Braut besuchte.

Georg staunte darüber, wie dunkel das Zimmer des Vaters selbst an diesem sonnigen Vormittag war. Einen solchen Schatten warf also die hohe Mauer, die sich jenseits des schmalen Hofes erhob. Der Vater saß beim Fenster in einer Ecke, die mit verschiedenen Andenken an die selige Mutter ausgeschmückt war, und las die Zeitung, die er seitlich vor die Augen hielt, wodurch er irgend eine Augenschwäche auszugleichen suchte. Auf dem Tisch standen die Reste des Frühstücks, von dem nicht viel verzehrt zu sein schien.

“Ah, Georg! ” sagte der Vater und ging ihm gleich entgegen. Sein schwerer Schlafrock öffnete sich im Gehen, die Enden umflatterten ihn – “mein Vater ist noch immer ein Riese”, dachte sich Georg.

“Hier ist es ja unerträglich dunkel”, sagte er dann.

“Ja, dunkel ist es schon”, antwortete der Vater.

“Das Fenster hast du auch geschlossen?”

“Ich habe es lieber so. ”

“Es ist ja ganz warm draußen”, sagte Georg, wie im Nachhang zu dem Früheren, und setzte sich.

Der Vater räumte das Frühstücksgeschirr ab und stellte es auf einen Kasten.

“Ich wollte dir eigentlich nur sagen”, fuhr Georg fort, der den Bewegungen des alten Mannes ganz verloren folgte, “daß ich nun doch nach Petersburg meine Verlobung angezeigt habe. ” Er zog den Brief ein wenig aus der Tasche und ließ ihn wieder zurückfallen.

“Nach Petersburg?” fragte der Vater.

“Meinem Freunde doch”, sagte Georg und suchte des Vaters Augen. – “Im Geschäft ist er doch ganz anders”, dachte er, “wie er hier breit sitzt und die Arme über der Brust kreuzt. ”

“Ja. Deinem Freunde”, sagte der Vater mit Betonung.

“Du weißt doch, Vater, daß ich ihm meine Verlobung zuerst verschweigen wollte. Aus Rücksichtnahme, aus keinem anderen Grunde sonst. Du weißt selbst, er ist ein schwieriger Mensch. Ich sagte mir, von anderer Seite kann er von meiner Verlobung wohl erfahren, wenn das auch bei seiner einsamen Lebensweise kaum wahrscheinlich ist – das kann ich nicht hindern –, aber von mir selbst soll er es nun einmal nicht erfahren. ”

“Und jetzt hast du es dir wieder anders überlegt?” fragte der Vater, legte die große Zeitung auf den Fensterbord und auf die Zeitung die Brille, die er mit der Hand bedeckte.

“Ja, jetzt habe ich es mir wieder überlegt. Wenn er mein guter Freund ist, sagte ich mir, dann ist meine glückliche Verlobung auch für ihn ein Glück. Und deshalb habe ich nicht mehr gezögert, es ihm anzuzeigen. Ehe ich jedoch den Brief einwarf, wollte ich es dir sagen. ”

“Georg”, sagte der Vater und zog den zahnlosen Mund in die Breite, “hör’ einmal! Du bist wegen dieser Sache zu mir gekommen, um dich mit mir zu beraten. Das ehrt dich ohne Zweifel. Aber es ist nichts, es ist ärger als nichts, wenn du mir jetzt nicht die volle Wahrheit sagst. Ich will nicht Dinge aufrühren, die nicht hierher gehören. Seit dem Tode unserer teueren Mutter sind gewisse unschöne Dinge vorgegangen. Vielleicht kommt auch für sie die Zeit und vielleicht kommt sie früher, als wir denken. Im Geschäft entgeht mir manches, es wird mir vielleicht nicht verborgen – ich will jetzt gar nicht die Annahme machen, daß es mir verborgen wird –, ich bin nicht mehr kräftig genug, mein Gedächtnis läßt nach. Ich habe nicht mehr den Blick für alle die vielen Sachen. Das ist erstens der Ablauf der Natur, und zweitens hat mich der Tod unseres Mütterchens viel mehr niedergeschlagen als dich. – Aber weil wir gerade bei dieser Sache sind, bei diesem Brief, so bitte ich dich Georg, täusche mich nicht. Es ist eine Kleinigkeit, es ist nicht des Atems wert, also täusche mich nicht. Hast du wirklich diesen Freund in Petersburg?”

Georg stand verlegen auf. “Lassen wir meine Freunde sein. Tausend Freunde ersetzen mir nicht meinen Vater. Weißt du, was ich glaube? Du schonst dich nicht genug. Aber das Alter verlangt seine Rechte. Du bist mir im Geschäft unentbehrlich, das weißt du ja sehr genau; aber wenn das Geschäft deine Gesundheit bedrohen sollte, sperre ich es noch morgen für immer. Das geht nicht. Wir müssen da eine andere Lebensweise für dich einführen. Aber von Grund aus. Du sitzt hier im Dunkel, und im Wohnzimmer hättest du schönes Licht. Du nippst vom Frühstück, statt dich ordentlich zu stärken. Du sitzt bei geschlossenem Fenster, und die Luft würde dir so gut tun. Nein Vater! Ich werde den Arzt holen und seine Vorschriften werden wir befolgen. Die Zimmer werden wir wechseln, du wirst ins Vorderzimmer ziehen, ich hierher. Es wird keine Veränderung für dich sein, alles wird mit hinübergetragen. Aber das alles hat Zeit, jetzt lege dich noch ein wenig ins Bett, du brauchst unbedingt Ruhe. Komm, ich werde dir beim Ausziehn helfen, du wirst sehen, ich kann es. Oder willst du gleich ins Vorderzimmer gehn, dann legst du dich vorläufig in mein Bett. Das wäre übrigens sehr vernünftig. ”

Georg stand knapp neben seinem Vater, der den Kopf mit dem struppigen weißen Haar auf die Brust hatte sinken lassen.

“Georg”, sagte der Vater leise, ohne Bewegung.

Georg kniete sofort neben dem Vater nieder, er sah die Pupillen in dem müden Gesicht des Vaters übergroß in den Winkeln der Augen auf sich gerichtet.

“Du hast keinen Freund in Petersburg. Du bist immer ein Spaßmacher gewesen und hast dich auch mir gegenüber nicht zurückgehalten. Wie solltest du denn gerade dort einen Freund haben! Das kann ich gar nicht glauben. ”

“Denk doch noch einmal nach, Vater”, sagte Georg, hob den Vater vom Sessel und zog ihm, wie er nun doch recht schwach dastand, den Schlafrock aus, “jetzt wird es bald drei Jahre her sein, da war ja mein Freund bei uns zu Besuch. Ich erinnere mich noch, daß du ihn nicht besonders gern hattest. Wenigstens zweimal habe ich ihn vor dir verleugnet, trotzdem er gerade bei mir im Zimmer saß. Ich konnte ja deine Abneigung gegen ihn ganz gut verstehn, mein Freund hat seine Eigentümlichkeiten. Aber dann hast du dich doch auch wieder ganz gut mit ihm unterhalten. Ich war damals noch so stolz darauf, daß du ihm zuhörtest, nicktest und fragtest. Wenn du nachdenkst, mußt du dich erinnern. Er erzählte damals unglaubliche Geschichten von der russischen Revolution. Wie er z. B. auf einer Geschäftsreise in Kiew bei einem Tumult einen Geistlichen auf einem Balkon gesehen hatte, der sich ein breites Blutkreuz in die flache Hand schnitt, diese Hand erhob und die Menge anrief. Du hast ja selbst diese Geschichte hie und da wiedererzählt. ”

Währenddessen war es Georg gelungen, den Vater wieder niederzusetzen und ihm die Trikothose, die er über den Leinenunterhosen trug, sowie die Socken vorsichtig auszuziehn. Beim Anblick der nicht besonders reinen Wäsche machte er sich Vorwürfe, den Vater vernachlässigt zu haben. Es wäre sicherlich auch seine Pflicht gewesen, über den Wäschewechsel seines Vaters zu wachen. Er hatte mit seiner Braut darüber noch nicht ausdrücklich gesprochen, wie sie die Zukunft des Vaters einrichten wollten, aber sie hatten stillschweigend vorausgesetzt, daß der Vater allein in der alten Wohnung bleiben würde. Doch jetzt entschloß er sich kurz mit aller Bestimmtheit, den Vater in seinen künftigen Haushalt mitzunehmen. Es schien ja fast, wenn man genauer zusah, daß die Pflege, die dort dem Vater bereitet werden sollte, zu spät kommen könnte.

Auf seinen Armen trug er den Vater ins Bett. Ein schreckliches Gefühl hatte er, als er während der paar Schritte zum Bett hin merkte, daß an seiner Brust der Vater mit seiner Uhrkette spiele. Er konnte ihn nicht gleich ins Bett legen, so fest hielt er sich an dieser Uhrkette.

Kaum war er aber im Bett, schien alles gut. Er deckte sich selbst zu und zog dann die Bettdecke noch besonders weit über die Schulter. Er sah nicht unfreundlich zu Georg hinauf.

“Nicht wahr, du erinnerst dich schon an ihn?” fragte Georg und nickte ihm aufmunternd zu.

“Bin ich jetzt gut zugedeckt?” fragte der Vater, als könne er nicht nachschauen, ob die Füße genug bedeckt seien.

“Es gefällt dir also schon im Bett”, sagte Georg und legte das Deckzeug besser um ihn.

“Bin ich gut zugedeckt?” fragte der Vater noch einmal und schien auf die Antwort besonders aufzupassen.

“Sei nur ruhig, du bist gut zugedeckt. ”

“Nein! ” rief der Vater, daß die Antwort an die Frage stieß, warf die Decke zurück mit einer Kraft, daß sie einen Augenblick im Fluge sich ganz entfaltete, und stand aufrecht im Bett. Nur eine Hand hielt er leicht an den Plafond. “Du wolltest mich zudecken, das weiß ich, mein Früchtchen, aber zugedeckt bin ich noch nicht. Und ist es auch die letzte Kraft, genug für dich, zuviel für dich! Wohl kenne ich deinen Freund. Er wäre ein Sohn nach meinem Herzen. Darum hast du ihn auch betrogen die ganzen Jahre lang. Warum sonst? Glaubst du, ich habe nicht um ihn geweint? Darum doch sperrst du dich in dein Bureau, niemand soll stören, der Chef ist beschäftigt – nur damit du deine falschen Briefchen nach Rußland schreiben kannst. Aber den Vater muß glücklicherweise niemand lehren, den Sohn zu durchschauen. Wie du jetzt geglaubt hast, du hättest ihn untergekriegt, so untergekriegt, daß du dich mit deinem Hintern auf ihn setzen kannst und er rührt sich nicht, da hat sich mein Herr Sohn zum Heiraten entschlossen! ”

Georg sah zum Schreckbild seines Vaters auf. Der Petersburger Freund, den der Vater plötzlich so gut kannte, ergriff ihn, wie noch nie. Verloren im weiten Rußland sah er ihn. An der Türe des leeren, ausgeraubten Geschäftes sah er ihn. Zwischen den Trümmern der Regale, den zerfetzten Waren, den fallenden Gasarmen stand er gerade noch. Warum hatte er so weit wegfahren müssen!

“Aber schau mich an! ” rief der Vater, und Georg lief, fast zerstreut, zum Bett, um alles zu fassen, stockte aber in der Mitte des Weges.

“Weil sie die Röcke gehoben hat”, fing der Vater zu flöten an, “weil sie die Röcke so gehoben hat, die widerliche Gans”, und er hob, um das darzustellen, sein Hemd so hoch, daß man auf seinem Oberschenkel die Narbe aus seinen Kriegsjahren sah, “weil sie die Röcke so und so und so gehoben hat, hast du dich an sie herangemacht, und damit du an ihr ohne Störung dich befriedigen kannst, hast du unserer Mutter Andenken geschändet, den Freund verraten und deinen Vater ins Bett gesteckt, damit er sich nicht rühren kann. Aber kann er sich rühren oder nicht? ”

Und er stand vollkommen frei und warf die Beine. Er strahlte vor Einsicht.

Georg stand in einem Winkel, möglichst weit vom Vater. Vor einer langen Weile hatte er sich fest entschlossen, alles vollkommen genau zu beobachten, damit er nicht irgendwie auf Umwegen, von hinten her, von oben herab überrascht werden könne. Jetzt erinnerte er sich wieder an den längst vergessenen Entschluß und vergaß ihn, wie man einen kurzen Faden durch ein Nadelöhr zieht.

“Aber der Freund ist nun doch nicht verraten! ” rief der Vater, und sein hin- und herbewegter Zeigefinger bekräftigte es. “Ich war sein Vertreter hier am Ort. ”

“Komödiant! ” konnte sich Georg zu rufen nicht enthalten, erkannte sofort den Schaden und biß, nur zu spät, – die Augen erstarrt – in seine Zunge, daß er vor Schmerz einknickte.

“Ja, freilich habe ich Komödie gespielt! Komödie! Gutes Wort! Welcher andere Trost blieb dem alten verwitweten Vater? Sag – und für den Augenblick der Antwort sei du noch mein lebender Sohn –, was blieb mir übrig, in meinem Hinterzimmer, verfolgt vom ungetreuen Personal, alt bis in die Knochen? Und mein Sohn ging im Jubel durch die Welt, schloß Geschäfte ab, die ich vorbereitet hatte, überpurzelte sich vor Vergnügen und ging vor seinem Vater mit dem verschlossenen Gesicht eines Ehrenmannes davon! Glaubst du, ich hätte dich nicht geliebt, ich, von dem du ausgingst?”

“Jetzt wird er sich vorbeugen”, dachte Georg, “wenn er fiele und zerschmetterte!” Dieses Wort durchzischte seinen Kopf.

Der Vater beugte sich vor, fiel aber nicht. Da Georg sich nicht näherte, wie er erwartet hatte, erhob er sich wieder.

“Bleib, wo du bist, ich brauche dich nicht! Du denkst, du hast noch die Kraft, hierher zu kommen und hältst dich bloß zurück, weil du so willst. Daß du dich nicht irrst! Ich bin noch immer der viel Stärkere. Allein hätte ich vielleicht zurückweichen müssen, aber so hat mir die Mutter ihre Kraft abgegeben, mit deinem Freund habe ich mich herrlich verbunden, deine Kundschaft habe ich hier in der Tasche! ”

“Sogar im Hemd hat er Taschen!” sagte sich Georg und glaubte, er könne ihn mit dieser Bemerkung in der ganzen Welt unmöglich machen. Nur einen Augenblick dachte er das, denn immerfort vergaß er alles.

“Häng dich nur in deine Braut ein und komm mir entgegen! Ich fege sie dir von der Seite weg, du weißt nicht wie! ”

Georg machte Grimassen, als glaube er das nicht. Der Vater nickte bloß, die Wahrheit dessen beteuernd, was er sagte, in Georgs Ecke hin.

“Wie hast du mich doch heute unterhalten, als du kamst und fragtest, ob du deinem Freund von der Verlobung schreiben sollst. Er weiß doch alles, dummer Junge, er weiß doch alles! Ich schrieb ihm doch, weil du vergessen hast, mir das Schreibzeug wegzunehmen. Darum kommt er schon seit Jahren nicht, er weiß ja alles hundertmal besser als du selbst. Deine Briefe zerknüllt er ungelesen in der linken Hand, während er in der Rechten meine Briefe zum Lesen sich vorhält! ”

Seinen Arm schwang er vor Begeisterung über dem Kopf. “Er weiß alles tausendmal besser! ” rief er.

“Zehntausendmal!” sagte Georg, um den Vater zu verlachen, aber noch in seinem Munde bekam das Wort einen toternsten Klang.

“Seit Jahren passe ich schon auf, daß du mit dieser Frage kämest! Glaubst du, mich kümmert etwas anderes? Glaubst du, ich lese Zeitungen? Da! ” und er warf Georg ein Zeitungsblatt, das irgendwie mit ins Bett getragen worden war, zu. Eine alte Zeitung, mit einem Georg schon ganz unbekannten Namen.

“Wie lange hast du gezögert, ehe du reif geworden bist! Die Mutter mußte sterben, sie konnte den Freudentag nicht erleben, der Freund geht zugrunde in seinem Rußland, schon vor drei Jahren war er gelb zum Wegwerfen, und ich, du siehst ja, wie es mit mir steht. Dafür hast du doch Augen! ”

“Du hast mir also aufgelauert! ” rief Georg.

Mitleidig sagte der Vater nebenbei: “Das wolltest du wahrscheinlich früher sagen. Jetzt paßt es ja gar nicht mehr. ”

Und lauter: “Jetzt weißt du also, was es noch außer dir gab, bisher wußtest du nur von dir! Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch! – Und darum wisse: Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens! ”

Georg fühlte sich aus dem Zimmer gejagt, den Schlag, mit dem der Vater hinter ihm aufs Bett stürzte, trug er noch in den Ohren davon. Auf der Treppe, über deren Stufen er wie über eine schiefe Fläche eilte, überrumpelte er seine Bedienerin, die im Begriffe war heraufzugehen, um die Wohnung nach der Nacht aufzuräumen. “Jesus! ” rief sie und verdeckte mit der Schürze das Gesicht, aber er war schon davon. Aus dem Tor sprang er, über die Fahrbahn zum Wasser trieb es ihn. Schon hielt er das Geländer fest, wie ein Hungriger die Nahrung. Er schwang sich über, als der ausgezeichnete Turner, der er in seinen Jugendjahren zum Stolz seiner Eltern gewesen war. Noch hielt er sich mit schwächer werdenden Händen fest, erspähte zwischen den Geländerstangen einen Autoomnibus, der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: “Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt”, und ließ sich hinabfallen.

In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.

FONTE

THE KAFKA PROJECT | DAS URTEIL (THE JUDGMENT) | DAS URTEIL. EINE GESCHICHTE. [S. l.], [s. d.]. Disponível em: http://www.kafka.org/index.php?urteil. Acesso em: 28 dez. 2020.

Ein Hungerkünstler (Um artista da fome)

In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartige Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig unmöglich. Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindest einmal täglich sehn; an den spätern Tagen gab es Abonnenten, welche tagelang vor dem kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden Besichtigungen statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an schönen Tagen wurde der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es besonders die Kinder, denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für die Erwachsenen oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen, sahen die Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander bei der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig vortretenden Rippen, sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem Stroh saß, einmal höflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen beantwortete, auch durch das Gitter den Arm streckte, um seine Magerkeit befühlen zu lassen, dann aber wieder ganz in sich selbst versank, um niemanden sich kümmerte, nicht einmal um den für ihn so wichtigen Schlag der Uhr, die das einzige Möbelstück des Käfigs war, sondern nur vor sich hinsah mit fast geschlossenen Augen und hie und da aus einem winzigen Gläschen Wasser nippte, um sich die Lippen zu

feuchten.

Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vom Publikum gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlich Fleischhauer, welche, immer drei gleichzeitig, die Aufgabe hatten, Tag und Nacht den Hungerkünstler zu beobachten, damit er nicht etwa auf irgendeine heimliche Weise doch Nahrung zu sich nehme. Es war das aber lediglich eine Formalität, eingeführt zur Beruhigung der Massen, denn die Eingeweihten wußten wohl, daß der Hungerkünstler während der Hungerzeit niemals, unter keinen Umständen, selbst unter Zwang nicht, auch das Geringste nur gegessen hätte; die Ehre seiner Kunst verbot dies. Freilich, nicht jeder Wächter konnte das begreifen, es fanden sich manchmal nächtliche Wachgruppen, welche die Bewachung sehr lax durchführten, absichtlich in eine ferne Ecke sich zusammensetzten und dort sich ins Kartenspiel vertieften, in der offenbaren Absicht, dem Hungerkünstler eine kleine Erfrischung zu gönnen, die er ihrer Meinung nach aus irgendwelchen geheimen Vorräten hervorholen konnte. Nichts war dem Hungerkünstler quälender als solche Wächter; sie machten ihn trübselig; sie machten ihm das Hungern entsetzlich schwer; manchmal überwand er seine Schwäche und sang während dieser Wachzeit, solange er es nur aushielt, um den Leuten zu zeigen, wie ungerecht sie ihn verdächtigten. Doch half das wenig; sie wunderten sich dann nur über seine Geschicklichkeit, selbst während des Singens zu essen. Viel lieber waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten, mit der trüben Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten, sondern ihn mit den elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnen der Impresario zur Verfügung stellte. Das grelle Licht störte ihn gar nicht, schlafen konnte er ja überhaupt nicht, und ein wenig hindämmern konnte er immer, bei jeder Beleuchtung und zu jeder Stunde, auch im übervollen, lärmenden Saal. Er war sehr gerne bereit, mit solchen Wächtern die Nacht gänzlich ohne Schlaf zu verbringen; er war bereit, mit ihnen zu scherzen, ihnen Geschichten aus seinem Wanderleben zu erzählen, dann wieder ihre Erzählungen anzuhören, alles nur um sie wachzuhalten, um ihnen immer wieder zeigen zu können, daß er nichts Eßbares im Käfig hatte und daß er hungerte, wie keiner von ihnen es könnte. Am glücklichsten aber war er, wenn dann der Morgen kam, und ihnen auf seine Rechnung ein überreiches Frühstück gebracht wurde, auf das sie sich warfen mit dem Appetit gesunder Männer nach einer mühevoll durchwachten Nacht. Es gab zwar sogar Leute, die in diesem Frühstück eine ungebührliche Beeinflussung der Wächter sehen wollten, aber das ging doch zu weit, und wenn man sie fragte, ob etwa sie nur um der Sache willen ohne Frühstück die Nachtwache übernehmen wollten, verzogen sie sich, aber bei ihren Verdächtigungen blieben sie dennoch.

Dieses allerdings gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt nicht zu trennenden Verdächtigungen. Niemand war ja imstande, alle die Tage und Nächte beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter zu verbringen, niemand also konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich ununterbrochen, fehlerlos gehungert worden war; nur der Hungerkünstler selbst konnte das wissen, nur er also gleichzeitig der von seinem Hungern vollkommen befriedigte Zuschauer sein. Er aber war wieder aus einem andern Grunde niemals befriedigt; vielleicht war er gar nicht vom Hungern so sehr abgemagert, daß manche zu ihrem Bedauern den Vorführungen fernbleiben mußten, weil sie seinen Anblick nicht ertrugen, sondern er war nur so abgemagert aus Unzufriedenheit mit sich selbst. Er allein nämlich wußte, auch kein Eingeweihter sonst wußte das, wie leicht das Hungern war. Es war die leichteste Sache von der Welt. Er verschwieg es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn günstigstenfalls für bescheiden, meist aber für reklamesüchtig oder gar für einen Schwindler, dem das Hungern allerdings leicht war, weil er es sich leicht zu machen verstand, und der auch noch die Stirn hatte, es halb zu gestehn. Das alles mußte er hinnehmen, hatte sich auch im Laufe der Jahre daran gewöhnt, aber innerlich nagte diese Unbefriedigtheit immer an ihm, und noch niemals, nach keiner Hungerperiode – dieses Zeugnis mußte man ihm ausstellen – hatte er freiwillig den Käfig verlassen. Als Höchstzeit für das Hungern hatte der Impresario vierzig Tage festgesetzt, darüber hinaus ließ er niemals hungern, auch in den Weltstädten nicht, und zwar aus gutem Grund. Vierzig Tage etwa konnte man erfahrungsgemäß durch allmählich sich steigernde Reklame das Interesse einer Stadt immer mehr aufstacheln, dann aber versagte das Publikum, eine wesentliche Abnahme des Zuspruchs war festzustellen; es bestanden natürlich in dieser Hinsicht kleine Unterschiede zwischen den Städten und Ländern, als Regel aber galt, daß vierzig Tage die Höchstzeit war. Dann also am vierzigsten Tage wurde die Tür des mit Blumen umkränzten Käfigs geöffnet, eine begeisterte Zuschauerschaft erfüllte das Amphitheater, eine Militärkapelle spielte, zwei Ärzte betraten den Käfig, um die nötigen Messungen am Hungerkünstler vorzunehmen, durch ein Megaphon wurden die Resultate dem Saale verkündet, und schließlich kamen zwei junge Damen, glücklich darüber, daß gerade sie ausgelost worden waren, und wollten den Hungerkünstler aus dem Käfig ein paar Stufen hinabführen, wo auf einem kleinen Tischchen eine sorgfältig ausgewählte Krankenmahlzeit serviert war. Und in diesem Augenblick wehrte sich der Hungerkünstler immer. Zwar legte er noch freiwillig seine Knochenarme in die hilfsbereit ausgestreckten Hände der zu ihm hinabgebeugten Damen, aber aufstehen wollte er nicht. Warum gerade jetzt nach vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch lange, unbeschränkt lange ausgehalten; warum gerade jetzt aufhören, wo er im besten, ja noch nicht einmal im besten Hungern war? Warum wollte man ihn des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur der größte Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich schon war, aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche, denn für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er keine Grenzen. Warum hatte diese Menge, die ihn so sehr zu bewundern vorgab, so wenig Geduld mit ihm; wenn er es aushielt, noch weiter zu hungern, warum wollte sie es nicht aushalten? Auch war er müde, saß gut im Stroh und sollte sich nun hoch und lang aufrichten und zu dem Essen gehn, das ihm schon allein in der Vorstellung Übelkeiten verursachte, deren Äußerung er nur mit Rücksicht auf die Damen mühselig unterdrückte. Und er blickte empor in die Augen der scheinbar so freundlichen, in Wirklichkeit so grausamen Damen und schüttelte den auf dem schwachen Halse überschweren Kopf. Aber dann geschah, was immer geschah. Der Impresario kam, hob stumm – die Musik machte das Reden unmöglich – die Arme über dem Hungerkünstler, so, als lade er den Himmel ein, sich sein Werk hier auf dem Stroh einmal anzusehn, diesen bedauernswerten Märtyrer, welcher der Hungerkünstler allerdings war, nur in ganz anderem Sinn; faßte den Hungerkünstler um die dünne Taille, wobei er durch übertriebene Vorsicht glaubhaft machen wollte, mit einem wie gebrechlichen Ding er es hier zu tun habe; und übergab ihn – nicht ohne ihn im geheimen ein wenig zu schütteln, so daß der Hungerkünstler mit den Beinen und dem Oberkörper unbeherrscht hin und her schwankte – den inzwischen totenbleich gewordenen Damen. Nun duldete der Hungerkünstler alles; der Kopf lag auf der Brust, es war, als sei er hingerollt und halte sich dort unerklärlich; der Leib war ausgehöhlt; die Beine drückten sich im Selbsterhaltungstrieb fest in den Knien aneinander, scharrten aber doch den Boden, so, als sei es nicht der wirkliche, den wirklichen suchten sie erst; und die ganze, allerdings sehr kleine Last des Körpers lag auf einer der Damen, welche hilfesuchend, mit fliegendem Atem – so hatte sie sich dieses Ehrenamt nicht vorgestellt – zuerst den Hals möglichst streckte, um wenigstens das Gesicht vor der Berührung mit dem Hungerkünstler zu bewahren, dann aber, da ihr dies nicht gelang und ihre glücklichere Gefährtin ihr nicht zu Hilfe kam, sondern sich damit begnügte, zitternd die Hand des Hungerkünstlers, dieses kleine Knochenbündel, vor sich herzutragen, unter dem entzückten Gelächter des Saales in Weinen ausbrach und von einem längst bereitgestellten Diener abgelöst werden mußte. Dann kam das Essen, von dem der Impresario dem Hungerkünstler während eines ohnmachtähnlichen Halbschlafes ein wenig einflößte, unter lustigem Plaudern, das die Aufmerksamkeit vom Zustand des Hungerkünstlers ablenken sollte; dann wurde noch ein Trinkspruch auf das Publikum ausgebracht, welcher dem Impresario angeblich vom Hungerkünstler zugeflüstert worden war; das Orchester bekräftigte alles durch einen großen Tusch, man ging auseinander, und niemand hatte das Recht, mit dem Gesehenen unzufrieden zu sein, niemand, nur der Hungerkünstler, immer nur er.

So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in trüber Laune, die immer noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie ernst zu nehmen verstand. Womit sollte man ihn auch trösten? Was blieb ihm zu wünschen übrig? Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der ihn bedauerte und ihm erklären wollte, daß seine Traurigkeit wahrscheinlich von dem Hungern käme, konnte es, besonders bei vorgeschrittener Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler mit einem Wutausbruch antwortete und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem Gitter zu rütteln begann. Doch hatte für solche Zustände der Impresario ein Strafmittel, das er gern anwandte. Er entschuldigte den Hungerkünstler vor versammeltem Publikum, gab zu, daß nur die durch das Hungern hervorgerufene, für satte Menschen nicht ohne weiteres begreifliche Reizbarkeit das Benehmen des Hungerkünstlers verzeihlich machen könne; kam dann im Zusammenhang damit auch auf die ebenso zu erklärende Behauptung des Hungerkünstlers zu sprechen, er könnte noch viel länger hungern, als er hungere; lobte das hohe Streben, den guten Willen, die große Selbstverleugnung, die gewiß auch in dieser Behauptung enthalten seien; suchte dann aber die Behauptung einfach genug durch Vorzeigen von Photographien, die gleichzeitig verkauft wurden, zu widerlegen, denn auf den Bildern sah man den Hungerkünstler an einem vierzigsten Hungertag, im Bett, fast verlöscht vor Entkräftung. Diese dem Hungerkünstler zwar wohlbekannte, immer aber von neuem ihn entnervende Verdrehung der Wahrheit war ihm zu viel. Was die Folge der vorzeitigen Beendigung des Hungerns war, stellte man hier als die Ursache dar! Gegen diesen Unverstand, gegen diese Welt des Unverstandes zu kämpfen, war unmöglich. Noch hatte er immer wieder in gutem Glauben begierig am Gitter dem Impresario zugehört, beim Erscheinen der Photographien aber ließ er das Gitter jedesmal los, sank mit Seufzen ins Stroh zurück, und das beruhigte Publikum konnte wieder herankommen und ihn besichtigen.

Wenn die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran zurückdachten, wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn inzwischen war jener erwähnte Umschwung eingetreten; fast plötzlich war das geschehen; es mochte tiefere Gründe haben, aber wem lag daran, sie aufzufinden; jedenfalls sah sich eines Tages der verwöhnte Hungerkünstler von der vergnügungssüchtigen Menge verlassen, die lieber zu anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal jagte der Impresario mit ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie und da das alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem geheimen Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Abneigung gegen das Schauhungern ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit nicht plötzlich so kommen können, und man erinnerte sich jetzt nachträglich an manche zu ihrer Zeit im Rausch der Erfolge nicht genügend beachtete, nicht genügend unterdrückte Vorboten, aber jetzt etwas dagegen zu unternehmen, war zu spät. Zwar war es sicher, daß einmal auch für das Hungern wieder die Zeit kommen werde, aber für die Lebenden war das kein Trost. Was sollte nun der Hungerkünstler tun? Der, welchen Tausende umjubelt hatten, konnte sich nicht in Schaubuden auf kleinen Jahrmärkten zeigen, und um einen andern Beruf zu ergreifen, war der Hungerkünstler nicht nur zu alt, sondern vor allem dem Hungern allzu fanatisch ergeben. So verabschiedete er denn den Impresario, den Genossen einer Laufbahn ohnegleichen, und ließ sich von einem großen Zirkus engagieren; um seine Empfindlichkeit zu schonen, sah er die Vertragsbedingungen gar nicht an.

Ein großer Zirkus mit seiner Unzahl von einander immer wieder ausgleichenden und ergänzenden Menschen und Tieren und Apparaten kann jeden und zu jeder Zeit gebrauchen, auch einen Hungerkünstler, bei entsprechend bescheidenen Ansprüchen natürlich, und außerdem war es ja in diesem besonderen Fall nicht nur der Hungerkünstler selbst, der engagiert wurde, sondern auch sein alter berühmter Name, ja man konnte bei der Eigenart dieser im zunehmenden Alter nicht abnehmenden Kunst nicht einmal sagen, daß ein ausgedienter, nicht mehr auf der Höhe seines Könnens stehender Künstler sich in einen ruhigen Zirkusposten flüchten wolle, im Gegenteil, der Hungerkünstler versicherte, daß er, was durchaus glaubwürdig war, ebensogut hungere wie früher, ja er behauptete sogar, er werde, wenn man ihm seinen Willen lasse, und dies versprach man ihm ohne weiteres, eigentlich erst jetzt die Welt in berechtigtes Erstaunen setzen, eine Behauptung allerdings, die mit Rücksicht auf die Zeitstimmung, welche der Hungerkünstler im Eifer leicht vergaß, bei den Fachleuten nur ein Lächeln hervorrief.

Im Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die wirklichen Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin, daß man ihn mit seinem Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten in die Manege stellte, sondern draußen an einem im übrigen recht gut zugänglichen Ort in der Nähe der Stallungen unterbrachte. Große, bunt gemalte Aufschriften umrahmten den Käfig und verkündeten, was dort zu sehen war. Wenn das Publikum in den Pausen der Vorstellung zu den Ställen drängte, um die Tiere zu besichtigen, war es fast unvermeidlich, daß es beim Hungerkünstler vorüberkam und ein wenig dort haltmachte, man wäre vielleicht länger bei ihm geblieben, wenn nicht in dem schmalen Gang die Nachdrängenden, welche diesen Aufenthalt auf dem Weg zu den ersehnten Ställen nicht verstanden, eine längere ruhige Betrachtung unmöglich gemacht hätten. Dieses war auch der Grund, warum der Hungerkünstler vor diesen Besuchszeiten, die er als seinen Lebenszweck natürlich herbeiwünschte, doch auch wieder zitterte. In der ersten Zeit hatte er die Vorstellungspausen kaum erwarten können; entzückt hatte er der sich heranwälzenden Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald – auch die hartnäckigste, fast bewußte Selbsttäuschung hielt den Erfahrungen nicht stand – davon überzeugte, daß es zumeist der Absicht nach, immer wieder, ausnahmslos, lauter Stallbesucher waren. Und dieser Anblick von der Ferne blieb noch immer der schönste. Denn wenn sie bis zu ihm herangekommen waren, umtobte ihn sofort Geschrei und Schimpfen der ununterbrochen neu sich bildenden Parteien, jener, welche – sie wurde dem Hungerkünstler bald die peinlichere – ihn bequem ansehen wollte, nicht etwa aus Verständnis, sondern aus Laune und Trotz, und jener zweiten, die zunächst nur nach den Ställen verlangte. War der große Haufe vorüber, dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings, denen es nicht mehr verwehrt war, stehen zu bleiben, solange sie nur Lust hatten, eilten mit langen Schritten, fast ohne Seitenblick, vorüber, um rechtzeitig zu den Tieren zu kommen. Und es war kein allzu häufiger Glücksfall, daß ein Familienvater mit seinen Kindern kam, mit dem Finger auf den Hungerkünstler zeigte, ausführlich erklärte, um was es sich hier handelte, von früheren Jahren erzählte, wo er bei ähnlichen, aber unvergleichlich großartigeren Vorführungen gewesen war, und dann die Kinder, wegen ihrer ungenügenden Vorbereitung von Schule und Leben her, zwar immer noch verständnislos blieben – was war ihnen Hungern? – aber doch in dem Glanz ihrer forschenden Augen etwas von neuen, kommenden, gnädigeren Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte sich der Hungerkünstler dann manchmal, würde alles doch ein wenig besser werden, wenn sein Standort nicht gar so nahe bei den Ställen wäre. Den Leuten wurde dadurch die Wahl zu leicht gemacht, nicht zu reden davon, daß ihn die Ausdünstungen der Ställe, die Unruhe der Tiere in der Nacht, das Vorübertragen der rohen Fleischstücke für die Raubtiere, die Schreie bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd bedrückten. Aber bei der Direktion vorstellig zu werden, wagte er nicht; immerhin verdankte er ja den Tieren die Menge der Besucher, unter denen sich hie und da auch ein für ihn Bestimmter finden konnte, und wer wußte, wohin man ihn verstecken würde, wenn er an seine Existenz erinnern wollte und damit auch daran, daß er, genau genommen, nur ein Hindernis auf dem Weg zu den Ställen war.

Ein kleines Hindernis allerdings, ein immer kleiner werdendes Hindernis. Man gewöhnte sich an die Sonderbarkeit, in den heutigen Zeiten Aufmerksamkeit für einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen, und mit dieser Gewöhnung war das Urteil über ihn gesprochen. Er mochte so gut hungern, als er nur konnte, und er tat es, aber nichts konnte ihn mehr retten, man ging an ihm vorüber. Versuche, jemandem die Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen. Die schönen Aufschriften wurden schmutzig und unleserlich, man riß sie herunter, niemandem fiel es ein, sie zu ersetzen; das Täfelchen mit der Ziffer der abgeleisteten Hungertage, das in der ersten Zeit sorgfältig täglich erneut worden war, blieb schon längst immer das gleiche, denn nach den ersten Wochen war das Personal selbst dieser kleinen Arbeit überdrüssig geworden; und so hungerte zwar der Hungerkünstler weiter, wie er es früher einmal erträumt hatte, und es gelang ihm ohne Mühe ganz so, wie er es damals vorausgesagt hatte, aber niemand zählte die Tage, niemand, nicht einmal der Hungerkünstler selbst wußte, wie groß die Leistung schon war, und sein Herz wurde schwer. Und wenn einmal in der Zeit ein Müßiggänger stehen blieb, sich über die alte Ziffer lustig machte und von Schwindel sprach, so war das in diesem Sinn die dümmste Lüge, welche Gleichgültigkeit und eingeborene Bösartigkeit erfinden konnte, denn nicht der Hungerkünstler betrog, er arbeitete ehrlich, aber die Welt betrog ihn um seinen Lohn.

Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man hier diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen unbenützt stehen lasse; niemand wußte es, bis sich einer mit Hilfe der Ziffertafel an den Hungerkünstler erinnerte. Man rührte mit Stangen das Stroh auf und fand den Hungerkünstler darin. “Du hungerst noch immer?” fragte der Aufseher, “wann wirst du denn endlich aufhören?” “Verzeiht mir alle”, flüsterte der Hungerkünstler; nur der Aufseher, der das Ohr ans Gitter hielt, verstand ihn. “Gewiß”, sagte der Aufseher und legte den Finger an die Stirn, um damit den Zustand des Hungerkünstlers dem Personal anzudeuten, “wir verzeihen dir. ” “Immerfort wollte ich, daß ihr mein Hungern bewundert”, sagte der Hungerkünstler. “Wir bewundern es auch”, sagte der Aufseher entgegenkommend. “Ihr sollt es aber nicht bewundern”, sagte der Hungerkünstler. “Nun, dann bewundern wir es also nicht”, sagte der Aufseher, “warum sollen wir es denn nicht bewundern?” “Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders”, sagte der Hungerkünstler. “Da sieh mal einer”, sagte der Aufseher, “warum kannst du denn nicht anders?” “Weil ich”, sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verloren ginge, “weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle. ” Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er weiterhungre.

“Nun macht aber Ordnung! ” sagte der Aufseher, und man begrub den Hungerkünstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen Panther. Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung, in dem so lange öden Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn. Ihm fehlte nichts. Die Nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohne langes Nachdenken die Wächter; nicht einmal die Freiheit schien er zu vermissen; dieser edle, mit allem Nötigen bis knapp zum Zerreißen ausgestattete Körper schien auch die Freiheit mit sich herumzutragen; irgendwo im Gebiß schien sie zu stecken; und die Freude am Leben kam mit derart starker Glut aus seinem Rachen, daß es für die Zuschauer nicht leicht war, ihr standzuhalten. Aber sie überwanden sich, umdrängten den Käfig und wollten sich gar nicht fortrühren.

FONTE

THE KAFKA PROJECT | EIN HUNGERKÜNSTLER (A HUNGER ARTIST) | EIN HUNGERKÜNSTLER. [S. l.], [s. d.]. Disponível em: http://www.kafka.org/index.php?hungerkuenstler. Acesso em: 28 dez. 2020.

Obra: “O guarda da cripta”, de Franz Kafka [Tradução de Marcelo Backes]

Imagem retirada do site da Revista Cult.

Drama

Escritório pequeno, janela alta, diante dela uma copa de árvore desnuda. Príncipe (à escrivaninha, recostado à cadeira, olhando pela janela), camareiro (barba branca e cheia, jovialmente enfiado em um casaco justo, na janela ao lado da porta central).

(Pausa.)

PRÍNCIPE (Voltando-se da janela.): E então?
CAMAREIRO: Não posso recomendá-lo, alteza.
PRÍNCIPE: Por quê?
CAMAREIRO: No momento, não consigo formular minhas reservas com precisão. Nem de longe seria tudo o que eu pretendo dizer se eu mencionasse apenas a sentença humana que declara: deve-se deixar os mortos descansando.
PRÍNCIPE: É o que eu também penso.
CAMAREIRO: Nesse caso, não entendi direito.
PRÍNCIPE: É o que parece.

(Pausa.)

PRÍNCIPE: A única coisa que vos perturba na questão talvez seja apenas a estranheza de eu não ter dado a ordem sem mais nem menos, e sim vos tê-la anunciado antes.
CAMAREIRO: O anúncio, de qualquer modo, me dá uma responsabilidade maior, à qual preciso me esforçar em corresponder.
PRÍNCIPE: Nada de responsabilidade!

(Pausa.)

PRÍNCIPE: Mais uma vez, então. Até agora a cripta no Parque Frederico era vigiada por um guarda que tem uma casinha na qual mora, à entrada do parque. Havia alguma coisa a reparar nisso tudo?
CAMAREIRO: Com certeza não. A cripta tem mais de quatrocentos anos, e durante esse tempo todo também foi vigiada desse mesmo modo.
PRÍNCIPE: Poderia se tratar de um abuso. Por acaso não é um abuso?
CAMAREIRO: É uma instituição necessária.
PRÍNCIPE: Quer dizer então que é uma instituição necessária. Agora já estou há tanto tempo aqui no castelo de campo, consigo vislumbrar detalhes que até o momento eram confiados a estranhos – eles se mostram eficazes só aos trancos e barrancos – e descobri: o guarda lá em cima no parque não basta, é necessário que um guarda vigie também na parte de baixo, junto à cripta. Talvez não se trate de um encargo agradável. Mas a experiência ensina que para qualquer posto se encontram pessoas dispostas e adequadas.
CAMAREIRO: É claro que tudo que Vossa Alteza ordenar será executado, ainda que a necessidade da ordem não seja compreendida.
PRÍNCIPE (Enfurecido.): Necessidade! Por acaso a guarda no portão do parque é necessária? O Parque Frederico é uma parte do parque do castelo, é completamente envolvido por ele, e o parque do castelo é vigiado à farta, inclusive militarmente. Por que, então, vigiar de modo especial o Parque Frederico? Isso não é uma simples formalidade? Um leito de morte amigável para o pobre ancião responsável pela guarda por lá?
CAMAREIRO: É uma formalidade, mas uma formalidade necessária. Testemunha do respeito ante os grandes mortos.
PRÍNCIPE: E uma guarda na própria cripta?
CAMAREIRO: Ela teria, segundo a minha opinião, um ressaibo policialesco, ela seria uma guarda real de coisas irreais e distantes do humano.
PRÍNCIPE: Essa cripta é, na minha família, a fronteira entre o humano e o resto, e eu quero estabelecer uma guarda nessa fronteira. Acerca da – conforme vós vos expressais – necessidade policialesca da mesma podemos interrogar o próprio guarda. Eu mandei que ele viesse. (Faz soar a campainha.)
CAMAREIRO: Trata-se, se é que posso me permitir a observação, de um ancião confuso, já completamente fora de si.
Príncipe: Se é assim, isso seria apenas mais uma prova da necessidade de um reforço da guarda em meu favor e no sentido que imagino.

(Criado.)

PRÍNCIPE: O guarda da cripta!
(O criado conduz o guarda para dentro, segura-o por baixo do braço, do contrário, ele desabaria. Uma libré solene e antiga, vermelha, balançando larga em torno dele, botões de prata lustrados, diferentes honrarias. Quepe na mão. Ele treme sob o olhar dos senhores.)
PRÍNCIPE: Para o leito de repouso!

(O criado o deita e sai. Pausa. Apenas o estertorar baixinho do guarda.)

PRÍNCIPE (Mais uma vez na cadeira de braços.): Estás ouvindo?
GUARDA (Se esforça em responder, mas não consegue, está esgotado demais, volta a desabar na cama.): …

PRÍNCIPE: Tenta buscar forças. Nós esperaremos.
CAMAREIRO (Curvado para o príncipe.): A respeito de que assunto este homem poderia dar informações, e de fato informações importantes ou dignas de crença? Seria melhor levá-lo o mais rápido possível para a cama.
GUARDA: Para a cama não… ainda tenho forças… relativamente… ainda sou um homem em plena forma.
PRÍNCIPE: Assim é que deveria ser. Tu tens apenas 60 anos. Mas, de qualquer modo, pareces estar bastante fraco.
GUARDA: Logo terei me restabelecido… logo.
PRÍNCIPE: Isso não foi uma censura. Apenas lamento que estejas tão mal. Tens algo do que te queixar?
GUARDA: Trabalho pesado… trabalho pesado… não me queixo… mas esgota muito… lutas no ringue todas as noites.
PRÍNCIPE: O que estás dizendo?
GUARDA: Trabalho pesado.
PRÍNCIPE: Mas disseste mais uma coisa.
GUARDA: Lutas no ringue.
PRÍNCIPE: Lutas no ringue? Que lutas são essas?
GUARDA: Com os antepassados saudosos.
PRÍNCIPE: Isso eu não entendo. Tens sonhos pesados?
GUARDA: Nada de sonhos… não durmo em noite alguma.
PRÍNCIPE: Mas então conte dessas… dessas lutas no ringue.
GUARDA (Fica calado.): …
PRÍNCIPE (Ao camareiro.): Por que ele se cala?
CAMAREIRO (Corre até o guarda.): Tudo pode chegar ao fim para ele a qualquer momento.
PRÍNCIPE (Parado junto à mesa.):…
GUARDA (Quando o camareiro o toca.): Fora, fora, fora! (Luta com os dedos do camareiro, depois se joga na cama chorando.)
PRÍNCIPE: Nós o estamos torturando.
CAMAREIRO: Com o quê?
PRÍNCIPE: Não sei.
CAMAREIRO: O caminho para o castelo, a apresentação, a vista de Vossa Alteza, as perguntas… a tudo isso ele não tem mais juízo suficiente para contrapor o que quer que seja.
PRÍNCIPE (Não cessa de olhar para o guarda.): Não é isso. (Vai para o leito de repouso, curva-se para o guarda, toma seu pequeno crânio entre as mãos.) Não precisa chorar. Por que estás chorando? Nós queremos o teu bem. Eu mesmo não considero fácil o teu encargo. Com certeza alcançaste merecimentos servindo a minha casa. Portanto, não chora mais e conta.
GUARDA: Mas se eu temo tanto aquele senhor ali… (Olha para o camareiro de modo ameaçador, não amedrontado.)
PRÍNCIPE (Ao camareiro.): Vós precisais ir, caso ele deva contar.
CAMAREIRO: Mas vede, alteza, ele tem espuma na boca, está gravemente enfermo.
PRÍNCIPE (Distraído.): Sim, ide, não demorará muito.

(O camareiro sai. O príncipe senta-se à beira do leito de repouso. Pausa.)

PRÍNCIPE: Por que tu sentiste medo dele?
GUARDA (Chamativamente contido.): Eu não senti medo. Sentir medo de um criado?
PRÍNCIPE: Ele não é criado. É um conde, livre e rico.
GUARDA: De qualquer modo, apenas um criado. Tu és o senhor.
PRÍNCIPE: Se fazes questão de que seja assim… Mas tu mesmo disseste que sentes medo dele.
GUARDA: Tenho coisas a contar dele que apenas tu deves saber. Será que eu já não falei demais na frente dele?
PRÍNCIPE: Quer dizer que somos íntimos, mesmo que eu tenha te visto hoje pela primeira vez.
GUARDA: Visto pela primeira vez, mas sabes desde sempre que eu (Erguendo o indicador.) tenho o mais importante dos cargos da corte. Tu mesmo o reconheceste publicamente ao me conceder a medalha Vermelho-Fogo. Aqui! (Ergue a medalha presa à casaca.)
PRÍNCIPE: Não, esta é uma medalha dada quando alguém atinge 25 anos de trabalho na corte. Foi meu avô que a concedeu a ti. Mas também eu vou te distinguir.
GUARDA: Faz o que achares bom e corresponda à importância dos meus serviços. Já sirvo há trinta anos como guarda da cripta.
PRÍNCIPE: Não a mim, meu governo mal dura um ano.
GUARDA (Perdido em pensamentos.): Trinta anos.

(Pausa.)

GUARDA (Voltando mais ou menos à observação do príncipe.): As noites lá demoram anos.
PRÍNCIPE: Ainda não recebi nenhum relatório da tua repartição. Como é o trabalho?
GUARDA: Igual todas as noites. Todas as noites se chega perto de estourar a veia do pescoço.
PRÍNCIPE: E o trabalho é apenas noturno? Um trabalho noturno para ti, ancião?
GUARDA: Justamente isso, alteza. O trabalho é diurno. Um posto para preguiçosos. Fica-se sentado diante da porta de casa, a boca aberta ao clarão do sol. Às vezes, o cão de guarda bota as patas dianteiras sobre teus joelhos e depois volta a se deitar. Isso é tudo o que acontece.
PRÍNCIPE: Pois então.

GUARDA (Assentindo.): Mas ele foi transformado em trabalho noturno.

PRÍNCIPE: E por quem?
GUARDA: Pelos senhores da cripta.
PRÍNCIPE: E tu os conheces?
GUARDA: Sim.
PRÍNCIPE: Eles se apresentam diante de ti?
GUARDA: Sim.
PRÍNCIPE: Inclusive ontem à noite.
GUARDA: Inclusive.
PRÍNCIPE: E como foi?

GUARDA (Sentando ereto.): Como sempre.

PRÍNCIPE (Levanta-se.): …
GUARDA: Como sempre. Até a meia-noite fica tudo em paz. Fico deitado – peço perdão por isso – na cama, e fumo meu cachimbo. Na cama ao lado, dorme minha filha. À meia-noite, ouço a primeira batida na janela. Olho para o relógio. Sempre pontualmente. A batida se repete ainda duas vezes, mistura-se às batidas do relógio da torre e não é mais fraca. Não são os nós de dedos humanos. Mas conheço tudo isso e não me mexo. Então ouço um pigarrear lá fora, parece que se estranha o fato de eu não abrir a janela apesar dessas batidas. Que sua Alteza Real também se admire! O velho guarda continua a postos! (Mostra o punho.)
PRÍNCIPE: Estás me ameaçando?
GUARDA (Não entende imediatamente.): Não a ti. A quem está diante da janela!
PRÍNCIPE: E quem é?
GUARDA: Logo ficará claro. De um só golpe, se abrem a janela e a persiana. Mal chego a ter tempo de jogar o cobertor sobre o rosto de minha filha. A tempestade sopra para dentro, e num instante apaga a luz. Duque Frederico! Seu rosto barbudo e seus cabelos tapam completamente minha pobre janela. Como ele mudou ao longo dos séculos. Quando abre a boca para falar, o vento lhe sopra a barba antiga entre os dentes e ele a morde.
PRÍNCIPE: Só um momento, dizes duque Frederico. Que Frederico?
GUARDA: O duque Frederico, apenas duque Frederico.
PRÍNCIPE: É assim que ele diz que é seu nome?
GUARDA (Amedrontado.): Não, ele não diz seu nome.
PRÍNCIPE: E mesmo assim sabes… (Interrompendo-se.) Continue contando!
GUARDA: Devo continuar contando?
PRÍNCIPE: Mas é claro. Isso me interessa muito, há aqui um erro na distribuição do trabalho. Tu estavas sobrecarregado.
GUARDA (Ajoelhando-se.): Não tome o posto de mim, alteza. Se vivi tanto tempo por ti, permite também que eu morra por ti! Não mande emparedar o túmulo que busco com tanto empenho. Gosto de servir e ainda tenho capacidade de fazê-lo. Uma audiência como a de hoje, um descanso junto ao senhor, me dá forças para dez anos.
PRÍNCIPE (Volta a sentá-lo no leito de repouso.): Ninguém vai tomar teu posto. Como eu poderia abrir mão de tua experiência por lá? Mas vou determinar que um guarda te auxilie e tu te tornarás chefe da guarda.
GUARDA: Não sou mais suficiente? Por acaso deixei passar alguém, algum dia?
PRÍNCIPE: Para dentro do Parque Frederico?
GUARDA: Não, para fora do parque. Por acaso alguém quer entrar? Se alguma vez alguém fica parado diante das grades, eu aceno com a mão da janela e ele sai correndo. Mas sair, todos querem sair. Depois da meia-noite, podes encontrar reunidas em torno da minha casa todas as vozes dos túmulos. Acredito que apenas por se acotovelarem tanto é que elas não entram todas, com tudo aquilo que são, pelo buraco estreito da minha janela. Mas quando as coisas ficam complicadas demais, pego o lampião debaixo da cama, agito-o bem alto e eles se separam, seres incompreensíveis, afastando-se uns dos outros com gargalhadas e lamentos; no entanto, até mesmo na última moita, na extremidade do parque, eu ainda os ouço farfalhando. Mas logo eles voltam a se juntar.
PRÍNCIPE: E eles fazem pedidos?
GUARDA: Primeiro dão ordens. O duque Frederico antes de todos os outros. Nenhum ser vivo é tão confiante. Há trinta anos, todas as noites, ele espera me encontrar combalido uma única vez.
PRÍNCIPE: Se ele aparece há trinta anos, não pode ser o duque Frederico, que morreu há apenas 15 anos. Mas ele também é o único com esse nome na cripta.
GUARDA (Tocado demais pelo que foi contado.): Não sei nada disso, alteza, não estudei. Sei apenas como ele começa. “Cachorro velho”, ele começa dizendo junto à janela, “os senhores batem e tu ficas deitado em tua cama suja”. Eles, aliás, sempre têm ódio às camas. E então falamos todas as noites quase a mesma coisa. Ele lá fora, eu diante dele com as costas voltadas para a porta. Eu digo: “Trabalho apenas de dia.” Ele, o senhor, volta-se e grita para o parque: “Ele trabalha apenas de dia.” A resposta é uma gargalhada geral de toda a nobreza reunida. Então o duque volta a dizer, dirigindo-se a mim: “Mas é dia.” Eu, logo depois: “O senhor se engana.” O duque: “Dia ou noite, abre o portão!” Eu: “Isso é contra as regras do meu trabalho.” E eu aponto o bastão do cachimbo para uma folha na parede. O duque: “Mas tu és o nosso guarda.” Eu: “Vosso guarda, mas empregado pelo príncipe regente.” Ele: “Nosso guarda, e é isso que importa. Portanto abre, e imediatamente.” Eu: “Não.” Ele: “Estúpido, vais perder teu emprego. O duque Leo nos convidou hoje.”
PRÍNCIPE (Imediatamente.): Eu?
GUARDA: Tu.

(Pausa.)

GUARDA: Quando ouço teu nome, perco minha segurança. Por isso logo me recosto com cautela à porta, que então passa a ser a responsável quase única por me deixar ereto. Lá fora todos cantam teu nome. “Onde está o convite?”, eu pergunto baixinho. “Animal de cama”, grita ele, “tu duvidas de minha palavra de duque?”. Eu digo: “Não tenho nenhuma ordem nesse sentido, e por isso não vou abrir, não vou abrir e não vou abrir.” “Ele não vai abrir”, grita o duque para fora, “avante, portanto, todos, a dinastia inteira, contra o portão, vamos abrir nós mesmos”. E no momento está tudo vazio diante da minha janela.

(Pausa.)

PRÍNCIPE: Isso é tudo?
GUARDA: Como assim? Só agora é que começa meu verdadeiro serviço. Saio porta afora, ando em torno da casa e logo me choco com o duque e já balançamos em meio à luta. Ele, tão alto, eu, tão baixo, ele, tão largo, eu, tão magro, eu luto apenas com seus pés, mas às vezes ele me ergue e então eu luto também com a parte de cima do corpo. Em torno de nós estão todos os seus camaradas, reunidos em círculo, e riem de mim. Um, por exemplo, corta minhas calças na parte de trás, e então todos também brincam com a ponta da minha camisa, enquanto eu luto. Incompreensível por que eles riem, se até agora sempre acabei vencendo.
PRÍNCIPE: Mas como é possível que venças? Tens armas?
GUARDA: Só nos primeiros anos levei armas comigo. Mas em que elas poderiam me ajudar contra ele? Apenas eram um peso a mais. Nós lutamos somente com os punhos, ou, na verdade, apenas com a força da respiração. E tu sempre estás em meus pensamentos.

(Pausa.)

GUARDA: Mas jamais duvido da minha vitória. Só às vezes temo que o duque possa me perder entre seus dedos e não mais saber que está lutando.
PRÍNCIPE: E quando vences, enfim?
GUARDA: Quando amanhece. Então ele me joga ao chão e cospe em mim, e assim confessa sua derrota. Mas eu preciso ficar deitado ainda uma hora antes de conseguir respirar bem de novo.

(Pausa.)

PRÍNCIPE (Levantando-se.): Mas me dize uma coisa, não sabes realmente o que eles querem?
GUARDA: Sair do parque.
PRÍNCIPE: Mas por quê?
GUARDA: Isso eu não sei.
PRÍNCIPE: Jamais perguntaste a eles?
GUARDA: Nunca.
PRÍNCIPE: Por quê?
GUARDA: Tenho vergonha. Mas, se quiseres, vou perguntar hoje.
PRÍNCIPE (Assustando-se, em voz alta.): Hoje?
GUARDA (Como um perito.): Sim, hoje.
PRÍNCIPE: E não tens a menor ideia do que eles querem?
GUARDA (Pensativo.): Não.

(Pausa.)

GUARDA: Às vezes, talvez eu ainda deva dizer isso, vem até mim, bem cedo, quando ainda estou caído no chão, sem fôlego – me sinto tão fraco nesses momentos até para abrir os olhos –, um ser suave, úmido e peludo, uma retardatária, a condessa Isabella. Ela me apalpa em vários lugares, segura minha barba, passa todo o seu comprimento pelo meu pescoço, por baixo do queixo, e costuma dizer: “Podes não deixar os outros passar, mas a mim, a mim, sim, deixa sair.” Eu sacudo negativamente a cabeça tanto quanto posso. “Para ir até o príncipe Leo e lhe estender a mão.” Eu não paro de sacudir a cabeça. “Só a mim, só a mim”, eu ainda ouço, e então ela já se foi. E minha filha chega com cobertores, me envolve e espera perto de mim até que eu consiga caminhar sozinho. Uma menina extraordinariamente boa.
PRÍNCIPE: Um nome desconhecido, Isabella.

(Pausa.)

PRÍNCIPE: Estender-me a mão. (Vai até a janela, olha para fora.)

(O criado entra pela porta central.)

CRIADO: Vossa Alteza, a honorável senhora princesa pede para chamá-lo.
PRÍNCIPE (Olha distraído para o criado – depois para o guarda.): Espere até que eu venha. (Sai pela esquerda.)

(Imediatamente chega o camareiro pela porta central, depois o preceptor-chefe – um homem jovem, uniforme de oficial.)

GUARDA (Abaixa-se, escondendo-se atrás do leito de repouso como se visse fantasmas, e meneia as mãos como se lutasse.)
PRECEPTOR-CHEFE: O príncipe saiu?
CAMAREIRO: Seguindo seu conselho, a senhora princesa mandou chamá-lo agora.
PRECEPTOR-CHEFE: Muito bem. (Volta-se de repente, curva-se por trás do leito de repouso.) E tu, fantasma miserável, ousas realmente vir até o castelo do príncipe? Não temes o pontapé formidável que te botará portão afora?
GUARDA: Eu estou, eu estou…
PRECEPTOR-CHEFE: Silêncio, primeiro fique em silêncio, em completo silêncio… E sente-se aqui, no cantinho! (Ao camareiro:) Agradeço ao senhor as notícias acerca dos novos humores principescos.
CAMAREIRO: O senhor mandou me perguntar.
PRECEPTOR-CHEFE: Pelo menos isso. E agora uma palavra de confiança. Intencionalmente diante dessa coisa aí. O senhor, senhor conde, está flertando com o partido inimigo.
CAMAREIRO: Isso é uma acusação?
PRECEPTOR-CHEFE: Por enquanto, é uma acusação.
CAMAREIRO: Então posso responder. Eu não flerto com o partido inimigo, pois não o reconheço. Sinto as correntes políticas, mas não mergulho nelas. Ainda sou um produto da política aberta que valia sob o reinado do duque Frederico. À época, a única política no serviço da corte era servir ao príncipe. Uma vez que ele era um solteirão, isso ficou mais fácil, mas não deveria jamais ser difícil.
PRECEPTOR-CHEFE: Bem razoável. Só que o próprio nariz – por mais fiel que seja – jamais mostra o caminho certo de modo duradouro; este é apontado apenas pelo juízo. O juízo, no entanto, precisa se decidir. Dado o caso de que o príncipe esteja se desviando do caminho: servimo-lo se o acompanhamos para baixo ou se – com toda a obediência – o instamos a voltar? Sem dúvida, se o instamos a voltar.
CAMAREIRO: O senhor veio de uma corte estranha com a princesa, está há meio ano aqui e já quer logo conduzir os padrões que definem o que é bom e o que é mau nas complicadas relações da corte?
PRECEPTOR-CHEFE: Quem pisca vê apenas complicações. Quem mantém os olhos abertos vê, tanto na primeira hora como depois de cem anos, o que é eternamente claro. Aqui, contudo, vê o tristemente claro, mas que já nos próximos dias se aproximará de uma decisão que esperamos seja boa.
CAMAREIRO: Não posso acreditar que a decisão que o senhor quer encaminhar, da qual, aliás, conheço apenas o anúncio, será uma boa decisão. Temo que o senhor compreenda mal os nossos príncipes, a corte e tudo por aqui.
PRECEPTOR-CHEFE: Se compreendo ou não compreendo, a situação atual é insustentável.
CAMAREIRO: Ela pode até ser insustentável, mas surge da essência das coisas por aqui, e nós teremos de sustentá-la até o fim.
PRECEPTOR-CHEFE: Mas não a princesa, nem eu, nem os que estão conosco.
CAMAREIRO: Onde, então, o senhor vê o aspecto insustentável?
PRECEPTOR-CHEFE: Justamente em face da decisão, quero falar com toda a clareza. O príncipe tem uma feição dupla. Uma delas se ocupa do governo e oscila distraída diante do povo, não observa os próprios direitos. A outra procura, é preciso reconhecer, de modo bem preciso, o reforço de seu fundamento. Procura-o no passado, e lá mergulha cada vez mais fundo. Que desconhecimento da situação! Um desconhecimento, que não é sem grandeza, que, no entanto, é maior em sua deficiência do que em sua visão. Como o senhor é capaz de não ver isso?
CAMAREIRO: Não me volto contra a descrição do problema, apenas contra o veredicto.
PRECEPTOR-CHEFE: Contra o veredicto? Mas, na esperança de contar com sua concordância, o veredicto ainda foi bem mais suave do que de fato deveria ser, segundo eu penso. E se ainda não mandei executar o mesmo veredicto, é apenas para poupar o senhor. Mas só uma coisa: o príncipe, na realidade, não necessita de nenhum reforço de seu fundamento. Que ele faça uso de todos os meios de poder de que dispõe no momento, e haverá de chegar à conclusão de que eles são suficientes para conseguir tudo o que a responsabilidade mais atilada pode exigir dele diante de Deus e dos homens. Mas ele se esquiva do equilíbrio da vida, e está a caminho de se tornar um tirano.
CAMAREIRO: E seu comportamento humilde!
PRECEPTOR-CHEFE: Humildade apenas de uma das feições, porque ele precisa de todas as forças para a segunda, que junta o fundamento que, por exemplo, deve ser suficiente para a Torre de Babel. Esse trabalho precisa ser impedido, e essa deveria ser a única política daqueles que se preocupam com sua existência pessoal, com o principado, com a princesa e quem sabe até mesmo com o príncipe.
CAMAREIRO: “Quem sabe até mesmo”… O senhor está realmente sendo muito sincero. Sua sinceridade, para dizer a verdade, me faz tremer ante a decisão anunciada. E lamento, conforme, aliás, lamentei diversas vezes nos últimos tempos, ser fiel ao príncipe, mesmo que para tanto seja obrigado a deixar de defender a mim mesmo.
PRECEPTOR-CHEFE: Tudo está claro. O senhor não flerta com o partido inimigo, mas inclusive lhe estende uma mão. Apenas uma, no entanto, e isso é digno de louvor para um antigo funcionário da corte. Mas sua única esperança permanecerá sendo a de que nosso grande exemplo leve o senhor conosco.
CAMAREIRO: O que eu puder fazer contra isso farei.
PRECEPTOR-CHEFE: Não tenho mais medo disso. (Apontando para o guarda.) E tu, que só sabes ficar sentado aí, tão quietinho, entendeste tudo o que foi dito agora?
CAMAREIRO: O guarda da cripta?
PRECEPTOR-CHEFE: O guarda da cripta. É provável que se tenha de vir do estrangeiro para reconhecê-lo. Não é verdade, meu jovem, seu velho corujinha? O senhor deveria vê-lo voando uma vez à noite pela floresta, nenhum atirador consegue acertá-lo. Mas de dia se encolhe e se esconde em um canto qualquer.
CAMAREIRO: Não estou entendendo.
GUARDA (Quase chorando.): O senhor briga comigo e eu não sei por quê. Permita que eu vá para casa. Não sou nada de ruim, apenas o guarda da cripta.
CAMAREIRO: O senhor desconfia dele.
PRECEPTOR-CHEFE: Desconfiar dele? Não, para isso ele é insignificante demais. Mas quero deitar minha mão sobre ele mesmo assim. Penso – e o senhor pode chamar a isso de capricho ou de crendice – que ele não é apenas um instrumento do mal, mas sim um trabalhador autônomo, aliás, muito honrado, em favor do mal.
CAMAREIRO: Ele já serve a corte há talvez trinta anos com toda a tranquilidade, sem provavelmente jamais ter estado no castelo.
PRECEPTOR-CHEFE: Ah, toupeiras assim constroem longas tocas antes de aparecer. (Voltando-se para o guarda de repente.) Primeiro, fora com esse daí! (Para o criado.) Tu vais levá-lo ao Parque Frederico, ficarás com ele e não o deixarás sair mais até ordem em contrário.
GUARDA (Com muito medo.): Mas eu devo esperar por Sua Alteza o príncipe.
PRECEPTOR-CHEFE: Engana-te… Vá embora daqui.
CAMAREIRO: Ele precisa ser poupado. É um homem velho e doente, e o príncipe de algum modo gosta dele.
GUARDA (Curvando-se profundamente diante do camareiro.)
PRECEPTOR-CHEFE: Como? (Ao criado.) Trate-o com cuidado, poupando-o, mas leve-o embora daqui de uma vez por todas! E rápido!
CRIADO (Quer agarrar o guarda.): 
CAMAREIRO (Colocando-se no meio deles.): Não, é preciso trazer um carro.
PRECEPTOR-CHEFE: Esse é o ar da corte. Não consigo distinguir o gosto de um só grão de sal. Um carro, pois. Vais conduzir essa preciosidade em um carro. Mas saiam já do recinto, os dois. (Ao camareiro.) O comportamento do senhor me diz que…

(O guarda desaba com um pequeno grito no caminho até a porta.)

PRECEPTOR-CHEFE (Golpeando o chão com os pés.): É impossível se livrar dele. Carregue-o nos braços, então, caso não haja outro jeito. Entende de uma vez por todas o que se quer de ti.
CAMAREIRO: O príncipe!
CRIADO (Abre a porta à esquerda.): 
PRECEPTOR-CHEFE: Ah! (Olha para o guarda.) Eu deveria saber, fantasmas não podem ser transportados.

(Entra o príncipe e, em passo rápido, atrás dele, a princesa, mulher jovem e morena, dentes cerrados, fica parada à porta.)

PRÍNCIPE: O que foi que aconteceu?
PRECEPTOR-CHEFE: O guarda se sentiu mal, eu queria mandar levá-lo embora daqui.
PRÍNCIPE: Deveriam ter me informado. Já buscaram um médico?
CAMAREIRO: Vou mandar chamá-lo. (Sai às pressas pela porta central, volta logo depois.)
PRÍNCIPE (Enquanto se ajoelha junto ao guarda.): Preparem uma cama para ele. Busquem a maca! O médico já está vindo? Quanto tempo ainda ele vai demorar? O pulso está tão fraco. O coração não pode mais ser sentido. As miseráveis costelas à vista. Como tudo isso está gasto. (Levanta-se de repente, pega um copo d’água, enquanto olha à sua volta.) Todo mundo tão imóvel. (Logo volta a se ajoelhar, umedece o rosto do guarda.)Eis que já está respirando melhor. Não haverá de ser tão ruim, um tronco saudável, mesmo na pior das misérias, ele não falha. Mas o médico, onde está o médico? (Enquanto o príncipe olha para a porta, o guarda ergue a mão e acaricia a face do soberano.)

(A princesa desvia os olhos para a janela. O criado entra com a maca, o príncipe ajuda a botar o guarda sobre ela.)

PRÍNCIPE: Agarrem-no com suavidade. Ah, com vossas patas! Ergam um pouco a cabeça. Mais perto da maca. O travesseiro mais fundo, debaixo das costas. O braço! O braço! Vós sois péssimos enfermeiros, péssimos. Tomara que um dia vos sintais tão cansados como este sobre a maca… Assim… E agora, em passo bem lento. E, sobretudo, regular. Vou ficar atrás de vós. (À porta, para a princesa.) Este é, pois, o guarda da cripta.

(A princesa assente.)

PRÍNCIPE: Pensei em mostrá-lo a ti de modo diferente. (Depois de mais um passo.) Não queres vir junto?
PRINCESA: Estou tão cansada.
PRÍNCIPE: Assim que tiver falado com o médico, eu volto. E os senhores me darão notícias, esperem por mim. (Sai.)
PRECEPTOR-CHEFE (À princesa.): Sua Alteza precisa de meus serviços?
PRINCESA: Sempre. Agradeço ao senhor sua vigilância. Não a abandone, ainda que ela hoje tenha sido em vão. Vale tudo. O senhor vê mais do que eu. Eu estou em meu quarto. Mas sei que tudo vai ficar cada vez mais sombrio. Dessa vez, o outono está mais triste do que nunca.

 

Obra: “109 Aforismos”, de Franz Kafka [Tradução de Modesto Carone]

 

Franz Kafka, de Steve Hammond Seguindo

 

O Dicionário etimológico de José Pedro Machad [1] informa que a palavra “aforismo” deriva do grego e chegou à língua portuguesa através do latim tardio aphorismus, com o significado de “limitação, breve definição, sentença”. Acrescenta que, com o tempo (já está documentado no século xvi), o termo passou a designar “uma sentença breve e indiscutível, que resume uma doutrina”.
Kafka recorreu ao aforismo em suas conversas (por exemplo, com o poeta Gustav Janouch, autor do livro Conversas com Kafka, de 1953) e no decorrer de sua carreira como escritor. Uma das principais coleções dessas “sentenças breves e indiscutíveis” foi publicada no pequeno e famoso livro Er [Ele], a partir das anotações dos diários que o escritor manteve de 1909 a 1923-4.

Do outono de 1917 até a primavera de 1918, o pensador de Praga, já muito doente, recebeu uma licença de saúde do trabalho de jurista e foi morar na propriedade de Zürau, dirigida por sua irmã predileta, Ottla. Foi no campo, com a “respiração diferente” e atento à gravidade da tuberculose pulmonar que deveria matá-lo (sua primeira hemoptise ocorreu em 1917), que ele se dedicou com afinco a esse tipo de escrita, que testemunha sua preocupação com a vida e a morte, lembrando pelo laconismo, ou então pela frase circunstanciada, o “protocolo kafkiano”, que coincide, em longa medida, com o seu gosto pela narrativa breve (contos, novelas, parábolas), que vinca sua obra e, até certo ponto, supera, pela composição enxuta e muitas vezes rasante, os grandes romances do espólio.

Nesse período, Kafka absteve-se de escrever ficção, só voltando a ela bem mais tarde — o torso colossal de O castelo, por exemplo, foi redigido em seis meses em 1922, dois anos antes de sua morte.

O aspecto factual mais relevante dos 109 Aforismos reunidos é que eles resultaram de uma seleção feita pelo autor, depois de tê-los passado a limpo à mão, com a evidente intenção de dá-los a público. Tudo indica que não houve tempo hábil para tomar essa decisão. A discrição de Kafka chegava a esse ponto e de certo modo explica sua tentativa (felizmente fracassada) de mandar o amigo Max Brod destruir os escritos não publicados em vida.

A base para este trabalho foi o volume Beim Bau der Chinesischen Mauer und andere Schriften aus dem Nachlass [Durante a construção da Muralha da China e outros escritos do espólio], incluído entre os doze tomos da edição de bolso elaborada segundo os manuscritos originais da edição crítica das obras de Franz Kafka (Org. de Hans-Gerd Koch, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 1994).

 

AFORISMOS

1
O verdadeiro caminho passa por uma corda que não está esticada no alto, mas logo acima do chão. Parece mais destinada a fazer tropeçar do que a ser trilhada.

2
Todos os erros humanos são impaciência, uma ruptura precoce do que é metódico, uma aparente implantação daquilo que é aparente.

3
Existem dois pecados capitais, dos quais todos os outros derivam: impaciência e indolência. Por causa da impaciência os homens foram expulsos do paraíso, por causa da indolência eles não voltam. Mas talvez só exista um pecado capital: a impaciência. Por causa da impaciência eles foram expulsos, por causa dela eles não voltam.

4
Muitas sombras dos que morreram ocupam-se apenas em lamber as ondas do rio dos mortos, porque ele corre a partir de nós e ainda tem o gosto salgado dos nossos mares. O rio então recua de nojo, flui em sentido contrário e atira os mortos de volta à vida. Estes, porém, estão felizes, cantam canções de graça e acariciam o fluxo indignado.

5
A partir de certo ponto não há mais retorno. É este o ponto que tem de ser alcançado.

6
O momento decisivo da evolução humana é permanente. Por isso estão certos os movimentos revolucionários do espírito que declaram nulo tudo o que veio antes, pois nada ainda aconteceu.

7
Um dos meios de sedução mais eficazes do mal é a exortação à luta. É como a luta com mulheres, que termina na cama.

8-9
Uma cadela de mau cheiro, que pariu numerosos filhotes, em parte já apodrecendo, mas que na minha infância era tudo para mim, que me segue fielmente o tempo todo, em quem não consigo bater, mas que, mesmo evitando seu hálito, eu me desvio indo para trás e que, se não me decido por alguma outra coisa, irá me empurrar até o canto já visível da parede, para se decompor totalmente em cima de mim e comigo — é uma honra que me dá? —, a carne purulenta e cheia de vermes da sua língua em minha mão.

10
A. está muito cheio de si, julga-se bem adiantado na bondade, uma vez que — evidentemente como um objeto cada vez mais sedutor — se sente exposto a um número sempre maior de seduções, que até então lhe eram totalmente desconhecidas. A explicação certa, porém, é que nele se instalou um grande demônio e uma infinidade de outros, menores, vem vindo para servir ao maior.

11-12
Diferença das visões que se pode ter, por exemplo, de uma maçã: a visão do menino que precisa esticar o pescoço para ainda ver a maçã sobre o tampo da mesa e a do dono da casa, que pega a maçã e a estende livremente ao companheiro de mesa.

13
Um primeiro sinal do início do conhecimento é o desejo de morrer. Esta vida parece insuportável, a outra inatingível. A pessoa já não se envergonha mais de querer morrer; pede para ser levada da velha cela que ela odeia para uma nova, que só então aprenderá a odiar. Persiste um resíduo de fé durante a transferência se o senhor casualmente passar pelo corredor, avistar o prisioneiro e disser: “Este homem vocês não podem prender outra vez. Ele vai para a minha casa”.

14
Se você estivesse cruzando uma planície com a firme intenção de ir em frente, mas andasse para trás, isso então seria desesperador; mas uma vez que está escalando uma encosta íngreme, tão íngreme quanto você próprio é visto de baixo, os passos para trás podem ser causados apenas pela condição do terreno e você não precisa se desesperar.

15
Como uma trilha no outono: mal foi varrida, cobre-se outra vez de folhas secas.

16
Uma gaiola saiu à procura de um pássaro.

17
Neste lugar eu ainda nunca estive: a respiração é diferente e, mais ofuscante que o sol, brilha ao seu lado uma estrela.

18
Se tivesse sido possível construir a torre de Babel sem escalá-la até o topo, ela teria sido permitida.

19
Não deixe que o mal o faça acreditar que você poderia guardar segredos diante dele.

20
Leopardos irrompem no templo e bebem até o fim os jarros de sacrifício; isso se repete sempre, sem interrupção; finalmente pode-se contar de antemão com esse ato e ele se transforma em parte da cerimônia.

21
Com tanta firmeza quanto a mão segura a pedra. Ela a segura firmemente, porém, só para atirá-la mais longe. Mas o caminho também leva àquelas distâncias.

22
Você é a lição de casa. Por todos os lados nenhum aluno.

23
Do adversário de verdade flui uma coragem sem limites para dentro de você.

24
Compreender a felicidade de que o solo sobre o qual você se mantém não pode ser maior que os dois pés que o cobrem.

25
Como é possível alguém alegrar-se com o mundo, a não ser quando se refugia nele?

26
Os esconderijos são inumeráveis, a salvação apenas uma, mas as possibilidades de salvação, por sua vez, são tantas quanto os esconderijos.
Existe um objetivo, mas nenhum caminho; o que chamamos de caminho é hesitação.

27
Ainda nos impõem fazer o que é negativo; o positivo já nos foi dado.

28
Uma vez incorporado o mal, não se exige mais que se acredite nele.

29
O animal arranca o chicote das mãos do dono e chicoteia a si mesmo, sem saber que isso é apenas uma fantasia produzida por um novo nó na correia.

30
Em certo sentido o bem não tem consolo.

31
Não aspiro ao autocontrole. Autocontrole significa: querer atuar num lugar aleatório das irradiações infinitas da minha existência espiritual. Mas tenho de traçar estes círculos em torno de mim, por isso é melhor fazê-lo passivamente no puro espanto de admiração perante o imenso complexo e levar para casa apenas a força que, e contrário, essa visão oferece.

32
As gralhas afirmam que uma só poderia destruir o céu. Não há dúvida quanto a isso, mas não prova nada contra o céu, pois os céus significam justamente: impossibilidade de gralhas.

33
Os mártires não subestimam o corpo, deixam que ele seja erguido na cruz e nisso estão de acordo com os antagonistas.

34
Sua exaustão é a do gladiador após a luta, seu trabalho foi caiar o canto do escritório de um funcionário.

35
Não existe um ter, somente um ser — apenas um ser que anseia pelo último alento, pela asfixia.

36
Antes eu não entendia por que não recebia nenhuma resposta à minha pergunta, hoje não entendo como podia acreditar que era capaz de acreditar. Mas realmente não acreditava, só perguntava.

37
Sua resposta à afirmação de que talvez tivesse posses, mas não existência, foi apenas tremor e taquicardia.

38
Alguém se espantava com o fato de andar com facilidade pelo caminho da eternidade; na verdade ele o percorria para baixo.

39
Não se pode pagar o mal a prestação — e, no entanto, as pessoas tentam isso sem parar.
Seria concebível que Alexandre, o Grande, a despeito dos êxitos guerreiros de sua juventude, do excelente exército que formou, das forças que sentia dentro de si para mudar o mundo, tenha estacado às margens do Helesponto e jamais o atravessado, na verdade não por medo, indecisão ou falta de energia, mas por causa da força da gravidade.

39a
O caminho é infinito, não há nada a subtrair ou acrescentar e, no entanto, todos insistem na própria medida infantil. “Certamente você precisa percorrer mais esse côvado de caminho, isso não lhe será negado.”

40
Só a nossa concepção de tempo nos faz nomear o Juízo Final com essas palavras; na realidade ele é uma corte permanente.

41
A desproporção do mundo parece ser, de maneira consoladora, apenas numérica.

42
Permitir que a cabeça cheia de asco e ódio afunde no peito.

43
Os cães de caça ainda brincam no pátio, mas a presa não lhes escapa, por mais que já dispare pelas florestas.

44
É ridículo como você coloca arreios em si mesmo para este mundo.

45
Quanto mais cavalos você atrela para o trabalho, tanto mais rápido ele anda, ou seja: não para arrancar os blocos de alicerce, o que é impossível, mas para rebentar as correias e, como resultado, a alegre viagem vazia.

46
A palavra ser [sein] significa duas coisas em alemão: estar aí [Dasein] e pertencer-lhe [Ihm gehören].

47
Foi-lhes apresentada a opção para se tornarem reis ou mensageiros dos reis. À maneira das crianças, todos quiseram ser mensageiros. É por isso que existe um bando de mensageiros que correm pelo mundo e, uma vez que não há mais reis, bradam uns para os outros as mensagens que perderam o sentido. Gostariam de pôr um fim à sua vida miserável, mas não ousam fazê-lo por causa do juramento de ofício.

48
Crer no progresso não significa crer que ele já aconteceu. Isso não é crença.

49
A. é um virtuose e o céu sua testemunha.

50
O homem não consegue viver sem uma confiança duradoura em algo indestrutível nele mesmo, muito embora tanto o indestrutível como a confiança possam permanecer-lhe ocultos de maneira contínua. Uma das possibilidades dessa ocultação permanente é a crença em um Deus pessoal.

51
A mediação da serpente era necessária: o mal pode seduzir o homem, mas não tornar-se homem.

52
Na luta entre você e o mundo, apoie o mundo.

53
Não se deve fraudar ninguém, nem mesmo o mundo por sua vitória.

54
Não existe nada a não ser um mundo espiritual; o que chamamos de mundo dos sentidos é o mal no mundo do espírito e o que chamamos de mal, apenas a necessidade de um instante em nossa eterna evolução.
Com a mais forte das luzes pode-se dissolver o mundo. Diante de olhos fracos, torna-se sólido, de olhos mais fracos não se adapta, de outros mais fracos ainda, fica envergonhado e esmaga quem ousa fitá-lo.

55
Tudo é fraude: buscar o mínimo de ilusão, permanecer no nível usual, buscar o máximo. No primeiro caso, frauda-se o bem, na medida em que se deseja tornar fácil demais sua conquista; o mal, na medida em que é colocado em condições de luta excessivamente desfavoráveis. No segundo caso, o bem é fraudado na medida em que não se luta para alcançá-lo, nem mesmo naquilo que é terreno. No terceiro caso, frauda-se o bem na medida em que a esperança é torná-lo impotente com sua máxima intensificação. Seria preferível, nisso tudo, o segundo caso, pois sempre se frauda o bem e não o mal; neste caso, pelo menos na aparência.

56
Há questões que não poderíamos superar se não estivéssemos livres delas pela própria natureza.

57
Só alusivamente a linguagem pode ser usada para tudo o que está fora do mundo dos sentidos, mas nunca comparativamente, nem mesmo de forma aproximada, uma vez que ela só trata, correspondendo ao mundo sensorial, da propriedade e de suas relações.

58
Mente-se o menos possível só quando se mente o menos possível e não quando se tem a menor oportunidade possível para mentir.

59
Um degrau de escada que não foi desgastado a fundo é, do seu próprio ponto de vista, apenas algo de madeira montado no ermo.

60
Quem renuncia ao mundo tem de amar a todos os seres humanos, pois também renuncia ao mundo deles. A partir daí começa a pressentir a verdadeira essência humana, que não é outra coisa senão poder ser amado, pressupondo-se que esteja à altura disso.

61
Quem, dentro do mundo, ama o próximo não está mais nem menos certo do que quem, dentro do mundo, ama a si mesmo. Resta só a pergunta sobre se o primeiro deles é possível.

62
O fato de que não existe nada senão um mundo do espírito tira-nos a esperança e nos dá a certeza.

63
Nossa arte consiste em ser ofuscado pela verdade: a luz sobre o rosto horrível que vai recuando é verdadeira, de resto nada.

64-65
A expulsão do paraíso, no seu principal aspecto, é eterna. É verdade também que essa expulsão é definitiva e que a vida no mundo, inevitável, mas, apesar disso, a eternidade do processo torna possível não só que continuemos continuamente no paraíso, como também que, na realidade, estamos lá de forma duradoura, não importa se aqui temos ou não conhecimento disso.

66
Ele é um cidadão livre e seguro da Terra, pois está atado a uma corrente suficientemente longa para dar-lhe livre acesso a todos os espaços terrenos e, no entanto, longa apenas para que nada seja capaz de arrancá-lo dos limites da Terra. Mas é, ao mesmo tempo, também um cidadão livre e seguro do céu, uma vez que está igualmente atado a uma corrente celeste calculada de maneira semelhante. Assim, se quer descer à Terra, a coleira do céu o enforca; se quer subir ao céu, enforca-o a coleira da Terra. A despeito de tudo, tem todas as possibilidades e as sente, recusando-se mesmo a atribuir o que acontece a um erro cometido no primeiro ato de acorrentar.

67
Ele corre atrás dos fatos como um principiante em corrida de patins, que, além do mais, se exercita onde quer que seja proibido.

68
O que pode ser mais alegre que a crença em um deus da casa?

69
Teoricamente existe uma chance de felicidade plena: acreditar no que há de indestrutível em si próprio e não ter de lutar para alcançá-lo.

70-71
O indestrutível é um só: cada indivíduo em particular o é, e ao mesmo tempo ele é comum a todos, daí a força sem paralelo da união indissolúvel entre os homens.

72
Existem no mesmo ser humano conhecimentos que, a despeito da completa diferença entre eles, têm o mesmo objeto, de tal forma que só é possível concluir que há sujeitos diferentes no mesmo ser humano.

73
Ele devora os despojos que caem da própria mesa; sendo assim, na verdade, fica por algum tempo mais satisfeito que todos, mas se esquece de comer à mesa; com isso, porém, deixam de cair no chão também os despojos.

74
Se o que devia ser destruído no paraíso fosse passível de destruição, então isso não era decisivo; mas se era indestrutível, então vivemos numa falsa crença.

75
Teste a si mesmo pela humanidade. Ela faz quem duvida a duvidar, quem acredita a acreditar.

76
O sentimento: “Aqui eu não ancoro” — e imediatamente sente em sua volta as ondas da maré montante arrastando.
Uma reviravolta. À espreita, com medo, esperançosa, a resposta cerca a pergunta, examina desesperadamente seu semblante inacessível, segue-a pelos caminhos mais sem sentido, ou seja: os que se empenham em chegar ao lugar o mais distante da resposta.

77
O convívio com os seres humanos atrai para a auto-observação.

78
O espírito só fica livre quando deixa de ser um suporte.

79
O amor sensual nos ilude sobre o amor celeste; sozinho, não poderia fazê-lo; mas pode, uma vez que tem dentro de si, inconscientemente, o elemento do amor sensual.

80
A verdade é indivisível, portanto não pode ter conhecimento de si mesma; quem quer que diga conhecê-la está se referindo a uma mentira.

81
Ninguém pode exigir o que em última análise o prejudica. Se uma pessoa em particular, afinal de contas, parece ser assim — e talvez existam sempre pessoas desse tipo —, isso se explica pelo fato de que alguém, no ser humano, exige algo que na verdade o beneficia, embora prejudique seriamente um segundo, em parte atraído para julgar o caso. Se a pessoa foi colocada logo de início, e não apenas na hora do julgamento, ao lado da segunda, então a primeira teria desaparecido aos poucos e com ela a exigência.

82
Por que nós nos queixamos do pecado original? Não foi por sua causa que fomos expulsos do paraíso, mas por causa da árvore da vida.

83
Não somos pecadores somente por ter comido da árvore do conhecimento, mas também porque ainda não comemos da árvore da vida. O estado em que nos encontramos é pecaminoso independentemente de culpa.

84
Fomos criados para viver no paraíso, o paraíso estava destinado a nos servir. Nosso destino foi modificado; que isso tivesse acontecido também com a determinação do paraíso, não é dito em parte alguma.

85
O mal é uma irradiação da consciência humana em certas situações de transição. Não é propriamente o mundo sensorial que é aparência, mas o mal que carrega consigo e, seja como for, constitui o mundo dos sentidos para os nossos olhos.

86
Desde o pecado original fomos essencialmente iguais para conhecer o bem e o mal; no entanto, é exatamente neste ponto que buscamos nossas vantagens particulares. Mas é só além desse conhecimento que começam as verdadeiras diferenças. A aparência recíproca é provocada pelo seguinte: ninguém consegue contentar-se apenas com o conhecimento, mas tem de lutar para agir de acordo com ele. Contudo, não lhe foi atribuída a força para fazer isso; em consequência, ele tem de se destruir, mesmo correndo o risco de não adquirir com isso o poder necessário, mas não lhe resta nada senão essa última tentativa. (É este também o sentido da ameaça de morte associada à proibição de comer da árvore do conhecimento; talvez também o sentido original da morte natural.) Ora, ele tem uma tentativa; prefere revogar o conhecimento do bem e do mal; (a expressão “pecado original” tem origem nesse medo) mas o que aconteceu não pode ser suprimido, apenas turvado. É com esse objetivo que as motivações vêm à tona; com efeito, todo mundo visível talvez não seja outra coisa senão uma motivação do ser humano para sua vontade de descansar um momento. Uma tentativa de falsear o fato do conhecimento, para só então transformá-lo em objetivo a ser atingido.

87
Uma fé como uma guilhotina, tão pesada e tão leve.

88-89
A morte está diante de nós, pouco mais ou menos como um quadro da batalha de Alexandre na parede da sala de aula. O que interessa é obscurecer ou até borrar, com nossos atos, ainda nesta vida, essa imagem.

90
Duas possibilidades: fazer-se infinitamente pequeno ou ser assim. A primeira é a perfeição; a segunda o início, a ação.

91
Para evitar um equívoco verbal: o que deve ser ativamente destruído precisa antes ter sido sustentado com firmeza total; o que desmorona, desmorona, mas não pode ser destruído.

92
A primeira adoração dos ídolos foi sem dúvida medo das coisas, mas relacionado com este o medo da necessidade das coisas e, relacionado com isso, o medo da responsabilidade por elas. Essa responsabilidade parecia tão gigantesca, que nem mesmo se ousou impô-la a um único ser humano, pois, pela mera mediação de um ser, a responsabilidade humana não teria sido aliviada o suficiente, o convívio com um ser apenas teria sido contaminado de uma maneira mais profunda ainda pela responsabilidade; por isso deu-se a cada coisa a responsabilidade por si mesma, mais: deu-se a essas coisas, também, uma medida da responsabilidade para o ser humano.

93
Pela última vez, psicologia!

94
Duas tarefas do início da vida: limitar seu círculo cada vez mais e verificar continuamente se você não está escondido em algum lugar fora do seu círculo.

95
O mal às vezes está na mão como um instrumento conhecido ou desconhecido, se alguém tem vontade de fazer isso, ele pode ser posto de lado sem oposição.

96
As alegrias desta vida não são as dela, mas o nosso medo de ascender a uma vida mais elevada; os tormentos desta vida não são os dela, mas o nosso autotormento por causa daquele medo.

97
Só aqui o sofrimento é sofrimento. Não como se aqueles que aqui sofrem devam ascender a outro lugar em função desse sofrimento, mas no sentido de que aquilo que neste mundo se chama sofrimento, em outro mundo, inalterado e tão somente libertado do seu oposto, é êxtase.

98
A ideia da extensão infinita e plenitude do cosmos é o resultado da mistura levada ao extremo da criação laboriosa e livre autorreflexão.

99
Tão mais opressiva que a convicção implacável de nosso presente estado pecaminoso é até a mais frágil convicção da antiga, eterna justificação de nossa existência temporal. Só a capacidade de suportar desta segunda convicção, que em sua pureza abrange completamente a primeira, é a medida da fé.
Muitos consideram que, ao lado da grande fraude primitiva, existe em cada caso particular uma pequena fraude especial encenada em proveito próprio, do mesmo modo, por exemplo, numa intriga amorosa, representada no palco, a atriz, além do falso sorriso para o seu amante, tem ainda outro, particularmente pérfido, dirigido ao espectador bem definido na última fileira da galeria. Isso significa ir longe demais.

100
Pode haver um conhecimento do que é diabólico, mas nenhuma fé nele, pois mais diabólico do que está aí presente, não existe.

101
O pecado sempre chega abertamente e pode ser captado logo pelos sentidos. Ele vai às raízes destes e não precisa ser arrancado.

102
Todos os sofrimentos ao nosso redor nós também temos de sofrer. Temos todos não um corpo, mas um estilo de crescer, o que nos faz atravessar todas as dores, seja nesta ou naquela forma. Assim como a criança evolui por todos os estágios da vida até a velhice e a morte (e cada estágio no fundo parece inalcançável ao anterior, na exigência ou no medo), do mesmo modo evoluímos (ligados não menos profundamente à humanidade do que a nós mesmos) por meio de todas as dores deste mundo. Nesse contexto, não existe lugar para a justiça, nem também para o medo da dor ou para a interpretação do sofrimento como um mérito.

103
Você pode se conter diante dos sofrimentos do mundo — é algo que tem liberdade de fazer e corresponde à sua natureza, mas talvez seja esse autocontrole o único sofrimento que você poderia evitar.

104
O ser humano tem livre-arbítrio, na realidade de três espécies:
Primeiro, livre quando quis esta vida; agora, seja como for, já não pode revogá-la, pois não é mais aquele que antes a quis; seria livre, portanto, enquanto realiza a antiga vontade ao viver.
Segundo, ele é livre na medida em que pode escolher o modo de andar e o caminho desta vida.
Terceiro, é livre enquanto for aquele que outra vez será o que tem vontade de ir pela vida sob qualquer condição, para deixar que ela venha até você; na verdade por um caminho passível de escolha, mas de qualquer maneira tão labiríntico que não deixa intocado qualquer pedacinho desta vida.
São estas as três espécies de livre-arbítrio, mas ele é também — uma vez que são coisas simultâneas —, no fundo, de uma só espécie, tanto que não há espaço para a vontade, seja ela livre ou sem liberdade.

105
O meio de sedução deste mundo, bem como o signo de garantia de que ele é apenas uma transição, é uma e a mesma coisa. Com razão, pois só assim este mundo pode nos seduzir de uma forma que corresponda à verdade. O pior, no entanto, é que depois da sedução bem-sucedida, nós nos esquecemos da garantia; foi dessa maneira, na realidade, que o bem nos atraiu para o mal, e o olhar da mulher, para a sua cama.

106
A humildade oferece a todos, mesmo ao que se desespera na solidão, a relação mais forte com o semelhante, na realidade imediatamente, mas, com certeza, só no caso da humildade completa e duradoura. Ela é capaz disso por ser a verdadeira linguagem da oração e a mais sólida das ligações. A relação com o semelhante é a relação da prece; a relação consigo mesmo, a relação do esforço para alcançar algo; a energia para esse esforço é extraída da oração.
Você pode conhecer outra coisa que não seja a fraude? Fosse ela um dia obstruída, você de modo algum poderia olhar para lá se não quisesse virar uma coluna de sal.

107
Todos são muito amáveis com A., como quando se procura proteger cuidadosamente uma excelente mesa de bilhar, mesmo de bons jogadores — pelo menos até o momento em que chega o grande jogador, examina com precisão a superfície, não tolera nenhum erro precipitado, mas depois, quando ele próprio começa a jogar, tem o mais brutal acesso de fúria.

108
“Mas depois ele voltou ao trabalho como se nada tivesse acontecido.” Essa é uma observação que nos é familiar de uma profissão de velhas histórias, muito embora talvez não tenha acontecido em nenhuma delas.

109
“Não se pode dizer que estamos carentes de fé. O simples fato de nossa vida é, por si só, inesgotável em seu valor de fé.”
“Seria isso um valor de fé? Não é possível não viver.”
“Já nesse ‘não é possível’ reside a força insana da fé; é nessa negação que ela assume sua forma.”
Não é necessário que você saia de casa. Fique junto à sua mesa e escute. Nem mesmo escute, só espere. Nem mesmo espere, totalmente em silêncio e sozinho. O mundo irá oferecer-se a você para o próprio desmascaramento, não pode fazer outra coisa, extasiado ele irá contorcer-se a seus pés.

 

NOTA
[1] Dicionário etimológico da língua portuguesa, 3a ed., Lisboa, Livros Horizonte, 1977, 5 vols.

REFERÊNCIA
KAFKA, Franz. Essencial. Tradução Modesto Carone. São Paulo: Companhia das Letras, 2011.

Obra: “A ponte”, de Franz Kafka [Tradução de Modesto Carone]

Eu estava rígido e frio, era uma ponte, estendido sobre um abismo. As pontas dos pés cravadas deste lado, do outro as mãos, eu me prendia firme com os dentes na argila quebradiça. As abas do meu casaco flutuavam pelos meus lados. Na profundeza fazia ruído o gelado riacho de trutas. Nenhum turista se perdia naquela altura intransitável, a ponte ainda não estava assinalada nos mapas. — Assim eu estava estendido e esperava; tinha de esperar. Uma vez erguida, nenhuma ponte pode deixar de ser ponte sem desabar.

Certa vez, era pelo anoitecer — o primeiro, o milésimo, não sei —, meus pensamentos se moviam sempre em confusão e sempre em círculo. Pelo anoitecer, no verão, o riacho sussurrava mais escuro — foi então que ouvi o passo de um homem! Vinha em direção a mim, a mim. — Estenda-se, ponte, fique em posição, viga sem corrimão, segure aquele que lhe foi confiado. Compense, sem deixar vestígio, a insegurança do seu passo, mas, se ele oscilar, faça-se conhecer e como um deus da montanha atire-o à terra firme.

Ele veio; com a ponta de ferro da bengala deu umas batidas em mim, depois levantou com ela as abas do meu casaco e as pôs em ordem em cima de mim. Passou a ponta por meu cabelo cerrado e provavelmente olhando com ferocidade em torno deixou-a ficar ali longo tempo. Mas depois — eu estava justamente seguindo-o em sonho por montanha e vale — ele saltou com os dois pés sobre o meio do meu corpo. Estremeci numa dor atroz, sem compreender nada. Quem era? Uma criança? Um sonho? Um salteador de estrada? Um suicida? Um tentador? Um destruidor? E virei-me para vê-lo. — Uma ponte que dá voltas! Eu ainda não tinha me virado e já estava caindo, desabei, já estava rasgado e trespassado pelos cascalhos afiados, que sempre me haviam fitado tão pacificamente da água enfurecida.

Obra: “Desista!”, de Franz Kafka [Tradução de Modesto Carone]

Era de manhã bem cedo, as ruas limpas e vazias, eu ia para a estação ferroviária. Quando confrontei um relógio de torre com o meu relógio, vi que já era muito mais tarde do que havia acreditado, precisava me apressar bastante; o susto dessa descoberta fez-me ficar inseguro no caminho, eu ainda não conhecia bem aquela cidade, felizmente havia um guarda por perto, corri até ele e perguntei-lhe sem fôlego pelo caminho. Ele sorriu e disse:

— De mim você quer saber o caminho?

— Sim — eu disse —, uma vez que eu mesmo não posso encontrá-lo.

— Desista, desista — disse ele e virou-se com um grande ímpeto, como as pessoas que querem estar a sós com o seu riso.

Entrevista: Leandro Romano, do Teatro Voador Não Identificado, sobre a peça “O processo”

Em entrevista ao Projeto Franz Kafka, Leandro Romano, diretor teatral do Teatro Voador Não Identificado, nos conta a experiência da segunda temporada de O processo nos palcos do Rio de Janeiro.

Formada em 2011 por alunos da Universidade Federal do Estado do Rio de Janeiro (UNIRIO), a companhia Teatro Voador Não Identificado tem em sua história espetáculos que circularam por diversos teatros do Rio de Janeiro. Trouxeram no ano de 2014 e 2015 a peça O processo, adaptação da obra homônima de Franz Kafka. Na encenação, um ator convidado representa o papel de Josef K., personagem principal do livro. Sem um roteiro prévio, ou outras orientações costumeiras de como agir no palco, o ator convidado se aproxima da realidade de K.: o completo descontrole de sua existência. Read More

Obra: “O Jejuador”, de Franz Kafka

O interesse pelos jejuadores profissionais decresceu sensivelmente nos últimos decênios. Antes, convinha aos empresários organizar tais espetáculos, mas atualmente isto se tornou quase impossível. Vivemos num mundo diferente. Houve época em que a cidade inteira sentia viva curiosidade pelo artista da fome, aumentando a excitação à medida que o jejum se prolongava, querendo todos vê-lo ao Read More